Stierkampf auf dem ersten Weide-Austrieb

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Textdaten
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Autor: Heinrich Leutemann
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Titel: Stierkampf auf dem ersten Weide-Austrieb
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 357, 359–360
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[357] 
Die Gartenlaube (1879) b 357.jpg

Stierkampf auf dem ersten Weide-Austrieb.
Ein Frühlingsbild von H. Leutemann.

[359] Stierkampf auf dem ersten Weide-Austrieb. (Mit Abbildung S. 357.) Jemehr in wirthschaftlichen Kreisen die Stallfütterung als ausreichend anerkannt worden ist, desto häufiger hat man dem berechtigten Wunsch nachgegeben, die Weidegründe, welche vor einem halben Jahrhundert selbst die größten Stadtgemeinden noch besaßen, dem ertragreicheren Acker- und Gartenbau zu überweisen und die alte Weideberechtigung der Bürger als eine unzeitgemäße Institution aufzuheben. So rasch geht es zu Ende damit, daß es sich jetzt schon lohnen dürfte, den Lesern der „Gartenlaube“ an einem Beispiele das eigenthümliche Wesen dieser Institution darzulegen, da ein großer Theil derselben sie gar nicht, zum mindesten nicht aus eigener Anschauung, kennen dürfte. Was weiß die jüngere Generation einer Stadt wie Leipzig davon, daß hier vor dreißig Jahren im Sommer allmorgendlich das Vieh zahlreicher Bewohner durch die Straßen getrieben wurde? Leider geht mit dieser alten Sitte, wie mit so vielem Andern zugleich ein Stück Poesie zu Grunde, die Jeder in der Erinnerung noch nachempfinden wird, den in seiner Kindheit der Kuhhirt mit den langgezogenen Tönen seines Horns aus dem Morgenschlafe geweckt hat und in dessen Jugenderinnerungen noch das Stimmconcert der in der Frühe sich sammelnden und Abends sich wieder auflösenden Heerden von Kühen Schafen, Ziegen, Gänsen hineinklingt.

Vor einiger Zeit traten mir diese Erinnerungen wieder lebhaft vor die Seele, als ich in dem Städtchen Alfeld an der Leine, Provinz Hannover, gerade in den Tagen verweilte, da der alljährliche erste Austrieb der Rinder des Ortes auf die Gemeindeweiden stattfand.

[360] Die dortigen Hütewiesen – so theilte mir der Ortsbürgermeister, Herr Kaiser, mit – halten einige hundert Morgen und sind Eigenthum der weideberechtigten Bürger. Bei Erwerb dieser Gerechtsame, welche, vererblich nur auf Bürgerskinder, übrigens von den Berechtigten pachtweise abgegeben werden kann, wird in die Kämmereicasse eine Abgabe von 39 Mark gezahlt. Von jeder der berechtigten 291 Stellen darf nur eine Kuh getrieben werden. Uebt der Bürger sein Weiderecht so wenig selbst, wie durch Verpachtung aus, so wird ihm aus der Weidecasse eine Vergütung gezahlt, welche in den letzten Jahren auf 30 Mark normirt war. Die Zahl der wirklich auf die Weide getriebenen Kühe betrug seit einigen Jahren etwa 215 bis 230 Stück; sie ist durch Anwachsen von Gewerbe und Industrie in der Stadt allmählich so weit herabgeschmolzen.

Die Interessen der weideberechtigten Bürger werden durch den Magistrat und eine dem Bürgervorsteher-Collegium entnommene Weidecommission vertreten. Letztere beaufsichtigt den Hirten und bestimmt den Zeitpunkt des ersten Austriebes der Heerde in jedem Frühjahr, welcher in der Regel in die Mitte des Monats Mai fällt. Bis vor wenigen Jahren wurde der Hirt am ersten Tage des Austreibens von den jungen Mädchen, welche die Milch von der Weide holen, beschenkt und mit Kranz und bunten Bändern geschmückt. Die Stiere werden in der Regel von einem Alfelder Fleischer gegen eine aus der Weidecasse zu zahlende Vergütung für die Dauer des Weideganges hergeliehen und dann im Herbst zur Mastung gebracht. Im Jahre 1878 wurde für 5 Stiere 420 Mark Miethe bezahlt.

Der erste Austrieb der Rinderheerde hat in Alfeld, wie anderwärts, sein höchstes Interesse in einem bei dieser Gelegenheit regelmäßig stattfindenden Stierkampfe, zu dem an dem genannten Orte sonst alljährlich fast die ganze Bevölkerung hinauszuziehen pflegte. Ich war dem Zufall, der gerade kurz vor dem ersten Austrieb einen großen afrikanischen Thiertransport für den Thierhändler Reiche in Alfeld anlangen ließ, dankbar, daß er mir die Gelegenheit verschaffte, das interessante Schauspiel dieses Stierkampfes zu beobachten und für die Leser der „Gartenlaube“ im Bilde festzuhalten.

Schon am frühen Morgen rief mich das meisterhafte Peitschenknallen, womit der Hirt seine „breitgestirnten glatten“ Pflegebefohlenen aus den Ställen rief, zum schnellen Ausgang, und nun öffneten sich hier und dort und weiterhin die Thüren und Thore, um zum ersten Male den Kühen den Austritt zu gewähren. Es war ein lebendiges Schauspiel. Hier drei oder mehr Kühe, die entweder zum Theil oder alle den Weg von früher her noch kannten und sich von selbst den anderen anschlossen – dort die umständlichsten Anstrengungen, um einzelne, besonders neu gekaufte, Thiere auf den Weg zu bringen. Fast in allen Fällen hatte man sich bemüht, den Thieren zu ihrem ersten Auftreten ein gutes, besonders auch reinliches Aussehen zu geben. Auffallend war die erstaunliche Racenverschiedenheit. Groß und klein, in allen Farben und Formen, die der deutschen Kuh möglich, wandelten sie einher.

Gleich vor der Stadt breitet sich die zunächst benutzte Weide längs der Leine aus. Eine zahlreiche Zuschauerschaft wartete der Dinge, die da kommen sollten. Es waren Augenblicke höchster Spannung, als nun, indeß die Kühe längst schon ruhig grasten, in einzelnen Zwischenräumen die Stiere angetrieben wurden. Dumpf brüllend begrüßten sie zunächst die Heerde, und ihr mächtiger Tritt, der wuchtige Nacken ließ sie stets schnell aus den Kühen herausfinden. Vier waren es an diesem Tage, welche auf dem Schauplatz erschienen und bald ihre Kräfte maßen. Einige schwächere gaben den Streit bald auf und mieden von nun an die Nähe der anderen, zwei aber von ziemlich gleichen Kräften kämpften lange.

Im Gegensatze zu den Schafen, welche, erst rückwärts gehend, mit großer Gewalt auf einander losstürzen, oder den Ziegenböcken, welche, sich aufrichtend, gegen einander stoßen, kämpft der Stier mit seines Gleichen nicht in einzelnen getrennten Stößen, sondern durch ein Gegeneinanderdrängen der gewaltigen gehörnten Stirnen, wobei Jeder dem Andern in die Seiten, zunächst des Halses, zu kommen sucht. Dem Gegner immer die Stirn, als den widerstandsfähigsten Theil zu bieten, ist daher die Angriffs- und die Vertheidigungsmethode zugleich, und je mehr Energie, Kraft und Ausdauer die beiden Kämpen entwickeln, desto spannender und aufregender wird das Schauspiel. Hier war es ein fast einfarbig dunkelbrauner Stier, der an diesem Tag auch den letzten Gegner schlug und zur Flucht zwang, als denselben nach langem Kampf die Kräfte verließen. Und so schien denn der Braue zum Herrscher bestimmt, der sich seine Gesellschafterinnen nach Belieben suchen konnte, denn, wo er erschien, wichen die anderen. Aber es sollte anders kommen.

Als ich am nächsten Morgen schon früh auf der Weide war und mich mit dem Hirten unterhielt, verkündete ein dumpfes Brüllen die Ankunft eines neuen Stieres. Es war ein prächtiges Thier. Fast ganz schwarz, nur mit wenigen weißen Abzeichnungen, zwar nicht sehr groß, aber von einem für seine Gegner unglückverheißenden Knochen- und Muskelbau und selbstbewußter Haltung – so durchschritt er, ohne von den Kühen irgend Notiz zu nehmen oder dem üppigen Gras einen Blick zu widmen die Heerde, als wisse er schon, um was es sich zunächst handele. Die am vorigen Tage schon besiegten Stiere wichen ihm sofort aus; sie hatten auf allen Siegesruhm bereits verzichtet, nicht aber ihr Besieger, der Braune. Als er den herannahenden neuen Gegner, der ihn sehr bald gefunden hatte, erblickte, ging er ihm sofort entgegen, und mit dumpfem Ton krachten die gesenkten Köpfe gegen einander. Der Hirt und ich waren, und zwar mitten in der Heerde, die einzigen Zuschauer an diesem Tage, ich jedenfalls des mir neuen Schauspiels wegen der angeregteste.

Länger als am vorigen Tage dauerte der Kampf. Fast nie trennten sich die gewaltigen Köpfe der Kämpfer von einander; mit eingestemmten Beinen suchte jeder den andern zurückzudrängen und zugleich ihm in die Seite zu kommen, aber es war für den Sieger von gestern schon ein schlimmes Zeichen daß er mehrmals in die Kniee stürzte und nur durch schnellstes Aufraffen dem Einfallen des Gegners in die Flanke begegnen konnte. Ebenso bekundete sich sein Unterliegen schon im Voraus dadurch, daß er immer mehr zurückgedrängt wurde und offenbar an Kräften verlor. Aber noch wehrte er sich und dachte nicht an Flucht. So entfernten sie sich durch das dauernde Zurückdrängen immer mehr vom ursprünglichen Kampfplatze, sodaß die Kühe, welche nur mitunter einen gleichgültigen Blick für das Schauspiel hatten, das doch ihretwegen stattfand, mehrmals weichen mußten. Nur einer der jüngeren besiegten Stiere hatte sich inzwischen genähert und betrachtete sich, wie um Studien für künftige Fälle zu machen, die Kämpfenden. Da – eine schnelle Wendung des Schwarzen, und mit einem Sprunge stieß er dem Gegner die kurzen Hörner seitwärts gegen den Hals. Damit war sein Sieg entschieden. Denn jetzt wendete sich der Getroffene sofort zur Flucht, von dem Sieger nur wenige Schritte verfolgt. Dem jungen Stiere, der sich jetzt auch zurückzog, widmete der nunmehrige Herrscher kaum einen Blick, sondern schien zunächst sein Reich in Besitz nehmen zu wollen. Mit gehobenem Kopfe blickte er um sich, sein dumpfes Gebrüll ausstoßend und dabei mit den Vorderhufen den Boden aufreißend; an mehreren Stellen wiederholte er dies, wie um sich Allen in seiner Bedeutung anzukündigen.

„Der wird bös,“ sagte der Hirt und hetzte seinen kleinen Hund auf ihn, um ihm zu zeigen, daß Jemand Anderes hier herrsche. Der eben noch siegesbewußte, jede Gefahr herausfordernde gewaltige Stier ergriff vor einem kleinen Hunde die Flucht, und damit war die nothwendige Disciplin auch ihm gegenüber festgestellt.

Ein anderes Bild, mehr heiterer Natur, sollte bald folgen. In sauberer Kleidung, mit blanken, blitzenden Milcheimern nahten die jungen Mädchen der Stadt zum Melken der Kühe ihres Herrn oder Vaters, und heute, wo die Milchkühe noch nicht zusammengetrieben wurden, war es eine Hauptaufgabe, die richtige Kuh zu finden und zum Stehen zu bringen. Bei dem Herausfinden der eigenen Kuh bietet die große Racen- und Farbenverschiedenheit eine wesentliche Erleichterung, und nur sehr selten soll eine Verwechselung vorkommen. Hübscher noch war das Bild an den folgenden Tagen, wo alle milchenden Kühe vom Hirten auf einer Stelle vereinigt und nun gemeinschaftlich von der fröhlichen Mädchenschaar gemolken wurden.

H. L.