Talleyrand

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Talleyrand
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 336
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[336] Talleyrand. Wir gaben neulich einige geistreiche Aperçus des berühmten französischen Staatsmannes Talleyrand und wollen dem noch einige weniger bekannte beifügen.

Es war unter der Restauration. Talleyrand hatte sein Ministerium niedergelegt und war Groß-Kammerherr geworden. Die Julirevolution grollte schon von ferne. Talleyrand befand sich im Tuilerienlchloß und lehnte gedankenvoll in einer Fenstervertiefung, als sich ihm der Graf von Girardin, der sehr stark schielte, näherte.

„Nun, mein Fürst,“ frug er Talleyrand, „wie gehen die Angelegenheiten?“

„Wie Sie sehen, mein General,“ war des Diplomaten sarkastische Entgegnung.

Ludwig XVIII. war Talleyrand, trotzdem, daß die Bourbonen im Grunde diesem Staatsmanne ihre Wiedererhebung auf den Thron verdankten, nicht günstig gesinnt. Wo er ihm einen Streich spielen konnte, that er es. Talleyrand’s geistige Ueberlegenheit war dem Könige unbequem.

Nach der Restauration hatte sich Fürst Talleyrand von seiner Frau getrennt, die er nach England schickte, wo er ihr eine jährliche Pension von 60,000 Francs auszahlen ließ. Als Ludwig XVIII. davon unterrichtet war, schickte er im Geheimen an Frau von Talleyrand den Befehl, zurück nach Paris zu kommen. Nichts war der Fürstin erwünschter und sie kehrte sofort zum großen Mißvergnügen ihres Gatten zurück. Bald nach ihrer Ankunft frug nun der König ganz zufällig:

„Ah, mein lieber Fürst, ist es wahr, daß die Fürstin wieder in Paris sich befindet?“

„Sehr wahr, Sire, sehr wahr,“ antwortete Talleyrand ganz gelassen, „was wollen Sie? ich mußte wohl auch meinen zwanzigsten März haben.“

Der König schwieg und bis sich in die Lippe. Der zwanzigste März war bekanntlich der Tag, an welchem Napoleon, von Elba zurückkehrend, in Paris wieder eingezogen war.

Unter dem Ministerium Villèle sah er den Grafen Ferrand, auf zwei Bediente gestützt, in die Pairskammer treten. Talleyrand wendete sich zu seinem Nachbar:

„Sehen Sie Ferrand, mein Freund? Er ist ein leibhaftiges Bild der Regierung. Er glaubt zu gehen, während man ihn trägt.“

Von der Pikanterie Ludwig’s XVIII, der sonst ein sehr gemüthlicher Mann mit vieler Neigung zur Gourmandise und feiner Ironie war, gegen Talleyrand haben wir eben ein Beispiel erzählt. Als im Jahre 1823 der Feldzug gegen Spanien beschlossen wurde, opponirte Talleyrand in der Kammer heftig dagegen. Die Hofpartei nahm ihm dies sehr übel, und man gab dem Könige zu verstehen, er möchte Talleyrand vom Hofe verbannen und auf seine Güter verweisen, ganz wie es sonst zu den Zeiten Ludwig’s XIV. und Ludwig’s XV. Sitte, wo es hieß: car tel est mon plaisir.

Der König ergriff begierig die Gelegenheit, Talleyrand zu ärgern. Der Fürst war Groß-Kammerherr und mußte als solcher zu gewissen Tagen am Hofe erscheinen. Als er nun das erste Mal nach seiner Kammersitzuug, die ihm die königliche Ungnade zugezogen, wieder bei Hofe erschien, sagte Ludwig XVIII. zu ihm:

A propos, Fürst, ich mache Ihnen mein Compliment. Sie gehen auf’s Land.“

„Nein, Sire, ausgenommen, wenn Eure Majestät sich nach Fontainebleau begeben, in welchen Falle ich mich um die Gunst bewerben würde, Sie dahin begleiten zu dürfen.“

„Nein, nein,“ rief der König verlegen, „das meinte ich nicht .... Im Uebrigen .... genug davon.“

Am nächsten Sonntag richtete der König dieselbe Frage an Talleyrand, und erhielt die nämliche Antwort. Endlich, als der Fürst durchaus nicht den Wink zu verstehen schien, frug er ihn am dritten Sonntag:

A propos, sagen Sie mir doch, wie weit ist es von Paris bis nach Valençay (dem Landgute des Fürsten Talleyrand)?“

Ma foi, Sire!“ rief jetzt Talleyrand ungeduldig, „ich weiß es nicht genau. Aber ich glaube, doppelt so weit, als von Paris bis Gent.“

Dieser Hieb saß, Ludwig dachte nie wieder daran, den Fürsten zu fragen, ob er auf’s Land gehe.

Aber auch Napoleon gegenüber zeigte Talleyrand dieselbe Geistesgegenwart, und der Kaiser war ein ganz anderer Mann, als die Bourbonen, der nicht mit sich spaßen ließ. Anfang 1814, als die Alliirten in Frankreich eindrangen, wurde Napoleon benachrichtigt, daß man vermuthe, Talleyrand zettle ein Complot gegen ihn an. Der Kaiser ließ den Fürst rufen, und sagte rauh und streng zu ihm:

„Ich weiß, was Sie treiben. Ich weiß, daß Sie sich einbilden, im Falle eines mich betreffenden Unglücks,“ und der Kaiser machte bei diesen Worten eine sehr bezeichnende Gebehrde, „an der Spitze eines Regentschaftsraths sich zu befinden. Nehmen Sie sich in Acht. Man gewinnt nichts, gegen meine Macht zu intriguiren. Ich erkläre Ihnen, daß, wenn ich gefährlich krank würde, Sie noch vor mir sterben müßten.“ und er begleitete diese Worte mit einem furchtbar drohenden Blick und einer Handbewegung, die Talleyrand keinen Zweifel über den Sinn dieser Worte ließ. Statt sich aber dem Kaiser zu Füßen zu werfen und entweder seine Unschuld zu versichern, oder sein Vergehen zu beichten, entgegnete er mit einem dankbaren, theilnehmenden Blick auf der Stelle:

„Sire, ich bedurfte einer solchen Andeutung nicht, um vom Himmel die Verlängerung der Tage Eurer Majestät zu erflehen.“