Unsern „Vermißten Landsleuten jenseits des Oceans“

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Titel: Unsern „Vermißten Landsleuten jenseits des Oceans“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 240
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[240] Unsern „Vermißten Landsleuten jenseits des Oceans“ können wir, wie bereits mehrmals bemerkt, erst nach unserm Kriege wieder die wünschenswerthe Aufmerksamkeit schenken; nicht nur der Raum fehlt jetzt dazu, auch die Aufmerksamkeit der Leser allerwärts wird vom großen Ereigniß des Jahrhunderts völlig eingenommen. Ausnahmen hat aber auch diese Regel, und dazu gehört der folgende Fall, welcher die Theilnahme aller Leser finden wird. Es wird uns nämlich aus Würzburg am 2. Januar d. J. geschrieben: „Geehrte Redaction der Gartenlaube! Am Weihnachtsabende wurde ich zu einem uralten Ehepärchen gerufen, zu dem, wie mir schien, kein Mensch auf der Welt mehr in näherer Beziehung steht; es hat eben Alle überlebt, mit denen es verwandt oder befreundet ist, und lebt in einem entlegenen Winkel Würzburgs in einem kleinen einsamen Stübchen mit der Aussicht auf einen kleinen Garten und eine hohe Gartenmauer. Der Alte, der schon längere Zeit das Zimmer hüten muß, hat auch einmal in seiner Jugend zwei Feldzüge nach Frankreich mitgemacht und erzählt gar schön von Anno dazumal, ist aber mit der jetzigen Generation auch sehr zufrieden, ja meint sogar, die Jungen pfiffen diesmal noch besser, als die Alten. Doch das gehört nicht hierher. Ich schreibe Ihnen wegen einer Herzensangelegenheit des alten Männchens. Derselbe hatte nämlich auch einmal einen Sohn, der sich dem Schneiderhandwerk gewidmet und nach Amerika gegangen war, dort heirathete, seit acht Jahren aber verschollen ist. Sein letzter ausführlicher Brief ist datirt aus Baltimore vom 30. Juli 1863; in diesem schreibt er unter Anderem, daß er Wittwer geworden sei und zwei schulpflichtige Kinder habe. Als seine Adresse gab er an: G. H. Oppmann care of Henry Sonnemann No. 498 West Baltimore St. Seit dieser Zeit hat der Alte trotz vieler Briefe weder von dem Sohn, noch von Enkeln mehr etwas gehört. Und so saß er denn am Weihnachtsabend mit seinem alten Mütterchen recht traurig hinter dem Ofen und dachte an seine Enkel, die er noch nie gesehen und von denen er nicht weiß, wo sie sind, denen er aber sein bischen Hab und Gut vermachen möchte. Das Mütterchen natürlich glaubt sie schon lange todt und hofft nur noch auf den Himmel. Ich aber war mäuschenstill und dachte an die Gartenlaube, die schon so Manchen wiedergefunden hat, um so leichter, da unsere Erde doch ein klein wenig kleiner ist, als der Himmel, weshalb man Einen hier jedenfalls eher findet, als dort. Und so ging ich nach Haus und schrieb das, was Sie soeben gelesen haben. Vielleicht kann ich am nächsten Weihnachtsabend ihnen einen Gruß von den Enkeln bringen, vorausgesetzt, daß die Alten noch leben und die Gartenlaube es den Baltimorern über’s Meer bringt.

Hochachtungsvollst Dr. med. M. Jos. Roßbach.“