St. Fridolin und der Todte

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Textdaten
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Autor: Gustav Schwab
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Titel: St. Fridolin und der Todte
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 168–171
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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[168]
St. Fridolin und der Todte.

Fridolin, der fromme Schotte,
Trat vor Landolf hin, den Grafen,
Sprach: „Was Gottes ist, gib Gotte!
Ist dein Bruder nicht entschlafen?

5
„Der zu seiner Seele Frieden

Meinem heil’gen Gotteshause
Gut und Habe zubeschieden,
Liegt zu Glaris in der Klause.

„Warum erndtest du die Felder,

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Die dem Herrn zu schneiden wären?
[169]

Warum fällest du die Wälder
Die dem Kirchenbau gehören?

„Wagst du’s, einen Rausch zu trinken
Von dem rothen Ehrenweine,

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Der im heil’gen Kelch soll blinken?

Kirchengut, ist es das deine?

„Laß von deines Bruders Gabe,
Wald und Feld und Garten räume!
Daß der Bruder in dem Grabe

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Sanfter lieg’ und heller träume.“


Aber Landolf sprach mit Lachen:
„Soll ich deinem Spruch mich beugen,
Muß mein Bruder erst erwachen,
Deine Worte selbst bezeugen.

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„Kannst du ihn herauf beschwören,

Wenn zu Rankwil wird gerichtet,
Wohl dann mögen wir dich hören,
Sonst ist’s Lug, den du erdichtet.“ –

Fridolin, auf solche Tücke

30
Würdigt er kein Wort zu sprechen,

Sieht in an mit einem Blicke,
Der durch Gräber könnte brechen.

Und von Säckingen am Rheine, –
Aus dem Kloster, an dem Stabe,

35
Zog der Greis durch’s Waldgesteine

Bis gen Glaris zu dem Grabe.

Und er tritt beim Abendschauer
In die düstre Waldkapelle,
Er durchbricht des Grabes Mauer,

40
Stellt sich auf die kalte Schwelle.


„Auf! erwach’ in Gottes Namen!“
Ruft er – „Urso! wehr’ den Tücken!“ –

[170]

Sieh! und aus dem Grabe kamen
Weiße Händ’ und Haupt und Rücken.

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Und als ob des Herrn Posaunen

Zum Gerichte schon gerufen,
Steigt der Leichnam sonder Staunen,
Starr empor des Grabes Stufen.
 
Und ihm faßt die kalten Hände

50
Fridolin, fremd allem Schrecken,

Steigt mit ihm die Felsenwände
Auf, bis an der Gletscher Decken.

Durch das Hochgebirge schreitet
Der Lebend’ge mit der Leiche,

55
Und die Nacht den Mantel breitet

Um das Paar, das geistergleiche.

Wie der Morgen kaum sich hebet,
Steigen sie vom Felsgesteine,
Und der Senne sieht’s und bebet,

60
Und ihm geht’s durch Mark und Beine.


Aber Landolf im Gerichte
Sitzt zu Rankwil ohne Zagen,
Mit dem ersten Morgenlichte
Hat den Stuhl er aufgeschlagen.

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Schöppen zwölf, des Rechtes Hüter,

Sitzen um ihn her, zu sprechen:
Jetzt erhält er doch die Güter,
Kein Verblichner kann sich rächen!

Horch! da pocht es an der Pforte,

70
Wie von eines Todten Knochen,

Leis und scharf, und hohle Worte
Werden draußen schon gesprochen.

Durch die Thüre kommt geschritten
Fridolin mit seiner Leiche;

[171]
75
Landolf, in der Richter Mitten,

Sitzt dem Bruder gleich an Bleiche.

Weh! und aus des Todten Kehle
Steigen Laute, halb verloren:
„Was beraubst du meine Seele,

80
Bruder?“ – weht’s ihm durch die Ohren.


„Ja, ich zeuge diesem Frommen,
Daß mein Erb’ ihm zugefallen;
Gib zurück, was du genommen,
Laß getrost in’s Grab mich wallen!“

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Landolf sank in’s Knie mit Beben:

„Nimm dein Gut, Herr, und das meine,
Meinen Athem nimm, mein Leben!
Und behalte neu das Deine!“

Doch es wandte sich die Leiche

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Mit dem Führer in die Berge,

Sehnte sich, die müde, bleiche,
Wieder in die Ruh’ der Särge.

Wie des Abendlichtes Streifen,
Wie vom Mond zwei blasse Strahlen,

95
Sah man längs dem Berg sie streifen,

Bis sie in den Wald sich stahlen.

Und vom schrecklichen Gerichte
Eilet Landolf heim zum Rheine
Mit erbleichtem Angesichte,

100
Ordnet er zu Haus das Seine.


Setzt das Kloster ein zum Erben
Seiner reichen Doppelhabe,
Neigt das Haupt zum sanften Sterben,
Ruhr beim Bruder bald im Grabe.

Gustav Schwab.
(Siehe Gustav Schwab’s „Der Bodensee nebst dem Rheinthale etc.“)