Unsere Marine auf der Loire

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Titel: Unsere Marine auf der Loire
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 56
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1871) b 053.jpg

Gemeiner. Officier. Maschinist.
Deutsche Marine in Orleans.
Nach der Natur gezeichnet von G. Arnould in Kiel.

[56] Unsere Marine auf der Loire. (Mit Abbildung.) Unserer norddeutschen Flotte war in diesem Kriege kein freundliches Loos gefallen. Von Kampflust beseelt, von der Unruhe beständig in Athem gehalten und dennoch zur Unthätigkeit verdammt, mußte sie mit Neid auf die Landarmee blicken, der bis zur Stunde an keinem Tage die blutige Aufgabe gefehlt hatte und an keinem Abend der Sieg. Zwar dann und wann wohl zeigten sich Abtheilungen der feindlichen Flotte, und es braucht kaum hervorgehoben zu werden, daß das jedesmalige Erscheinen derselben einen wahren Jubel auf deutscher Seite hervorrief; aber die Hoffnungen auf Kampf wurden stets auf’s Neue getäuscht – die feindlichen Schiffe ließen es immer wieder zu keinem ernsten Angriff kommen und beschränkten sich darauf, Seekaperei zu üben und friedliche Handelsschiffe hinwegzunehmen. Nur ein einziges Mal rollte der Donner der Kanonen über die Wogen des Meeres hin, zum Zeichen, daß Kriegsdampfer der beiden sich befehenden Nationen aufeinander gestoßen seien – das war aber im fernen Ocean gewesen, an den grünen Küsten der Havana, und die lebendigste Freude über den glänzenden Sieg, den der wackere „Meteor“ errungen, war bei der Marine unserer Küstenländer auch diesmal nicht frei von einer kleinen Dosis herben Beigeschmacks, welcher der Eifersucht auf’s Haar glich.

So hatte man denn schon allen Glauben daran fahren lassen, selbst noch in dem Feldzuge werkthätig zu sein, als plötzlich die Ordre kam, sofort hundertzwanzig Mann Marine sammt Officieren marschbereit zu machen, nach Orleans zu befördern und mit ihnen zum Schutze der deutschen Brückenübergänge die auf der Loire eroberten vier französischen Kanonenboote zu besetzen. Mit ausgelassener Freude wurde diese Nachricht aufgenommen, Jeder drängte sich zur freiwilligen Anmeldung vor, doch, wie immer, traf nur Wenige das Loos der Auserwählten. Diese aber hatten sich vor Allem einer völlig neuen Equipirung oder Ausrüstung zu unterziehen, da es darauf ankam, sie nunmehr zu Wasser wie zu Land kampffähig zu machen.

Es interessirt unsere Leser wohl, bei dieser Gelegenheit überhaupt Etwas über das Aussehen unserer Matrosen zu erfahren das ja – von Süd- und Mitteldeutschland ganz abgesehen – selbst in den von den Küsten entfernter und mehr landeinwärts gelegenen Strichen Norddeutschlands ein so gut wie unbekanntes ist.

Der deutsche Matrose trägt für gewöhnlich ein dunkelblaues, wollenes Hemd mit breitem, liegendem Kragen und freier Brust, dunkelblaue Beinkleider von Tuch, eine ebensolche Mütze ohne Schirm, aber mit wehenden Bändern und vorn auf der Mütze mit Goldbuchstaben den Namen des Schiffes, auf welchem er dient. Derjenige Matrose, der keinem bestimmten Schiffe zugetheilt ist, führt auf der Mütze statt den Namen des Schiffes die Benennung „Königliche Marine“. Als Ausrüstung trägt der Matrose, der auf dienstgestellten Schiffen auch den Dienst der Artillerie bei den Geschützen versieht, ein Zündnadelgewehr nebst Pite, die gleichzeitig als Ladestock verwendet werden kann, und eine Patrontasche. Kommt es im Kampf zum Entern, wobei also das Feuern der Batterien aufhören muß, so gebraucht der Matrose das an seiner Seite hängende Entermesser, welches mit einem kolossalen schwarzen Eisenkorb versehen ist, um dem an Deck kletternden Feinde die Hände abzuschlagen, während mit der Zündnadelbüchse der Feind vom Mastkorb aus beschossen wird.

Anders sieht der Matrose in Gala aus: auf dem Kopfe der schwarzlackirte Hut, weit hinten im Nacken sitzend, daß das Haar vorn an der Stirn drei Finger breit zu sehen ist, über dem weißen Hemd eine kurze blaue Jacke mit goldenen Knöpfen, über den Kragen der Jacke einen hellblauen Leinenhemdkragen mit weißen Streifen ausgeschlagen und unter diesem ein flatterndes Halstuch von schwarzer Seide. Auf dem Aermel des linken Armes sind die Abzeichen der verschiedenen Grade aufgenäht. Die Einjährig-Freiwilligen der norddeutschen Flotte haben als Abzeichen, ähnlich der Landarmee, eine schwarz-weiße Litze auf dem linken Aermel und zwar in Form eines nach oben offenen Dreiecks.

Etwas anders geartet nun, aber wo möglich noch malerischer ist die Ausrüstung der nach Orleans, an die Ufer der Loire beorderten Mannschaft: auf der kecken Stirn der breitgeränderte Hut, der kräftige Körper von der dunkelblauen Penjacke und dem gleichen Beinkleid in hohen Stiefeln umschlossen, um den Leib am gelben Gurt ein langes Entermesser nebst zwei Patrontaschen, auf dem Rücken ein schwarzlackirter Tornister, auf der rechten Seite Brodbeutel und Feldflasche und in der nervigen Faust die Zündnadelbüchse.

Sämmtliche Unterofficiere, bei der Marine Maate genannt, tragen statt der Büchse vorn am Gurt einen sechsläufigen Revolver nebst Kugeltasche, in der sich sechszig Kugeln befinden. Ebenso die Officiere, zu deren langem, dunkelblauem Gehrock mit goldenen Knöpfen noch ein Mantel mit Kragen und eine um den Hals geschlagene graue Kapuze kommt.

So ausgerüstet stand die etwa hundertzwanzig Mann starke Schaar Mitte December zu Kiel vor dem Admiral Held, der sie mit der eindringlichen Mahnung entließ, sich der Landarmee an Muth und Entschlossenheit ebenbürtig zu zeigen. Ein stürmisches Hurrah war die Antwort, und schon am nächsten Tage traten die deutschen Marinesoldaten den Weg nach Orleans an, um dort den Dienst auf den französischen Kanonenbooten zu übernehmen. Beim Anblick der letztern werden sie freilich verdutzt genug gewesen sein; denn nach neueren Nachrichten ist solch eine Nußschale von französischem „Kanonenboot“ kaum halb so lang als ein normaler Apfelkahn auf der Spree.