Streifzüge bei den Kriegführenden/8. Wo der Großfürst war

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Autor: Paul d’Abrest
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Titel: Streifzüge bei den Kriegführenden - 8. Wo der Großfürst war
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 525–528
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Streifzüge bei den Kriegführenden.
8. Wo der Großfürst war.

Die Ereignisse drängen sich bereits von dem steilen Donauufer bis hinaus an den steinernen Damm des Balkans zusammen: der Stein des Verhängnisses ist in’s Rollen gekommen. Jetzt, da nach der langen Pause über Bulgariens Fluren das Hurrahgeschrei des Siegers, das Stöhnen der Verwundeten, die Tedeums-Gesänge der befreiten Bulgaren und schließlich das Gekrächze der nach reichlicher Beute ausfliegenden Raben und Geier den Ton der Weltgeschichte angiebt, jetzt erscheint das Ich kleinlich. Darum, geneigter Leser, wirst Du fortan in diesen Streifzügen nicht mehr dem Verfasser mit seinen kleinen Abenteuern und Zufällen, sondern dem Gange der Ereignisse folgen.

Nehmen wir dieselben von dem Augenblicke auf, wo die Russen auf bulgarischem Boden standen – nicht in der Sackgasse der unfruchtbaren und selbst strategisch minder wichtigen Dobrudscha, sondern auf den Saatfeldern, auf den üppigen Weiden und in den gesegneten Obst- und Weingärten Donau-Bulgariens. Nicht ohne einiges bange Vorgefühl mochten wohl die Heerführer der russischen Armee den Vormarsch jenseits des breiten Rubikon angetreten haben, namentlich wenn ihnen das Beispiel der russischen Brüder in Asien vorschwebte, die sich auch mit frohem Muthe in das Innere Armeniens gewagt hatten und nun daraus vertrieben wurden. Diese erschreckenden parallellaufenden Bilder zeigten sich aber weder dem Soldaten, noch den hochadeligen Sturmböcken, die sich um die Ehre beworben hatten, an der Spitze des Vortrabes von Tscherkessen und Kosaken den Türken den Säbel in die Flanke zu setzen. Diese kannten nur eine Losung: Vorwärts, und der erste dieser Sturmböcke (die Hoheit, die für bilderreiche Ausdrücke eine besondere Vorliebe besitzt, wird mir wohl den Ausdruck nicht übelnehmen) war der Großfürst Nicolaus selber. In Plojesti, wo ihn die Pläne eines vorsichtigen Generalstabschefs, des zaudernden Nepokoitschsky, mit gebundenen Händen festhielten, war er verstimmt, mißmuthig und voller Ungeduld. Seitdem man aber im russischen Hauptquartiere ausrufen durfte: „Es giebt keine Donau mehr“, fühlte sich der Großfürst eigentlich nicht mehr als Höchstcommandirender; er überließ die ganze strategische Führung des weiteren Feldzuges seinem erprobten Amanuensis; als echter Reitergeneral schwang er sich auf das gute Kosakenpferd, und während die Welt die Köpfe zusammensteckte und mit dem Zeigefinger auf der Nase nachgrübelte, wohin seine Hoheit wohl das Hauptquartier verlegt haben möchte, war Nicolai Nicolajewitsch einer der ersten Russen, die über den Balkan gelangten und die jetzt in erster Linie Adrianopel, in zweiter Constantinopel bedrohen. Es war ein kühnes Wagstück, das in der Mißachtung jeglicher Gefahr seines Gleichen sucht, denn es zeigt uns einen Feldherrn, der sich in die Mausefalle hineinwagt, die der Feind hermetisch zuklappen konnte, da er mit einer frischen zahlreichen Armee und ungeheuren Festungen im Rücken steht.

Der verführerische Gedanke, über den Balkan zu fliegen, wurde dem Großfürsten durch eine bulgarische Deputation eingegeben, die er auf dem Vorrücken gegen Tirnowa in einem Dorfe fand. Die Leute erzählten, daß nach der soeben erfolgten Einnahme von Tirnowa ein Trupp von christlichen Einwohnern dieser Stadt auf die vor den herannahenden Russen fliehenden Muselmänner Jagd gemacht hatte, und daß sie im Eifer der Verfolgung bis an das „eiserne Thor“, einen der bedeutendsten Gebirgspässe, gelangt wären. Die Türken waren bereits jenseits des Passes und hatten sich nach verschiedenen Richtungen zerstreut, aber die nachfolgenden Bulgaren versicherten, daß weder Befestigung noch militärische Streitkräfte zum Schutze des Passes vorhanden waren. Mehrere Generäle, welche in diesem Momente um den Großfürsten versammelt waren, gaben ihre Empfindungen über die Meldung durch unverhohlenes Achselzucken zu erkennen; sie bezweifelten, daß die Ab- und Zugänge einer solchen ungeheueren natürlichen Festung, wie der Balkan, nicht aufs Strengste bewacht, verschanzt, kurz unnahbar gemacht sein sollten. Aber Großfürst Nicolai vertraut auf den Stern Rußlands, und in seiner souveränen Verachtung des Türken ist er der Ueberzeugung, daß derselbe im Stande sei, die allergrößten Dummheiten zu begehen. Großfürst Nicolai nahm die Sache um so ernster, als die Bulgaren, welche die Mittheilung gemacht hatten, sich selber als Führer – und zugleich als Geiseln erboten, was vorsichtshalber angenommen wurde. Indessen hatten die Russen richtig, nach dreimaliger falscher Meldung, die alte Czarenstadt Tirnowa besetzt, und zwar unter höchst charakteristischen Umständen. Als die in gehöriger Anzahl auf bulgarischem Boden stehende russische Heeresmacht sich fächerartig über das Land ausbreitete, galt der erste Vormarsch dem Orte Tirnowa, ungefähr fünfzig bis sechszig Kilometer vom Donauufer entfernt. Es gingen allerhand Gerüchte. Hier, erzählte man sich, wären bald zwanzig- bis dreißigtausend Türken in einer furchtbaren Stellung verschanzt, hier wären unnahbare, mit schweren Belagerungsgeschützen besetzte Walle, eine wahre Festung, eine wirksame Wegsperre zum Gebirge, ein bequemer Ausgangspunkt für einen Angriff gegen die in den Gauen herumspazierenden und herumreitenden Detachements des Feindes. O, man sprach von Tirnowa eine Zeit lang im Hauptquartier zu Simnitza mit einem gar gewaltigen Respect. Man ahnte damals nicht, daß man so bald von dem „Rosengarten“ in lyrischer Andacht erzählen würde, statt eine rauhe Festungsstadt mit trotzigem steinernem Antlitz und hunderten von hervorblitzenden Stahlängelchen beschreiben zu müssen. Den Zauber dieser Verwandlung aber bewirkten die Säbel der Dragoner und die Lanzen der Kosaken des General Sorusk. Sie sollten sich einfach die Stadt etwas mehr in der Nähe anschauen und darüber Meldung bringen. Die Türken wünschten jedoch keine nähere Bekanntschaft und zahlten schleunigst Fersengeld. General Sorusk hätte nach dem Hauptquartier gehorsamst berichten können: „Eure Hoheit haben mich beauftragt, mich in Tirnowa umzuschauen. Es ist geschehen, und die Stadt gefällt mir und meinen Jungens vom Don so sehr, daß wir gleich hier bleiben.“ Die Nachricht dieses raschen, unverhofften und unblutigen Erfolges tröpfelte rieselnden Balsam auf die garstig klaffende Wunde der mörderischen Niederlagen in Asien.

Während der Kaiser durch die Mittheilungen aus Alexandropol sich ziemlich mißgestimmt fühlte und die bangen Sorgen, die er vor Anfang des Krieges empfunden haben soll, neuerdings verspürte, fanden sowohl der Großfürst Thronfolger als der Generalissimus in diesen Hiobsposten nur einen Sporn für eine desto raschere und desto energischer vorwärts stürmende Thätigkeit auf dem europäischen Kriegschauplatze. Rasch war die Armee gebildet, der die schwierige Aufgabe zufiel, Rustschuk von der Landseite zu umzingeln, während die schweren Geschütze von Slobosia und Giurgewo dagegen losdonnerten. Der Czarewitsch brach mit dieser neuen Armee so rasch auf, daß das lächerliche Gerücht entstand, er wäre verschwunden, ja von den Türken gefangen![1] Großfürst Nicolajewitsch ruhte aber nicht eher, bis er [526] sich über die Nachricht der Bulgaren über den Paß beim eisernen Thore Gewißheit verschafft hatte. Es war eine Abtheilung der von dem jüngeren Skobeleff geführten irregulären Cavallerie, die im scharfen Trabe gegen das „eiserne Thor“ vorrückte, die Bulgaren an der Spitze. Nach zweitägigem Ritte kam die Schaar am Fuße der Gebirgskette an, wie ein undurchdringlicher Wall stemmte sich ihnen die ungeheure Bergmasse entgegen, und nur in der Nähe wurde die schmale Oeffnung sichtbar, welche in das Herz des Türkenlandes führte. Vier Kosaken ritten voraus; hätten sich die Bulgaren geirrt, oder hätten seit drei Tagen die Türken ihren unverzeihlichen und unbegreiflichen strategischen Fehler gut gemacht und den Paß besetzt, so waren die Vier unausbleiblich geopfert. Nach einer Pause kehrte Einer in gestrecktem Galopp zu der am Eingange haltenden Rotte zurück. „Die Uebrigen todt? Es fielen doch keine Schüsse.“ Der Reiter meldete, die drei Cameraden wären wohlbehalten und unversehrt über den Paß, sie hielten am andern Eingang Wache, die Front gegen Adrianopel gewendet. Sofort raste eine Stafette ventre à terre nach Tirnowa, um dem Generalissimus das glückliche Ereigniß zu melden.

Nicolaus Nicolajewitsch hatte Befehl gegeben, ihn zu jeder Stunde zu wecken, wenn ein Bote des Generals Skobeleff kommen sollte. Trotz der späten Stunde machte der Courier sofort seinen Bericht. Am nächsten Morgen saß der Prinz mit dem Generalstabschef Nepokoitschsky in der Troika, und unter lustigem Geklingel der Glöckchen ging es nach dem Balkan. Die Fahrt konnte verhängnißvoll werden, denn die ziemlich unwirthlichen Wege hatten kaum einzelne Detachements passirt. Regelmäßiges türkisches Militär hatte sich zwar nirgends gezeigt, aber man war nicht sicher vor dem herumschwärmenden Gesindel der Baschibozouks, Tscherkessen oder anderer ohne Vorurtheile für ihr Privatvergnügen arbeitender Marodeure.

Hatte doch eine solche Rotte sich Tags zuvor bis auf eine Schußweite von dem Hauptquartier gewagt – hungerige Wölfe, die nach Beute spähten, und war knapp zur richtigen Zeit auseinander gehauen worden. Um den Kerls zu imponiren, hatte man mit Aufgebot aller verfügbaren Publicitätsmittel das Standrecht in so fern verkündet, als sämmtliche nicht zum regelmäßigen Militär gehörenden bewaffneten Muselmänner ohne Gnade und Pardon erschossen werden sollen. Es ist dies, wie man versichert, das einzige Mittel, in diesen Zeiten relativ Ordnung zu schaffen. Ohne Unfall, ohne schlimme Begegnung langten der Obergeneral und sein Stabschef an dem „eisernen Thor“ an. Nepokoitschsky kehrte zurück und traf die sofortigen Anordnungen zu einem beschleunigten Anmarsch gegen die von den Türken so willig geöffnete Balkanpforte. Ebenso wie an der Donau nach der Einnahme von Sistowa keine Weile verloren wurde, ging es auch hier im raschesten Tempo vorwärts.

Es ist bekannt, daß eine ansehnliche Macht bereits in der eigentlichen Türkei sich befindet und hier mit Adrianopel auch die Metropole der Sultane, und mit dieser wieder das europäische Gleichgewicht, oder was man noch heute als solches bezeichnet, bedroht. Als die Generäle der alten Schule und vollends die Diplomaten in Bukarest das gelungene Wagstück erfuhren, schüttelten sie bedächtig die Köpfe. Die Ersteren meinten, diese Errungenschaft wäre nicht nach den Regeln erzielt, und solche Vortheile seien gefährlich; die Herren vom grünen Tische aber klagten, daß die Militärs viel zu rasch vorgingen und daß sie, die Diplomaten, sich die Schwindsucht an den Hals laufen müßten, um dem nun eingeführten Tempo folgen zu dürfen. Es ist bekannt, daß jeder Erfolg Rußlands zu vielen Erörterungen führt, daß bei jedem Fuß breit mehr, den russische Soldaten auf Türkenboden besetzen, an die politische Zeitung des Landes mehr oder weniger unverhüllte Fragen gestellt werden, was denn eigentlich nach dem Kriege sein werde, ob man dem Türken ganz den Stuhl vor die Thür Europas setzen wolle, oder ob man ihm nur die blaue Quaste am Fez zur Strafe und Warnung abschneiden solle. Um auf diese Fragen in der gewohnten gewandten, schlauen und ausweichenden Tonart zu antworten, braucht Fürst Gortschakoff Zeit – und die Zeit wird ihm von der raschen Aufeinanderfolge militärischer Resultate nicht gelassen. Ich hatte das Vergnügen, in St. Petersburg die „rechte Hand“ des Fürsten Gortschakoff, Baron J., kennen zu lernen, und ermangelte nicht, demselben im russischen Consulatsgebäude von Bukarest meine Aufwartung zu machen. Es war gerade am Tage, wo man die Einnahme von Tirnowa erfuhr.

„Ja,“ rief Baron J., „was können wir Diplomaten da [527] machen und Beschwichtigungspflaster auflegen, wenn die Cavallerie im Sturme Städte erobert – es bleibt uns nichts Anderes übrig, als unsere Ferien zu genießen; heute führen die Herren Militärs einzig und allein das Wort, es muß sich erst zeigen, was daraus wird, dann erst können auch wir ein Wörtchen mitsprechen.“

Dies zur Charakteristik der herumschwirrenden, wenigstens vorzeitigen, Friedensgerüchte.

Drei Tage darauf, als die erstaunende Kunde von der Ueberschreitung des Balkan wie ein Blitz aus heiterm Himmel kam, fand ich den nämlichen Diplomaten sehr ernst gestimmt.

„Allerdings,“ meinte er, „kann man den Türken gegenüber eine geringere Vorsicht anwenden, als bei einem andern Feinde. Aber das ist zu viel gewagt. Doch,“ fügte er hinzu, „die Militärs müssen wissen, was sie thun, und was für eine Verantwortlichkeit sie haben.“

Da die maßgebenden Gründe für eine Einschränkung des Vormarsches der russischen Hauptmacht ganz besonders in dem Umstände liegen, daß rechts und links von ihnen bedeutende Streitkräfte in festen Stellungen sich befinden, so muß jede Action, welche dem Heere nach rechts und links die Freiheit der Bewegung giebt, als eine vorzügliche betrachtet werden. Einen solchen Erfolg haben nun die Russen, um die Woche gut abzuschließen, in Nikopolis errungen. Nikopolis, sonst eine ziemlich behäbige Stadt von etlichen dreißigtausend Einwohnern – heute ein Schutthaufen –, liegt auf dem bulgarischen Donau-Ufer schräg gegenüber von Turnu-Maguerelé und Islaz, zwei rumänischen Dorfschaften, wovon die eine, die größte, von Russen, die andere von Rumänen besetzt ist. Schon am 27. Juni, da der Donau-Uebergang versucht wurde, hatten die russischen Batterien Nikopolis mit einem derartigen Granatenhagel bescheert, daß schon damals von der armen Festungsstadt schwerlich etwas Gesundes und Ganzes übrig geblieben sein wird. Wie mag es nun jetzt drüben ausschauen, da die Rumänen die ersehnte Erlaubniß erhalten haben, auch mitzuspielen! Die Rumänen waren aber nicht wenig stolz auf die Thätigkeit, welche sie von Islaz aus entwickeln durften, und als die Stadt in die Hände der Russen gefallen war, beeilten sie sich, die Kunde davon so rasch nach Bukarest zu senden, daß der Fürst Gortschakoff auf diesem Wege von dem bedeutenden Ereignisse verständigt wurde, lange ehe eine officielle Bestätigung aus dem Haupt-Quartiere eintraf.

Mit jener politischen Routine, die ihnen eigen ist, benutzten die noch immer bei Kalafat durch das Machtwort des Czaren festgebannten Rumänen die Gelegenheit, eine kleine politische Manifestation zu insceniren. Es giebt nämlich in Bulgarien sehr zahlreiche, ausschließlich von Rumänen bewohnte Ortschaften, die von den anderen bulgarischen Dörfern streng abgeschlossen sind und ihren eigenen Charakter bewahrt haben. Unter den besonderen Eigenthümlichkeiten dieser Leute muß hervorgehoben werden, daß diese Rumänen die Sprache des Landes, in welchem sie sich befinden, nicht erlernen und sich nach wie vor der walachischen bedienen. Mehrere dieser Dörfer liegen hart an Nikopolis, gegenüber von Islaz. Ein rumänischer Officier wirkte sich leicht von dem Commandanten die Erlaubniß aus, drüben eine Recognoscirung auszuführen, und er kam in die erwähnten Dörfer. Hier wurde Salz und Brod gebracht, ohne dabei einige Tonnen zu vergessen, welche von den Dorobanzen und den rumänisch-bulgarischen Bauern gemeinschaftlich geleert wurden auf die Größe und die Neugeburt des ganzen rumänischen Reiches. Das Ganze war nicht übel in Scene gesetzt.

Der Fall von Nikopolis ist insofern merkwürdig, als er beweist, daß die Türken durchaus nicht freiwillig die Donau-Linie räumten, weil sie ohne den ernsten Willen der Vertheidigung sicherlich nicht eine ganze Division geopfert hätten, die nun den [528] Russen in die Hände gefallen ist. Allerdings war diese Division auf ein Minimum zusammengeschrumpft, denn sie zählte nur sechstausend ganz herabgekommene, halb verhungerte Menschen. Es klingt daher auch nicht wie bloße Rodomontade, wenn erzählt wird, daß die Meisten froh waren, in Gefangenschaft zu gerathen. Jedenfalls sah gestern der zur Internirung nach Bukarest abgehende Assam-Pascha, ein feister, nicht unschöner Herr, nicht darnach aus, als mache ihm sein Schicksal besondere Schmerzen. Er speiste wohlgemuth in dem Absteigequartier, wo er den Tag zugebracht hatte, spaßte mit den ihn begleitenden russischen Officieren und schien sich wenig um die Neugierde zu kümmern, die er hervorrief, als er vom Bahnhofe Targovisti in der Richtung nach Kischenew weiter dampfte.

Der jähe Fall von Nikopolis wird als ein Fingerzeig für das Schicksal von Rustschuk betrachtet. Gegen diese offenbar dem Untergange geweihte Stadt zieht sich ein artilleristisches Donnerwetter zusammen, gegen welches das bereits ausgestandene kaum ein Sprühregen sein dürfte. Ihr Berichterstatter ist am Posten und wird bald von dieser Richtung aus Interessantes zu erzählen haben, das sich jedoch im heutigen Stadium der Berichterstattung noch entzieht.
Paul d’Abrest.
  1. Die Ursache dieses angeblichen Verschwindens suchte man jedoch nicht in der oben angegebenen Thatsache allein, sondern durch die gesammte Presse lief die Nachricht, die Unzufriedenheit des Czarewitsch über den langsamen Gang der Kriegführung habe selbst zu „Scenen“ zwischen ihm und seinem kaiserlichen Vater geführt, und sie seien der Anlaß zu seinem plötzlichen Verschwinden gewesen.
    D. Red.