Unsere Neujahrsbriefe bei der Post

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Textdaten
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Autor: Ernst Niemann
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Titel: Unsere Neujahrsbriefe bei der Post
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Unsere Neujahrsbriefe bei der Post.
Von Ernst Niemann.

Wenn das alte Jahr seinen Gang vollendet hat und ein neues mit dem Füllhorn seiner Gaben über die Menschen dahinzuziehen beginnt, dann pflegen Verwandte, Freunde und Bekannte ihre Glückwünsche auszutauschen; alte Beziehungen knüpfen sich von neuem an, den Gefühlen der Freundschaft und treuen Erinnerung wird aus schriftlichem Wege Ausdruck gegeben. Dieser in alle Bevölkerungsschichten eingedrungene Gebrauch veranlaßt alljährlich eine gewaltige, von Jahr zu Jahr steigende Hochflut des Briefverkehrs bei der Post. Kaum ist der Strom der vielen Millionen Weihnachtspakete vorübergebraust, da stellen sich auch schon, rasch anwachsend, die Vorboten des Neujahrsverkehrs ein.

Ein seltener Anblick bietet sich uns um diese Zeit beim Eintritt in die Briefabfertigungshalle eines großen deutschen Postamts. Briefe, nichts als Briefe! Auf den langen Tischen sind sie zu Bergen aufgehäuft, füllen die großen Fachwerke der Sortierspinde, bedecken die Arbeitsplätze, daß keine Holzfaser mehr sichtbar bleibt, und in Säcken stehen sie in den Gängen und Winkeln aufgestapelt. Soldaten schleppen gefüllte Körbe von einem Platz zum andern, aller Augenblicke öffnet sich die Thür und unablässig kommen und gehen die Briefkastenleerer. Wie die Stempel in der geschlossenen Rechten der Unterbeamten fliegen und stampfen vom Farbekissen auf die Briefmarken, indes die Linke mit gleicher Geschwindigkeit Briefe unter- und wieder fortschiebt!

Ein halbes Dutzend Eisenbahnlinien strahlt von der Stadt nach allen Richtungen aus - wie nur Ordnung bringen in dieses wilde Durcheinander der Briefe? Sie verschwinden zunächst zwischen den großen Fachregalen, wo die Zunft der „Grobsortierer“ haust. Hier werden die Briefschaften nach den Hauptrichtungen und Ländern getrennt, mit denen jedes der großen Fächer bezeichnet ist. Bei den Grobsortierern beginnt der spätere Abfertigungsbeamte und „Fahrer“ als „Säugling“ seine Laufbahn für den Speditions- und Bahnpostdienst er lernt hier die postalische Geographie in ihren Grundrichtungen kennen, ehe er in die Mysterien des „Feinsortierers“ eindringt. Es besteht in dieser Abteilung eine eigentümliche etymologische Speditionskunst, die sich in der Hauptsache auf den Wortklang der Ortsnamen gründet. Dem Anfänger prägt die Praxis gar bald ein, wo die Orte aus „leben“, „rup“, „städt“, „stedt“, „grün“ etc. zu suchen sind; die polnischen und lithauischen Ortsnamen haben ihren eigentümlichen geographischen „Geruch". Auch die Namen der Flüsse sind schätzenswerte Hilfsmittel, wie z. B. die Saar bei den Orten Saaralben, Saarbrücken, Saarunion, Saargemünd, Saarlouis, Saarburg, Saarwellingen, Saarau - halt! Saarau liegt in Schlesien! Man sieht, mit der Regel allein geht’s doch nicht, man muß auch die Ausnahmen kennen, sonst könnte die Unwissenheit den Briefen leicht verhängnisvoll werden. Wirklich verhängnisvoll wird vielen Briefen aber die unglaubliche Oberflächlichkeit der Adressenschreiber und die Undeutlichkeit der Handschriften, von mundartlichen Kunststückchen der Provinz ganz zu schweigen.

Es giebt ganze Ortsnamen-Familien, deren Mitglieder bis zu einer Zahl von 25 über - Deutsche Reich verstreut liegen. Die Neustädte sind darunter die Müller und Schultze. Aber auch schon Neukirchen (20), Neukirch (15), Reichenbach (13), Schönau (15) u. a. m. sind recht neutrale Ortsnamen und ein wahres Kreuz für den Sortierer. Dann ist ein großer Unterschied zwischen Mühlhausen (10) und Mülhausen (1), wie auch zwischen Mühlheim (3) und Mülheim (4). Trotzdem gehen viele Adressenschreiber mit souveräner Verachtung alles Kleinlichen darüber hinweg. Wer also viele Briefe zu schreiben hat, der sollte sich doch ohne Zagen in die Unkosten stürzen und sich ein „Verzeichnis gleichnamiger und ähnlich lautender Postorte“ zulegen das ihm jedes Postamt mit dem größten Vergnügen für 15 Pf. verkauft. Es handelt sich bei den obigen Ortsnamen nur um Postorte, viele Briefschreiber verlangen aber gar von unsern „Groben“, daß sie jedes kleine Dörflein oder Rittergut im weiten Deutschen Reich kennen, und verschmähen es in dieser liebenswürdigen Voraussetzung, durch den Namen des nächsten Postortes die Ortslage näher zu bezeichnen. Da ist es denn kein Wunder, wenn sich neben den „Grobsortierern“ ein ganz an. sehnliches Häuflein „Fauler“ aufbaut, dem bald die Sekte der „Aufklärer“ mit umfangreichen Lebenswerken auf den Leib rücken wird.

Jedes Fach des Grobsortierspindes hat einen Feinsortierer hinter sich, dem die für seine Kursrichtung vorsortierten Briefe in Körben zugetragen werden. Er gehört einer höheren Ordnung der Speditionsbeamten an und genießt die unbegrenzte Bewunderung aller bescheidnen Anfänger. An seinem Arbeitstisch mit mehrstufigem Aufsatz wird die Briefmasse des Kurses - nehmen wir an, es wäre die Strecke Leipzig – Eisenach – Frankfurt a. M. - bis in das einzelnste und genaueste durchgehechelt und zum Versand gebracht. Nach jedem Orte im Verbindungsnetz der Hauptlinie, für den mehr als 5 Briefe vorliegen, muß ein Briefbund gefertigt werden, das übrige wird zu Kursbunden für die zahlreichen Anschlußlinien, auch für die ausländischen, verarbeitet. Der Feinsortierer muß wissen, wie überallhin die schnellsten Verbindungen auszunutzen sind, nicht bloß der Eisenbahnen, sondern auch der Fahrposten, und darf sich daher z. B. nicht irreführen lassen, wenn der Absender einen Brief nach Roßdorf bei Dermbach gerichtet hat er muß ihn über Wernshausen leiten. Das lernt sich freilich nicht aus dem „Daniel“, es erfordert ein langes unermüdliches Studium der besonderen postalischen Geographie, des weitverzweigten Verbindungsnetzes von 26 000 deutschen Postorten.

Die großen und kleinen Briefbunde, die jetzt noch offen nebeneinander auf Tisch und Borden vor dem „Feinsortierer“ ausgebreitet liegen, zählen nach Hunderten, und darüber fahren die Hände des arbeitenden Beamten hinweg wie die eines Klaviervirtuosen über die Tasten. Das „Kleistern“, d. h. Nachsehen in Büchern und Kartenwerken ist eines rechtschaffenen „Feinen“ unwürdig. „Schluß! Abbinden!“ ruft es jetzt. Unterbeamte treten heran, und jedes einzelne Briefbund wird mit einem Titelschilde versehen und kreuzweise umschnürt. Die Arbeit des Feinsortierers hat den Erfolg gehabt, daß die Bunde mit 10, 50 bis 100 Briefen vorläufig auf ihrer Reise mit der Vereinfachung behandelt werden können, als wären es einzelne Briefe. Es leuchtet ein, von welcher Wichtigkeit für die glatte Abwicklung des Neujahrsverkehrs die Thätigkeit dieses Beamten ist; denn das Hauptbestreben der Postämter muß darauf gerichtet sein, durch sorgfältige Bearbeitung der Briefmassen die Bahnposten zu entlasten, damit dort keine Stockungen eintreten. Sehr erschwert wird die Anfertigung der Bunde durch die ungleichen Formate der Briefe. Gerade zu Neujahr werden besonders gern Visitenkartengrößen verwendet; dazu kommen noch die andern abenteuerlichen Formen, von Briefmarkengrößen bis zu Dreieckzipfeln und „Strumpfbändern“ und was die Dame Mode sonst noch in der Papierindustrie ausheckt! Der Postbeamte betrachtet diese wunderlichen Dinger mit feindseligen Blicken, denn er wird durch sie gezwungen, anstatt festgefügte Briefbunde verächtliche „Kapuziner zu bauen“, unförmliche Wickelbunde, auf die jeder „anständige Fahrer“ mit dem Ausdruck nachsichtigen Bedauerns mit dem Finger weist.

Die „Fahrer“ sind ein merkwürdiges Völkchen. Wenn sie in den Briefmassen schier umzukommen scheinen, befinden sie sich in ihrem Element. Der Bahnpostwagen hat die dickbauchigen Briefsäcke aufgenommen und ebenso vollgepfropfte für die Ortspostanstalt abgegeben. Mit blitzartiger Geschwindigkeit sind die neu hinzugekommenen Säcke geleert und der Inhalt in Körbe, Säcke und Fachwerke verteilt; in einer Ecke bearbeitet der Postschaffner das „Langholz“, das sind unförmlich große Drucksachen, Warenproben etc., die nicht briefpostmäßig verpackt werden können. Der Zug hält wieder. Briefsäcke werden ausgeladen, neue hereingenommen - es ist ein ewiger Wechsel. Sie türmen sich auf bis unter die Wagendecke, beengen den großen Raum, daß nur ein schmaler Gang in der Mitte bleibt.

Von allen deutschen Städten hat die Reichshauptstadt natürlich den größten Anteil am Neujahrsverkehr. Gegen 7 Millionen aus allen Richtungen zusammenströmender Briefe muß das Briefpostamt zu Neujahr in die Hände ihrer Adressaten bringen. Das ist keine leichte Arbeit, die Hauptschwierigkeit liegt darin, daß diese Unmasse von Briefen der Post nicht langsam zufließt, sondern sie überflutet wie ein urplötzlich hereinbrechender Gebirgsstrom. Sehen wir nun zu, wie die Berliner damit aufräumen.

Es kommen zunächst 2 Millionen Berliner Stadtbriefe in Betracht, das sind solche, die in der Stadt ausgeliefert und an Bewohner der Stadt gerichtet sind. Einen großen Teil derselben schafft man sich dadurch vom Halse, daß Neujahrsbriefe schon vom 26. Dezember ab entgegengenommen und für die Neujahrsbestellung fix und fertig vorgearbeitet werden. Für die Stadtbriefe ist eine besondere Centralbriefverteilungsstelle eingerichtet, in der eine Garde von 170 Mann an mächtigen Sortierspinden die heranströmenden Briefmassen zunächst nach Postbezirken trennt. Es ist das ein besonders für diesen Zweck geschaltes, durch Erfahrung und Probedienst vorgebildetes Personal, dessen Brauchbarkeit durch körperliche Gewandtheit, leichtes Fassungsvermögen und gutes Gedächtnis bedingt wird. Aus allen Stadtteilen, von der Peripherie anfangend, rollen die Wagen allstündlich heran, gefüllt mit vollgepfropften Briefsäcken, deren Inhalt sich unablässig auf breite, durch die ganze Länge des Saales streichende Packtische ergießt. Von hier teilt sich der Strom in 9 Richtungen (Postbezirke); große gefüllte Weidenkörbe verschwinden zwischen den Parallelreihen von Fachwerken, wo die Briefe jeder der 9 Postbezirke wieder nach Bestellpostanstalten getrennt werden. So schnell wie sie gekommen, fließt die Flutwelle auch wieder ab. Auf dem Posthofe kommt plötzlich Bewegung in den Wagenpark, Karriole fliegen davon und durch die Straßen den verschiedenen Postanstalten entgegen. Gegen Mitternacht steigt die Hochflut zu einer beängstigenden Höhe, die Abflußkanäle vermögen die Menge nicht mehr zu fassen. Das Arbeiten der Sortierer gleicht dem Verzweiflungskampfe gegen eine Uebermacht - ein mehrstündiges hartes Ringen noch und dieser Teil des Berliner Neujahrsverkehrs ist bewältigt.

Aber dies war nur der kleinere Teil; zweiundeinhalbmal so groß ist die Zahl der Briefe, die von auswärts, aus aller Herren Ländern, aus allen Richtungen in dem Sammelbecken des Berliner Briefpostamts zusammenströmen. Die Hauptschwierigkeit liegt auch hier in dem Sortiergeschäft, denn die Briefe kommen zum großen Teil „wild“ nach Berlin. Die Absender verschmähen gar zu oft die Unbequemlichkeit, die mit dem Hinzufügen der Bezirksbuchstaben N., O., W., C., NW, etc. zu dem Ortsnamen verbunden ist, so daß es den Ausgabepostanstalten und Bahnposten unmöglich ist, solche Briefe für Berlin bezirksweise vorzusortieren. Um die Wucht der Verkehrsanschwellung abzuschwächen schickt das Berliner Briefpostamt zwei Tage vor Neujahr ein paar Dutzend ortskundige Beamte den Bahnposten auf den Hauptlinien entgegen. Diese besetzen in den Zügen einen eigens für den Berliner Verkehr eingestellten Postwagen und sortieren die Briefschaften schon im voraus für die Bestellung, ehe sie nach Berlin hereinkommen. Aber es bleibt gleichwohl noch ein gewaltiges Stück Arbeit für das Berliner Briefpostamt. Der große Verteilungssaal bietet ein ähnliches Bild wie die Stadtbriefabteilung, doch noch bedeutend großartiger und bewegter. Man sieht dort in gerader Linie nebeneinander vor den großen Sortierspinden [888] gegen 40 Grobsortierer. Mit der sicheren Hand eines Taschenspielers werfen sie die Briefe aus einiger Entfernung in die Fächer; das wirbelt nur so vor ihren Augen von pfeilschnell durch die Luft fliegenden Briefen. Der Grobsortierer stellt hier die höchste Stufe in der Briefbehandlung dar. Das Amt erfordert die Anspannung aller Nerven, ein scharfes Auge, das im Nu schlecht und gut geschriebene Adressen entziffert. Daneben muß der Mann das ganze Straßenbild der Reichshauptstadt und die posttechnische Begrenzung im Kopfe haben von jedem Hause ohne langes Besinnen angeben können, wohin es gehört. Die Feinsortierer haben dagegen ein begrenzteres Arbeitsfeld, sie trennen nur innerhalb der verschiedenen Postbezirke nach Bestellpostanstalten.

Mitten in das emsige Schaffen ertönt um Mitternacht das Glockengeläut der nahen Domkirche. Die ehernen Klänge vereinigen sich mit den mächtig widerhallenden Choraltönen der Posthorngruppe draußen auf den Posthofe. Eine kleine Pause feierlicher Stille, für einen Augenblick ruht die Arbeit, dann wird der Kampf von neuem aufgenommen. Zwölf bis vierundzwanzig Stunden später als in der Abteilung für Stadtbriefe tritt hier die Hochflut ein, die von den Verhältnissen der Entfernungen bestimmt wird.

Abseits von dem großen Strome der regulären Neujahrsbriefe fließt träge das kleine trübe Bächlein der „faulen“ Briefe mit unvollständigen und unleserlichen Adressen. Man sollte es nicht für möglich halten, daß es noch Leute giebt, die nach einer Stadt wie Berlin Briefe richten mit der Aufschriften „An Herrn Apotheker Schmidt in Berlin“, „Herrn Studiosus Schulze in Berlin“ u. s. w. Und doch gehen zu Neujahr in Berlin nicht weniger als 90 bis 100 000 solcher Briefe ein, die erst nach mühsamem Nachschlagen der Adreßbücher, Firmenverzeichnisse, Listen der Studierenden, Architekten, Künstler oder der Vereinsverzeichnisse wieder flott gemacht werden können. Schon für den gewöhnlichen Jahresverkehr besteht beim Briefpostamte eine „Aufklärungsstelle“ mit 12 Beamten, zu Neujahr tritt daneben eine besondere Zweigstelle mit 100 Beamten in Kraft, die tagelang nichts anders zu thun haben, als die Flüchtigkeiten und Nachlässigkeiten der Absender wieder gut zu machen, soweit sie es überhaupt vermögen. Dabei gestaltet sich die Aufgabe so schwierig, daß ein Beamter in der Stunde durchschnittlich nicht mehr als 20 bis 25 Briefe in einen bestellbaren Zustand bringen kann. Und dann müssen noch die schwerbeladenen Briefträger treppauf, treppab laufen, überall umherfragen und suchen nach dem Apotheker Schmidt oder dem Studiosus Schulze.

Es herrscht schon Freude bei der Post um einen solchen „faulen“ Brief, wenn er nach langen Irrfahrten endlich doch seinen Platz an irgend einem Herde findet, und alle Mühe und Arbeit erhält dadurch ihren Lohn.