Streifzüge bei den Kriegführenden/10. Im Hauptquartier während der Pause

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Paul d’Abrest
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Streifzüge bei den Kriegführenden - 10. Im Hauptquartier während der Pause
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 624–626
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[624]
10. Im Hauptquartier während der Pause.
Eine peinliche Berathung. – Der Ritt von Biela nach Gornji-Studen. – Der Czar und der Generalissimus als Nachbarn. – Beim Großfürsten Nikolaus. – General Nepokoitschizky. – General Stein. – Oberst Hasenkamp. – General Ignatieff. – Aus dem Lagerleben. – Der Proviantmeister des Kaisers.


Die rasche Einnahme der bulgarischen Festung Rustschuk sollte das Seitenstück zu jener von Nikopolis sein. Eine heftige Kanonade von dem gegenüberliegenden Giurgewo, ein Flankenangriff von der Landseite, und Achmed Eyub würde sich mit seiner auf 25,000 Mann geschützten Garnison ebenso leicht ergeben, wie Hassan Pascha mit seinen 6000 Nizams. So hatten sich die Enthusiasten in der russischen Heerführung die Sache nach dem leichten Donau-Uebergang und dem nun so theuer gebüßten Ritt über den Balkan vorgestellt. Sie wollten, daß der aus Rußland herbeigeeilte Czar persönlich diesen unausbleiblichen Erfolg genieße und daß ihm persönlich nach altem Brauch die Schlüssel der Festung auf einer silbernen Platte gereicht würden. Deshalb folgte das Hauptquartier des Kaisers – in einiger Distanz allerdings – der Armee des Kronprinzen auf deren Vormarsch gegen Rustschuk. War die Armee angesichts der Festung angelangt, war Rustschuk zu einem erfolgreichen Sturm „mürbe“, so konnte der Czar sofort herbeieilen, um dem großartigen blutigen Schauspiel beizuwohnen. In den verschiedenen Garnisonen, in den Kaffeehäusern von Bukarest und den kleinen rumänischen Provinzialstädten war die Einnahme dieses Rustschuk eine derart abgemachte Sache, daß sie wenigstens ein halb Dutzend mal als vollendete Thatsache gemeldet und besprochen wurde. Gab es doch Käuze, welche wohl ein halb Dutzend mal die russische Flagge auf den Zinnen der bulgarische Veste gesehen haben wollten und die alle Jene als Spione denuncirten, welche nichts davon bemerkt hatten. Plewna machte aber sowohl den allerdings berechtigten Hoffnungen des Generalstabs wie den Berechnungen der hochweisen Bierbank-Strategen einen Strich durch die Rechnung. Nach dem Balkan zu war man der Lösung des schwierigen Räthsels, ob man sofort und ohne fünf Minuten Aufenthalt unterwegs vorrücken sollte bis Constantinopel, oder ob doch aus Rücksicht für die europäische Diplomatie in Adrianopel Halt gemacht werden dürfte, überhoben. Da hieß es einfach: zurück! Man tröstete sich damit, daß der Zug Gurko's eben nichts Besseres und nichts Schlechteres gewesen, als einer jener zahlreichen „Raids“ im amerikanischen Secessionskriege. Rustschuk aber mußte sofort aufgegeben werden. Der Thronfolger sah sich bei Pyrgos, etwa zwanzig Kilometer von der Festung, gezwungen, seinen Vormarsch einzustellen; es erschien auch nicht mehr ganz geheuer, das Hauptquartier des Kaisers in dieser Gegend zu belassen. Außerdem hatte die Anwesenheit des Czaren bei der Rustschuker Armee keine Zweck mehr.

Unter dem ersten Eindruck der so unerwarteten Niederlage bei Plewna und als man vernahm, was für ein Schrecken in Sistowa und Simnitza geherrscht hatte, erwog man sogar sehr ernsthaft die Frage, ob es nicht gerathen wäre, das Hoflager des Czaren jenseits der Donau, nach Fratesti zu verlegen. Man hätte diesen Rückzug durch die Angabe zu maskiren versucht, daß der Czar vom rumänischen Ufer den Operationen der Belagerung folgen würde. Man mußte aber vor allen Dingen die Zustimmung des Kaisers für diese Aenderung erzielen, und das war, wie die Folge lehrte, unmöglich. Man wußte, was für einen Eindruck auf das für extreme Empfindungen so stark empfängliche Gemüth des Czaren die Nachricht einer vollständigen Niederlage seiner Truppen hervorrufen mußte. Man gab sich also in dessen Umgebung alle erdenkliche Mühe, das Unglück von Plewna als einen durchaus unverzüglichen, wenn auch bedauernswerthen Zwischenfall darzustellen, der jedoch an dem Laufe des Feldzugs nichts ändern würde; im Gegentheil, man habe jetzt Erfahrungen gesammelt, welche man sich zu Nutzen machen würde, um mit größerer Sicherheit als zuvor die vernichtenden Schläge gegen das Türkenreich zu führen. Also die ersten Posten, aber die Herren in der Umgebung des Czaren mußten sich wohl bald überzeugen, daß der Zucker-Ueberguß der bitteren Pille bald schmelzen werde, und daß es nicht möglich sein würde, die nackten Thatsachen lange zu verhüllen. Der Antrag, das Hauptquartier nach Fratesti zu verlegen, war das schlagendste Dementi, welches sie ihren eigenen Behauptungen zu ertheilen im Stande waren, denn jetzt [625] mußten sie ihrem Herrn eingestehen, daß sie ihn getäuscht hatten und daß es ihre Absicht gewesen, ihn einzulullen, wie ein furchtsames Kind, welches das Gewitter erschreckt. Es war eine peinliche Stunde in dem Hauptquartier zu Biela, als die Höflinge mit dem Geständnisse herausrückten. Kaiser Alexander verfiel in schweren Trübsinn – man war für seine Gesundheit besorgt. Aber er überwand mannhaft seinen Schmerz.

Der Entschluß des Kaisers war unabänderlich; er wollte nicht über die Donau zurück, um keinen Preis. Lieber setzte er sich persönlich allen Gefahren aus. Eher wollte er wochenlang an einen kleinen unansehnlichen, aller Bequemlichkeit entbehrenden Ort gebannt bleiben, als sich der Demüthigung aussetzen, gewissermaßen als Flüchtling über die Donau zurückzukehren, wenige Wochen nachdem er den Strom als Befreier und Eroberer überschritten.

Man suchte nun in den von der russischen Armee besetzten Striche Bulgariens eine Localität, die nicht allzu entfernt von der eventuellen Operationslinie, zugleich aber nahe genug an der großen Rückzugsbasis der Donau gelegen wäre und welche auch gegen einen etwaigen Ueberfall die nöthigen strategischen Vortheile bieten konnte. So traf die Wahl den Ort Gornji-Studen, ein ziemlich bedeutendes, fast durchgängig bulgarisches Dorf, welches sich auf einem Plateau einer recht freundlichen und gesunden Lage erfreut. Die Häuser sind durchweg solid gebaut und mit einem überdachten Vorhofe, Jaslik, der in den warmen Sommernächten der Familie als Schlafraum dient, versehen. Obwohl, wie in ganz Bulgarien das Landvolk, die Leute hier erbärmlich leben, so zeugen die überfüllten Kuhställe, die zahllosen Schafheerden und das Geflügel von anerkennenswerthem ländlichem Wohlstande. Gornji-Studen ist auf zwei Hügeln gebaut; zwischen diesen fließt ein Bach, der in dieser Hitze vollständig ausgetrocknet ist. Dafür quillt aus einem mit Koransprüchen gezierten, in den Fels gemeißelten Brunnen helles frisches Wasser zur beständigen Labung von Menschen und Thieren. Von der Höhe des einen wie des anderen Plateaus beherrscht das Auge links und rechts die herrlichsten Fluren. In der Richtung der Chaussee nach Sistowa thürmt sich auf etwa vier bis fünf Kilometer Distanz der steinerne Pfeil eines Minarets auf. Um das Gotteshaus zusammengespickt, bilden etliche türkische Wohnhäuser Staffage, sie sind aber von ihren rechtmäßigen Einwohnern verlassen; die Bulgaren liegen da in den Tag hinein auf den Matten ihrer früheren Herren. Von Gornji-Studen nach Biela führt eine bequeme Chaussee, die sich bei dem Dorfe Akciar einerseits nach Tirnowa und rückwärts nach Sistowa abzweigt. Die Distanz mag ungefähr fünfunddreißig bis vierzig Kilometer betragen. Es wurde am 15. August von Biela zeitig in der Frühe aufgebrochen, und noch am nämlichen Abende traf das kaiserliche Gefolge in Gornji-Studen ein. Der Czar hatte die ganze Strecke reitend zurückgelegt. Seine Troika mit den drei prächtigen Orloffs war hinter dem Fuchshengste, den der Kaiser bestiegen hatte, im Schritte gefahren, um im Falle eingetretener Ermüdung den Reiter aufzunehmen. Aber es kam nicht dazu.

In Gornji-Studen hatte man auf der linken Seite hoch oben auf dem ersten Hügel ein Bauernhaus ausfindig gemacht, welches geeignet schien, die Person des Czaren aufzunehmen. Man hatte das Haus zuerst einer gründlichen Reinigung und Mauerwaschung, die Umgebung einer ebenso gründlichen Desinfection unterworfen. Fensterscheiben gab es nicht, und von einem Glaser war weit und breit nichts zu hören. Man verfertigte daher Vorhänge aus buntem Flor, mit welchen die Fensteröffnungen behangen wurden. Auf diese Weise wurden nicht nur die Scheiben ersetzt, sondern der Kaiser war auch vor der entsetzlichsten Landplage in Bulgarien, den Myriaden von Fliegen, geschützt.

Das Feldmobiliar, welches der Kaiser mit sich führt, ist ein höchst einfaches. Es besteht blos aus einem Feldbett, einem Nachttisch, dem Kautschuk-Waschapparate und einem sogenannten amerikanischen Schaukel-Lehnstuhl. Diese Gegenstände wurden in das beste im oberen Stocke befindliche Zimmer gebracht, während die übrigen drei bis vier Stuben des Hauses in ihrer früheren bäuerlichen Einrichtung verblieben. Der freie Platz vor dem Hause war für das Gefolge bestimmt, welches sich jedoch mit lauter Zelten begnügen mußte. Einen lebenden Schutzwall um das kaiserliche Quartier bildeten die kleinen Zelte der bärtigen bis an die Zähne bewaffneten Tscherkessen von der Leibgarde des Kaisers.

Der Czar ist hier der Nachbar seines Bruders, des Höchstcommandirenden Großfürsten Nicolai Nicolajewitsch. Seitdem Nicolai die von ihm bewohnte Villa in Plojeschti verlassen hat, hat er nie unter einem Holz- oder Schieferdache übernachtet. Selbst in Oertlichkeiten, wo man an festen Wohnungen keinen Mangel hatte, wie z. B. in Tirnowa, ließ er sein Zelt aufrichten als echter Soldat. Seine ganze Umgebung folgte seinem Beispiel. Die beweglichen Heimstätten des Großfürsten und seiner Suite krönen jetzt den Hügel auf der rechten Seite, und man genießt von dort aus die Aussicht auf das provisorische „Palais“ des Kaisers. Eine auf riesigem Maste hoch in den Lüften flatternde Standarte bezeichnet von weitem den Sitz des Hauptquartiers, dort wo der Puls einer Armee, die man bald auf 500,000 Mann zu bringen gedenkt, schlägt. Wenn man dieses Zeltlager betritt, so hat man gleich den Eindruck, als ob hier alle Vorbereitungen getroffen würden, vor Jahren nicht das heilige Rußland wiederzusehen. Das sind keine leichten Leinwandzelte, wie man sie höchstens in einer andauernd schönen Jahreszeit, wie die heurige, mit dem gewünschten Erfolg gebrauchen kann. Das sind schwere hagel- und wasserdichte Zelthäuser aus Filz und Kameelhaaren. Von außen nehmen sie sich ganz stattlich aus; drinnen ist's weit kühler als in irgend einem Zimmer. Man kann in einem solchen Zelte ebenso gut der sengenden Gluth der Hundstagssonne wie den Schneestürmen trotzen.

In einem dieser Zelte, hart an dem Eingang des Lagers, schafft und waltet die Seele der Armee, General Nepokoitschizky. Man erkennt schon seine Penaten daran, daß sich vor seiner Thür das ambulante Laboratorium der Feldtelegraphisten befindet. Das Bureau ist in einem zugedeckten Wagen von seltsamer Bauart untergebracht; es ähnelt am meisten einer altehrwürdigen Postkutsche mit schönem nußbraunem Farbenanstrich und stets verhängten Fenstern. Hier münden die Drähte ein, welche, von kleinen schmächtigen Binsenstangen getragen, die Befehle und Anordnungen nach allen Richtungen tragen, wo sich russische Truppen dem Feinde gegenüber befinden. Einige Schritte von diesem wandernden Laboratorium, in dem einige zehn übelgelaunte Telegraphisten ihren Dienst versehen, befindet sich ein ähnlicher Wagen, in dem die Feldpost installiert ist. Mit dem Wörtchen „Feldpost“ hat man einen der wunden Flecke der russische Kriegführung berührt. Dieser Ausdruck ruft sofort eine wahre Fluth von Schmähungen, Verwünschungen und Reclamationen jeder Art hervor. Es muß aber auch in der That Meister Schlendrian heute Generalpostdirector im Czarenreiche sein, denn wie käme es anders, daß Briefe aus und nach Rußland oft so viel Zeit brauchen, wie man gewohnt ist heute eine Antwort aus Chicago oder Kairo unterwegs zu sehen? Selbst mit dem unmittelbaren rumänisch-russischen Verkehr ist es nicht besser bestellt, denn auch hier brauchen Briefe manchmal zwei Wochen, ehe sie in Petersburg anlangen. Diese Verwirrung ist es, welche den allgemeinen Glauben an ein in seiner ganzen Ueppigkeit functionirendes schwarzes Cabinet verbreitet hat, sodaß heute alle Welt darauf schwört, es gehe kein Brief nach Rußland ab und komme auch keiner an, ohne daß ein officiell Unbefugter seine spitze mit der Brille bewaffnete Nase hineinstecke. Wenn es richtig ist, so beneide ich die Ehrenmänner des Schwarzen Cabinets keineswegs, denn nach den abgehenden Postpaketen ist man in der russischen Armee ungeheuer schreibselig, und wird dieses Gefühl von den Anverwandten daheim erwidert.

General Nepokoitschizky, ein alter Herr von freundlichem und intelligentem Aussehen, lebt nur seiner Arbeit. Er verläßt kaum sein Zelt, um sich in das anstoßende des Großfürsten zu begeben und diesem die Berichte und Actenstücke vorzulegen, die immerwährend einlaufen und schleunigst erledigt werden müssen. Es harren auch beständig drei oder vier Kosaken, ihr gesatteltes Pferd an der Leine haltend, die längliche lederne Brieftasche um die Hüfte, vor dem Zelte des Stabschefs, um in dem nächsten Moment mit den erhaltenen Depeschen auszufliegen. Die Ernennung des Generals Nepokoitschizky ist das Werk des Großfürsten Nicolai, der sich den Beistand des langjährigen Freundes als eine unerläßliche Bedingung der Uebernahme des Oberbefehls erbeten hatte; seit lange hatten der Großfürst und General Nepokoitschizky in vertraulichem Gespräch, oder selbst bei ernster Erörterung, die verschiedenen Möglichkeiten eines Kriegszuges gegen die Pforte besprochen und dabei wohl Pläne ausgearbeitet, welche heute zur Reife gediehen und der Ausführung nahe sind. Die Stellung Nepokoitschizky's erregte viel Neid, und die Neider wiesen auf die polnische Nationalität des Generals als den wunden Punkt hin. Aber sie kamen an den Unrechten. Der Pole wird in den höchsten Kreisen, und namentlich in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers, stets auf's Höchste bevorzugt; man öffnet ihm Thür und Thor jeder Gunst, gleichsam um seinen Landsleuten zu zeigen, wie viel sie zu gewinnen hätten, wenn sie sich der bestehenden Ordnung fügen wollten. Man konnte vielleicht glauben, daß man die letzten Mißerfolge ausbeuten würde, um den polnischen Feldherrn aus den Angeln zu heben. Aber gerade im Gegentheil – die meisten Fehler, welche begangen wurden und welche die Niederlagen herbeiführten, waren vom General Nepokoitschizky vorausgesehen worden, aber das wüste Geschrei der Sturmböcke, welche die Widerstandskraft der türkischen Armee als ein Hirngespinnst erklärt hatten, übertönte die Rathschläge des erprobten Kriegers. Niemand kann aber heute die Verantwortlichkeit des Geschehenen auf den Generalstabschef wälzen, und dieser sitzt vielleicht nach Plewna noch fester im Sattel, als früher.

Nach dem General Nepokoitschizky ist die mit dem Großfürsten vertrauteste Persönlichkeit Herr Oberst von Hasenkamp, der Leiter des Informationsbureaus. Außerdem aber wird die im Russischen, Französischen und Deutschen gleich geläufige Feder des Obersten bei der Abfassung der Berichte über Kriegsereignisse in Anspruch genommen. Obwohl diese doppelte Aufgabe hinreichen sollte, um einen einzigen Titular stark in Anspruch zu nehmen, so hat Herr von Hasenkamp auch den officiellen Verkehr mit der Presse. Nur nebenbei, denn so gewissenhaft der Herr Oberst seine beiden übrigen Functionen nehmen mag, so leicht hat er es sich mit seiner dritten Aufgabe gemacht. Man denkt sich wohl, daß der Verkehr zwischen einem russischen Stabs-Oberst und einem Journalisten darin besteht, daß jener diesem die verfügbaren Nachrichten mittheilt und auch in anderer Weise behülflich ist, seiner Reporterpflicht zu genügen. Man zeige mir aber unter den mit den dreifarbigen Armbändern versehenen fünfundsechszig Berichterstattern aus Rußland, England, Frankreich, Italien, Deutschland, Oesterreich und der transvaalschen Republik auch nur einen, dem der Oberst auch nur ein Jota mitgetheilt hätte. Mit der so äußerst gewinnenden Liebenswürdigkeit im Umgang weiß der Oberst das stereotype „ich weiß heute gar nichts“ so überzeugungstreu über die Lippen zu bringen, daß man wirklich einen Moment glauben könnte, der arme Chef des Informationsdienstes wisse thatsächlich nicht mehr von dem, was bei Tirnowa oder im Schipka-Paß vorgehe, als von den Vorgängen im Monde. Herr von Hasenkamp ist ein junger Mann; er mag kaum die Vierzig erreicht haben. Die feinen, schlauen, aristokratischen Gesichtszüge geben seiner ganzen Physiognomie einen sehr interessanten Anstrich. Man wittert in ihm einen jener Militärdiplomaten, deren sich Rußland in entscheidenden Momenten gern bedient.

Drüben im kaiserlichen Lager bleibt in der Umgebung des Kaisers die markanteste und einflußreichste Gestalt General Ignatieff. Es ist bekannt, daß dieser Krieg, wenn nicht ausschließlich, doch hauptsächlich das Werk des früheren Gesandten des Czaren in Constantinopel gewesen ist. Ignatieff war in der letzten acuten Periode in offenem Kampfe mit seinem regelmäßigen und natürlichen hierarchischen Chef, dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Gortschakoffs suchte bis zum letzten [626] Augenblick den Frieden aufrecht zu erhalten, und namentlich die Ueberfluthung der staatlichen Politik durch den Panslavismus zu verhüten. Gortschakoff ist nicht stark genug, um sich eines bei Hofe gut gelittenen, auf einen mächtigen Anhang gestützten widerspänstigen Gesandten zu entledigen.

Als der Krieg ausgebrochen war, setzte General Ignatieff seinen Ehrgeiz darein, den Czar vom Fürsten Gortschakoff völlig zu isoliren – und es gelang ihm. Der Reichskanzler lebt im russischen Consulat in Bukarest wie im Exil, und hat nicht einmal directe telegraphische Verbindung mit dem Hauptquartier. Sorgsamer als je wacht jetzt der ehemalige Gesandte darüber, daß Rathschläge der Mäßigung und Vernunft, von dem gewiegten Staatsmanne ausgehend, ja nicht ihren Weg in das Hoflager finden.

Ignatieff ist im Hauptquartier der Fixstern, um den alle panslavistischen Trabanten gravitiren. Unter dem Zelte, welches der General-Diplomat bewohnt, finden bis spät in die Nacht hinein Berathungen statt, wo die Träumereien vom großen slavischen Bruderreiche auf’s Eingehendste und Gründlichste erörtert werden. Alle Südslaven, Bulgaren und Bosniaken, die Schmerzesschreie in der Kehle tragen, erleichtern ihr Herz bei Ignatieff, alle Aspiranten, die ihre werthvollen Dienste der zukünftigen bulgarischen Verwaltung als Präfecten, Polizisten, Säckelmeister etc. anzutragen gedenken, wenden sich an Ignatieff. Hier in diesem Zelte wird trotz Plewna den Türken kein Pardon gegeben; sie müssen über den Bosporus hinüber nach Asien. Auch England und Oesterreich kommen da schlecht weg; der Champagner schmeckt süßer, wenn man ihn in dieser Gesellschaft auf die Erniedrigung Albion’s und den Verfall Austria’s leert. Ignatieff verkehrt beständig mit dem Kaiser und speist tagtäglich zwei Mal an dessen Tafel, die übrigens auch für andere Gäste gedeckt wird. Gewöhnlich nehmen nicht weniger als achtzig Personen um die länglichen Tische Platz, welche Punkt elf Uhr Morgens und Punkt sechs Uhr Abends in schöner symmetrischer Ordnung unter einem Leinwand-Altan dastehen. Der Kaiser nimmt den durch einen gepolsterten Stuhl bezeichneten oberen Sitz ein. Dieses Halbfauteuil ist das einzige Salonmöbel; die übrige Tafelrunde muß mit schlichten Holzschemeln oder Bänken vorlieb nehmen. Das Essen mundet aber vortrefflich bei dem Bewußtsein, hier im primitiven Bulgarien, wo sich die Einwohner von Schafkäse und rohem Mais nähren, nach den strengen Vorschriften des Codex der Feinschmecker zu speisen. Der Leiter der kaiserlichen Feldküche ist dessen gewöhnlicher Maitre d’hôtel, ein Franzose, Mousieur Vavasseur. Ich traf diese wichtige Persönlichkeit, unter einem halb aufgeschlagen Zelte gemüthlich sitzend, wie er mit dem schärfsten Blicke das Treiben von einem Dutzend Köche und eben so vieler Kochgehülfen im classischen weißen Costüm überschauete.

Die Kessel, Casserolen, Pfannen etc. waren in der Erde eingegraben, und es brodelte überall tapfer. Unter dem Feldstuhle, auf dem er saß, hatte Herr Vavasseur eine ganze Batterie Flacons mit Saucen und Weinen aufgeschichtet. In schwierigen Fällen kam einer oder der andere der Unterköche heran und erholte sich von seinem Feldherrn Rath. Mit doctoraler Miene deutete Herr Vavasseur auf die eine oder die andere Flasche, welche der in der Gefahr des Verdorbenwerdens schwebenden Speise die Weihe vollständiger Würze ertheilen sollte. Herr Vavasseur hat durchaus nichts an sich von jenem Hochmuth, den man gar so oft bei seinen Berufsgenossen findet, und für die der Mensch erst am Bratspieß anfängt. Er gab mir alle Aufschlüsse über die Mobilisirung seines Armeebestandes, zeigte mir die ungeheueren, schwerbepackten Vorrathswagen (die kaiserliche Küche schleppt deren fünfzig mit sich) und erklärte mir, wie sämmtliche in der Küche zur Verwendung gelangende Butter, in Kupferkapseln verpackt, direct aus Isigny (in der Normandie) komme, weil der kaiserliche Magen keine andere Zubereitung vertrage. Es koste, fügte er hinzu, ungeheuere Mühen und Anstrengungen, um in dieser 'Wildniß' etwas Ordentliches zweimal am Tage auf den Tisch zu bringen. Da es in Gornji-Studen an Holz fehlt, so wurde ohne viele weitere Ceremonien ein Dutzend tscherkessischer Häuser abgebrochen, deren Bewohner das Weite gesucht hatten, und die Trümmer dienten den kaiserlichen Ragouts zur Unterlage.

Während hier drüben im kaiserlichen Viertel Herr Vavasseur thront, giebt es auf dem andern Hügel im Lager zwei sehr hübsch eingerichtete Zeltrestaurationen. Die eine gehört einem Bukarester Hôtelier, die andere haben Elsässer errichtet, die den heimathlichen Herd verlassen, um hier ein wenig Geld ziemlich sauer zu verdienen. Die Marketender und Restaurateure im Hauptquartiere erfreuen sich der besonderen Aufmerksamkeit des Commandanten und Polizeigewaltigen General Stein. Dieser versteht das Metier nach altrussischen Begriffen. Einer der ersten Bukarester Gasthausbesitzer, der im Lager ein Geschäft errichtet hatte, erhielt die Weisung, binnen vierundzwanzig Stunden seinen ganzen Kram zusammenzupacken und das Hauptquartier zu verlassen. Beim geringsten Vergehen werden die Uebriggebliebenen tüchtig abgekanzelt und zu beträchtlichen Geldstrafen verdonnert, für deren richtige Beitreibung die namhafte Caution haften muß. Unter den Zelten aber sitzt es sich in der That recht angenehm. Vor uns breitet sich die große Fläche aus, von den hellweißen Zelten besäet. Die Regimentsmusik spielt im Dunkeln nach einander den Marsch aus dem „Propheten“, die Verschwörer-Arie aus „Madame Angot“ und ein Potpourri vortrefflich auf. Dann folgt tiefe Stille – die Soldaten stellen sich vor ihren Zelten in Reih und Glied auf; dreimal hinter einander wirbelt die Trommel, und es erhebt sich aus dreitausend Kehlen ein mächtiger Choral. Weit und tiefergreifend tönt es durch die sternenhelle Nacht. Es ist das Abendgebet, welches überall abgesungen wird, wo es russische Truppen giebt. Die Töne verstummen – nochmals wirbeln die Trommeln; nach und nach werden alle Lichter ausgelöscht; selbst drüben hinter dem Flor, welcher die kaiserlichen Fenster behängt, wird es auf einmal stille und finster. Unter den Zelten aber sitzen die Officiere beim Glase bis spät über Mitternacht. Lange, ehe sie den Weg „nach Hause“ antreten, ruhten wir, in’s Plaid gehüllt, an der Seite des Wägleins, welches uns den nächsten Tag dem Balkan näher bringen soll.
Paul d'Abrest.