Theodor Billroth (1892/18)

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Textdaten
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Autor: Ernst von Bergmann
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Titel: Theodor Billroth
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 574–576
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1892) b 549.jpg

Theodor Billroth.
Nach einer Lithographie von Jos. Bauer im Verlag von V. A. Heck in Wien.

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Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.

Theodor Billroth.

Von Professor Dr. v. Bergmann

In wenig Wochen werden es fünfundzwanzig Jahre, daß der Preuße Theodor Billroth die Professur der Chirurgie und die Leitung der altberühmten Klinik des Allgemeinen Krankenhauses in der österreichischen Hauptstadt Wien erhielt und in kürzester Zeit sich die Herzen seiner neuen Landsleute gewann, geehrt durch die Gnade und Gunst seines Kaisers und verehrt von Hoch und Niedrig in den Kronländern der Habsburgischen Monarchie.

Christian Albert Theodor Billroth ist als Sohn eines Predigers auf der Insel Rügen am 26. April 1829 geboren und hat in den Jahren 1848 bis 1852 zuerst in Greifswald, dann auf den Universitäten zu Göttingen und Berlin den medizinischen Studien obgelegen. Mit seiner Dissertation über die Ursachen der Störungen in den Lungen nach Durchschneidung beider zehnten Hirnnerven bekundete er sein Geschick sowohl in experimentellen als in mikroskopischen Arbeiten und die Fähigkeit, schwere und wichtige physiologische Probleme klar und sicher anzufassen. Wenig Dissertationen, zumal in lateinischer Sprache geschriebenen, ist es beschieden gewesen, so oft in den Lehrbüchern der Physiologie zitiert zu werden wie dieser Erstlingsarbeit des angehenden Chirurgen.

Was Billroth zum chirurgischen Fache führte, wissen wir nicht; aber in der Zeit, da er seine Studien beendet hatte, war vor allen deutschen Chirurgen Langenbeck in Berlin zur Erkenntniß von der Bedeutung der histologischen Forschungen für die Fortschritte des chirurgischen Wissens und Könnens gekommen. Er zog den Jüngling, welcher in Johannes Müllers und Virchows Schule sich bewährt hatte, all sich und betraute ihn mit der Stellung eines Assistenten an jener Klinik. eine Stellung, die Billroth sieben lange Jahre eingenommen hat. Es waren in erster Stelle Beiträge zur pathologischen Histologie, über die Entwicklung der Blutgefäße, über den Bau der Schleimpolypen u. s. w., die den Assistenten beschäftigten und zu deren mühsamer, zeitraubender Bearbeitung er die Ruhe der Nacht und jede freie Stunde opfern mußte.

Es sind nicht selten damals, wie er selbst erzählt, vier bis sechs Wochen vergangen, ehe er aus dem schlecht gebauten in einer engen Straße an der stagnierenden Spree gelegenen Spital der damaligen Berliner chirurgischen Klinik hinauskam und dann auch nur, um eine Viertelstunde lang im Thiergarten spazieren zu gehen. In der That, wer die zahlreichen Arbeiten überblickt, die der junge Forscher in den Jahren 1854 bis 1860 in der Deutschen Klinik, in Müllers Archiv für Anatomie und Physiologie und in Virchows Archiv für pathologische Anatomie, sowie in umfangreichen Monographien erscheinen ließ, kann sich nicht wundern, daß bald die Aufmerksamkeit der medizinischen Welt sich dem neuen Schüler Langenbecks zuwandte und derselbe 1860 auf den Lehrstuhl der Chirurgie in Zürich gerufen wurde.

In zweifacher Hinsicht hat er hier feinen Ruf gerechtfertigt und feinen Ruhm entwickelt.

Zunächst als klinischer Lehrer, der es verstand, in wenig Jahren Zürich zu einem Anziehungs- und Sammelpunkt für diejenigen jungen Aerzte zu machen, die nach beendeten Studien ihrer weiteren Ausbildung durch den Besuch neuer in- und ausländischer Universitäten dienen wollten. Es war, um einen Vergleich Billroths zu wählen, die Wirkung seiner Person wie die des Rattenfängers von Hameln: „Wohin der Student mit Begeisterung geht, da lernt er auch mit Begeisterung.“

Mehr aber noch wirkte Billroth durch die Herausgabe eines Werkes, das in der Art, wie er es geplant und durchgeführt hat, etwas völlig Neues gewesen ist: seine „Allgemeine chirurgische Pathologie und Therapie in fünfzig Vorlesungen“, die 1863 zuerst erschienen ist und es bis heute auf zwanzig Auflagen gebracht hat. Während man früher unter allgemeiner Chirurgie bloß die Aufzählung der allgemein gebrauchten Instrumente, die Anleitung zu ihrer Gebrauchsweise und die Beschreibung der gewöhnlichsten elementaren Operationen verstand, gab Billroth dem Begriff eine ganz andere Bedeutung und Ausdehnung, ja er schuf gewissermaßen mit dieser seiner Arbeit eine neue chirurgische Disciplin. Den Aufschwung, welchen die pathologische Anatomie allen Zweigen der praktischen Medizin bereit war zu bringen, machte dieses Buch der Chirurgie dienstbar. Indem der Verfasser allemal voll klinischen Bedürfnissen in dem konkreten Falle ausgeht, zeigt er am besten welche anatomischen, physiologischen und histologischen Betrachtungen zum Verständniß des den Praktiker beschäftigenden Prozesses unentbehrlich und nothwendig sind. Die Krankheiten werden nicht nach einem bestimmten System getrennt ober zusammengefaßt, sondern so zu einander in Beziehung gebracht, wie sie sich im kranken Menschen darstellen, und überall wird doch das Verhältniß der einzelnen Krankheit zum Ganzen festgehalten und im Sinne der Alten gelehrt, daß nur die Vereinigung der Medizin und Chirurgie den vollkommenen Arzt bilde und der Arzt, dem die Kenntniß des einen dieser Zweige abgeht, einem Vogel mit einem Flügel gleiche.

Noch eine zweite Arbeit ist aus dieser Züricher Zeit epochemachend geworden, es sind das die „Beobachtungsstudien über Wundfieber und accidentelle Wundkrankheiten“ aus dem Jahre 1862. Sie lieferte zuerst im Gegensatz zu der früheren Auffassung, nach welcher das Wundfieber die Antwort des Organismus auf seine Reizung durch die Verwundung, d. h. die allgemeine Reaktion auf einen lokalisierten Eingriff oder ein örtliches Leiden war, den Beweis, daß weder die Art der verletzten Theile noch die Ausdehnung der Verletzung bestimmend für das Auftreten des Fiebers und maßgebend für seine Höhe sind.

Damit war die Brücke geschlagen zu der modernen Auffassung des Wundfiebers, als hervorgerufen und bedingt nicht durch den Akt der Verwundung als solchen, sondern durch Schädlichkeiten, die nachträglich von außen in die Wunde und dringen. Die erste Forschung nach diesen spezifischen Schädlichkeiten gehörte wieder Billroth, als er in einer späteren Arbeit den Versuch machte, die Fieberursache und den Zusammenhang dieser Ursache mit den Fiebererscheinungen in Erfahrung zu bringen, und dazu in weitester Ausdehnung das Thierexperiment herbeizog. Dadurch hat er die Grundlage zu der schließlich von Lister eröffneten antiseptischen Aera der Chirurgie gelegt. Der Wunsch, den er am Schlusse seither letzterwähnten Arbeit dem Leser gegenüber ausdrückt, sie mochte lebensfähig und keimfähig sich erweisen ist so aufs reichste in Erfüllung gegangen. Er selbst hat an einem anderen Orte und für eine ganz andere seiner Schöpfungen Geibels Gedicht von dem alten Förster zitiert, der bei den Reisern die er pflanzt, der Kronen gedenkt, zu denen sie einst, den Wald entlang rauschend, erwachsen werden. Zu solchen Kronen sind Billroths fleißige und emsige Temperaturmessungen an den Verwundeten jetzt scholl längst herangewachsen, denn 25 Jahre sind es, seit er 1867 Zürich verließ, um den so viel größeren Wirkungskreis in Wien zu gewinnen.

Billroths Wirken, Billroths Leben in Wien ist in einem Sinne sicher ein köstliches gewesen, indem es Mühe und Arbeit nicht bloß aus dem wissenschaftlichen und praktischen Gebiet der Chirurgie war, sondern nach verschiedenen Richtungen über dasselbe in gteich energischem Fleiße und unermüdlicher Sorge hinausgriff.

Das Riesenmaterial seiner Klinik hat er in einer großen Zahl von klinischen Berichten und Sammelforschungen dadurch vorzugsweise in den Dienst der Wissenschaft zu stellen gesucht, daß er die Einzelbeobachtungen buchte, ordnete und zusammentrug, um sie statistisch verwerthen zu können. Indem er eine strenge und wahrhafte Kritik an diese Zusammenstellungen legte und alle seine Erfahrungen ohne Rücksicht aus den Erfolg, mittheilte, suchte er nicht bloß die augenblicklichen, sondern auch die schließlichen und bleibenden Resultate seiner Operationen so wahr als klar zu ermitteln.

Deswegen schreibt er in der Einleitung zu einem der ersten seiner klinischen Berichte:

„Die Wege, sich über die eigenen Erfahrungen klar zu werden, sind nicht schwer zu finden. Von jedem Kranken muß mit pedantischer Strenge eine Krankengeschichte geführt werden. Diese Journale müssen in systematischer Ordnung bewahrt werden. Sollen nach Abfluß eines oder mehrerer Jahre die [575] erworbenen Erfahrungen zusammengestellt werden, so müssen über alle Kranke, welche nicht völlig geheilt das Hofpital verließen (und die Zahl dieser Individuen ist in jedem Spital sehr groß) Nachrichten eingezogen werden, wie der schließliche Verlauf der Krankheit war, ob die betreffenden Individuen geheilt sind , vollkommen oder mit Zurückbleiben von Funktionsstörungen, ob und woran sie gestorben sind, wie lattge der Berlanf der ganzen Krankheil danerle tt. f. w. Katttt tttatt das schaeßliche Refnltal z. B. der Behandlung einer chrottischett Hüftgelenksent- zündung nicht angeben, so bleibett die errungenen Erfahrungen trotz der gettaneftett Krankengeschichte , sehr ttttvolllottttttett , ja ebenfo lückenhaft, als wenn tttatt darüber ttttr in Büchern ge- tefett hätte.“

Von diesen Grnttdfätzett getragen fittd Billrolhs ausführ- liche Berichte, die uttter dem Ditel „Gefatttttttberichl über die chirnrgischeu Klittikett in Zürich und Wiett l...^ bis l'.^'l^“ er- schietteu , fowie die auf feitte Auregung entstandene ansführliche und wichtige Schrift feittes Schülers Winiwarter, jetzt Profeffor der Ehirnrgie in Lüttich, über die Statistik der Krebst.

Was Billroths Schnle in Wiett aber befonders gekennzeichnet hat, das fittd die vielett und großen neuen Operationen, an die sich der Meister ztterft gewagt hat, so die Foramhme des er- krankten Kehlkopfs, das Ausschueidett (Refektiott) von erkrankten Stücken des Magetts, die Ausschließttug des kranken Magetts von dem Geschäfte der Berdauuttg durch die Eittnähung nnterhalb gelegener Darmabschnitte in den Magen die sogenannten Gastro- ettterostomiem

Aus dem internationalen Aerzlekongreß in Berlin berichlete Villroth selbst über die Ergebnisse von l^-l vom November l..^ bis Intti in seitter Klinik und Privatpra.ris ansgesührtett Nefektiotten am Magen und Dartttkanal, Gastroettterostomiett und Narbenlösungen wegen chronischer Krankheitsprozesse. Er schloß mit den Woran.

„Die Schwierigkeit einer frühen Diagttofe und die Gefahr des operativett Eiugriffs werden keine uttheabarett Gebrechett unserer Kunst bleibett. Ich zweifle nicht daratt, ^daß bei fort- gefetztem eifrigett Studium eine frühere Prämierung der Diag- ttofe möglich werden wird und daß wir die Gefahrett dieser Operationen durch Bervollkommnung der Methoden und der Technik noch um ein Bedetttendes zu verrittgertt imstande sein werden. Wenn wir dennoch vielleicht nicht so schttell, als wir wüuschen, zur höchfteu Höhe uuserer Bestrebungen gelangen, so rttse ich Ihnen allett den Wahlspruch meiues großen Meisters Beruhard von Laugeubeck zu. .^uua.uam. r^tr^uu.U^

Keiner der Ehirurgett uuserer Zeit, nicht bloß der deutschen souderu auch der euglischen und srauzösischett , ist so sehr wie Billroth Mittelpuukt einer chirurgischeu Gelehrteuschule geworden. Zwei seiner ansgezeichnetsten Schüler bekleiden im Deutscheu Reich das Amt eiues ordeutlicheu Prosessors der Ehirurgie und Direktors einer chirurgischeu Kliuik. Geheimer Hosrath Ezeruy in Heidelberg und Geheimer Mediziualrath Mikuliez in Breslau, ebeusoviele lehreu in gleicher Stelluttg in Oesterreich, Prosessor Gussettbatter in Prag und Profeffor Wölfler in Graz, in Belgien wirkt an der Univerfität Lüttich Winiwarter, in Serbien Giorge- wiez, ganz abgefehett von den Wiener Doeenten und Primärärzten, wie von Hacker, Gerfttny, Steiner, von Eifelsberg tt. a.

Nicht die Staatsinftitntionen , und feien sie für die Er- zieluttg eines tüchtigen Nachwnchfes akademischer Lehrer auch die beftett, schaffeu eine Gelehrteuschule, foudertt die bedeuteudeu Männer bildett sie. Sache des Staates ist es daher, diese zu studeu, wie Oesterreich für die medizaasche Fakultät Wiens das in hervor- ragender Weise verstanden hat, indem es seine Van Swietett, Brücke, Vrambilla, Billroth aus aller Herren Ländern zu ge- winnett trachtete.

Welchen Eigenschaften Billroth feittett hervorragenden Eittflnß auf die Ingeud verdaukt, ist nicht schwer zu fagett. Er gehört zu deujeuigen Natureu , die alles , was an sie tritt , üttd jedes Nene, was ihtteu ihre Wifsettschaft bringt, sich schuell und ganz zu eigen machett, ttttt es in besonderer und durchaus iudivi- dueller Weise sofort weiter zu verarbeiten, attszttbilden und zu entwickeln.

„Die besten Gedanken“, schreibt er einmal, „stttde ich bei attderen Schriftstellern immer zwischen den Zeilen^ was ich lese,

'^ Riemals zurück!

interessiert mich fast nur deshalb, weil der Stoss selbst oder die Art, wie er behandelt ist, in mir nette Gedanken hervorbringt.“ So prodnziert er ohne weiteres aus dem, was er ebett reeipiert hat, und das schafft die Frische in der Lehre, die den Sechziger noch jugendlich erscheinen läßt in der Begeisterung für seine Lehr- thätigkeit. Wenn er vorträgt, oder wetttt er diskntiert, ist er voll Geist und Lebett, und seine innerliche Erregung überträgt sich datttt aus den Härer und Schüler, besrttchlel, erhebt und begeistert auch ihn.

Wer seine Schüler von Stufe zu Stufe, immer höher und zu itttttter größerer Vollkommenheit zu führett vermag, mttß in schöpferischer Kraft ihttett vorangehen - er mttß, wie Billroth, nicht ttttr das gefammte Wiffett feittes Faches beherrschen foudertt auch ein Meister im Köttttett und Erstndett sein. Daß er das war und ist, bezettgt die Schule, die er geschaffett hat. Wie er es verstanden hat in seinen Borlesungen sich in die Deukuttgsart und den jeweiligst Staud der Kenutuisse und des Wiffetts seiner Zuhörer zu verfetzett , ttttt, an das ihttett Bekattute anknüpfend, ihren Gedattkettkreis zu erweitern so ist auch von ihm auf feitte Schüler die Art des Denkens, Empstndens, Handelns unmerklich, aber bleibend übergegangen.

Das Verhältniß zu feittett Schüleru charakterifierett attt beftett die Aufprachett , welche an feinem fechzigftett Gebnrckstag ihttt zwei der beratendsten derfelbett, Gttffenbaner und Ezertty, widmeten.

„Sie haben“, heißt es dort, „in uns wissettschastliches Dettkett, welches die Naatrobjekte nur um ihrer felbft willen, ohne Rückficht auf praktische Tendenzen betrachtet, geweckt und durch mufter- haftes Veifpiel gefördert. Streng in der Selbfaraik, haben Sie mit freundlichem Wohlwollen auch unsere schüchterttstett Versuche, attt großen Werke der modernen Ehirurgie mazuarbeiteu , be- gleitet, rathend und mithelfeud ergättzt, wo ettger Blick und ge- rittge Erfahrung nicht ansreichten, ttttt durch Kleines das große Gattze zu bereichern Sie habett uns Einblick gewährt, wetttt Sie nach ttnertnüdlichem Stttdatm Ihre erftett Kottzeptiottett, dem erlenchteten Künstler gleich in lebendigem Worte oder in nttvergättglicher Schrift für die Wiffettschaft formvollendet ge stalteten So habett Sie uns fehend und wiffend gemacht, bevor Sie uns herangezogen zum schwerett Beruf des praktischett Ehirurgett.“

Eitt Meister von Meiftertt, ein schöpferischer Forscher und ein außerordentlich produktiver Schriftsteller - so fteht Billroth während der füufuudzwanzig Jahre feiuer Wiener Lehrchätigkeit da. In den weitesten Kreifett der Gebildeten verbreitet find namentlich zwei seiner Schriften, seine „Ehirurgischett Briefe aus den Feld- lazarethett in Weißenburg und Mauuheim l^l^“ und sein lehreu und Lertteu der medizinischen Wissenschaften an den Uttiverfitätett der deutscheu Natiou“ - eine kulturgeschichtliche Studie. Seiue leichte, fließende und überaus auregeude Art zu schreiben leuchtet aus ihtteu auf jeder Seite hervor - ebenfo wie die jttgendliche Lebhaftigkeit im Empstndett und Dettkett des Verfaffers. In die ideale hehre Stimtttung der Iulitage des uuvergeßlicheu Jahres l^'^ wird jeder, der so glücklich gewefett ist, sie mitzufühlen, verfetzt, so oft er die Vorrede zu den Brieseu ausschlägt, die Billroty „bei dem Lichte jetter Flammett mit blutiger Haud auf den Schlachtfelderu schrieb“ - als es ihn nicht lättger in Wiett duldete, fouderu er fort bis in die vorderfteu Reihett derer eilte, die zur Wacht attt Rheiu in deffeu Pfälz sich gefammelt haaett. Die den Eittdrückett ttutnittelbar folgeude Schilderung wird das Buch als einen werthvollen Beitrag zur Geschichte des großen deutscheu Krieges Kind und Kittdeskindern erhaltett.

In einer ganz anderen Richtung werthvoll für jeden welcher deutsche Uuiverfitätsverhältuiffe beurtheileu und für die Förderung des medizittischett Unterrichts und der mediziuischeu Instante an ihuen thätig sein will, ist das zweite der oben erwähuteu Bücher . über das Lehren und Lernen der medizittischett Wiffenschaften Hier .ist zum erftett Male in großer Vollstäudig- keit an die Geschichte der Eutwicklung uuserer mediziuischen Faknltäten die Darstellung der jetzigen deutschen Methodett des Lehrens geschlossen wordett. Vorbildung, Prüsung und ^eru- freiheit des Stndiereudeu sittd ebenso kritisch dargestellt, wie die Zttsammensetzung , Ergänzung und Lehrsreiheit der Profefforeu- kollegien besprocheu sittd - zu.ächst an den Universitäten mit dentscher Zunge, dann aber auch, des Vergleiches wegen in den [576] ausländischen Fachschulen. Wer das Werk durchblättert, wird auf jeder Seite der Originalität des Verfassers begegnen – zumal in den Kapiteln, welche von der Sorge für einen tüchtigen, akademischen Nachwuchs handeln. „Ja, immer gleich begabte, gleich erfolgreich wirkende Kinder zu erzeugen, dazu hat die Physiologie die Mittel und Wege noch nicht gezeigt, ebensowenig, wie die hervorragendsten Pädagogen bedeutende Menschen nach bestimmten Plänen heranzuziehen vermögen.“

Wenn man als Kriterium für einen akademischen Lehrer seine universelle Bildung, seinen Geist und Witz ansieht, so können wir mit Billroth von Billroth schreiben: „Beschäftigen wir uns mit den starken Magneten, denen alles von nah und fern zufliegt, so darf man behaupten, daß die großen Naturforscher und Aerzte immer etwas Schwärmerisches, Phantastisches, zum Universellen Hindrängendes, daß sie meist auch einen Hang zum Künstlerischen hatten, oft nicht selten zugleich Dichter, Maler, Musiker waren, und daß sie in ihrer ganzen Erscheinung, so verschieden sie auch sein mochten, für die Jugend etwas unüberwindlich Anziehendes, Priesterliches, Dämonisches hatten.“

Billroth ist ein begeisterter Jünger der edlen Musica. Brahms rechnet er zu seinen besten Freunden, und in seinen Salons in der Residenzstadt, sowie seinem herrlichen Landhaus am Wolfgangsee weilen gern und oft die hervorragendsten Meister in dem Reiche der Töne.

„In dem kunstsinnigen Wien,“ schreibt Czerny, „ist der Norddeutsche Billroth eine der populärsten Persönlichkeiten geworden durch den Reiz seines genialen, für alles Edle begeisterten Wesens, durch die liebevolle Sorgfalt, welche er seinen Klienten, gleichgültig ob Hoch oder Niedrig, widmet, und durch die patriotische Hingebung, welche er stets seiner neuen Heimath [be]wiesen hat.“

Was Billroth bekannte, als er mit dem heißesten nationalen Empfinden in den Krieg von 1870 zog, daß niemals das Sakrament der Humanität in ärztlicher Pflicht dem verwundeten Feinde gegenüber von ihm vergessen werden würde, hat er auch den Tausenden, die seine Schüler gewesen sind, eingeflößt, die lauterste Humanität am Krankenbette. Er hat sie täglich durch mannigfaltiges Beispiel begreifen gelehrt, daß nur der humane Mensch ein guter Arzt sein kann.

Ein schönes Denkmal dieser seiner Bestrebungen für das Wohl und die Pflege der Kranken ist die Stiftung des Rudolfinerhauses in Unterdöbling bei Wien. Dasselbe soll der Ausbildung tüchtig und gründlich in ihrem Fache geschulter Wärterinnen dienen. Die hohe Bedeutung der Krankenpflege kann nicht eingehender und besser geschildert werden, als Billroth das in seinem Buche „Die Krankenpflege im Hause und im Hospital“ gethan hat. Die Nothwendigkeit einer Pflegerinnenschule wird hier in das richtige Licht gestellt und treffend hervorgehoben, daß eine solche in einer großen Stadt mit vorwiegend großen Hospitälern nur zur gedeihlichen Entwicklung kommen kann, wenn sie mit einem eigens dazu bestimmten Krankenhause verbunden ist. Mit seltener Energie und unermüdlichem Eifer hat Billroth ein solches in dem Rudolfinerhause für die Frauen und Mädchen geschaffen, welche die Krankenpflege zu ihrem Lebensberufe gewählt haben. Schon wenige Jahre nach Eröffnung desselben konnte er schreiben: „Die gute Pflege, welche den in der Anstalt aufgenommenen Kranken zu theil wird, ist einer der Umstände, die den Ruf des Rudolfinerhauses in immer weitere Kreise tragen, den Zudrang Hilfesuchender vermehren und so wieder zum Gedeihen der Anstalt beitragen.“

Es hat nicht fehlen können, daß Billroths Leistungen die Bewunderung der Zeitgenossen und eine Häufung von Ehren aller Art ihm erwarben. Sein Kaiser ernannte ihn zum Mitglied des österreichischen Herrenhauses und fast alle Fürsten Europas haben sich bemüht, seine Brust mit Orden zu schmücken.

Wohl uns und ihm, daß er noch mitten in seiner Arbeitskraft und seiner Thätigkeit steht, daß überall dort, wo wissenschaftliche Chirurgie und humane Krankenpflege getrieben wird, der Name Billroth obenan steht, und auf der zweiten Seite wieder Billroth und so fort immer wieder Billroth.

Zu Ende mit seinen Schöpfungen und Strebungen ist er noch lange nicht. Im Augenblicke sucht er den Wiener Aerzten ein Vereinshaus zu gründen und zu bauen. Für ihn „gibt’s ka Ruh’“, wie der Wiener sagt.