Tragopodagra

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Tragopodagra
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Fünfzehntes Bändchen, Seite 1865–1879
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1832
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Ποδάγρα
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[1865]
Tragopodagra.

 Ein Podagrist.
 Der Chor.
 Das Podagra.
 Ein Bote.
 Zwei Aerzte.
 Die Qualen.


Podagrist.

Abscheulich Wesen, Gräuel auch den Himmlischen,
O Podagra, des Heulstroms schmerzensvolle Brut,
Die in des Höllenreiches schwärzestem Geklüft
Die Furie Megär’ aus ihrem Schoos gebar,
Und der statt Muttermilch Alekto gährend Gift
Aus ihren Zitzen sorgsam eingeträufelt hat:
O welch’ ein böser Dämon hat, Unholdin, Dich
Ans Licht gebracht? Du kamst den Sterblichen zur Qual!
Denn wenn den Todten noch für jede Missethat,
Die einst im Leben sie verübt, die Strafe folgt,
Bedurfte es des Durstes wohl, um Tantalus,
Des Felsen, um den Sisyphus zu quälen, und
Des Rades für Ixion, dort in Pluto’s Reich?
Nein, es genügt, wird nur, Wer Böses je gethan,
Auf deine qualenvolle Folterbank gespannt.
Ha! wie mein Körper, von den Fingerspitzen an
Bis zu dem Aeußersten der Füße schmerzdurchwühlt,
Bei fest verschloss’nen Poren gift’ge Jauche birgt!

Gebannt in die Gelenke rast der Schmerzen Wuth.
Jetzt dringt die Gluth bis in die Eingeweide mir;
Wie Flammenwirbel zuckt es durch mein Innerstes.
So tobt geschwellt der Feuerstrom in Aetna’s Schlund;
So dringen wild sich durch Siciliens Kanal
Die Meereswogen, in das labyrinthische
Gewinde hohler Felsenschluchten eingezwängt.
O dieser Qualen Ende ist nicht abzuseh’n!
Umsonst versucht’ ich bähende Umhüllungen,
Umsonst gab ich bethört mich eitler Hoffnung hin!


Der Chor.

 Im Waldgebirg Cybelens
 Hallt um den zarten Attis
 Der Phryger heil’ge Klage.
 Und zu dem Klang der Hörner
 Erschallt auf Tmolus Hohen
 Gesang der Lyd’schen Reigen.
 Es lärmt nach Kreter Weise
 Das E[?]an und die Pauke
 Der wilden Korybanten.
 Und heller Schlachtruf schmettert
 Aus mächtiger Trompete
 Dem ungestümen Ares.

 Wir, deine Eingeweihten,
 O Podagra, wir bringen
 Dir unsrer Klagen Opfer
 In Frühlings ersten Tagen,
 Wenn Zephyrs milder Athem

 Den Fluren neue Blüthen
 Und neues Grün entlockte:
 Wenn Prokne unsre Dächer
 Umschwirrt mit banger Klage;
 Und durch die Nacht der Haine
 Wehmüthig Philomele
 Nach ihrem Itys jammert.


Podagrist.

O Du mein treuer Helfer stets in Noth und Schmerz,
Der eines dritten Fußes Stelle mir vertritt,
Mein Stock, o sich’re mir den zitternd schwanken Gang,
Daß sacht den harten Boden ich betreten mag.
Auf! hebe, kranker Leib, vom Lager Dich empor;
Verlaß den engen Raum des dumpfigen Gemachs,
Zerstreu’ aus deinen Augen diese düstre Nacht.
Hinaus ins Freie, in den heitren Sonnenschein,
Des blauen Himmels reine Lüfte einzuzieh’n!
Denn fünfzehn volle Tage sind es nun, daß ich
Vom Lichte fern, in dieses Dunkel eingesperrt,
Auf hartem Lager mich verzehr’ in heißer Qual.
Nun wandelt auch einmal die Lust mich Armen an,
Vor meine Thüre mich zu schleppen Schritt vor Schritt – –
Ach! es versagt den Dienst der kranke Körper mir! –
Doch, Muth gefaßt, mein Herz! Du weißt, ein Bettler, den
Das Podagra verhindert, auszugeh’n, gehört
Bei Leibesleben schon dem Todtenreiche an.
Wohlan denn! – –
Wer sind die Männer hier, gestützt auf Krücken, und

Die Schläfe mit Hollunderblättern rings umkränzt?
Und welche Gottheit feiern sie mit Reigensang?
Ist’s, daß sie Dir lobsingen, heilender Apoll?
Doch wendet sich kein delphisch Laub um ihre Stirn.
Ists Bacchus, dem ihr feierlicher Hymnus gilt?
Allein kein Epheu schlingt durch ihre Locken sich.
Wer seyd ihr doch, ihr Fremdlinge? Woher des Wegs?
Sagt mir die Wahrheit, Freunde, welchem Gotte tönt
Zu Ehren, welcher Göttin euer Lobgesang?


Der Chor.

Und Du, der zu uns spricht, o Freund, Wer bist du selbst?
Denn Krückenstock und Gang verräth uns, daß auch Du
Der unbezwingbar’n Göttin Eingeweihter bist.


Podagrist.

Und dieser Göttin würd’ger Diener wär’ auch ich?


Der Chor.[1]

 Aphrodite, Cyperns Herrin,
 Die als Thau vom Aether rann,
 Schuf zum reizenden Gebilde
 Nereus in der Fluthen Reich.
 Here’n selbst, die lilienweiße

 Gattin des Olympiers,
 Säugte an des Weltstroms Quellen,
 Thetys aus der reichen Brust.
 Und der Höchste der Kroniden,
 Zeus, gebar aus ew’gem Haupt
 Einst Athene, wilder Schlachten
 Muthbeseelte Lenkerin.

 Aber uns’re hehre Göttin,
 Podagra, die Mächtige,
 Sproßte aus Ophions Lenden,
 Als das alte Chaos floh,
 Und die erste Morgenröthe
 Meldete den ersten Tag:
 Und als ihre Neugebor’ne
 Clotho aus dem Bade hob,
 Lachte ihr der ganze Himmel,
 Jubel scholl durch Aethers Raum,
 Und an Plutons[2] vollen Brüsten,
 Trank sie fröhliches Gedeih’n.


Podagrist.

Mit welchen Bräuchen weiht sie ihre Diener ein?


Der Chor.

Wir ritzen aus den Adern uns kein Blut mit Schwertes Schärfe,
Noch winden wir das freie Haar in Knoten um den Nacken;

Auf uns’ren Rücken klatschen nicht die Hiebe knot’ger Geiseln;
Zerfetzter Stiere rohes Fleisch wird nicht von uns verschlungen.
Doch wenn der junge Lenz enthüllt der Ulme zarte Blüthe,
Die liederreiche Amsel singt aus grüner Zweige Dickicht,
Dann fährt ein unsichtbar Geschoß durch der Geweihten Glieder,
Ein fliegend Feu’r, das plötzlich dringt in’s Innre der Gelenke,
Und Hand und Fuß, und Arm und Bein, und Knöchel, Hüften, Schenkel,
Und Schulterblätter, Kniegelenk, Genick und Händewurzeln
Entzündet, brennt und mürbe kocht, zernagt, zermalmt, verzehret,
Bis endlich unsrer Göttin Wink der Qual zu flieh’n gebietet.


Podagrist.

So war ich also, ohne es zu wissen, auch
Der Eingeweihten Einer? Nun, Gebieterin,
So steige huldreich zu uns nieder! Zugesellt
Dem Chore deiner Priester, bring’ ich Hymnen Dir.


Der Chor.

 Still, o Aether! ruht, ihr Lüfte!
 Heil’ge Worte spreche unser Aller Mund!
 Seht! gestützt auf ihre Krücke,
 Naht die Betten liebende

 Göttin dem Altar! – Sey uns gegrüßt!
 Mildeste der Götter, gnädig nahe
 Und mit heit’rem Blick den Deinen;
 Schenke uns der Schmerzen schnelle Lösung
 In des Frühlings Blüthenzeit!


Das Podagra.

Wo ist der Sterbliche auf weitem Erdenrund,
Der nicht der Schmerzen ungezwungne Herrin kennt,
Mich Podagra, die keine Weihrauchwolke, kein
Vergoss’nes Opferblut auf glüh’nden Herden sühnt,
Und keines Reichen noch so glänzend Weihgeschenk?
Die auch Apoll mit allen Mitteln seiner Kunst,
Der Arzt der Himmlischen, nicht zu bewält’gen weiß,
Noch Phöbus Sohn, der vielerfahrne Aeskulap.
Seitdem der Sterblichen Geschlecht ins Daseyn trat,
Bemühn sich Alle, zu vernichten meine Macht,
Ersinnen hundertfält’ger Mittel Mischungen,
Versuchen diese, jene künstliche Arzney.
Die Einen stoßen Eppich, wilden Portulak,
Mit Lattichblättern untermengt, und Wegerich;
Samkraut auch oder Andorn pressen Andere,
Und Andre stampfen Nesseln oder Günselkraut,
Und suchen Wasserlinsen in den Sümpfen auf;
Auch Pfirsichblätter brauchen sie und Pastinak,
Granatenschalen, Zwiebeln, Mohn und Bilsenkraut,
Weihrauch, Salpeter, Flöhekraut und Niesewurz,
Bockshorn mit Wein, Froschleich[3]

Galläpfel von Cypressen, feines Gerstenmehl,
Und Häringslake, Blätter von gesottnem Kohl,
Mistpillen wilder Ziegen, Menschenkoth, und Mehl
Von Bohnen, und des Steins von Assus feinen Staub.
Eidechsen kochen sie, Spitzmäuse, Wieselchen,
Hyänen, Kröten, Füchse und Bockhirsche gar.
Nichts ließ man unversucht an mir, kein Mineral,
Den Saft von keinem Kraut, und keines Baumes Harz,
Und keines Thieres Knochen, Sehnen, Haare, Fell,
Und Fett, und Blut, und Mark, und Harn, und Koth, und Milch.
Vier Stoffe nehmen Einige zu ihrem Trank,
Und Andre acht, den Meisten gilt die Siebenzahl.
Der Eine schluckt ein reinigend[4] Arkanum ein;
Ein Andrer ist der Narr spitzbüb’scher Zauberer;
Ein dritter Narr geräth in eines Juden Hand …[5]
Ich aber heiße Alle an den Galgen geh’n,
Die Solches thun. Wer gegen mich Versuche wagt,
Empfindet meinen Zorn nur desto heftiger.
Doch Jedem, der nicht widerspenstig ist gesinnt,
Begegn’ ich mitleidsvoll, mit Schonung und mit Huld.
Das Wichtigste, was meines Dienstes Neophyt
Zu lernen hat, ist gute Worte geben, und

Durch Witz und Laune überall willkommen seyn.
Und läßt er dann ins Bad sich tragen, so empfängt
Ihn frohes Lachen Aller, die ihn seh’n. Denn wißt,
Die Göttin Ate, die Homer beschreibt, bin ich.
Denn auf der Leute Köpfen gehe ich, und hab’
Empfindlich zarte Sohlen. Doch die Menge nennt
Mich Podagra, weil ich der Füsse Fessel bin.[6]
Wohlan, ihr Eingeweihten meiner Orgien,
Erhebt der unbezwungnen Göttin Lobgesang!


Der Chor.

 Starkmüthige Göttin, Gewaltige,
 Die im Busen trägt ein stählernes Herz,
 Vernimm deiner heiligen Diener Gesang!
 Du hohe, die Reichen bedrohende Macht,
 Dich scheut selbst Jupiters zuckender Blitz;
 Es zittern vor Dir die Wogen des Meeres.
 Es zittert der Herrscher des Schattenreichs,
 Bandagenfreundin, Betthüterin,
 Laufhemmende Knöchelzerquälerin,
 Sachttretende Knochendurchglüherin,
 Schlafraubende Kniezerbrecherin,
 Ringsumschwulstknotenverkalkerin,
 Gelenkeverknorrende Fußgicht!


Ein Bote.

O Herrin, zu geleg’ner Stund’ erschienest Du;
Vernimm, was ich zu melden habe. Den Beweis,

Daß ich die Wahrheit Dir berichte, bring’ ich mit.
Indem ich, wenn Du mir gebotst, mit leisem Fuß
Die Städt’ umher und alle Wohnungen beschlich,
Zu sehn, Wer etwa nicht verehrte Deine Macht.
So fand ich ruhig Dir ergeben Aller Sinn,
Bewältiget von Deiner Hand, o Königin!
Nur diese beiden Männer, frechen Muthes voll,
Behaupteten vor allem Volk mit einem Schwur,
Man dürfe Deine Macht hinfort nicht fürchten mehr;
Sie hätten Mittel, Dich zu bannen aus der Welt.
Ich band sie an den Füßen fest, und bringe sie;
Und brauchte zu zwei Stadien nur der Tage fünf.


Podagra.

Wie schnell Du flogst, Du meiner Boten hurtigster!
Sprich, welches unwegsame Land verließest Du?
Beschreib’s genau, damit ich seh, wie rasch Du liefst.


Bote.

Fünf Treppenstufen waren erst hinab zu gehn,
Die, schlecht gefügt, erbebten unter meinem Tritt.
Hierauf empfing ein Estrichboden mich, dem Druck
Der Fersen peinlich widerstrebend; kümmerlich
Arbeitet’ ich qualvollen Tritts mich drüber hin.
Jetzt ging es auf ein Kiesel-Pflaster, wo ich kaum,
Der spitz’gen Steine wegen, von der Stelle kam.
Doch nun betrat ich einen weichen, koth’gen Weg;
Ich strebte rüstig vorwärts, doch der zähe Schlamm
Zog mir die schwachen Knöchel immer hinterwärts.
Indem ich so mich fortzuschaffen suche, rinnt

Der Schweiß mir stromweis schon am ganzen Leib herab.
An allen Gliedern, abgemattet komme ich
Nun auf die breite Straße: doch was half es mir?
Denn Wagen rollten gegen mich und hinterher,
Und nöth’gen mich zu Seitensprüngen links und rechts;
Daher nicht säumig hebe ich den trägen Fuß,
Betrete seitwärts einen schmalen Nebenpfad
Und warte, bis das Räderwerk vorüber war.
Denn schnell zu gehn vermochte Dein Geweihter nicht.


Podagra.

Du sollst Dich, Bester, meines Auftrags nicht umsonst
So gut entledigt haben: dankbar gebe ich
Dir Deines treuen Eifers angemeßnen Lohn.
Vernimm denn, was Dein Herz erfreut: Du wirst von jetzt
Drei Jahre lang von Gliederqual nur leicht berührt! –
Ihr aber, Gottvergessene, Abscheuliche,
Wer seyd ihr, und wo stammt ihr her, daß ihr es wagt,
Zu trotzen mir, der allgewalt’gen Podagra?
Mir, deren Macht noch Zeus nicht zu bewält’gen weiß?
Sprecht, Bösewichte! – Ha! wie manchen Göttersohn –
Die Dichter wissen’s – unterwarf ich meinem Arm!
Podarkes heißt, weil er podagrisch, Priamus;
Achilles, der Pelide, starb als Podagrist,
Und Podagristenqualen trug Bellerophon.
Podagrisch war auch Thebens Herrscher Oedipus,
Podagrisch von den Pelopiden Plisthenes,
Podagrisch auch der Flottenführer, Pöas Sohn.
Ein anderer Podarkes war Thessaler-Fürst,
Der nach Protesilaus Fall den Schiffbefehl,

Obwohl podagrisch und gepeinigt, übernahm.
Odysseus selbst, Laërtes Sohn, aus Ithaka,
Starb nicht von einem gift’gen Pfeil: ihn tödtet’ ich!
Drum weh euch, weh! ihr Unglückseligen! denn euch
Erwartet eine Strafe, schwer wie eure Schuld!


Einer der beiden Aerzte.

Wir sind geborne Syrer aus Damaskus, und
Von Armuth und dem bittern Hunger fortgejagt,
Durchirren wir mühselig Meer’ und fernes Land.
Nur diese Salbe hinterließ der Vater uns,
Womit der Kranken Schmerzen wir beschwichtigen.


Podagra.

Woraus besteht sie? wie wird sie bereitet? Sprich!


Arzt.

Es nicht zu offenbaren bindet uns ein heil’ger Schwur,
Und unser’s Vaters letzter Wille, da er starb.
Wir sollen bergen dieses Mittels große Kraft,
Die auch selbst Dich zu bänd’gen weiß in Deiner Wuth.


Podagra.

Wie? ihr verruchten, frechen Bursche, die ihr seyd!
Ist je auf Erden eines Mittels Kraft so groß,
Daß aufgesalbt es brechen könnte meine Macht? –
Jedoch – wohlan! Es gilt die Wette zwischen uns:
Erproben wir’s durch den Versuch, was stärker sey:
Ob eure Salbe, oder meines Feuers Gluth.
Herbei von allen Enden, Qualen! fliegt herbei,
Ihr finstern Dienerinnen meiner Orgien!

Rückt näher und vertheilet euch! Durchzücke Du
Mit wilder Gluth die Fersen ihnen und die Zeh’n.
Ergreife Du die Knöchel! Gieße Du Dein Gift,
Das scharfe, reichlich in die Hüften und die Knie!
Ihr legt den Fingern eure Folterschrauben an!


Die Qualen.

Es ist geschehn, o Königin, wie Du gebotst.
Sie liegen hier und jammern, die Erbärmlichen:
Durch alle Glieder fähret ihnen Folterpein.


Podagra.

Wohl! – Fremdlinge, nun werden wir aufs Klarste seh’n,
Ob eure Salbe diese Schmerzen lindern kann.
Wofern sie unbestreitbar mir entgegenwirkt,
Verlaß’ ich stracks die Welt, und ungeseh’n hinfort
Begrab ich in der Hölle tiefste Tiefen mich.


Die Aerzte.

O weh! Die Salb’ ist aufgelegt, doch löscht sie nicht
Der Schmerzen Gluth – o wehe! wehe! wir vergeh’n!
Ein ungemessnes Quälen bohrt durch jedes Glied.
Nein! solch Geschoß entsendet selbst der Donnrer nicht;
So raset nicht des Oceans empörte Fluth;
So tobet nicht des Wirbelwindes Ungestüm! –
O! mich zerreißt der scharfe Zahn des Cerberus –
O! einer Viper äzend Gift verzehret mich! –
Benetzte etwa mein Gewand Centaurenblut?[7]

Erbarme Dich, o Herrin! Unsre Salbe nicht,
Noch sonst Etwas kann Deinem Willen Einhalt thun:
Du bist die unbeschränkte Siegerin der Welt!


Podagra.

So ruht denn, Qualen, dämpfet ihrer Schmerzen Wuth,
Da sie’s bereu’n, daß sie den Kampf mit mir gewagt.
Wißt Alle! ich allein von allen Göttinnen
Bin unerweichlich, achte keines Arztes Kunst.


Der Chor.

Nichts vermochte der Trotz Salmoneus gegen die Blitze
Jupiters: rauchende Pfeile durchbohrten die frevelnde Brust ihm.
Uebel bekam der Kampf mit Apoll dem phrygischen Satyr:
Warnend hänget die Haut vom Winde gepeitscht an der Fichte.
Ewiges Leid bracht’ einst der fruchtbaren Niobe Wettstreit:
Noch vergießt sie auf Sipylus Höh’n reichfließende Zähren.
Und Arachne vermaß sich, Minerven Fehde zu bieten:
Doch sie verlor die Gestalt, und spinnt und webet noch immer.
Gegen der Götter Zorn vermag der Sterblichen Trotz Nichts:
Zeus, Latona, der pythische Gott, und Tritonia lehrten’s. –
Schonend, Beherrscherin jeglichen Volks, o Podagra, schonend
Lege die Marter uns auf, nur leicht und wenig empfindbar;
Bald auch laß sie verschwinden, und schenke die Füße uns wieder!




  1. Wir haben für diesen Chorgesang statt der Anapästen des Originals ein trochäisches Maß gewählt. Auch im Folgenden halten wir uns nicht streng an das Metrum der Vorschrift, und glauben deßwegen die Nachsicht des philologischen Lesers ansprechen zu müssen. Claudicare in podagra versus, quam sententiam, malebamus, sagt der launigte Gesner.
  2. Als Gott des Reichthums gedacht.
  3. Im Texte folgt das unerklärliche Wort κολλάμφακον.
  4. Vielleicht doppelsinnig: ein Arkanum, das ihm den Beutel fegt.
  5. Der folgende Vers: ὁ δὲ θεραπείαν ἔλλαβε παρἀ τῆς κράνης, erwartet noch seinen Erklärer oder Verbesserer.
  6. Buchstäbliche Bedeutung des aus ποδὸς ἂγρα gebildeten Wortes Podagra, Fußfang. Vergl. zum Vorhergehenden Il. XIX, 91.
  7. Anspielung auf den bekannten Mythus von des Herkules Verbrennung.