Telegraphenleger

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Textdaten
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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Telegraphenleger
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 271-272
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[271] Telegraphenleger. Daß der Amerikaner ein praktischer Mensch ist, und besonders alle seine Arbeiten rasch – mit so wenig Verlust an Zeit wie möglich – verrichtet, wird ihm Niemand abstreiten. Wir sehen das auch in allen Gewerken, in allen Beschäftigungen. Ein deutscher Arbeiter braucht durchschnittlich die doppelte Zeit für eine Arbeit, wie ein Amerikaner (Schriftsetzer vielleicht ausgenommen), und bei jeder Beschäftigung ist es dort drüben das Streben der Leute, diese so rasch wie möglich zu erledigen, um dann gleich wieder an etwas Anderes zu gehen.

Man braucht nur in den Städten die Straßenpflasterer mit einander zu vergleichen. In Deutschland sieht es aus, als ob die Leute eine lebenslängliche Anstellung bekommen hätten, wenn sie an das Neupflastern einer Straße gehen – in Amerika treibt ein Arbeiter den anderen, weil fast Alles in Accord ist. Maurer, Zimmerleute, Schmiede, Schlosser arbeiten nicht um zu arbeiten, sondern um fertig zu werden, während bei unseren Leuten daheim nur der einzige Wunsch die Oberhand zu haben scheint, daß bald Feierabend wird.

Oft habe ich hier bei uns zugesehen, wie schauderhaft langsam z. B. das Ausbessern oder Hinzufügen eines neuen Telegraphendrahtes von den damit beauftragten Leuten betrieben wird. Zuerst wird der Draht ausgelegt, dann fangen sie an ihn zu befestigen. Einer trägt eine Leiter, der Andere schlendert hinterher. Jetzt kommen sie an eine Stange; die Leiter wird angelegt, der Eine steigt langsam und vorsichtig hinauf – der Andere hält die Leiter unten, damit kein Unglück passirt. Jetzt ist der Erste oben und hält sich fest, nun nimmt der Zweite den Draht, hebt ihn hinauf und steigt dann wieder hinab, um so lange unten zu warten, bis der Erste fertig ist. Im günstigsten Fall brauchen sie zu jeder Stange eine gute Viertelstunde. Ich sah in Cincinnati einem solchen Arbeiter zu, der das Nämliche allein, und etwa in dem vierten Theil der Zeit verrichtete.

Der Draht war ausgelegt, und ich wurde erst auf den Mann aufmerksam, als ich bemerkte, daß er eine ganz merkwürdige Fußbekleidung trug. Er hatte nämlich, fast wie die Eisengefangenen, vom Knöchel bis zum Knie hinauf, ein starkes Lederschnürwerk um den unteren Theil der Beine, während sich unter den beiden inneren Knöcheln ein dicker eiserner, etwas nach unten gekrümmter Stachel befand, der in der Form Aehnlichkeit mit dem Sporn eines starken Hahnes zeigte und fest in einem ledernen Bund oder Riemen stak. Da er aber die Erde nicht berührte, hinderte er den Mann auch gar nicht am raschen Gehen, und eigenthümlich war es zu sehen, wie er seine Arbeit ganz allein und mitten in der belebtesten Straße Cincinnati’s (in Mainstreet) bewerkstelligte.

Der Draht lag, wie gesagt, ausgestreckt an den Stangen hin, den hob er sich über den Kopf, daß er ihm bis zum Gürtel zurückfiel und dort durch einen Haken aufgehalten wurde. Zu gleicher Zeit erfaßte er die Telegraphenstange selber, die wie bei uns aus weichem Holz bestand, mit beiden Händen, hieb etwa einen Fuß von der Erde erst den rechten, dann weiter oben, indem er sich in die Höhe hob, den linken Fuß ein und lief so mehr als er stieg, und anscheinend mit der größten Leichtigkeit, an der Stange hinauf. Oben aber angelangt, blieb er stehen, schlang den linken Arm um die Stange, hob den Draht herauf, zog ihn mit beiden Händen an, wickelte ihn fest und war in kürzerer Zeit wieder unten, als ich gebraucht habe, die wenigen Worte niederzuschreiben.

[272] Ohne sich aber auch nur einen Moment aufzuhalten, war er bei der zweiten Stange – dort die nämliche Manipulation in eben derselben kurzen Zeit wiederholend, und als ich meinen eigenen Geschäften nachging und nach etwa drei Viertelstunden Mainstreet vom Flusse aus wieder heraufging, hatte er schon fast die ganze Linie, allein und ohne irgend eine andere Hülfe, beendet.

Später sollte ich Zeuge sein, wie in noch viel rascherer Art „das geflügelte Wort“ den Schritten der Menschen folgt; an der Pacific-Bahn nämlich, wo das kecke amerikanische Volk, trotz allen Hindernissen, seine eiserne Bahn voll in die Wildniß hineinlegt und allen Gefahren trotzt, die ihm dabei entgegenstehen könnten. Wie die Bahn vorwärts schreitet, Meile nach Meile in die weite, bahnlose Ebene hinein, folgt ihr auch der elektrische Draht. Zwei Waggons, der eine mit dem Apparat und dem nöthigen Draht versehen, der andere als Schlaf- und Wohnplatz für die vortrefflich bewaffneten Beamten dienend, gehen mit dem Train bis zu den letzten ausgelegten Schienen. Telegraphenstangen werden schon mit der Bahn errichtet, und damit die Wagen auf dem einfachen Gleis nicht dem Zuge im Wege sind, auf der offenen Prairie ein paar Schienen seitwärts hinausgelegt, auf denen man die beiden Waggons bei Seite schiebt, um sie ihre Arbeiten beenden zu lassen. Haben sie den Draht nun an den letzten Stangen befestigt und sich dadurch selbst mit dem militärischen Hauptquartier zu Washington in unmittelbare Verbindung gesetzt, so bringt der nächste Zug die Beamten wieder auf das Gleis zurück, hängt sie hinten an und führt sie eine Strecke weiter auf den neugelegten Schienen. wieder beginnt dann ihre Arbeit, und keine englische Meile wird solcher Art auf dem neuen Schienenweg der Pacific-Bahn gelegt, ohne daß dieselbe auch in directer Verbindung mit dem Telegraphen bliebe.

Fr. Gerstäcker.