Streifzüge bei den Kriegführenden/3. Bei der Torpedo-Katastrophe

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Autor: Paul d’Abrest
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Titel: Streifzüge bei den Kriegführenden - 3. Bei der Torpedo-Katastrophe
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 410–412
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[410]
Streifzüge bei den Kriegführenden.[1]
3. Bei der Torpedo-Katastrophe.


Nach langen Kreuz- und Querfahrten befand ich mich auf dem wenigstens provisorischen Kriegsschauplatze, war aber in Verlegenheit, wohin ich meine Schritte lenken sollte, um ja die Hauptaction nicht zu versäumen. Es war meine Absicht, von Bukarest nach Galatz zu gelangen, weiter als Braila ging jedoch der Zug nicht. Aus einem einfachen Grunde, einfach besonders bei den wohlbekannten und nach Gebühr beleumundeten Constructionsverhältnissen der rumänischen Bahnen. Der stürmische, heftige, achttägige Regen hatte die famose Borboschi-Brücke gänzlich unfahrbar gemacht und ein gutes Stück des Eisenbahndammes weggeschwemmt. Die Elemente hatten also übernommen, wozu die Türken zu faul gewesen sind. Die vielbesprochene Brücke, die den raschen Bahnverkehr zwischen der Moldau und der Walachei vermittelt, war zerstört und weder Civil noch Militär konnte durch. Endlos waren die Wagenreihen mit Mannschaft, Pferden und Munitionskarren besetzt; sie konnten nicht vom Fleck – und wir auch nicht. Schon hatte ich mich entschlossen, nur um dem boshaften schadenfrohen Gekicher der Bediensteten des Restaurationslocals zu entgehen, Kehrt zu machen und mit dem in einer viertel Stunde nach Bukarest abgehenden Zug diese „Concentration nach rückwärts“ zu vollziehen, als ich fühlte, wie man mir auf die Schulter klopfte. Ich drehte mich um. Welch eine Ueberraschung! Hinter mir stand, eine wohlbekannte, befreundete Figur, Herr von Z., ein Pariser Lebemann, mit dem ich öfters und bei stets angenehmen Gelegenheiten verkehrte, ein Mäcen, der im Künstlerviertel gut angeschrieben ist und mit den Spitzen der Pariser Literatur und Journalistik auf dem vertrautesten Fuße lebt. Der Held des Salons trug heute hohe Stiefel und an der Seite den breiten Pallasch. Statt der Blumen auf der Brust schmückten dieselbe mehrere im Kaukasus und in der Krim erkämpfte Medaillen. Einige Worte, die der gegenseitigen Begrüßung folgten, klärten Alles auf. Von Z., der, nebenbei bemerkt, einer großen adligen Familie Rußlands angehört, hatte den Gedanken nicht ertragen können – im besten Mannesalter und ledig – während des Sommers den gewohnten Bade-Cyklus durchzubummeln, während seine Freunde und Bekannten daheim im Begriffe waren, die Oper „Das Leben für den Czaren“ in der Wirklichkeit aufzuführen. Er war nach Petersburg geeilt und hatte es durch hohe Einflüsse durchgesetzt, in dem nämlichen Regimente, wo er vor zwei Decennien gedient hatte, einzutreten. Das Regiment lag nun in Braila. Als [411] Herr von Z. sich erbot, mir als Cicerone zu dienen, und gar von Gastfreundschaft in seinem Quartiere sprach, war bei mir von der beabsichtigten Concentration nach rückwärts vorläufig keine Rede mehr. Ein rothausgeschlagener Wagen mit zwei guten Pferden, wie man sie überall in der Walachei findet, selbst in den entlegensten und kleinsten Ortschaften, nahm uns auf, und wir fuhren mitten in strömendem Regen in das Quartier meines Freundes, welches am nördlichen Ausgange der Stadt lag.

Ich dachte, daß das Geknatter in dieser Gegend kein Ende nehme – ich war aber eine Stunde im Quartier meines Gastgebers und hatte noch keinen einzigen Schuß gehört. Herr von Z. bemerkte, daß, seitdem der famose Monitor in die Luft geflogen, die Türken von ihrer in den ersten Tagen documentirten Bombardirungswuth vollständig gelassen hatten, dies zur nicht geringen Befriedigung der Bewohner der Stadt, die sich einbildeten, man würde ihre Behausungen in einen Schutthaufen verwandeln, und die nun mit dem heilen Schrecken und einigen durchlöcherten Mauern davongekommen sind.

„Aber mich wundert,“ bemerkte Herr von Z., „daß unsere Leute heute so beharrlich schweigen; sie pflegen sonst die Nachbarn drüben zu begrüßen – richtig, man feiert ja heute den Namenstag des Platzcommandanten und deshalb wird er wohl den Artilleristen, da nichts zu besorgen ist, Ruhe gegeben haben.“

Das Fest wurde in dem größten Gasthofe, „Hôtel St. Petersbourg“, gefeiert, und wir fuhren dorthin.

In der Restauration knallten die Champagnerstöpsel; ein Toast folgte auf den andern; mit slavischer Ueberschwenglichkeit umarmten sich die Cameraden und küßten einander, daß es schnalzte. Eine Regimentscapelle trug das Ihrige zur Erhöhung der festlichen Stimmung bei, und draußen behingen flinke Artilleristen den Eingang des Festsaales mit Laternen. Inmitten der allgemeinen Festlichkeit, die drinnen herrschte, war mir der Ernst mehrerer junger Officiere aufgefallen, von denen zwei die Uniform des Ingenieurcorps, zwei jene der Artillerie trugen. Von Z. hatte mit denselben einige Worte gewechselt und raunte mir in’s Ohr: „Es bereitet sich für heute Nacht etwas vor; was es ist, kann ich Ihnen nicht sagen, aber es giebt für Sie etwas zu sehen.“

Da von Z. Nachtdienst hatte, verließ er mich bald und wiederholte, daß sein Diener Befehl habe, auf mich zu warten. Ehe er wegging, stellte er mich jedoch einigen Officieren, neben welchen wir saßen, vor. Das Gespräch wurde durch die Dazwischenkunft eines rumänischen Officiers unterbrochen. Die Herren plauderten deutsch – wahrscheinlich in der Meinung, daß die Sprache für mich eine unverständliche wäre. „Nun?“ fragte der Russe, „waren Sie drüben?“

„Den ganzen Nachmittag,“ antwortete der Rumäne, der offenbar – das merkte ich an dem Accente – in Wien studirt haben mußte. „Ich war wie gewöhnlich als Dattelnhändler mit meiner Ladung Früchte nach Matschin gekommen – und was der Zufall will! Ein Matrose ladet mich ein, mit ihm auf das vor der Canalbiegung ankernde Schiff zu kommen, weil der Capitain ein großer Dattelnfreund wäre und mir gewiß meine Waare gut abkaufen würde. Zuerst glaubte ich mich entdeckt und besorgte, in eine Falle zu gehen – aber die Aussicht, das feindliche Terrain mit eigenen Augen zu recognosciren, siegte über alle Bedenken. Ich ging mit der Barkasse an Bord des Monitors.“

„Wirklich?“ unterbrach der Russe.

„Wie ich es Ihnen sage. Der Capitain, ein dickbäuchiger Effendi, hoch in den Vierzig, kaufte mir meine Datteln ab und warf mir dafür diese Münze zu –“ der Rumäne zog einen silbernen Medjise aus der Tasche – „und als ich ihm herausgeben wollte, wies er das Kleingeld zurück, aber begann mich auszufragen. Er hielt mich offenbar nicht für einen Spion, wohl aber für einen jener Landstreicher, die in solchen Zeiten überall herumkommen und durch welche nicht immer Wahres, aber immerhin Etwas zu erfahren ist. Der Effendi bekümmerte sich ganz besonders um die Musik und das festliche Gewoge, welches seit heute früh vom Schiffe aus gehört und beobachtet wurde. Ich erzählte sofort, daß im russischen Lager wegen der Einnahme von Ardahan Schnaps und Bier für die Soldaten, Champagner für die Officiere in Strömen flossen, und daß vor Einbruch der Nacht Alles hier – total betrunken sein werde. Der Effendi wendete sich zu den Officieren, welche aus der Schale sehr eifrig meine Datteln aßen: ‚so können wir wenigstens heute Nacht ruhig schlafen,‘ er gähnte dabei; ‚es wird uns nichts schaden.‘ Er winkte, und die nämliche Barkasse, die mich an Bord geführt hatte, brachte mich nach Matschin, von wo ich auf dem gewohnten Wege an’s andere Ufer gelangte.“

„Und haben Sie sich,“ fragte der Russe, „den Standplatz des Monitors auch ganz genau gemerkt?“

„Ich könnte im Finstern hin treffen.“

„Gut,“ antwortete der andere Officier, „heute Nacht muß es geschehen; ich will nur mit dem Commandanten reden.“

Er ging zum General, der oben an dem Ehrenplatze der Tafel vor einem riesigen Blumenstrauße saß. Er raunte dem Vorgesetzten einige Worte in’s Ohr; der General that sehr verwundert und nickte schließlich zustimmend. Indessen wendete ich mich deutsch an den rumänischen Officier und eröffnete ihm, die Aufrichtigkeit gebiete mir zu erklären, daß ich das soeben Gesprochene verstanden hatte. Der Rumäne war ziemlich bestürzt, und wechselte mit dem russischen Officier einige erregte Worte. Dieser aber beschwichtigte ihn mit ruhiger Bewegung der Hand und äußerte, daß, da die Sache einmal beschlossen sei, es nicht darauf ankomme, ob einer mehr oder weniger davon wüßte. Ja, er lud mich sogar ein, den Vorbereitungen zur „Operation“ beizuwohnen, wenn ich dazu, trotz des rauhen Wetters, einige Lust verspürte. So ging es denn hinaus, durch die ganze bereits stille Stadt, hinaus an das Wasser. Die ausgelassene Freude der Soldaten schien sich in’s Unendliche gesteigert zu haben; die nationalen Gesänge erschallten, und wenn man näher kam, sah man die abenteuerlichen Gestalten sich in raschen Reigen drehen. Die Türken jenseits des Matschinarmes, in der Stadt Matschin, wo man einige Lichter flackern sah, mußten sich in der That beruhigt fühlen. Ein Heerlager, wo man sich amüsirt, kann auf nichts Böses sinnen. Die Donau beschreibt bei Braila eine Biegung um die Stadt, und diese Biegung ist es, die man den Matschincanal zu nennen pflegt. Am Ein- und Ausgange wurden von den Russen starke Batterien errichtet; wir begaben uns zu jener oberhalb der Stadt. Ich konnte nicht umhin, die Stärke des Baues und die Zweckmäßigkeit der schützenden Erdarbeiten zu bewundern. Jede Kanone, die ihren ungeheuren, ehernen Schlund neugierig in die Nacht hinaus steckt, ist da in eine Behausung untergebracht, wo die Kanoniere bequem und sicher manövriren konnten; hinter der Batterie, welche in ihrer Gesammtheit eine Art von Schanze bildete, befindet sich das ziemlich geräumige Blockhaus. Auf dem Schiffe eines der Officiere trat ein Unterofficier der Artillerie aus dem Blockhause; der Officier redete ihn russisch an, und der Mann kehrte nach einer Weile zurück, von etwa zwölf Artilleristen begleitet. Vier davon trugen je zwei zu zwei einen Kübel, der eine blecherne Hülse enthielt. Lautlos setzte sich der kleine Zug in Bewegung, in der Richtung nach der Donau hinunter.

„Ich muß Sie aufmerksam machen,“ bemerkte einer der Ingenieur-Officiere, „daß die Sache eine sehr gefahrvolle ist. Was Sie in den Kübeln sehen, sind Torpedos. Wir werden trachten, das Zeug unter einem der Monitors anzubringen, die da hinten im Schilfe lagern. Wird die Mannschaft an Bord des Ungethüms rechtzeitig alarmirt, so genügen zwei Salven, um uns auf den Grund zu schießen. Auch wenn das Feuerwerk zu früh losgehen sollte, könnten wir mit den Türken zusammen das Bad nehmen.“

„Aber wie gelangen Sie hin?“ fragte ich.

Wir waren an den Rand des Wassers gekommen. Auf der Oberfläche schaukelten sich zwei sehr winzige, zierliche Dampfer, so klein, daß sie auf einem Garten-Bassin hätten schwimmen können, mit einem engen, fadenscheinigen Schlauch, so dünn wie eine Häringssehne. Aus den beiden Schläuchen quoll Dampf. Schweigend nahmen Officiere und Mannschaften, je zur Hälfte, auf einem der kleinen Fahrzeuge Platz.

„Finden Sie Ihren Weg allein zurück?“ fragte mein Officier. „Wenn nicht, so warten Sie auf unsere Rückkehr, was hoffentlich nicht lange dauern wird!“

Ich sah noch, wie der Torpedo aus dem Kübel geholt wurde und wie mit ungeheuerer Vorsicht ein großer Draht hineingefädelt wurde. Darauf hörte man leise im Wasser plätschern, aber die Nacht war so stockfinster, daß man auf zwanzig Schritt die Fahrzeuge nicht mehr sah, die sich entfernt [412] hatten. Es regnete zwar nicht mehr so stark, aber noch immer war die Luft höchst rauh und unwirthlich. Ich stand etwa zehn Minuten am Ufer, als sich plötzlich die Wolken zertheilten und der Mond, der ja im Kalender als „voll“ angegeben war, schalkhaft herunter lächelte. Der Lichtstrahl zeigte mir genau hinter dem hohen Schilf der Insel das eiserne Ungethüm, den „Monitor“. Es war eine ungeheuere klumpenartige Masse, etwa wie ein Haus, das, in’s Wasser getaucht, mit eisernem Schornstein über die Fluthen emporragt. Majestätische Stille lagerte um das Ungeheuer.

Es wollte mir scheinen, als läge auch in dieser Stille ein gutes Stück echt türkischer Sorglosigkeit. Immer deutlicher zeigten sich die Umrisse der Wasserfestung, aber vergeblich schaute ich mich nach den beiden Booten um. Das einzige Anzeichen, welches auf deren Anwesenheit zu schließen erlaubte, war ein sehr schwacher Qualm, der über dem Schilf aufstieg. Richtig hörte ich das Geplätscher wieder und konnte noch sehen, wie eines der Boote mit aller Raschheit dem Monitor zueilte und hart an dessen eiserner Armatur anlegte. Doch hier wurde der Vorhang herabgelassen; das heißt: der Mond verbarg sich abermals hinter einer Wolke. War nichts mehr zu sehen, so hörte ich vom Winde getragene menschliche Laute; es war mir sogar, als erkenne ich die Stimme des rumänischen Officiers, der sich der Expedition angeschlossen hatte.

Plötzlich dröhnte ein Schuß und darauf ein zweiter. Das Leuchten des zweiten Schusses zeigte mir, wie in einem Traume, die Vision einer türkischen Schildwache, welche, auf der Verdeck-Brücke des Monitors stehend, zielte. Nun krachte es vom rumänischen Ufer. Nach fünf Minuten aber vernahm ich wieder das Geklapper der Räder im Wasser, und der eine der kleinen Dampfer legte an. Einer der Officiere hielt ein Ende des Drahtes, den ich früher an den Torpedo befestigen gesehen hatte, in der Hand.

„Nun?“

„Alles vortrefflich gelungen,“ antwortete ein Officier. „Wir kamen von hinten angefahren, die Anderen von vorn. Wir gelangten unbemerkt bis an den Kiel, und unser Taucher,“ er deutete auf einen durchnäßten Artilleristen, „brachte das ‚Ding‘ am richtigen Fleck an. Die Kerls müssen schlafen wie die Murmelthiere. Sie hatten wirklich nur eine einzige Schildwache. Diese war es, welche das andere Boot mit einem türkischen ‚Wer da?‘ anrief. Der Rumäne, welcher das Türkische ausgezeichnet spricht, stellte sich als ein angetrunkener Officier der Flotille, der etwas verspätet aus Matschin ankam und dem Muselmann an’s Herz legte, seinetwegen keinen Scandal zu machen. Als der Dampfer sich zu entfernen begann, schoß der Türke natürlich darauf los, aber es war zu spät. Hier sind die Uebrigen.“

Und wirklich war auch das zweite Kanonenboot sammt der Bemannung da. Man beglückwünschte sich gegenseitig; es begann wieder stark zu regnen. „Ist’s Zeit?“ fragte der Officier, welcher den Draht in der Hand hielt. Der Ingenieur antwortete mit einem Kopfnicken. Es leuchtete in die Nacht hinein, wie wenn in einem finstern Zimmer Feuerstein geschlagen wird. „Zurück! Zurück!“ hieß es, und Alle eilten die kleine Anhöhe hinauf, wo die Batterie stand. Da gab es einen Knall, so fürchterlich, so erschütternd, daß mir noch jetzt die Ohren davon summen. Nach diesem Knall folgte ein Geprassel, das ungefähr fünf Minuten dauerte, beinahe als wenn man mit einem halben Dutzend Mitrailleusen geschossen hätte. Nach diesem Geprassel noch ein Knall und darauf ein stärkerer – und dann nichts mehr. Aber von der Batterie aus sahen wir die Oberfläche des Wassers in einem weiten Umkreis geröthet, ob geröthet von Feuer oder von Blut – es wäre schwer zu sagen. Aber es war eine unheimliche Röthe, besonders da die hineinplätschernden Regentropfen hundert und hundert von kleinen Lachen bildeten. Auf der röthlichen Oberfläche schwammen einige Trümmer, aber als folgten sie einer unwiderstehlichen magnetartigen Anziehungskraft – sie versanken auf der nämlichen Stelle in die Tiefe des hochangeschwollenen Stromes.

Der Monitor war durch die fürchterliche Wirkung der mit Dynamit gefüllten Torpedos in Fetzen gerissen, so ungefähr wie ein ärgerlicher Brief in den Händen eines jähzornigen Adressaten. Daß die großen Trümmer die gewaltigen Bestandtheile der eisernen Armatur waren, konnte leicht errathen werden, aber die kleinen bunten Stücke, die eine Weile lang herumschwammen? In viele Bruchtheile mögen wohl die achtzig Mann der Besatzung zerrissen worden sein, die, als die Katastrophe sich ereignete, in tiefstem Schlummer lagen. Einer der Officiere gedachte ihrer. „Arme Leute,“ sagte er, „aber der Krieg!“ Ist’s denn aber auch Krieg, diese moderne nächtliche Massenbeförderung von Schlummernden in die Ewigkeit, und weckt da noch der Krieg, wie früher, alle Gedanken persönlichen Muthes wie mit Gefahren verbundenen Trotzes gegen den Feind von Angesicht zu Angesicht? –

In dem Festlocal hatten sich die Reihen wohl ein wenig gelichtet. Die Wenigsten wußten, was für eine Expedition geplant worden, als sie aber in dem Speisesaal den fürchterlichen Krach vernahmen, theilte man ihnen mit, um was es sich handle. Nun wurde frischer Sekt gebracht, um das Gelingen des Coups würdig zu feiern. In Braila selbst war Alles, was von Spießbürgern noch dageblieben ist, aus den Federn gefahren, als der Krach vernommen wurde. Es gab Conventikel auf dem Marktplatz, als die Leute aber hörten, daß wieder eines jener Ungeheuer, die ihnen so immensen Schrecken einjagten, zum Teufel geschickt worden, freuten sie sich unbändig. Am nächsten Tage besah ich mir die Stelle der Katastrophe. Auf den Regen war gewaltige Schwüle gefolgt; die vorübereilenden Wolken senkten sich einzeln hinter den Wasserspiegel, als wollten sie die Seelen der am kühlen Grunde Ruhenden im Paradiese Mahomed’s aufnehmen.

Paul d'Abrest.
  1. Der Herr Verfasser hat, wie nachfolgende Mittheilungen zeigen, unsere gelegentlich seines vorigen Artikels (Nr. 22) ausgesprochenen Wünsche ebenso freundlich wie schnell erfüllt, indem er uns als erste Berichterstattung vom Kriegsschauplatze diese unseres Ermessens sehr geschickte Schilderung eines äußerst interessanten Vorgangs einsendet.
    D. Red.