Streifereien in Nord- und Südamerika/1

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Textdaten
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Autor: Julius von Wickede
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Titel: Streifereien in Nord- und Südamerika.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 81-83
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[81]
Streifereien in Nord- und Südamerika.
Aus den Tagebüchern eines früheren schleswig-holsteinischen Hauptmanns.
Mitgetheilt von Julius v. Wickede.
I.
Aus Mendoza. – Glück und Sehnsucht nach einem deutschen Buche. – Eine Erbschaft und Ueberfahrt nach Amerika – Ankunft in New-York. – Ein Engagement. – Der ehemalige Hauptmann als Omnibuskutscher. – Die Peitsche statt des Degens. – Das Kutscher- ein Herrenleben. – Zusammentreffen mit frühern Bekannten – Streit und Kampf mit Spritzenleuten. – Der Dienst wird gekündigt.

Aus Mendoza, am Fuße der Cordilleren, sende ich diese Tagebücher, die ein Kourier hoffentlich sicher nach Buenos Ayres befördern wird, von wo sie dann wohl ihren Weg zu Schiffe nach Hamburg und so auch in Deine Hände finden werden. Willst Du Einiges von dem wahrheitsgetreuen Inhalte desselben in deutschen Zeitschriften mittheilen, so bin ich damit zufrieden, und sendest Du mir alsdann zum Danke dafür einige gute historische Bücher unter wohlbezeichneter Adresse, so werde ich Dir ungemein verbunden dafür sein.

Ich bin nach hiesigen Begriffen jetzt ein wohlhabender, ja selbst ein reicher Mann, habe weite Landstriche, aus denen man in Deutschland schon ein halbes Dutzend Landgüter schneiden könnte, besitze Hunderte von Pferden und Rindern, und nenne als theuerstes Gut ein geliebtes Weib und einen kräftigen Sohn mein, aber nach dem Lesen eines geeigneten deutschen Buches sehne ich mich oft vergebens. Wer mir in diesem Augenblicke Droysen’s „Leben von York“ brächte, der sollte sich gern dafür das fetteste Rind oder das schnellste Roß aus meinen zahlreichen Heerden suchen können. Tüchtig herumtummeln habe ich mich aber müssen, bevor ich mir dies jetzige Eigenthum erwarb, denn die gebratenen Tauben sind mir nicht in den Mund geflogen, wie man in Deutschland zu sagen pflegt, das wird Dir der Inhalt dieses Tagebuches auch beweisen. Mit Nichtsthun gründet man in Nordamerika, Kalifornien und auch hier in Mendoza sein Glück nicht, sondern man muß gar hart arbeiten, sich sehr viele Entbehrungen aller Art auferlegen, und sich über Manches dabei hinwegsetzen, was man in Europa nicht möchte, ja selbst nicht könnte. Wer zu allen diesen Dingen nicht geistige Energie noch körperliche Kraft und Gesundheit genug besitzt, der wandere ja nicht aus, sondern bleibe, wenn irgend möglich, zu Hause in den altgewohnten Verhältnissen. Doch nun zu meinen bisherigen Schicksalen und Kreuz- und Querfahrten in New-York, New-Orleans, Kalifornien, Chili und den Cordilleren.

Im Februar 1851 verließ ich, wie Du weißt, unsere kleine schleswig-holsteinische Armee, die ohnedies aufgelöst werden sollte, und hatte zuerst die Absicht, eine mir angebotene Hauptmannsstelle in der für Brasilien angeworbenen Legion anzunehmen, aber sehr Vieles gefiel mir nicht in der ganzen Art und Weise, wie diese Legion organisirt wurde, schlug daher die Hauptmannsstelle aus und freue mich noch heute darüber, daß ich es gethan habe.

Glücklicher Weise erbte ich gerade zur rechten Zeit von einer alten Tante die Summe von 6000 Thalern, und nun stand mein Entschluß fest, mir in Amerika irgendwo eine neue Heimat damit zu gründen. Meinen treuen Hansen, einen ehrlichen Schleswiger, den ich während der drei Kriegsjahre stets als Ordonnanzsoldaten bei mir gehabt, beschloß ich mitzunehmen, wozu sich dieser brave anhängliche Mensch auch gleich bereit erklärte, und so schiffte ich mich denn im März 1851 in Bremerhafen auf einem nordamerikanischen Schiffe nach New-York ein. Sowohl Kapitain wie sämmtliche Matrosen waren echte Nordamerikaner, und ich konnte daher schon auf der Reise den Charakter derselben hinlänglich studiren.

Im höchsten Grade sind dieselben fast immer selbstsüchtig, anmaßend und übermüthig, wenn man ihnen irgendwie diesen Uebermuth hingehen läßt, und was man in Deutschland liebenswürdig nennt, wird man bei den Nordamerikanern höchst selten finden. Mit diesen vielen schlimmen Eigenschaften verbinden sie aber große Thatkraft, kaltblütigen Muth und eine zähe Ausdauer in Allem, was sie beginnen, die wirklich bewundernswerth ist. Auch sind sie in vielen Fällen sehr zuverlässig und erfüllen ihr Versprechen, weil die eigene Klugheit ihnen sagt, daß in kaufmännischer Hinsicht Rechtlichkeit gewöhnlich vortheilhafter wie Unredlichkeit sich bezahlt machen.

Die erste Landung in New-York ist nicht angenehm, und der arme Auswanderer erhält auf Kosten seines Geldbeutels oft harte Lehren und sehr handgreifliche Beweise, in welchem ungastlichen und selbstsüchtigen Lande er jetzt angekommen. Die unverschämteste Zudringlichkeit umlagert ihn von allen Seiten, und wer die Augen nicht recht offen hat und gleich von vornherein möglichst selbstbewußt auftritt, kann sicher sein, daß er überall geprellt wird. Mir passirte dies zwar nicht, aber ich war Augenzeuge, auf welche infame Weise so viele meiner deutschen Landsleute von diesem nichtsnutzigen amerikanischen Volke geprellt, und dann noch ausgelacht und als Dummköpfe verspottet wurden.

Mein Hansen und ich bildeten ein kräftiges Paar und fluchten so herzhaft darein, daß alle die vielen Mäkler, Wirthshauslocker, Kofferträger und wie die Leute sonst noch heißen, welche wie die Raubvögel auf die sehr zu bedauernden Auswanderer losstürzen, um sie zu plündern und auf jegliche Weise zu betrügen, bald von uns abließen. Sie mochten wohl einsehen, daß bei uns nur Grobheiten, aber keine Dollars zu holen wären, und wenn sie auch hinter uns her lachten und schimpften, als wir unsere nicht allzuschweren Koffer selbst an das Land trugen, auf einen Karren setzten und dem Besitzer davon befahlen, nach einem deutschen Boarding house, welches mir schon in Bremerhafen als reell empfohlen war, zu fahren, so ließ man uns doch sonst in Ruhe.

Acht Tage blieb ich mit Hansen in diesem recht guten Gasthause, erholte mich gründlich von den Strapatzen der Seereise und streifte den ganzen Tag in den Straßen ven New-York umher, um mir die Charakteristik derselben genau anzusehen. Ich sah Vieles, welches mir durch seine Großartigkeit wirklich imponirte, aber noch viel mehr, was mir entschieden mißfiel. Es zeigte sich besonders in dem ganzen Straßen- und Wirthshausleben ein solcher Mangel an Takt und Zartgefühl und eine so rohe Selbstsucht, ein so unverhülltes Streben nach Geldgewinn, als den einzigen Zweck des Lebens, daß ich schon damals den festen Entschluß faßte, unter keinen Umständen mich hier in New-York niederzulassen. Lernen konnte ich aber viel und nahm mir daher vor, mich wenigstens noch einige Monate hier aufzuhalten; jedoch hatte ich nicht minder Lust, mein kleines Kapital unthätig im Wirthshause zu verzehren, und so beschloß ich denn nun, mich für meine Person wie auch für Hansen nach einer lohnenden Beschäftigung umzusehen. Der Zufall, welcher überhaupt eine große Rolle im menschlichen Leben spielt, half uns hierbei schneller als wir gedacht hatten.

Nicht weit von unserem Kosthause befanden sich nämlich die weitläufigen Ställe und Höfe eines großartigen Omnibus-Etablissements, in dem für den gewöhnlichen Gebrauch über hundert sehr starke und tüchtige Pferde gehalten wurden. Pferdeliebhaberei ist nun von jeher meine Hauptleidenschaft gewesen, und so stand ich denn häufig auf diesem Hofe und sah dem Zufahren der Pferde und dem ganzen Treiben daselbst mit vielem Interesse zu. Dem Unternehmer dieses Omnibus-Etablissements, ein sehr reicher Mann, [82] mußte mein häufiges Verweilen auf seinem Hofe aufgefallen sein, denn er trat eines Morgens an mich heran und frug: ob ich mich denn so sehr für das Zufahren von Pferden interessire und auch etwas davon verstehe? Beides konnte ich mit gutem Gewissen bejahen, denn von Jugend auf hatte ich eine große Neigung für das Fahren und Reiten gehabt und mich wirklich auch in Ersterem gut geübt. Besonders der Unterricht, den ich im Fahren mit den Geschützen bei dem alten Artilleriehauptmann in Posen erhalten, als ich auf zwei Jahre zur Dienstleistung bei unserer Artillerie kommandirt war, hatte mich ziemlich ausgebildet und mir namentlich auch in der Theorie des guten Fahrens und in der richtigen Benutzung der Kräfte der Zugthiere Kenntnisse verschafft.

Der Omnibusbesitzer, ein sehr schlau spekulirender Amerikaner, verlangte nun Beweise von meiner Fahrkenntniß, und da gerade vier Pferde zusammen eingefahren wurden, – denn bei dem sehr belebten Verkehr im Broadway von New-York ist es von großer Wichtigkeit, daß die Gespanne sehr gehorsam sind, – so zeigte ich ihm gleich auf dem Hofe, daß ich wirklich Peitsche und Leitseil mit vieler Geschicklichkeit zu führen verstehe. Dem Amerikaner schien dies zu gefallen, denn er trug mir darauf ein Engagement als Omnibuskutscher mit zwölf Dollars wöchentlicher Bezahlung an.

Im ersten Augenblicke stutzte ich wohl etwas, daß ich, der langgediente Offizier, der Sprößling einer altadeligen Familie, jetzt Omnibuskutscher werden solle; dann aber daran denkend, daß ich nicht mehr in Deutschland, sondern in Nordamerika sei, nahm ich die Stelle an. Zwei Tage lang fuhr ich mit einem anderen Kutscher neben mir auf dem Bocke, damit ich die nöthigen Lokalkenntnisse erlangte, dann wurde ich regelmäßiger Kutscher, der ganz in seine Tour eintrat. Es war freilich ein großer Unterschied zwischen meiner früheren Stellung und der jetzigen, aber man muß die nordamerikanischen Sitten berücksichtigen, um es erklärlich zu finden, daß ich dieselbe angenommen habe, obgleich ich noch einige Tausend Thaler baares Vermögen bei der New-Yorker Bank deponiren konnte. Kaufte ich mich sogleich an oder unternahm ein eigenes Geschäft, ohne die nordamerikanischcn Verhältnisse genau zu kennen, – wie dies leider so manche deutschen Auswanderer thun, – so hatte ich die ziemlich sichere Aussicht, arg betrogen zu werden und schweres Lehrgeld von meinem Vermögen zu bezahlen, und diese unangenehme Erfahrung wollte ich doch, wenn irgend möglich, vermeiden; aber gerade in meiner jetzigen Stellung als Omnibuskutscher in einem sehr großen Etablissement hatte ich vielfache Gelegenheit, mich über Manches, was ich gern genau wissen wollte, recht gründlich zu unterrichten. Das Verhältniß eines solchen Kutschers zu dem Besitzer der Unternehmung war hier übrigens ganz anders, als wie es in Europa der Fall sein würde; ich war sein Gehülfe, nicht aber sein Diener, für einen bestimmten Zweck engagirt und hatte ich diesen erfüllt, eben so gut mein eigener Herr, wie der Besitzer selbst. Jede, auch die kleinste Versäumniß von meiner Seite wurde von dem Stallinspektor mit einer Geldbuße bestraft, auch stand uns gegenseitig das Recht der dreitägigen Kündigung zu; im Uebrigen kümmerten wir uns nicht im mindesten um einander. Der ganze Stalldienst und die Pferdewartung ging mich nichts an und wurde von eigenen Stallknechten, größtentheils Negern, besorgt; ich mußte nur zur bestimmten Zeit auf meinem Bocke sitzen und bis zur festgesetzten Stunde fahren, worauf ich dann die Zügel und Peitsche fortlegte und ruhig meiner Wege ging. Meine Fahrzeit war abwechselnd einen Tag zehn, den zweiten zwölf und den dritten sogar vierzehn Stunden in einem bestimmten Umkreise; jeden zehnten Tag hatte ich aber völlig frei für mich. Alle vier Stunden wurden frische Pferde vorgespannt, und während dies geschah und der Omnibus nachgesehen wurde, ob er vielleicht schadhaft geworden, konnte ich in Eile ein Stück gutes Fleisch verzehren und auch ein Glas Brandy dazu trinken.

So war ich denn Omnibuskutscher auf dem Broadway in New-York geworden und führte statt des Degens die Peitsche in meiner Rechten. An meine früheren Verhältnisse durfte ich freilich nicht mehr zurückdenken, sonst kann ich aber nicht leugnen, daß ich mich gar nicht so ungemüthlich fühlte. In einen sehr bequemen und weiten warmen Rock von weißgrauem Tuche gehüllt, bei schlechtem Wetter einen Regenmantel darüber, einen breitkrämpigen Wachstuchhut auf dem Kopfe, saß ich stolz auf meinem Kutschbocke, führte Peitsche und Zügel mit sicherer Hand, rauchte gemüthlich meine Cigarre und schaute mit philosophischer Ruhe das rings um mich herum sich entfaltende Gewühl einer großen Weltstadt.

Da der Besitzer bald einsah, daß ich besser wie seine übrigen Kutscher, welche meist Irländer waren, fuhr, und besonders auch auf die jungen Pferde alle mögliche Rücksicht nahm, so erhielt ich stets die neuesten und besten Gespanne, die man noch sicherer einfahren lassen wollte, und es machte mir oft großes Vergnügen, stets so ein paar feurige tüchtige Rosse von meinem hohen Bocke aus zu lenken. Auch setzten sich häufig Passagiere auf das Verdeck, so daß ich viel Neues hörte und kennen lernte und mich bei meinen Fahrten nicht wenig in den Sitten und Verhältnissen des Landes unterrichten konnte. Hatte ich einige freie Stunden, so zog ich mich gut an und ging in irgend ein Gast- oder Kaffeehaus ersten Ranges, machte auch an den mir zukommenden freien Tagen, wenn die Witterung es mir erlaubte, Ausflüge in die nähere oder weitere Umgebung der Stadt, wobei ich meine Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Betreibung der Landwirthschaft richtete.

Wenn ich in diesen Gasthäusern vornehmer Klasse auch bisweilen Passagiere traf, die ich vor einer Stunde vielleicht noch als Kutscher gefahren hatte, so machte dies nichts aus, und sie wunderten sich keineswegs, mich jetzt in ihrer Gesellschaft zu sehen, wie das in Deutschland entschieden der Fall sein würde, wenn ein Omnibuskutscher an dem Tische eines Gasthauses ersten Ranges zu Mittag essen wollte. In Nordamerika gibt im öffentlichen Verkehr nur das Geld einem Menschen seinen Werth, einen andern Maßstab kennt man hier gar nicht. Hat Jemand den Beutel voll Dollars, so besucht er theure Restaurationen und den ersten Rang im Theater und Niemand nimmt Anstoß, ihn an diesen Plätzen zu finden, gleichviel, welche Beschäftigung er auch sonst treiben mag; fehlt ihm aber Geld, so wird er stets über die Achsel angesehen, und als ein untergeordnetes Wesen betrachtet, und wenn er noch so viel Kenntnisse, geselligen Anstand und andere vortreffliche Eigenschaften besäße. Mit meinen zwölf Dollars per Woche, die ich regelmäßig empfing, reichte ich aber gerade aus, um recht gut zu leben, und mich mit passender Kleidung, reichlicher, kräftiger Nahrung, einem gesunden, freundlichen Schlafkämmerlein und dem nöthigen Taschengelde für den zehnten freien Tag zu versehen. Ersparungen machte ich nicht, brauchte aber auch von meinem Gelde, das mir unterdeß hohe Zinsen trug, nichts auszugeben, lernte dabei geläufig Englisch sprechen, besonders in der Art, wie es die Nordamerikaner der untern Stände reden, machte gar viele nützliche Erfahrungen, und konnte somit sicher zufrieden sein, daß ich vorerst Kutscher geworden war, und mich nicht sogleich irgendwo angekauft hatte, wie es so viele deutsche Einwanderer, die noch einiges Vermögen besitzen, leichtsinniger Weise thun.

Freund Hansen erhielt eine einträgliche Stelle als Hufschmied in unserm Etablissement, und verdiente bald eben so viel, wie ich selbst. Wir wohnten in zwei Kammern neben einander, und wenn wir zu Hause waren, ließ Hansen es sich nie nehmen, mich Herr Hauptmann zu nennen, und ganz so zu bedienen, als sei er noch mein Ordonnanzsoldat; auch putzte er mir regelmäßig die Stiefeln, und war in jeder Hinsicht voll der aufrichtigsten Treue und Ergebenheit für mich.

Ein seltsames Zusammentreffen, das mich recht lebhaft an meine früheren Verhältnisse erinnerte, begegnete mir, als ich wohl schon acht Monate Omnibuskutscher war. Ein sehr wohlhabend gekleideter Amerikaner saß hinter mir auf dem Decke des Wagens, und fixirte mich lange mit sehr aufmerksamen Blicken. Das Gesicht dieses Mannes kam auch mir ungemein bekannt vor, doch konnte ich mich nicht recht besinnen, wo ich ihn schon früher gesehen haben mochte. Endlich, am Haltplatz, als die Pferde gewechselt wurden und ich eine freie Viertelstunde hatte, redete mich dieser Herr auf sehr höfliche Weise in gutem Deutsch an, fragte nach meinem Namen und ob ich nicht früher als preußischer Offizier einige Zeit in Koblenz in Garnison gestanden. Ich hatte keinen Grund, dies zu verschweigen, und erinnerte mich nun auch genau des Mannes, der damals als junger, reicher Amerikaner einige Wochen in Koblenz gelebt, und viel mit mir verkehrt hatte. Derselbe wunderte sich nun freilich nicht wenig, mich jetzt als Omnibuskutscher in New-York wiederzusehen, billigte es aber, als ich ihm die Ursache meines jetzigen Dienstes erzählte, daß ich auf solche Weise mir zuerst eine gründliche Kenntniß der nordamerikanischen Verhältnisse erwerben wollte, bevor ich mich ankaufte. Alles, was rein praktisch ist, wird der wahre Nordamerikaner [83] stets zu würdigen wissen, darauf kann man sich sicher verlassen.

Am andern Morgen kam dieser Herr, der große Güter in Virginien besaß, zu mir, und bot mir unter sehr günstigen pekuniären Bedingungen eine Verwalterstelle auf denselben an. Ohne mich weiter zu bedenken, schlug ich dies Anerbieten aus, denn es schien mir, daß ich in solcher Stellung in eine größere Abhängigkeit gerathen würde, wie jetzt als Omnibuskutscher, denn ich brauche mich um meinen Dienstherrn nicht im Geringsten zu bekümmern; auch hatte ich damals schon den festen Entschluß gefaßt, mich nicht in den nordamerikanischen Freistaaten für immer niederzulassen, denn je mehr ich die Geldgier und den gänzlichen Mangel an jeder Gemüthlichkeit, der daselbst herrschte, erkannte, desto mißfälliger wurden mir die dortigen Verhältnisse. Ein wohlhabender Mann wäre ich wahrscheinlich in nicht zu langer Zeit auch in Nordamerika geworden, aber dies schien mir doch mit dem Aufgeben aller sonstigen Annehmlichkeit zu theuer erkauft zu sein.

Ich hatte damals den Entschluß gefaßt, nach Kalifornien zu gehen, und gefielen mir, wie sehr wahrscheinlich war, auch die dortigen Zustände nicht, nach Chili oder einem anderen südamerikanischen Staate mich zu begeben. Dort waren doch wenigstens mehr Romantik und freiere, naturwüchsigere Zustände, und ich brauchte nicht täglich mit diesen mir widerwärtigen Yankees, die nur immer und ewig von ihren Dollars den Mund voll haben, zu verkehren. Es ward mir übrigens die Freude, meinem virginischen Freunde, dem es Leid zu thun schien, daß ich sein gewiß gut gemeintes Anerbieten ausschlug, zwei ehemalige schleswig-holsteinische Unteroffiziere, wirklich brave Leute, die hier in bedrängten Verhältnissen lebten, zur Mitnahme anempfehlen zu können, was er denn auch that, so daß diese beiden Männer eine gute Stellung bekamen.

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, gerade ein Jahr als Omnibuskutscher zu fahren, allein nach Verlauf von zehn Monaten trat ein Ereigniß ein, welches mich früher von meinem Kutscherbocke vertrieb. Zu den mancherlei Unannehmlichkeiten, die das Straßenleben in New-York darbietet, gehört auch mit das zuchtlose Treiben mancher sogenannter Feuerlöschkompagnien. Brände kommen fast täglich in dieser Riesenstadt vor, und es gehört mit zu den Belustigungen der jungen Burschen, welche vielfach die Mannschaft dieser Spritzen bilden, dann in rasender Eile mit denselben durch die Straßen zu jagen. Alles überzufahren, was ihnen nicht schleunigst aus dem Wege geht, und überhaupt dabei jeden nur möglichen Unfug zu treiben. Menschenfreundlichkeit ist bei diesem Eifer zu retten, nicht im Mindesten ein Beweggrund, denn es wird mit den Spritzen eben so gejagt, wenn sie von der Brandstätte zurückkehren. Das nichtsnutzigste Gesindel von der Welt ist oft bei diesen Spritzen vereinigt, und wer Rohheit und Brutalität so recht in einem Menschen vereinigt finden will, der sieht nur zu viele Exemplare hiervon unter der Spritzenmannschaft. Ich hatte mich schon wiederholt geärgert, wenn ich als Kutscher mit meinem schweren Omnibus diesen ganz unnöthig daher rasenden Spritzen ausweichen mußte, und es war schon oft zu Zänkereien und Drohungen zwischen mir und manchem dieser Burschen gekommen.

Eines Abends ziemlich spät war wieder eine solche Spritze, die zu einem brennenden Hause hinjagte, fast in die Räder meines Wagens gerathen, obgleich ich weit genug ausbog; es hatte einen deftigen Wortwechsel zwischen mir und der Spritzenmannschaft gegeben. Eine Stunde später, als die Spritze von dem inzwischen gelöschten Brande zurückkehrte, begegne ich derselben wieder auf dem Broadway, und obgleich ich auch diesmal weit genug auswich, um eine genügende Passage frei zu lassen, merkte ich recht wohl, daß die größtentheils stark betrunkenen Spritzenleute absichtlich auf mich zufuhren, um einen Streit herbeizuführen. Jetzt ging auch mir die Geduld aus, und ich schämte mich, diesen übermüthigen Burschen zum Gegenstand ihrer Laune dienen zu sollen. Die Passagiere des Omnibus bestanden nur aus fünf bis sechs deutschen Eisenarbeitern, unter denen mein Hansen sich zufällig auch befand; der Kondukteur war ein streitlustiger, kleiner krausköpfiger Irländer, der gleich mir einen gerechten Haß gegen diese Spritzenleute hegte. Mein Gespann bestand aus zwei sehr kräftigen, feurigen Rossen, die schon etwas aushalten konnten. So beschloß ich denn, es auf einen tüchtigen Zusammenstoß ankommen zu lassen, wich nicht weiter, als bis zur Hälfte aus, und hieb mit meiner Peitsche zwischen die Pferde drein, so daß diese im vollen Galopp ansprangen.

Wie ich gedacht, geschah es auch; mein schwerer, stark gebauter Omnibus faßte die leichte Spritze von der Seite, und fuhr sie dann in Trümmern. Ein Wuthgeschrei entstand unter der gesammten Spritzenmannschaft, die wohl an dreißig Köpfe stark sein mochte, und Einige sprangen vor, um meinen Pferden in die Zügel zu fallen, während ein Bursche sogleich ein Pistol aus der Tasche zog, und auf mich abfeuerte, so daß mir die Kugel den rechten Oberarm leicht verletzte. Ich hieb aber jetzt noch mehr auf meine Pferde ein, diese bäumten sich auf, rissen die Menschen, die sie am Zügel halten wollten, zu Boden, so daß Einer derselben vom Rade überfahren wurde, und im vollen Galopp jagte ich nun die schon ziemlich leere Broadwaystraße entlang, hinter mir her der wüthende Haufe der Spritzenmannschaft, von denen noch Einige ihre Pistolen uns nachfeuerten. An der Ecke, wo unsere Stallgebäude sich befanden, mußte ich anhalten, und hier entspann sich ein heftiger Kampf zwischen uns und unsern Verfolgern, die uns bis dahin nachgestürzt waren.

Die Kutscher, Stallleute, Schmiedegesellen, die in der Nähe waren, kamen uns mit eisernen Stangen, Knitteln, Wagenspeichen und ähnlichen Geräthschaften, mit denen sich schon ein guter Schlag führen läßt, zu Hülfe. Nach hartnäckiger Gegenwehr, wobei es auf beiden Seiten an blutigen Köpfen und zerschlagenen Gliedern nicht fehlte, glückte es uns endlich, unsere Angreifer in die Flucht zu schlagen, bei welcher Gelegenheit ich noch einen Messerstich in den Unterleib erhielt, der glücklicher Weise aber wegen der dicken Kleidung, die ich trug, nicht tief eindrang, und mir weiter nicht viel schadete. Meinem Feind aber schlug ich mit dem dicken Ende meines sehr starken Peitschenstieles so über den Kopf, daß er auf der Stelle zu Boden stürzte, und gewiß lange Zeit zu seiner Heilung bedurft haben wird.

Die Konstabler, die anfänglich zu schwach waren, um die erbitterten Parteien von einander trennen zu können, sammelten sich endlich in so großer Zahl, daß sie die Ruhe wieder herstellen und uns auseinander bringen konnten. Sie versuchten zwar Einige von uns zu arretiren, allein wir entkamen ihnen und erreichten glücklich unsere Quartiere.

Zwei Tage mußte ich zu Hause bleiben, um meine Verletzungen wieder etwas ausheilen zu lassen, erst dann konnte ich ausgehen. Der Besitzer des Omnibus-Etablissements kündigte mir sogleich den Dienst, weil er befürchtete, ich würde noch mehr Streit mit diesen Spritzenkompagnien bekommen, und zog mir als echter Amerikaner zugleich die sechs Dollars ab, die ich von ihm zu fordern hätte, indem er behauptete, sein Wagen habe bei diesem Tumult einige Beschädigung erhalten. Mir war diese Kündigung ganz gleichgültig, da ich doch schon selbst den Entschluß gefaßt hatte, sowohl meinen Kutscherposten wie auch New-York zu verlassen. Ich wollte vorerst nach Kalifornien gehen, um mir die dortigen Zustände zu besehen, dann aber, wenn dieselben mir nicht gefielen, die südamerikanischen Republiken besuchen, um mir in diesen irgend einen Platz zur festen Niederlassung auszuwählen. Mein alter Hansen wollte sich nicht von mir trennen und gab sogleich seine gute Beschäftigung auf, bei der er schon täglich an zwei Dollars verdienen konnte. Er hatte sich in den zehn Monaten, die wir in New-York verlebt, nahe an hundert Dollars gespart, während bei mir, der ich doch einige höhere Ansprüche an das Leben machte, die Ausgaben den Einnahmen gleichgekommen waren.