Thierstudien eines Laien/Ameisenwirthschaft

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Textdaten
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Autor: M. Evers
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Titel: Thierstudien eines Laien
Ameisen­wirthschaft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 412, 413
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Thierstudien eines Laien.


Ameisenwirthschaft.


Wie über die Bienen, so ist auch über das Volk der Ameisen schon so unzählig viel gesagt und geschrieben, daß es kaum mehr möglich erscheint, wirklich Neues zu berichten. Fast jedes Lesebuch bringt ja Capitel und Abschnitte über die Bauten, Reichsverfassung, Eierpflege und Raubzüge dieser Insecten; und allbekannt ist auch schon die Anleitung, wie man dieselben benutzen kann, um aus kleineren Thierleichnamen reinliche Skelete herzustellen. Obgleich ich nun auch auf diesem Gebiete von früh auf ohne mündliche oder schriftliche Anleitung Beobachtungen angestellt habe, so würde ich doch um so weniger wagen, das Thema „Ameisenwirthschaft“ zu behandeln, je anschaulicher die ausführliche und treffliche Schilderung Taschenberg’s (in „Brehm’s Thierleben“) so ziemlich Alles zusammenfaßt, was man von den Ameisen weiß, wenn mir nicht doch einige specielle, dort nicht erwähnte Punkte meiner Ameisenstudien der Erwähnung werth schienen.

Vor Allem habe ich die rothe Waldameise beobachtet, welche in unseren Tannen- und Föhrenwaldungen jene oft sehr bedeutenden Hügel aus trockenen Nadeln aufbaut. Außerdem waren aber auch die rothen und schwarzen Gartenameisen, welche in Erdlöchern hausen, und jene anderen Sorten Gegenstand meiner Forschung, die man in Baumstrünken, alten Maulwurfshügeln und unter Steinen findet. Unter all diesen kleineren Völkern erschien mir die an den letztgenannten Stätten nistende hellgelbe Ameise als die allerfatalste, deren Bisse auch den eifrigsten Forscher bald vom Platze vertreiben.

Der Schmerz des Ameisenbisses wird bekanntlich durch die Ameisensäure erzeugt, welche das Thier aus der Hinterleibsspitze in die Bißwunde träufeln läßt. Lediglich zu letzterem Zwecke wird man stets eine beißende Ameise sich so zusammenkrümmen sehen, daß Kopf und After sich fast berühren. Possirlich aber sind dabei vor Allem die rothen Waldameisen anzuschauen, die sich überhaupt wegen ihrer Größe am besten zur Beobachtung eignen. Taschenberg giebt den Rath, um den würzigen und erquickenden Duft der Ameisensäure genießen zu können, solle man mit der flachen Hand einige rasche Schläge auf den Hügel führen und sie dann unter die Nase halten. Doch fügt er selbst hinzu, es sei Schnelligkeit dabei nöthig, damit sich keins der hierdurch wüthend gemachten Thiere in die Hand einbeiße oder an den Körper krieche. – Ich habe nun aber sehr oft die unangenehme Erfahrung gemacht, daß selbst bei der größten Geschwindigkeit die Thiere doch noch geschwinder waren und ich eine Anzahl tüchtiger Bisse weg hatte, eh’ ich’s dachte. Ich rathe deshalb Jedem, der jenen in der That köstlichen Genuß haben will, blos mit der Handfläche in einer Entfernung von drei bis vier Zoll über dem Haufen hin- und herzufahren; eine Ameise wird sich dann nie an seine Hand setzen können, wohl aber wird er letztere bald von den tausend und abertausend Strahlen der Säure angefeuchtet fühlen, welche die Ameisen, wie Taschenberg dies selbst gleich darauf erzählt, in ziemliche Höhe hinaufzuspritzen vermögen. Außerdem hat der Experimenteur bei diesem Verfahren den oben erwähnten, höchst possirlichen Anblick, daß das ganze Ameisenheer auf dem Hügel, der dicht über ihm befindlichen Menschenhand gegenüber, die energischste Offensivstellung einnimmt; jede Ameise stützt sich auf die hinteren Beinpaare, hält sich so in der Schwebe und streckt Kopf und Hinterleib dem Störenfried entgegen, spritzend und die Zangen bereit haltend. Sowie die Hand stillhält, steht auch die ganze Armee unbeweglich in dieser Stellung; sowie jene sich aber bewegt, folgt auch diese genau jedem Ruck und Zug und zwar so, daß sie in Blitzesschnelle die Stellung ändert, einige Schritte vorwärts thut und von Neuem offensiv gerüstet dasteht. Es erinnert dieser Anblick unwillkürlich an die Evolutionen eines Balletcorps, welches ja auch oft in irgend einer unmöglichen Körperverschlingung unbeweglich sich dem Zuschauer präsentirt, plötzlich einige Schritte weiter galoppirt und sofort wieder in der eben verlassenen oder einer noch schwierigeren neuen Stellung regungslos gebannt dasteht.

Mit blankgewichsten Lederstiefeln geht man ziemlich ungefährdet durch die Schaaren dieser Waldameise, zumal wenn man ab und an aufstampft. Die Ameisen werden allerdings durch dieses Fußstampfen zornig; aber alle etwa auf den Fuß kriechenden werden dadurch leicht abgeschüttelt, da sie auf dem glatten Leder sich nur mühsam halten können. Ich habe dies namentlich erprobt, als ich einst versuchte, eine Ameisencolonie im Garten anzulegen. In demselben befanden sich einige Tannen – für Baumaterial war also gesorgt. Zugleich aber war der ganze Garten so von Insecten, Larven und den kleinen, schädlichen Ameisen bevölkert, daß ich damals glaubte, durch Einbürgerung der großen Waldameise den wirksamsten Schlag gegen das Ungeziefer führen zu können.

Die Beinkleider in den Stiefeln, begab ich mich also eines schönen Sommertags, mit mehreren Beuteln und einer Ofenschaufel bewaffnet, in den nahen Wald, wo ich mehrere große Ameisenhaufen wußte. Am größten hielt ich an, befestigte die Beutel rings an Zweigen so, daß sie weitgeöffnet herabhingen, und schaufelte nun aus der Mitte des Haufens Ameisen, Eier, Larven ohne Unterschied mitsammt ihrem Baumaterial heraus in die Säcke, band diese zu und schaffte sie in den Garten. Durch möglichste Geschwindigkeit, durch fortwährendes Stampfen und durch die Wahl der glattstieligen Schaufel gelang mir die Operation, ohne daß ich gebissen worden wäre. Leider war alle Mühe vergebens, und obgleich ich einige sehr interessante Beobachtungen bei dieser Gelegenheit machte, so bereute ich doch, meine Lieblinge im Walde so decimirt und auf lange Zeit gestört zu haben.

Jene Beobachtungen waren aber folgende. Obgleich ich den ganzen Inhalt der Beutel auf einen Haufen schüttete und die Eier und Puppen möglichst in’s Innere bettete, so zeigten die Ameisen doch eine solche Verwirrung, daß sie nach allen Seiten auseinanderstürzten. Kam ihnen dabei eine Puppe in die Quer, so belasteten sie sich sofort mit derselben und rannten weiter, stets von dem Haufen weg. Auch die innerhalb zu Tausenden krabbelnden Thiere arbeiteten sich, meist mit Eiern und Larven, an’s Tageslicht und flohen ebenso von dannen. – Dennoch bemerkte ich bald, daß diese Züge sich nach und nach gruppirten und fand in mehr oder weniger Entfernung hier und da unter allerlei Deckungsmitteln größere Ansammlungen der Puppen, zum Theil so, daß ich sie später löffelweise hervorholen konnte. Aber ein Zusammenhang aller war nicht mehr da; der leitende, allgemeine Gedanke fehlte; und schon bekriegten die einzelnen Gruppen einander, wobei die Brut bald hierhin, bald dorthin dislocirt wurde. – Das Unglück, dem ich enttäuscht und traurig zusah, wurde vollendet durch die kleinen Gartenameisen, welche – obwohl in viel schwächeren Heeren – einen wahren Vernichtungskrieg gegen die größeren Geschlechtsgenossen führten. Und hier konnte man auf’s Deutlichste lernen, wie Einigkeit stark macht, während Zwietracht auch die an sich mächtigsten Brüder dem Verderben preisgiebt. Die großen Waldameisen, jede für sich allein kämpfend, fielen rasch unter den Bissen der winzigen Gegner, die je zu dreien und vieren über einen solchen Riesen herfielen. Schon am Abend des folgenden Tages lag der Nadelhaufen todt und verlassen da. Weit und breit krochen die ermatteten und augenscheinlich entmuthigten Ameisen umher, am dichtesten noch da, wo sie Theile der Brut geborgen hatten. Zahllose Leichen deckten die Erde und überall sah man die kleinen einheimischen Feinde im Kampf oder mit Fortschleppung der Beute beschäftigt. Nach einigen Tagen war Alles vorbei, und ich sammelte nun die Puppen zum Vogelfutter. – Ich bemerke noch, daß ich auch sehr viele geflügelte Ameisen, jedenfalls also Weibchen, übergesiedelt hatte, daß diese aber am allerersten sich zerstreuten und gar keine Notiz von den übrigen oder von der Brut nahmen.

Daß also die Colonisation der Ameisen durch Menschenhand ein höchst schwieriges, wo nicht unmögliches Unternehmen ist, scheint mir hiernach klar. Denn daß ich einst einen ganzen Staat der Gartenameisen, den ich in einem Blumentopfe fand, lange Zeit in meinem Zimmer in einem großen Blechgefäß hielt, hauptsächlich zum Futter meiner Ameisenlöwen, das kann man keine Colonisirung nennen; diese Ameisen konnten eben nicht über die glatten Wände ihres Kerkers hinaus, und auch bei ihnen merkte ich trotz reichlicher Fütterung doch bald, daß nicht Alles so war, wie draußen in der goldenen Freiheit.

Wie colonisiren sich nun die Ameisen selbst? Ich habe selber [413] die Neugründung einer Ameisencolonie gesehen. Und die geschah folgendermaßen.

In Soltau bei einem Freunde zu Besuch, bemerkte ich gleich am Tage nach meiner Ankunft rothe Waldameisen in dem großen schönen Garten desselben, suchte aber vergeblich nach einem Haufen. Tannen waren auch, so viel ich weiß, im Garten nicht vorhanden. Bald darauf aber, bei einem Spaziergange, entdeckten wir auf einem freien Platze unter einigen großen Tannen wiederum Ameisen derselben Sorte, suchten und fanden nun auch an einer Hecke eine ziemlich bedeutende Colonie. Da jener Ort nicht sehr weit von dem Garten war, so schien uns die Anwesenheit der Thiere in letzterem erklärt, weil die Ameisen bekanntlich sehr weite Streifzüge unternehmen. Allein einige Tage hernach entdeckte ich an einem Rasenabhange des Gartens doch eine Colonie und zwar eine ganz winzige, eben im Entstehen begriffene. Die Stelle lag recht an der Sonnenseite, aber halb unter einem kleinen Busche. Und als ich nun die Wege der Ameisen verfolgte, gelangte ich bis zu der den Garten umzäunenden Planke, unter welcher durch der Strom sich bewegte. Ich kennzeichnete mir die Stelle, verließ den Garten und fand jenseits der Planke bald genug die Heerstraße wieder, auf der die beladenen Thierchen zu Tausenden krabbelten. Und diese Heerstraße führte zu jener großen Colonie oder vielmehr von derselben her; und so eifrig schleppten die Arbeiter Nadeln und allerlei Spiere herbei, daß man das Wachsen der Tochterstadt von Tag zu Tag, ja fast stündlich wahrnehmen konnte.

In Folge einiger Experimente, von denen ich später berichten werde, hatten wir den jungen Staat mehrfach gestört und bemerkten noch gegen Abend eine auffallende Unruhe in demselben. Andern Morgens war das ganze Gemeinwesen – verschwunden! Da indessen noch Ameisen genug umherliefen, so folgten wir diesen und entdeckten nun an demselben Hange und abermals unter einem Strauche, aber etwa zehn Schritte entfernt, dieselbe junge Colonie, die also während der Nacht mit Sack und Pack umgesiedelt war und den ganzen kleinen Nadelhaufen geradezu versetzt hatte. Wir störten sie nun nicht weiter, beobachteten sie aber Nachts bei Laternenschein und fanden das Gewimmel der Arbeit fast noch regsamer, als bei Tage. In der tiefen Stille knisterte und kraspelte das im Grase und drängte, schob, schleppte, baute, daß es eine wahre Lust anzusehen war – eine Lust, die selbst einen Herrscher wie Salomo wohl zu den mannigfachen Worten zum Preise des Ameisenvolks anregen konnte. –

Hier also war die Colonie als eine direct durch Wanderung entstandene constatirt. Und solche habe ich unzählige andere, namentlich in den großen Forsten der Göhrde gefunden. Denn da lagen hohe Ameisenburgen so nahe bei einander, daß die verschiedenen Karawanenstraßen sich hin und her kreuzten und directe Verbindungen zwischen den einzelnen Gemeinden bestanden. – Sollten also je, wie Taschenberg behauptet, an von einer Ameisenburg entfernten Stellen niedergefallene Weibchen Anlaß zu neuen Colonie-Gründungen werden, so kann ich mir das nur so denken: daß dieselben in so geringer Entfernung von ihrem Neste oder auch dessen Nestcolonieen niederfallen, daß sie von Arbeitern ihres Geschlechts gefunden und erfaßt werden können; daß aber andererseits die Entfernung doch wieder derartig sein muß, daß die Arbeiter lieber an Ort und Stelle einen Neubau beginnen, als sich die Mühe des Transports zu der Mutterstadt machen. Ohne Arbeiter aber, blos durch Weibchen die Gründung einer Ameisencolonie anzunehmen, dazu wird mich erst der genaue Bericht eines Sachkundigen bringen, der den Fall wirklich mit angesehen hat. Daß von den Myriaden der Ameisenschwärme, die ja oft wolkenartig und stundenweit vom Winde fortgeführt werden, der allergrößte Theil umkommt, ist bekannt. Die Natur, die vor allem den Grundsatz befolgt: „Allzu viel ist ungesund!“ hat auch hier der ungeheuren Production den nöthigen Damm entgegengesetzt.

Wirft man mir endlich ein, wie es komme, daß Ameisenhaufen ganz vereinsamt und einzeln angetroffen werden, so werde ich erst die Gegenfrage thun: Ob sich Jemand, der eine solche Colonie fand, wirklich auch überzeugt hat, daß sonst keine Bauten dieser Art in der betreffenden Gegend vorkommen? – Und sodann werde ich sagen, daß ich allerdings gerade diesen letzten Fall glaube verbürgen zu können. Denn auf den Göhrdener Bergen bei Hannover, einer Hügelkette, die sich etwa ein Stündchen lang hinzieht und die ich Jahre lang durchstreift habe, fand ich nur zwei Colonien und in einer solchen Entfernung von einander, daß eine Verbindung nicht mehr ersichtlich war. Aber wer sagt, daß diese Entfernung immer bestanden hatte? Können Ameisen in einer Nacht zehn Schritt weit umsiedeln, welchen Weg können dann in vielen Jahren ihre Ansiedlungen zurücklegen! Und wie viel Mittelglieder mögen bestanden haben, die aus irgend welchen Gründen verschwunden sind! Denn – ich füge dies nachträglich hinzu – auch jener große Haufen, dem ich damals so erfolglos seine Bürger raubte, war nach zwei Jahren spurlos verschwunden, also entweder ausgestorben oder umgesiedelt. – Sehr wirkt auch die Abholzung und Neubepflanzung der Forsten auf die Verbreitung der Ameisen ein; ich bin überzeugt, rückte man ein Tannengehölz im Laufe der Jahrhunderte meilenweit von seiner ersten Stelle hinweg, sämmtliche darin befindliche Ameisencolonien würden mit fortrücken. Und endlich kann ich constatiren, daß seit etwa zwei Jahren auf den eben genannten Bergen sich mehrere neue Colonien gebildet haben, und zwar – da sie mit einander in Verbindung stehen – durch Wanderung, ohne daß ich noch hätte unterscheiden können, welches der Mutterstaat und welches die Tochterreiche sind. –

Sollten meine Ansichten nun der Berichtigung bedürfen, so sind mir solche sehr erwünscht. Die Ameisenfrage ist nicht blos eine wissenschaftlich höchst interessante, sondern für das Forstwesen zugleich von hervorragend praktischer Bedeutung. Möge man mir deshalb diese vielleicht etwas umständliche Behandlung zu Gute halten. –

Um noch kurz von den oben erwähnten Experimenten zu berichten, so bezogen dieselben sich auf die Wirkungen des Ameisenbisses und der demselben eingeflößten Säure. Uns Menschen verursacht dieselbe nur einen kurzen Schmerz, obgleich die nöthige Anzahl auch hier höchst fatal, ja gefährlich werden kann. Kommen doch unter den Gräueln des dreißigjährigen Kriegs und der spanischen Kriege auch die entsetzlichen Fälle vor, daß Säuglinge in Ameisennester geworfen und so zu Tode gebissen wurden. – Auf die Thiere wirkt die Ameisensäure nun ganz besonders, aber auf keines mehr, als aus den Frosch. Während Insecten, Würmer und andere viel kleinere Wesen unter vielen Ameisenbissen noch lange Qualen zu erleiden haben und von wenigen kaum angefochten zu werden scheinen, da sie im Fall der Rettung oft munter davoneilen: so ist der Frosch fast immer ein Kind des Todes, ein mittelgroßer Thaufrosch sogar in Folge eines einzigen Bisses. Es handelt sich nur um die Dauer, bis wann das Gift den Tod herbeiführt. Drei Ameisenbisse brachten einen kleinen Frosch fast im Nu in das Reich der Schatten, während ein großer nach demselben Quantum noch etwa eine Minute lebte. Leider sind die Notizen hierüber verloren gegangen, und so will ich diese Zeitmaße nicht als genau verbürgen. –

Auf der bedeutenden Hitze, um zum Schlusse auch dies noch zu erwähnen, welche, wie ich oben anführte, in den Hügeln der rothen Waldameise herrscht, fußt auch das Verfahren, durch welches die Apotheker die nöthigen Thiere zur Gewinnung des Ameisenspiritus erlangen und welches ich ebenfalls in der Lüneburger Haide kennen lernte. Große Glasflaschen werden bis an den Rand der Oeffnung in die Haufen vergraben und dann einige Tropfen Spiritus hineingegossen. Durch die Bruthitze wird der letztere zu besonders starkem Ausdünsten getrieben, und sowie nun eine Ameise dem verderblichen Krater nahe kommt und neugierig in den schwarzen Schlund hinabschaut, wird sie im Umsehen benebelt und stürzt hinab. Man sucht hierbei möglichst die Nester und Eier der nützlichen Thiere zu schonen und versenkt die Flaschen seitwärts am Abhange. Aber so ungeheuer ist die Menge der Thiere, daß oft in wenigen Stunden eine solche große grüne Glasflasche gefüllt ist.

Freilich noch mehr als hierdurch bekommt man einen Begriff von der unausdenkbaren, nach Milliarden kaum mehr zu messenden Anzahl dieser „Ameisenwirthschafts“-Glieder, wenn man den Verbrauch der Puppen sieht, die centnerweis in den Handel kommen. Wie verschwindend sind doch auch hier unsere Zahlen gegen die der allgewaltig schaffenden Natur! –

M. Evers.