Taubenhöhlen im Karst

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Textdaten
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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Taubenhöhlen im Karst
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 750–754
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[750]
Taubenhöhlen im Karst.
Von Brehm.


Als ich in diesem Frühjahr über den Karst, die bekannte Kalksteinhochebene des östlichen Krains, fuhr, bemerkte ich mit großem Erstaunen mitten auf der öden Fläche mehrere kleine Flüge der Felsentaube, der Stammmutter unserer Haustaube. Vergeblich spähte ich an den Abhängen des Gebirges, an welchen sich die Eisenbahn dahinzieht, um nach Triest zu gelangen, nach dem Vogel: gerade da, wo Felsenwände mehr oder minder steil gegen das Meer hinabfallen, war er nicht zu finden. Oben auf der Höhe des Karst vermochte ich keinen einzigen geeigneten Brutplatz zu erkunden; der breite Rücken des Gebirges zeigte außer den kesselförmigen Einsenkungen keine einzige höhere Felsenwand, wie unsere Taube sie liebt, sondern nur das dem Karst eigenthümliche Gewirr von Felsblöcken, welche sich hier und da höchstens bis zu fünfzig oder sechszig Fuß über die Ebene erheben, der Felsentaube aber doch bestimmt nicht zum Aufenthaltsorte dienen konnten. Das Räthsel wurde mir erst in Triest gelöst.

Ich muß vorausschicken, daß die Felsentaube ein alter Bekannter von mir ist, und daß ich ihrer in meinen Schriften auch gebührend Erwähnung gethan habe. Sie und bezüglich ihre blaurückige Verwandte oder Spielart wurde von mir an allen geeigneten und selbst ungeeignet scheinenden Stellen Nordafrikas und ebenso in Spanien beobachtet. In Ostafrika gehört sie, wie ich bereits in den „Ergebnissen meiner Reise nach Habesch“ erzählt, zu den gemeinsten Vögeln des Landes: sie belebt hier, halb wild, alle Dörfer Oberägyptens; [751] ja manche Ortschaften scheinen mehr der Tauben als der Menschen halber erbaut zu sein. Nur das untere Stockwerk des pyramidal aufgeführten, plattgedeckten Gebäudes bewohnt der Bauer; das obere, gewöhnlich weiß getünchte und sonst verzierte, gehört den Tauben an. Man baut hohe, kuppelförmige Thürme einzig und allein diesen Vögel wegen.

Die Taubenschläge Aegyptenlands sind gänzlich von den unsrigen verschieden und verdienen wohl, mit ein paar Worten beschrieben zu werden. Ihr Mauerwerk besteht nämlich nicht aus Ziegeln, sondern, von einer gewissen Höhe an, nur aus großen, eiförmigen Töpfen. Jeder Topf ist an dem nach außen gekehrten Ende, dem Boden, wenn man will, durchbrochen, das runde Loch in der Mitte jedoch nicht groß genug, um einer Taube Durchgang zu gewähren, und dient nur, um Licht und Luft durchzulassen. Von innen ist jeder Topf bequem zugänglich und giebt einem Neste Raum. Die Eingänge zu den Taubenhäusern sind ziemlich groß; der Stelle unserer Flugbretter hat man unter und neben ihnen Stöcke und Reisigbündel eingemauert.

Man gewahrt sehr bald, daß diese Taubenschläge im höchsten Grade geeignet sind, den Tauben alle Annehmlichkeiten eines Wohnsitzes zu bieten. Die Taubenthürme sind beständig von äußerst zahlreichen Flügen umschwärmt, und in manchen Gegenden werden die Haustauben geradezu zur Landplage: sie sind so gemein, daß der Fellah selbst den reisenden Sonntagsschützen auffordert, Jagd auf die Hausthiere zu machen, und sich weidlich freut, wenn ein Schuß erfolgreich war.

Kaum in geringerer Zahl bewohnt dieselbe Taube wild die eigneten Felsenufer des Nil. Namentlich in den Katarakten habe ich an den höheren Felsengallerien jedes Plätzchen von Tauben bewohnt gesehen und ungeheure Flüge von ihr wahrgenommen. Von Oberägypten an hört die Taubenzucht mehr und mehr auf; die wilden Schwärme bevölkern aber auch noch in Nubien zahlreich alle Felsenwände. Man trifft oft große Schwärme mitten in der Wüste an und fragt sich vergeblich, wie die arme Erde hier im Stande ist, den Massen genügende Nahrung zu bieten, zumal diese Nahrung ihnen noch durch zahlreiche Ketten verschiedener Flughühner nicht unwesentlich verkümmert wird. Die Taube bildet größere oder kleinere Siedelungen an den Kalkfelsen, welche steil zum Nile abfallen; man bemerkt sie auch im Hochgebirge von Habesch; man begegnet ihr zum Beispiel auf einem vereinzelt von der Ebene Mensa’s sich erhebenden Felsenblocke, welchen mit ihr der Felsenstärling, Klippschliefer und ein Stachelschwanz bewohnen; kurz, sie ist überall, wo sich ein Platz für sie findet, ständiger Bewohner des Landes. In Spanien traf ich sie zuerst in einer vom Wasser ausgewühlten Schlucht des trockenen „Campo“ bei Murcia, hielt sie aber damals nur für die verwilderte Haustaube, weil ich weiße und dunkle, gescheckte und röthliche Spielarten in dem Fluge beobachtete. Später begegnete ich ihr wieder in der Sierra Nevada, wo sie einige Felswände in dem niedlichen Bergthal des Jenil bevölkerte. Von Alexander von Homeyer wissen wir, daß sie auf den Balearen ebenfalls nicht selten ist und hier zu ihrer Brut- und bevorzugten Aufenthaltsstätte unterhöhlte Klippen wählt, welche von oben aus gar nicht, von unten her nur schwer zugänglich sind. In ähnlicher Weise lebt und brütet sie auch hier und da in Dalmatien, wie wir von tüchtigen und beobachtungsfähigen Jägern mitgetheilt wurde, so auch schon in Pola, der bekannten Flottenzeugstätte

Durchaus verschieden von allen Oertlichkeiten, wie ich sie bisher erwähnt, sind die Brutplätze des Vogels auf dem Karst und in einem großen Theile Istriens. Das ganze Gebirg ist bekannlich überaus reich an größern und kleinern Höhlen; ja, es will fast scheinen, als werde der Rücken nur getragen von einzelnen mächtigen Massen, gewissermaßen Pfeilern, welche durch hochgewölbte Höhlen von einander getrennt sind. Nicht wenige dieser Höhlen oder Foybas, wie die dortigen Slaven sie nennen, öffnen sich in höchst eigenthümlicher Weise: sie gleichen nämlich senkrecht von der Fläche des Gebirges eingetieften Schachten, welche sich nach unten hin erweitern und stollenartig in mehr oder minder wagerechten Höhlen unter der Decke des Gebirges fortlaufen. Einzelne dieser Foybas nehmen in sich die wenigen Gewässer auf, denen der überall durchsickernde Felsboden gestaltet hat, sich zu Bächen oder kleinen Flüßchen zu sammeln; bekannt ist, daß die Laibach in die Grotte von Adelsberg eintritt und sieben Meilen davon bei Oberlaibach erst wieder zu Tage kommt; minder bekannt, bei uns in Mitteldeutschland wenigstens, daß ein weit bedeutenderer Fluß, die Recca, mehrere Meilen nordöstlich von Triest sich in die Tiefe einer von ihr ausgewaschenen Höhle stürzt, einen großartigen und prachtvollen Wasserfall bildend, sich ebenfalls im Karst verliert, unterirdisch fortläuft und, wie man annimmt, erst in der Gegend von Monfalcone wieder zum Vorschein kommt. Die trichterförmige Oeffnung, welche durch die Recca bei ihrem Einfallen in’s Gebirge gebildet wird, soll, wie man mich versicherte, ein besonderer Lieblingswohnsitz unserer Tauben sein, wohl aus dem Grunde, weil er die beiden Anforderungen des Vogels, steile Felsenwandungen und Wasser, vollständig erfüllt. Aber die Felsentaube begnügt sich am Karst auch mit Foybas, wie ich sie vorher mit kurzen Worten zu schildern versuchte; ja es will scheinen, als wenn diese wasserlosen Felsenschachte hier geradezu die eigentlichen Wohnsitze des Vogels wären.

Nach den mir gewordenen Beschreibungen landeskundiger Jäger und Beobachter, insbesondere des Stabsarztes Dr. Kudlich, welcher nicht blos ein eifriger Jäger, sondern auch ein tüchtiger Beobachter ist, öffnen sich die Mündungen dieser Schachte meist in der Tiefe einer jener kleinen, kesselförmigen Einsenkungen, welche, wie bereits bemerkt, inmitten des mehr oder minder ebenen Gebirgsrückens liegen. Bei einzelnen wird diese Oeffnung aber auch nicht einmal durch einen solchen Vorkessel vermittelt, sondern es steht der Wanderer oder Jäger urplötzlich vor einem dunkeln Schlunde, welcher in gefahrdrohender Weise zu ihm heraufgähnt und in der That auch schon manchen Unglücksfall verschuldet hat. Da, wo sich ein Kessel findet, sind die Wandungen desselben meist von Gestrüpp und einem Gewirr von Schlingpflanzen begrünt und übersponnen, von denen einzelne ihre Ranken in die dunkle Tiefe hinabhängen lassen; dieses Gestrüpp dient dem Kundigen als Merkmal und Warnung vor der jählings sich öffnenden Tiefe, weil alle unten geschlossenen Kessel von den spärlichen Bewohnern des Karstes urbar gemacht und zu gartenartigen Feldern, bezüglich terrassenförmig übereinander angelegten Beeten umgewandelt worden sind. Bei mehreren der berühmtesten Taubenhöhlen übersteigt der äußere Umfang des Kessels nicht fünfzig Fuß, und die Oeffnung des Schachtes selbst hat kaum mehr als zwanzig Fuß im Durchmesser. In sehr geringer Tiefe aber weitet sich der Schacht glockenförmig wieder aus, und weiter unten steht er mit Seitenhöhlen in Verbindung. Der enge Schacht ist der einzige Ein- und Ausgang, welchen die Vögel benützen müssen; die ausgehöhlten Felswände in der Tiefe gewähren ihnen vollkommen, sichere, weil so gut als unzugängliche, Wohnsitze und Niststätten.

Das Ungewöhnliche dieser Brutstätten der Taube, das Leben dieses Vogels unter der Erde, welches bekanntlich nur noch im Guacharo seines Gleichen hat, veranlaßt und lockt die Jäger Triests und der Umgegend, alljährlich an diesen Foybas ein sogenanntes Taubenschießen abzuhalten. Nach den mir gewordenen Schilderungen zu urtheilen, muß diese Jagd, so geringfügig das Ergebniß auch scheinen, so wenig werthvoll die Beute sein mag, etwas überaus Anziehendes haben.

Lange vor Tagesanbruch begeben sich die Jäger an Ort und Stelle, geleitet oder richtiger geführt von ortskundigen Bauern. An der Foyba angekommen, umkreist die Jagdgesellschaft den Rand des Kessels, und Jeder nimmt nun seinen Stand, so gut als möglich gedeckt durch Felsblöcke oder Gestrüpp.

Noch ist es still in der Tiefe, kaum ein Laut hörbar auf dem im ersten Lichte des Morgens dämmernden Gebirgsrücken. Im Osten kündet das Roth den kommenden Tag, und so schwarz auch die Tiefe von unten heraufgähnt, dieser Schimmer wird, wenn auch nicht bemerkt, so doch empfunden. Ein Tauber läßt sich rucksend vernehmen, ein zweiter antwortet, und dumpf und verworren klingt von unten herauf der Jedermann bekannte Liebes- und Paarungsgesang unserer Vögel: das abwechselnd bald wie „Maruku“, bald wie „Murkuku Ru Ru“ klingende eigentliche Rucksen und das sogenannte Heulen oder Seufzen, wie wir dasselbe von dem Abkömmling der Felsentaube, unserm Feldflüchter, vernehmen können. Allgemeiner und vernehmlicher wird dieser Morgengesang, zugleich aber auch verworrener; denn in der weiten Höhle prallen die Klangwellen von allen Seiten wieder zurück, und dieser Widerhall erzeugt mit den eigentlichen Lauten im Verein ein unbeschreibliches Getön, vergleichbar fern rollendem Donner. „Flap, flap, flap“ erschallt es dazwischen – ein Tauber hat seinen Schlafsitz verlassen und ist einer höher gelegenen Stelle [752] zugeflogen. Das Geräusch dieser Flügelschläge vermehrt sich; eine Taube nach der andern steigt zur Höhe empor, setzt sich so nahe als möglich an den überhängenden Rand des Schachtes, reckt den Hals weit hervor und sichert. Die Jäger verharren regungslos, wie Bildsäulen; denn die geringste Bewegung, das leiseste Geräusch von außen scheucht die mißtrauischen Geschöpfe augenblicklich wieder in die Tiefe der Höhle zurück. Noch haben sie Nichts bemerkt und senden nun nach alter Gewohnheit zuerst ihre Kundschafter nach oben. Fünf bis sechs Tauben heben sich gleichzeitig von den Felsen ab und singen, förmlich kletternd, durch das schwarze Loch senkrecht zum erblauenden Himmel empor. Ringsum krachen die Gewehre, eine und die andere der Tauben stürzt getroffen zu Boden oder auch in den Schlund hinab; die Mehrzahl der Jäger hat aber gefehlt, so überraschend geschieht dennoch das längst erwartete Aufsteigen der Vögel. In der Tiefe vernimmt man das Geräusch eines allgemeinen Aufflatterns, ein gleichzeitig von fünfzig und mehr Kehlen ausgestoßeneß Wuh. … Dann wird es stiller und nach einem Weilchen todtenstill.

Doch heraus müssen die Tauben; dazu treibt sie der Hunger. Geraume Zeit sitzen sie überlegend in der Tiefe; dann beginnt dasselbe Vorspiel wie früher: plötzlich aber, wie von gemeinsamem Entschluß erfaßt, hebt sich der ganze nach Hunderten zählende Schwarm, und Heraus braust er, polternd, pfeifend, mit rasender Eile, steigt hoch auf zum Himmel, umkreist noch einige Male den Kessel, um sich über die Ursache der Störung zu vergewissern, theilt sich in kleinere Truppen und fliegt nun nach allen Seiten zur Aesung aus.

Die Jäger, welche auch diesmal ihre Gewehre bis zum letzten Laufe entladen und günstigsten Falles wieder einige Tauben erlegt haben, verlassen ihre Stände oder wenigstens den Rand des Kessels noch nicht. Sie wissen, daß die Tauben wieder zur Foyba zurückkehren werden, nicht etwa, weil hungrige Junge da unten der zärtlichen Fürsorge ihrer Eltern warten – denn die Tauben insgesammt kennen eine derartige Aufopferung nicht, sind vielmehr die schlechtesten, am wenigsten treuen Eltern, welche es in der Classe der Vögel giebt – sondern einzig und allein, weil die alte Gewohnheit zwingend auf sie einwirkt. Drei, vier Stunden unter Umständen mehr, vergehen, ehe eine einzige Taube sich wieder zeigt. Die Jäger haben inzwischen gefrühstückt, geplaudert, auch wohl ein wenig geschlafen.

Da naht sich heimkehrend der erste Flug der Höhlenbewohner wieder. In einer Höhe, bis zu welcher kein Gewehr sein Geschoß emporschleudert, kommen sie herangezogen, eilfertig, dahinfliegend, wie immer; in der Nähe des Kessels aber biegen sie aus und beginnen zu kreisen. Von allen Seiten her nahen sich andere, vereinigen sich mit den bereits vorhandenen, ziehen gemeinschaftlich mit ihnen ihre Kreise; der Schwarm dichtet sich zu einer scheinbaren Wolke, und diese senkt sich nach und nach, obschon überaus langsam, tiefer und immer tiefer herab. Die vorsichtigsten Vögel sehen die Jäger wohl, auch trotz der sie deckenden Felsen und Zweige, sie wissen auch die Gefahr, welche ihrer harrt, gebührend zu würdigen: aber die traute Heimstätte, die einzige Oertlichkeit, welche ihnen vollständigste Sicherheit verspricht, lockt sie in die Tiefe. Doch stürzen sie sich keineswegs blindlings in’s Verderben: sie zögern, rücken vor, d. h. senken sich tiefer herab, erheben sich plötzlich wieder, steigen hoch auf, so daß sie als kleine Pünktchen erscheinen, [754] weiten ihre Kreise bis zum Durchmesser von einer Viertelmeile und darüber, ziehen sich wiederum enger und enger zusammen und treiben es, wie vorher. Endlich siegt die wenigstens scheinbare Nothwendigkeit über alle Bedenken. Der kreisende Schwarm schichtet sich dicht zusammen; aus seiner Mitte heraus senkt sich, unter Voranflug des ältesten Taubers, ein langgezogener Kegel in die Tiefe, vergleichbar einer Sand- oder Wasserhose, da ja auch wie hier Alles durch einander wirbelt. Tiefer und tiefer und in immer engeren Kreisen sich drehend, fällt der Zugführer und mit ihm der ganze Schwarm. Da mit einem Male legt er die Flügel glatt an den Leib, und wie ein fallender Stein stürzt er und ihm nach sein Gefolge in die Tiefe hinab, so schnell an den Jägern vorüber, daß diese nichts weiter gewahren, als schattenartige, scheinbar lang ausgedehnte Körper. Alle Gewehre werden entladen; aus der dunkeln Tiefe herauf aber klingt es wie jauchzend: „Kuru, ku, ku, ku.“