Unsere Soldaten

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Autor: unbekannt
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Titel: Unsere Soldaten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 163
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[163] Unsere Soldaten. Die starke Bewegnug für eine Verbesserung des deutschen Militärstrafrechts, welche sich seit einiger Zeit im deutschen Volke kundgiebt, ist wesentlich mit von dem Gedanken geleitet, in der Oeffentlichkeit und in der unabhängigen Stellung der militärischen Gerichte eine Schutzmauer aufzurichten gegen jene häßlichen Auswüchse der Disziplin, jene Mißhandlungen, welche gewissenlose Vorgesetzte unter dem Deckmantel der strengen Zucht an ihren Untergebenen verübten. Diese Bestrebungen erhielten eine unerwartete Unterstützung durch den neuerdings bekannt gewordenen Erlaß des Prinzen Georg von Sachsen, des Kommandeurs des XII. (königlich sächsischen) Armeecorps. Was durch diesen Erlaß zur Kenntniß der Oeffentlichkeit gelangte, ist so furchtbar, daß allerorten im deutschen Vaterlande mit elementarer Macht das Gefühl sich Bahn brach: so darf es nicht fortgehen; hier ist eine energische Abhilfe dringend geboten; mit Vertröstungen und halben Maßregeln ist es nicht mehr gethan, es gilt vielmehr, mit unbarmherziger Strenge gegen einen Feind vorzugehen, der nicht bloß die innere Güte unseres Heeres, sondern auch die Gesundheit unseres ganzen Volkslebens aufs äußerste gefährdet.

Volk und Heer sind heute eins, jeder unbescholtene gesunde männliche Bürger ist berufen, im Heere zu dienen und sich hier vorzubilden für die erhabene Aufgabe, des Reiches Marken gegen jeden Feind zu vertheidigen. Der Soldat von heute unterscheidet sich durch nichts als durch seinen Rock von dem Bürger von gestern; der Fahneneid entkleidet ihn keines seiner natürlichen Rechte, er legt ihm nur neue Pflichten auf.

Und doch sollen wir es immer wieder erleben müssen, daß auf den Exerzierplätzen, hinter den verschlossenen Thüren der Mannschaftsstuben wahre Orgien der Roheit sich abspielen! Doch soll es möglich sein, daß einzelne Unmenschen, pochend auf das Recht ihrer goldenen Tressen, ihre Untergebenen mit Schlägen mißhandeln, daß da ein Unteroffizier seine Korporalschaft mitten in der Nacht aufstehen und im Hemd mit Helm und Seitengewehr Laufschritt machen läßt, ein andermal seinen Leuten die brennenden Zigarren in den Mund steckt und sie so zu laufen zwingt, bis die Zigarre ausgeraucht ist – daß ein anderer dieser „Erzieher“ seinen „Schutzbefohlenen“ solange einen Schemel mit einem darauf stehenden Topf heißen Kaffees heben und strecken läßt, bis der Topf herabfällt und das unglückliche Opfer jämmerlich verbrüht – daß dort ein Sergeant seinen Rekruten die zu fett geschmierten Stiefel im Gesicht herumreibt, ihnen schmutzige Socken zu kauen giebt oder die Kniee zwischen zwei Stühlen durchsitzt, als wollte er den Beweis liefern, daß ein mittelalterlicher Folterknecht an ihm verloren gegangen!

Das ist empörend, das muß anders werden um jeden Preis! – so werden unsere Leser mit uns ausrufen. Und es kann auch geholfen werden. Der Weg zur Besserung des Uebels – wir sagen nicht zur vollständigen Heilung – führt in der angedeuteten Richtung. Eine Anpassung der Militärstrafprozeßordnung an die Formen des bürgerlichen Rechts wird durch Gewährung der Oeffentlichkeit die Zahl der Uebelthäter vermindern. Dann aber wird darauf Bedacht zu nehmen sein, durch Erleichterung des Beschwerdeführens, durch Entlastung desselben von unnützem und zweckwidrigem Formelkram die Entdeckung strafwürdiger Fälle zu befördern. Gegen diejenigen aber, welche sich an ihren Untergebenen vergangen haben, die ganze Strenge des Gesetzes! Auf Ehr- und Pflichtgefühl, nicht auf Furcht vor Faust und Klopfpeitsche soll sich der Gehorsam des deutschen Soldaten gründen. Wer gegen diesen Geist der deutschen Disziplin verstößt, der fehlt so schwer oder noch schwerer als der Ungehorsame. So unnachsichtlich diesen – und mit vollem Recht – die ganze Wucht der Strafe trifft, so unnachsichtlich treffe sie auch jenen! Fort aus der Armee mit den werthlosen, nein, gefährlichen Elementen, die den Machtkitzel nicht vertragen können, die unter seiner Wirkung nur zu raffinierten Tyrannen werden – fort aber auch mit einer Rechtsordnung und Rechtsanschauung, welche den Soldaten immer noch zu einem Menschen zweiter Klasse stempeln möchte!