Unvergeßliche Lehre von der Wiener Ausstellung

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Autor: H. Beta
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Titel: Unvergeßliche Lehre von der Wiener Ausstellung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 834
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[834] Unvergeßliche Lehre von der Wiener Ausstellung. Wir werden hoffentlich gute Lehren aus der Wiener Ausstellung in das neue Jahr mit hineinnehmen und zwar von den Orientalen, besonders den Japanesen. Sie waren zum ersten Male in dem Turnier der europäischen Industrie erschienen, wurden gesehen und siegten. Die Farbenharmonien auf persischen Teppichen, indischen Shawls oder chinesischen Seidenstoffen wirkten so zauberisch, daß die Stoffe gleich im Anfange wieder und immer wieder, höher und immer höher an immer größere Enthusiasten und Capitalisten verkauft wurden. So muß unsere Kunstindustrie auch zaubern lernen. Wenn Käufer und Käuferinnen in dieser Geschmacksrichtung wählen und anregen, wird sich dies viel eher machen lassen.

Das Geheimniß dieses orientalischen Formen- und Farbenzaubers besteht in sinniger Vertheilung und Dichtung der drei Hauptfarben der Natur, Blau, Gelb und Roth. Jede derselben ist der verschiedensten Tönungen in’s Dunklere und Hellere fähig. Die orientalischen Muster nun wirken angenehm anregend und ungleich befriedigend und beruhigend. Dies kommt daher, weil in ihren Mustern alle die drei Hauptfarben in bestimmten Graden von Schattirung oder Aufhellung in angenehmen, beruhigenden Formen vertreten sind. Letztere wirkten angenehm, weil sie Ruhepunkte und Abschlüsse bieten. Fehlt eine Farbe, so ermüdet das Auge, ergänzt sich die fehlende Farbe und trägt diese auf die gesehenen Farben über, so daß diese unrein, unecht, schmutzig und unbefriedigend erscheinen.

Die Farbenwissenschaft und die Augenkunde lehren, daß das Auge darauf eingerichtet ist, weißes Licht oder die Farben, aus denen es zusammengeflossen ist, zu sehen. Weißes Licht besteht nun wesentlich aus Vereinigung von Blau, Roth und Gelb. Das Vorherrschen einer einzelnen Farbe macht müde, matt oder regt unangenehm auf, zumal wenn auch die Formen etwas zu wünschen übrig lassen. Eine gewöhnliche deutsche Tapete hat erstens fast immer eine vorherrschende Farbe und zweitens eine mechanisch sich bis in’s Unendliche wiederholende Form voll Arabesken, Blumen, Linien, wohl gar Ecken und Spitzen. Solche Farbe ermüdet; solches Einerlei von Form langweilt. Wir müssen orientalisch färben und formen lernen. Das ist die große Hauptlehre, welche dem Abendlande in der Wiener Ausstellung vom Morgenlande wahrhaft bezaubernd eingeprägt ward. Wir meinen damit nicht sclavische Nachahmung, sondern Reinigung unseres eigenen Geschmacks nach diesen Mustern von augenbefriedigender Farbe und beruhigender Form. Das kaufende, sich und seinen Haushalt schmückende Publicum kann durch entsprechende Wahl und Anregung viel zu dieser Läuterung unseres Geschmacks, zur Verschönerung unserer Kleidung und Zimmerausschmückung beitragen. Dies bedeutet mehr, als man glaubt. Geschmacklosigkeit, vorherrschende Einfarbigkeit, mißthönige Farbenzusammenstellungen, langweilige Tapeten, mißfarbige und schlechtgeformte Möbels und Ausschmückungen darin verstimmen und stören, ohne daß man es weiß, den häuslichen Frieden, die Arbeitskraft und die Genußfähigkeit.

Die Wiener Ausstellung hat mit großen Verlusten geschlossen; aber durch praktische Benutzung dieser einzigen aus ihr geflossenen Weisheit können wir mehr gewinnen, als durch die Wiener und Berliner Pleitegeier verschlungen wird.

H. Beta.