Stolpen vor Einführung der Reformation

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Autor: Friedrich Bernhard Störzner
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Titel: Stolpen vor Einführung der Reformation
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 133–135
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Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
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Erscheinungsort: Leipzig
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58. Stolpen vor Einführung der Reformation.

Zur Zeit der Meißnischen Bischöfe wurden in Stolpen die beiden Stiftspatrone, der Evangelist Johannes und Donatus, Bischof zu Arezzo in Italien, „nebst ihrem Mitpatron“, dem heiligen Briccio, verehret. Außerdem standen noch viele andere Heilige hier in großem Ansehen. Besonders kam der ehemalige Meißnische Bischof Benno als angeblicher Wundertäter zu dieser Ehre. Er wurde 1523 vom Papste Hadrian VI. canoniciert und unter die Heiligen versetzt. Bischof Johann VII. von Schleinitz war deshalb selbst nach Rom gereist, um diese Heiligsprechung zu bewirken. Er erlangte es auch, daß ihm dieser Wunsch erfüllt wurde. Unter großem Gepränge ließ Johann VII. am 15. Juni 1524 die Gebeine Bennos erheben. Zu dieser Feierlichkeit hatten sich der Bischof zu Merseburg, die Herzöge Georg und Heinrich zu Sachsen nebst Prinzen und vielen Grafen und Herren eingefunden. Doch Benno, der Heiliggesprochene, sollte nicht allzulange in Meißen bleiben können. Im Jahre 1539 wurde die Reformation in Meißen eingeführt und zwar trotz heftigen Widerstrebens des Bischofs. Wer von den Geistlichen die Lehre des reinen Evangeliums nicht annehmen wollte, wurde durch Herzog Heinrich seines Dienstes entlassen. Der Bischof war nun darauf bedacht, wie er die „Heiligtümer“ als „sonderbare und hohe Schätze der Kirche“ retten könne. Daher ließ derselbe die Gebeine Benno’s, Donat’s Hirnschädel, einen Finger des „Heiligen Apostel Paulus“ und noch mehrere Reliquien nach dem Schlosse Stolpen in Verwahrung bringen. Hier blieben dieselben auch so lange, als die Bischöfe noch im Besitze Stolpens waren. Während der Carlowitz’schen Fehde kamen die erwähnten Reliquien freilich in große Gefahr. Der damalige Schloßkaplan, Nicolaus Gruner, schützte dieselben aber dadurch, daß er sie im Bettstroh versteckte. Von Stolpen aus kamen die Heiligtümer nach Wurzen und im Jahre 1567 nach München, wo sie sich heute noch befinden sollen.

Solange in Stolpen das Papsttum die Oberhand behielt, ging auch die Verehrung und Anbetung der genannten Heiligen in vollem Umfange vor sich. Ihnen zu Ehren wurden Messen, Seelbäder, Spenden, Brüderschaften und dergl. mehr gestiftet. So kam es auch, daß in Stolpen der Ablaßhändler Johann Tetzel sein Treiben wie nirgends anders hatte, obgleich der damalige Bischof Johann VI. von Salhausen kein sonderlicher Freund von ihm war. Wie an [134] allen Orten, trat Tetzel auch in Stolpen in seiner bekannten Art und Weise auf. Luther erzählt einst bei einer Mahlzeit über Tetzel’s Aufenthalt in Stolpen folgendes:

„Da derselbe (Tetzel nämlich) zu Stolpen, wo der Bischof zu Meißen haushält, gepredigt hatte, daß eine Seele erlöset würde, wenn man einen Groschen einlegte, hat ihn einer, des Pfarrern daselbst Vater, gefraget, was er für Müntze wollte haben. Da hat er sich lange bedacht, endlich aber zur Antwort gegeben: „Morgen kommt wieder, so will ich’s Euch sagen!““ –

Die Bischöfe von Meißen traten der Reformation feindselig entgegen. Sie fanden dazu im Herzoge Georg einen starken Rückenhalt. Das wankende Volk suchten sie teils durch Schmähschriften wider Luther, teils durch allerhand Strafandrohungen vom Übertritte abzuhalten. Konnten sie dies nicht im guten erlangen, so scheuten sie auch vor keinerlei Zwangsmitteln zurück. Solches erfuhren vor allen Dingen diejenigen Prediger, die sich zu der reinen evangelischen Lehre bekannten. Diese mußten hierfür in den schaurigsten Gefängnissen des Schlosses Stolpen, die zum größten Teile heute noch erhalten und zu sehen sind, schmachten. Solches geschah mit dem Pfarrer von Lochau, der sich vor Bischof Johann VII. verantworten mußte. Andere aber haben sogar ihr Leben in diesen schauerlichen Gefängnissen um des Glaubens willen lassen müssen. Dies war der Fall mit dem Pfarrer Jakob Seidler aus Glashütte, der am Pfingsttage 1521 zu Stolpen gefangen gesetzt wurde. Auch geschah solches dem „Barfüßer Custos“ aus dem Kloster Sagan in Schlesien. Für ersteren legte die „Wittenbergische Theologie“ bei dem Bischofe unterm 18. Juli Fürbitte ein, doch vergebens. Darum mußten sich diejenigen Geistlichen, die der Lehre Luthers zuneigten, gar sehr vor diesem Bischofe fürchten und zwar umso mehr, wenn sie sich im Gebiete des Herzog Georg befanden. Doch mit dessen Tode trat eine Wendung zum Besseren ein. Das Land fiel an Herzog Heinrich, den Bruder Georgs. Herzog Heinrich war aber ein Freund der Reformation und hätte es lieber gesehen, wenn schon 1539 die Reformation in Stolpen, wie solches im übrigen Lande geschah, eingeführt worden wäre. Doch das Papsttum behauptete sich in Stolpen und den dazugehörigen Gebieten noch zwanzig Jahre hindurch. Erst als Stolpen in den Besitz des damaligen Kurfürsten Vater August kam, der das ganze Amt Stolpen gegen Mühlberg umtauschte, da war die Macht des Papsttumes in Stolpen für immer gebrochen. Weihnachten 1558 kam Stolpen in den Besitz des genannten Kurfürsten, und am Neujahr 1559 wurde hier schon die erste evangelische Predigt gehalten. Dieser Tag gilt denn auch als Tag der Einführung der Reformation in Stolpen. Der letzte Bischof war von Stolpen aus nach Prag geflohen. Der erste evangelische Pfarrer zog am 23. Januar 1559 in Stolpen ein. Derselbe hieß Johann Lehmann und war 1532 zu Bautzen geboren. Im Jahre 1551 hatte er die Universität Wittenberg und 1552 die zu Frankfurt an der Oder bezogen, kam dann 1555 als Pfarrer nach Wallersdorf in Schlesien und 1556 als Pastor nach Schulpforta bei Naumburg. In Stolpen wirkte er bis zu seinem Tode 1586. Der erste evangelische Lehrer zu Stolpen war Hieronymus Brehm. Über seine Herkunft und über sein früheres Leben ist wenig bekannt. Er wirkte nur kurze Zeit in Stolpen, da er bereits im Jahre 1560 daselbst starb. Der erste evangelische Kantor zu Stolpen war Ambrosius Gaune.

Mit der Schule stand es in Stolpen vor Einführung der Reformation nicht gerade günstig. Gercken schreibt hierüber:

„In was für einer Verfassung unsere Schule vor den Zeiten der Reformation gestanden habe, lässet sich nicht so eigentlich bestimmen, doch ist leicht [135] zu erraten, das dieselbe schlecht genug möge gewesen sein. Aus der Heiligen Schrift durfte damals in den Schulen nicht erklärt werden, und die ganze Gelehrsamkeit war in den äußersten Verfall geraten, wie aus der Historie dieser finsteren Zeiten bekannt genug ist.“ –

Zur Bischofszeit erhielten die Lehrer und armen Schüler zu Stolpen zur Unterstützung gnädigst die Abfälle von der bischöflichen Tafel. Um die Besoldung war es herzlich schlecht bestellt, kaum daß die Lehrer das Nötigste hatten. Doch mit Einführung der Reformation traten hierin für diese und die Schule günstigere Verhältnisse ein. Die Stolpener Stadtschule gelangte nach und nach zu Ansehen, sodaß sie weit und breit in einem gar guten Rufe stand. Der wohltätige Einfluß der Reformation machte sich auch hierin geltend. Niemand sehnte sich nach den früheren Zeiten zurück.