Tintoria-Photographiemalerei

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Titel: Tintoria-Photographiemalerei
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 68 a
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[68] Tintoria-Photographiemalerei. So viele Mühe man sich bisher gegeben hat, um Photographien in einer Weise zu kolorieren, die den Anschein erweckt, als wäre die Buntfarbigkeit mit der Aufnahme des Bildes entstanden, so wenig hat man dieses weitausgreifende Problem praktisch gelöst. Man benutzte entweder Oel- oder Aquarellfarben oder irgend eine andere, für den speziellen Zweck zubereitete Farbe, aber das Bild, welches man erlangte, war kaum als bunte Photographie zu bezeichnen, es war eben ein gemaltes oder bemaltes Bild. Nun giebt es eine neue Erfindung, welche wohl geeignet ist, die bisherigen Kolorierverfahren von Photographien in Schatten zu stellen. Im allgemeinen werden die neuen sogenannten Tintoriafarben ebenfalls in Form einer Malerei aufgetragen, aber die Wirkung ist doch eine wesentlich andere, viel natürlichere als bei Verwendung anderer Farben.

Die Tintoriafarben werden nur in den drei Grundtönen Blau, Gelb und Rot geliefert, alle anderen Töne müssen aus diesen verdünnt oder gemischt werden, was auch – vom zartesten Hauch bis zur stärksten Beleuchtung – jedermann ohne viel Vorübung gelingt. Zum Verdünnen befindet sich in den Arbeitskästen eine besondere Flüssigkeit; eine zweite Flüssigkeit, Cellin genannt, dient zur vorherigen Präparation von Photographien aus Celloidinpapier, welches ohnedem die Farben nicht gut annehmen würde.

Im sonstigen aber können alle Arten von Bildern ohne weiteres bemalt werden, ebenso lassen sich die Tintoriafarben ganz vorzüglich zum Bemalen von Leinen und Seide, von mattem Glas und unglasiertem Porzellan verwenden. Bei Photographien wähle man möglichst lichte Kopien, da sonst die feinen, zarten Töne, welche gerade einer Photographie den höchsten Reiz verleihen, nicht genug zum Ausdruck kommen würden.

Zuerst wird das Bild mehreremal mit der farblosen Flüssigkeit Nr. 1 überstrichen. Diese läßt man einige Minuten lang einziehen und trocknet dann die ganze Fläche mit gutem Löschpapier ab. Hierauf giebt man der Fläche einen zweiten Aufstrich von ganz verdünntem Blau, den man ebenfalls nach einigen Minuten abtrocknet. Durch diese Nuancierung erhält das Bild mehr Lebendigkeit. Das weitere, spezielle Ausmalen ist leicht erlernt; man richte sich in der Farbenwahl unbedingt nach der Natur, vergesse aber nicht, daß die nötigen Schattierungen, zum Beispiel bei Haaren, Kleiderfalten etc., durch die Photographie selbst schon vorhanden sind und also nicht besonderer Farbenmischungen bedürfen. Es ist dabei ein großer Vorteil der Tintoriafarben, daß sie ebenso schnell wie ganz fest haften und bei Neuauftragungen sich nicht verwischen. Aus diesem Grund kann man alle Details öfter und auch mit anderen Tönen übermalen, bis der Farbenton befriedigt. Auch in diesem Falle bleiben die Farben ungemein lasierend und verraten in keiner Weise den sonst sehr störenden Eindruck des Bemaltseins.

Die Tintoriafarben sind wohl in allen Malutensiliengeschäften käuflich, zwar etwas teuer; aber angesichts ihres großen Wertes rechtfertigt sich die Ausgabe ohne Zweifel. Auch ungeübte Laien können sich ruhig der Tintoriafarben bedienen, zumal jedem Farbenkarton eine genauere Anleitung beiliegt.