Suleika’s Eden

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Autor: Malvina von Humbracht
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Titel: Suleika’s Eden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 804–808
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Marianne von Willemer und die Oberrader Gerbermühle
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Suleika’s Eden.


Wenn schon im gewöhnlichen Leben die Orte, wo liebe Freude und Bekannte wohnen, ein besonderes Interesse für uns haben, um wie weit mehr ist dies bei den Stätten der Fall, um welche sich Erinnerungen an Menschen weben, die zu den bedeutendsten Geistern ihres Jahrhunderts zählten, und denen die Nachwelt eine gleiche Verehrung und Bewunderung zollt, wie sie die Mitwelt ihnen einst im persönlichen Verkehre huldigend darbrachte.

Eine solche Stätte ist die unweit Frankfurt und Offenbach, nahe Oberrad, am linkem Mainufer belegene Gerbermühle, zugehörig zum Terrain des Strahlenberger Hofes, den der Volksmund „Wasserhof“ benennt.

„Dem alten, noch aus fernen Jahrhunderten stammenden Baue der Gerbermühle, den die prachtvollsten Bäume umschatten, fehlt zwar die zur Zeit übliche Gedenktafel mit der Inschrift, daß Goethe dort wohnte und schon in seiner Kindheit und Jugend der Weg zu diesem Hause am heimathlichen Strome entlang – oder auch weiter darüber hinaus gen Offenbach – sein Lieblingsweg war.

Solche Gedenktafel ist dort aber in der That überflüssig. – Unseres großen Dichters und Denkers Vorliebe für diese Stätte am Main ist längst weltbekannt. Mindestens kamen schon seit vielen Jahren Verehrer und Verehrerinnen Goethe's aus dem In- und Auslande und aus allen Weltgegenden dahin. Sie durchwanderten das Haus und betrachteten mit besonderem Interesse das Zimmer, das Goethe bewohnte; sie durchstreiften den Garten und schauten ehrfurchtsvoll zu den alten Bäumen empor, deren Zweige, wie wohl Mancher sagte, „schon über seiner erhabenen Dichterstirn dahin rauschten,“ und die, wie ich mich etwas einfacher ausdrücken möchte, ihm nicht allein den wohlthuenden Schatten gespendet, sondern auch Zeugen waren, wie die damaligen Bewohner der Gerbermühle, der Geheime Rath von Willemer und dessen reich begabte Gattin Marianne, sowie auch deren ganzer Verwandten- und Freundeskreis, ihn geehrt und gefeiert haben – Zeugen jener abendlichen, stillen, einsamen Spaziergänge, die Goethe dort mit der schönen, geistreichen jungen Frau machte, die er in seiner Suleika des „Westöstlichen Divans“ für alle Zeiten verewigte und die sich durch jene Suleika-Lieder, die sie dazu lieferte, einen berühmten Namen gemacht hat. Ueber Inhalt und Form des „Westöstlichen Divans“, jener im Stil eines Hafis geschriebenen orientalischen Liebes-Gedichte des

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Die Gartenlaube (1877) b 805.jpg

Die Gerbermühle bei Frankfurt am Main.
Originalzeichnung von Ludwig von Roeßler in Frankfurt am Main.

[806] alternden Goethe, ist in Literaturgeschichten schon so vielfach gesprochen worden, daß dieselben bei den Lesern wohl als bekannt vorausgesetzt werden dürfen.

Nächst Goethe ist's jene interessante Frauenerscheinung, die Dichterin Marianne von Willemer, die der Gerbermühle wechselnden Baumesschatten mit dem unverwelklichen Gezweige des Lorbeers durchflochten und das alte Haus mit dem ewig jungen, ewig frischen Hauch der Poesie und Anmuth umwoben hat. Der Lebenslauf dieser Marianne-Suleika, die unstreitig eine der begabtesten und geistig bedeutendsten Freundinnen Goethe's war, ist seit den letzten zwei Jahren in weitesten Kreisen bekannt geworden durch die beiden über sie erschienenen Werke. Das erste betitelt sich: „Goethe und das Urbild seiner Suleika“ und ist von E. Kellner, der Wittwe eines Frankfurter Mediciners verfaßt worden, welcher Frau von Willemer's Arzt in deren späteren Lebensjahren war und zu ihren intimern Freunden zählte. Das zweite Werk ist der schon seit vielen Jahren mit Spannung erwartete „Briefwechsel zwischen Goethe und Marianne von Willemer.“ Er wurde von einer Tochter Willemer's, einer Frau Scharf in Frankfurt, treu und ängstlich behütet, und sie hatte auch bestimmt, „daß er erst nach ihrem Tode der Oeffentlichkeit übergeben werden dürfte“. Dieser Briefwechsel ist vom Herausgeber, Herrn Professor Th. Creiznach, mit oft höchst interessanten Erläuterungen versehen worden, die auf eingehender Forschung beruhen sollen und mithin als werthvoller Beitrag zur Goethe-Literatur betrachtet werden müssen. Durch das kleine Kellner'sche Buch tritt Marianne von Willemer in dem vollsten Zauber einer anmuthigen und reizenden Frauengestalt vor uns hin. Sie tritt uns nahe durch die lebendigen Beschreibungen der Verfasserin, die ihr nicht nur verwandt war, sondern auch seit ihrer Kindheit in Verkehr mit ihr stand. Durch sie, in deren Besitze viele von den kleinen Gedichten waren, die Marianne einst nur für den engsten Familienkreis geschrieben, lernen wir die hochpoetische Suleika auch von der muthwilligen, echt humoristischen Seite kennen.

Für die Leser dieses Blattes in fernen Landen und Zonen, in entlegener Steppe und Prairie, zu deren Wohnstätten wohl die deutsche „Gartenlaube“ seit lange den Weg fand, aber vielleicht nicht jene beiden Werke drangen, die Näheres über das Privatleben der Marianne-Suleika veröffentlichten, sei Nachstehendes über die reizende Freundin Goethe's gesagt, über das Haus, in welchem sie sich kennen lernten und wo auch jene geistvollen Dichtungen des Buches „Suleika“ entstanden sind.

Marianne von Willemer stammt aus Oesterreich. Sie war die Tochter des Instrumentenmachers Jung und wurde am 20. November 1784 in Linz geboren. Ihre schon in zartester Kindheit auf überraschende Weise hervortretenden und sich entwickelnden Talente wurden in ihrer Heimath durch einen Geistlichen gepflegt und gefördert. Er war es, der ihr, die später so Ausgezeichnetes in der Musik leistete, den ersten Unterricht gab und mit ihr Klopstock und andere Dichter las. Seit ihrem achten Jahre schon der Bühne angehörig, kam sie mit vierzehn Jahren mit einer Wandertruppe und in Begleitung ihrer Mutter nach Frankfurt am Main. Sie trat dort in verschiedenen Gesangsstücken auf, auch als zierlichste Bravourtänzerin des Eier- und des graziösen Shawltanzes. Am Weihnachtstage 1798 war ihr erstes Debüt im „Unterbrochenen Opferfeste“.

Dieses Auftreten der wunderlieblichen Marianne in der alten Kaiserstadt sollte sehr bedeutsam für ihr Leben, folgereich für ihre ganze Zukunft werden. Unter den Mitgliedern der Theaterdirection befand sich damals durch Wahl der Actionäre Herr Johann Jakob von Willemer, ein sehr reicher Herr, einer der ältesten Familien der freien Reichsstadt angehörig. Obgleich er Banquier war und für einen guten Geschäftsmann galt, strebte sein Geist dem Idealen zu, und jedes Außergewöhnliche interessirte ihn sofort. Der Kunst und der Wissenschaft huldigte er vor Allen. Der besten Erziehung, die er genossen, hatte er durch eifrigstes Studium weiter nachgeholfen, sodaß er als ein Mann von ungewöhnlicher Bildung bekannt war. Schriftstellerte er auch viel und gern, so blieb doch seine hervorragendste Leidenschaft das Theater, dem er Kräfte, Zeit und Geld opferte. Die überraschenden Talente der kindlichen Marianne Jung, die ebenso schön sang, wie sie entzückend tanzte und spielte, ihre Lieblichkeit, Anmuth und Schönheit, all dies, das sie so schnell zum entschiedensten Lieblinge des Publicums machte, wurde für Herrn von Willemer, der das Theater kannte, ein Quell der Sorge und veranlaßte, daß er des Mädchens Mutter dazu bewog, sie dem für all jene glücklichen Naturgaben so gefährlichen Boden der Bühne zu entziehen, sie ihm anzuvertrauen, der sich anheischig machte, für ihre weitere Ausbildung und ihre Zukunft dadurch am besten zu sorgen, daß er sie in sein Haus nahm.

Herr von Willemer, 1760 geboren, war zu der Zeit, obschon erst achtunddreißig Jahre alt, bereits zweimal verheirathet gewesen und beide Frauen ihm gestorben. Er hatte drei Töchter, von denen die älteste in ziemlich gleichem Alter mit Marianne stand. Sein jüngstes Kind, ein Sohn, soll 1795 geboren sein und war mithin elf Jahre jünger, als die Pflegeschwester, die er 1799 in Marianne Jung erhielt.

Kennt man Frankfurt und legt noch in die Wagschale, daß zu jener Zeit die Bühne und die Kunst noch nicht im Entferntesten die Gerechtsame und den Ruf unserer Tage hatten, so ist es begreiflich, daß jener Schritt des Herrn von Willemer, der eine fremde, junge Schauspielerin in sein Haus versetzte und zur Lebens- und Lerngefährtin seiner Töchter machte, gewaltiges Aufsehen erregte, den heftigsten Tadel erlitt, von dem man noch jetzt in Frankfurt zu berichten weiß und von welchem uns persönlich im Herbste 1868 jene Tochter des Herrn von Willemer, Frau Scharf, erzählte. Diese Dame, damals schon über siebenzig Jahre alt, war, wie sie uns sagte, nach der Gerbermühle gekommen, um vor ihrem Tode doch noch einmal das Haus zu sehen, in welchem sie einen Theil ihrer Kindheit und ersten Jugend verlebt und so frohe, glückliche Tage genossen. Sie stand am längsten an dem Platze unter den alten Bäumen, nahe dem Hause, wo Willemer seinen Töchtern den Traualtar errichtet und auch Frau Scharf das bindende „Ja“ für's Leben ausgesprochen hatte.

Bei ihrem Gange durch das Haus wurde die alte Dame sehr lebhaft. Sie berichtete ebenso viel aus ihren Kinderjahren und von ihrer Pflegeschwester Marianne, wie von der spätern, so interessanten Zeit auf der Gerbermühle, zehn Jahre nach ihrer Verheirathung, wo Goethe dort gewohnt, viele berühmte Fremde ihn aufgesucht, und wo seine Freundschaft zu der begabten Marianne entstanden, die Hermann Grimm – bekanntlich mit einer Nichte von Clemens Brentano verheirathet – zuerst eingestand, daß sie jene schönen Suleika-Lieder gedichtet.

Frau Scharf, die 1868 einen durchaus einfachen und sehr praktischen Eindruck machte und den „idealen Zug“ von ihrem Vater nicht geerbt zu haben schien, sprach, wenn sie von Marianne redete, doch in anderer, weicherer und wärmerer Weise. Der einstige Zauber der Erscheinung Mariannens wirkte offenbar noch nach.

Ueber den vielfach getadelten Schritt ihres Vaters, der „die Schauspielerin“ in sein Haus genommen, sagte sie: „Sie war alles Andere, als das, sie war das wahrste, offenste und liebenswertheste kleine Wesen, das man sehen konnte. Und meinen Vater muß man gekannt haben, um es völlig natürlich zu finden, daß er bei seinen idealen Bestrebungen für Menschenwohl und Menschenglück sich zum Beschützer und Retter dieses begabten und bezaubernden Mädchens aufgeworfen hat.“

Von Mariannens Eintritt in ihr Vaterhaus sagte Frau Scharf: „Wie Vieles sich auch in Erinnerung und Empfindung schon bei mir abgestumpft hat, unvergeßlich ist mir immer Tag und Stunde geblieben, wo mein Vater hier auf der Gerbermühle mit jenem holdseligen jungen Mädchen zu uns in das Lehrzimmer trat und die Worte sprach: 'Hier bringe ich Euch noch eine Schwester.' Marianne Jung erschien uns wie aus einer andern Welt stammend, und immer habe ich selbst später gedacht, es sei so. Sie war anders, als alle andern Frauen und Mädchen, die ich je gekannt; sie war begabt und bevorzugt vor Tausenden, und mit ihren Talenten, ihrer Schönheit und Anmuth hielt die Güte und Liebenswürdigkeit ihres Charakters so vollkommen gleichen Schritt, daß, gebührte einem irdischen Wesen die Bezeichnung 'Engel', sie vor Allen Anspruch darauf gehabt hätte.“ –

Daß das damals „fremde Element“ im Willemer'schen Hause später das „belebende“ wurde, darüber herrscht nur eine Meinung. Das schroffste Urtheil stimmte die kleine Fee Marianne später in Liebe und Bewunderung um, und der Zauberstab, [807] den ihr ein gütiges Geschick für die Wanderung durch's Leben heimlich in die Hand gegeben hatte, berührte alle Herzen sanft und schmeichelnd. Ihre bedeutenden Geistesfähigkeiten, ihre Talente entfalteten sich bei der weitern sorgfältigen Ausbildung in glänzendster Weise. Das völlig Sorgenfreie und Schattenlose ihrer neuen Existenz, sowie auch das von Marianne niemals unterschätzte Glück: „die Lage und Zukunft ihrer Mutter durch ihren gütigen Wohlthäter so vollkommen gesichert zu wissen“, steigerten den Frohsinn ihres Herzens und jene heitere Lebendigkeit, die der ureigenste Kern ihrer frischen, gesunden Natur war.

Daß die poesievolle und reizende Umgebung der Gerbermühle, in welche Marianne nun versetzt war, nur anregend und fördernd auf ihre dichterische Begabung wirken konnte, unterliegt für den keinem Zweifel, der diese Stätte am Main nur flüchtig sah. Die Gerbermühle ist unstreitig einer der schönsten Punkte bei Frankfurt. Nirgend wenigstens zeigt sich der Mainstrom so vortheilhaft. Der tiefe Einschnitt eines von Schilf und alten knorrigen Weiden umsäumten Bogens, unweit vom Hause, das dicht am Ufer aufsteigt, verleiht dem Flusse dort etwas von der majestätischen Weite eines Sees, und die wechselnde Beleuchtung, die Wolken und Farben des Horizonts, überflutheten Wogen und Wellen mit einem unsagbaren, ewig neuen Reiz. In imposantem Bilde erhebt sich jenseits des farbenleuchtenden Wasserspiegels die Stadt, im Vordergrunde überragt vom alten Kaiserdome und der breiten Kuppel der Paulskirche, über der das goldene Kreuz am Thurm als weithin strahlendes Wahrzeichen schimmert. Die Berge des Taunus und an sie sich anschließend der duftig blaue Höhenzug des Rheingaus begrenzen in weitem köstlichem Rahmen die Landschaft, die an der Uferstätte der Mühle von blühender Feld- und Wiesenflur, von dem dichten, dunklen Saume des Isenburger und Frankfurter Waldes umschlossen wird.

Der Zauber dieser Lage soll Herrn von Willemer hauptsächlich bewogen haben, die Gerbermühle und deren Garten zu miethen. In seinem Besitze aber, wie dies so häufig gesagt und selbst geschrieben wurde, ist sie niemals gewesen. Sie gehört zu einem Erblehn, gehört seit Jahrhunderten und bis zur Stunde dazu, und davon ist nicht ein Fuß breit Scholle Land verkäuflich, außer demjenigen, das der Staat zu Eisenbahnzwecken, durch Expropriationsverfahren an sich bringt.

Der Strahlenberger Hof selbst war ebenfalls nie von Herrn von Willemer gemiethet; er war noch Jahre nach seinem Tode in Erbpacht und in Händen einer ihm fern stehenden Familie.

Zeitig im Frühjahr pflegte Herr von Willemer schon auf die Mühle zu kommen und sie auch meist erst im Spätherbst zu verlassen. Wie Frau Scharf uns sagte, verlebten sie oft noch das Weihnachtsfest draußen, denn aller Kinder größter Jubel und Mariannens Lieblingsfeier am Heiligenabend war, wenn Willemer eine Tannengruppe am Einfahrtstor, nahe dem Hause, mit vielen Lämpchen erhellen ließ und wenn die also geschmückten Bäume mit ihren oft schneeumhangenen Zweigen so hell und golddurchfunkelt aus dem schneeumlagerten Garten aufstiegen und licht die dunkle Christnacht durchstrahlten; dann standen die Kinder alle, und Marianne im Vordergrunde, an den geöffneten Fenstern des Gartensaals und sangen das alte Weihnachtslied: „Stille Nacht, heil'ge Nacht“. – Und an dieser reizenden Feier pflegte die Bevölkerung von Oberrad lebhaftesten Antheil zu nehmen. In dichten Gruppen stand sie auf der Landstraße. Waren die Töne verhallt, die Lichter erloschen, so entfernte sie sich mit einem „Hoch“ auf Willemer und sein Haus.

Marianne theilte die Vorliebe der Familie für die Gerbermühle. Sie begrüßte das alte Haus im Frühlinge mit immer neuem Liede, und rief bei der Abfahrt solchen Scheidegruß ihm zu. Niemand weiß, wo sie geblieben, all diese Dichtungen. Denen, die sie gekannt und von ihr erzählt haben, war nur erinnerlich, daß Marianne die gebundene Form der Sprache ebenso zu Gebote stand, wie die Macht des Gesanges, die ja selbst Goethe berauschte.

Am 26. September 1814, nachdem Willemer's letzte und jüngste Tochter schon fünf Jahre verheirathet war, vermählte er sich erst mit Marianne. Wie man hört, wollte er kein Egoist sein; er wollte ihr Zeit lassen, ihr eigenes Herz, sowie die Männer zu prüfen, die ihr huldigend nahten. An Gelegenheit zu Bekanntschaften fehlte es ihr nicht. Das Willemer'sche Stadthaus, wie auch die Gerbermühle waren der Mittelpunkt des geistigen Lebens und jedem Fremden von Bedeutung ebenso gastlich geöffnet, wie den einheimischen Freunden und Bekannten. – Clemens Brentano, mit seiner genialen Schwester Bettina häufig ein Gast Willemer's, erscheint flüchtig als einer der Verehrer, die mit den Huldigungen ernste Absicht auf Mariannens Hand verbanden. Nach Meinung Einzelner war seine Familie gegen die Heirath; nach Andern hielt Marianne nie sein Gefühl für ein tieferes, noch erwiderte sie dasselbe. Ihr Ideal war ihr Wohlthäter geblieben, in dem sie stets mehr einen Gott, als einen Menschen gesehen.

Ein besonders angelegter und bedeutender Charakter war Herr von Willemer jedenfalls und dazu äußerlich bevorzugt. In seiner Erscheinung lag etwas sehr Vornehmes; auch rühmt man ihm ein feines, formenvollendetes Wesen und Auftreten nach, wie auch, daß Güte des Herzens mit seiner hohen Bildung Hand in Hand gingen.

Das beste Zeugniß für seinen innern Werth ist wohl die Freundschaft, die Goethe ihm durch's ganze Leben und bis zum Tode bewahrte. Von seinem Edelmuthe zeugt eine selten große That, die er vollbrachte: Sein einziger Sohn, den er leidenschaftlich liebte, wurde, kaum zum Jüngling herangereift, im Duell erschossen. Als der tieferschütterte Vater hörte, jener bereits gefänglich eingezogene Gegner seines Sohnes sei auch ein einziges Kind seiner Eltern, reiste er nach Berlin. In persönlicher Audienz flehte er den König von Preußen um Gnade an für den, der ihn des Sohnes beraubt, und das Außergewöhnliche dieser Bitte bewog den Monarchen, sie zu erfüllen.

Willemer zählte vierundfünfzig Jahre, Marianne war neunundzwanzig alt, als sie sich 1814 vermählten. Man sagt, sie sei noch im vollen Besitz des Zaubers holder Lieblichkeit und Anmuth gewesen, als sie heiratete. Ihre Schönheit gipfelte in großen, tiefdunkeln Augen, einem warmen Colorit und in jenem wechselnden Ausdruck der Züge, der ihr zart gebildetes Antlitz so unaussprechlich anziehend machte.

Ein Jahr nach ihrer Verheirathung lernte Goethe sie kennen. Er war auf der Gerbermühle vom 12. August bis 8. September 1815. Dann übersiedelte er in das Willemer'sche Stadthaus in Frankfurt. Dort blieb er bis zum 19. des Monats und kam von da aus noch einige Male zur „schönen Müllerin“ auf die Mühle.

Sulpiz Boisserée, zu der Zeit auch wiederholt ein Gast des Willemer'schen Hauses, schreibt in seinem Werke, das auch seine Tagebücher enthält, in oft sehr ausführlicher Weise, wie man Goethe gefeiert und geehrt. – In dem „Briefwechsel von Goethe und Marianne von Willemer“ finden sich ebenfalls reiche Erinnerungen an die Wochen, die ihre Freundschaft besiegelten. Im Buche „Suleika“ des „West-Oestlichen Divans“ begegnen uns auch die Anklänge an die Gerbermühle. Sogar den vielen dort reifenden Kastanien ist ein Denkmal gesetzt wie auch dem „alten Canale am Ende der 'Hauptalleen'“. Er heißt der Grenzgraben und die junge Marianne nannte ihn nach einer Geographiestunde die „Bidassoa“.

Nahe dieser Grenze stand noch bis vor Jahren die Laube, die ihr Lieblingsplatz gewesen und die uns stets als „Mariannens Ruhe“ bezeichnet worden ist. Man genießt von dem Platze aus nicht nur jenen schönen Blick auf Frankfurt und den Taunus, sondern auch zur Rechten kann das Auge ebenso weit schweifen, hin bis zum lichtblauen Zuge des Alzenauer Freigerichts, den Vorbergen des Spessart, die jene fernen Weiten des Mainthales umgrenzen.

Die Zweige des Weißdorns, welche diese Laube bildeten, waren zu förmlichen Stämmen angewachsen und dicht bemoost. Es ging ihr wie so mancher historischen Erinnerung: dem Unverstande zum Opfer zu fallen. Ein Oberräder, der nicht das mindeste Recht an die Stelle besaß, hatte sie eines Tages abgesägt. –

Die innere Einrichtung der Gerbermühle zur Willemer'schen Zeit gab uns Frau Scharf genau an. So weit sie auf Goethe und Suleika Bezug hat, gebe ich sie hier zur Erläuterung der Illustration wieder. Das Bild veranschaulicht die Südseite des Hauses, die nach dem Garten mündet, hinter dem sich jetzt die Offenbacher Localbahn und die Bebraer Eisenbahn hinzieht. [808] Jenseits derselben liegt Oberrad. An der Ecke des Hauses, wo sich zur Zeit ein Altan erhebt, befindet sich die dahin mündende Thür, das ehemalige Fenster des von Goethe bewohnten Zimmers. Die drei nächsten Fenster sind die des „Gartensaals“, wo man sich zum Mittag- und zum Abendessen versammelte, wo die größeren Gesellschaften stattfanden und auch Mariannens Clavier stand. Das fünfte Fenster gehörte ihrem Cabinet an. Es war das ehemalige Lehrzimmer – der erste Raum, den sie in der Gerbermühle betrat. Aus der Wahl dieses Stübchens zu dem ihrigen läßt sich schließen, daß ihr die Erinnerung werth war. In dem angrenzenden kleinen Nebenbau waren die Fremdenzimmer, und dort hauste auch Sulpiz Boisserée. Das Goethe'sche Eckzimmer hat noch zwei nach Westen gehende Fenster, wo sich der Blick auf Stadt, Strom und Gebirge, auf Wiese, Feld und Wald bietet. An diese Eckstube grenzt das ehemalige Balconzimmer und daneben lag Herrn von Willemer's Arbeitscabinet.

Nach dem Balconzimmer war und ist stets die meiste Nachfrage der Fremden. Man weiß aus jener Zeit, daß Goethe diesen Balcon sehr liebte, von wo aus er die Sonnenuntergänge an den Höhen der Feldberge beobachtete. Die Farbengluth am Himmel und auf dem Wasser soll ihn stets an Neapel gemahnt haben. Nur dort habe er's gesehen und gesunden, daß die Farben sich so lange hielten, wie an dieser Mainstätte. Man hat Goethe auf diesem Balcon oft noch spät Abends mit einem oder mehreren Lichtern gesehen Er studirte dort, wie auch Sulpiz Boisserée schreibt, den Effect der Helle, des Lichtstrahles und sammelte neuen Eindruck zur Farbenlehre.

Jener damalige Balcon war tief und weit überwölbt von den Zweigen der Bäume, dem sogenannten „Wäldchen“, welches das Haus am Ufer vom Maine abgrenzt. Ein Fenster des Balconzimmers trug Goethe's von ihm selbst geschriebenen Namenszug, nach dem Jeder fragt und sucht, der kommt. Wir, die wir Ostern 1863 die Gerbermühle bezogen, fanden aber schon jene berühmte Scheibe nicht mehr. Namentlich Engländer fragten darnach, und sie, die mitunter bis zu den Böden hinaufstiegen, suchten dort sogar unter alten, dort stehenden Fenstern und Glasscherben nach dem Namenszuge, immer aber vergebens. –

Ein zweiter Hauptpunkt der Forschung ist das nahe dem Hause am Offenbacher Fußwege stehende Heiligenhäuschen, das die in allen Schriften meist „variirte“ Jahreszahl „1519“ trägt und ein Wappen, an das Frau Sage ihre anmuthigen Fäden spann. An den Stufen dieses von uralten Bäumen tief und dicht umschatteten Heiligenstocks ruhte Goethe gewöhnlich aus, bevor er weiter nach Offenbach wanderte. – 1815, als er auf der Mühle wohnte, pflegte er mit jedem Fremden, der ihn aufsuchte, vor das Stück Alterthum hinzutreten und auch Sulpiz Boisserée mußte es bewundern.

Wandelte Goethe mit der schönen Marianne Abends im Garten umher, so pflegten sie oft lange an diesem Heiligenstock zu stehen und das Mondlicht zu betrachten. Von keiner andern Stelle des Gartens wirkt es so magisch und phantastisch in seinem Licht- und Schattenspiel, in jenen gebrochenen Reflexen, die durch das Baumgezweig zittern und spielend über den dunkeln Rasen hingleiten. Oberrader alte Leute, die mir von diesen Spaziergängen erzählten, die sie in ihrer Jugend beobachtet, setzten hinzu: „Aber geliebt – was unsereins Liebe nennt – das haben sie sich nicht, denn niemals küßten sie sich.“

Frau Scharf's Augen leuchteten hell auf, als ich ihr von dieser originellen Schlußfolgerung erzählte, und sie bat mich: „Vergessen Sie das nicht und halten Sie es dagegen, wenn Jemand in jener reinen und idealen Freundschaft Goethe's und Mariannens je mehr als Freundschaft sehen sollte!“

An das Zusammensein Goethe's mit Marianne und deren Gatten schließt sich Aller Reise nach Heidelberg. Wie glücklich Marianne in der Zeit war, es spricht sich deutlich in jenem schönen, schwungvollen Gedichte aus, das sie neun Jahre später in den Ruinen des Heidelberger Schlosses schrieb. Und schließt sie jenes Gedicht mit dem Jubelruf: „Hier war ich glücklich, liebend und geliebt“, so sagte sie nur die Wahrheit. Sie war seit kaum Jahresfrist dem Manne verbunden, dessen Gestalt sie mit allen Träumen ihrer Jugend verwoben; sie hatte durch ihn seinen liebsten, seinen vergötterten Freund kennen gelernt, und er war auch ihr Freund geworden. Willemer's ganzer Verwandtenkreis trug Marianne auf Händen, und als die noch Lebenden dieses Kreises sie zur ewigen Ruhe bestattet, setzten sie auf ihren Denkstein jene wundervollen Worte aus dem ersten Korintherbriefe: „Die Liebe hört nimmer auf.“

Marianne von Willemer überlebte Freund und Gatten um viele Jahre. Herr von Willemer starb am 10. October 1838 und liegt neben seinen beiden ersten Frauen auf dem alten Oberrader Kirchhofe, dem ehemaligen Klosterkirchhofe, begraben, der an die kleine protestantische Kirche stößt, die auch noch aus der Klosterzeit stammt.

Marianne, die am 6. December 1860 starb, ruht auf dem Friedhofe in Frankfurt, neben der jüngsten Tochter ihres Gatten. Eine wundervolle Edeltanne steht unfern ihres Grabes. Als ich vor einigen Abenden dort stand, leuchteten die Sterne hell und golden durch das tiefdunkle Gezweig. Unwillkürlich mußte ich daran deuten, wie sie einst an Christabenden das Licht in solchen Tannen geliebt! Jetzt strahlt es nieder auf den epheuumkränzten Hügel, dessen Marmorkreuz ihren Namen trägt, und überleuchtet die goldene Inschrift: „Die Liebe hört nimmer auf.“

M. von Humbracht.