Nero oder der Isthmus-Kanal

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Nero oder der Isthmus-Kanal
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Fünfzehntes Bändchen, Seite 1857–1864
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1832
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Νέρων
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[1857]
Nero[1]
oder
der Isthmus-Kanal.
Menekrates. Musonius.

1. Menekrates. Auch Du wirst es zugeben, Musonius, der Plan, womit der Tyrann umging, den Isthmus [1858] zu durchstechen, war doch wohl in Griechischem Geiste gedacht?

Musonius. Unstreitig, Menekrates, war dieser Einfall Nero’s ein sehr guter. Es hätte mittelst des zwanzig Stadien[2] langen Durchstiches durch die Landenge den Seefahrern den langen Umweg über Malea um den ganzen Peloponnes erspart.

Menekrates. Und wie würde der Handel, und die Blüthe der Seestädte, so wie das Binnenland dabei gewonnen haben! Denn auch dieses hat desto größeren Vortheil von seinen Produkten, je mehr die Küstenpläne im Flor stehen. Wir wünschten aber Alle das Nähere von Dir zu erfahren, Musonius, wie es sich mit diesem Plane verhielt: wenn Du Dich nicht etwa mit etwas Wichtigerem zu beschäftigen gedenkst.

Musonius. Das will ich euch erzählen, wenn ihr es wünschet. Denn ich wüßte nicht,[3] auf welche Weise ich euch sonst meinen Dank dafür bezeugen könnte, daß ihr, um euch mit mir zu unterhalten, mich in diesem unangenehmen Hörsaale besuchen mochtet.

2. Den Nero hatte seine Leidenschaft für das Singen, und die Einbildung, die er sich in den Kopf gesetzt, daß selbst die Musen keine angenehmere Stimme hätten, als er, nach Achaja gezogen. Er wollte sich damit auch in Olympia, bei den angesehensten unserer Nationalspiele, den Kranz verdienen. Die pythischen betrachtete er mehr für [1859] sein, als für Apollo’s Fest: denn daß sogar dieser in Saitenspiel und Gesang mit ihm sich nicht würde messen können, war ihm eine ausgemachte Sache. Der Isthmus mochte ihm also damals auch nicht von Ferne zu Sinne gekommen seyn. Allein als er selbst hieher kam und die Natur der Gegend ihm auffiel, ergriff ihn auf einmal die Lust zu einem großen Werke: es fiel ihm ein, daß einst jener alte König, der an der Spitze der Griechen gegen Troja zog, Euböa mittelst des Kanals bei Chalcis von Böotien abtrennte; daß Darius eine Brücke über den Bosporus gegen die Scythen schlug, und vor allen Anderen dachte er wohl an die ungeheuersten aller großen Unternehmungen, an die Werke des Königes Xerxes. Indem er den mannigfaltigsten Verkehr auf dem kürzesten Wege bewerkstelligen wollte, gedachte er, Griechenland aufs glänzendste mit den Reichthümern des Auslandes zu bewirthen. Denn so berauscht sonst der Tyrannen Sinn ist, so wissen sie sich doch hie und da viel damit, dergleichen von sich rühmen zu hören.[4]

3. Er trat also aus seinem Gezelt hervor, sang einen Hymnus auf Amphitrite und Neptun, und ein kurzes Loblied auf Melicertes und Leukothea. Hierauf überreichte ihm der Präfekt von Griechenland einen goldenen Spaten; Nero trat heran, wo die Stelle zum Anfange des Kanals bezeichnet war, und hieb damit dreimal, wenn mir recht ist, in die Erde. Nachdem er sodann Diejenigen, welche mit der Leitung [1860] des Werkes beauftragt waren, zur unverdrossenen Ausführung ermahnt hatte, begab er sich nach Korinth, sich einbildend, daß nun Herkules mit allen seinen zwölf Arbeiten Nichts gegen ihn sey. Die Strafgefangenen hatten hierauf die steinigten und mühseligen Strecken, die Legionssoldaten den weichern und ebenen Boden auszugraben.

4. Wir mochten etwa zehn bis zwölf Tage wie angejocht an unserem Isthmus gearbeitet haben, als von Korinth aus das, anfänglich nur halblaute, Gerücht sich verbreitete, Nero hätte seinen Entschluß geändert. Aegyptische Mathematiker hätten die beiderseitigen Meere untersucht und gefunden, daß ihre Wasserspiegel sich gegenseitig nicht die Wage halten, so daß, da der Meerbusen von Lechäum höher stehe, für die Insel Aegina die Gefahr zu besorgen sey, von der heranströmenden Wassermasse überfluthet zu werden. Allein Nero, der in sein Kanal-Projekt bereits verliebter war, als sogar in sein öffentliches Singen, hätte sich durch ein solche Vorstellung nicht so leicht davon abbringen lassen, und wenn sie ihm von dem gelehrtesten aller Naturkundigen, von Thales selbst, gemacht worden wäre.

5. Sondern die Bewegungen in den westlichen Provinzen, geleitet von dem entschlossenen Vindex, waren es, die den Nero aus Griechenland und vom Isthmus abriefen, und ihn jetzt jene nichts sagenden, mathematischen Bedenken vorschützen ließen. Ich weiß gewiß, daß die Meere an beiden Ufern vollkommen von gleicher Höhe sind. Man will aber sogar behaupten, daß die Gegenden um Rom selbst schon anfangen, unter seinem Fuße zu wanken. Von dem [1861] Tribun, der gestern hier landete, werdet ihr dasselbe gehört haben.

6. Menekrates. Aber sage mir doch, Musonius, wie ist denn wirklich die Stimme beschaffen, um deren willen er so sehr in die Musik vernarrt ist, und die olympischen und pythischen Siegerpreise sucht? Fremde, die nach Lemnos kamen, waren getheilter Meinung: Einige sprachen mit Bewunderung davon, Andere lachten über ihn.

Musonius. Seine Stimme ist eben nicht zum Bewundern; doch klingt sie auch nicht lächerlich. Sie ist im Gegentheil von Natur nichts weniger als unangenehm, und hält sich auf einer gewissen mittleren Höhe. Allein er sucht durch Herabdrücken der Kehle seinen Tönen Tiefe geben,[5] und alsdann erhält der auf diese Art erkünstelte Gesang etwas Hohles und Brummendes. So lange er übrigens mit einiger schüchternen Zurückhaltung singt, wird diese polternde Rauhigkeit durch die musikalische Begleitung gewissermaßen ausgeglättet; seine Coloraturen und Modulationen erscheinen ungezwungener und gefälliger, sein Gesang steht in harmonischerem Verhältniß zum Saitenspiel; alle seine Bewegungen, sein Vorschreiten, sein Innehalten, die Veränderungen seiner Stellung, die Wendungen seines Kopfes geschehen mehr zur rechten Zeit, und sind dem Ausdruck des Gesanges angemessener, und das Einzige, was an der Sache nicht ehrenvoll scheint, ist, daß ein Kaiser, auf Dinge dieser Art ein so ernstliches Studium verwendet.

[1862] 7. Wenn er sich aber beikommen läßt, die Götter des Gesanges überbieten zu wollen, wehe! welches Gelächter entfährt da den Zuhörern, und ob die furchtbarsten Strafgerichte Demjenigen angedroht wären, der es wagen würde, ihn auszulachen! Denn da wackelt er mit dem Kopfe, zieht über Gebühr viel Athem ein, stellt sich auf die Zehen und legt den Hals zurück, als ob er auf ein Rad geflochten wäre. Und weil seine Brust so schwach ist und der Athem ihm jeden Augenblick auszugehen droht, so steigt die Rede seines ohnedieß schon stark gefärbten Gesichts ins Feuerfarbe.

8. Menekrates. Aber wie kommt es denn, Musonius, daß seine Mitbewerber um den Preis immer den Kürzern ziehn? Ohne Zweifel wissen sie, ihm zu gefallen, künstlich nachzugeben?

Musonius. Allerdings künstlich, ungefähr wie es Die machen, welche im Ringkampf ihrem Gegner absichtlich unterliegen. Du erinnerst Dich doch wohl, mein Freund, wie jener tragische Schauspieler auf dem Isthmus um’s Leben kam? Eine gleiche Gefahr drohte auch den Tonkünstlern, wenn sie ihre ganze Kunst gegen ihn aufbieten wollten.

Menekrates. Wie war das, Musonius? Von dieser Geschichte ist mir noch nichts zu Ohren gekommen.

Musonius. So laß Dir denn einen Vorfall erzählen, der, so unglaublich er[WS 1] klingt, sich gleichwohl vor den Augen von ganz Griechenland zugetragen hat.

9. Wiewohl der gesetzliche Brauch besteht, daß bei den Isthmien weder komische noch tragische Wettspiele vorkommen, beliebte es dem Nero doch, auch im tragischen Vortrag [1863] siegen zu wollen. Unter mehreren Preisbewerbern, die sich einstellten, war auch Epirotes, ein wegen seiner vortrefflichen Deklamation berühmter und allgemein bewunderter Schauspieler. Dieser äußerte sich unverholener, als er sonst wohl pflegte, daß er große Lust habe, den Kranz zu erhalten, und daß er, wofern ihm nicht Nero zehen Talente böte, nicht gesonnen sey, auf den Sieg zu verzichten. Nero war außer sich vor Zorn. Denn selbst noch hinter der Scene, als eben der Wettkampf angehen sollte, hatte Jener sich so vernehmen lassen. Und als nun wirklich alle Griechen dem Epirotes Beifall zuriefen, schickte Nero seinen Schreiber an ihn mit dem Befehle, er solle seine Stimme so sinken lassen, daß sie unter der seinigen bleibe. Dieser aber hob sie jetzt nur desto mehr, und machte dem Tyrannen mit republikanischem Muthe den Sieg streitig. Endlich schickte Nero seine Schauspieler auf die Bühne, als ob sie zur Sache gehörten, und diese drängten den Epirotes an die nächste Säule, indem sie ihm statt der Dolche mit ihren elfenbeinernen Schreibtafeln zu Leibe gingen, und stießen ihm die Spitzen derselben so lange in die Kehle, bis er erstickte.

10. Menekrates. Und nach einer so abscheulichen That, vor den Augen des gesammten Griechenvolks, trug er gleichwohl den tragischen Preis davon?

Musonius. Für einen jungen Menschen, der seine Mutter ermordet hatte, war das Scherz. Wenn er einem Schauspieler die Stimme nehmen wollte, und ihn darüber gar umbrachte, wie sollten wir uns darüber wundern? Hatte er denn nicht einmal Lust, auch die Mündung der pythischen Hohle, aus welcher die heiligen Stimmen emporsteigen, [1864] zu verstopfen, damit auch Apollo keine Stimme mehr habe! Und doch hatte das pythische Orakel ihm einst die Ehre angethan, ihn mit Orest und Alcmäon zusammenzustellen, die sich durch ihren Muttermord einen ehrenvollen Namen gemacht hatten, weil sie dadurch zu Rächern ihrer Väter wurden. Nero aber, der nicht sagen konnte, Wen er zu rächen gehabt, glaubte, der Gott habe damit seiner spotten wollen, während dieser sich doch schonender, als eigentlich die Wahrheit vertrug, aussprach.[6]

11. Aber was für ein Schiff hat sich, indem wir so sprechen, dem Ufer genähert? Es scheint etwas Gutes zu bringen. Siehst Du, die Schiffleute sind alle mit Blumen bekränzt, wie ein scenischer Chor, wenn er heilverkündende Worte spricht. Dort auf der vordersten Spitze steht ein Mann, der uns mit der Hand grüßt, und uns zuruft, wir sollen uns freuen, und gutes Muthes seyn: wenn ich recht höre, so ruft er sogar, Nero sey nicht mehr –!

Menekrates. Wahrlich, so ruft er, Musonius; man hört es immer deutlicher, je näher er dem Lande kommt.

Musonius. Vortrefflich! Dank’ euch, ihr Götter!

Menekrates. Wünschen wir ihm nichts Böses! Die Todten soll man ruhen lassen, will das Sprichwort.



  1. Auch dieses Schriftchen gilt für untergeschoben, und – nach der Schreibart zu urtheilen – nicht mit Unrecht. Ueber das Projekt des Nero, den Isthmus bei Korinth zu durchstechen s. Sueton. Ner. 19. Der stoische Philosoph Musonius, der sich durch seine Freimüthigkeit die Ungnade dieses Kaisers zugezogen hatte, befand sich unter den Gefangenen, welche zur Ausführung dieses Planes verwendet wurden.
  2. Eine halbe Meile.
  3. οὐ γὰρ οἶδ᾿ [] τι, für εὖ γ. ο. ὄτι nach Gesner.
  4. Vielleicht, daß dieß der Sinn der verstümmelten Worte ist: ψαύουσι [γαυριῶσι?] δέ πη καἰ ἀκὸῦσαι τοῦτο φθέγμα.
  5. φύσει nach κοῖλον μὲν stört den Sinn, und scheint aus Mißverstand eingeschoben zu seyn.
  6. Vergl. Sueton. Nero Kap. 39.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: unglaublicher