Verlassen und Verloren

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Autor: Levin Schücking
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Titel: Verlassen und Verloren
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27–39, S. 417–420, 433–436, 449–452, 465–468, 494–496, 503–506, 513–517, 529–533, 545–548, 561–564, 578–583, 593–598, 611–616
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[417]
Verlassen und Verloren.
Historische Erzählung aus dem Spessart.
Von Levin Schücking.


1.

Es war am Ende des August im Jahre 1796.

Die Tage begannen kürzer zu werden und die sinkende Sonne warf lange Schatten in eine stille weltentlegene Schlucht des Waldgebirgs, das man den Spessart oder die „Speßhardt“ nennt, den „Wald der Spechte“, in dem bairischen Kreise Unterfranken und Aschaffenburg.

In dieser Schlucht, durch deren Tiefe ein schmaler und dürftiger Wasserfaden in einem tiefen, felsigen und mit Gerölle ausgepflasterten Bette niederschoß, standen unfern von einander zwei Siedelungen – eine Mühle und ein Forst- oder Waldwärterhaus.

Die Mühle lag ein wenig tiefer, zwischen einem Stück Gartenland und einer kleinen Wiese; das Forsthaus lag einen Steinwurf höher, ein altes, in Bruchsteinen aufgeführtes Gebäude, dessen Schieferdach in der Mitte eingesunken war, so daß der hohe Schornstein wie ein steifer Reiter im Sattel aussah. Vor dem Hause lag ein kleiner Garten, in dem einige abgeblühte Stockrosen und honigduftende Phloxbüsche sich über das verfallene und morsche Lattengitter erhoben, welches das Gärtchen umgab.

Die Eingangsthür zu diesem Gärtchen fehlte – die Zeit hatte sie mit fortgenommen – vielleicht auch Jemand, der sie besser gebrauchen konnte als die Zeit, dem die alten Latten eben recht geschienen, sein Heerdfeuer damit zu nähren. An der Stelle derselben aber zwischen den beiden schiefgesunkenen Holzständern, an welchen sie befestigt gewesen, saß ein anderes zerfallenes und morsches Etwas auf einem niedrigen Schemel, und ein abgenütztes Spinnrad neben sich … eine alte Frau.

Die Frau war jedoch weder mit ihrem Spinnrad, noch auch mit dem hübschen Knaben beschäftigt, der zwischen ihren Knieen stand und sich an ihre vorgebeugte Schulter zurücklehnte, um mit großen braunen Augen die zwei Männer anzuschauen, welche vor der Alten standen; der eine in einer weißbestäubten Jacke und der andere im abgeschabten grünen Rocke, eine weiße Filzmütze auf dem Kopfe und grüne Gamaschen an den Füßen … es bedurfte des Hirschfängers an seiner Seite nicht, um einen Waldwärter oder Forstläufer in ihm erkennen zu lassen.

„Ich kann Euch nicht sagen, wann der Herr Wilderich heimkommt,“ sagte die Alte, den Forstmann ansehend; „wenn Ihr auf ihn warten wollt, so geht in’s Haus; wollt Ihr’s nicht, so sagt mir’s, was Eure Botschaft ist …“

Der Mann mit dem Hirschfänger schüttelte den Kopf.

„Für Euch ist’s nicht, Muhme!“ rief er aus.

„Kann mir’s denken,“ fiel die alte Frau ein … „bin auch nicht begierig darauf, hab’ mir die Neugier längst abgewöhnt … Gott sei gedankt … es ist gar gut, daß ich’s habe – sonst wär’s ja nicht zum Aushalten hier bei dem Herrn Wilderich! Bei dem ist Alles ein Geheimniß; man weiß nicht, wohin er geht, noch woher er kommt, und am wenigsten was es mit diesem Jungen auf sich hat, und wenn er Morgens die Büchse überwirft, dann mein’ ich immer, der geht nicht in den Wald wie ein andrer ehrlicher Förster um der Bäume und um der Holzknechte und des andern wilden Gethiers wegen, sondern um ganz andrer Dinge willen; das steht ihm im Gesichte geschrieben!“

„Nun, und um welcher andern Dinge willen sollte er denn in den Wald gehen, alte Margareth?“ fiel lachend der mehlbestäubte Mann, der mit dem Forstläufer gekommen und diesem mit seinen pfiffigen Augen zublinzelte, ein – „welche andre Dinge als das wilde Gethier sollte er auf dem Korn haben?“

„Das weiß ich nicht, und Ihr, Gevatter Wölfle, werdet’s auch nicht wissen, wenn Ihr auch noch so schlau den da anblickt, als hättet Ihr’s Euch längst an den Stiefeln abgelaufen ... was ich weiß, ist nur, daß es ein gar wunderlich Gethu’ und Wesen um ihn ist und ein Hin- und Hergehen mit allerlei Botschaften und ein Heimlichthun, und daß es nimmer viel Gutes zu bedeuten hat; wenn die Männer was treiben, was sie den Frauleuten verbergen, so hat’s nimmer viel Gutes auf sich, und das, Gevatter Wölfle, sagt Eure Frau auch, Ihr könnt’s hören von ihr: der Wölfle, sagt sie, der Schlaumichel, steckt auch mit unter der Decke!“

„Ich weiß, ich weiß,“ rief der Müller sie unterbrechend aus, „was meine Frau sagt, das höre ich schon von ihr selber, Muhme Margarethe, übergenug – das könnt Ihr mir glauben! Aber wenn ich auch mit unter der Decke stecke, wie Ihr Euch ausdrückt, dann meine ich, müßte ich schon davon wissen …“

„Davon wissen? Ihr werdet viel wissen, Euch wird man Alles auf die Nase binden … dem Wölfle! – Wenn Ihr’s wißt, so sagt mir’s einmal: woher ist denn der Herr Wilderich gekommen, und wo ist er daheim, und was will er im Walde hier? Eichkätzchen schießen? Danach sieht er aus! Und was hat’s auf sich mit dem Bamsen hier, dem armen lieben Burschen, der ausschaut, als wolle er jeden Christenmenschen fragen: Sag’s mir endlich einmal, was ist’s und weshalb bin ich hier im Wald, und wo ist meine Mutter, und weshalb bin ich nicht bei der, und wohinaus soll ich laufen, daß ich zu ihr komm’? …“

„Muhme Margareth, Ihr seid dümmer, als ich geglaubt hab’,“ antwortete der Müller Wölfle. „Der Herr Wilderich wird schon wissen, wer und wo die Mutter von seinem Jungen da ist, [418] und weshalb er ihn zu sich genommen hat und nicht sie. So etwas kann schon passiren, daß ein Mann sich vor den Leuten weniger daraus macht, solch' ein saubres Pflänzlein bei sich zu haben, als ein armes Frauenzimmer …“

„Ich muß weiter,“ unterbrach der Forstläufer diesen Discurs der zwei Nachbarsleute hier; „ich habe noch ein tüchtig Stück Wegs abzulaufen, bis ich zur Ruhe komm’ heute. Gehabt Euch wohl, Alte, und sagt dem Herrn Wilderich nur, der Sepp sei dagewesen mit einem Gruß vom Philipp Witt und mit guten Nachrichten der Franzose sei geschlagen und das Weitere solle der Herr Wilderich vom Müller erfahren.“

„Gute Nacht,“ versetzte die Alte mürrisch, „werd’s bestellen!“

Die beiden Männer gingen davon, der Müller, um bald nachher linksab in seine Mühle zu treten, der Sepp, um rasch die Schlucht weiter hinabzuschreiten.

Die Frau stand auf, nahm ihr Spinnrad unter den Arm und an der andern Seite das Kind, das etwa drei oder vier Jahre zählen mochte, an die Hand, und ging über eine alte schief zusammengesunkene Steintreppe, welche der Kleine mit seinen kurzen Beinchen mühsam zu erklettern hatte, in’s Haus.

„So, kleines Herrchen,“ sagte sie dabei, „jetzt gehen wir heim, der Abend ist da, und wir sollen das seine Püppchen ja vor der Nachtluft hüten, so will’s der Herr Wilderich … und dann wollen wir nach dem Süpplein und dem Bettlein schauen …“

„Ich mag nicht in’s Bett, Bruder Wilderich soll mich zu Bett bringen!“ sagte der Kleine sehr bestimmt.

„Ja, ja, Bruder Wilderich soll Dich zu Bett bringen, wie er’s alle Abend thut - komm nur, komm’!“

„Ich mag nicht in’s Haus, ich will auf der Treppe sitzen, bis Bruder Wilderich kommt.“

„Auf der Treppe? Auf den kalten Steinen willst Du sitzen - bist gescheidt?!“

„Ich will aber. Bruder Wilderich hat gesagt, Du sollst thun, was ich will, Muhme!“

„Nun schau’ Einer dieses Kräutlein an,“ sagte die Alte, die Arme in die Seite stemmend, nachdem der Kleine auf der obersten Stufe ihr seine Hand entrissen. „Ob’s D’ hergehst! Kommst gleich herein! Du Rebell, Du nichtsnutz’ger!“

Ich mag nicht. Ich bleib’ hier, bis Bruder Wilderich kommt!“

„So? Nun, dann bleib’ - wart’, ich hole Dir ein Kissen, damit Du nicht auf die Steine zu sitzen kommst, Du Prinz Du!“

Muhme Margareth ging in’s Haus und kehrte gleich darauf mit einem alten ledernen Stuhlkisten zurück, das sie, murrend und scheltend, auf die oberste Treppenstufe legte, um den „Prinzen“ darauf zu setzen. Dann legte sie ihre beiden Hände an seine Schläfe, so daß sie seinen Kopf sich zuwandte, und in die leuchtenden großen, sich auf sie heftenden Augen blickend, murmelte sie:

„Krot, willmuth’ges Du; aber ein lieb’s, lieb’s Geschöpf bist doch! Ach Gott, was wird aus Dir noch werden, in diesem traurigen alten Wald hier - und mit dem ‚Bruder Wilderich‘ da!“

Sie drückte den Kopf des Kleinen zärtlich an sich, und dann ging sie in’s Haus, ihm seine Abendsuppe zu kochen.

Der Kleine saß ruhig und still eine Weile aus seiner Steintreppe, den Blick die Schlacht hinunter gewendet. Die Schatten der Bergwände wurden dunkler und schwerer, die Dämmerung begann die Schlucht zu erfüllen, und Margareth erschien wieder auf der Hausschwelle.

„Komm’, Prinz, Du mußt aber jetzt hinein, Du mußt, es wird dunkel und kalt!“ sagte sie, das Kind an der Hand nehmend, um es in’s Haus zu führen.

„Kommt Bruder Wilderich nicht?“ fragte der Kleine wie ängstlich und dem Weinen nahe.

„Gewiß, gewiß, er kommt schon, komm’ nur herein, Dein Süppchen ist fertig; es wird Dir schmecken, und wenn Du hübsch Alles gegessen hast, dann wirst Du sehen, dann ist der Herr Wilderich da, mit einem Male, und bringt Dich zu Bett.“

Der Kleine ließ sich beruhigt abführen.

Nach einer Pause erschien wieder die Alte auf der Haustreppe. Die Arme in die Seiten gestemmt, blickte sie den Weg hinauf und hinab.

„Wo der heute bleibt!“ murmelte sie. „Es ist doch sonst seine Art nicht, im Walde zu bleiben, bis die Eulen zu Bett gehn. Wenn ihm etwas Böses zustieß, und nachher säß' ich mit seinem Kinde da! Eine schöne Bescheerung wär’s … Aber nein – da kommt er herauf … ja, ist’s denn Er … der Herr Wilderich … und wen bringt denn der daher?“

Diesen Ausruf der Verwunderung entlockte Frau Margarethe eine Gestalt, welche neben ihrem Dienstherrn die Schlucht heraufgeschritten kam und allerdings eine auffallende Erscheinung in dieser Umgebung war.

Es war eine weibliche Gestalt, und diese Gestalt trug ein schwarzes Gewand und über ihm, breit zu den Füßen niederwallend, ein weißes Scapulier und über eine weiße Haube geworfen eine schwarze Kopfumhüllung, wie sie Klosterfrauen tragen.

„Eine Nonne!“ rief Frau Margarethe aus.

Und dann schossen in Frau Margarethens Kopf sofort die wunderlichsten Voraussetzungen und Unterstellungen zusammen. Der geheimnißvolle Herr Wilderich, und der kleine Prinz, den er vor der Welt sein „Brüderchen“ nannte, und eine Nonne, von dem Herrn Wilderich hier in der Waldeinsamkeit zu dem Forsthause geleitet … das war eine Dreifaltigkeit, welche die bedeutungsvollste Combination erwecken konnte … Muhme Margareth kannte den Weltlauf viel zu gut, die alte erfahrene Margarethe, um nicht sehr schnell diese Combination zu machen!

Sie sah in äußerster Spannung dem nahenden Paare entgegen, das jetzt schon an der Mühle vorüber war … in äußerster Spannung auf die Scene, welche sich an dem Bettlein des eben zur Ruhe gebrachten „Prinzen“ entwickeln würde … Da, wie war das? Der Herr Wilderich wandte ach ja gar nicht seinem Hause zu … und die Nonne auch nicht … sie schenkte dem alten grauen Forsthause nicht einen einzigen Blick … und im Vorübergehen winkte der Herr Wilderich nur mit der Hand und rief:

„Ich komme später, Margareth!“

Die Nonne wandte jetzt ihr Gesicht ihr zu, und winkte so leise mit dem Kopf, daß es gar nicht zu unterscheiden war, ob es ein Gruß für Margareth sein solle oder nicht. Und was noch verdrießlicher, Muhme Margareth konnte nicht einmal mehr unterscheiden, ob die Nonne alt oder jung, schön oder häßlich sei … es war schon viel zu dunkel dazu … Doch jung mußte sie wohl sei; sie trat auf wie ein recht kräftiges junges Ding, und einen weiten Weg mußte sie doch gemacht haben - denn wo gab es ein Kloster hier in der Nähe? - das nächste war sicherlich fünf oder sechs Stunden weit.

Margarethe schaute den beiden Gestalten mit großen verwunderten Augen nach, so weit sie konnte. Herr Wilderich trug ein großes Bündel, die Nonne Nichts. Die Nonne ging nicht neben ihm, sie hielt sich an der anderen Seite des Weges. So schritten sie den Weg aufwärts, bis dieser sich hinter der waldigen Bergseite verlor. Wohin konnten sie in aller Welt da wollen? Jenseits der Höhe lag ein Thal, so abgelegen, so verborgen wie eines in der Welt; wer da wohnte, der konnte ach einbilden, er einsiedele auf einer noch unentdeckten Insel, oder in Amerika, oder in Afrika oder Asien; es wär’ Keiner gekommen, ihm deutlich zu machen, daß er im alten Spessartwalde sitze und nur eine kleine Stunde zu gehen habe, um an die Heerstraße von Würzburg gen Frankfurt und dann auf dieser zu richtig getauften Christenmenschen zu gelangen. Freilich, ein altes Castell lag in dem Thale, rechts auf einem Bergvorsprung; durch eine kurze Allee auf halber Berghöhe ging man darauf zu, rechts ab, wenn man in’s Thal niederstieg; aber das alte Castell war ja seit Jahren von der Herrschaft verlassen; wo die lebte und wie sie hieß, wußte Margareth gar nicht, und es wohnte nur ein närrischer alter Kauz, ein pensonirter Lieuteuant des Contingents des fränkischea Ritter-Cantons zur Reichsarmee darauf, als Verwalter oder Schösser, wie man’s nannte, und seine Knechte und Mägde, und sonst Niemand. Und zu dem bockbeinigen alten Herrn Schösser konnte doch die Nonne nicht wollen!

Das waren die Gedanken, die Fragen, die Veränderungen, mit denen Muhme Margarethe ihre schwere Last und Noth hatte, als sie endlich in’s Haus zurückging und sich dann in dem ersten Raume, der als Eingangshalle, Küche und Wohnzimmer diente, an’s Heerdfeuer setzte, um, die Hände im Schooß, murmelnd in die Holzstamme zu sehen, über der ein brodelnder Topf hing.

Enthielt der brodelnde Topf Herrn Wilderich’s Abendessen, so war dieser ein Mann von großer Anspruchlosigkeit; Margareth verwandte sehr wenig Aufmerksamkeit auf das, was sie braute.

[419] Freilich viel Dank hätte sie heute keinenfalls geerntet, wenn sie auch mehr Fleiß und Würze an den Hasenpfeffer gewendet. Herr Wilderich trat nach mehr als einer Stunde sehr rasch, fast stürmisch und höchst aufgeregt ein. Er stellte die Büchse in die Ecke, er warf die Waidtasche von sich, ohne zu sehen, wohin sie fiel. Er ging in’s Hinterzimmer zum Bette des Kleinen und drückte einen Kuß auf seine Stirn, daß das Kind sich erschrocken in seinem Schlummer umwarf. Er kam zurück und schritt in der Küche auf und ab, immer auf und ab; und daß Margarethe da war, mit all’ ihren Verwunderungen und Fragen im alten Gesicht, und daß ein sauber gedeckter Tisch da war, nahe am Feuer, und daß Margarethe eine dampfende Schüssel darauf stellte zu dem Brode und der Flasche Landweins und dem alten Kelchglase, die schon darauf standen, Alles das schien er gar nicht zu sehen, nicht zu ahnen; ebenso wenig, daß die alte Frau, nachdem sie sich wieder zu ihrem Spinnrad gesetzt, ihn mit Seitenblicken beobachtete, in denen nichts weniger lag, als die stumme Versicherung für den Mann, daß er’s mit all’ seinem Treiben und Gebühren der guten, aber etwas mürrischen alten Seele recht mache.

„Ich soll Euch sagen, der Sepp sei da gewesen, um Euch Nachrichten zu bringen, und das Weitere würdet Ihr vom Gevatter Wölfle, dem Müller, erfahren … Die Franzosen seien geschlagen …“

„Ich weiß, was der Sepp wollte,“ antwortete Wilderich zerstreut.

„Auch daß die Franzosen geschlagen sind?“

„Auch das, auch das!“

„Nun, wenn Ihr Euch nicht mehr d’raus macht – mir kann’s auch gleich sein.“

Der Förster antwortete nicht.

„Wollt Ihr nicht essen heute?“

„Gewiß, gewiß!“

Trotz dieser Versicherung setzte Wilderich seine Wanderung fort.

Margarethe folgte ihm mit ihren Blicken.

Nach einer Weile fielen Wilderich’s Blicke in diese ihm so gespannt folgenden.

Er blieb vor Margarethe stehen, und ein plötzliches heiteres Lächeln glitt über die schönen, ausdrucksvollen Züge des hochgewachsenen jungen Mannes.

„Alte Margareth, weißt Du, daß Du sehr komisch bist mit dem bösen Gesicht, das Du mir machst? Weshalb fragst Du nicht?“ rief er aus.

„Fragen? Wonach soll ich fragen? Wenn der Herr Wilderich sich nicht herabläßt, von irgend einer Sache anzufangen, wo man doch hier mutterseelenallein im Walde sitzt, daß Einem die Zunge gar noch eintrocken könnt’, und man nicht weiß, wo man das Bischen Sach’ und Zeug, an das man mindestens denken könnt’, hernehmen soll …“

Wilderich lachte.

„Und wenn wunderliche, unverhoffentliche Frauenspersonen,“ fuhr Margarethe fort, „daher gehen und es schon zeigen, daß sie mit der Margareth nicht zu thun haben wollen, sondern an der Thür still vorübergehen und in den Wald hinein, wo der Weg doch ein Ende hat und Niemand sie erwarten kann, und am wenigsten ein Kloster ist, wo solche Frauenspersonen hingehören, und wenn der Herr Wilderich als ihr Bote und Packträger nebenher zieht –“

„Nun hör’ auf, hör’ auf,“ fiel ihr Wilderich in’s Wort … „Was soll der ganze Psalm, statt daß Du mich ehrlich fragst, wie’s Dir doch das Herz abdrückt: wer war die Nonne?“

Margarethe stemmte ihre Arme in die Seite, und das Spinnrad mit dem Fuß von sich schiebend, rief sie laut und unverhohlen aus:

„Wissen möcht’ ich’s, so viel ist gewiß!“

„Nun, so geht’s Dir grad’ so wie mir!“ versetzte Wilderich.

„Ihr wißt es nicht? … Ihr wollt es nicht wissen?“

„Ich weiß es nicht, ich werde nicht klug daraus.“

„Ah … und Ihr tragt ihr doch ihr Bündel, und Ihr führt sie doch, und sie mußte Euch doch sagen, - woher sie kam, wohin sie wollte?“

„Wohin sie wollte, das hat sie mir allerdings gesagt …“

Margarethe schüttelte ungläubig und entrüstet den grauen Kopf und zog mit der Miene der Resignation wieder ihr Spinnrad an sich.

„Wohin wollte sie denn?“ sagte sie mit einem verbissenen Ton, den sie für geeignet hielt, um ihren völligen Unglauben an den Tag zu legen.

„Sie wollte nach Goschenwald drüben.“

„Zu dem rothen Herrn Schösser? Will der ein Kloster stiften?“

„Zu dem – oder vielmehr zu dem Hause, in dem der alte gestrenge Herr Lieutenant wohnt. Höre nur. Ich komme heute Nachmittag –“

„Aber wollt Ihr denn nicht essen, Herr Wilderich?“ unterbrach ihn die Alte – sie sagte es, als wolle sie andeuten, daß sich eine reckte Jagdgeschichte eben so gut über Tisch erzählen lasse.

„Nun ja, ich will endlich Deinem Ragout alle Ehre anthun,“ entgegnete Wilderich, sich an den gedeckten Tisch setzend – „aber hör’ zu. Also, ich komme heute Nachmittag durch die Kiefernbüsche oberhalb Rohrbrunn und von da auf die Würzburger Heerstraße, um so heim zu wandern; da begegnet mir der Weißkopf, der Waldmeister aus dem Siefengrund, weißt Du, und der ruft mir zu, ob ich’s schon gehört hätte, die Franzosen seien geschlagen am 24. bei Amberg in der Oberpfalz, der Erzherzog Karl habe sie gefaßt, ihr Obergeneral, der Jourdan, sei schon bis an die Wiesent zurück, Fürst Johann Lichtenstein mit seiner Cavallerie schon in Nürnberg … wenn die Franzosen sich auch noch einmal stellten, so würden sie doch gegen den Erzherzog nicht aufkommen können, so groß seien ihre Verluste. Auch flüchte sich schon Alles oben im Lande, was sich flüchten könne, vor ihren zurückfluthenden Heermassen; denn wenn der Franzose geschlagen heim marschirt, dann ist er wie ein wildes Thier und ärger als Kroat und Türke; und was dann unbeschützt auf dem Lande wohnt, was wohlhabende Leute sind, Beamte, Pfarrer und Ordensleute, die thun wohl, sich aus dem Staube zu machen, und das geschähe denn auch aufwärts am ganzen Main, erzählte der Weißkopf …“

„Wenn nur das schlechte Sansculottenvolk nicht hierher kommt!“ rief Margareth erschreckend aus … „Gott steh uns bei!“

„Sag’ lieber: Gott steh ihnen bei!“ fuhr Wilderich mit dem Ton der Drohung und des Zornes fort; „wir haben vor, ihnen an den Spessart ein Andenken mit auf den Weg zu geben, wenn sie kommen! Hab’ keine Angst. Du wirst schon sehen, was geschieht … und davon rede ich denn mit dem Waldmeister ein wenig, und dann gehn wir auseinander … er geht aufwärts und sagt im Fortgehen:

‚Seht Euch doch nach der Nonne um, die da unten an der Heerstraße sitzt – ich hab’ sie gefragt, wohin sie wolle, aber sie hat den Kopf abgewandt, ohne mir Antwort geben zu wollen – da bin ich meines Wegs gegangen; aber es ist doch seltsam, woher die Person so hierher in den Wald geschneit ist – und sie kann doch nicht allein in den Abend und die Nacht hinein laufen.‘

‚Will schon sehen,‘ sag’ ich, und gehe weiter und sehe nach einer Weile denn auch richtig eine Nonne dasitzen auf einem Stein, die Hände im Schooß und ihr Bündel neben sich; und ich gehe auf sie zu und sage:

‚Guten Abend, ehrwürdige Mutter, wie kommen Sie denn so allein, wenn man fragen darf …‘ aber damit stockt mir auch das Wort auf der Zunge, weil sie jetzt den Kopf aufhebt und mir das Gesicht zuwendet – ein Gesicht, – ich sage Dir, Margareth, so eins hast Du nie gesehen, und ich auch nicht, nie in meinem Leben; ein Gesicht so fein und schön und rührend blaß, mit großen glänzenden braunen Augen, glänzend und doch so weich, so sanft, so still, und das Gesicht dabei so fein und so rosig bleich –“

„So fein und so bleich – das habt Ihr schon mal gesagt!“ murmelte Margareth spöttisch.

„Ich sage Dir,“ fuhr Wilderich eifrig fort, „die heilige Genovefa muß so ausgesehen haben, als sie zwischen den Baumwurzeln unter der Eiche im Ardennenwald saß …“

„Nun ja, und den kleinen Schmerzenreich für die heilige Genovefa hätten wir ja auch zur Hand!“ hätte Margareth sagen mögen – aber sie verschluckte die Bosheit, denn Wilderich’s Blicke lagen so ehrlich auf ihr, er sprach mit solcher Aufrichtigkeit, daß sie irre zu werden begann an der Geschichte.

„Sie sah mich mit diesen Augen an, als wolle sie mir in der Seele lesen,“ erzählte Wilderich weiter; „und dann sagte sie leise, daß ich sie kaum verstand: ‚Ich komme von Oberzell. Ich bin sehr ermüdet. Wie weit ist noch bis zu dem Hause Goschenwald?’

[420] ,Goschenwald – das liegt in meinem Revier – ich bin der Revierförster von Rohrbrunn – wenn Sie nach Goschenwald wollen, so ist es just auch mein Weg – mein Forsthaus liegt in der Schlucht am Wege nach Goschenwald - so stotterte ich abgebrochen heraus … ,Wie weit es ist? Es wird zu weit sein, daß Sie es noch bei hellem Tage erreichen – wenn Sie ermüdet sind, heißt das, ehrwürdige …‘ ich verschluckte verlegen das Wort: ehrwürdige Mutter … solch ein junges Geschöpf? ich ward ganz roth dabei.

Sie blickte noch einmal zu mir auf – diesmal flüchtiger; dann, nach ihrem Bündel fassend, sagte sie:

‚So will ich weiter gehn, wenn Sie mir den Weg zeigen wollen.‘

Ich griff nach ihrem Bündel, es ihr zu tragen, und sie ließ es mir. Weiter zu reden wagte ich gar nicht, ich wußte nicht, wie ich sie anreden solle, aber sie selber begann nach einer Pause wieder:

‚Ich war Novize im Kloster Oberzell,‘ sagte sie. ,Es kam die Nachricht, daß die französische Armee geschlagen und im vollen Rückzuge sei; die ehrwürdige Mutter Aebtissin kündigte uns an, daß wir allesammt das Kloster verlaffen und uns zu unseren Verwandten flüchten sollten. Ich habe keine Verwandte, und so gab mir die Aebtissin ein Schreiben an den Herrn Schösser von Goschenwald, weil dies Haus verborgen und abseits von der Heerstraße liege.‘

‚Und den Weg von Oberzell bis hierher haben Sie zu Fuß gemacht?’ fragte ich verwundert.

,Nicht ganz,‘ sagte sie; ,bis Heidenfeld fuhr ich mit zwei älteren Schwestern, die von da aus das Mainthal weiter hinauf reis’ten.’

,Dann blieb Ihnen doch eine gute Strecke zu Fuß zu machen übrig, bevor Sie bis hierher kamen,‘ versetzte ich.

‚Ich bin auch müde,‘ versetzte sie; ‚aber es wird ja gehen. Wenn man muß, geht Alles!’

„Ich war recht linkisch und einfältig,“ fuhr Wilderich zu erzählen fort, „ich wagte nicht, ihr meinen Arm anzubieten, als es nun in unsre Schlucht hinein und bergaufwärts ging; noch auch ihr von dem Wein zu bieten, den ich in meiner Waidtasche trug – ich ging ganz kleinlaut neben ihr her, wohl eine halbe Stunde lang. Ich weiß nicht, ob das vielleicht sie muthiger und mittheilsamer machte; denn sie begann nun zu sprechen. Sie fragte, in wessen Dienst ich stände, und ob ich Haus Goschenwald und die Menschen, welche dort wohnten, kenne, und dann, erzählte sie von dem Aufruhr und dem Schrecken der guten Nönnchen, als die Nachricht gekommen, die sie wie eine Schaar aufgeschreckter Tauben aus ihrer stillen Clausur fortgetrieben, wie die frommen Gottesbräute so hastig gepackt und kopflos durcheinander gelaufen und nach Fuhrwerk geschrieen, und wie die jüngeren sich ’s lachend gefallen lassen und die älteren geweint und gejammert – und das Alles, wie sie ’s schilderte, hatte so etwas, wie soll ich sagen, nichts Lächerliches, es war gar natürlich und selbstverständlich aber wie sie ’s erzählte, mußte ich doch ein paar Mal lachen, und es war mir, als ob das junge Mädchen trotz ihres Novizenthums und ihres schwarzen Habits doch vor dem Klosterwesen und Nonnenthum nicht den geringsten Respect habe!“

„Und dann?“ fragte Margarethe.

„Dann,“ versetzte Wilderich, „kamen wir hier am Hause vorüber und ich sagte ihr, daß ich hier wohne – allein mit Euch, Margarethe, des vorigen Revierförsters Muhme, die schon dem alten Manne lange, eine treue Pflegerin gewesen – das Haus sei alt, und das Revier groß – der Dienst sei schwer, wenn man aber dabei groß geworden und von Jugend auf dazu dressirt, so halte man’s schon aus … und da sagte sie: ‚wenn auch das Haus verfallen genug aussehe, so sei es doch mein Haus, und wenn der Wald, den ich zu hüten habe, auch weit und groß sei, so sei es doch der schöne, stille, freie Wald, in den keine Menschen mit ihrer Noth und ihrem Leid kämen, keine Menschen mit ihren bösen und verderblichen Leidenschaften – es sei doch Jeder glücklich, der ruhig und geachtet am eigenen Heerde leben könne und das Schicksal der Heimathlosen und Ausgestoßenen nicht kenne! Das sagte sie mit einem Tone, einem so traurigen und ergreifenden Tone, daß ich gar nicht wußte, was ich darauf antworten sollte – es hat mir seitdem gar nicht aus dem Kopfe herausgewollt, was für ein Schicksal es sein kann, das sie so jung in’s Kloster getrieben, daß sie jetzt sich eine Heimathlose und Ausgestoßene nannte. Ich war von dem Augenblick an so betroffen und kleinlaut, daß ich nicht mehr wagte, irgend eine Frage an sie zu stellen … Sag’ mir um Gotteswillen, Margareth, wer kann sie sein, was kann sie erlebt haben, daß sie mit so traurigen Augen in die Welt blickt, mit so traurigen Worten redet? Mein Gott, was muß ihr angethan sein, daß sie einem armen Teufel, der, wie ich, in der öden Einsamkeit dieser Waldschlucht in solch einem schiefgesunkenen Malepartus sitzt, beneidet … und dabei so jung, so schön, so bezaubernd schön? …“

Bezaubert hat sie Euch, so viel ist gewiß. Aber was kann ich davon wissen?“ rief Margarethe achselzuckend aus; „Ihr habt mir ja noch nicht einmal das Ende der Geschichte erzählt.“

„Meine Geschichte ist zu brachte sie bis nach Goschenwald. Erwartet war sie da nicht. Auf der Brüstung der, alten Steinbrücke vor dem Thorbau saß der alte Schösser in seiner rothen Lieutenantsuniform, die er nie ablegt; er saß steif und gerade da, der Zopf stand ihm hinten vom Kopfe ab, just so weit, wie vorn die irdene Tabakspfeife, die er im Munde hatte und aus der er blaue Dampfwolken blies, so beharrlich Und still für sich hin, als ob er das Abenddunkel zurecht rauchen müsse und die Schatten der Nacht ohne seine blauen Wolken nicht fertig würden. Die Nonne trat an ihn heran, zog schüchtern und leise redend einen Brief hervor und gab ihn dem Alten, er sei von der hochwürdigen Frau Aebtissin von Oberzell. Der Schösser besah ihn von allen Seiten; dann steckte er ihn in die Tasche und sagte, es sei zu dunkel, um ihn zu lesen– dabei blieb er steif und reglos sitzen und sah uns an, bald den Einen, bald die Andere.

‚Aber es scheint,‘ sagte ich, ‚die Demoiselle rechnet darauf, in Goschenwald Aufnahme zu finden …‘

‚Die Aebtissin ließ es mich in der That hoffen,‘ fiel sie ein.

‚Bis anhero haben wir dieses ihr auch nicht verweigert!’ versetzte der Schösser, geradeaus in seine Dampfwolken blickend. ‚Trete die Demoiselle nur ein. Es soll für sie gesorgt werden.‘

Das junge Mädchen sah schweigend zu mir auf und gab mir die Hand - es war ein stummer Dank für meine Begleitung. Dann ging sie in’s Thor hinein – ich wandte mich heimwärts; der alte Schösser blickte uns Beiden nach, so gut es geschehen konnte, ohne den Kopf zu wenden, mit dem bloßen Hin- und Herwerfen der Augen. - Und damit hast Du das letzte Ende der Geschichte.“

„Das letzte Ende?“ sagte Margarethe. „Ihr seht nicht ganz danach aus, Herr Wilderich, als ob Ihr selber so dächtet – wenn diese wunderliche Nonne in Goschenwald bleiben sollte, so habt Ihr den Weg dahin wohl nicht zum letzten Mal gemacht!“

„Möglich,“ antwortete Wilderich lächelnd, „ich muß doch morgen sehen, ob der alte Lieutenant endlich auch hineingegangen, oder ob er noch immer wie versteinert auf der Brücke sitzt.“

[433]
2.

Wilderich ging in der That am andern Tage, als ob er danach sehen wolle. Er war am Morgen ungewöhnlich früh aufgestanden, aber zuerst war er in die Mühle gegangen, mit dem Gevatter Wölfle zu reden. – Margarethe hatte gesehen, daß mehrere fremde Männer die Schlucht heraufgekommen und sich ebenfalls in die Mühle begeben hatten – der Müller hatte seine Räder gestellt, als ob er Wichtigeres heute zu thun habe, als seine alten Steine sich umschwingen zu lassen – Margarethe schüttelte den Kopf über dies Treiben, aber sie war gewohnt, daß man ihr ein Hehl daraus machte, und so plauderte sie ihren Aerger nur gegen den kleinen Leopold aus, der ihr von der Wiese am Bach gelbe Blumen des Löwenzahns zutrug, aus dem sie ihm eine Kette um den Hals machen mußte. Als Wilderich aus der Mühle zurückkam, nahm er erregt, wie es schien, und hastig ein Frühstück ein, dann warf er die Büchse um, pfiff seinem Hunde und schritt davon, die Schlucht hinauf.

Eine halbe Stunde später sah er die Steinbrücke von Haus Goschenwald vor sich. Der alte Schösser saß zwar nicht mehr auf der Brustwehr, aber er lag in seiner rothen Uniform und mit einer hohen weißen Zipfelmütze auf dem gelbgrauen runzligen Haupte in einem offenen Fenster des Thorbaus, über dem Einfahrtsthor; so blickte er Wilderich entgegen, ohne sich zu rühren, nickte auch nicht mit dem Kopfe, als dieser die Hand grüßend an seine Mütze legte – wenn er auch nicht mehr starr und steif wie ein Steinbild auf der Brücke saß, versteinert schien der alte Mann doch.

Wenn man durch das gewölbte Thor im Vorbau auf den Hof von Goschenwald kam, so hatte man rechts das Haupthaus und vor sich einen im rechten Winkel vorspringenden Flügel; von diesem nach dem Vorbau hin schloß links eine niedrige gezinnte Mauer den Hof, über welche man fort in das enge waldbewachsene Thal und den Weiher im tiefsten Grunde blickte, in die stille, grüne, menschenleere Waldwelt.

Mitten im Hofe stand eine Linde und unfern ein Ziehbrunnen mit seinem Eisenrade zwischen zwei Steinpfeilern; der Brunnen mußte sehr tief sein, da Goschenwald auf halber Berghöhe lag und das ganze Thal beherrschte. Dicht unter der Linde, die weithin ihre niederhängenden Zweige ausbreitete und den Boden umher mit ihren grauen beflügelten Blüthen bedeckt hatte, stand eine Bank, und auf dieser Bank saß ein junges Mädchen in einem dunkelgrünen Kleide, unter dem nach der Mode der Zeit ein graues Unterkleid hervorblickte; ihre Brust war mit einem weißen geblümten Tuche umhüllt, das auf dem Rücken zu einem Knoten zusammengeschlungen war; um ihr Haupt wallten frei die dichten braunen Locken. So saß sie da, das Kinn auf die Hand gestützt und in das Thal vor ihr hinabschauend – ein grober grauer Strickstrumpf, mit dem sie beschäftigt gewesen sein mußte, lag in ihrem Schooße.

Wilderich fixirte sie überrascht, als er näher kam – war das in der That – ja, sie war es, dies schöne rosig-bleiche Antlitz konnte keinen Doppelgänger haben – es war die Nonne von gestern!

Ein eigenthümliches Gefühl von Befriedigung war es, womit Wilderich die Wandlung bemerkte, die aus der Nonne ein junges Mädchen, anscheinend des wohlhabenden Bürgerstandes, gemacht; – es war auffallend, daß sie so geeilt, das fromme kirchliche Gewand abzuthun; für den jungen Forstmann freilich konnte es ganz dasselbe sein, ob er sie nun so oder so sah; und doch flößte der Anblick ihm eine warme, wohlthuende Empfindung in’s Herz.

Als er auf sie zutrat, fühlte er sich tief erröthen, und dem Blicke, den sie groß und ruhig auf ihm haften ließ, ein wenig unsicher begegnend, aber mit der Verbeugung eines weltgewandten Mannes, sagte er:

„Ich hoffe, Demoiselle, Sie finden mich nicht zudringlich; meine Waldstreiferei führte mich in die Nähe und die Hoffnung, zu erfahren, daß Ihre Fußreise Sie nicht zu sehr ermüdet und angegriffen habe, bis hierher. …“

„Ich danke Ihnen,“ versetzte sie freundlich, aber sehr ernst, „wie Sie sehen, bin ich wohl; ich danke Ihnen für die große Gefälligkeit, welche Sie mir gestern bewiesen, und die ich nicht hätte annehmen sollen, da Sie einen so weiten Weg bis zu Ihrem Hause zurückzumachen hatten. Aber ich wußte nicht, wie weit …“

„Sie kannten den Weg nicht, freilich, und es wäre ja unverzeihlich von mir gewesen, hätte ich es Ihnen überlassen, sich den Weg selber zu suchen. Darum reden wir nicht von Dank….“

Wilderich schwieg. Sein Auge haftete auf dem Antlitze des jungen Mädchens, das einen so unbeschreiblichen Zauber auf ihn ausübte; unter dem Einfluß dieses Zaubers, der ihm eigenthümlich die Gedanken verwirrte, wußte er nicht, wie er den abreißenden Faden des Gesprächs wieder anknüpfe.

„Es freut mich,“ stotterte er endlich, „daß Sie hier wohl aufgehoben sind … der Herr Schösser hat sicherlich . . “

[434] „Der Herr Schösser,“ fiel sie ein, „hat endlich den Brief der Aebtissin gelesen und mir die besten Zimmer dort oben“ – sie deutete auf den vorspringenden Flügel des Baus – „eingeräumt; er spricht zwar nur mit den Augen, der Herr Schösser, aber er scheint ein friedlicher, wohlmeinender Herr; auch ist er nicht so abgeneigt, auf eine Frage eine Antwort zu geben, wie es scheint. Man muß ihn nur dabei, die Haushälterin hat es mir verrathen, Eure Gestrengen nennen. Die Zimmer sind recht wohl erhalten, sie haben eine hübsche Aussicht, und ich bin durchaus nicht unzufrieden, sie mit meiner Zelle vertauscht zu haben....“

„Und diese Tracht, die so viel kleidsamer und, wenn ich es zu sagen mir herausnehmen darf, so viel passender für die Demoiselle ist, mit dem schwarzen Habit ... in welchem ich mich gar nicht recht Sie anzureden getraute!“

Sie nickte lächelnd.

„Ich war nur Novize, oder auch das nicht einmal so recht im Kloster,“ sagte sie, „... ich trug das schwarze Habit wie eine Art Verhüllung, und ich habe es abgelegt, da es doch nur eine Entweihung desselben wäre, wenn ich es hier vor den Leuten beibehalten und so Parade mit einem frommen und sehr ernsten Berufe gemacht hätte, der meiner Seele ganz fremd ist, für den ich gar nicht würdig genug bin. Es ist sicherlich nicht Eitelkeit, wenn ich Ihnen heute so verwandelt und verweltlicht erscheine – nein, nur Ehrlichkeit!“

Sie sah ihn dabei mit Augen an, aus denen diese Ehrlichkeit hervorleuchtete.

Wilderich gerieth immer tiefer in den Zauberbann dieser Augen, er kam sich dabei, weil er nichts zu antworten, nichts Sinniges oder Kluges vorzubringen wußte und das Roth der Verlegenheit auf seinen Wangen brennen fühlte, entsetzlich hölzern und täppisch vor; er suchte nach einem Schluß der Unterredung und mochte sich doch auch von der Stelle, wo er stand, nicht losreißen.

„Die Kloster-Tracht,“ sagte er nach einer Weile, „würde Sie vielleicht doch bester geschützt haben, wenn der Sturm hier in unsern Waldbergen losbricht.“

„Der Sturm? Sie meinen?“

„Ich meine den Kampf, der sich hier in der Stille vorbereitet. Ich darf es Ihnen ja sagen. Sie wissen, daß die Franzosen oben im Lande zurückgeworfen sind; eine zweite Schlacht, vielleicht in der Gegend von Würzburg, wird hoffentlich ihre Macht völlig brechen und sie zwingen, sich durch die Wälder hier auf den Rhein zurückzuziehen. In diesen Wäldern aber werden sie alsdann vernichtet werden.“

„Mein Gott, Sie sprechen das so bestimmt aus – Sie glauben, der Erzherzog Karl wird sie hier auf dem Rückzuge angreifen. …“

„Nicht das. Der Erzherzog Karl wird mit seiner Armee für die Waidmänner des Spessart der Treiber sein, der sie ihnen wie ein gehetztes Wild in den Schuß treibt! Wir sind bereit und gerüstet, sie zu empfangen. Es ist Alles vorbereitet. Wir haben im Stillen für Waffen gesorgt, die Männer im Gebrauch derselben geübt, die Anführer und Rotten aufgestellt, die Punkte, wo die Angriffe erfolgen sollen, bestimmt – warten Sie ein paar Tage, und Sie werden auch hier in Goschenwald hören können, wie’s drüben in den Thälern, wodurch die Straßen ziehen, knattern und knallen wird …“

„Mein Gott, was sagen Sie mir da!“ rief das junge Mädchen erschrocken, „und das soll hier unter meinen Augen vorgehn?“

„Hier – schwerlich! Seien Sie darüber beruhigt! Göschenwald liegt in gerader Linie fast eine Stunde von der Heerstraße entfernt. Sie werden höchstens die Jäger sehn, nichts von der – Jagd!“

„Das ist aber doch fürchterlich … und Sie, Sie selbst?“ versetzte sie, indem sie in das von dem Ausdrucke wilden Muthes und der Kampfeslust glühende Antlitz Wilderich’s blickte.

„Ich selbst – ich bin Waidmann – im Spessart angestellt; durch mein Revier zieht ein gutes Stück der Rückzugslinie des Feindes; möchten Sie da meine Büchse feiern sehn?“

Sie antwortete nicht. Ihre Züge waren bleich geworden.

„Schrecklich ist es aber doch,“ sagte sie dann, mit dem Ausdruck der Angst zu Wilderich aufblickend, „es hat mich so entsetzt, daß ich noch in dieser Stunde wieder aufbrechen und mich weiter flüchten möchte! – Aber wohin, wohin? Ich weiß keinen Winkel auf Erden, der mich aufnähme, wenn ich diesen hier verließe, keinen Winkel, keine Stätte! O mein Gott!“ setzte sie halb wie für sich und den Blick von Wilderich abwendend, um mit ihm in die Ferne hinaus zu schweifen, hinzu, „ich bin ja nun einmal verlassen von Allen, verlassen und verloren! So muß es denn über mich kommen, ich muß es überstehen, so gut es zu überstehen ist!“

„Es thut mir leid,“ versetzte Wilderich bewegt, „daß es Sie so erschreckt, so zittern macht. Hätt’ ich’s Ihnen lieber nicht verrathen, wie wir’s bis heute verborgen gehalten vor aller Welt, außer denen, die’s anging, die den nöthigen Haß im Herzen, die nöthige Kraft in den Muskeln und Sehnen haben, um zu helfen, mit einem heiligen Wetterschlage in das böse Volk, das unser Vaterland höhnt, beschimpft, ausraubt und zertritt, zu fahren! Doch ich dachte, Ihnen dürfte ich’s sagen; mir ist, als dürft’ ich eben Ihnen Alles sagen, Ihnen müßt’ ich Alles sagen ... und dann, dann, dachte ich, seien Sie vorbereitet und ängstigten sich nicht, wenn Sie wüßten, daß Alles wohlgeordnet, Alles vorgesehen ist; daß nicht tollkühne Menschen sich um Sie her leichtsinnig in den Untergang stürzen, sondern daß ein überdachter Plan das entschieden eingreifende Handeln des Volkes regelt. Das Volk will zeigen, daß es auch die Waffe zu handhaben versteht und alte Schmach zu rächen weiß, und daß, so viel man auch gethan, seine Kraft, seinen Muth, sein Selbstbewußtsein in dem Modersumpf unsres Reichswesens zu ersticken, diese Kraft doch noch lebendig ist und zu siegen weiß, wenn man ihr nur Raum läßt, sich zu offenbaren. Um das an den Tag legen zu können, hat es sich aber vorgesehen, damit es nicht bei dieser Erhebung eine klägliche Rolle spiele und zum Spotte Derer werde, welche es verachten. Es hat seine Maßregeln dawider getroffen. Es wird kein Kinderspiel werden, sondern ein ernstes Stück Arbeit. Aber fürchten Sie Nichts … es wäre nicht wohlgethan, wenn Sie drum diesen Aufenthalt verlassen wollten, falls Sie so allein stehen in der Welt, wie Sie sagen –“

„Das thu’ ich,“ versetzte das junge Mädchen, zu Boden blickend, „allein, ganz allein!“

„Das ist ein hartes Loos,“ erwiderte Wilderich weich und mit gedämpfter Stimme. „Für ein junges Mädchen doppelt, obwohl es auch die Seele eines Mannes wunddrücken kann, wenn er sich sagen muß: Du bist allein in der Welt, die Deinen sind alle dahin, sind todt, du selbst bist wie ein loses Blatt in diese Thalschlucht, in diese Berge, in diese Welt hineingeweht, ohne daß du weißt, was dich eigentlich dahin bringt; ohne daß das Bewußtsein des Fremdseins in dieser Welt für dich aufhört; ohne daß sich Fäden spinnen zwischen ihr und deinem Gemüth, die dir endlich das Gefühl, eine Heimath zu haben, gäben; ohne daß die alte quälende Empfindung der Herzensleerheit ein Ende fände, und das ewige schmerzliche Träumen von einem Glück, das irgendwo jenseits der grünen Bergwaldkämme im Ost oder im West für dich existiren müsse, je aufhörte …“

„Und ist’s Ihnen so zu Muthe – Ihnen – hier?“ fragte lebhaft das junge Mädchen.

„So ist’s,“ sagte er. „Ich bin fremd hierhergekommen, seit wenigen Monden. Ich bin zu Hause in der Unterpfalz, aus der Gegend von Zweibrücken. Da ist nun Alles französisch drüben. Mein Vater war Forstmeister dort, ein alter Mann, gichtgelähmt, ich durfte ihn nicht verlassen – so hielt ich’s aus – ich sollte sein Nachfolger werden und versah den Dienst für ihn schon seit mehreren Jahren; ich hielt es aus trotz der neuen Wirthschaft dort; als aber mein Vater gestorben, da hielt mich nichts mehr zurück, ich gab meine Stellung und Aussicht auf, und der Kurfürst von Mainz, der jetzt in Aschaffenburg sitzt, gab mir ein vernachlässigtes Revier, sein entlegenstes – dieses hier!“

Das junge Mädchen sah ihn an, ohne zu antworten.

„Sie klagen mit Unrecht,“ sagte sie dann nach einer Weile, „über solch’ ein Lebensloos. – Es giebt härtere. Keine Heimath zu haben ist besser, als eine zu haben, die uns ausgestoßen hat; keinen Kreis verwandter und geliebter Menschen zu besitzen, besser, als in dem, der uns gehört, Hader, Feindschaft und tödtlichen Haß zu wissen!“

Wilderich nickte leise und sinnend auf die Sprechende vor ihm blickend. Ein unendliches Mitleiden mit ihrem Loose erfüllte ihn, da er sofort annahm, daß sie nur von ihrem eigenen reden könne.

[435] „Sie haben Recht, Demoiselle,“ entgegnete er dann. „Und … wenn … wenn …“

„Was wollten Sie sagen?“ fragte sie unbefangen, als er in’s Stottern gerieth.

„Nichts, als daß Unsereins ja auch den Trost hat, zuweilen zu etwas nütz sein zu können … vielleicht, wenn Sie irgend eines Schutzes, eines Dienstes bedürften, … aber das wäre vermessen von mir zu hoffen … doch wird es Ihnen erwünscht sein, Auskunft, Nachrichten über die Vorgänge, die wir zu erwarten haben, zu erhalten … ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß, wenn ich wiederkommen dürfte, wenn Sie mir vergönnten …“

Wilderich’s Erröthen und Stottern wurde peinlich, so daß sie einfiel:

„Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen aufrichtig, ich würde sehr undankbar für den Schutz sein, den Sie mir bereits einmal haben angedeihen lassen, wenn ich nicht gern Ihre Gefälligkeit wieder in Anspruch nähme, sobald ich ihrer bedürfte, und ich wüßte, daß es Ihnen nicht wieder eine so große Mühe machte, wie ich sie Ihnen gestern gemacht habe.“

Ohne eine Sylbe zu antworten, machte er ihr mit noch tieferem Erröthen eine Verbeugung und ging. Sie nickte freundlich, freundlicher, als sie ihn empfangen, mit dem Kopfe, und blickte ihm eigenthümlich bewegt nach, unruhig, unsicher, ob sie in diesem Gespräch nicht auffallend offen und aufrichtig und über ihre Lage mittheilsam gewesen, und was er darüber denken müsse. Es ist nun einmal so schwer, wenn man durch die Ereignisse aus allem Gleichgewicht gebracht und so in eine völlig andre Umgebung geworfen, weit aus den täglichen Lebensgeleisen geschleudert ist, die strenge Haltung, wie die Sitte sie will, zu bewahren, nicht von dem, was das Herz erfüllt, mehr über die Lippen stießen zu lasten, als man sollte! Ach und ihre Dcrnpel, daß Wilderich sie mißdeuten und mißverstehen könne, waren so ungegründet! Er sagte sich Nichts über sie, er grübelte nicht, er nrtheilte nicht, er fühlte nur stärker das, was ihn die ganze schlaflose Nacht hindurch leise durchwogt: dieses sehnende’Empfinden, dies Betroffen- und Ergriffeusein von /der fremden Erscheinung; es war ihm,’ als ob das zu einem wahren Sturm werden könne, was schon jetzt ihm durch alle Adern pochte,;-er fühlte-es- und sagte es sich schon mit bewußter Klakheit, daß dieses geheimnißvolle schöne sunge Mädchen mit seWm selt-/ sameMZschicksal ihm mehr-’ am Herzen/“liege, als alles Andere, was ihm’nahe stand in dieser sllllen grünen Bergwelt und außerhalb derselben.’ ’ Eine Weile, nachdem Wilderich gegangen, erschien: eine zweite.

. Person stuf’dem Hof von Goschenwald. Diesmal war es der gestrenge Herr Schösser; der Herr Schösser in der abgetragenen rothen/ auf den Nähten ein wenig/weiß gewordenen Uniform, in welcher einst der rstterschaftli’che Canton -von Oberstanken seine grausam tapfere und ebschreckliche Heeresmacht zu der römischkaiserlichen Armada stoßen lasten, wenn es galt, den Reichsboden wider Türken oder Franzosen zu ’vertheidigeu. Roth war diese Uniform – ob die. grüiie Sergeweste mit Messingknöpfen und die gelben Beinkleider und die schwarzen Gamaschen, in denen der .Herr Lieutenant außer Dienst stolzirte, vorschriftsmäßig dazu gehörten, finden wir in den Büchern der Geschichte nicht verzeichnet; vielleicht hing diese Farbenwahl mit dem persönlichen Geschmack Seiner Gestrengen zusammen ; gewiß aber gehörte dazu der Degen, - - der an der steifgraden dünnen Gestalt des Mannes hing wie eine / Raa an einem Mastbanm, so daß man den Lehrsatz von der Gleichheit der Scheitelwinkel, daran beweisen konnte; und sicherer noch die schöne/EonvolvulusblNme des Zopfes!

Der Schösser kam aus dem Thorbogen heraus, dann stelzte er in dem ganzen Hof herum mit einem gewichtigen Schritt, nicht rechts noch links blickend … es sah aus, als ob der alte Mann dienstmäßig eine Ronde, eine Patrouille, ein schattenhaftes Corps seiner Tapferen, das nur er sah, führte; und in der letzten Ecke, da mußte er sie wohl entlasten haben und der Dienst zu Ende sein; die linke Hand auf den Rücken gelegt,/die rechte in die grünfergene Weste geschoben, nahm er das Mädchen unter der Linde als Richtpunkt,’ans den er jetzt zustelzte.

„Wünsche guten Morgen/Demoisclle Benedicte!“ sagte er, die Hand /an seinen dreieckigen Hut mit der, rothen Plümage legend.

„Guten Morgen, Gestrengen !/. antwortete sie.

^ „Thun nerhoffen,“ fuhren die Gestrengen fort, „daß die Demoiselle Benedicte eine wohlschlafende Nacht genossen!“

/ „Ich danke Ihnen, Gestrengen, ich habe nach meiner er-müdenden. Wanderung-fehr^tief und sehr lange geschlafen.“

„Auch, daß Wohlderselben die Ziegenmilch noch hinreicheyh// warm, servirt worden. Habe-sie. selber -,gemolken uyd der- Be--> schließerin Afra zu schleuniger Ueberbringung anrecommandirt …“ ^ „Ei, Sie melken die Ziegen selbst, Herr Schösser?“^ „Jawohl, Demoiselle, melke sie selbst –- dein Dienstvvlk kann Ulan so etwas nicht überlasten – melke sie selbst… mache auch den Käse ’--7-’ sehr guten Käse – werde die Ehre haben, bei Tisch mit einem kleinen PröbltiU aufzuwarten was ich jedoch/’ vermelden wollte, Tsemoiselle Benedicte, da Wohldieselbe ,mir änitzo von der Frau Aebtissin brieflich anempfohlen ist, so möchteZ es angemesten/ erscheinen, daß. ich Hochderselben mittels eines . Antwortsschreibens zu erwidern-mich beflisse, wie ich solchem Ansinnen nachzuleben Mil besvnderer Dienstergebenheit erbötig .sei!^ /^ Benedicte, wie er Unsere Novize genannt, nickte mit dem Kopf, doch schien ihr in dem Ton des Mannes eine Andeutung:, zu liegen/die sie nicht gleich verstand/und so sah sie ihn fragend an.., Sie bemerkte, daß ihre schweigende Zustimmung zu seiner Aeußernng seine Miene nicht erhellte, während er fortfuhr:/ „Wobei, nur zu bedenken anheimgebe, daß auch noch dem Herrn Rejchshofrath, dem Brüder der Frau Aebtissin, für den ich Goschenwald HU administrireu die Ehre habe, anderweits noch .Meldung zu machen haben dürfte.“

./s,Sie wollen/-daß-Sie-’-Mlich, hier ausgenommen Haben, an den eigentlichen Eigenthümer dieses Hauses nach Wien melden?“// Der gestrenge Herr runzelte schwermüthig die Brauen.. -. „Das möchte allerdings für gMnnlich erachtet werden – obwohl sonst nur alle Vierteljahre mien snbmisten Bericht dahin instradire.“

Die Demoiselle BeNedicte hatte jetzt den gestrengen Herrn UW . den leisen Ton von Wehmuth uns Klage, der in seiner Rede lag, verstanden.

„Ich glaube,“ sagte sie lebhaft, „Eure Gestrengen muthen sich da eine Mühwältung zu, ’Melcher ich Sie gern überheben möchte. Ich selbst werde der Aebtissin danken, ihr berichten, mit welcher Güte und Zuvorkommenheit Sie mich in Haus Goschen- ’ wald aufgenWstnen haben, und zugleich bitten, daß die FraU Aebtissin dem Herrn Bruder in Wien Nachricht von den Umständen giebt, unter-welchen sie> mir kn seinem Eigenthüm ein“ Ashl angewiesen hat,“

„Dieses wäre charmant, Demoiselle Benedicte!“ sagten der Krieger außer Dienst, höchst erfreut/’ dAHHUbeunruhigrWeiMWM./ last von seinen Schultern genommen zu sehen. „So will ich es dabei bewenden lasten … um so mehr, als die Posten nach Wien? bei diesen Kriegsläuften so unsicher sind!“

,„Sie haben Recht,’Gestrengen, die Posten sind unsicher!“/ -. Der Schösser ging, nachdem er über diesen Punkt beruhigt/ zu einem anderen Gegenstand über..

„Ist wohl,“ fragte er, „ein alter Bekannter.– der Herr/, “der eben ging – der Revierförster ^– von der Demoiselle Benedicte?“ „Durchaus nicht … woraus schließen Sie das?“

„Dachte so, weil er Sie herbrachte. Nun, dann desto bester. Wollte Sie nur gewarnt haben vor dem! Gefährlicher Mensch das! Staatsgefährlicher Mensch!“

Die Demoiselle Benedicte sah.verwundert in das alte runz-- lige Gesicht vor ihr.

„Staatsgefährlich? . und.weshalb?“

„Weil er hetzt; weil er die Bauern aufhetzt; und weil man micht weiß bei ihm, woher und Wohin!“

„Woher er kommt, hat er mir soeben gesagt.“

/ „Was. hat er/gesagt?“

„Er stammt von drüben her, aus . .

. „Ja, von drüben, von drüben, von da her, wo sie jetzt die Franzosen, ’ die Republik haben, und“ – der Herr Schösser dämpfte hier die/WiMme zum Flüstern – „ist auch solch Einer; ein Jakobiner, ein Republikaner, ein Clubbist und Emissär; soll hier wühlen! Die fränkischen Bauern sind alle Hallunken; das will nicht mchr Schoß und Beden und Steuern zahlen; das will nicht mehr roboten .’, .. das will nicht Mehr in Zucht und Zagen her -Kirche dienen und.,in Furcht Und’ Jittem./HpP, ’dürr -’ gestrengen-, Obrigkeit stehen;, das läßt sich Reden von der Freiheit halten Md unterweisen, wie man’s Kraut Mf die Pfanne schüttet na, wir werden erleben, was d’raus wird …“

[436] „Sie thun ihm Unrecht,“ versetzte Demoiselle Benedicte warm, „er hat so offen mit mir geredet … allerdings, er hat mir gestanden, daß sich das Volk rüstet, den: Heere i des Kaisers deiM stehen, und daß er selbst …“

„Einer der Haupträdelsführer ist … freilich, freilich, wer weiß es sticht -^ aber dem Heere des Kaisers beizüstehen? Glauben - Sie ’s nicht, Demoiselle, glauben Sie ’s nicht … es ist Alles - Lüge, Lüge, Komödie. Sie sind nicht Wer als die Jakobiner auch, sind alle Sansculotten, und sie wollen nur die Waffen in den Händen haben, und hernacher, wenn sie gerüstet und in der Macht sind> dann.werden wir’s erleben.“

^ „Ich )veiß von diesen Sachen nichts,“ antwortete Benedicte betroffen; „ich habe nur gehört, daß ein Theil der Landbevölkerung sowohl wie der Bewohner der Städte den Franzosen als Befreiern und Verbreitern freierer und menschlicherer Staatseinrich-tnngen mit Freude entgcgengesehen; daß aber jetzt ein furchtbarer Umschwung in dreier Gesinnung eingetretcn; daß die Art, wie die Franzosen ihren Verheißungen durch, ihr Auftreten Hohn gesprochen, wie sie geplündertdie Menschen mißhandelt Md das Vieh gemartert, aus Frevelmuth der Leute Eigenthum zernichtet und - die Altäre geschändet haben, eine tiefe Empörung hervorgerufen, hat und daß, wenn die Franzosen geschlagen sind –“

. „Geschlagen sind–die Franzosen geschlagen sind!“ fiel hier der Schösser ein, während die Runzeln seines gelben Gesichts in wunderlich zuckende Bewegung geriethen – „als’ob/die Franzosen ^geschlagen würden!.’,, .Die werden nicht geschlagest^ ich sag’s der Demoiselle,. ich, der dabei war ; .

„Bei den Franzosen?“

„Nein, dabei, wenn sie nicht geschlagen wurden; zehn Mal… ein Dutzend Mal …“

M-„ Aber mein Gott, bei Amberg hat doch der Erzherzog …“

„Lügen, Lügen, Possen! Alles nur Vorwand des Nebellen-packs, das losschlagen will. Bin, auch Soldat; war bei den Reichstruppen, bei den Nitterschaftlichen, bei den Erzstift-Mainzischen; auf Ehre, wir haben unsre Schuldigkeit-gethan; aber geschlagen? geschlagen haben sie Uns – immer sie uns! -Das läßt sich nicht schlagen! Aber darin hat die Demoiselle Recht die Empörung, die Rebellion, die Republik, die werden wir haben, sehr bald haben – und den Herrn da drüben, den Herrn Wilderich werden wir an der Spitze sehen … sie mag mir’s glauben!“

„Ich glaube,“ versetzte die Demoiselle Benedicte erregt, „cs ist unrecht von Ihnen, so von einem Manne zu reden, dein Sie nichts Bestimmtes vorwcrfen können, als daß er eben ein Fremder in dieser Gegend ist.“

„Ein Fremder – ein Wildfremder,“ rief der Schösser aus -–-„wildfremd mitsammt seinem Kinde!“

„Samnft semem Kinde? War er verheirathet?“

„Verheirathet? Der? Nichts davon . .es ist nichts davon bekannt … aber ein Kind hat . er … hat’s bei sich … Jedermann kann’s sehen.“ …

Benedicte wandte ihr Gesicht ab von dem Zucken der Runzeln in des Gestrengen Antlitz und den Blicken voll häßlicher Bedeutung, die auf ihm lägen.

„Was geht’s uns an!“ sagte sie. „Ich glaube, Eurer Gestrengen Ziegen meckern!“

„Ja, ja,“ sagte der Nitterschäftliche, „ich will gehn und ihnen einen Arm voll Laub bringen.“


3.

Während der Schösser davonstelzend dieser friedlichen Beschäftigung nachging und das junge Mädchen sich über ihre Arbeit bückte, und den Hof von Hans Gvschenwald der Frieden und die Stille seiner Weltentrücktheit umfing, spielten sich jenseits der Berge, webche seinen Horizont schlossen, .desto stürmischere Scenen, desto gewaltsamere Ereignisse ab.

Schon seit dem Morgengrauen war die Heerstraße, die sich durch diese Bergwelt zog, eigcnthümlich belebt worden von allexlei kriegerischem Transport. Von Zeit zu Zeit war ein bewaffneter Reiter in der Richtung nach Westen dahergcfprengt. Es waren einzelne Fuhrwerke gekommen, belastet mit verwundeten Menschen; andere schienen allerlei geplünderte Habe zu enthalten, große Koffer und Kisten, gefüllt ttnt weiß Gott welchen Gegenständen, die man eilte, auf der Rückzugslinie des Heeres in Sicherheit zu bringen.

^ -Von kleinen Abtheilungem umgeben marschirten Haufen entwaffne- - 1er Soldaten in Weißen Röcken oder grauen Mänteln; eine starke - ÄbtheiliM von Reitern escortirte drei sich folgende Bauernwagen, auf deren jedem eine große eisenbeschlagene Kiste stand –^ r war es die Kriegseasse, die man insicherheit brachte? Die solche n Transporte escortirende Mannschaft verrieth wenig von dem lustigen s Ucbermuth französischer.Truppen auf dein Marsche^ sie sahen ab--’ r gerissen, müde, verdrossen aus, sie fluchten und wetterten; die n . .B^ern>-- weHe^ die,.-regMkkil Wagen führten, erhielten flaäM r Säbelhiebe, die Thicre auch wohl’ scharfe, mehrere von ihnen bluteten. Die Republik hatte ihre Heere iE Jahre 1796 uniformirt e in’s Feld gesandt, es waren nicht mehr die wilden bunten Schaaren, z die ig den vorhergehenden Jahren das linke Nheinufer über- - schwemmt; und doch sahen auch diese Truppen bunt genug aus ------ - manch geplündertes Stück hatte zum Ersatz der zerrissenen Montur e gedient, neben dem alten Troupier, der im Mantel und ist den’ : hohen Stiefeln eines ehrwürdigen Landpfarrers ans der Gegend, von Schweinfurt marschirte, wandelte ein jünger Sergeant untet’ - dem dreieckigen Federhut eines würzburgischett. Cavaliers oder hinkte

ein Verwundeter, drapirt in den schwarzen Ordensmantel mit dem

t weißen Kreuz darauf, der in irgend einer Commende des deutschen Ritterordens erbeutet sein mußte./ Das Gerücht von dem Schauspiel, das die Heerstraße von i Würzburg nach Frankfurt darbot, war die Waldthäler rechts und links hinanfgedrungen, auch bis zur Mühle in der Schlucht; die - Frau und die Schwiegermutter des Gevatters Wölfle ständen eben - vor dem Forsthause und redeten auf Muhme Margaret!/ ein … sie - solle sie hinab begleiten, sie wollten sehen, was da vorginge ’, i . / Muhme Margareth schwankte… wo sollte sie. den kleinen Leopold lassen unterdeß … bei des Müllers Kindern, das hatte Wilderich verboten – aber der Herr Wilderich war ja daheim. . er war um diese Zeit nie daheim’, sondern MM seinen Geschäften nach…S Muhme Margareth; konnte der Ver- /. suchung nicht widerstehen, sie nahm den kleinen Burschen, der an ihre Röcke sich, schmiegend- neben ihr stand und verwundert über alles das, was die Müllerfranen erzählten, sie mit seinen großen braunen’Augen anblickte, bei der Hand, ihn hinüberzuführen – da riß das Kind sich los und lief mit dem Ausruf:- „Brnder Wildbrich!“-die’schlucht hinauf.

Wilderich war es in der Thal, der von Goschenwald zurückkehrend eben daherkam und, als-br durch, den Keinen Märten vor seinem Hause schritt, mit sehr ernstem..Gesicht den Frauen einen Gruß zunickte tmd zu Margareth sagte:’ „Komm mit hinein, Margareth, ich habe mit Dir zu rMstM-W „Wahrhaftig,“ flüsterte Margareth zll.hen Frauen gewendet ihm nach, „der lebt nicht lange mehr, wenn er endlich, einmal zu reden beginnt.“

Sie trat ihm Nach über die Treppenstufen in die Küche, wö Wilderich seine Waidtasche vorn Pflock nahm und sie mit allerlei Gegenständen zu füllen begann, die er aus seinem Zimmer herbeiholle.

„So,“ sagte er dann, „nun braucht nur noch der Sepp zu kommen … bereit wären wir … und bis er kommt, höre fein zu, Margareth, was ich Dir zu. sagen habe.“

„Ich hör’ schon zu, Herr Wilderich,“ antwortete Margareth… „Ihr seid Keiner von denen, die so viel sprechen^ daß man nicht-darauf Hört; und weün Ihr nun endlich sagen wollt,, was Ihr eigentlich vorhabt … ich denk’, zu früh ist’s nicht mehr!“

„Just die rechte Stunde, alte Muhme. Und nun sollst Du Alles wissen. Du weißt, wir haben Krieg mit den Franzosen,.. hier in Franken, in Sclstvaben und jenseits der Berge, wo der Bonaparte … hast Du von dem gehört?“

„Bonaparte?“ wiederholte Muhme Margareth und schüttelte dann den Kopf. „Nein, von dem Hab ich nicht gehört; und was ist mit dem,?.“

Wilderich ging und holte ein Stück Kreide herbei. Damit machte er einen- langen Strich auf dem Anrichtetisch.

„Schau,“ sagte er, „das. hier ist der Rhein, der fließt an der Westseite des Reichst Und hier oben gen Süden, - wo ich diesen zweiten Strich mache, da sind die Alpen. Und hier links, diesseits der Alpen, da ist Wien … begreifst Du?“

„In Wien, da ist der Kaiser, däs begreif’ ich schon!“ rief Margareth aus.

[449] „Und hier,“ fuhr Wilderich, Striche machend, fort, „ist der Main, und hier – hier ist der Spessart –“ er begann einen länglichen Bogen an der Nordseite der Linie, die den Main darstellte, zu zeichnen, als Leopold, der sich gespannt an den Tisch gedrängt hatte, ihm die Kreide aus den Fingern nahm und ausrief:

„Laß mich den Spessart machen, laß mich, Bruder Wilderich!“

„Nur zu, mein Junge, mach’ Du den Spessart,“ erwiderte Wilderich, ihm lächelnd die Hand auf den lockigen Kopf legend, „aber mach’s hübsch und deutlich, sonst wird Muhme Margareth aus der Sache nicht klug. Gieb Acht, Muhme: sieh, hier unten vom Rhein, von Düsseldorf und Köln her, ist uns die Sambre- und Maas-Armee, befehligt vom Obergeneral Jourdan, und stark etwa achtundsiebenzigtausend Mann, in’s Reich eingebrochen, um über die Lahn und hier den Main und so weiter durch Franken und Oberpfalz auf Wien zu ziehen.

Hier, vom Oberrhein von Straßburg her, ist der französische Obergeneral Moreau mit der Rhein- und Mosel-Armee, achtzigtausend Mann stark, in Schwaben eingefallen, um in gerader Richtung ostwärts weiter auf Wien zu marschiren.

Drüben aber, jenseits der Alpen, da dringt die Alpen-Armee, unter Bonaparte, etwa vierzigtausend Mann stark, wider die Kaiserlichen vor und hat des Kaisers General, Wurmser, bereits zurück und in’s Tirol hineingeworfen, um durch die Alpenthäler von Süden her auf Wien zu rücken.

Du siehst also, Margareth, daß es diesmal darauf angelegt ist, das alte Reich ganz und gar unter die Füße zu bringen und die römisch-kaiserliche Majestät in Wien einzufangen wie einen armen Vogel auf dem Nest.“

Margarethe nickte.

„Ja, ja, das begreift sich schon!“ sagte sie.

„Aber der Mensch denkt und Gott lenkt!“ fuhr Wilderich fort, „und diesmal hilft ihm zu unserem Glück bei dem Lenken ein blutjunger Mensch, mit dem wir ein wenig besser vom Fleck kommen, als wenn der liebe Gott, wie in den vorigen Zeitläuften, sich mit den alten Graubärten von Feldmarschällen und Feldzeugmeistern zusammenthut ... wo’s selten viel Gescheidtes gegeben hat. Der junge Mensch ist der Prinz Karl; der hat sich mit des Kaisers und des Reichs Armee zuerst dort unten in den Lahngegenden dem Heere Jourdan’s entgegengestellt und es bei Wetzlar gründlich zusammengeschlagen ... Die Sambre- und Maas-Armee hat sich eilig auf den Rückzug begeben müssen.

Drauf ist der Erzherzog Karl nach Ober-Deutschland geeilt, um dem Moreau die Stirn zu bieten. Das hat da ein langes Raufen gegeben, der Erzherzog hat erleben müssen, daß ihn die Truppen aus Sachsen im Stich gelassen haben und heimgegangen sind; die Truppen des schwäbischen Kreises, der auf eigene Faust Frieden mit den Franzosen geschlossen, hat er gar entwaffnen lassen müssen ... und so hat er sich zurückziehen müssen bis in’s Donauthal.

Hier aber hat er sich plötzlich gewendet; denn während er so im Schwarzwald und in Schwaben sich mit Moreau herumgeschlagen, ist da unten die Sambre- und Maas-Armee wieder vorgerückt, hat den Feldzeugmeister Wartensleben, der ihr gegenüber aufgestellt geblieben, zurückgeworfen, hat Frankfurt bombardirt, Würzburg genommen und die Österreicher bis nach Amberg geworfen. Das hast Du gehört, wir haben sie auf ihrem siegreichen Marsch ja auch hier gehabt, die Franzosen ...“

„Ja, ja,“ unterbrach ihn Margarethe, „nur weiter, Herr Wilderich!“

„Der Erzherzog also hat sich von Moreau abgewendet, hat ein starkes Corps wie einen Schirm vor ihm aufgestellt, damit er nicht sehe, was dahinter geschehe, und ist rasch von der Donau in die Oberpfalz gerückt, hat sich mit Wartensleben vereinigt, die Franzosen bei Teining und Neumarkt überfallen, bei Amberg geschlagen – und die Sambre- und Maas- Armee ist auf dem Rückzuge; sie wird noch einmal Widerstand leisten, so glaubt man; dann aber wird sie in unsere Thäler hier, in den Spessart, den der Leopold da so schon hingezeichnet hat, als ob’s eine Katze wäre, die einen Buckel macht, geworfen werden ... und dann eben wollen wir dem lieben Gott, der die Deutschen nicht verläßt, und unsrem jungen Kriegshelden aus Leibeskräften helfen ... wir Mannen im Spessart hier! – Nun weißt Du Alles, Margareth!“

„Ihr wollt ihm helfen,“ rief Margarethe aus, „ihr wollt auch Soldaten spielen und ...“

„Soldaten spielen, nein; wir wollen nur zeigen, daß die deutschen Bauern, dies Volk halbverhungerter und von ihren Herren zu Grunde regierter Leibeigener, sich noch nicht von den Fremden mit Füßen treten lassen ... wir wollen ihnen beweisen, daß deutsche Fäuste immer noch eine Schmach zu rächen wissen ...“

„Aber der liebe Heiland und die Mutter Gottes von Rengersbrunn stehen mir bei, das giebt ja nur noch mehr Blutvergießen und Elend ...“

[450] - ^ ^o ^-

„Ein wettig Bltttvergießen schon . . . ohne das wird's freilich nicht abgehn . . .“^

Mahnte Margarethe war zu entfetzt, um ihn attsredett zu lassen.

„Und wettn sie Ench daher tddtschießett , Herr Wilderich -. Ettch ich bat' Ench, was soll dann werden ... ich bat' Ench dartttn ... was soll dann aus mir und was aus dem Jungen da werden?“

„Darüber eben wollt' ich mit Dir reden, Margareth. Hör' zu. Für den Fall, daß mir etwas Mettschliches begegnet, hab' ich ein Papier in die oberste Lade meiner Kommode gelegt. Darattf steht geschrieben, daß der Leopolo mein Erbe ist und daß Du für ihn sorgen sollst, bis er zu einem Förster gethan werden kann, um ein sermer Waidmattn zu werden, wie ich bin. Ich habe nicht viel zu vermachen, aber ich denk', bis dahin wird's schon reichen. Tn tnttßt eben damit auskommen ! “

„Heilige Mntter Gottes von Rettgersbrttntt!“ ächzte Mar- garethe, die Hände faltend^ . „ und steht denn in dem Papier auch, was es auf. sich hat mit dem Jungen, wessen Kind . . .“

Wilderich nahm den kleinen Leopold bei der Hand und führte ihn vor das Haus.

„Kotnm', Brüderlein, da setze Dich auf die Treppe,“ sagte er, „gieb hübsch Obacht, mein Kind, ob Du den Sepp nicht kommen siechst ... . und dann sag' ntir's gleich - willst Du?“

Der Kleine nickte und nahm gehorsam den ihm angewiesenen Platz ein. Wilderich kehrte in die Küchenhalle zurück, und sich in seiuett Stuhl attt Heerde niederlassend , sprach er zu der alten Muhme, deren weit anfgeriffette Augen ihn nicht mehr verlaffen hatten, weiter.

„Das Nöthigfte davon,“ sagte er, „ steht in dem Papier. Aber da es mit dem Lesett ein wenig bei Dir hapert, Margareth, will ich Dir, damit Du Alles weißt, erzählen, wie es zugegattgen, daß ich der Pflegevater^ meines guten Jungen geworden . . . wenn er dann zu seinen Jahren gekommen, kannst Dn's ihm matheilett . ... es ist dann an ihm, ob er Schritte thun will, nach dem Seinigen zu forschen! Ich hoffe, der Sepp läßt uns Zeit, daß ich. Dir die. ganze wunderliche Geschichte haarklein berichten kann.

Sieh', ehe ich meinem Stelle in diesem Revier antrat, war ich Forstbeamter in der Nähe von Zweibrmckett, Adjttnet meines Vaters . . . durch unser Revier zog sich die große Heerstraße von Mainz nach Paris. Es war im vorigen Herbst d in einer mondhellen, warmen Nacht hatte ich Wildschützen nachgespürt und kam sehr spät - es mochte fast Maternacht sein - auf jene Heer- straße, um sie eine Strecke weit zu verfolgen und dann rechts ab zu biegen und auf einem kurzen Waldwege zu unserem Forsthause zu gelangen. Unsertt der Stelle, wo dieser Waldweg sich ab- zweigte, sah ich von fern schou eine Kalesche halten . . . ein Mann schritt neben derselben aus und nieder .^.^ als ich näher kam, nahm ich wahr, daß vor diese Kalesche nur ein Pferd gespannt war, und dieses Pferd lag regungslos am Boden. Der Fremde, der, in einem Mantelkragen sich gegen die Nachtatst schützend, auf der Heerstraße auf und ab ging, blieb, als ich ihn erreicht hatte, stehen und redete nach in französischer Sprache an - er fragte, ob ich wisse, wie spät es sei und wie weit bis Pirmasens. Ich gab ihm Auskunft - er fuhr fort.

^Ich bin in großer Verlegenheit, ich bin auf der Reise, wie Sie sehen, von Mainz und weiter her, will nach Paris - in Zweibrücken gab man mir für meine Posichaise zwei ganz elende abgetriebene Pferde - vor ein paar Standen ist mir das eine ge- stürzt und nicht wieder aufzubringen gewefett, das andere hat der Postillon abgespannt und ist darattf heintgerittett, um, wie er sagte, frische Pferde von der Station zu holend aber der niederträchtige Mensch kommt und kommt nicht zu.ttck, er läßt mich hier allein. .die Nacht zubringen, es ist .zum Verzweifeln . . .'

^Allerdings,' .versetzte ich, ..wenn Sie auf diesen Postillon warten, io ist .sehr wahrscheinlich, daß Sie die Nacht hier zabriugen müssen. Er wirb sich in Zweibrücken auf's Ohr gelegt haben und schwerlich vor Morgen erscheinen und dann sich damit entschnldigett, daß keine frischen . Pferde vorhanden gewesen. Matt kennt das, und . . ...

.Es ist empörend,. .man sollte .das Gesindel hängend rief der Franzose attsd chatte ich nur nicht den kleiueu Burschen da bei mir,' - er deutete auf die Kalesche - ^so würde ich nicht warten, sondern zu Fnße nach Pirmasens gehen, da Sie sagen, daß es kaum eine Meile. entfernt ist!'^

.Welchen Burschen?' fragte ich. ..Das Kind dort an Wagett.^

Ich bemerkte .jetzt erst ein .an Hintergründe des Wagens geborgenes und in Decken und Tücher gehülltes Etwas, das, wettn es ein Kind war, ^)r rnhig da zu schlafen schien.

..Ich möchte Ihnen gern helsett,' sagte ich, ..und vieaeicht kann ich es. Meine Wohnung liegt nicht weiter als zwanzig Minuten von hier - dort drübett im Walde, das Hans des Forstmeisters^ Buchrodt. Ich will de'n Knaben ^ dahin mitnehmen und ihn für die Nacht so unterbringen d Sie können dann vorauf nach der nächsten Station gehen und von dort Postpferde fenden, um Ihre Kalesche zu holen, und den Postalon beauftragen,^ zuerst bei uusertn.. Hause vorzufahren Ihren Knaben abzuholen'

Der Fremde schieu sich eine Weile zu besinnet^

.Wie Sie wollen,^ fuhr ich deshalb fort d ..vielleicht ziehen Sie vor, mich erst nach meinem Hause zu begleiten und sich selbst zu überzeugett, daß das Kind wohl untergebracht wird. Ich würde Sie selbst .einladen, die Nacht bei uns zuzubringen, wettu nicht. die späte Störung meinen sehr alten kränklichen Bater ..^..^.s

.O nein, nein,' fiel der Fremde ein, dem ich den wahren Grttnd, mteines Baters Abtteiguttg gegen Alles, was Franzose war, lieber verschwieg, mein, nein, ich vertrane Ihnen das Kind gern an, machen wir es so, es ist das Beste, und ich bin Ihnen sehr dankbar ! - Aber,' fuhr er fort, Sie machen sich eine große Last, mein Herr, mit Ihrem Edelmnth, Sie müssen das Kind tragen, es ist erst dritthalb Jahr alt.'

.Nun,' versetzte ich lachend, .man muß die Folgen seines

Edeltttttths gelassen hinnehmen, sonst wäre kein Verdienst dabei d geben Sie ihn nur her, ich habe manches Reh aus den Schultern nach Hanse getragen, und das ist schwerer.'

Der Franzose hatte den Kleinett aus dem Wagett gehobelt

und mir übergeben d er nahm vom Vordersitz auch noch ein Bündel, das er mir übergab.

..Hier ist sein Nachtzeug,' sagte er dabei, ..bitte, nehmen Sie

es anchd der Kleine - er heißt Leopold - ist daran gewöhnt . .

Ich schob das Bündel über den Lauf tueater Büchse und nahm den Knaben auf den Arm. Der Fremde aber. nahm ein Pistol aus der Seaetttasche feines Wagens, steckte es in die Brust- lasche, reichte mir die Hand, sagte mir tausend Dank für ttteitte Gefälligkeit und ging dann eilig in der Richtung nach der nächsten Station .davon.

Ich machte mich mit meiner Last aus den Weg heimwärts . . . weckte, als ich zu Hanse war, die Haushälterin, und ließ sie für das Kittd, einen hübschen und sehr wohlgekleidetett Knaben, Sorge tragen -^ich war zu ermüdet, um nicht für mich selbst vor allen Dingen die Ruhe zu snchett. Am andern Morgen be- richtete mir, als ich ziemlich spät mein Schlafzimmer verlassen, die Haushälterin, der Knabe liege noch in seinen Federn - noch sei die Kalesche nicht gekommen, ihn abzuholen. Das war seltsam ^- und räthselhast wurde es, daß sie auch in der folgenden Stnttde, daß sie im ganzen Lanfe des Vormittags nicht erschien. Schon vor Mittag machte ich mich auf den Weg nach der Heerstraße - der Wagen war verschwuudeu . . . das gefallette Pferd lag mit abgezogenem Geschirr an Weggraben. ^ Es blieb mir nichts übrig, als meiuen Weg bis nach .der nächsten Station fortzusetzen , ttttt Erkttttdigungett einzuziehud als ich am Nachmittage in Pirmasens ankam, hörte ich im Posthanse, daß allerdings ein franzöfischer Herr in der Nacht zu Fuße angekommen, daß er Pferde absenden lasten, seinen auf der Heerstraße stehenden Wagett zu holen, daß dieser zwischen zwei und drei Uhr angekommen, und daß der Fremde darin sofort weiter ' gefahren, in .der Richtung nach der französtscheu Grenze zu . . . von einem Kinde war keine Rede gewesen !

Ich war natürlich in hohem Grade empört über .den rttch- losen Menschen, der meine Güte so schmählich^ mißbraucht hatte, ich stellte alle möglichen Nachforschungen an, ich erkundigte tusch in Zweibrückett so gut wie in Pirmasens nach dem Fremden, aber weder die Postmeister noch die Postillotte wnßtett über ihn etwas zu sagett - er war ein noch ziemlich junger, sorgsältig gekleideter Mann mit vornehmen Mattieren, ziemlich lattt und herrisch in seinem Austreten. und nicht karg mit den Trinkgeldern gewesen. - das war Alles, was ich erfuhr d seinen Namen statte er in Zwei- brücken attgegebett, aber der Postmeister hatte ihn vergessen, er [451] – o 451 ->– zu; die hat der Witt sich auf’s Korn geiiommen, in den Wäldern wußte nur noch, daß es ein Doppelname gewesen, und er habe wie ,Bataille’ geklungen; in Pirmasens hatte man ihn gar nicht darnach geragt.

„Da blieb denn,“ snbr Wilderich zu erzalileu sort, „für mich weiter nichts zu thun übrig, als mich in mein Loos zu finden und den mir beschwerten kleinen als mein Pflegekind auzuuehmen, für das ich von dem Augenblicke au, wo es das Schicksal in meine Arme gelegt, verantwortlich war; und das war mir nach weuig Tagen keine Aufgabe mehr, sondern nur noch eine Freude. Der kleine Bursche war gar zu hübsch, zu artig, zu zuthuiilich, und wenn ich ihn ans den Arm nahm und dachte, wie verlassen er sei und nur mich ans der weiten Gotteswelt als Pater, Mntter und Geschwister habe, so überkam mich eine Rührung und so …

nnn, was brauch’ ich weiter davon zu reden? Tu weißt, wie lieb ich ihn habe …“

„Gewiß, gewiß, wer sollte es nicht sehen,“ fiel Muhme Margareth ganz gerührt ein; „Ihr seid ein braver Mensch, Herr Wilderich – und der Leopold, weun man auch seine Last mit dem Unrast hat … aber habt Ihr denn gar nichts weiter von dem verfluchten Frauzoseu, der Euch deu Streich spielte, gehört?“

doch, schon nach acht Tagen. Es kam ein Brief von ihm an, von Paris ans geschrieben.“

„Ach, er schrieb Ench? Und was stand in dem Briefe?“

„Redensarten – recht höfliche übrigens; ,ich bitte ^ie nur Verzeihung, meiu Herr/ so lautete es uugefäbr, ,weun meiu Mitleid mit dem armen Kinde, das ich Ihiieu zurückließ, mich ver führte, so grenzenlos Ihre Güte zu mißbrauchen. Das >iind ist nicht meines, es ist mir übergeben worden, aber es ist unendlich viel besser aufgehoben uuter Ihrem friedlichen und stillen Dache, in der Pflege einer ruhigen Häuslichkeit, als bei mir, einem jungen Manne, der eiue solche Häuslichkeit uicht besitzt und ein bewegtes Leben bald in der Hauptstadt, bald aus Reisen führt. Seien Lie sicher, daß man Ihnen die Last abnehmen wird, sobald es die Unistände erlauben, mit jeder Entschädigung, welche Sie bestimmen werden – und bis dahin erlauben Sie mir, mein Herr, mich zu nennen Ihren n. s. w. G. de B?“

„G. de B., was heißt das?“

„2a, was heißt eö? Ich weiß es nicht,“ versetzte Wilderich.

„Solch’ ein srecher Franzose!“ sagte Muhme Margareth.

„Im Grunde hatte er Recht!“ bemerkte Wilderich gntmütlug, … „ich denke, das Kind ist besser bei nns aufgehoben, als es bei ihm gewesen wäre – und das ist die Hauptsache doch!“

Muhme Margareth widersprach nicht. Sie blickte nachdenklich in’s Feuer … eine lange Pause hindurch.

„Ach Gott … es ist wohl so!“ sagte sie dauu, ihre Haube über deu Kopf ziehend … und setzte mit einen, Seufzer hinzu: „Wir siud Alle Süuder!“

„Weshalb?“ fragte Wilderich. „Wir thun, was wir können.“

„Aber wir versündigen uus vst in Gedanken …“

„Die schaden Niemand!“

„Aber die Worte …“

,,Dn nleinst, weil Dn zuweilen …“

Muhme Margareth uickte heftig mit dem Kopfe und zog die Hanbe noch weiter in die Stirn …

„Na,“ lachte Wilderich, „laß es gnt sein, ich hab’ Dir’s weiter nicht übel genommen; und …“

Er wurde uuterbrocheu durch deu kleinen Leopold, der mit dem Rufe: „der Sepp, der Sepp!“ in die Küche gelaufen kam.

Wilderich sprang aus und giug dem Angekündigten hastig entgegen. Draußen sah er, daß der Forstläufer sehr eilig die Schlucht heraufkam und im Vorübergehen an der Mühle dem Gevatter Wölfle, der eben mit seinem rnnden Gesichte ein Gnckfensterchen in der weißgepnderten Bretterwand seines alten Banwerks füllte, mit der Hand winkte.

„Die Leute ziehen sich zu Häuf, Förster Buchrodt,“ schrie der Sepp ihm dann entgegen, „bei Nohrbruun ziehen sie zu Hanf. ..

der Tauz kaun anfangen; der Erzherzog hat sie bei Würzburg ge stellt >ind schwarzgelb ist Trumpf geblieben; der Philipp Witt läßt Ench sagen, Ihr sollt hier nach dem Rechten schn, dcnn er selbst kann nicht dabei sein hier …“

„Er kann nicht dabei sein? Und weshalb nicht?“ sagte Wilderich.

„Weil er anderswo sein innß… . Die Hauptmasse der Frauzoseu wälzt sich nordwärts, anf Hannnelbnrg und Brückenau zwischen Hammelburg und ^chlüchteru hat er dreitausend Bauern stehen und da will er selbst dabei sein.“ …

„Zum Teusel, und wir hier …“

„Wir hier haben auch keinen schleckten Stand … ein^gnt Tbeil strömt über Lengfnrt und Heidenfeld in den Speffart herein, der Straße da nnten nach … es wird immer lebendiger da … also kommt und vergeßt Euer Pulver nickt … Gevatter Wölfle,“ rief der ^epp dem herankommenden Müller entgegen, „geht und Holt Enre Bückse… . Die Jagd kann losgehn vorwärts, vorwärts, schwarzgelb ist Trumpf, und die Bivelanations soll hent bis ans den Letzten der Tenfel holen!“

Der Sepp eilte fort, die Schluckt wieder hinab, und nach wenigen Minliten folgten ihm bastig Wilderick und der Müller, Beide im grünen Iagdkittel, mit ihren Büchsen, und die-schweren Waidtascken über der Achsel.

Margaretbe betete ein Aoe nack dem andern zur Spessartbeiligeu, der Mutter Gottes vou Reugersbruuu, als sie auf der Schwelle des Forsthauses stehend ibrem Herrn nachblickte, wie er so eifrig davon und der Gefahr entgegeneilte. – 4.

Es war am Mittag dieses Tages; der gestrenge Lieutenant hatte eben die Eßglocke für das Gesinde läuten lassen, aber die zwei Knechte, die unter seinem Befehle staudeu, waren nickt gekommen; mir Frau Afra, die Beschließerin, und ein Paar ersckrockene Mägde drängten sich jetzt um ihn – die Mägde wollten gehört haben, daß mau es in südöstlicher Richtung brennen sehe, über Heidenfeld hinaus – einer der Knechte, der am Vormittag oben auf der nächsten hohen Bergkilppe war, sollte es gesehen haben.

„lind wo ist der Caspar, der 2chlingel?“ rief der Schösser ans, „weßbalb kommen die Bursche nicht –“

„Sie sind davongelaufen, ihre Büchsen zu holen, die sie inl Walde versteckt hatten … die verwegenen Mannen,“ rief Frau Afra.

„Der Tod stand daranf!“ fiel eine der Mägde ein – „die Franzosen hatten den Tod darauf gesetzt, wenn Einer ein Feuergewehr habe … und doch halte der Caspar wie der Jobst eine Büchse, Gott weiß woher… damit sind sie fortgelaufen, es gehe los, sagten sie, der Förster Buchrodt führe sie au …“

„Uud man hört schon die Kanonenschläge … der Botenfritz, der von Lindenfnrth kam, hat sie selber gehört,“ rief eine andre ans …

„lind ich sag’ Euch, der Boteufritz ist ein Lügner!“ schrie im zornigsten Discant der gestrenge Schösser von der Höhe seines strack ausgerichteten Kopfes auf die erschrockene Grnppe hinab – „wenn da irgendwo eine Hütte brennt, so brennt eine HMte was soll’s? Und Kanonenschläge? Dummheit! Es müßt’ denn sein, die Franzosen schössen Vietoria von der Marienburg herab, daß man’s bis hier hören könnte! Sonst nicht! Ich sag’ Enck, die stehen hent’ näher bei Wien als bei lins! Werden sich haben zurückwerfen lassen, daß man’s in Goschenwald hören könnte, wie sie sich mit den Kaiserlichen herumschießen… . Dummheit noch einmal … könnt Gift daranf nehmen-, Ihr Weibsbilder, geht znin Essen! Aber wer kommt denn da? Ich glaub’ der Herr Förster ist’s – macht sich seit einiger Zeit nicht jnst rar, der Herr Förster Bnchrodt!“

In der That war es Wilderich, der rasch, erregt und mit geröthetem Gesicht durch das Thorhaus schritt.

„Ich möchte die fremde junge Dame sprechen!“ rief er schon von Weitem.

„Dacht’s mir!“ antwortete der Schösser trocken. „Kanu ich’s nicht bestellen?“

„Rein, es ist nicht für Ench, sondern für sie, was ich ihr mitzutheilen habe.“

„Doch nicht, daß eö in der Ferne brennt und dgß man Kanonenschläge hört?“ sagte der Schösser ironisck… „das wissen meine Mägde allbereits!“

„Es hängt ein wenig damit znsammen,“ erwiderte Wilderich; „ick bitte, zeigt mir den Weg, ich habe Eile.“ …

„Die Denioiselle kommt jnst,“ rief Frau Afra ans, anf das Portal des Hanfes dentend, ans dem die Denioiselle Beiiediete in diesem Angenblick hervortrat. [452] [465] „Doch, doch,“ fiel Benedicte ein, „ich habe dies Schicksal, wenn nicht verdient, doch mir selbst zugezogen; ich bin schuldig, ja, ich bin es; und wäre ich es auch nicht – würde ich daran denken dürfen, ein andres Leben, würde ich Sie hineinziehen dürfen in das Unglück einer solchen Lage, wie die meine?“

„Ob Sie das dürfen ... mein Gott, was fragen Sie ... da, wo ich ja will, nichts anderes will, wo es mir wie eine Seligkeit erscheint, mich Ihretwegen in jedes Unglück, in jeden verzweifelten Kampf, in jeden Abgrund zu stürzen!“

„O wie thöricht Sie reden! Ich soll zugeben, daß Sie sich in Kämpfe und Abgründe stürzen! Würden Sie denn dulden, daß ich so etwas thäte, daß ich so mich in’s Verderben stürzte, wenn Sie der Unglückliche, Verbannte wären, wenn auf Ihnen der Verdacht eines Verbrechens ruhte, wenn Sie sich verbergen müßten, wie ich es muß? Würden Sie denn um ein Herz werben, würden Sie zugeben, daß ein andres, ein harmloses und zu allen Ansprüchen auf Glück berechtigtes Wesen käme und sein Schicksal an das Ihre kettete, und sich mit Ihnen in einen ‚Abgrund‘ stürzte? Nie, niemals würden Sie es!“

Wilderich verstummte bei diesen Worten Benedictens; er sah betroffen und verwirrt zu Boden.

„Ich höre aus dem Allen nur heraus,“ sagte er dann, langsam sein verstörtes Gesicht wieder zu ihr erhebend, „wie edel und groß Sie denken; wie furchtbar groß also auch das Unrecht sein muß, welches man an Ihnen begangen hat; und wie erbärmlich ich sein müßte, wie gründlich verächtlich, wenn ich, weil irgend ein abscheulicher Verdacht auf Ihnen lastet, je von Ihnen ablassen könnte ...“

„O genug, genug,“ unterbrach ihn Benedicte fast heftig, „Sie sind ein Mann, und über Alles muß Ihnen die Ehre stehen. Ich habe genug gesagt, um Sie fühlen zu lassen, daß es wider Ihre Ehre wäre, je wieder so zu mir zu sprechen!“

„Gerechter Himmel!“ lachte Wilderich gezwungen auf – „wenn man Sie so reden hört, sollte man denken, Sie hätten einen Hochverrath oder einen Mord –“

„Einen Mord?“ sagte sie flüchtig zu ihm aufsehend ... „wenn es nun so etwas wäre, dessen man mich beschuldigen kann ...“

„Unmöglich – unmöglich!“ rief Wilderich.

„Das Einzige, was unmöglich,“ versetzte sie nach Athem ringend, „das ist, daß wir uns je wiedersehen! Gehen Sie mit Gott, Gott schütze und beschirme Sie!“

Dabei reichte sie ihm ihre Rechte, entzog sie ihm wieder, als er kaum die Fingerspitzen berührt, und wandte sich, um wankenden Schrittes davon zu eilen.

„Räthselhaftes Geschöpf!“ murmelte Wilderich in tiefer Bestürzung ihr nachblickend – „Dich nicht wiedersehen? Lieber den Tag, die Sonne nie wieder sehen, als darauf verzichten, Dich wieder zu sehen und Klarheit zu erhalten über diese entsetzlichen Worte ... diese Worte von Verbrechen ... von Niewiedersehen ... über diesen ganzen teuflischen Waffensegen für Jemand, der in einen grimmen Kampf gehen will, in die blutige Todesgefahr!“

Er stand noch eine Weile wie erstarrt, wie in sich verloren – dann rief er, heftig seine Büchse auf den Boden stoßend:

„Fort damit, fort, fort mit all’ diesen Gedanken! Ein Mann hält seine Hoffnungen, seine Entschlüsse fest bis zum Aeußersten – und nun auf und dem Kommenden entgegen!“

Er wandte sich, um fort zu eilen, als er plötzlich dem Herrn Schösser, der während des Gesprächs unbemerkt an ihn herangetreten sein mußte, in sein graugelbes Gesicht blickte.

„Na,“ sagte der Ritterschaftliche ironisch – „haben ja einen sehr eifrigen Discours mit der Demoiselle gehalten ... der Herr Revierförster kennen wohl die Demoiselle schon länger?“ ...

„Nein!“ versetzte Wilderich, „ich sah sie früher nie.“

„So, so! Wär’ mir sonst lieb gewesen etwas über sie zu erfahren. ... Die Frau Aebtissin von Oberzell sind in ihrem gnädigen Anschreiben an mich ein wenig kurz über dieselbe. Da sich die Schwesterschaft aus dem Kloster flüchte von wegen der dräuenden Kriegsgefahren, und die Demoiselle Benedicte, die bishero als Novize im Kloster aufgenommen gewesen, ohne Verwandte oder andre Zuflucht, dahin sie sich wenden könne, sei, so ergehe der ehrwürdigen Frau geziementliches Ansuchen an mich, besagte junge Dame mit allen derselben als einer wohlconditionirten Person schuldigen Rücksichten auf Haus Goschenwald aufzunehmen. Das ist Alles ... nicht einmal den Namen der Demoiselle Benedicte thut sie mir vermelden ... und wenn es eine wohlconditionirte junge Person, weshalb geruht die Hochwürdige nicht, sie unter ihre eigene Obhut und Schutz mit sich nach Würzburg zu nehmen, wohin die meisten der frommen Jungfern sich begeben, wie ich von der Demoiselle höre ...“

„Sie wird ihre Gründe dazu haben, mein Herr Schösser,“ versetzte Wilderich aufhorchend, ... „wer ist diese hochwürdige Mutter Aebtissin?“

[466] „Die Frau Apollonia Gronauer, eine Frankfurter Geschlechtern dero Herr Bruder ist Reichshofralh in Wieu und mein hochan- fehnlicher Gönner und Lehnsherr in Goschenwald.“

„Alsdatnt,^ stel Wilderich ein, "bat ich überzeugt,. daß Eure Gestrettgen Alles thun werden, was die ehrwürdige Mutter von Ihnen für die junge Dame erwartet . . . und unter dem, was sie erwartet, möchte auch gehören, daß die Demoiselle nicht mit nettgierigen und lästigen Forschungen nack^ ihrer Herkunft und ihren Verhältnissen belästigt und geplagt werde . . . weshalb es auch wohl für uns Beide am angemessensten ist, dieser Unterhaltung über das junge Mädchen ein Ende zu machen. Uebrigens werden . ^der Herr Schösser, wie ich besorge, demnächst eine lästigere Ein- mtartierung bekommen, als ein junges Klosterfräulein ist, und ich i erfnche Sie, Ihre Gedanken vor der Hand darauf zu wenden. Es ^ ist mögliche daß ich mit einer kleinen Trttppe zu.ückkehre, die Ihnen als Schutzwache für Ihr Hans von Nutzen werden dürfte.^ "Eine Truppe - eine Schutzwache ?^ fiel der Schösser er- schrecken ein.

„Ia, alter Herr, die Freude, einmal wieder Pulver zu riechen,. dürfte Ihnen blühen, bevor die Zeit,. feit Sie mit Ihrem wackeru Eontingent zum letzten Male in's Feld rückten, um vierundzwanzig Stunden länger ist

„Oho, glanben Sie denn wirklich mir altem erfahrenem Manne anfbittden zu können, daß die Frattzofen geschlagen würden,. und daß Ihr Förster und Holzknechte und was Ihr an Gesindel zusammengetrieben habt . .

Wilderich lachte kurz und trocken auf. "Gestrettger Herr,^ sagte er, ".ich habe nicht Zeit, darüber. mit Euch zu streiten. Sorgt nur für Uuterknnft und Lebensmittel in Eurem Eastell hier, und verpflegt mir meine Leuten haltet die fretnde Dame,. die Eurer Obhut anbefohlen, wohl im Auge, und - das Uebrige wird Ettch die Zeit lehrend

Damit ging er davott. Die kurze Unterhaltung mit dem gestrengen Herrn hatte ihm genügt, um ihm Zuversicht und innere Rühezu geben, und die beste Bestätigung dessen, was ihm sein innerstes Seelenbedürfniß., an Benedikte zu glauben zugerufen.

Wenn eine so vornehme, so hochstehende Dame, wie die ehr- würdige Aebtisstn von Oberzell, das junge Mädchen so warm empfahl, wenn sie sie an Hause ihres eigenen Bruders .unter- brachte - konnte dann. ein Makel, eine Schuld, ein Verbrechen aus diesettt selben jungen Mädchen haften ? Es war undenkbar, es war nnmöglich!

Der Schöffer stapfte nnterdeffen nnwirsch davon, er ging Frau Afra berichten, daß dieser heillose Mensch, der Förster Buch- ^rodt, ihm angekündigt habe, Hans Goschenwald werde eine Ein- anartierung erhalten, als er .plötzlich stehen blieb und wie schreck- ergriffen beide Hände von sich streckte.

"Alle Teufeln sagte er.

Frau Afra. an der andern Seite des Hofes auf einem umgestülpten Eimer fitzend, um zu warten, bis es dem Gestrettgen gefalle zum Essen zu kommen,. stieß einen leisen Schrei aus . . . die Mägde um sie herttm riefen auseinanderfahrend. "Da hören Sie's selber!^

Frau Afra hörte es selber und der gestrenge Herr hörte es auch. Er hörte Kanonenschüsse - unverkennbare Geschützesschläge . . . eins, zwei, .drei - ein halbes Dutzend rasch auseinander folgend - dann eine Pause - dann auf's Neue!.

Alle .Kriegserfahrung des Ritterschaftlichen half da nichts - es war Kanonendonner - in der Ferne mußte ein Gefecht statt- finden, und daß es stattfand, bewies, daß die Franzosen geschlagen feien, daß sie auf ihrer Rückzu.slaae durch den Spessart ange- griffen wurden.

Und so war es in der That.. Die Führer des Ausstandes hatten ihre Leute so lange vom Angriff zurückgehalten, als es möglich war. Ein zu früher Ausbruch der Erhebung hätte die Feinde gewarnt. Sie hätten andere Wege eingeschlagen, wenn sie zu früh erfahren, wie. gefährlich und verhängnisvoll ihnen die Waldpäsfe des Spessart werden sollten.

Denn die Schlacht bei Würzburg war geschlagen, ein zweiter entschiedener Sieg der Kaiserlichen. Die Satttbre- und Maas- Armee war halb ausgelöst. in bunt und wild gemischten Maffen

flnthete sie in die Defileen hinein, in denen sie keine Gefahr ahnten hatte sie dock.k bei ihrem Borrücken die Entwaffnung des Landes vorgenommen, hatte doch Iourdan's Proklamation Todes- strafe auf den Besitz von Waffen gesetzt.'^

Und trotz dieser Drohungen stand das Land jetzt in Waffen, wenn diese Waffen auch freilich gar oft nur die Senfe oder die Pike war, in die jede Heugabel, jede Stange sich rasch umwandelt,. wenn der Haß eines durch Mißhandlung empörten Volkes los- bricht, oder das Holzfällerbeil, das ein etwas längerer Stiel zur besten Hellebarde und so gefährlich wie die schueidigste Streitart macht. Und der Feiud war ja geworfen - er mochte jetzt mit Todtschießen, Niederbrennen drohen - Jedermanns Hand, jede nervige Faust in den Bergen war wider ihn und jede krampfte sich um ein rächendes Eifen.

Die Schlacht bei Würzburg hatte am ^. September statt- gefunden. Die Truppen der Repnblik, geführt von ihren besten Generalen, dem kühnen, glänzenden und so früh gefallenen Ehampionnet, Bernadotte, Lefebvre, Grenier, Ney, hatten sich tapfer geschlagen. Der mörderische Kampf hatte lange hin und her ge- wogt von fleben Uhr an, dem Augenblick, wo der dichte Nebel des Herbstmorgens gefallen, bis um drei Uhr Nachmittags, w.o ein von Wartensleben ausgeführtes Eavallerie-Manöver den Aus- schlag zu. geben begonnen. Bierundzwanzig Schwadronen Harnisch- reiter hatte er vorgeführt d sie tnarscha^ten an verdoppelten Fetter der französischen Artillerie in größter Ruhe aufd vierzehn Schwa- dronen leichter Reiterei wurden auf ihren rechten Flügel '^n ^at^n gefetzt und im Bereiu mit acht frischen Grenadierbataillonen, die sich an ihren linken Flügel schloffen, führten sie den ent- scheidenden Schlag.

Ionrdau befahl gegen vier Uhr den Rückzug. Die französische Armee vollzog diesen auf zwei Straßen. .Ihr Gros bewegte sich nordwärts über Hammelburg, Brückenau, Schlüchtern um die Lahn zu erreichen. Ein andrer Theil des geschlag.enen Heeres warf sich westwärts und folgte der Straße nach Frankfurt durch den Spessart, um sich auf die letztere Stadt zurückzuziehen und dann mit dem Blokade - Eorps von Mainz zu vereinigen, das etwa zwölftausend Mann stark unter Mareeau's Befehlen stand.

Die Heerstraße von Würzburg nach Frankfurt lief damals in nordwestlicher' Richtung über Heidenfeld, wo sie den Main überschritt, durch stille und wenig bevölkerte Waldthäler nach Aschaffenburg.

Eine zweite Straße folgte von Würzburg bis Gemünden und Lohr dem Lauf des Maines, um von Lohr stark westlich aus Aschaffenburg zuzulaufen.. Es ist die Linie, welche jetzt, nur ein wenig mehr nördlich gelegt, die Eifenbahn verfolgt.

Der Erzherzog Karl detaschirte einige Eorps zu. Berfolgung der nordwärts abziehenden Feinde, die Hauptmasse feiuer Truppen dirigirte er westwärts, dem untern Main .zu, um die Besatzung von Mainz an sich zu ziehen und sich dann füdwärts auf Moreau zu werfen. Die ..Infanterie follte über Lengfurt und Heidenfeld und Rohrbrunn der Hauptstraße. folgen , die Eavallerie über Bischofsheim und Miltenberg rücken, beide nachdem sie am ^. bei Würzbttrg gerastet.

Die Verfolgung während dieses Rasttages hatten aber die infnrgirten Bauern übernommen. Einzelne Angriffe des empör- ten Landvolks hatten die repnblikanische Armee bereits auf der ganzen Rückzugsliuie von Amberg her beunruhigt. schlimmer war es gewordeu atn Abend und in der Nacht nach der Schlacht vom ^. September, auf dem Wege bis zum Mainübergange bei Heiden- feld'.. als die Franzofen im ersten Morgengranen des ^i. den Speffart betraten, fanden sie eine kleine. Bendee. Hier wurde der Marsch ein fortwährendes Kämpfen. Die Bauern griffen an zahl- reicheu Stellen zu.leich die wie eine lange Schlange viele Stttnden weit sich hinziehenden Schaareu an. Bon den Bergseiten herab, hinter Eichen- und Bucheustämtuen her knatterte das Feuer in die Bataillone und löste die letzte Ordnung, die sie zusammengehalten, auf. gegen die verwirrten Massen gingen ganze Haufen Bauern mit geschwungeneu Pikeu und Ae.rteu vord vor dem wuchtigen Angriff

“' In seiner Proklamation vom t.t. Messtdor im vierten Jahre der ' franzöfischeu Republik hieß es^ "Die Bewohner der Dörfer, ^lecken, Städte, welche sich bewaffnet vereinigen würden^ werden mit Gewalt zur Riederlegung ihrer Waffen gezwungen.. fodattn erschoffe.n und ihre Häufer verbrannt werben. .^eder Bewohner, welcher im Lande gefnnden wird und ohne Erlattbuiß eines Generals oder Oberofsteiers Waffen trägt , soll arretirt, verurtheilt und auf der Stelle erschoffen werden.“ [467] mit dem Bajonnet, vor dem Röttettfeuer flohen sie zurück^ die schützeudeu Waldhöheu hinan, um bald daranf dasselbe Spiel von Neuem zu beginnen, bis die Kampflust zu. wilden Wnth wurde, bis selbst die Kartätschladungen , womit der Feind ae begrüßte„ ihre Schrecken für ae verloren und sie nur für wenige Angenblicke aneinander gefprengt in ihre verdeckten Stellungen trieb.

An einzelnen Stellen war die Lage des geschlagenen Heeres verzweiaungsvoll . während es fonft im Weiterziehen kämpfte und ach seiner Hant wehrte, und rechts und links mit zahlreichen Dodten feinen Weg bezeichnete und nur immer chaotischer dnrch- einanderwogte, staute ach an diesen einzelnen Stellen die Flut der Zurückziehenden vor einem Hinderniffe auf, das, wie ein Deich in einem Strome die Gewässer, ihre Maffen aufhielt und ae dichter und dichter zufamtnen und wirbelnd durcheinander drängen ließ. Wo die Heerstraße durch einen engeren Thalpaß zog, waren aus gefällten Banmstämtnen hohe und fnrchtbare Verhaue aufgeschichtet, hinter deuett her die Büchsen- und Flintettkugeln in die aufge- lösteu Vatailloue schlugen ae mußten erst genommen, erstürmt, durch Artillerie mit Vollkugeln zufammengeschosten werden, bevor es möglich war, vorwärts und aus diesen höllischen Destleen herans- zu.ommen.

Einer der schlimmsten Päffe lag hinter dem Dorfe Bisch- bruun, zwei enge kleine Seitenthäler mündeten hier von beiden Seiten auf die Heerstraße ,..^nnd diese Seitenthäler waren für die .Kämpfenden wie gemacht, ach verdeckt in ihnen anfzu.tellen , aus ihnen her^orzu.rechen und sich in sie hinein und alt den Berg- wänden anfwärts zu stüchten, wenn eine geschloffene Drttppe im Sturmschritt gegen sie anrückte. Der Weißkopf, der Waldmeister, den wir von Wilderich nennen hörten, befehligte hier etwa zwei^ bis dreihnndert wohlbewastttete Banern. Sie waren eben attseiuauder gefpreugt worden und fammelten sich wieder um eine jener Riefen- eichen, die heute noch der Stolz des Speffarts find^ sie stand etwa in Mannshöhe, über der Sohle des Seitenthals, und der Waldmeister faß unter ihr, damit beschäftigt, einen nenett Stein auf seine Büchfe zu schrauben.

"Vin gleich fertig, Jhr Mannen,“ sagte er zu den schwer athntenden und keuchend herankommenden Leuten, "stellt einen Posten vortt auf die Vergegge, der uns wahrschaut, wetttt ein nener Trupp kommt . . . so lang wollen wir uns ein wenig Rühe gönnen ^ ' Du, Natz, Du machst mir auch nicht mehr weis, daß Du kein Wilderer bist, hab's wohl gesehen, wie Du immer auf's Vlatt trafst . . .' wie viel Stück Wild hast mir aus dem Revier fortgeschoffen, Du?

"Ach, Waldmeister,“ antwortete ein blasser, blonder, junger Bursche im Kittel, "denkt Jhr denn heut' noch daran? Jch mein', die Herren machen uns nun für das, was wir heut' aus.^ richten, all' zu Waldmeistern und geben's Wild frei.^

Die Männer umher lachten.

"Wär' schon rechte rief ein kleiner Mann mit einer Hafen- scharte, der sich eben müde in's Moos niedersetzte, und die alte Doppelstinte ansrecht zwischen den Veinen hielt, "wär' schon recht, Ratz . . . aber daraus wird nichts, kannst mir's glanben Das Wild, als da sind die Sanen, die Spießer, die Böck' und die Reh.^ gaisen, das ist Eine Sorte, die. den Baner rniniren . . . und die audre Sorten, das stnd die Herren, die Schösser, die Schloß- herren, die Eavaliere, denen's Wild gehört . . . hätte der Baner nun Permiß, daß er sich die eine Sorte mit dem Blasrohr vom Leibe halten dürft', 's köttttt' gar leichtlich sein, daß er's auch mit der andern verfnchte . . . und drutn - na, alleweil kannst Dir's schon selbst ansrechnen.“

"Jch geb' aber nachher meine Flinte doch nicht wieder her- aus!^ ries der Natz trotzig, "will sehen, wer kommt, und sie tnir abholte

"Na, na, na,^ stel hier ein starker, nntersetzter Mann ^mit einem rnnden, rothen, aber stark von Blatternarben zerfetzten Ge- achte ein, aus dem kleine verschmitzte Augen hervorblinzelten, "Jhr seid ja ein verwegener Bnrsch, Ratz. So zu reden, wo der Herr Waldmeister dabei ist! Solchen Lenten wie Ench hätt' man das Blasrohr gar nicht in die Hände geben sollen. Es ist ohnehin ein Jammer, daß man das Franzosenvolk damit so drangsaliren muß. Man meint, die Eingeweide müßt's Einem im Leibe herttm- drehen, wenn man's ansteht! Jn meinem Ort' daheim stist' ich 'tte Seelmeste für die armen Seelen, für all' die armen Tenfel, die hent' dran glanben müsten.“ . . .

"Was schwätzt der da , den jammert's?!“ rief hier ein Dritter 'ans.

"Na, gewiß jammert's mich . . . und jeden friedliebenden, rechtschaffenen Ehristentnenschen muß es jammern,“ . fuhr der Blatternarbige, mit dem Aertnel den Schweiß von der Stirn wischend, fort, "daß er so hinter ihnen drein lanfen muß und aa' die Hundsmüh' und Sekatnr mit ihnen hat! Wenn das so fortgeht, so weiß ich nicht, wie ich's noch lang vermachen soll ... schon fünf Dage lang bin ich dabei, nnv 's granst mich . . .“

"Fünf Dage lang . bist dabei?“ sragte hier ver Waldmeister. . . . "Ja, Du bist ja ein Frentver . . . woher kommst venn, nnv weshalb bist venn dabei?“

"Woher ich komme?“ sagte ver Mann, sich mit vetn Rücken an ven Statnm einer Buche lehnend und feinen dreieckigen Hut in den Nacken schiebend . . . "ich komm' von Deining, da bin ich daheim . .

"So weit her?“

".Just von va her, wo ver Frauzofe Kehrt gemacht hat . . . ich bin halt hinter ihm drein marschirt ' . . ganz still und zu. meist bei der Nacht . . . hinter dem Nachtrab drein . . . hab' dabei manchen halbtodten Marodenr oder zum Krüppel geschoffenen armen Lumpett angetroffen ... im Straßengraben und in den Schenern und Barmen am Wege . . .““

"Und hast ihnen wohl geholfen und sie getränkt und ver- banden wie der barmherzige Samariter?“ rief hier einer der Männer, die einen Kreis um den Fremden geschloffen hatten.

"Ja ^ sagte der Blatternarbige lakottisch^ "ich hab' ihnen geholfett . . . wenn sie nicht schon genug .hatten!“

"Aber wenn Du gar so ein mitleidiges Herz hast,“ fragte der Waldmeister, "weshalb kottttttst denn hierher zu uns?“

"Na,“ sagte der Mautt aus Deiuing, den dreieckigen Hnt wieder über die Stirn ziehend und mit den kleinen stechenden Augen zwinkernd, "ich muß noch ein wettig so mitmachen, ich habe meine Zahl nicht voll !“

"Deine Zahl? Was ist Deine Zahl?^

"Jch muß ihrer stebenzig haben . . . für jeden zehn . . . das habe ich gelobt bei der Mtttter Gottes von Oetting . . . stechen Ochfen haben ae mir verbrannt - lebendig im Stadel „' , das arme nnschnldige Vieh - und fett dabei, schwer fett hab' eine Bratterei in Deining . . . der Gaishofstosfel nennen's mich da . . . und das Mensch, die Stallmagd, ist auch hin worden bei der Gelegenheit. Da hab' ich ein Gelübd' gethan zu. Mutter Gottes von Altötting - für jeden Ochfen zehn . . . zehn, die dran glanben müsten!“

Die Bauern lachten auf.

"Bist ein Kerl, ein wüßter,“ sagte der Waldmeister'. "der richtige Franzofettjäger ! . . . Ra, komm' nur mit - und vor- wärts, Jhr Leute, ich seh' den Jörg von der Bergegge herlattfen und winken - richtig, man hört's schon stoßen und rutttpelu - das müffett Kauoueu sein - haltet nur brav auf die Pferde, Leute, nur immer auf die Pferde.“ . . .

Die ganze Schaar eilte zu Hanf und unter dem Lanbdach der Bäume der Bergegge, welche die Straße beherrschte, zu. Der "Frattzofenjäger^ ihnen nach. es wurde jetzt erst achtbar, daß er hittkte, daß eins seiner Beine kürzer als das andere, aber seine Bewegungen waren trotz seiner Stärke auffallend behende - auch war er bald an der Spitze der Schaar, trotzdem daß er, wie er sagte, f^ viele Dage hindnrch schon dem abziehenden Heere gefolgt war wie ein böfer Wolf dem Leichengernch.

Eine andere, für das rückziehende Heer verhängnißvolle Stelle lag weiter westwärts, da, wo der Verchan, von dem wir Wilderich reden hörten, angebracht worden - ein Verhan, zehn- mal erstürmt und auseinander geschlendert, und dann jedesmal hurtig wieder hergestellt, sobald den Vertheidigertt deffelben die Muße dazu geblieben. Darüber war es Nachmittag geworden^ eben hatte sich wieder ein hitziges Gefecht zwischen einer Jnfattterie- Eolontte und den den Verhan verteidigenden Banern und Forst- lenten entfpottnen, als sich ihm eine Schwadron franzöfischer Ehastenrs näherte, die, wie von den Folgen der allgemeinen Anf- löfung nnberührt, ach in straffer Ordnung zu.amtnenhielt. Jn ihrer Mitte ritt ein General, über besten dunkle, schweiß- und stanbbedeckte Züge der Zorn der Niederlage und die Empörung über diese wilden Angriffe verachteten Landvolks einen erschreckenden Ansdrnck von Grimm und Wildheit gelegt hatten. Er mochte [468] kaum vierzig Jahre zählen, aber sein Gesicht war stark durchfurcht, die schmalen, blitzenden Augen lagen tief eingesunken und das glatt und schlicht an seinen Schläfen anliegende lange schwarze Haar ließ dies ursprüglich edel geschnittene Gesicht noch schmaler, gelber und magerer erscheinen.

In seinem Gefolge ritten ein paar Officiere und – überraschender Anblick in dieser wilden Kampfscene – zwei Frauen.

Mit der Truppe, welche ihn umgab, war er rasch herangetrabt. Die vordersten seiner Reiter sorgten dafür, daß das marschirende Kriegsvolk ihm Platz machte.

Aber wenn er bisher von den einzelnen Kampfscenen, durch die er gekommen, sich nicht aufhalten lassen, so war es hier ein Anderes. Die Straße war gründlich versperrt, und für die nächste Zeit schienen die Vertheidiger des Verhaues durchaus nicht geneigt, den Kugeln, die hageldicht in ihre aufgeschichteten Baumstämme schlugen, weichen zu wollen; zwischen den Ritzen und Zwischenräumen dieser Baumstämme durch, über den Rand der Barricade zischte Kugel auf Kugel zurück, die wohlgezielt jedesmal ihren Mann trafen. Dazu schmetterten die Hörner ihre Signale, wirbelten die Trommeln und schrieen und tobten die Officiere, und über dem ganzen wüsten Schauspiel schwankten und wogten die Wolken von Pulverdampf.

Der General nahm den hohen Hut mit dem dreifarbigen Federbusche, der seine Würde bezeichnete, ab, wischte sich mit seinem Tuch die Stirn und sagte zu seiner Begleiterin gewendet, zu der großen blassen, mit entsetzten Blicken in das Getümmel schauenden Frau:

„Wir sind da in des Teufels Küche gerathen! Hier hilft kein frisches Vorwärts und kein unbekümmertes Weiterreiten trotz aller Rauferei zu unserer Rechten und Linken mehr! Verflucht, daß auch keine Artillerie zur Hand ist! Soll ich hier warten, bis man uns Platz geschafft hat? Habe ich Zeit zu warten? Verdammte Lage ...“

„Sollte denn gar kein Weg in der Nähe sein, der rechts oder links abführte ...“ fiel die Frau mit bleicher Lippe ein.

„Ich habe vorhin zur rechten Hand eine Schlucht bemerkt,“ sagte ein kleines und wie es schien vor Furcht zitterndes weibliches Wesen, das hinter der Dame ängstlich mit beiden Händen sich auf ihrem Pferde festhielt – es war gut, daß einer der Chasseurs dicht neben ihr das Pferd am Zügel führte, sie selbst würde schwerlich damit fertig geworden sein, das durch den Kampf und den Lärm aufgeregte Thier zu führen und zu halten.

„Wo ist diese Schlucht?“ fragte der General.

„Hinter uns, einige hundert Schritte zurück – ein Weg führt hinein!“ antwortete einer der Officiere, den die Binde als seinen Adjutanten bezeichnete.

„Wohl denn, so retten wir uns in die Schlucht, bringen wir Sie da in Sicherheit!“ sagte der General zu der Dame gewendet und warf sein Pferd herum.

Das ganze Geschwader machte Kehrt, schaffte sich Bahn wie früher durch die nachdringenden Massen und schwenkte nach wenigen Minuten links in die Schlucht hinein, in welcher es zu der Mühle und Wilderich’s Forsthaus hinaufging.

„Wird denn dieser Weg nicht irgendwo hinführen, von wo aus man diese Barricade umgehen und so weiter kommen könnte?“ rief hier der General aus – „Dubois, geben Sie doch die Karte her!“

Der Adjutant zog eine Karte aus seiner Sattelholfter hervor und reichte sie dem Vorgesetzten.

Der General schlug sie auseinander und suchte im langsamen Weiterreiten sich darauf zu orientiren.

„Dies hier muß die Schlucht, in der wir uns befinden, sein – der Weg läuft auf einen Hof Goschen ... Goschenwald ... aus und schwenkt dann links ... links zwischen Bergen durch ... ah, vortrefflich, er schlängelt sich mit der Heerstraße parallel, um sie eine oder zwei Stunden weiter westlich wieder zu erreichen ... eine dünne Linie – ein Fußpfad am Ende nur, aber enfin, es ist doch ein Weg – es muß da auch durchzukommen sein; eh bien, wagen wir’s, vorwärts, vorwärts!“

Er reichte die Karte dem Adjutanten zurück. Dabei streifte sein Blick das Antlitz der Dame, deren Augen gespannt auf ihn gerichtet waren.

„Arme Marcelline,“ rief er dabei – „aber ich kann Sie dem nicht aussetzen ... Sie können nicht mehr! Zum Teufel, wer hätte auch gedacht, daß wir in eine solche Cochonnerie gerathen würden! – Es wird Zeit, daß Sie Ruhe finden, meine Theure, daß Sie einige Stunden der Erholung bekommen.“

„Freilich, es ist schrecklich, dies Alles!“ versetzte die Frau mit einem von der Aufregung, worin sie sich befand, gedämpften und heiser gewordenen Organ – „es ist gar zu schrecklich –“

„Sie sollen in diesem Goschenwald, oder wie es heißt, die Nacht bleiben,“ fiel der General ein.

„Bleiben, zurückbleiben ohne Sie, Duvignot, in diesem Getümmel ... was muthen Sie mir zu?!“

„Beruhigen Sie sich, Marcelline – wir werden ja sehen, wie dies Goschenwald aussieht; verspricht es Ihnen nur irgendwie eine Stelle, wo Sie die Nacht hindurch ruhig Ihr Haupt hinlegen können, so werden Sie da bleiben, ich lasse Ihnen den größten Theil meiner Escorte zum Schutze – mit dem andern eile ich durch die Berge weiter – ich darf nicht rasten, Jourdan zählt darauf, daß ich noch in dieser Nacht in Frankfurt ankomme – ich muß es wenigstens morgen vor Sonnenaufgang erreichen. Gesetzt auch, wir fänden die besten Wege, wie würden Sie einen solchen Ritt aushalten können?“

„O mein Gott, wär’ ich doch nie mit Ihnen gegangen – wär’ ich nie aus Würzburg gewichen ...“

„Gewiß, gewiß,“ fiel der General Duvignot ein, „es wäre besser gewesen ... aber wer zum Teufel konnte erwarten, auf solche Hindernisse hier zu stoßen? Als mir Jourdan den Befehl gab, mich eiligst nach Frankfurt zu begeben, um dort das Commando zu übernehmen – was schien da einfacher und selbstverständlicher, als daß Sie sich mir und meiner Escorte anschlössen, um aus dem Chaos in Würzburg heimzukommen nach Frankfurt, das man uns hoffentlich sobald nicht entreißen wird!“

„Wie war es möglich, daß man im Hauptquartiere so gar nichts von dem, was sich in diesen Bergen vorbereitete, ahnte?“

„Mein Gott, wie war es möglich! Wir sind in Feindesland! Unsere Spione waren Esel – oder haben uns betrogen! Auch haben wir verdammt wenig daran gedacht, daß wir geschlagen werden könnten, und uns wenig gekümmert um das, was hinter uns vorging – die Augen auf den Feind gerichtet, der vor uns stand!“

„Ihr habt Euren Feind verachtet!“

„Wir hatten ihn so oft geschlagen!“

„Nicht immer ...“

„Ah bah, fast immer. Und wenn Bonaparte, dieser junge Teufel, ihn von Süden, Moreau, dieser alte Löwe, ihn von Westen, und wir, die wir uns alle für wahre Teufel hielten, und in Jourdan einen alten Löwen an der Spitze hatten, ihn von Norden packten – wie konnten wir etwas anderes erwarten, als ihm über den Leib zu marschiren bis nach Wien!“

[494] „Und trotz all’ Eurer Teufeleien und Eures Löwengebrülls seid Ihr nun doch geschlagen!“ erwiderte Marcelline dem General Duvignot.

„Wir werden schon Revanche nehmen! Aber ich sehe da Häuser,“ unterbrach sich der General, auf die Mühle und das Forsthaus deutend. „Ob das Goschenwald ist? Lassen Sie sehen,“ wandte er sich zum Adjutanten.

Der Adjutant reichte ihm die Karte; während er darauf suchte, sprengten ein paar seiner Reiter sowohl nach der Mühle als dem Forsthause hinüber. Aber trotz des Gerassels, das ihre an die Thüren pochenden Säbelscheiden machten, öffnete sich keine dieser Thüren. Das Mühlenrad stand still, kein Rauch kräuselte sich über den Essen. Die Müllersleute sowohl wie Frau Margarethe im Forsthause mit ihrem kleinen Schützling mußten sich geflüchtet haben.

„Die Wohnungen scheinen verlassen,“ sagte Duvignot – „auch ist die Entfernung von der Heerstraße nicht groß genug, als daß dies Goschenwald sein könnte … nur weiter, weiter!“

Das Geschwader setzte sich trotz des steinigen und steiler werdenden schmalen Weges in Trab – die Spitze der Truppe hatte nach einer Viertelstunde die Höhe erreicht, auf der man in das enge Bergthal niederschaute, das von Haus Goschenwald beherrscht wurde. Bald nachher wurde auch dieses letztere sichtbar.

„Ah, das sieht ja vollständig gastlich und einladend aus, dieser alte Edelhof; die Essen rauchen … man ist eben beschäftigt, Ihnen eine Suppe zu kochen, Marcelline – ich bin glücklich, Sie in ein solches Quartier senden zu können.“

„Aber, Duvignot, wie kann ich denn jetzt …“

„Sie müssen sich darein fügen, meine Theure – es geht nicht anders. Während ich mich links durchzuschlagen suche, um die freie Heerstraße wiederzugewinnen und ohne Aufenthalt an mein Ziel zu kommen, müssen Sie sich dort oben Ruhe gönnen. Unsere Truppen werden die Wege für Sie bald frei gemacht und gesäubert haben. Aber mich können Sie nicht weiter begleiten. Mein Gott, wenn Sie mir vor Erschöpfung ohnmächtig, wenn Sie mir krank würden, was dann? Dürfte ich mich Ihretwegen aufhalten? Und könnte ich Sie doch verlassen, verlassen unter freiem Himmel, in der Nacht, die herannaht? Seien Sie vernünftig, Marcelline – ich flehe Sie darum an!“

„Mein Gott, wenn es sein muß, so bin ich ja bereit,“ sagte die Dame resignirt; „welche Mannschaft werden Sie mir zu meinem Schutze lassen?“

„Die ganze Schwadron, wenn Sie wollen, ich werde nur ein Dutzend Chasseurs zu meiner Begleitung bei mir behalten. Dubois, zählen Sie so viel Mann, die bei uns bleiben, ab! Sie, Capitain Lesaillier,“ wendete er sich an einen andern Officier, „bleiben mit Ihrer Schwadron als Escorte der Dame.“

Das Dutzend Reiter wurde vorcommandirt, und Duvignot nahm Abschied von seiner Begleiterin.

„Adieu,“ rief er, die Hand, welche sie ihm reichte, ergreifend und an seine Lippen ziehend. „Ich werde Ihnen in Frankfurt Quartier machen. Ich werde Sorge tragen, daß im Hause Ihres Mannes Alles zu Ihrem Empfange in Bereitschaft ist – Adieu, meine Theure – Lesaillier, Sie werden das Vertrauen, das ich in Sie setze, indem ich Madame Ihrem Schutze übergebe, rechtfertigen!“

„Seien Sie überzeugt davon, mein General,“ antwortete militärisch salutirend der Officier der Schwadron.

„Also noch einmal Adieu, Marcelline, ich lasse Sie in guter Hut!“ rief der General aus, legte die Hand an den Hut und spornte sein Pferd an, um dem Wege zu folgen, der vor ihm in’s Thal niederlief und dann sich links am Fuße der Höhe hielt.

Die Frauen mit ihrer Escorte schlugen den Weg ein, der, sich rechts abzweigend, auf halber Berghöhe geradezu auf Haus Goschenwald führte.

[495] 

Die Dame, welche der General Mareelline genannt hatte, fank, nachdem er sich von ihr getrennt, wie gebrochen vor Müdigkeit in ihren Sattel zusammen Die audere, ihre Zofe, musterte mit schenetn und mattem Blicke den alten Edelhof vor ihr.

„ Werden wir da nun zu Rast und Rnhe kommen?“ rief sie aus.

„Wir wolleu es hoffen,“ sagte ihre Herrin mit einem Seufzer . . . „und wenn wir es auch nicht hoffen dürfen, es ist doch bester so, daß wir den General haben voranszieheu lasten.“

Besser? Den General, der unser bester Schtttz war?“

„Ia, besser . . . was würde man in Frankfttrt gefagt haben, wettn ich an der Seite Dnvignot's da eingezogen wäre!“

Sie sagte dies in deutscher Sprache, um nur von der Zofe verstanden zu werden, währeud die bisherige Unterredung in ^ französischer geführt war.

„Ah bah,“ entgegnete die Zofe ein wenig verdrießlich.. sie ^ nar nicht i.n der Stimmung, sich viel Mühe zu gebeu, um ihre . '.bedanken zu verbergen . . . „was würde man gefagt haben ! Ich denke, die Verwttnderung wäre so groß nicht gewesen. Und zudem wären wir in der Morgenfrühe hingekommen, wo Niemand ttnsertt schönen Drinmphetnzu. beobachtet hätte. Und endlich wird man in Frankfurt jetzt an Anderes zu denken haben, als an die

Rückkehr der Fran Schöffin!“

„Das ist mein Trost freilich auch,“ antwortete die Frau Schöffm...„Wie sagte der General, daß dies Hans heiße?

Goschenwald?“

„In der Dhat, ich glaube so war es.“ Goschenwald!“ wiederholte Frau Mareelline nachsinnend . . . „ich habe den Namen schon gehört. Ia, ja, es ist richtig . . . Goschenwald -. das muß einetn entfernten Verwandten meines Mannes . . . von seiner ersten Frau her . . . gehören . . . einem Reichshofrath in Wien ... mein Mann muß sogar einmal dort gewesen sein, ich erinnere mich, daß er davou geredet hat . . . also dies ist es? Nuu, es steht verlasseu und sriedlich geung aus, um uns ein rnhiges Nachtquartier zu verheißen!“

Sie waren auf dem Hofe von Haus Goscheuwald augekotntnen - die Drnppe hielt, der eommaudireude Ofsteier glitt rasch aus seinem Sattel, um Frau Mareellitte Stallmeisterdienst beim Ab- steigen zu leisten, und bald nachher waren die beiden Franett unter dem schützenden Dache nntergebracht, wo sich der Schösser und Fran Afra mit einiger widerwilligen Höflichkeit herbeiließen, die Wttnsche der Fremden anzuhören und dabei ihr Entfetzen ^ über folche unerwartete Eingnartierung nicht gar zu laut an den

Tag zu legen.

Der Drnpp Ehaffettrs - es mochten ihrer etwa hundert bis httndertzwattzig sein - legte nnterdeß auf die Stallungen Beschlag, um darin einen Theil der Pferde unterzubringen , und bereitete sich vor, mit dem Rest auf dem Hofe des Gebäudes zu eatupiren.

"Gieb Acht darattf, daß die Leute sich nicht zerstreuett und auf ihrer Hnt bleiben,“ sagte der Eapitain. Lesaillier dabei zu seinem Wachtmeister - "unsere Eameraden da nnten werden das Gesindel, das sie attakirt, hosfentlich bald anseinandergefprengt haben - aber just dann könnten wir zerstreute Trupps davon hier aus den Hals bekommen^ laß deshalb nicht absatteln und stelle einen Posten in. gehöriger Entfernung vom Hofe auf. Dnvignot hätte etwas Vefferes thun können, als seine Weibslettte in diesem heillosen Rückzug mitzuschleppen und just uns zu. ^ .^Sanvegarde seiner Liebschaften zu machen - Gott verdamme sie!“

"War' mir auch lieb, wir wäreu aus diefett vermaledeiten Defileett heraus, Eapitaiu,“ sagte der Wachtmeister d "ist einmal das Wuuder passirt, daß uns diese Hunde von Weißröcken ge- schlagen haben, so kann auch das zweite Wunder passtren, daß sie einmal wissen, wie man einem geschlagenen Feind auf dem Racken fitzt d und kommen die uns .auch noch auf den Hals, so wird die Snppe gut!“

"Das würde sie freilich, alter Grognard,“ fiel der Eapitain

ein d "aber da ist nichts zu fürchten d sie werden nach ihren An- strengungen einige Tage zum Attsschlafen nöthig habend sorg' dafür, daß die Pferde eine gute Streu bekommeu und daß nicht zu früh getränkt wird!“

Etwa eine Stnnde vor der Anknnft der Fran Mareelline und ihrer Schntzwache auf Goschenwald hatte Benediete in wachfender

Attfregung das Hans verlaffen. Der Lärm des Kampfes, der deutlich in das Thal herüberklaug, die Kanonenschläge nicht allein, fondern von Zeit zu Zeit auch das Rollen von Kleingewehrfeuer, dessen Schall die Windströmung^gedämpft herübertrng, hatten sie nicht rnhett lasten. Und wie dieser Lärm sie entsetzte, so peinigle sie die Erinnerung an die Seene mit^Wtlderich, welche sie anf's Tiefste erschüttert hatte d jedes seiner wilden leidenschaftlichen Worte klang in ihrer Seele wider - sie hatten da einen vollständigen Anfrnhr hervorgerttfen, vermehrt und in's Unerträgliche gesteigert durch die Angst um ihn, die seitdem hinzugekommen . jeder Schuß, den sie aus der Ferne herüberhallen hörte, ging ihr in's Herz, es war ihr, als müsse die Kugel, die da geschleudert wurde, die sein, welche sein warmes männliches Herz tresse . . . in dieser Angst um ihn ging aller Stolz, alles Gefühl des Verletzenden, das seine rasche und verwegene Werbung um ihre Liebe sonst hätte erwecken können, verloren d sie dachte nur an Alles das, was sein Wesen Gewinnendes, sein Wort, seine Gluth, seitte Kühnheit Be- zwiugeudes für sie gehabt d sie dachte an das Schreckliche, das sein Tod für sie haben würde . . . und für sie ja nicht allein, auch für das Kind, von dem ihr der Schöffer gesprochen, das Kind, an das sie so viel denken tnüffen . . . mit der Spauuung, die ein Geheimniß in uns erweckt . . . mit Unruhe und einer gewiffen Beklemmung, und doch auch einer volleu iuneren Zttverficht auf die Wahrheit deffen, was er zu ihr gesprochen - lag es in ihrem Herzen, oder lag es in seinem ossetten Antlitze, seinem hellen Blicke, die Ossenbarung, daß. dieser Mann nicht täuschen könne?

Sie dachte an das Kind, als ob es etwas ihr Nahestehendes sei, etwas, für das ihr die Sorge bleibe, wenn sein Beschützer in diesem verwegenen Kampfe falle, deffen Widerhall an ihr Ohr

schlug.

So hatte sie Hans Goschenwald verlassen. Eine Magd hatte ihr nnten in der Halle des Hauses zugerufeu, ob sie sie begleiten wolle, hittans auf eine Höhe, von welcher man durch einen Vergeinschnitt weit hinab in das Thal blicken könne, durch welches die Straße ziehe und der Rückzu. der Feinde gehe - zwei andre Mägde wären schon voranf dahin d Benediete hatte sich eifrig an- geschlossen und durch eine Hinterthür, durch den Garten des Edelhofes, der an der hintern Seite sich an die Bergwand legte, dann über einen sandigen Fttßweg war sie eine Viertelstnude weit der Magd gefolgt bis zu einem alten Steinkrenz, an dem mehrere Wege anseinanderliefen. Der eine führte als wenig begangener steiler Fnßsteig rechts zu der Höhe hittan, aus der die verheißene Anssicht sich bieten sollte. Der andere lief mehr links in die nordöstliche Thalecke hinein, wo ein an dieser Stelle sichtbar werden- der Einschnitt in die Bergwände, die das kleine Thal umgaben, einen Ansgang in die dahinter liegenden Waldthäler zu össnen schien. In der That.führte dieser Weg, wenn man feinen Windungen durch mehrere kleine Waldthäler folgte, auf die von uns erwähnte zweite, über Lohr aus Aschasfenbnrg laufende Spessartstraße.

Vom Steinkrenz ab westlich senkte er sich abwärts, um unter Goschenwald her durch den Grttnd des Thales zu lanfett, in der Richtung nach Westen, in welcher wir den General Dnvignot sich einen Attsweg aus dem Thale fltchen sahen.

Benediete nahm, als sie an dem alten Steinkrenz angekom- tnen war, einen Trttpp von bewaffneten Männern wahr, welcher aus dem erwähnten Bergeinschnitt von Nordosten her auf sie zttgetrabt kam und dessen vorderster sie, als sie sich rasch etttsermm wollte, anrief

Der Reiter waren sechs - zwei ritten voranf, die vier andern in einer Gruppe zusammen. Zwei von diesen letztern trngen leichte weiße Stanbtnäntel über hechtgratten Uniformen und rothett Beinkleidern - die andern waren in weißen Röcken, nur die voransprengenden trngen die dnnkelblanen Uniformen ungari- scher Httsaren.

So wenig sich Benediete darattf verstand, erkannte sie doch fofort, daß sie österreichische Ofsteiere vor sich hatte, wie es schien, Stabsoffieiere.

Sie blieb an dem Steinkrenz stehen und war bald von ihnen umgeben.

"Demoiselle,“ sagte einer der Männer in der hechtgrauen [496] [503] Benedicte schritt vorauf, die beiden Officiere folgten ihr auf dem Fußstege, nur von einem der zwei Husaren begleitet, die ihnen vorher vorausgeritten waren, der andere war auf einen Wink des Bubna genannten Officiers bei diesem an dem Steinkreuz zurückgeblieben.

Während die beiden Männer, welche sie führte, dicht nebeneinander auf dem schmalen Pfade ritten, sprachen sie lebhaft, aber so miteinander, daß Benedicte ihre Worte nicht verstand.

Als sie vor dem offenstehenden eisernen Gitterthor angelangt waren, das von dieser Seite durch eine niedrige Mauer in den Garten von Goschenwald führte – man hatte nur noch zwischen einigen mit hohem altem Buchsbaum eingefaßten Beeten bis zum Hause zu gehen – wandte sich Benedicte zurück.

„Wenn die Herren hier absteigen wollen,“ sagte sie, „so kann ich Sie unmittelbar in’s Haus führen. Die Pferde jedoch muß Ihr Begleiter hinab an dieser Mauer und an dem Gebäude entlang führen und an der Vorderseite durch die Thoreinfahrt in den Hof, er wird dort gleich die Stallung sehen …“

„Sehr wohl!“ antwortete der junge General und stieg rasch aus dem Sattel, um dem herankommenden Husaren die Zügel zuzuwerfen.

Er blieb einen Augenblick stehen, um seinem älteren und weniger behenden Cameraden, den er Sztarrai genannt hatte, Zeit zu lassen, auf den Boden zu gelangen; dann folgten die beiden Männer dem jungen Mädchen.

Benedicte führte sie durch eine Glasthür in’s Haus, dann durch einen niedrigen Gang, der in ein hohes Stiegenhaus leitete – aber bevor sie noch dieses letztere erreicht, warf sie rechts eine Thür auf und bat die Herren einzutreten.

Ein großer, durch drei auf den vorderen Hof hinausgehende Fenster erleuchteter hallenartiger Raum umfing sie. Rings an den Wänden lief ein hohes Täfelwerk von dunklem Eichenholz umher, über dem mancherlei groteske Jagdbeute des Spessartwaldes an der Wand befestigt war, seltsam ausgewachsenes Gehörn und Geweih – in der Mitte der den Fenstern gegenüberliegenden Wand prangte auch eine Trophäe; aber sie bestand nur aus harmlosen Waidtaschen, Hifthörnern und alterthümlichen Pulverhörnern – die Waffen, die dazwischen die leer gewordenen Stellen gefüllt, waren fortgenommen worden – hatten sie sich vor dem französischen Machtgebot unsichtbar gemacht, oder dienten sie eben bei dem blutigen Handgemenge drüben im nächsten Thal, Rache an dem französischen Machtgebot zu nehmen?

Der gestrenge Herr Schösser hätte es müssen wissen, aber seine Knechte wußten es besser!

Der gestrenge Herr saß eben oben in diesem Saal – auf der Bank neben dem riesigen Kachelofen, mit dem Rücken sich an die kalten Platten desselben lehnend, die Arme über der Brust verschränkt und von der Höhe seines langen Oberkörpers herab auf zwei Gruppen von Leuten blickend, die sich in dem Saale an zwei verschiedenen Tischen, welche unter den Fenstern des Raumes hinliefen, befanden.

An dem oberen Tische saßen zwei weibliche Wesen, Frau Marcelline und ihre Zofe. Frau Marcelline hatte ihren Hut auf einen Stuhl neben sich geworfen und drüber ihr Fichu und ihre langen, bis zum Ellenbogen reichenden Handschuhe; das Sacktuch und ein silbernes Riechbüchschen lagen neben ihr auf dem Tisch, während ihre beringte Hand einen kleinen Spiegel hielt, in dem sie sich beschaute, um den in Verwirrung gerathenen Scheitel wieder zu glätten. Hinter ihr stand die Zofe und steckte ihr mit Haarnadeln den losgegangenen Chignon wieder fest, denn der Chignon gehörte zur Tracht der Damen des achtzehnten Jahrhunderts, wie er es heute that. Von ihren Schläfen hingen lange Locken nieder, dunklen, fast blauschwarzen Haares, wie es ganz paßte zu dem schönen und zugleich pikanten Gesicht, den feingeschnittenen, ein wenig scharfen Zügen den schmalgeschlitzten Augen, die unter schwarzen beweglichen Brauen durch die langen Wimpern der Lider feurige, zuweilen ein wenig stechende Blicke schossen. Ihr Mund war roth, voll, geschnitten wie nach dem Muster vom Bogen Amors, nur die Winkel waren stark genug nach unten gezogen, um diesem reizenden Munde einen gewissen Ausdruck von Hochmuth oder Härte oder Verachtung zu geben, der Frau Marcellinens Gesicht nicht anziehender machte. Ihr Teint war ein wenig abgebleicht, unfrisch, fatiguirt vielleicht nur vom Staub des Weges, von den Mühen der Reise und nicht von den Jahren – sie konnte kaum sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig Jahre zählen.

An dem zweiten Tisch weiter unten in dem Raum saß der Capitain Lesaillier mit seinem alten Grognard von Wachtmeister – sie hatten ihre Säbel in den alten Messingscheiden und die Czakos mit den grünen Federbüschen auf den Tisch geworfen, die rothen Revers ihrer grünen Uniformen aufgeknöpft und waren eifrig damit beschäftigt, den Erfrischungen zuzusprechen, welche die Beschließerin ihnen auftrug, wobei der Wachtmeister seinen Vorgesetzten durch einige Späße unterhielt, die er über die seltsame und, wie er es nannte, austrogothische Figur des am Ofen lehnenden Lieutenants außer Dienst und gestrengen Herrn Schössers machte.

„Welch’ ein Biedermann!“ hatte er eben lachend gerufen – „er sieht aus wie aus Pappendeckel geschnitten, um im Marionettentheater den grausamen Feldherrn Ahitophel vorzustellen!“

„Und Das hält sich für einen Soldaten!“ sagte der Capitain lächelnd.

„Sagen Sie mir, mein Capitain,“ fragte der Wachtmeister, „ist je eine ganze Armee solcher mörderischer Kerle in’s Feld gerückt?“

„Eine Armee? Wie wäre die zu Stande gekommen! Diese kleinen deutschen Tyrannen brachten kaum einige Regimenter zusammen – der Eine von ihnen lieferte dies, der Andere das; der Eine gab für die Compagnie einige arme Hungerleider her, der Zweite den Hauptmann und der Dritte die Trommel, den Tambour und die Kochtöpfe. Eine freie Reichsstadt musterte ein halbes Dutzend Reiter, eine Aebtissin besorgte den Cornet und ein dritter Souverän lieferte das Sattelwerk und Riemenzeug – geh’ und frag’ die rothe Vogelscheuche dort, und er wird Dir sagen, daß ihm zu seiner Ausrüstung ein armes Gräflein den [504] 

rochen Rock und ein Nonneukloster die schwarze Hofe mit den Gamascheu geliefert chat.“

„Das geht noch über den ^ck^.nt König von ^)vetot!“ autwortete lacheud der Wachtmeister - „aber wenn dem so ist, weshalb haben venu nicht diese armen Deutschen gegen folche Wirtschaft die Revoltttiou gemacht? Was haben wir, die wir doch bester drau wareu, die Mühe zu übernehmen branchen?“

„Ja siehst Du, Lepecketier - das ia jnst so zu.egangen wie bei eittetu Eiusturz mit eiuem Haufeu armer Teufel von Arbeitern die unter Schutt, Drümmern und Gerümpel verschüttet liegen. Da machen sich dte am ersten frei, die noch am wenigsteu tief darunter liegen und noch einen Arm oder ein Beiu regen können. Die anderen vermögen es nicht. Das Gerümpel und der Schutt, begreifst Du, ist die alte Ordnung der Dinge ckn t.^n ^t.r^. t^tn.^. Wenn wir zu.rst uns darans gerettet haben . . . aber was zum Tenfel ist das, wer führt uns diese Oesterreicher hierher?“

Bei diefem Ausruf, bei dem Eapitäiu Lesaickier betrosten in die Höhe fuhr, waudte der Wachtmeister feiuen Kopf und ließ aus Ueberraschung das Glas fenrigen Kalmnths,. den Fran Afra in einer Bocksbentelstasche anfgetischt, und welches er eben zum Mnnde führen woate, beinahe fallen

Ebeu waren Benediete und die zwei österreichischen Stabs- ofsteiere in den Ranm eingetreten.

Ein Blick auf die Franzofen, ein zweiter Blick durch die Feuster der Haae, vor denen man den ganzen Schwarm der Ehaffenrs sich auf dem Hofe nmtreiben sah, zeigte den Oesterreichern, daß sie in den Händen des Feindes waren - mitten unter eine französtsche Abtheilung geführt. ...

„Gott steh uns bei!“ rief zu.ückfahreud der ältere der Beiden aus - wohin hat dies Geschöpf uns gebracht?!“

Seine Hand fuhr an den Säbelkorb und entblößte halb die Klinge.^

„Rnhig, Sztarrai, bleiben wir rnhig“ - mahute der Jüngere flüsternd.

„ Laffen Sie mich die Dirne erstechen - eine Dentsche, die . . .“

„Die Lügnerin wird ihren Lohn stnden,“ fnhr, die Hand auf feinen Arm legend, der junge Mann fort - „denken wir daran, wie wir uns selbst aus dieser Schlinge ziehen!“

Während diese Worte in Hast von den beiden Ofsteieren gewechselt wnrden, hatte Benediete ein paar rasche Schritte in den Ranm hinein gemacht, hatte erblaffend die Franzofen angestarrt, dann ihre Augen auf die Fraueu am obereu Tisch geworfeu und, plötzlich zufammeufahreud , einen leifen Schrei, wie des heftigsten Erschreckens ansgestoßen.

Sie stand da wie versteinert, beide Hände wie zur Abwehr eines ganz Entsetzlichen, das plötzlich vor ihr anfgetancht, er- hebend.

Frau Mareeckine, die beim Anblick der österreichischen Uni- formen ebenfaas aufgefahren war, ließ jetzt ihre Augen auf das Mädchen fallen und, zu.ammenzu.kend , erschrocken, wie Jemand, der auf eiste Schlange getreten, rief sie aus. Benediete . . . Benediete - Du bist's?!“

Benediete regte sich nicht - sie starrte noch immer wie von Sinnen die Erscheinung vor ihr an - diese duuklett, jetzt so stecheud stammeudeu Augen, dieser Kopf mit den langen Wimpern und den langen hängenden Locken vor ihr mnßten für sie die Wirknug des Medufenkopfes haben.

Fran Mareeaine trat, stog, das ganze Gesicht plötzlich von Flammenroth übergosten, auf sie zu.

^Unglückliche! Eleude!“ rief sie aus - „Du - Du - Du hier! Welch Verhäugniß führt Dich, Dich tnir in den Weg, in meine Hände, Abschenliche!“

Ju Benediete schien bei diesen Worten wie mit einem Male das Bewnßtfein des Lebens zurückgekehrt - sie warf sich heftig zurück, sie wandte sich, sie wollte davon fliehen. . . .

Aber eine starke Hand legte sich im felben Augeublick auf ihre Schulter, umfpauute ihren Oberarm und hielt sie fest wie eine eiserne Klammer.

Es war der Eapitain Lesaillier, der während des vorigen Gesprächs hinter sie und zugleich vor die österreichischen Ofsteiere getreten war.

„ Halten Sie sie, binden Sie sie, wenn sie entfliehen wia,“ schrie Fran Mareeaine auf - „sie darf nicht entkommen, sie ist eine Verbrecherin, eine Mörderin!“

„Sie foa nicht entkommen beruhigen.^Sie sich, Madame,“ verfetzte der Eapitain, indem er Benediete nach dem oberen Theil des Raumes führte - „setzen Sie sich da, Mademoifeae, und warten Sie das Weitere ab,“ sagte er barsch zu Beuediete ge- weudet.

Beuediete ließ sich mehr todt als lebendig in den alten Arm- festel faaen, der am obersten Fenster stand und zu dem der Eapitain sie geführt hatte.

„Und nun,^' fahr dieser sich zu den Oesterreichern weudeud fort, „uuu zu Jchnen, meiue Herren! Wer stnd Sie?“

„Sie fehen, nur find österreichische Stabsofsteiere ... auf einer Reeoguoseirung begriffen,“ antwortete der ältere Ofsteier.

„ Stabsofsteiere ... auf einer Reeognoseirung . . . ohne aae und jede Bedeckung? . . . Das ist feltfam!“

„Und doch ist es so - daß es uuvorsichtig war, auf das Wort fettes jungen Geschöpfes hiu, dieser Hof sei uubefetzt, so weit vorzugehett , feheu wir selbst - Sie braucheu es uns nicht vor- zuhalteu.“

„Nuu wohl, Sie feheu es selbst,^ rief der Eapitaiu aus, „Sie feheu, daß Sie in meiner Gewalt stnd“ - er deutete auf den mit seiner Mannschaft erfüaten Hof - „alfo darf ich wohl um Jhre Degen bitten!“

„Wir stnd aaerdings in Jhrer Gewalt - so gewiß und sicher,“ verfetzte hier der jüngere der beiden Oesterreicher, „daß es eine leere Förmlichkeit wäre, wenn wir nnfere Degen ablegten - es kann uns nicht einfaaen, diefelben gegen Sie und eine folche Uebermacht ziehen zu woaen.“

„Sie stnd meine Gefangenen und haben die Degen abzu.egen, wenn Sie nicht woaen, daß ..ich Leute hereinrnfe, die sie Jhnen abnehmen, meine Herren!“ anwortete der Franzofe gebieterisch.

„ Gewiß, gewiß, Sie können das,^ entgegnete der Oesterreicher ruhig - „aber Sie. werden nnfere Uniformen hinreichend kennen, um zu fehen, daß wir Generalsrang haben ^ und Sie werden uns die Demüthigung erfpareu, die Sie verlangen, da sie nnnütz ist - als Franzofe werden Sie zu großmüthig sein, einem in Jhre Hände gefaaenen Feind Rücksichten zu verweigern, um die er Sie, mein Herr Eapitain, bittet!“

Der junge Mann legte auf das Wort „ bittet“ einen befondern Ausdruck von vornehmem Selbstgefühl, und der^ Eapitaiu aut- wortete mit eiuem irouischeu Lächelu.

„Es demüthigt Sie, einem einfachen Eapitain Jhre Degens übergeben zu f.bckea? - nun, r.a.^ .a.ri., wenn dies Jhnen stachen .Kummer macht, so foaen Sie sich nicht nmfonst an meine Groß- mnth gewendet haben - aber ich bitte um Jhre Namen!“

„ Generalmajor Karl Teschen!“ sagte der junge Mann.

„Sie haben es sehr jung zum Geueral gebracht!“ bemerkte der Franzofe.

„Jch habe Glück gehabte antwortete der 'General Teschen bescheiden.

„Und Sie, mein Herr?“ fnhr Lefaickier zu dem Auderu ge- weudet fort.

„Geueral Sztarrai!“

Der Frauzofe machte eine leichte Berbengung und sagte. „Die Herren werden dort am Tische Platz nehmen.“ Dann sich zu Frau Mareeckiue.. weudeud fuhr er fort. „ Madame, ich be- dauere unter diefeu Umständen nicht ganz meiner Eonfigne folgen zu können. Sobald meine Trnppe sich ein wenig erholt hat und es Jhnen möglich ist, die Reife fortzu.etzen, müssen wir anfbrechen und auf demfelben Wege, den der General Dnvignot eingeschlagen hat, nnfern Marsch fortfetzen - ich darf die Berantwortlichkeit nicht auf mich nehmen, ein paar Gefangene von dieser Bedentung so lange hier zu halteu - ich muß sie fobald wie möglich in Sicherheit briugen. Sie habeu jedoch zu bestimmen, ob Sie die Nacht hindurch hier ^ bleibeu und steh ansrnhen wockeu - ich könnte Jhnen alsdann einen Theil von meinen Lenten zum Schutze lasteu . . .“

„Nein, ueiu, ueiu,“ rief Frau Mareeckiue 'aufgeregt aus, „ich bin vockstäudig mit Jhueu eiuverstaudeu, auch mich drängt es, meine Gefangene hier“ - sie warf dabei einen Blick verzehrenden Haffes auf die wie in sich zufawmeugebrochen dasttzende Benediete, die diesen Blick freilich nicht wahrnahm, da sie ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckt hatte - „meine Gefangene hier in Sicher- heit zu bringen!“

„ Sie.. stnd alfo bereit . , ,“' [505] „Bereit, in jedem Augenblick weiter zu reisen!“ rief Frau Mareelline heftig aus.

„So geheu Sie, Lepelleaer,“ befahl der Eapitaitt dem Wacht- meister, "und kündigen das den Leuten und ich sehe, daß sie Lebensmittel gefnnden haben - sie sollen sich sputen.“

Daß sie Lebensrnittel gefunden, hatte auch läugst der Schösser zu feiuem Verdruß bemerkt ... er beobachtete still grimmig, wie sie Frau Asra Brod, Speck, Würste, Wein und - all' seinen felbstgemachtett Ziegenkäse herbeischleppen ließen!

„Ich gehe, mein Eapitain,“ sagte der Wachtmeister.

„Und hören Sie - stellen Sie zwet Leute als Posten draußen. vor die Thür dieses Saales.“

„Zn Befehl, Eapitain,^ entgegnete der Wachtmeister und schritt davon.

Die österreichischen Ofsteiere hatten sich uuterdeß still an den Tisch Mareellinens gefetzt und Sztarrai sagte jetzt. „Ich hoffe, Sie erlauben uns, einige Erfrischuua.eu zu bestellen, und gönnen uns die Zeit, sie zu genießen?“

„Ich lafse Ihnen gern die Zeit dazu,“ entgegnete der Eapitain, „um so mehr, da ich Madame wenigstens noch eine Stnnde vergönnen muß, sich auszuruhen Der Herr dort oben“ Eapitaiu Lefaillier deutete, währeud er dies sagte, aus den ge- streugett Schösser, „der Herr am Ofen dort scheint der Befehls- haber, Eommandant oder Gouverneur dieses Platzes . . . haben Sie die Güte sich an ihn in Angelegenheiten der Verpstegung zu wenden - der Weitt, den er in feinen Eafentatten führt, ist nicht übel, und da Sie seine Lattdslettte find, wird er Sie sicherlich ^ nicht schlechter bewirthen als uns!“

"Landsleute oder nicht Landslente,“ sagte hier der Schösier sich erhebend mit einem änßerst verdrießlichen Gesicht, „es ist ziemlich Eins, an wen ich den Wein abgebe, wenn er nicht be- zahlt wird!“

„Wir werden ihn bezahlen, mein Lieber!“ fiel der General, der sich Deschen genannt, ein. .

„Afra, gehen Sie zu holen“ ries der Schösser der Veschließerin zu, die durch eine Hinterthür eben wieder eintrat - „ nnterdeß,“ fuhr er, sich mit rollenden Angenbrauen zu Frau Mareelline wendend, fort, möchte ich doch um eine Aufklärung bitten, was diese junge Demoifelle verbrochen hat, die Sie so defpeetirlich behandeln und die von wohlanfehnlichen Lenteu meinem Schtttze anempfohlen ist.“

„Und von wem,“ fuhr Frau Mareelline auf, "wäre sie das?“

„Von der hochehrwürdigen Mntter Aebtifsin von Oberzell, der Frau Schwester meiues Herrn und Patrons, des Reichshof- retths Gronauer . . .“

„Vott der Aebtifsin von Gronauer!“ rief Frau Mareelline

mit dem Don der Verachtung d „ttnn, meinethalb, die Empfehlungen derfelben und Ihr Schntz .werden ihr wenig helfend ich werde sie als Gefangene mit mir fortführen . . .“

"Das junge Mädchen,“ fiel hier der General Deichen ein, „hat sich in einer Weise gegen uns ttnwahrhastig gezeigt und

uns in eine so mißliche Lage gebracht, daß wir nicht veranlaßt sein können, ihre Vertheidigung zu übernehmen, Madame. Wenn Sie uns jedoch erklären wollten, wie es kommt, daß sie für den Dienst, den sie damit der französischen Sache geleistet, durch eine so üble Aufnahme von Ihrer Seite gelohnt wird . . .“

" 'Ich habe Ihnen keine Erklärungen zu geben, mein Herr!“ antwortete Frmt Mareelline hochmüthig.

„ Sicherlich nicht! Ich habe sie auch nicht gefordert, nur höflich darum bitten wollen, wie doch wohl Jedermann thun darf,. wenn er Zeuge eines anfallenden Vorgangs ist,“ antwortete rnhig der gefangene Ofsieier.

„Wenn dieser Vorgang ihn ganz und gar nichts angeht, mein Herr, so thnt Jedermann wohl, sich nicht hitteinzttmischen,“ fuhr die anfgeregte Frau fort.

Der junge General biß sich auf die Lippen.

„ Verzeihen Sie, Madame, es war das dnrchaus nicht tneine Absicht. Mich in Ihre Händel mit diefem jungen Mädchen zu machen, konnte mir um so weniger einfallen, als ich Gefangener bin und ich Sie so n..ohl gehütet unter französischem Schutze sehe. Daß eine deutsche Dame auf der Seite nnferer Feinde ist, und daß sie über eine so stattliche Eseorte aus denselben gebietet, darf, denk' ich, jedoch tneine Verwunderung erregen.“

"Möglich, daß es das thnt,“ versetzte Fran Mareelline scharf. „ Wettn Sie 'aber nicht Oesterreicher, das heißt Leute wären, die stets um eine Idee, um eine Armee und um ein Lebeusalter hinter ihren Gegnern zurück sind, so würden Sie wissen, daß sehr viele deutsche Frauen auf der Seite Ihrer Feinde stehen, auf der .Seite Derer, die der Welt Licht, Freiheit von den alten Vor- urtheilen und Wiedereiufetzung der Menschen in ihre ursprünglichen Rechte bringen!“

„Sie lassen mich fast bedanern, Madame,“ entgegnete der Ofsieier ironisch, „daß der Sieg nnferer Waffen in den letzten Dagen unsere Feinde so ärgerlich in dem edlen Werke stört, welches sie mit so viel Selbstverlengnung und Uneigennützigst zum Be.'.en des Lichts, der Freiheit und der Menschenrechte ansführen.“

"Der Sieg Ihrer Waffen? Ach, pochen Sie nicht darattf, mein Herr General ... . die Franzofen haben noch so ungefähr immer Sie.. besiegt und werden, wenn sie auch in diesem Angen- blick sich zu.ückziehen müssen, sehr bald ihre Revanche nehmen. Dieser Erzherzog Karl mit seiner Reichsarmee und den aufgehetzten Vanern, die die Armee aus tückischen Hinterhalten überfallen, wird feinen Kriegsrühm sehr bald schwinden sehn und sehr, sehr klein werden - er wird sich in Wien sehr bald wieder die habsburgische Schlafmütze über die Ohren ziehen und zu Bette legen müsseu - man kennt das ja, sobald ihm ein tüchtiger General oder ein ihm gewachsenes Heer entgegentritt, wird der arme junge Mensch krank und legt sich zu Bett.“

Der General Deschen wechselte die Farbe bei diesen mit dem Don unsäglicher Verachtung ausgesprochenen Worten der schönen Frau. Der General Sztarrai wollte entrüstet ansspringen, aber jener legte die Hand aus seinen Arm und hielt ihn aus seinem Platz.

„Sie haben Recht, Madame,“ sagte er dabei, "der' Erzherzog Karl hat leider keine eiserne Natnr, .wie sie Iemandetn, der sich dem Kriegshandwerk widmet, zu wünschen ist. Er hat in den letzten Jahren sich einige Male krank melden lassen müssen, wettn . ..“..

Er wurde plötzlich durch ein paar Earabinerschüsse nnter- brechen, die rasch nach einander auf dem Hof abgefeuert wurden. Alle richteten anfahrend ihre Blicke durch die Fenster dahin - man nahm einen Zusamtnenlanf wahr - mehrere der Ehasseurs stürzten mit ihren Earabinerm nach der niedrigen Zinttenmatter, welche den Hos nordwärts, den Fenstern gegenüber, abschloß.

„Was giebt's, Lepelleaer?“ rief der Eapitain dem eintretenden Wachtmeister entgegen,. „haben wir diese deutschen Ehottans auf dem Halse?“

"Nein, mein Eapitain, nur ein österreichischer Husar wurde am Fnße der Mauer da drüben entdeckt. Er führte zwei lose Sattelpferde mit Generalsschabracken . . .“ s ."Ah, die Pferde unserer .Gefangenen!“

"Richtig, Eapitain, und zwei tüchtige Gäule, bei'm Schnurr- hart des ^aa^ara. heiligen Georg, wir hätten sie gebrauchen können ! “

"Nun?“

"Der Bursche, der osfeubar Unrath gemerkt hatte, hielt sich in einem Buschwerk versteckt ... er ist davon gesprengt, rechtsab in die Dhalgründe hinein.“

"Und die Schüsse?“

"Haben ihm nicht wehe gethan, er ist zum ^ck^^ant Teufel gegangen!“ .

^ne.r.^ rrall^ t^tru^r^ !“ flnchte der Eapitain, „ vielleicht haben diese Leute hier eine Reserve, näher als wir glanben, und der Schurke holt sie jetzt heran ... es ist das Beste, Lepelleaer, Du läßt zum Anfsitzen blasen!“

"Das war auch mein Einsall, Eapitain, jnst das! Ich kam den Befehl dazu zu holen.“

„Se geh'l^

"Madame,“ wandte der Eapitain sich an Frau Mareelline, "werden Sie sich im Stande sühleu, die Reise wieder anztttreten?“ "Schert jetzt?“

"Ich bedauere, daß ich Ihnen nicht längere ^eit zum Rasten geben kann . . . wenn Sie alse nicht vorziehen, die Nacht hier zurückzubleiben . . .“

"Nein, nein, nein,“ rief Frau Mareelline aus, „ich bin ja bereit!“

"Und Ihre Gefangene da wollen Sie mitnehmen?“ [506] [513] „Alle Teufel!“ hatte unterdeß der Capitain Lesaillier, an eines der Fenster stürzend und es aufreißend, ausgerufen . . . „Heda, Leute, wer kommt uns da auf den Leib? Was giebt's?“

Mehrere von der Mannschaft liefen heran.

„Es sind diese verdammten Bauern - dieses Gesindel - sie schießen in den Hof herein!“ schallte es ihm entgegen.

„Pest! Etienne und Ihr beiden Andern kommt herein und übernehmt die Bewachung unserer Gefangenen - Ihr steht mir mit Euren Köpfen für sie, merkt Euch das.“

Damit stürzte der Capitain und der Wachtmeister davon, um, während die drei Chasseurs eintraten, die Vertheidigung des Platzes zu leiten.

Die Angreifer hatten mit wohlgezielten Schüssen zwei in der Allee vor Goschenwald abgestellte Posten von ihren Pferden heruntergeschossen. Dann waren sie auf das Thorgebäude zugestürmt, hatten aber beim Anblick der großen Zahl Reiter, welche sich auf dem Hofe befanden, Kehrt gemacht; sie hatten an dem Bergabhang über der Allee verdeckte Stellungen hinter den Baumstämmen genommen und schossen von daher in den Thoreingang hinein. Capitain Lesaillier eilte, einen Theil seiner Leute in den Thorvorbau zu senden er stieg selbst mit ihnen in des Schöffers Zimmer da oben, das die Allee beherrschte, hinauf. er ließ auf die versteckten Feinde aus den Reitercarabinern seiner Leute Feuer geben - aber er sah bald, daß es ein unnützes Pulververbrennen war. - Er kam nach kurzer Zeit in die Halle zurück.

„Diese vermaledeiten Banditen!“ rief er aus. „Wer mir nur sagen könnte, wie viel von ihnen in dem Gehölze stecken, von diesen heimtückischen Strauchdieben! Madame, haben Sie den Muth, trotz ihrer Kugeln den Ausmarsch zu wagen? Nein, Sie haben es nicht! Verfluchte Lage! Ich muß aufbrechen, ich muß . ... Lepelletier - wo ist Lepelletier?“

Lepelletier war auf dem Hofe, wo er seine Reiter aufsitzen ließ.

„Lepelletier!“ schrie ihm der Capitain durch das offene Fenster zu, „ nehmen Sie fünfzig Mann als Tête, rücken Sie damit aus in scharfem Trabe - das Gesindel wird Sie angreifen, es wird Sie auf Ihrem Vormarsch rechts und links hinter den Gebüschen begleiten, Sie werden so seine ganze Aufmerksamkeit absorbiren ... später folge ich mit den Frauen und Gefangenen!“

„Während wir die Kugeln in den Leib bekommen - wie das Strohbündel die Flöhe des Fuchses - ich denke mit Verlaub, mein Capitain, wir thäten besser, uns hier im Hofe zu verschanzen und abzuwarten, ob die Caballé den Muth hat, uns hier offen anzugreifen!“

„Oder bis sie Verstärkung erhält, uns in dieser Bicoque abwürgen zu können!“

„Es ist mein Rath, mein Capitain ... nichts für ungut - Niemand hat Lust sich zum Kugelfang herzugeben ...“

Der Capitain stampfte mit dem Fuße.

„Und Etienne, Du? rief er den einen der drei Chasseurs an, die er vorher hereingerufen, und die sich an den untern Tisch gesetzt hatten.

„Wenn Sie meine Meinung wollen, mein Capitain, ich denke wie der Wachtmeister!“ sagte der Sergeant Etienne, leicht die Finger an den Tschako legend. „Entweder wir brechen Alle miteinander auf, oder bleiben miteinander - wenn diese Damen unsern Schutz nicht aufgeben wollen, so müssen sie auch unsere Gefahren theilen!“

Der Capitain sah nach der Uhr.

„Fast sieben Uhr,“ rief er aus ... „dann vorwärts, Lepelletier, zum Aufbruch! - Wir wollen abreiten - lassen Sie aufsitzen - wir wollen uns durchschlagen!“

„Mein Gott,“ rief hier Frau Marcelline, „fällt Ihnen denn gar nicht ein, Lesaillier, daß wir die Gefangenen dort haben?“

„Und die Gefangenen, was ist mit ihnen, Madame?“

„Wenn wir den Hof verlassen und es fällt ein Schuß auf uns, so senden Sie einen Parlamentair an das Bauernvolk draußen - lassen Sie ihnen bedeuten, sobald ein zweiter Schuß falle, würden Sie die Gefangenen niederschießen lassen!“

Capitain Lesaillier blickte die Dame ein wenig überrascht an.

„Ich weiß nicht,“ antwortete er dann, ob der General ...“

„Für die Gutheißung des Generals bürge ich!“ versetzte Frau Marcelline stolz ... „haben Sie ein weißes Sacktuch, es an Ihren Säbel als Parlamentairflagge zu binden?“

Mille diables, der Einfall ist gut, mein Capitain, sagte der Wachtmeister, „ich fürchte nur, die Bauern werden sich verdammt wenig daraus machen - es ist besoffenes Gesindel!“

„Aber wir können uns von besoffenem Gesindel nicht länger hier festhalten lassen wie Mäuse in der Falle!“ rief der Capitain - „also vorwärts 6- aber was ist da, welcher Lärm ist dies?“

Der Capitain wandte sich bei diesem Ausruf der hinteren Thür des Raumes zu, durch welche vorher so ahnungslos die [514] zwei österreichischen Ofsteiere eingetreten waren - es wurde da ein plötzlicher lauter Lärm vernehmbar, Waffettgeklirr und Aus- stoßeu von Gewehrkolben.

.... „Ah . .' im rechteu Augenblick!“ ries Sztarrai aus - „ich denk', es ist Muga ober Bubna

„Unfre Kaiserjäger!“ sagte der , General Tesches ausspriugend.

,'.

Die Thür war ansgeaogen, öaerreichische Ofsteiere mit ge- zogenen Degen drängten herein, hinter ihnen grüne Kaiferjäger mit ihren Stutzen und grünen Federbüschen an den attfgeklappten Filzhüten - man sah über ihren Köpfen fort und durch die geöffnete Thür den ganzen Gang draußen voa dieser Hüte und Federbüsche. ... Die Offieiere stürmten heran in der offenbarsten Ansregung.

Königliche Hoheit!“ ries ein großer, aark gebanter Mann, „da sind Sie - Gott sei gelobt . . .“'

„ Sagen Sie lieber^ da sind wir!“ antwortete lächelnd die Königliche Hoheit, der junge General - „Sie kommen jnst recht, man überlegte hier eben, ob es gegen die Baneru helsen werde, wenn tnan uns todtschieße - Bnbna und Mnga haben Sie wohl herbeigebracht?“

Jn der That, Hoheit d wir hatten uns eben erst in Marsch gesetzt, wie Lieutenant Gras Bubna den Befehl überbracht, als der Husar von der Stabswache mit Eurer Hoheit Pferdeu herau- gefprengt kam, und . . ..“

„Wo ist Kinsky?“ fiel die Hoheit ein.

„Er muß mit der T.^te seiner Bataiaone in diesem Augeu- blick unten im Thal, diefem Edelhof gegenüber, angelangt seine uns führte der Hnfar auf einem kürzeren Fnßsteig zu. Hinterseite dieses Hanses . . .“

Während rasch diese Worte gewechselt wurden, stand .der Eapitain Lesaiaier wie vom Schlag getroffen da ^ der Wacht- meiaer und die anderen Ehassenrs hatteu sich, ihre Säbel in der Faust, in eine Grnppe zu.ammengedrängt.

„.^r^ n.ckl.^ t.^tru^rr^ wir stud in einen saubern Leimtopf gefaaen, Eapitain!“ rief der Wachtmeister aus.

Madame Mareeaine war ansgespruttgen, das blasse Entsetzen in aaen Zügen.

„ Hoheit? - Der Erzherzog!“ stammelte sie.

„Der Reichsfeldmarschaa Erzherzog von Oesterreich und Herzog von Teschen,“ sagte der junge Mann, indem er sich lächelnd vor ihr verbeugte, „wie Sie seheu, heute nicht im Bett, Madame, und deshalb so glücklich, sich Jhnen jetzt ohne Jneognito vorsteaen zu köutten. . , .“

Er wurde nnterbrochen durch Earabinerschüsse und lantes Geschrei der Ehastenrs dranßen, die den vom Garten her ein- gedrungenen Feind jetzt bemerkt hatten und heranstürmten, ihren Ofsteier heranszu.anen - die Kaiserjäger warfen sich ihnen entgegen, man hörte in der Borhaae ein wüstes Getümmel beginnen.

„Mein Eapitain,“ ries der Erzherzog dem Franzosen zu, „Sie haben gesehen, gehört, daß Sie von stärkeren Streitkräften auf allen Seiten ntttringt find. Bringen Sie Jhre Leute zur Ruhe, lasteu Sie kein uuuützes Blut vergießeu - laffeu Sie . Jhre Mannschast sich rnhig im Hofe anfsteaen und alsdann kehren Sie zurück, ich habe mit Jhnen zu reden!“

„Hoheit,“ entgegnete der Eapitain, " eine französtsche Schwadron giebt sich nicht gefangen, und wenn auch zehn Erzherzoge oder Reichsfeldtnarschäae es ihr gebieten - wir stnd nmzingelt, zum Teufel, was schadet's, wir werden uns Lust machen! Lassen Sie mich mit diesen meinen Lenten zu meiner Manttschaft auf den Hof hinaus.- ich habe Jhnen vorhin aus Großmnth Jhren Degen gelaffen und verlange jetzt von Jhrer Großmnth, daß Sie mich zu meiner Mannschast hinanslassett . .

„ Jch habe Jhnen gesagt, daß Sie sich hinansbegeben foaen . . .“

„Mit diesen meinen Leuteu?“

„Mit Jhreu Leuteu da, wenn Sie mir Jhr Ehrenwort geben, daß Sie dranßen Wasfenrnhe herstellen - Bnbna, gehen Sie mit und halten Sie nnfere Leute zurück -. und daß Sie wieder- kommen, damit ich weiter mit Jhnen rede. Jch habe jhnen nicht gesagt, daß ich von Jhnen die Ergebung auf Gnade und Ungnade verlange. . . ,“ .

Der Eapitain stürmte mit feinen Lenten hinans d de^ etne der Adjntanten des Erzherzogs f.olgte ihm, man hörte dranßen ihre Stimmen stnchend und wetternd durch den Lärm schreien und das Getümmel legte .sich.

Die Ehastenrs kehrtett, wie wau durch die Fenster sah, zu ihren Pferden zurück, der Wachtmeister trieb die letzten und kampf- lustigsteu vor sich her und hatte bald die ganze Schaar im Sattel. Der Eapitain aber, der sich, fobald er Ruhe hergesteat, von aaen zuerst auf sein Pferd geworfeu hatte, sprengte dicht an das offene Fenster der Halle heran und schrie herein^ '

„Nuu, meine .Königliche Hoheit, bitte ich um das, was Sie mir fagen woateu! Jch “ werde hier draußeu an der Spitze meiner Leute ein befferes Berständuiß dafür haben, als da drinnen in Jhrer Gewalt - tt^ ^tr.^ ^tr ck.^ck.^i^!“

„Mein lieber Eapitain,“ antwortete der Erzherzog lächelnd, „Sie verkennen tneine Absichten. Sie hätten rnhig zu.ückkehreu können. . . .“

„Jch habe mein Ehrenwort zu.ückzukehreu nicht gegeben!“ „Neitt, aber Sie geben das, so lange wir unterhandeln,. Waffenruhe halten lasten zu woaen?“ „Jch gebe es!“

„Wohl denn, so hören Sie. Sie sind mit Jhrer Schwadron abeommandirt zu. Beschützung dieser Dame hier?“ „Das bin ich!“

„Und wenn ich Sie zwänge, die Waffen zu strecken, so würde die Dame nicht aaein weiter zu ziehen wagen, ich hätte mich selber der Ausgabe zu unterziehen, sie zu beschirmen . . .“

„Jch müßte sie Jhrem Schutz, Jhrer Ritterlichkeit auempsehlen, Hoheit!“

„Und sie scheint in dieser Beziehung ein weuig verwöhnt, meiu Eapitain?“

„Es wäre Mangel an Erziehung, wenn ich Enrer König- lichen Hoheit widerspräche.“

„Wer ist die Dame?“

„Sie ist die Gattin des Schösten und zeitigen Reichsschultheißen Boarath zu Franksurt am Main“

„Des Reichsschultheißen, eiues dem Hause Oesterreich so ver- buttdeueu und, so viel ich weiß, auch tren ergebenen Mannes?“ ries der Erzherzog aus. „Madame,“ wandte er sich an Frau Mareeaiue, „ich hätte nicht geglaubt, in Jhueu eine so erbitterte Feindin zu studeu.“

„Hwheit,^' stammelte Frau Mareeaiue, weiß wie ein Tuch und nur höchst mühsam so viel Athem gewiuuend, um reden zu können, „ich kann nichts als meine Berzweislung ansdrücken, daß ich so nnbesonnen . . .“

„Daß Sie so nnbesonnen sich in eine Lage brachten, wo Sie nun meinem Schntze übergeben sein .soaen! Bernhigen Sie sich, Sie soaen der Ritterlichkeit eines Mannes, den Sie so hassen, wie mich, nichts zu verdanken haben.“

„Jn der That, Eapitain,“ wandte der Erzherzog Karl sich dnrch's Fenster an den 'französischen Ossteier zurück, „ich habe nicht die geringste Lnst, mich länger der gefährlichen Nähe einer stachen Feindin, wie Madame uns ist, anszufetzen. . Jch überlaste sie sehr gern Jhrem weiteren Schntz, und damit Sie diesen ans- üben können, ziehen Sie ungehärmt mit Jhren Lenten davon. Wie Sie mir meinen Degen gelasten, laste ich Jhnen die Wasten. Aber ziehen Sie sofort ab.“

Der Eapitain Lefajaier fenkte vor dem Erzherzog die Spitze feines Säbels.

„ Königliche Hoheit, das find Bedingungen, die ich annehmen kann. Jch danke Jhnen dafür, Sie werden einen Berkünder Jhres Ruhms und Jhres Edelmuths mehr in der Welt haben.“

„Jch kämpfe nicht um den Rnhm, mein Eapitain, fondern um die Freiheit des Reichs von hochmütigen Feinden - das ist Aaes, .'oas uns je dte Wasfe in die Hand drücken wird gegen die, welche nichts hindert, nnfere Frennde zu sein.“

Der Erzherzog entließ den Eapitain mit einer stolzen Ber- bengung des Hauptes, und dann sagte er zu Frau Mareeaiue^ „Uud uuu, Madame, brecheu Sie auf.“

Madame hatte ihre Farbe, ihren Muth wiedergefuudeu.

„Aber ich gehe nicht, ohne diese meine . . .“ sie stockte, „meine Gefangene,“ ries sie dann, „ohne sie!“ ^ „Was hat das Mädchen verbrochen?“ ^ „Soa tch da'^ hiet' Enrer Hoheit berichten, diese lange er- [515] schütternde Geschichte, während alle diese Zeugen umhersteheu und während Sie mich zu raschem Anfbruch mahnen . . .“

„Nein nein, Madame, Sie haben Recht, ich begehre Ihren Bericht nicht, ich verlange nicht, mich in Ihre .Angelegenheiten zu machen, gehen Sie mit Gott, nehmen Sie das junge Mädchen mit sich, ich habe keine Veranlassung , es gegen Sie in Schntz zu nehmen, es hat entweder sehr verrätherisch oder sehr unbesonnen und leichtfinnig gehandelt, als es mich hierher führte, gehen Sie! Lieuteuattt Mnga, führen Sie die Dante fort und befehlen Sie dann den Banern dranßen, die Schwadron Ehassenrs fortzieheu zu lassen, ohne sie anzu.reifett! Bringen Sie mir fodann den Anführer der Bauern her.“

Der zweite Adjntattt des Erzherzogs verbeugte sich vor der Dame. Frau Mareellate waudte sich zu Benediete mit einem barschen, scharfen "Komm!“ und Benediete erhob sich gefaßt. "In Gottes Namen,“ sagte sie leise, "Sie werden mich zu Riemand anders bringen können als zu meinem Vater,. und er mag über mich richten!“

Die drei Franen entfernten sich, von dem Lieuteuattt geleitet, aus dem Raum.

Wenige Minten nachher waren sie dranßen auf den Rücken der ..Pferde gehoben der Trupp der Ehaffenrs fetzte sich in .Be- wegung und verschwand unter dem Thorbogen von Haus Goschen- wald.

"Sie waren sehr großmüthig, Hoheit!“ sagte jetzt der General Sztarrai.

"Ich denke,. wir haben der Gefangenen genug, lieber Freund, und wo wäreu wir mit den Weibern geblieben? Es ist besser sod lassen Sie jetzt die Bataillone von Kittskh nach meinen ur- sprünglichen Vefehleu vorgeheu und ihren Marsch beschleunigen, der Abend kommt heran. Die Compagnie Kaiserjäger mag sich hier in diefem Hanfe und auf dem Hofe einrichten, ich will sie zu meiner Bedeckung bei mir behalteu. auch die Stabswache soll hier- herbeordert werden, ich werde die Nacht über hier mein Hanptgnartier aufschlagen, veranlassen Sie das Nothige, Sztarrai!“

Der General wandte sich den Adjutanten und Offieieren, die vorhin in den Ranm gedrungen, zu, um ihnen die Befehle

des Erzherzogs zu übermitteln mehrere von ihnen eilten davon und das fonst so stille Goschenwald wurde im Lauf des Abends und der Nacht von all' dem Getreibe, dem Hiu- und .Hereilen von Offieieren Ordonnanzen und Fonrieren, dem Anfstelleu von Posten d- Ankommen und Abreiten von Adlutanteu erfüllt, das ein Hauptquartier charakteristrt. Der alleingebietende gestrenge Herr Schösser mußte erleben, wie er zu eiuem Nichts schwand, um das sich Niemand auch nur so viel kümmerte, als wemt.. er, statt eines

foffilen Reichstruppeu-Lieutenants, ein an der Decke ansgehängter, ausgestopfter Seehund oder Haistsch gewesen. Frau Afra sah ihre Katumeru erschloffeu, ihre Schränke anfgeriffen, ihre Vorräthe weggenommen, ihre Betten und Leintücher nmhergeschleppt, ihr Kücheugeräth durcheinander geworfen, als ob der jüngste Dag an- gebrochen und der liebe Gott, der sonst einem rechtschasfenett und ordentlichen Weibe beisteht, schou zum letzten Gericht davon- gegangen!

Der Erzherzog hatte sich in der Ecke hinter dem großen Dache niedergelaffen und ließ ein Portefeuille, das einer der Ofsteiere gebracht, öffueu - er begautt ebett, die Vlätter und Papiere, die es enthielt, meist nur mit Bleistift beschriebene Zettel, vor sich auszubreiten um darnach Befehle zu dietiren, als plötzlich ein verwildert ansehender Mann in grüner Iägertracht, das Gesicht geschwärzt vom Pnlverranch, die wirren blonden Haare zurückgestrichen, die Kleider bestänbt und alle Zeichen der Erregung in seinem Wesen, vor ihm auftauchte - der Adjutant Bubua hatte ihn hergebracht und folgte ihm , um ihn mit den Worten vorzu.tellen ^

"Der Revierförster Wilderich Bnchrodt, der Anführer der Bauern, den Königliche Hoheit zu fprechen verlangten.“

"Ah - der brave Mann, der uns so sehr im richtigen Augenblick zu Hülfe kam!“ sagte der Erzherzog, ihn fairend. "Ohne Sie und Ihre Leute.. wär' es uns schlimmer ergangen, mein lieber Herr Reviersörster - man war just im Begras, uns als Gefangene abzu.ühren, als Ihre Kugeln in das Hofthor schlugett ... ich wollte Ihnen das selbst sagen, wackrer Mann . . . ich bin Ihnen dankbar, und kann ich etwas für Sie thun, so sagen Sie es mir!“

"Königliche Hoheit, ich verdiene diesen Dank, der mich sonst so glücklich machen würde, nicht ganz.“

"Sie konnten freilich nicht ahnen, daß ich den Verfnch machen würde, von der Straße, die über Getnünden und Lohr führt, aus auf die Rückzu.slaae des Feindes zu operiren . . . und daß ich dabei in eine folche Lage gerathen sei . . .“

"In der Dhat nicht,“ entgegnete Wilderich. "Ich wollte Hans Goschenwald schon früher besetzen, aber meine Leute ließen sich aus dem Kampfe da nnten nicht fortbringen. Erst als ich erfahr, daß sich Franzosen in dieses Thal geworfen, folgten sie mir, um Haus Goscheuwald zu sichern.“

"Uud der Zufall wollte, daß Sie Haus Goscheuwald gerade in dem Augenblick zu Hülfe kamen, als sich der Reichsfeldmarschall darin in den Händen der Franzofen befand . . .“

"Der Znfall allerdings,“ stel Wilderich ein "denn meine Absicht war, Iemand anders aus den Händen der Franzofen zu erretten.“ . ...

"Iemand anders? Und wer wäre das?“

"Ein junges Mädchen, oon dem ich zu meiner Verzweiflnug ebeu höre, daß Eure Hoheit sie den Häudeu der Feiude überlafseu und von einer wider sie angebrachten zornigen Frau habeu fortführeu laffeu - Ihr Adjutaut erzählte mir Alles - und, Königliche Hoheit, das fetzte mich in Verzweiflung, denn ich kenne dieses

Mädchen ich bin in tiefster Seele überzeugt, daß sie des Schutzes,

den sie hier tuit der besten Empfehlung einer hochstehenden Frau zu suchen kam, so würdig wie bedürstig ist . . .“ "Sie kennen das Mädchen?“

"Ich kenne sie - ich habe nur wenige Male mit ihr zu sprecheu das Glück gehabt, aber hinreichend, um die Haud dafür in's Fetter streckeu zu wollen, daß . . .“

"Ihr Herz,“ unterbrach ihn lächelnd der Erzherzog, "steht wenigstens schon im Fener, in vollen Flammen, wie ich fehe -

nun, ich will Ihnen glanben obwohl . . .“

"Königliche Hoheit hegen den Verdacht wider sie, daß Sie gestifsentlich von ihr getänscht worden - aber das ist ja gar nicht möglich d hätte die Unglückliche geahnt, daß, während sie von diefem Hanse entfernt war, Franzofen hier eingerückt feien und inmitten dieser Franzofen die Frau, welche ihre Dodfeiudiu zu sein scheint, bei Gott, sie würde doch nicht so thöricht gewefeu

sein, hierher zurückzukehreu , hierher Eure Köuigliche Hoheit zu geleiten!“

"Alfo Sie glanbeu, das junge Mädcheu habe die Auwefeu- heit der Ehafseurs nicht gewußt?“

"O gewiß, gewiß ist es so - ich selbst war vor wettig Stunden hier und gab der Demoiselle Benediete die Versicherung, daß ich über Goschenwald wachen, für ihre Sicherheit eatsteheu wolle . . . und doch, o mein Gott, weshalb kam ich zu spät! Aber das Gefecht nnten an der Verrammelung der Heerstraße war

so scharf und hitzig, ich konnte tneine Leute nicht aus dem Gefecht herausziehen , sie wareu gar nicht fortzubriugen - erst als wir uns vor den stärker nachdringenden Franzosen - das .Gros der Diviston Lefebvre kam eben heran - zurückziehe tttnßten und wir erftthren, daß sich eine Abtheilung in die Mühlenschlncht gezogen, erst da brachte ich meine Leute hierher, früh geung, um noch zu verhindern, daß Enre Königliche Hoheit nicht etttführt wurde, aber nicht früh genu.^ . . .“

"Was soll ich nun aber bei der Sache thun, mein lieber

Mann?“ stel ihm der Erzherzog in's Wort - "was geschehen ist, ist geschehen - ich bedanre es um Ihretwegen , aber ich kann es nicht wieder gut machen - die Ehafseurs sind sort, Ihre Demoiselle Benediete mit ihnen - sie sind beritten und Ihre Bauern nicht . . .“

"Freilich, das ist ebett meine Verzweiflung - sie haben einen Answeg aus diefem Thal gefacht, der sie bald in's Freie führt - verfolge ich sie mit meinen Banern, so kann ich höchstens ihnen noch einige Leute tödtett - sie anhalten nicht! Aber wenn Enre Königliche Hoheit Eavaliere . . .“

"Mein lieber Mann,“ nnterbrach ihn der Erzherzog lächelnd,' "folch' ein Verliebter wäre im Stande, zu. Rettung seiner Demoiselle die gesammte kaiserliche Armada in Marsch zu setzen - lassen .Sie mir meine Eavalerie, wo ich sie gebrauche! . .. .“

"Aber ttttterdeß . . .“

"Ich habe auch,“ fuhr der Erzherzog, ohne auf Wilderich's Unterbrechung zu achten, fort, "ich habe auch diesen Ehaffenrs [516] 

mit fammt ihren Weibern eiumal den ungehinderten Rückzu. ver- stattet und zugefagt - das iß nicht mehr zu ändern . .

„Aber,“ fiel Wilderich in größter Erhitzung wieder ein, „Ener Hoheit Adjutant sagte mir, daß jene Frau das arme Mädchen als eine Berbrecherin mißhandelte, und Gott weiß, welches Schickfal dafselbe nun bedroht, wenn Niemand auf der Welt da ist, sich ihrer anzunehmend' . . .

„Hm,.“ versetzte der Erzherzog nachsinnend und für ach - „die Fran ist die Gattin des zeitigen Schnltheißeu in Frankfnrt . . . man könnte am Ende bei diefem intereediren.^ . . .

Solch ein zorniges, rachsüchtiges Weib ia zu Aaem fähig !“ rief Wilderich in feiuer Verzweiflung aus.

Der Erzherzog warf einen Blick auf ihn - dann sagte er in heiterem Tone.

„Jch fehe schon, ich werde etwas thun müssen, um wegen dieser Demoiseae, dieser versolgten Unschnld, bei einem Mann, dem ich Dank schuldig bin, nicht gar zu sehr als herzlos und aaes Gesühles baar in Verachtung zu gerathen! Seien Sie rnhig, ich werde .Jhre Dame unter meinen persönlichen Schutz aeaeu.“...

Er nahm eines der vor ihm liegenden weißen Blätter und begann rasch zu schreiben. Die Worte lanteten..

„Mein lieher Schnltheiß! Jch versolge den Feind nnabläsag und werde, so Gott wia, am Abend des 'i'. Septembers vor den Thoren von Franksnrt sein - ich rechne dabei auf Jhren Einfluß und Jhre Autorität über Jhre Mitbürger^ daß diese nicht zögern, mir trotz der fran- zöaschen Streitkräfte, welche alsdann noch dort sein könnten, fofort und ohne Zögern die Thore zu öffnen, nöthigenfaas die Oeffnung derselben . erzwingen. Sagen Sie Jhren Mitbürgern, welche ach von dem gewalttätigen Feind foaten einschüchtern lassen, daß die Herrschast desselben zu Ende ist und meine siegreiche Armee ach sona die Thore von Frankfnrt mit jenen Maßregeln der Gewalt öfsnen wird, die für die Bürgerschaft sehr verhängnißvoa werden können.

Jch vertrane, mein lieber Schnltheiß, darin auf Jhre be- währte Anhänglichkeit und Hingebung für das Hans Oesterreich und das deutsche Vaterland!

Anßer diefem wende ich mich an Sie mit einem perfönlichen Begehren. Jhre Gemahlin hat unter Umständen, welche diefelbe Jhnen berichtet haben wird, unter französtscher Eseorte eine De- moifeae Beuediete mit sich fortgeführt, nachdem sie diese mit Beschnldignugen beladen, deren Bedeutung mir nicht bekannt ge- worden ist.

Jch habe Theil an dem Schickfal dieses Mädchens zu nehmen gewichtige Veranlastung bekommen, und würde es als eine be- sondere mir erwiesene Eonrtoiste und Rücksicht betrachten, wenn diefelbe mit Hnmanität behandelt und über sie nicht eher irgend ein Entschlnß gefaßt würde, als bis ich nach wenigen Tagen per- fönlich meine Vermittlung in der Angelegenheit derfelben eintreten lassen könnte. Jch vertrane darin auf Jhre Gestunungen, mein lieber Schultheiß^ und bin Jhr wdhlgewogener^

Reichsfeldmarschaa Karl Erzherzog.^

Der Erzherzog faltete und flegelte den Briefe während er die Adreste schrieb, sagte er^

„Jch hoste, dies wird Sie bernhigen, lieber Mann. Die Fran, in deren Gewalt sich das Mädchen bestndet, ist die Gattin des Schösten und zeitigen Schnltheißen Voarath zu Fraukfurt ^ ohne Theilnahme dieses Mannes wird ihr nichts geschehen und sie wird sicher sein von dem Angenblick an, wo dieser Brief in die Hände dieses Mannes gelangt. Sehen Sie alfo , daß^ Sie möglichst rasch und ungehindert nach Frankfurt und trotz der Franzofen hinein kommen und dem Herrn Voarath diesen Brief übergeben. Haben Sie den Mnth?“

„Den Mnth, Hoheit?“

„Nun ja - die Reife wird nicht ohne Gefahr für Sie sein . . .“

„Jch weiß es. Wenn die Franzofen einen Brief Enrer Königlichen Hoheit bei tnir fänden . . .“

„Würden sie Sie nicht viel bester als einen Spion behandeln.“

„Man wird ihn nicht stnden - das sei meine Sache!“ .

„Wohl denn - so gehen Sie mit Gotte warten Sie noch, um sich einen Pafstrschein geben zu lassen, damit .Sie durch die

Borposten nnferer Armee gelasten werden, wenn Sie zurückkehren woaen“

„Jch bitte darnm!“

Sztarrai^ fertigen Sie ihn aus!“ sagte der Erzherzog.

Dann wandte er sich wieder feinen Depeschen zu. Sztarrai fnate ein kleines Formnlar, das er aus einer der von dem Adjntanten vor ihn gelegten Mappen nahm, aus und reichte es Wilderich. Diefer steckte es nebst dem Briese des Erzherzogs zu sich und sagte..

„Jch danke Ener Hoheit aus voaer Seele.“ Schon gnt, mein lieber Mannt snchen Sie mich wieder auf, um mir zu berichten, wie es Jhnen ergangen und wie der Dame und Jhre Angelegenheiten stehen.“

Wilderich verbengte steh und ging eilig davon.

Als er draußen wieder bei feinen bewaffneten Bauern war, berichtete er ihnen des Erzherzogs Dank, und wie sehr ihr Angriff . auf die Ehastenrs diefem im richtigen Angenblick zu Hülfe ge- kommen. Jetzt waren sie nnnütz hier oben. So setzte sich der Trupp wieder in Bewegung und zog neben der österreichischen Jnfanterie-Eolonne, di.^ der Erzherzog in die Flanke des rück- ziehenden Feindes vorgehen ließ und die jetzt in voaer eilig vor- wärts dringender, Bewegung war, über die Bergeinfattelnug in die Mühleufcklucht hinein und weiter hinab gegen die Heerstraße.

„Was meinet Jhr Mannen,“ rief, als sie am Forsthanfe und der Mühle angekommen waren, einer der Lmte, „nenn wir hier Schicht machten?“

„Znm Tenfel ja,“ sagte ein Anderer, der Forstlänser Sepp, „ich hab's satt hier neben diesen Oesterreichern sich herzu.netschen und den Gänsemarsch zu machen -“

„J freilich, die können ja das Geschäst jetzt da nnten selber abmachen,“ rief ein hochstämmiger Baner, der eine Flinte über dem Rücken und eine andre in der Hand trug, eine erbentete franzöfische Mnskete - „ich hab' aus meinen zwei Blasrohren heute fieben todt und fünf angeschosten -macht jnst ein Dntzeud und das ist^ geung e den Dreizehuten, bei meiner armen Seele, müßt' ich beichten!“

„Der .Krippaner hat Recht!“ sagte ein kleiner nntersetzter Kerl, dem der eine Aermel seiues Wamses zerrisseu an der Seite herabbaumelte, „wir macheu Feierabend und brecheu in des Gevatter Wölste's Mühle ein - die anderen, die nicht Ranm mehr drin studeu, köuueu im Forsthaus Unterschlnps stnden für die Nacht -“

„Wo ist der Wölsle ... und wo ist der Eommandant?“ wurde jetzt von aaen Seiten gernsen.

„Hier ist der Eommandant!“ antwortete die Stimme Wil- derich's aus den hinteren Reihen. „Macht Halt vor der Mühle!“

Bald war der ganze Trnpp vor der Mühle versammelt - Gevatter Wölste ging als Onartiermacher hinein, während Wil- derich die Berwnndeten unter der Schaar vorrief - es waren ihrer vieaeicht zwanzig, die Streifschüste ober Schrammen erhalten und sich so gnt wie's ging mit Tüchern und Lappen verbnnden hatten - einzelne, die im Lanfe des Tages schwerer verwundet worden, hatten sich gleich fortbegaben, um ihre Wohnungen im Gebirge aufzufuchen - ein paar auch lagen todt und noch uu- bestattet in den Büschen, man überließ ihren Berwandten, sie zu fnchen und zu holen.

„Mit den Verwnudeten,“ rief Wili^erich^ „geht der Ehirurgus in meiue Wohnung, in's Forsthaus drüben Da ist mehr Raum für sie, und sie können sich da ordentlich verbinden lasten'. wo die Anderen bleiben, da wird's nicht angehen so gnt in dem Lärm und Trttmlt, den diese machen werden. - Ehirurgus!“

„Hier!“ rief ein wie ein Grobschmied ausfeheuder Manne er war in der That Schmied in einem der nächsten Dörfer, und weil er nebenbei Pferd und Rind enrirte, in Ermangelung eines gelehrteren „Pstasterkastens“ zum Ehirnrgns der Trnppe besteat.

„Geht hinüber und laßt meine Margareth Ench Leinen und was Jhr bedürft, geben - forgt dafür, daß sie nicht zu viel trinken - und nnu zieht ab!“

Der Trupp der Verwuudeten fetzte sich, von dem Enrschmieb geführt, in Bewegung.

lFortfetzung folgte [517] [529] "Und nun Du, Krippauer, und Deine Knechte und der mit dem Aermel da, Ihr seid die Proviantmeister,“ sagte Wilderich. „Geht und holt einen der Proviantwagen, welche die Franzosen haben stehen lassen müssen, weil wir ihnen die Pferde todtgeschossen habend es stehen ihrer genug die Heerstraße entlang.“

"Es stehen ihrer genug da, das weiß ich,“ entgegnete der Krippauer, "aber wie bring' ich einen herauf?“

"Hilf Dir selbst! Sieh, daß Du ein Paar herrenlose Pferde auffängst; oder nimm Dir Leute genug mit, daß Ihr den Wagen selber. heraufziehen könnt -“

"Gut, ich geh' ja schon!“ antwortete der Krippauer, "aber ich muß mehr Hülfe haben als den zerrissenen Schulmeister hier und meine zwei Knechte -“

"Freiwillige vor!“ rief es.

Ein Dutzend waren bereit, dem Krippauer zu helfen, und der Haufen eilte davon, weiter die Schlucht hinab.

Als sie abzogen, ließ sich unten, von der Heerstraße her ein plötzliches lebhaftes Kleingewehrfeuer hören - die Spitze der österreichischen Colonne mußte eben unten eingetroffen sein und in den marschirenden Haufen der Feinde ihre Salven schleudern.

"Jetzt wird's da unten ein gutes Durcheinander geben!“ rief der Forstläufer Sepp, "wenn der Krippauer sich nur aus dem Gemeng herausholt, was wir brauchen! - wär' schlimm, wenn bei der Affaire nicht so viel Arbeitslohn herauskam'.“

Unter diesen Ausrufungen hatte die Schaar - es mochten etwa noch hundertundfünfzig Köpfe sein - sich in die Mühle gedrängt und in alle Räume des kleinen Gebäudes ergossen ... das heißt, so viel von ihnen hineingingen, denn ein großer Theil mußte draußen bleiben, weil der Platz drinnen nicht reichte. Gevatter Wölfle schleppte eilig mit den Seinen Stroh und Heubündel auf den freien Raum vor seiner Mühle, damit die Männer sich drauf lagern konnten; diese waren thätig, seinen Holzschuppen zu plündern und Reisig und Scheitholz herbeizuschleppen, um vor der Mühle ein großes Wachtfeuer anzuzünden; nach kurzer Zeit flammte es in heller Gluth in die Höhe und die Bauern lagerten sich in malerischen Gruppen umher.

In malerischen Gruppen - es konnte nichts in der That frappantere Bilder bieten, als dies kleine Bivonac bewaffneter Bauern, die von einer heißen und blutigen Tagesarbeit ausruhten, in wunderlich bunten Kleidungsstücken, mit staub- und rauchgeschwärzten Gesichtern, mit den verschiedensten und seltsamsten Waffen neben sich, müde, hungrig, durstig und doch in der tollsten Laune, in der ganzen Erregung eines triumphreichen Tages, wie sie einen ähnlichen in ihrem Leben nicht gesehen, inmitten eines großen geschichtlichen Ereignisses, wie sie nie inmitten eines ähnlichen selbsttheilnehmend und werktätig helfend gestanden.

Es war nach und nach dunkel geworden. Die Flammen fingen an greller und glühender die altergeschwärzte Mühle, die Bergwände und die Gruppen der Männer umher zu beleuchten und jenes eigentümlich intensive Grün der Baumwipfel hervortreten zu lassen, das der Baum an den Stellen, wo er hell beleuchtet ist, dem rothgoldenen Glanz nächtlichen Lichtscheins entgegenhält.

Von drunten her tönten noch immer Flintenschüsse, aber sie wurden seltener und seltener, die Nacht schien auch dort unten Ruhe zu gebieten; die Oesterreicher sandten einen Haufen Fouragiere herauf, von denen die Bauern erfuhren, daß sie weiter unten in der Schlucht bivouakiren wollten ... die Fouragiere sollten Heu und Stroh zum Lager herbeischaffen einige von ihnen nach den ihnen nachkommenden Proviant- und Gepäckwagen ausschauen - sie mußten weiter ziehen, die Mühle und das Forsthaus hatten keine Hülfe für sie; nur Gevatter Wölfle's Holzschuppen spendete ihnen eine Beisteuer an getrocknetem Holz für ihre Beiwachtfeuer.

„Wo der Krippauer bleibt?“ rief der mit dem umgewendeten Rock, nachdem ein Theil der Oesterreicher aufwärts weiter und ein anderer mit Scheiten und Reisigbündeln beladen abwärts gezogen war; „ich fürchte, geräth der mit seinem erbeuteten Proviantwagen unter diese Cameraden drunten, so werden sie uns nicht viel drin lasten!“

„Weshalb nicht gar,“ antwortete der Krepsacher, "'s sind ehrliche Ober- Oesterreicher, gute Bursche, deutsches Blut, keine Welsche und Kroaten - solche, weißt Du, von denen dem Sepp seine Geschichte geht ...

„Dem Sepp seine Geschichte? Und wie lautet Deine Geschichte, Sepp? Her damit!“ sagte der Umgewendete.

„Kannst sie haben, Jochem, sie ist kurz genug,“ versetzte Sepp. „Es waren ihrer drei von diesen Böllern im Quartier bei einem Bauer; der hat ein silbernes Crucifixbild über dem Bett hangen. Sagt am anderen Morgen der Eine heimlich zum Andern: ‚Host Du g'sehen - Herrgott, silbernes, in der Kammer?“ [530] tner?“ - Sagt der Andere^ ^Hob i schon! ^- Sagt der Dritte

,Host Du gchobt!^“

Ein lautes Gelächter folgte, das in einen allgemeinst Hurrahrnf überging, als jetzt der Krippaner mit feinen Kenten, die sich mit Stricken vor einen französischen Fottrgonwagen ge- spaunt hatten, auftanchte. Alle eilten ihm entgegen, um Hand anzulegen und den Wagen bis zu dem Wachtfener vor der Mühle heranfzu.efbrdern.

"Tettfel, der ist gnt beladen,“ rief der Krepsacher. "Ich mein's,“ sagte der Krippauer, der jetzt mit den Seinen verschnanfend nebenher ging und sich die Stirn wischte, "ob er schwer ist! . . . Wir haben auch einen gnten ansgefncht -.könnt's uns danken!^ .....

"Ist Gepäck drin?“ fragte der Umgewendete. "Es ist Alles drin,“ verfetzte der Krippauer d "es muß solch ein Generalsküchenwagen sein, und es schaut aus driu wie in der Vorrathskammer des Abts von Neustadt d das Herz soll Euch aufgehen, Ihr Männer, wenn Ihr dreinschant ... hat dies Franzosenpack was Ehrliches zu.ammengeranbt!“ ^.'^

Und das Herz ging den Männern auf, als sie den Fourgon ösfneten und feineu Inhalt plünderten. Brod und Würste, Ge- backenes, kaltes Geflügel, Pasteten, Kuchen, Flaschenkörbe mit Bocksbenteln, genug wurde aus dem Innern heransgelangt , um die ganze Mannschaft satt und - trunken zu machen. Dazn silbernes Geräth und Teller und Drinkgeschirr - das letztere diente zu.rst, überströmt von dem Inhalt des goldenen Main- und Steinweins, der aus den Bocksbeutelu stoß.

^ "Hurrah, es lebe das heilige römische Reich!“ rief der Knirps, der Krepsacher, aus, uachdem er ein Krhstallglas halb geleert, "das ist Gewächs von der Harfe, denk' ich, hab's nie bester bekommen - so laß ich mir die Franzosenjagd gefallen!“ "Klagst jetzt nicht mehr, daß man den Kerlen nicht. die Haut abzieheu und sie nicht als Hafen schmoren kann?“ lachte der mit dem zerriffenen Aermel, der Schnlmeister.

"Nein - so. kann's fortgehen - morgen ' und alle Tage,“ versetzte der Kuirps, den Rest hatunterschlnckend. "Ich denk', wir macheu so weiter! Was haben wir auch die Soldaten, die Oesterreicher, nöthig? Wenn Jedermann von uns Bauern wäre wie ich, und drei Gulden fich's kosten ließe für Schießpnlver - Iedermaun von den Förstern und Banern im ganzen römischen Reich, wir schlügen die Franzofen allein zum Land hinans und nachher, dann gingen wir über den Rhein und in ihr .Land hinein und machten's dort, wie sie bei uns. Steinwein wie diesen da haben sie freilich nicht - aber was sie haben, wird auch nicht schlecht sein, und es ließ sich probiren!“

"Armer Tropf!“ sagte der Schnlmeister, "meinst Du, die großen Herren ließen Dich rtthig Dein Pulver verkttalleu und auf Deine Faust nach Frankreich ntarschiren, damit, wenn Du heim- kämst, Du uachher das große Maul führtest? Jetzt, weißt, habeu sie uns losgelaffen, weil sie uns brauchen können, wie die Hnnde, wenn die Rättber auf den Hof kommen. Später werden sie Dich schon wieder an die' Kette legend

"Ah bah, wenn wir Alle zusammen hielten - könnten wir nicht damit anfangen, daß wir die großen Herren erst einmal an die Kette legten?“

"Weshalb nicht gar,“ fuhr der Krippauer dazwischen, "wer sollt' sie dann füttern? Die Sorte frißt zu viel!“

"Nun, so säheu wir's den Frauzoseu ab, wie sie sich drübeu ihre großen Herren vom Halse schassen^ die haben's doch gekouut!“ antwortete der Krepsacher, sich das Maul mit einem Biß in ein kaltes Feldhuhu stopfeud.

Wilderich trat in diesem Angenblick in den Kreis und uuter- brach diese Reden die bewiesen, daß der gestrenge Schösser nicht so ganz Unrecht. hatte, wenn er behauptete, das Bolk im Laude sei von den Republikanern mit Gedanken angesteckt, die in den Zeiten seiner stegreichen Ansmärsche wider den Reichsfeind noch nicht erfnnden waren.

Wilderich war in seiner Wohnung drüben gewesen, für die Unterkunft der Verwuudeten zu sorgen, nach Margarethe und dem Kinde zu sehen, die gegen Abend aus einem Fluchtversteck im Walde zurückgekommen waren, und seine Vorbereaungen für seine Reife zu treffen

"Wo bleibt Ihr, Eommandant?“ riefen ihm die Banern entgegen, "eßt und trinkt!“

„Ich habe in meinem Hause gegeffen und getrunken,^ ver- fetzte er und zog den Krippatter am Wamms zur Seite.

Krippauer,“ sagte er dabei, "hört, ich muß Euch verlassend

"Berlaffen - Ihr - uns ^ jetzt? Znm Teufel, das wäre nicht recht, Eontmaudaut!“

"Und doch muß ich. Ich muß nach Frankfurt. Fragt mich nicht weshalb!“

"Das möcht' ich doch wissen . .

"Wohl denn, weil der Erzherzog mir einen Brief dahin gegeben. “

"Der Erzherzog? Nun, wenn das ist - aber wie wollt Ihr nach Frattkfurt kommen - durch das Franzofengewühl auf allen Straßen., die dahin führen?^

"Ich denk', ich werd's möglich machen - ich muß eben! Unterdeß führt Ihr die Leute, wollt Ihr, Krippauer ?^

"Ob ich will . . . fragt lieber, ob ich kann? Sie werden nicht auf mich hören!“

"Sie follen auf Euch hörett, ich werd's schou machen.^

"Da bin ich begierig, wie Ihr's macheu wollt, daß die Refpeet vor dem Krippauer bekommen!^

"Hört nur - tretet neben mich an's Feuere

Wilderich trat mit dem Krippauer in die Runde der Ge- lagerten und rief. „Ihr, Ihr Leute hier, feid ruhig . . . hört mich an!“

"Still, der Eommandant will reden, er wird uns sagen, ob wir sie an die Kette legen oder abthnn follen, wie die Franzofen,“ schrie der Krepsacher.

"Ich wuß,^ hob Wilderich an, "ich muß Euch verlassen, brave Frennde! Ihr seid mir gefolgt, habt mir gehorcht und gute Manneszu.ht gehalten. Dafür dank' ich Euch. Jetzt muß ich Ench verlassen, weil ich von dem Erzherzog und Reichsseld- marschall einen Brief bekommen habe, den ich uach Frankfurt bringen muß!“

"Ach, redet nicht so,^ stel der Schulmeister ein. "Ihr dürft von der Compagnie nicht defertiren, Hauptmann!“

"Ich defertire auch nicht, ich nehme nur Urlaub d und uuter- deß laß ich Euch einen Lieutenant, dazu hab' ich den Krippauer erwählt, deuu der ist ein wackrer Mann, stark wie Zehu und ist in seiner Iugeud auch eine Weile Soldat gewesen bei den Hohe- lohe'schen! Wollt Ihr ihm folgen wie mir?“

Die Banern schwiegen theils verdntzt, theils mißvergnügt, bis Wilderich fortfuhr. "Na, meint Einer, er ist nicht der Stärkste, so komm' er vor und schlage sich mit dem Krippauer . . . wenn ihn Eiuer uiederrittgt , so soll der mein Lieutenant werden! Hat aber Keiner jetzt den Mnth dazu. so gehorcht ihm nachher auch! - Nun, hat Keiner Lust? Wie ist's mit dem Krepsacher? Schanst ja so tückisch drein! Kremp' doch Deine Hemdärmel auf!^

Die Anderen lachten nnd^ "Es lebe der nene Obereomman- data, es lebe der Krieg, es leben die Franzosen und ihre Küchen- wagen !^ schrie es bald dnrcheatander.

. "Siehst's nun, Dtt Knirps von Krepsacher,^ rauute der' Schulmeister diesem zu, "daß es gute Wege hat mit dem an die Kette legen? Eben wollten sie noch alle großen Herren köpfeu und jetzt lassen sie sich einen auf die Nafe fetzeu, um den sie sich nicht den Teufel zu scheereu branchten, und sie knschen Alle ztt- fammeu und schreien gehorsam. Es lebe der Krippauer! Weshalb nicht. Es lebeu alle Esel?“

"Na, laß sie doch - wenn sie das schrieeu, müßt'st Du ja eine Dankrede halten, Schulmeisterlein, krummbeiniges,“ sagte der Krepsacher . verdrießlich.

Wilderich hatte sich unterdeß entfernen wollen, aber der Krippaner hielt ihn.

"War' besser,“ sagte er, ".Ihr würft erst einen Blick in den Fottrgou da und sähet, was Alles noch d'riu ist . . . es fiud Koffer, Papiere, kleiue Kisteu d'riu - muß ein voruehmer Ofsieier gewefeu sein, dem der Wagen gehört hat, und Ihr thätet gut, zu feheu, ob darttnter nichts ist, was von Wichtigkeit und was au's Hauptquartier abgeliefert werden muß.“

"Köuttt Ihr nicht felber uachseheu - ich habe Eile, fort- zu.ommen!“

Der Krippauer schüttelte den Kopf. "Es wird's halt nicht thun, Revierförster d was mich augeht, so ist der Teufel sicher, daß ich ihm meine Seele nicht verschreib' . . . . oder er müßt' mit drei Kreuzen vorlieb nehmen.“ [531] 

Wilderich ging zum Wagen, stieg beheude hiueitt und ließ sich aus der Mühle, da es zu dunkel geworben, um noch genau sehen und lesen zu können, eine Laterne bringen, die er im Jnnerm des Wagens auf den Boden desselben aeate.

Schulmeister,“ rief er dann von seiner Höhe herunter, „ich nehme an, Jhr könnt lefen . . .“

„ Nicht aazu.gnt!“ antwortete lachend der Krepsacher statt des Schulmeisters, „mit dem Lesen stockt's ein wettig bei ihm und mit dem Schreiben hapert's, nur das Kopfrechnen, wie viel Würst' es ausmacht, wenn zu Martini von fünfzig Kindern jed's zwei bringt, das versteht er, gelt, Schulmeister?“

„Du hast ein Schandmaul, Krepsacher,“ stelder Schulmeister ein, „ich lese gedrnckte Bücher so gut wie der Herr Eooperator ' und auch Geschriebeues, zeigt nur her, Revierförster.“

. Der Schulmeister schwang sich in den Fottrgon und begann in den Schriftbundeln und Mappen zu stöbern, die neben Koffern und anderen Effeeten eines Ofsteiers in dem Wagen lagen.

„Das ist ja Aaes französtsch!“ sagte er nach einer Weile. „Hol's der Henker - für das Hänflein Würst und aae zwei Jahr zu Sanet-Michelstag einen nenen Rock von der Gemeinde, werd' ich am End' auch noch Spanisch reden soaen, das mag die Gemeinde sich anderswo besteaen!“

Der Schulmeister warf die Papiere bei Seite und machte sich mit einer verschloffenen Schatuae zu thntt.

„.^.u ^itet.^.n .l^u^m.ck, l.^n^ck ck^ l.^rt^uck^'^ las Wilderich nnterdeß und fand den Namen wiederholt aue einem großen Theile der Vlätter, die ihm unter die Hände kamen . . . der Wagen mnßte der Gepäckwagen eines Vrigadegenerals Duvignot sein. Wilderich rief dem Krippaner zu, er foae eiuem der österreichischen Ofsteiere melden, daß man aaerlei Rapporte und andere Dienstpapiere eines Generals erbentet und es den Oester- reichern überlaste, ob sie sich darum kümmern woaten oder nicht, als ein heftiger Krach ihn sich wenden und auf den Schulmeister blicken ließ.

Diefer stand hinter ihm, die geöffnete Schatnae im Arm, er hatte mit feinem starken Taschenmesser den Deckel anfgesprengt. Obettanf in der Eastette lag ein Bündel Papiere in gelbem Umschlage und mit einem grünseidenen Vande umwunden e darunter lagen einige Geldrollen, ein Medaiaon mit dem MiniaturPortrait einer Frau, Ringe, ein paar goldene Taschenuhren, eine Tabatie.re, ein paar alte Notizbücher und einige Briefe e es schien die 'kleine Schatzkammer des Generals Dttvignot zu sein.

„Halt, Schulmeister,“ rief Wilderich nach einer flüchtigen Durchmusterung. „Das ist etwas, was ich branchen kann!“

„Glaub's, daß Jhr's branchen könnt', Reviersörster . . . aber wir andern können's auch brauchen ... ich denk', wir theilen ehrlich. “

„Wir stnd keine Räuberbande, Schulmeister,“ sagte Wilderich, die Castette unter den Arm nehmend . . . „ich branch's, um es diesem General Duvignot wieder zusteaen zu können.“

„Dem General? Kennt Jhr ihn denn?“

„Nein - nicht mehr als jeden andern.“

„Nun also!“

„Hör', ich muß in Frankfnrt hittein ^ . weiß der Himmel, wie ich's anfange, durchzukommen. Da foa tnir dies Ding da dienen - ich werde sagen, ich woa's dem General wieder zu- steaen - es wird mir als Paß dienen. Darnm nehm' ich's - behüt Dich Gott, und die Uebrigett - ich muß fort!“

Er fprang behende vom Wagen herunter, schritt mit dem Kisichen davon in die Dunkelheit hinein, und war bald den Augen des ihm betrosfen nachblickenden Schnlmeisters verschwnnden.

So lange die Vorräthe in dem Generalfonrgon vorhielten, blieb es lant und lebendig im einfamett Banern-Bivonae. Als sie aber erschöpst waren, machte sich auch die Erschöpfung bei den Männern geltend. Sie begannen an thre Nachtrtthe zu denken e die, welche aus der Mühle gekommen, um ihr Recht auf einen Beute -Antheil wahrzuttehmett , zogen sich aagemach dahin zurück, andere suchten Dach und Fach unter dem Holzschuppen und der Rest lagerte sich um's Feuer.

„ Sorgt dafür, daß das Feuer hübsch im Flackertt bleibt, die Nacht ist kalt!“ sagte der Krippaner e. „Du Schulmeister und der Krepsacher, Jchr soat's schüren!“

„ Danke!“ erwiderte der Schulmeister verdrießlich . . . „ich hab' Schlaf uöthig so gut wie die Andern!^

„Na, dank' doch dem Herrn Obereomtnandanten, daß er uns

nicht anbefiehlt, der sämmtlichen Mannschaft für morgen die Schnh' zu putzen!“ lachte der Krepsacher, „ dafür find wir ihnen just gut, Du, der Schulmeister, und der Krepsacher, dem der Hof vergantet ist, die stnd die letzten in der Gemeinde!“

„Gott weiß es,“ versetzte der Schulmeister, „das kottttttt da- bei heraus, daß man ein Studirter und Gelehrter ist, nachher kann man der Gemeind' die Schuhe putzen!“

Der Krepsacher stützte sein Kinn auf den Arm'mttd blickte lattge stnnend in das Fetter. Nach einer Pause und während die Andern einschliefen, sagte er.

„Du, Schulmeister!“

„Was hast?“ fragte dieser, aus dem Einnicken anstahrend.

„Was meinst, wenn wir 'ihnen das Fener so groß schürten, daß der Wind die Funken auf des Müaers Schindeldach jüg? Der Wind bläst grad' aus der richtigen Ecke!“

„Bist von Sinnen?“

„Jch denk', der Krippaner hätte dann warm geung für die Nacht,“ antwortete der Krepsacher lachend. . „Es stnd mehr alte Hütten abgebrannt in diefett Tagen im Spefsart! Eine mehr oder weniger, was schadet's? Geh', hol' Scheite und Reisig!“

„Bist ein Boshafter, Du!“ sagte der Schulmeister, einen ängstlichen Blick von der Seite auf den Krepsacher werfend. ^ „Aber wer kommt denn dort?“

Att der andern Seite der Schlncht, jenseits des Bachs ranschte es im Gestrüpp^ Geröae koaerte niedere es mnßte Jemand da durch die Stränche brechen.

Die beiden aaein noch wachenden Männer blickten gespannt in die Dunkelheit . . . nach einer Weile wurde eine wie hüpfend sich bewegende Gestalt sichtbar, die zum Bache niederkam, ihn leicht tibersprang und über den Wiesenstreif dieffeits zum Fener herankam.

„Das ist Einer . . . der hinkte man foat' sagen , der mit

dem Klauenfnß war's,“ sagte der Krepsacher.

„Mag schon sein - denn los ist er im Speffart feit gestern und heute!“

Der mit dem Klanenfnß war aber der hinkende nächtliche

Waldgänger doch nicht e es war ein starker nnterfetzter Mann mit einem dreieckigen Hnt auf dem ^ . man sah's , als er in den Bereich des Lichtscheins der Flammen kattt . sehr voaen und pockennarbigen Gefichte, aus dem ein Paar kleine Augen ver- schtnitzt hervorblitzten.

„Wer bist . . . woher kommst?“ fragte ihn der Krepsacher, als er vor ihnen stand.

„Wie heißt, wohin wiaft, was ist die Parole?“ antwortete der Fremde kanstisch. „Jch seh', Jhr haltet Matinszucht und laßt Niemand durch! Mir kann's recht sein, wenn Jhr mich anhaltet, ich will auch nicht weiter durch, und bleib' schon bei

Euch!“

Er legte sich ohne Weiteres zwischen die Beiden und warf seinen Hut neben sich auf den Boden.

„Wie das schnarcht und schalst!“ sagte er auf die umher-

tiegenden Grttppen blickend. „jch kann's nicht e mich läßt's nicht rnhn! jch hab's im Geblüt. Das Geblüt läßt mich nicht

schlafen. Leg' ich den Kopf auf den Arm, so fanst's, als ob mir das Mühlrad da durch die Schläf' ginge. Jst's Ench auch so, Euch, daß Jhr wacht?“

Der Schulmeister und der Krepsacher sahen schweigend den seltsamen Passagier an, endlich sagte der Schulmeister. „Hast nicht mitgethan? Du bist ja ohne Gewehr?“ „ Gewehr? Wozu soa ich's schleppen? Jch denk', Jhr Spestarter verknaat Pnlver geung, meines kann ich sparen. Beim Haufen vom Weißkops, dem Waldmeister, herwärts Bischbrttnn bin ich gewesen. Da ist Pnlver geung verknallt. Und nachher, weil ich nicht schlasen konnt', bin ich weiter gangen, abfeits von der Straße, an den Bergseiten her und über die Leithen. Dacht' mir's schon. daß ich da ihrer etzliche sinden könnt', arme ver- wnndete Tenfel, halbtodte Marodeurs, die sich da in die Sträucher

verbrochene ich woat' ihnen helfen ...'.“

„Du woatest ihnen helfen?“ rief der Krepsacher aus . . . „helfen, den Franzosen? Bist kein guter Deutscher?“ .

Ein Oberpfälzer bin ich . . .was schiert mich Deutschland ? Meine Ochsen haben's verbrannt, und die Stallmagd, das Urschel, ist auch hin. jch geh' wegen meiner Sach', und nicht wegen Dentschland! Mir recht, wenn's Ench so viel' Schüst' Pnlver werth ist!“ [532] 

"Was willst denn hierbei uns?“ fragte der Krepsacher. ^"Was ich will? .Ihre siebzig will ich . . . und noch .einen dazu,. damit ich nachher nicht denk', ich könnt' mich verzählt haben. Braach' kein Gewehr dazu.... das thut's auch!“

Der Mann hob an der Seite seinen grünen Kittel in die Höhe, und zog aus der Tasche seines ledernen Beinkleids den schwarzen Griff eines .Mesters hervor.

Der Krepsacher sah den nenen Eameraden verwundert an. Detn Schnlmeister, schien es, war der Mann nttheimlich gewor- den - er rückte mit schenem Blick von dem Fremden weiter ab.

Es war am folgenden Nachmittage, als ein französischer Ehastenr auf einem hohen, starken, aber sehr abgetriebenen Pferde auf der von Hanan nach Frankfurt führenden Straße sich der letzteren Stadt näherte. Statt des Mantelsacks war hinter seinem Sattel mit einem Strick eine kleine Eassette von polirtem Holz festgebunden, unter der ein schanmiger Streif von Schweiß über die Flanken feines keuchenden Pferdes niederfloß. Er selbst sah bestäubt und in der von einem langen Feldzu.e mitgenommenen Uniform marode genug aus, ohne dadurch in der Hast nachzulaffeu, womit er sich neben den die Straße bedeckenden und aufgelöst dnrcheatattder marschireudeu Truppen, Artilleriezügen, Mnnitions- und Provianl-Eolonnett feinen Weg bahnte. Oft, wenn er die sich müde fortschleppenden Infanteristen in den Graben drängte, oder der Kopf feines Pferdes die Schnlter eines Ofsieiers streifte, oder sein Stiefel in die Seite eines alten Tronpiers stieß, wurde er angefahren, wurden ihm Haltrufe zugedouuert, oder wurde eine Salve von Flüchen ihm nachgefandt. Er ließ sich dadnrch nicht beirren und hastete weiter, so rasch es die steifgewordenen Knochen seines müden, geftachelten Ganls vermochten.

Und so kam er vorwärts - es war vier Uhr, als er zwischen zwei Bataillonen leichter Infanterie, welche kanm mehr die Hälfte ihrer Mannschaft hatten, mit Mühe sich durch das Allerheiligen-Dhor der alten Reichsstadt durchdrängte.

Die Stadt war gefüllt von Trnppentheilett der geschlagenen Sambre- und Maas -Armee. alle Hänfer waren voll Einanar- liernug. auf den Straßen drängten sich die nett eiumarschirten Heerfänlen und Abtheilungen mit folchen durcheinander, die am Morgen Befehl bekommen den Flüchtigen Raum zu machen und weiter zu marschiren und die nun flnchend und erbittert sich ihren Offieieren widersetzten, schrieen und tobten.. mit anderen, die sich bereiteten, auf freien Plätzen, auf der Zeil und dem Roßmarkte zu eampiren, und die hier Stroh zu.ammenschleppten, Fener an- zündeten, regtarirte Nahrungsmittel zusammenschleppten Alle Straßen standen voll abgefpaunter Ftthrwerke und Geschütze - Ofsteiere schrieen Besehle, Adjutanten sprengten mit eiligen Attf- trägen daher, auf den Trottoirs lagen Reiheu von Marodeu, die nicht mehr die Kraft gehabt, sich aufrecht zu erhalten und sich ihr Ouartier zu suchen. Dazwischen wurden Wagen mit Verwnndeten in die improvisirten Spitäler gefahren, todte Pferde auf Schleifen weggeschafft - es war ein wildes und wüstes Durcheittattder, dies Paudämottiutn, wie es nur eine geschlagene Armee darstellet kann.

Wilderich, den wir in der Ehastenruniform erkaunt haben, sah betrosten und ein wenig ängstlich in dies Gewirre, vor dem der sonveräne Bürger, der reichsnttmittelbare Frattkfttrter sich schett und angstvoll in's Innerste seiner Hänser zurückgezogen hatten dieser hatte noch zu gut im Gedächtuiß, was der frühere Einmarsch der Franzosen auf sich gehabt hatte - im vorigen Inli, als Kleber mit drei Divisionen genaht war, seine Bomben in die Stadt geschlendert und, uachdem huudertuudzweiundvierzig Häufer in Asche gelegt wareu (am l.'^. Iuli), feinen Einzug gehalten hatte - der riefige Kleber , deffen Kopf wie eine Standarte seine Bataillone überragte.

Wilderich wnßte nicht wohin, wo für sich und sein Pferd ein Unterkommen finden. Endlich beschloß er, sich wenigstens des Letzteren aus jeden Fall zu entledigen - er ritt durch ein ossenes Mauerthor, welches er wahrnahm, in einen Hof hinein, in dem ein paar Pnlverwagen in Sicherheit gebracht waren und ein Artillerist als Schildwache auf- und abschritt. .... "Habt Ihr nicht Raum für ein Pferd in dem Stall drüben?“ fragte er den Mann mit dem gelänstgen Französtsch, das er sich in seiner Heimath angeeignet.

."Seht zu,^ versetzte dieser, "fragt nicht erst langem Wilderich fprang aus dem Sattel und führte sein Pferd in die Stallung. Alle Plätze wareu besetzt - auf einer hohen Streu vor den Pferden lag ein Dutzend schnarchender Artilleristen.

"Wohin wollt Ihr?“ rief ihm eine deutsche Stimme zu - es war ein Mettsch in einem Wamms und mit einer blauen Schürze, der aus der Ecke des Hofes heran kam.

"Ich will in einen Stall für mein Pferd und in irgend eine Kammer, ein Gelaß zum Berschnanfen für mich - da ist ein Kronthaler für Euch, wenn Ihr mir dazu.verhelft.!“

Der Mann befah das Geldstück und sagte dauu im reinsten Sachfenhäufer Dialeet . ^

„Nttu, Ihr fprecht ja ein ehrliches Deutsch, von dem welschen Schweinsgesindel, den Huudsfötteru , bekommt man fonst so was nicht zu befehen - wie kommt Ihr denn drunter?“

"Wie so Mancher!“ verfetzte Wilderich. "Wollt Ihr mir helfet?“

"Meine eigeue Kammer kann ich Euch überlaffeu - im Giebel dort über dem Stalle d das Pferd biudet draußen an die Mauer an - ich will hernach fehen, wo ich's laste!“

Wilderich folgte feinem Rath und ließ sich alsdantt von ihtn zurück in das Stallgebände, über eine schtnale Holztreppe auf den Boden und von da in eine durch einen Breterverschlag vom übrigen Raume abgeschiedeue Kammer geleiten.

"^.chr feid der Hauskuecht?“ fragte er hier.

"Hauskuecht im granen Falken.“

"Ein Wirthshaus alfo?“

„^r'agt ^hr dauach? Das Schild über der Thür ist doch groß genug ! Ein gutes Wirthshans für Mann und Gaul, wenn nicht jnst wie hettte der Tensel los ist, und Alles drunter und drüber geht!“

"Gut deuu, so darf ich hoffett, Ihr verschafft mir ein wenig zu effeu und zu trinken hierher d ich verschmachte und ver- huttgere beinahe!“

"Ihr - Eiuer von den Frauzofeu - nun freilich, unter- wegs im Spestart drüben follt Ihr wohl nicht viel Verdauliches zu schlncken bekommet habet ich will fehen, was ich noch finde.“

Der Hansknecht ging und Wilderich streckte sich in dem alten Stnhl vor dem schmntzigen Tisch unter dem einzigen kleinen Fenster aus. Er knöpfte seine Uniform auf und legte den Kopf auf die Sttthllehtte zurück, um eine Weile die Angett zu schließen und sich dem vollen Gefühl seiner Ermüdung hinzugebet. Trotz der Aufregung und Spannung, in der er sich befand, würde ihn der Schlaf befangen haben, so sehr er dagegen kämpfte, wettn nicht der Hattsknecht zu.ückgekotnmen wäre mit einem kleinen Korbe, worin er Bier, Brod und ein wettig kaltes Fleisch trug.

"Das ist Alles, was die Frau Wirthin hergeben will,“ sagte er mürrisch, „es giebt schmale Bissen heut in Frattkfnrt - auch müßt Ihr einen Gnlden zahlen für den Bettel!“

"Es ist genug für mich!“ antwortete Wilderich, indem er dem Knecht das Verlangte gab. - "Köttnt Ihr mir beschreiben, wo der Schöffe Vollrath wohnt?“

"Der Schöff Vollrath - der Herr Schultheiß wollt Ihr fagett - der wohut auf der Zeil, der Katharatenkirche gegenüber, dicht an der Eschenheimer Gaffe.“

"Ich^ danke Euch. Uud noch Eins. habt Ihr von einem General Dnvignot gehört? . . . Ihr wißt wohl nicht, ob er unter den frauzöfischett Auführern in der Stadt ist?“

Der Mann tnaß ihn mit naßtrauischeu Augen.

"Nun, mir kann's Eins sein!“ sagte er dann.

"Was kann Euch Eins sein?“

"Wie Ihr in den grünen Rock da hineatgekommett feid!“ "Wie ich da hineingekommen bin?“ antwortete Wilderich. "Nuu, Ihr mögt's wissen, was soll ich Ench ein Geheanniß daraus machet, daß ich das Zeng nicht alle Tage trage! Ich hatte in Frankfnrt zu thutt, und um nicht auf dem Wege abgehalten zu werden, habe ich meinen Rock ausgezogen, den Rock eines Revier- försters im Spestart, und habe einem erschosteueu Ehasteur seine Uniform genommen und tuir sein Vferd eingefangen - damit kam ich am besten weiter ! Ein gnter Dentscher wie Ihr wird mich nicht verrathett.“

lFortfetzung folgte [533] [545] "Nein, ich werd' Euch nicht verrathen,“ antwortete der Sachsenhäuser. "Wenn Ihr aber ein Spion von den Oesterreichern seid und das die Ursache ist, weshalb Ihr in Frankfurt zu thun habt, so möcht' ich lieber, Ihr zögt ab aus meiner Kammer, es könnte auch mir an den Kragen gehn, falls sie Euch packten ...“

"Beruhigt Euch,“ erwiderte Wilderich, "ich bin kein Spion ...“

"Der Duvignot, nach dem Ihr fragt, versteht keinen Spaß; das ist ein grausamer Hund, ein Bluthund von einem Kerl, und just deshalb hierher gesandt, um noch ein wenig in der Stadt zu wüthen und Schrecken einzujagen, damit sie sich ein paar Tage länger halten können. denn fort müssen sie doch einmal, sobald nur die Oesterreicher kommen! Wir haben schon unsre Nachrichten und wissen, wie's steht ... es braucht ja Einer auch nur die Augen aufzuthun und zu sehn, wie sie ausschaun. Aber just weil sie auf der Retirade sind, desto tückischer sind sie ...“

"Und was ist denn dieser Duvignot?“

"Was sollt' er sein, als Einer von ihren Generalen, diesen Morgen hier angekommen, vom Jourdan hergeschickt, um sofort das Commando in Frankfurt zu übernehmen und den Belagerungszustand aufrecht zu erhalten, der richtige Holofernes dazu!“

"Duvignot ist der Commandant von Frankfurt?“ rief Wilderich aus. "Nun, mag er's sein, oder vielmehr, desto besser! Gebt mir doch einmal das Kistchen dort her!“

Der Hausknecht rückte die Schatulle, die Wilderich mitgebracht, neben diesen. Der letztere, während er aß und trank, öffnete sie zugleich und begann jetzt noch einmal den Inhalt zu durchmustern. Der Hausknecht ließ ihn dabei allein.

Wilderich knüpfte zunächst das Band, welches das gelbe Convolut zusammenhielt, auf; er fand eine Menge von Briefen darin, welche von einer Frauenhand in französischer Sprache geschrieben waren; es bedurfte keiner langen Lectüre, um zu sehen, das. sie an den General Duvignot gerichtet waren, daß sie die Ausbrüche einer leidenschaftlichen Neigung enthielten und daß sie, aus einer Reihe von Jahren herrührend, ein sehr inniges und - schuldiges Verhältniß verriethend die Schreiberin der Briefe sprach darin wiederholt von ihrem Gatten.

Unterzeichnet waren sie. Marcelline, oder auch bloß M. Eine Ortsangabe enthielten sie nicht.

Wilderich durchflog die ersten, dann die letzten.

In einem dieser letzten machte eine Stelle ihn betroffen. Sie lautete. ,B. ist und bleibt spurlos verschwunden. Wenn ihre Flucht überhaupt noch den geringsten Zweifel an ihrer Schuld übrig lasten könnte, so würde dieses Verschollenbleiben ihn nehmen. Mein Mann ist jetzt ebenso überzeugt, wie ich es bin; er hat alle Nachforschungen nach ihr verboten, was mich jedoch nicht abhält, diese im Geheimen anstellen zu lassen.’

B. - der Anfangsbuchstabe des Namens Benedicte - und diese B. war verschwunden - sollte eine Schuld auf sich geladen haben ... das war seltsam ... hätte Wilderich gewußt, daß die Dame, welche Benedicte aus Goschenwald entführt, Marcelline hieß, er würde wie elektrisirt aufgefahren sein. So blätterte er nur in Hast weiter, ohne mehr Andeutungen über die Sache finden zu können. Doch war eine andere Stelle da, welche, wenn die erste eine Beziehung auf ein Wesen hatte, das Wilderich in kurzer Zeit so theuer geworden, vortrefflich. dazu paßte. Es hieß: ‚Du wirst das Commando in Würzburg erhalten, und ich, ich werde Dir dahin folgen. Es ist mir nicht möglich, hier unthätig und ruhig daheim zu sitzen, während Du den Gefahren des Krieges entgegenziehst. Wenn Du auch nicht lange Zeit in Würzburg bleibst, wenn Du auch bald mit Deinen siegreich vorrückenden Cameraden weiterziehst - was thut es, ich werde Dir immer um so viel näher bleiben, und wenn Du verwundet würdest - Gott wende es ab - so könnte ich Dir nacheilen von dort, könnte Dich pflegen, mit mir zurück nach Würzburg nehmen. Ich habe eine Cousine, welche in dieser Stadt wohnt. Das giebt mir den Vorwand eines Besuches bei ihr. V. wird mir die Reise gestatten, er muß sie mir gestatten. Meine Cousine heißt Frau von Goller. Unterlaß nicht, im Hause derselben, sobald Du dort angekommen bist, einen Besuch zu machen; es ist besser, wenn ich Dich im Hause schon bekannt finde, als wenn ich dich erst einführen muß!“

V...? hieß das Vollrath? Was sollt' es anders heißen... die Frau Vollrath's war ja in Goschenwald gewesen, von Würzburg herkommend . . . und „B.“ mußte also Benedicte bedeuten - es konnte kaum ein Zweifel sein - die Verfolgerin, die Feindin Benedictens war die Geliebte' Duvignot's!

Jedenfalls, sah Wilderich, mußten diese Briefe einer verheiratheten Frau an ihn dem General von großer Wichtigkeit sein; er mußte das größte Gewicht darauf legen, daß sie nicht in fremde Hände kamen; Wilderich hatte damit ein höchst bedeutungsvolles Pfand in Händen, wenn ihn der Zufall in eine üble Lage brachte, in der er des Schutzes des Generals bedürfen konnte. [546] ^a

Er blätterte weiter, er fachte nach weiteru Erwähnungen des B., das ihn so betroffeu gemacht hatte . . . da fiel sein Auge auf etwas, das ihn noch mehr betroffen machte - auf die Buch-

stabett G. de B. - ^Es ist merkwürdig,^ hieß es, ,wie G. de B.

so völlig verstummt ist, oder hast Du Nachrichten von ihtu?^ G. de B. hatte sich ja auch der Mann unterschrieben, der

ihm das Kind hinterlassen! Wie seltsam! War ...

Aber Wilderich dnrste die Zeit nicht mit Grübeln darüber

verlieren.

Er sprang auf, steckte die Briefe zu sich, ordnete seinen An- zu. - des Hansknechts auf dem Tische liegende Kleiderbürsten kamen ihm dabei sehr zu Statten - und ging das Hans des Schöffen Vollrath zu fuchett.

. Es war nicht schwer, es anfzu.ittden. Ein Knabe zeigte es ihm.

Vor dem Hanfe standen zwei Schildwachen. es mnßte also ein hoher Besehlshaber in demselben eingnartiert sein. Für Wilde- rich hatte dieser Anblick etwas Benurnhigendes. War er bis setzt im Wirrwarr des Rückzu.s und der Flucht unangenehmen Be- gegnungen mit Leuten, welche ihn nach seinem Trnppentheile, seiner Bestimmung, seiner Ordre fragten, entgangen, so konnte es anders sein, wenn er in das Ouartier eiues Geuerals, unter desseu Ordounanzen und Adjntana'n gerieth. Sollte er umkehren und sich einen... andern Auzu. verschaffeu ? Er hatte keine Mittel dazu, er wußte nicht, wie dazu gelaugen Wenn er zurückging und sich an feinen Hauskuecht weudete und in deffeu Sonntags- kleidern aus der Kammer heranskam, in welche er in der Ehafsenr- uniform geschritten, so mnßte er sosort die Anfmerkfamkea der Soldaten auf sich ziehen, die im Hofe und Stalle feittes Wirths- hauses lagen und herumlungerten. Dazu.der Zeitverlust! Und hatte er nicht als Sicherheitspfand für den schlimmsten Fall seine Briefe?

So trat er mit der Miene ruhiger Unbefangenheit in das Haus ein. Der geräumige Flur war voll Meuscheud Ordounanzen standen da, Unteroffieiere mit Rapporten, Bürger mit Reelamationen wegen ihrer Eatgnartierungen, Unterbeantte des Senats mit Auf- trägen, Ofsteiere, die Meldungen machen oder Befehle einholen wollten - auch Leute, welche mit gefpauuteu Gefichteru zwischeu zwei Wachen standen, unglückfelige Arretirte, die vor den Eom- tnandanten geführt werden follteu, wareu da - kurz Alles, was in folcheu Dagen sich in einer befetzten Stadt um den Eotumau- danten und zu ihm drängt.

Anf der im Hiutergruude der Flur. emporführeudeu Treppe stand mit untergeschlagenen Armen ein langer, verdrossen ausseheu- der Gesell, in eiuem langen blauen Rocke mit rothen Epaulettes, Revers und Ausschlägen, desseu Schöße bis aus die Wadeu steleu, ^ .in hirschledernen Hosen und Kattouea, das Haupt bedeckt mit einem großen Sturmhut mit rothem Federbttsch. So, an das Treppeugeländer zurückgelehut, zwischeu den übereiuauder ge- schlagenen Beinen den geraden Pallasch in weißer Scheide halteud, blickte er mürrisch aus das Gedräuge unter ihm uieder, gegen das er als eine Art Datum zu dienen schien, der die Erstürmung der'^ Treppe durch all die Harreudeu hiuderte.

Wilderich drättgte sich bis an den Fuß der Treppe und sagte dem Mann, den die Uniform als Gensd'arm kenntlich machte.

"Kann man zum Schöff Vollrath hinaufgehtt?“

„^n n^ .f.^.^ rt^!“ lautete die barsche Antwort.

Ein wenig aus der Fafsung gebracht, schaute Wilderich dreiu und wagte kaum, den bisfigen Eerbertts weiter anzuredett, um ihm klar zu machen daß er zum Hansherrn und nicht zunt Eom- mandanteu wolle, als ein Diener in gelber Livree an ihm vor- über kam, die Treppe hinanfzu.ehu. Er brachte diefem sein An- liegen vor.

"Folgen Sie mir nur,^ sagte der Diener, "diefe Leute hier warten auf den Eommandanten, der erst Pnnkt fechs Uhr wieder . zu sprechen sein will,' zum Herrn Schultheiß kann ich Sie führen.“

Er schritt die Treppe hinauf und Wilderich, jetzt ' ttuange- halten, ihm nach.

l^.

Während Wilderich die auf einen ziemlich dunklen Vorplatz führende gewnndene Treppe hinattstieg, faß der vom Obergeneral Ionrdau von Würzbnrg aus als Eommandant nach Frankfurt gesaudte General Dnvignot in einem beguem und wohnlich, wenn auch nach nnseren Begrasen sehr einfach eingerichteten, auf den

Hof hinausgeheuden Zimmer in höchst lebhafter Unterhaltung mit einer Dame begriffen, welche wa' kennen.

Dnvignot war in der frühesten Morgenfrühe in Frankfnrt angekommen. er hatte sein Onartier im Hanfe des Schöffen ge- nommen. Am Morgen schon hatte er energisch, scharf und schonungslos die Zügel de'^ Regiments ergriffen und vor Geschäften kaum die Zeit gefnnden, um Mittag Frau Mareellate zu be- grüßeu, die unter dem Schutz des Eapitaats Lefaillier glücklich mit ihrem Gefolge eiugezogen war. Bor einer halben Stnnde hatte er eine durchgreifet^ Maßregel getroffen, um so viel Ruhe zu gewinnen, rasch eine Mahlzeit einzuuehmen und dauu ein Gespräch mit der Frau vom Haufe halten zu können. Sie faß in einem an das Fenster gerückten Lehnstuhl, müde hingegossen, die Arme im Schooße, das Haupt vornüber gebengt und auf den Boden uiederblickeud.

Der Geueral staud aufrecht an dem Feuster, die linke Hand auf dem Knopf der Espagnolettestange, mit der rechten lebhaft gestienlirend.

Doch wurde das Gefpräch nur leise flüsternd geführt.

"Ich versichere Dich, Mareelliue,“ sagte er, "darüber kann keine Täuschung feiu', wir sind vollstäudig geschlagen, daß an eine Behauptung Frankfurts gar nicht mehr zu denken istd wtr werden uns halten, so lange wir können, vielleicht noch vierzehn, vielleicht noch acht Tage, es hängt blos von der Energie ab, womit die österreichische Armee ihre Siege ansbeutet und aus uns drückt. Auch im besten Falle, wenn der Erzherzog sich jetzt durch den Odenwald links werfen und Moreau's Rheinarmee zum Rückzuge zwiugen würde, auch dauu köunten wir das rechte Rheinufer nicht halten und müßten zurück, zurück nach Fraukreich. Glaub' mir's, Mareelliue!“

"Ich glaube Dir's ja - aber bedarf's deuu etwas audres als einer kurzen Waffenruhe für Euch, um bald siegreich zurück- zukehreu, und wenn ich mich uuu in das Schickfal fügen will, zu warteu-ich, die so lauge, so lauge. Jahre diese uuselige marter- volle Lage des sich Fügeus und Harrens habe aushalten müssen, ich muß es ja können!“

Frau Mareelline sprach dies mit eiuem tiefeu Seufzer und schmerzbewegt ihre Fiuger zufammeupreffeud.

"Harreu, auf unsere Wiederkehr? Weißt Du, ob, wenn wir wiederkehreu, ich unter denen sein werde, die unsere Fahnen siegreich hierher zu.ücktragen? .Ob ich nicht längst dann in weite Ferne, nach dem Oberrhein, nach Italien gefandt sein werde?“

"Das hängt ja doch von Dir ab . . .“

"Und wenn auch, ich fehe nun einmal voraus, daß wir gar nicht wiederkehren werden.“

"Dn zweifelst an dem Siege Deiner eigenen Waffen?“ .

"Nein, nicht deshalb. Ich fehe nur voraus, daß diefem Feldzttge der Friede folgen wird. Das ist unansbleiblich. Wir sind erschöpft^ wir bedürfen des Friedens, das Direetoratm will den Frieden, und unsere Feinde? Trotz ihrer jetzigen Erfolge be- dürfen sie seiner weit mehr noch als wir. Berlassen von Prenßen können sie es gar nicht auf einen weiteren Krieg im folgenden Jahre ankommen lasten. Diefer Winter bringt uns den Frieden, so gewiß ich diese Hand attsstrecke, und deshalb, Mareelline, faste Mnth, sei groß und stark und erschließe Dich!“

"Ich kann nicht!“ lispelte sie leise. "Es ist uumöglich!“

"Uumöglich! Das Wort ist so leicht bei der Hand, wenn der Mnth und der Wille fehleu!“

"Aber meiu Gott, Du selbst kannst doch nicht so verblendet sein, nicht einzufeheu, daß ich nicht den furchtbareu Schimpf, die Schande, die Verdammung aller Meitscheu auf mich ladeu,. daß ich nicht meinen Mann in Verzweiflung stürzen und, aus nichts Anderes als die Stimme der Leidenschaft hörend, Dir blindlings nachfolgen kann, wohin Du mich führst!“

"Nicht?. - Das könntest Dtt nicht?“ antwortete Dnvignot bitter. "Die Urtheile der Menschen, die Rücksicht aus Deinen Mann stnd Dir wichtiger als mein Glück, mein Leben, mein ganzes Dasein, das ohne Dich vernichtet ist?“

"O mein .Gott, Du weißt, wie ich Dich liebe . . .“

"Liebe - eine Liebe ohne Vertranen ... Du vertranst mir Dein Loos nicht an, Du kaunst Dich nicht ^blindlings“ von mir führen lasteu,. Du . .

"Wie ungerecht Dtt bist, mir so bitter vorzuwerfen, daß ich nicht tanb und blind für Alles bin! Währe ich achtzehn Jahre, [547] fo könnte ich es sein, jetzt kann ich es nicht mehr. Die Folgen einer solchen verbrecherischett Dhat stehen nun einmal vor meinen Augen - und ich kann, ich kann nichts'

"Freilich . . . Du handeltest sehr thöricht . . . die reiche Patrtzierfratt, die forglos, im Wohlleben, in aaem Lnxtts, der sie nmgiebt, von Huldigungett nntringt, hier ihre glückliche Existenz weiter führen kann, wird nicht so wahnsinnig sein, ihr Loos an das wechfelreiche nttstäte Leben eines armen Glücksfoldaten zu feffeln!“

"Das find Worte, die der Zorn aus Dir fpricht, Etienne, und ich branche deshalb nicht darauf zu antworten - ich bin zu

stolz dazu.^

„Zn stolz ^ da liegt's! Du bist zu stolz, Mareeaine, um wahrhaft liebett zu köttttett. Die Liebe ist demüthig! Was acht sie der Menschen Urtheil an, und ob es sie hoch oder niedrig steat? Sie hört unr auf die eine Stimme, die des Herzens Mareeaine, ich bitte, ich aehe Dich an, horche auf ae, ich wia es, ich verlange es von Dir, ich kann es fordern, denn Du bist mein Weib, mein durch die heiligsten Bande an mich gekettetes Weib! Was hat die inhaltlose Form zu bedenten, dieser Priestersegen, der Dich mit einem alten ungeliebten Manne verbnnden hat - uns hat das Herz, hat die Ratur mit heiligeren Vattdeu ver- buttdett, und das lebende Zeugniß dieses Vundes, wenn es nun vor Dich träte und zu Dir fpräche^ verlaß, verlaß meinen Vater nicht - dann . . .“

"Jch bitte, o ich bitte Dich, Etienne, rede nicht weiter!“ fprach das gepeinigte Weib, ihre Hände vor das Gesicht schlagend.

"Weshalb foa ich nicht weiter reden,“ eiferte Dnvignot, "weshalb, da Du mich feige verlastett wiast, nicht Aaes Dir iu's Gedächtntß rnsen, was uns für ewig zusammenkettet?“

"Wia ich denn das Vattd zerreißen?“ rief Mareeaine aus geängstetem Herzen aus. "Wie foa ich Dir folgen? Wie ist es möglich? Wohin? Zn wem? Wen hast Du auf Erden, zu dem Du mich bringen könntest? Hast Du einen Kreis, in dem ich, 'stolz darauf, die Deine zu sein, geschützt, geachtet und geehrt meine Dage zubringen könnte, wenn Du nicht bei mir, wenn Du auf Monate, Jahre hinans im Felde bist? . . . und wenn Du fällst, Du mit Deinem rücksichtslofen Drang, der Gefahr zu trotzen, Deiner Verwegenheit, Deinem Ehrgeiz, Deinem Ruhtndttrst, allem dem Feuer, das einen Soldaten nicht zu Jahren kommen läßt ^ wohin dann mit mir verlastettem, entehrtem, schmachbedecktem

Geschöpfe?“

"Du bist sehr klug und befonnen, Mareeaine,“ antwortete Dttvignot, eine verächtlich abwehrende Bewegung mit der Hand machend, "Jhr Franen könnt das, mit Besonnenheit lieben! Wenn die Besonnenheit nur nicht so feige wäree eine ntuthigere Klugheit würde Dir die Dinge in anderem Lichte zeigen e Dein Mann wird einmal sterben, und dann wirst Du mein Weib wer- den - das ist einfach die Zukunft, die meine Klugheit tnir zeigt! Höre, Mareeaine, ich stehe Dich noch einmal an, folge mir, such' Dich nicht von mir loszureißen . . .“

"O mein Gott, wer fpricht davon?“

"Du, Du thnst es', was kann uns ein armseliger Brief- verkehr sein, wenn Hunderte von Meilen vieaeicht zwischen uns liegen, wenn die Hoffnung, uns wiederzusehen, verschwindet, wenn andre Menschen, andre Schicksale, wenn die Jahre treten zwischen Dich und wich . . .“

"Menschen, Schicksale, Jahre - sie werden mich nicht ver- ändern, sie werden mich nicht von Dir trennen!“

"So fühlst Du jetzt! Doch wer übernimmt die Gewähr dafür? Uttd deshalb wia ich, daß Du mir folgst. Du wirst es. Aber steh, das ist die Forderung der Leidenschaft in mir. ich wia Dich freiwiaig, ungezwungen, aus eigenem Antrtebe, nur der Liebe gehorchend mir folgen sehn. Jch stränbe mich anf's Aenßerste, Dich zu zwingen.“

"Und wie könntest Du mich zwingen?“

"Jch kann es!“

"Weil Du die Gewalt in der Stadt hast ? Willst Du mich als ein Bentestück betrachten? Wiast Du mich mit Gewalt ent- führen?“

"Rein, nicht das!“

"Dann wüßte ich nicht, wie Dtt's kötttttest!“ sagte Mar- eeaine stolz.

"Vieaeicht kann ich's doch!“ versetzte Duvignot, den Blick abwendend. "Aber ich sage Dir ja, meine ganze Seele sträubt

sich dawider - und deshalb stehe ich Dich att^ entschließe Dich

- wag' es - vertrane tnir - trane meiner Kraft, Dir die Znkuuft so glücklich zu gestalten, daß Du es nie berenen wirst!

- Jch habe das Vorgefühl, ich möchte sagen, in meiner Brnst die Bürgschaft eines großen und glänzenden Schicksals^ die Ge- schichte ist im Roaen begriffen wir gehen Aae einer Znknnft voll großer Ereigniffe und Katastrophen entgegen, voa welterschütternder Wandlungen und gewaltiger Krifen im Leben der Völker. das ist die Zeit für starke Arme und mttthige Seelen - dartttn Mnth, Mnth, Mareeaine - und nur Mnth.. der Muth aaein ist der Schlüstel zu aaem Glück!“

"Glück - Glück, als ob es aus einetn Verbrechen erblühen könnte, mit dem man den Himmel beleidigt und der ganzen Welt Trotz bietet - ist das möglich ?“

"Wenn Du im Leben mit tnir, in der Verbindung mit mir, in einer Zukunft an meiner Seite kein Glück mehr stehst, dann freilich . . .“ fnhr Dnvignot zornig atck.

"Dn wirst ungerecht,“ verfetzte sie lautere "ich habe Aaes gethan, Aaes, Aaes was ich thun konnte für Dein Glück! Dies kann ich nicht. jch kann meine Psticht vergeffett, aber nicht so meine Ehre, nicht so meines armen alten Mannes Ehre mit Füßen treten.“

"Seitte Ehre!“ sagte Duvignot verächtlich. "Lebe wohl ' denn - wirf sie in eine Wagschale und .mein Glück in die andere e steh, welche Dir schwerer wiegt. jch werde Dich morgen darnach fragen, denn meine Zeit ist hin, ich muß gehen, Du weißt, wie man mich drängt . . .“

"Dn wirst nie eine andere Antwort von tnir erhalten , als diese,“ erwiderte Mareeaine.

"Vieaeicht doch ... wir werden sehen !“^

"Was foaen diese Anfpielungen, diese Drohungen, als ob Du mich zwingen könntest, bedenten? Sprich offen herans, ich fordere es.“

"Dn wirst es erfahren - wenn Du utterbittlich bleibst.“ "Etieune - Etienne - was hast Du vor, woran denkst

Du? - Du gestehst selbst, daß Du nicht vorhast, Gewalt zu ge-

brauchett!“

"Nein, nicht das. jch werde Dich dadurch zwittgen, daß ich Dir in der Ferne, in meiner Heituath etwas zeige, welches Dich unwiderstehlich dahin und mir nach ziehen wird.“

"Und dies Etwas?“

"Kein Wort mehr darüber!“ "O ich bitte Dich . . .“

"Nicht heute . . .“ entgegnete Dnvignot, sich abwendend, "meine Stnttde ist abgelaufen - der Dienst verlangt mich! Adieu, Mareeaine! Faste Dich, faste Muth, sei meiu großes und starkes Weib, fühle, daß Du mein bist, und . . . reich mir die Hand!“

Sie reichte ihm laugfam und wie gebrochen die Hand, ohne die Augen zu ihm zu erheben. Dann ließ sie den Kopf mit einem tiefschmerzlichett Seufzer an die Lehne des Armstnhls zurückstuken.

Duvigttot war mit raschett, heftigen Schritten davou gegangen.

Jn dem Augenblick, als er auf den Vorplatz dranßen trat, betrat Wilderich Buchrodt, dem Bedienten ' folgend , die letzte Stufe der Treppe.

Dttvignot blieb stehen und erwartete ihn.

"Was woat Jhr, von wem kommt Jhr?“ fragte er barsch den Ankommendem "Wer zum Tettfel hat Ench wider tneinen Befehl heranfgelaffen?“

Wilderich mnßte seine ganze Kraft, sich zu beherrschen, ztt- fammennehmen, um nicht da^ Erschrecken zu verrathen, das bei diefem Znfattttnentreffen und bei der zornigen Anrede des heftig erregten Mannes so natürlich war. Er konnte nicht daran zweifeln, daß es der gefürchtete Eommattdant sei, dem er in den Wurf gekommen. Er legte die Hand an den Schirm des Ezakos und antwortete in meldendem Tone .

"EXempt von der dritten Halbbttgade der Ehastenrs zu Pferch, zweite Schwadron . . .“

"Der Mann wia nicht .zu Jhnen, Herr General,“ fiel der Bediente sich entschuldigend ein, "sondern zum Herrn Schnltheiß, deshalb habe ich ihn heranfgeführt.“ . . .

Dttvignot sah von Einetn auf den Anderen.

"So führt ihn ztmt Schnltheißett!“ antwortete er und wandte sich einer Flügelthür zu, die in sein Zimmer führte . . . Wilderich [548] [561] Der Schultheiß las den Brief. Seine Miene nahm dabei einen Ausdruck tiefen Ernstes an - er las still bis zu Ende, dann sagte er aufschauend:

„Und hat der Schreiber dieses Briefes denselben Ihnen übergeben, um ihn mir zu bringen? Sie sind französischer Soldat - wie ist das, wie hängt das zusammen?“

„Ein Camerad hat ihn mir übergeben," erwiderte Wilderich, „der ..."

„Lassen Sie mich, bitte, den Brief sehen,“ unterbrach Duvignot, indem er ohne weiteres dem alten Herrn den Brief aus der Hand nahm und zu überfliegen begann.

„Es ist seltsam,“ fuhr der Schultheiß fort, „der Brief muß dann aufgefangen und in Hände gekommen sein, für die er nicht bestimmt war wie kann ein französischer Soldat ihn mir bringen ..."

„Beruhigen Sie sich mein Herr Schultheiß ," fuhr hier Duvignot scharf dazwischen, „der Mann ist kein französischer Soldat - er ist ein österreichischer Spion, und dieser Brief beweist mir , daß Sie mit unseren Feinden in heimlicher Verbindung stehen! Man rechnet auf Ihre Beihülfe, Ihren Verrath, um dem Feinde Frankfurt in die Hände zu spielen. Und wer Ihnen dies schreibt, ist der Erzherzog Reichsfeldmarschall selbst!“

„Mein Herr General,“ fuhr der Schultheiß erschrocken auf, „ich muß Sie bitten ...“

„Es thut mir leid“ fiel ihm der General in's Wort, „Sie sind ein Mann, den ich als sein Gast schon zu achten habe; ich bin Ihnen Dankbarkeit schuldig für das Wohlwollen, das Sie mir schon vor Jahren, als ich unter Custine's Truppen Ihre Stadt betrat und Ihr unfreiwilliger Gast wurde, mit so vieler Urbanität zeigten ... aber meine Pflicht geht über meine persönlichen Gefühle ... ich muß Sie vor ein Kriegsgericht stellen lassen, Herr Schultheiß ...“

Der Schultheiß war todtenbleich geworden.

„Wenn Sie mich achten,“ sagte er, „so werden Sie nur auch glauben - ich bin kein Verräther - dies Schreiben ist an mich gerichtet ohne mein Wissen und Wollen - dieser Mann dort kann kein Spion sein, denn ..."

„Kein Spion? Wir werden das sehen!“ rief Duvignot, sich zu Wilderich wendend, aus. „Wer seid Ihr? Ihr werdet nicht länger behaupten, daß Ihr französischer Soldat seid! Ihr seid ein Deutscher - das habe ich an eurer Sprache erkannt! Nun wohl, wir haben auch Deutsche unter unseren Fahnen. Aber die Chasseur- Abtheilung, zu der Ihr gehören wollt, steht nicht in Hanau; ich traf sie gestern auf dem Marsch nach der Wetterau - sie gehört nicht zu Rey's Division, ich kenne de la Rive. ... Wie war gestern eure Parole? Seht ihr, Ihr wißt das nicht! Ihe hättet Euch vorher besser über Eure Rolle unterrichten bevor Ihr wagtet, sie zu übernehmen. Sie sehen, Schultheiß, daß ich Recht habe - dieser Mann ist kein französischer Soldat, er ist ein österreichischer Spion. Ich denke, dieses Schreiben hier, dies Schreiben in seinen Händen ist Beweis genug ...“

„Beim lebendigen Gott." rief Wilderich hier stolz und entrüstet aus, „Ihre Beschuldigung ist falsch und ungerecht, Herr General - ich bin kein Spion, und dieser Herr hier, den ich in einen so unseligen Verdacht bringe ist völlig unschuldig ... ich bin kein Franzose, ich gestehe das offen ein, ich bin der Revierförster Wilderich Buchrodt vom Rohrbrunner Revier im Spessart - ein Mann, den noch Niemand einer schlechten Handlung wie die, den Spion zu machen, fähig gehalten hat."

„Förster aus dem Spessart, in der That?“ fiel Duvignot ein, „... einer von den Leuten, mit denen wir eine so schwere Rechnung auszugleichen haben! Doch enden wir,“ fuhr er, wie eine innerlich Erregung niederdrückend und stoßweise fort, „Herr Schultheiß, ich muß thun was der Dienst mir gebietet. Ich bin gezwungen, Ihnen anzukündigen, daß Sie diese Zimmer nicht zu verlassen haben, bis weiter über Sie verfügt wird. Den Mann dort wird man zur Constablerwache führen. Der Brief bleibt in meiner Hand!“ -

Der General wandte sich rasch und ging - so rasch, als wolle er sich der peinigenden Scene, der Pflicht, die er gegen seinen Gastfreund zu erfüllen hatten so bald wie möglich entziehen. Wilderich hätte ihm nachrufen mögen. „Halt - warten Sie - ich habe einen Preis, um den Sie abstehen werden von diesem entsetzlichen Verfahren wider zwei Unschuldige’ - aber eben so rasch fuhr ihm der Gedanke durch's Hirn, daß der französische Gewalthaber alsdann ihm einfach seine Briefe werde nehmen wollen, wie er den Brief des Erzherzogs genommen , ohne dafür das geringste Zugeständniß zu machen - und dann, wie konnte Wilderich von diesen Briefen in Gegenwart des Schultheißen reden, sie zeigen ... wer war die Frau, die sie an den General geschrieben? war es nicht das eigene Weib des Schultheißen? sollte er dem alten gebrochenen Manne die Schmach anthun - und [562] 

wenn er es that. wenn er diese^verbrecherische Liebe dem Manne des treulosen Weibes verrteth. war ihm dann nicht gerade deshalb die schonungsloseste Nache des Generals gewiß ^

diese Gedanken dnrchzu.kten ihn ^ er hatte sie noch nicht ausgedacht. als der Geueral läugst verschwuuden war.

,^Mein Gotte^ sagte der Schnltheiß. sich an der nächsten Stnhllehne ansrecht erhaltend. um kreidebteichen Lippen, . . . „nnseliger Mensch. welches Schicksal bringen Sie über mich . . . .wie nm's H'^^s^ill^

^Mehren Sie meine Berzweislung nicht noch,^ rief Wilderich im furchtbarste^ Schnlerze anse ,^ich gäbe jeden Tropfen meines Blutes dafür, .kannte ich wieder gnt machen. was ich verbrochen an Ihnen ^ dies Entsetzliche ^ aber Sie sind ja nnschnldig. was kann Ihnen geschehen. deshalb^ weil ein von Gott und seinem Berstande verlassener Mensch Ihnen einen Bries bringt ^

„Was mir geschehen kann “^ das fragen Sie ^ nachdem Sie selbst es gehort^ das Wort. Kriegsgericht ^ und wissen Sie nichts daß in einer Stadt. wo der Belagerung^zu.tand erklärt ist. in Tagend wie diese sind. bei einer Armeen die auf der Flncht ist^ und die sich um ihr dasein schlägt e das Wort gleichbedentend ist mit. Tod^

Wilderich schtng verzweifett die H^d^ ^s ^esicht^

^Sprechen Siee was wollen Siee was treibt ^.nee so zu handeln^ was hat den Erzherzog getriebene mir einen sotcheu Brief zu schreibend einen Briefe der mir Berrath zu.nthet an dem Machte habere der augenblicklich hier die Gewalt hat^

„Ich . . . ich allein^ rief Wilderich aus. ,^Ich drängte ihn zu dem Briefe. Ich tiebe Benediete ^ ich wollte ihr Beschwer sein. ich wollte sie retten '^ nun bringe ich Ihnen den Tod durch meine Leidenschaft . .

,^Sie lieben meine Tochter^ rief der Schnltheiß mit einem nnbeschreiblichen Ton von Erstannen und Entrüstung zu.leich aus.

„Sie^ist Ihre Tochter^ Ihre Tochter^

^Sie sagend ^ie tieben siee und wissen nichts wer sie ist^"

,^Nein . ^ und dennoch liebe ich sie, innig und tief und ehrlich. wie ein deutscher Mann je geliebt hat ^ ich wnßte sie bedroht. dem gehässigsten Berdacht. den Peinigungen durch ein ihr seindseliges Weib ausgesetzt ^ ^ ich zitterte für ihre Freiheit. ihr Leben. ich wagte Alles. um ihr Hü^fe zlt bringen ..

,^Sie sehen. welche Hi^ ^ gebracht haben siet der Schntz heiß bitter ein. während ein Paar Thränen über seine bteichen alten Wangen zu rollen begannen.

,^Sie sind ein nnvernüuftiger hirntoser Mensch. der das Berderben über nlich gebracht hat^" snhr er dann fort ^ „aber ich sehee Sie fühlen es^ wie rnchtos Sie handelten. Sie sind nichts schlecht ^ Sie verdienen jedenfalls den Tod nichts der Sie er^ wartet. sichrere nnabwendbarer ats mich ^ retten Sie sich ^ Sie müssen Ihr H^ in d^ Fkncht snchen ^ sljehen Sie. bevor man kommt. Sie in den Kerker zu führen . .

^Ftieheu^ Wohin ^ ^ .'.^T^as H^s nnt^n ^st ^ Soldaten ^ aber vielleicht giebt es einen Weg über die Speicher , aus die Fächer der nächsten Hauser ^ was weiß ich ^ kolnmen Sie ^ kommen Sie

„Wenn Sie mich fliehen tassen. verdoppeln Sie den Schein Ihrer Schnld^ Ihre Lage wird zehnfach ärger ^ ich bleibe!^

.,^Nein. nein.^ rief der Schultheiß, ^w^s sollen zwei Mensche^ sterben . wenn dies bittre Loos Einem wenigstens abgenommen werden kann ... ich bin ein alter Mann. ich bin zur Flucht zu alt. zu ungeschickt '^ Sie werden es tonnen '^ vor Ihnen liegt noch ein langes Leben “^ folgen Sie mir ^

„Lafsen Sie miche lassen Sie mich chier^ damit ich die Menschen. die Sie richteu wollen. nberzeugen kann . .

„Sie^ werden sie nicht überzengen konnen. Man wird uns Beide zum Tode führen^ ohne aus Sie zu horen ^

^tlnd doch ^

^Kommen Sie. ich will^ ich will^s,^ rief der atte Mann

hastig aus und schritt aus die Thür des Nebenzimmers zu.

Witderich folgte ihm. Es war das Schlafgemach des Schntz heißen. das sie betraten. dieser offnete im Hint^^nnd'^ ^in^ ... zweite Thüre e vre in einen gauz schmalen e dunklen Gang leitete. an dessen Ende sich wieder eine Thür zeigte.

der Schuttheiß pochte an dieselbe und rief flüsternd^

„Mach^ anf^ mach.^ angenblicklich auf,. Benediete!^

Wilderich erbebte bei diesem Namen. Sie ^ sie war^s, die

er sehen sotlte . . . sehen sollte,. um nur einen Blick mit ihr zu wechsetn. ein Wort. und dann weiter zu sliehen^. um nie wieder vielleicht nur ihren Namen nennen zu horen . . . neme das war nicht moglich ^. . . wie ein Bli^ dnrchsnhr es ihn ^ hier lag vielleicht die Kettling . . . bei ihr . . . die Nettung für den Bater Benedietens. wie für ihn ^^sein Entschtnß stand sest!

die kleine Thür bewegte siche ein Nieget wurde. im Innern fortgeschobene sie osfnete sich. Benediete stand aus der .Schwelle.

Aus dem kteinen Limmer,. aus wetchem sie getreten. siet das Licht der dämmerunge die dranßen begonnene aus die Gestalt ihres Baters und Witderich^s.

^ lnein Gott.^ slüsterte sie. erschrocken, daß ihre Worte kanm vernehmlich waren ^ „Sie. Sie hier^"

,^n kennst ihn also ^ ^ es ist so. wie er sagt^ er kommt um deinetwillen ^ ^ Alles,. Alles dies ist um deinetwillen entseuchest mir zum tlnglück geborenes Geschopf^ ries der Schnle heiß aus.

Benedietens Augen ofsneten sich weit '^ sie starrte den Bater an ^ aber sein Ansrns. seine Eln^orung konnte sie nicht zer^ schmettern^ weil sie ihn nicht begrisf^ nicht verstand.

Starr mich n^rr an.^ snhr der Schnltheiß im heftigsten .^orm auflodernd forte „du,. Tm warst ese Schtangee dle mein Leben vergiften wollte . . ."

nicht das. nicht noch einmal. nicht immer wieder das ^ Bater . Bater. ich flehe dich ane sei barmherzig!^ ries Benediete. wie bittelld die Hand^ erhebend.

^ll warst es. die mir das K^nd stahl. verdarb, todtete . .

„Es ist nicht wahr, es ist nicht wah^ es ist nicht wahre der

Himmel ist mein ^enge.^ rief Benediete m^t einer H'^ft^k^ d^

widere wie sie sie vielleicht nie noch so maßtos gezeigt hatte.

„Es ist nicht wahr ^ '^ nicht wahre daß dne nur du je^t auch an meinem Tode schuld wirst e daß dieser unselige Mensch. hier nur um deinetwillen sich mit einem Briese an mich drängte der mich verdirbte der mich vor diesen erbarmungstosen Franzosen zum Berräther stempelt . .

mein Gott '^ wase was ist denn geschehen . . . welche

neue Sünde habe ich begangen ^ siet Benediete anßer sich ein.

„Ich sag^s dir ja ^ ^ ich sag dir^s ^ ^ dieser Mensch hier

dringt zu mir und giebt mir in dnvignot^s Gegenwart einen

Briefe einen Briefe der mein Todesnrtheil iste und das um deinem nur um deinetwillen . .

Benediete wnßte nicht tänger sich aufrecht zu erchatten e sie wankte zurücke sie tieß sich rückwärts aus das Lager fallen^ das an der Wand ihres Limmers stande sie schlug die Hand^ 'oor^s Besicht und begann bittertich zu weinen.

^Sie sind ein bosere schonungstosere grausamer Mann! ^ sagte Witderich je.^t mit nnterdrücktem ..^orne. „Wüth^n Sie wider miche und nicht gegen siee die keine Schnld hat. . . . Ihre wilden Borwürfe machen die Sache nicht besser. Gehen Sie! Ich will nicht fliehen. Ich vertane daß Sie mich mit Ihrer Tochter allein tafsen. Ich vertange eine ttnterredung mit ihr . ...ich will^ ich vertange es . . . ich slehe Sie an darum ^ ^ wenn lnan kommte mich gesangen zu nehmen. so stellen Sie sich vor mich ^ ^ nur eine^ Biertet^nnde lang schilpen Sie miche bis ich mit ihr geredet

habe . .

. ,^Sie sind ein Tchore wenn Sie nicht sliehen. . . . dort hinter jener Thür^ ^ der Schultheiß deutete mit zitternder H^nd ^f einen Ansgang im Hinterg^nnd^ ^on Benedietens Limmer ^ ^ führt eine Treppe hinanf ... . sehen Siee wie ^ie da loeiter kommen!^ ,^Ich sag es Ihnen e ich will nicht ^ gehen Siee lassen Sie uns allein ^ nur eine kurze ^eit schüren Sie mich hier vor dem Berhaftetwerdene das ist Allese was ich witl.^

Er drängte den Schnltheiß zurück e er schto^ die dhür des Limmers e er ergriff eine der H^ind^ Benedietens^ und sich neben sie seiende sagte er hastig^. ,^ Benedietee horen ^ie auf miche die

Angenblicke sind kostbar. Sie müssen sich ermannen e Sie müssen ^nir in knrzen Worten sagend um was es sich handelt bei den

Borwürsene die man Ihnen machte dann kann ich handelu danache danne^ glaub^ ich, kann ich den Frieden in dies H^ns zurückbringen und uns Alle retten! Aber ich muß Allese Alles wissen und Sie

müssen reden augenblicklich ... es hängen Menschenteben davon ab . .

mein Gotte wie kann ieb Ihnen das sagen . . . jel^t . . . je.^t das Alles sagen . . ^ [563] „Sie müssen es, Sie werden es, Benedicte, in wenigen knrzen Worten müssen Sie es; ermannen Sie sich, schöpfen Sie Hoffnung, raffen Sie Ihre Kraft zusammen –“

„Hoffnung Hoffnung,“ rief Benediete, ihm ihre Rechte entziehend, aus, und die Hände verzweiflungsvoll ringend, „meine einzige Hoffnung ist der Tod die einzige letzte Erlösung …“

„Und doch müssen Sie reden reden aus der Stelle, Sie sind es sich, Ihrem Bater, sind es mir sckuldig,“ drängte Wilderich fast zornig werdend.

„Ihnen, der solches Unglück in das Hans gebracht …“

„Um Gotteswilleu … machen nicht auch Sie mir diesen Borwurf! Um Sie verdien’ ich ihn nickt, von Ihnen will ich ihn nickt hören, was ich verschuldet, denk’ ich gut zu machen, mir muß ich wissen, wie ich es kann! Die Augenblicke sind so kostbar, so entsetzlich kostbar; um des Himmels willen, bei Allem, was Ihnen theuer ist, fleh’ ich Sie au … sageu Sie mir zuerst: ist Ihre Mutter die Geliebte Duviguot’s?“

„Sie ist es!“

„Ihre Stiefmutter …“

„Ja.“

„Und was ist es mit dem Kinde, das Sie entfernt haben sollen, Sie?“

„Es ist das Kiud, der Sohn meiner Stiefmutter, der ihr geraubt wurde.“

„Weshalb kamen Sie in diesen Verdacht?“

„Weil ich, so lange ich meines Baters einzige Tochter war, mich auch als seine Erbin betrackten durfte, die Erbin seines Reichthums. Er heirathete wieder und meine Sliesmntter schenkte ihm einen Sohn. Von dem Augenblick an war ich arm, meines Vaters ganzes Vermögen bestand in Lehngnt, es gehörte dem Sohne …“

„Weiter, weiter!“

„Ich wurde schlecht behandelt von meiner Stiefmutter, man wollte mir mit Gewalt einen Menschen zum Manne anfdringen, den ich haßte; ich entfloh dem väterlichen Hause; in derselben Nackt verschwand der Sohn meiner Stiefmutter, geraubt, entführt; man gab mir Schuld ihn entführt, als den Erben, der mir mein Vermögen genommen, nin des elenden Reichthums wegen beseitigt zu haben; ich mnßte mich verbergen vor aller Welt Augen; ich floh zu einer Verwandten meiner verstorbenen Mutter, der Aebtiffin von Oberzell, dort lebte ich im Kloster, bis die Nonnen fliehen mußten, bis es galt ein anderes Asyl für mick zu finden. Die Aebtiffin sandle mich nack Gosckenwald, mein böses Sckicksal sandte meine Stiefmntter dabin alles Uebrige wissen Sie –“

„Weshalb sagte Ihr Vater, daß Sie seiu N’ben hätten vergiften wollen …“

„Muß ich auch das Zhueu sagen, auck das bekennen, die Stunde, woriu ich schlecht, verächtlick, abscheulick war …“

„Sie waren nie schlecht, nie veräcktiich, Benediete, das sagt mir mein innerstes Gefühl, jede Regung meines Herzens, und ich muß Alles wissen, Alles …“

„Wohl denn: Es war im Jahre 1702, als Dnvignot, damals Eomniaudaut einer Halb-Brigade, mit dem Heere Enstiue’s nach Frankfurt kam, und das Unglück wollte, daß er sein Quartier in unserem Hause erhielt. Mein Vater war seit einem Jahr erst wieder vermählt. Meine Stiefmutter war sein Weib geworden, weil er sie eben gewählt hatte, weil sie ohne Vermögen war, weil ihre Verwandten deu Gedanken, die Hand eines folcken Mannes auszuschlageu, gar uickt hätreu in ihr aufkommen lassen; ihre Neigung wurde nicht befragt. Der junge schöne franzöfifcke Officier verliebte sich in sie; seine Veideuschafl erweckte die ihre, fein Werben niackte sie bald zu seinem völligen Eigenthum. Nack einigen Monaten mußte Duvignot Frankfurt verlassen. Meine Stiefmutter gab einem Sohne das Hben. Ein Jahr später kehrte Duvignot zurück; er war verwundet worden, er suchte Heilung, wie er angab, in Wiesbaden; von dort kam er oft zum Befuck zu nns – endlick, als der Winter kam, fiedelte er nack Frankfurt über und war täglicher Gast in unserem Hanse; er wollte noch imnier nicht ganz geheilt sein, und unter diesem Borwande mnßte es ihm gelungen sein, seinen Urlaub so lange ausgedehnt zu erhallen.

Mein Baker war blind gegen das, was vorging, gegen dies schmähliche Verhältniß – ich sah es, ich durcksckante es. Anch haßte mich meine Stiefmutter, der es nickt entging, daß meine Angen fckärfer waren als die aller Anderen; nud Duviguot theilte natürlich ihre Gefühle gegen mich … bis diese plötzlich sich ge änderl zeigten. Er führte einen jungen und gewandten Menfcken, einen Pariser, der, wie er sagte, der Sohn reicker Eltern, eines verstorbenen Parlamentsraths, war und Güter in der Bretagne besaß, in unser Hans ein – er nannte ibn seinen Better von Seiten seiner Mutier, einer Dame aus dem bretagnischen Adel und dieser Mensck warb um meine Hand, Dnvignot redete für ihn, meine Stiefmutter befürwortete feiue Werbung, mein Vater ward dafür gewonnen ich wurde gedrängt, gepeinigt, gesckolten – in meiner Noth, unfähig mick länger wider eine Zumuthung zu vertheidigen, die mich empörte – denn ich verabfckente diesen Franzosen, der mir den Eindruck eines scklanen und geriebenen Intriganten, eines falschen und uureiueu Meufckeu ntackte – in meiner Noth flüchtete ich mick zu meinem Baler, ich sagte ilnn Alles, ich sagte ihm, wie seine Gattin ihn entehre, wie diese Verbindung, zu der mau mick zwiugeu wolle, nur den Zweck habe, mick, die lästige scharfblickende Zengin des strafbaren Verhältnisses, zu eulferuen … mein Vater war anf’s Tiefste betroffen … er gelobte mir eine strenge Unterfncknng, seinen vollen Schutz, seiu uuerbittlickes Dazwischentreten. Er sprach meine Stiefmntter – und war von ihrer Unschuld so überzeugt, wie davon, daß ich nichts weiter als eine böse, falsche Schlange sei! Ich war zum Aeußersten gebracht; ich sah keine Rettung und kein Heil mehr außer in der Flucht; ich entschloß mich dazu, ich verließ an einem späten Abend ^as väterliche Haus, ich flüchtete mick in’s’ Kloster und dort fand ich Schutz… .

Es war mein Unglück! Dieser eigenmächtige Sckrilt, der mich befreien sollte, sollte fürchterlich bestraft werden … denn in derselben Nackt versckwand das Kind, der Sohn und Erbe meines Baters, und wer, wer anders hatte das Kind geranbt, entführt, als ick!“

„Furchtbares Zusammentreffen!“ rief Wilderich aus. „Aber wie war es möglick zu glauben, Sie, Benedicte, Sie …“

„Meine Stiefmutter baßte mick; was hätte sie nickt von nur geglaubt!“

„Aber Ihr Vater …“

„Mein Vater ist schwach … er liebt sein Weib, wie ein alter Mann ein junges Weib liebt –“

„Das ist entsetzlich… . Doch nun, da ich Alles weiß, lassen Sie mich reden – ich habe ein Pfand der Rettung für nns Alle ich habe die Briefe Ihrer Stiefmntter au Duvignot!“

„Die Briefe meiner Stiefmutter … die haben Sie?“

„So sagt’ ich!“

„Ihre Briefe an Duvignot? Aber wie ist es möglick …“

„Wie sie in meine Hände kamen, ist gleichgültig; genug, daß ich sie habe, hier wohlverwahrt auf meiner Brnst. Ich will zu Ihrer Mutter gehen – ich will ihr sagen: Du wirst des Sckössen und wirst meine Freiheit von Duvignot verlangen, Tu wirst mir schwören, Deinen Verdacht, Deine böse Tücke wider Benediete auszugeben, Du wirst meine Werbung um sie unterstützen – alsdann erhältst Du Deine Briefe znrück, die in meinen Händen sind; wo nicht, so wird der, in dessen Händen sie sind, sie Deinem Manne zeigen, er wird sie der Wett zeigen, die Welt würd sehen, daß Du ein schlecktes Weib bist, die Welt wird erfahren, daß Dnvignot Deinen Gatten ermorden läßt, um –Dick zur Wittwe zu machen! …“

Benediete sah ihn mit großen Augen an.

„Ick werde Ihnen die Briefe geben,“ fnhr Wilderich eifrig fort, „Sie sollen sie in Häuden haben und aufbewahren, damit man sie mir nicht entreißen kann …“

„Eitle Hvssnnng!“ unterbrach ihn Benediete.

„Wie, Sie glauben nicht …“

„Sie kennen die Leidenschaft dieser Menschen nicht, nickt ihre Gewailthäligkeil! Meine Mittler ist Dnvignot bis nack Würzburg gefolgt -– sie ist hierher mit ihm zurückgekehrt – hat sie so dem Aergerniß getrotzt, was wird sie am Ende nock sürckten …“

„Aber sie kann nicht wollen …“

„Mag sein, mag sein; aber jedensalls wird sie Ihnen nichl eher glauben, als bis sie die Briefe sieht … und wenn man sie ihr zeigt, so wird sie wissen, sie Jedem, der sie hat, mit Gewalt entreißen zu lassen. Vergessen Sie, daß sie durch Duviguot Hier allmächtig ist? Und wird sie sick nickt rächen wollen dasür, [564] daß Sie diese Briefe gesehen, gelesen, besessen? Wird Duvignot nicht., aber,“ unterbrach sie sich auffahrend, „hören Sie’^^ mein Gott, man kommt – man wird Sie fortschleppen in -HM Kerker,/ in den Tod -und meinen armen, armen Vater mit Ihnen …“

„Benedicts, Pfaffen Sie sich – wir stehen in Gottes Hand – Mott wird uns nicht verlaßen …“

„Hät er nicht mich längst verlassen – mich, wie ich nun zu allem Entsetzlichen auch das noch zu tragen habe/daß ich schuld an diesem unsäglichen Unglück geworden?“

„Da- nehmen Sie die Briefe, bei Ihnen sind sie sicherer, bewahren Sie sie mir, bis ich sie Ihnen abfordern lasse.“

Er reichte ihr’ das Packet, das sie ängstlich unter das Kopfkissen ihres Bettes“ verbarg.

„Glauben Sie mir,“ fuhr er fort, „diese Briefe werden uns nützen – und wenn nicht,’ so werden wir ja auch ohne sie unsre Unschuld’-beweisen können.“

W/Gerade weil Sie unschuldig sind, wird man Sie nicht hören wollen.“

„Gerade deshalb? Aber das wäre ja teuflisch!“

„’Die’-Nlenschm^siud. oft Teufel! Duvignot wird es durchschauen, daß mein Vater und Sie unschuldig an dern sind, wessen er ^Sid’ beschuldigt. Wenn er dies dennoch thut, so ist es ein Beweis, daß er Sie verderben will.“

„Er kann doch kein Interesse daran haben, mich zu verderben…“

„Wenn er meinen Väter vernichten will,- so müssen Sie mit fallen ’7 ^ .“

-„Hören Sie Benedicte, ich verzweifle dennoch nicht; ich kann nicht mit Ihnen glauben, daß dieser Mann so schlecht^ sei! Wir werden doch vor Richter gestellt werden. ’ Vor diesen werde ich reden. Ich werde ihnen schildern, wie nur meine Leidenschaft für Sie mich verführt hat, hierher zu eilen .’ wie ich vom Erzherzog nichts anderes gewollt, als eine Verwendung für Sie, wie .W/WW/Üm Sie allein mich hierher getrieben – ich werde das mit aller Beredsamkeit, “deren ich fähig bin, aussprechen – und wenn Sie,’ Sie, Benedicts, dann, falls man Sie fragt, meine Worte nicht Lügen strafen, wenn Sie großmüthig genug wären, zu bestätigen, daß es so sei, daß Sie mich früher Freund genannt, daß Sie mir das Recht gegeben, für Sie zu handeln… Benedicts, zürnen Sie mir nicht, daß ich so spreche-, daß ich so viel von Ihützn’ verlange . Däber Sie würden es ja nicht für mich blos, auch für Ihren Vater thun, und das …“’

Benedicte legte sanft ihre Hand- in die seine:

„Weshalb sollte ich es Nicht?“ sagte sie kaum hörbar. „Habe ich Ihnen auch das Recht, für mich zu handeln, bis jetzt nicht gegeben, so würde ich es ja gern thun!“ …

Sie würden es gern?“ mein Freund, der einzige, den ich gefunden habe! … Das ist es eben,- was mich weniger Ihnen vorwerfen läßt, daß Sie so zum unsäglichen Unheil in dies Haus gedrungen – es ist mir ja, als trüge ich selber daran die Schuld, als hätten meine Gedenken, mein Verlangen Sie hierher gezogen, als hätten diese sehnsüchtigen Gedanken eine unwiderstehliche Gewalt über Sie üben müssen – denni meine Gedanken sind bei Ihnen gewesen, seit ich Sie zum ersten Male sah.“ …

- Wilderich warf sich tieferschüttert ihr zu Füßen, er nahm ihre beiden Hände und preßte sie schluchzend an seine Zippen:

„O Dank’– o-Dank für dies Wort! – ein solches unermeßliches Glück- geben Sie mir – und dennoch sollte Alles, Alles Mt Uns aus, ’sollte unser Heben dem Tode verfallen, sollten unsere Minuten gezählt sein? O es ist, es ist nicht möglich – jede Fiber, jeder Blutstropfen in mir sträubt sich dawider, kocht dawider auf – o Benedicte, lassen Sie uns hoffen, lassen Sie. eine kurze Spanne Zeit hindurch uns glücklich ßein!“

Er bürg sein Haupt an ihren Knieen und schluchzte wie ein Mud. Sie legte ihre beiden Hände aus sein dunkles Hcnrpthaar und lispelte etwas, das er nicht verstand. Wär es ein Wort - der Liebe – ein Bekenntniß des Herzens? Jedenfalls war es ein Gebet.

Das Geräusch von schweren Männerschritten und Waffenrasseln, das Beide vorher vernommen hatten, war wieder erstorben Jetzt wurde es auf’s Neuehörbar – erst dmnpf, dann Heller – die Schritte, nahten durch den kleinen Corridor, durch den her’ Schultheiß Wilderich zu Benedicte geführt: „O fliehen Sie, fliehen Sie!“ rief Benedicte aufspringend aus… .

„Fliehen?“ sagte Wilderich, „nein … ich kann es nicht… zwar, ich möchte leben jetzt … leben! … aber ich darf nicht, ich kann nicht … ich muß das Schicksal Ihres Vaters theilen… ich bin sein einziger Vertheidiger, seine einzige Rettung, wenn es eine für ihn giebt! Ich darf ihm nicht fehlen in der -SEn’de, die über sein Loos entscheidet! – Aber,“ fuhr er, sich plötzlich, vdr die Stirn schlagend, fort, „wie ist’s möglich, daß, lch das/, vergaß! Sagen Sie mir, wer in den Briefen Ihrer Stiefmutter’’kann H. de B. sein?“

„ G. de B. ? Wohl Grand de BateMre, der Mann, den man mir aufdringen wollte.“

,MH!“ rief Wilderich aus, „dann Zum Weitersprechen war es zu spät, wie es zu spät gewesen/ wäre zur Flucht–der Capftaftr Lcsaillier trat über die-Schwelle: Hinter ihm standen ein des Generals..

„Im Nämen der Republik – Sie sind mein Arrestant/’ sagte der Capitain zu Wilderich, „folgen Sie mir!“

Benedicte flog an Wilderich’s Brust –sie umklammerte ihn mit krampfhafter Gewalt, und dann riß sie sich stürmisch mit dem Aufschrei: „Und mein Vater – wo ist mein Vater? !“ von ihm los und wollte hinausstürzen.

Lcsaillier hielt sie zurück.

„Ersparen Sie sich das, Mademoiselle,“ sagte er theilnahmevoll und bewegt, „Ihr Vater ist fort, er ist vorhin bereits abgeführt!“

„Und ich, ich trage die Schuld, daß Man ihn in den Tod, schleppt, o ewiger.Gott, ich allein ! rief sie mit einem Ausbruch furchtbarer Verzweiflung aus und dann sank sie bewußtlos auf den Boden.

[578]
11.

Wenn Wilderich und Benedicte eine so lange Zeit behalten, um sich über ihre Lage auszusprechen, so hatte dies seinen Grund in einem Zögern Duvignot’s, zum Aeußersten zu schreiten, in den Gedanken, von denen der General erfaßt und bewegt wurde, nachdem er vorhin das Zimmer des Schultheißen verlassen hatte.

Er hatte ein Document in der Hand, auf das hin er den unglücklichen Mann vor ein Kriegsgericht stellen und nach vierundzwanzig Stunden erschießen lassen konnte.

Die Proklamationen Jourdan’s, die eine solche Strafe auf Verbindungen mit der feindlichen Armee setzten, berechtigten ihn vollständig, ja verpflichteten ihn dazu.

Auch ohne dies wäre er berechtigt dazu gewesen, als oberster commandirender Ofsicier in einer Stadt in Feindesland, in welcher der Belagerungszustand verkündet war. Sein Oberfeldherr hatte ihm, dem energischen und zudem in Frankfurt durch seinen früheren Aufenthalt so wohl bekannten Mann, die Hut der Stadt übergeben, in der Voraussetzung, daß er schonungslos und unerbittlich die Maßregeln durchsetzen würde, welche nothwendig seien, um diesen Punkt möglichst lange dem rückziehenden Heere zu erhalten. Der General konnte nach der Schärfe des Rechts verfahren. – Er konnte Marcelline zur Wittwe machen! Er konnte den Streit zwischen ihr und ihm mit einem Streiche zerhauen, mit einem Worte enden.

Dieser Gedanke bestürmte ihn, während er die Treppe aus dem Stockwerk des Schultheißen niederstieg – aber er bestürmte ihn auch zu sehr, um sofort seinen Willen und Entschluß bestimmt und entschieden feststehen zu lassen.

Duvignot war ein Sohn der Revolution, die der Freiheit Hekatomben von Menschenleben gebracht, die zu ihrer Vertheidigung den Boden, auf dem sie stand, nicht wie eine angegriffene Feste des Niederlandes unter Wasser und Meereswellen, sondern unter Blut gesetzt hatte. Er war Soldat und hatte den Tod in allen Gestalten gesehen; er kehrte von einem leichenbedeckten Schlachtfelde heim; der Tod war ein ihm vertrautes Ding, ein ihm gewöhnliches Ereigniß, eine alltägliche Lösung … er war nicht der Mann, der viel Wesens aus einem Menschenleben machte.

Und dennoch wür er erschüttert; er fühlte seine Energie sich brechen bei dem Gedanken an diesen Tod, in den er einen Mann senden wollte, der zwischen ihm und seiner Leidenschaft stand! Er fühlte, daß es etwas Fürchterliches sei um eine solche That, daß jenseits derselben für ihn etwas Dunkles, zu Fürchtendes, Grauenhaftes liegen könne – die Reue, die Selbstverachtung.

Als er auf dem Vorplatze vor seinem Zimmer unten angekommen, trat er an die Treppe, welche nach unten in den Hausflur hinabführte. Er winkte dem Gensd’arm, der da unten Wache hielt, und als der Mann vor ihm stand, sagte er:

„Ist der Capitain Lesaillier da?“

„Er ist eben gekommen und unten im Zimmer der Adjutanten.“

„Sagt ihm, er soll einige Leute nehmen und oben die Treppe damit besetzen … der Schultheiß und ein Mensch, der bei ihm ist, werden arretirt werden müssen … aber er soll da oben auf weitere Befehle von mir warten.“

„Zu Befehl, Citoyen General!“ versetzte der Gensd’arm und eilte dem Capitain Lesaillier seinen Auftrag auszurichten. Duvignot aber wandte sich und trat raschen Schrittes zurück in das Gemach Marcellinens, das er vorher verlassen hatte. Er fand sie in derselben Stellung in ihrem Sessel am Fenster, wie er sie verlassen – nur daß sie ihr Tuch an die Augen gedrückt hatte.

„Marcelline,“ sagte er, auf sie zuschreitend und mit bewegter Stimme … „das ändert Alles … da lies!“

Er reichte ihr den Brief des Erzherzogs; sie nahm ihn mit lässiger Hand, ohne aufzublicken.

„Was soll ich damit?“

„Lies!“

„Nun,“ fuhr sie apathisch fort, nachdem sie das Blatt überflogen … „was soll es? Es ist nichts, was mich just überrascht – ich sagte Dir, daß ich dem Erzherzog begegnet. Der Brief ist an Vollrath … gieb ihn ihm … ich denke viel an seine Benedicte jetzt!“

„Vollrath erhielt den Brief – er nahm ihn in meiner Gegenwart entgegen und das genügt, um ihn des Verraths zu überweisen … ich werde Vollrath darauf hin vor’s Kriegsgericht stellen und erschießen lassen.“

Marcelline fuhr erschrocken zusammen.

„Ah … Du … Du sagst … nein, ich kann nicht recht gehört haben … Du sagst …?“

„Ich könne ihn erschießen lassen, so sagt’ ich, und so wird es geschehen …“

„Um Gotteswillen, das ist, das kann nicht möglich sein …“

„Laß mich ausreden … meine Pflicht gebietet mir, die Befehle, die ich erhielt, ausführen zu lassen, und zu diesen Befehlen gehört, unnachsichtlich jede Verbindung mit unseren Feinden zu ahnden … wir können, wir dürfen nicht anders handeln, von stärkeren Gegnern umgeben, in Feindesland uns unserer Haut wehrend, in einem Kriege, wo von Schonung keine Rede ist und die Bauerncanaille sogar sich wie eine blutdürstige Bestie auf uns gestürzt hat …“

[579] „Du sprichst dies Alles nicht, um mich wirklich glauben zu machen, daß Du ein solcher Unmensch, ein so verabscheuenswürdiger Schurke sein würdest ...“

„Ruhig, ruhig, Marcelline – zornige Worte bringen uns nicht weiter – höre mich an. Ich werde das Leben Deines Gatten schonen, ich werde diesen Brief dann zerreißen, wenn Du es willst ... dagegen wird Dein Gatte einwilligen, Dir all das Deine herauszugeben, Dich friedlich ziehen und mir folgen zu lassen! Geh’ zu ihm und stelle ihm die Bedingung ...“

„Um Gott, ich soll zu ihm gehn, ich soll ihm in’s Gesicht mein Verbrechen bekennen ... ich soll seine Einwilligung in einen schmachvollen Handel verlangen ...“

„Wenn Du mich liebtest, wie Du so oft geschworen, würde ich diese hochtönenden Worte nicht zu hören brauchen,“ rief Duvignot, zornig mit dem Fuße stampfend, aus – „nimm die Dinge einfach, wie sie liegen! Blicke der Nothwendigkeit mit mehr Ruhe und Vernunft in’s Gesicht, laß die Worte und handle ... Du stehst vor einem Entweder-Oder ... und kein Gott rettet Dich vor einer Entscheidung!“

„Daß kein Gott den rettet, der einmal in Deinen Händen, scheint in der That! Etienne, Du bist entsetzlich, es graut mich vor Dir!“

Er zuckte mit düsterem Stirnrunzeln die Achsel.

„Entscheide Dich und geh’!“ sagte er, sich an’s Fenster stellend und seine Stirn an eine der Scheiben beugend.

„Aber glaubst Du denn, glaubst Du in der That,“ rief Marcelline, „daß Vollrath in einen solchen schmachvollen Vertrag einwilligt? Daß er mich gehen heißt, wenn ich ihm als Preis dafür jenen Brief dort biete?“

„Ich denke doch!“ stieß Duvignot zornig hervor.

„O, Du irrst ... Du irrst gewaltig – der alte Mann wird nie in etwas einwilligen, was wider seine Ehre ist, nie ... und er liebt mich ... wahrhaft ... mehr vielleicht als Du, der im Stande ist, mich so zu quälen ... weißt Du, was seine Antwort sein wird?“

„Was wird sie sein?“ fragte Duvignot mit kaltem Hohn. „Er kann Dich nicht mit in’s Grab nehmen, dieser Mann, der Dich mit so heißer Liebe liebt, wie Du sagst!“

„Nein, aber er kann über’s Grab hinaus mich vor Unglück, vor dem Untergang behüten wollen. Er wird sagen: ich darf mir das Leben nicht erkaufen wollen mit dem sicheren Unglück Deines Lebens – willigte ich ein, so wärst Du ein verlorenes Geschöpf, Du würdest grenzenlos unglücklich werden an der Seite eines Mannes, der solche Mittel gebraucht, um Dich zu besitzen ... Deine Zukunft, das ganze Elend Deiner Zukunft steht vor mir und – ich will Dir nicht das Thor öffnen zu dieser Zukunft ... lieber geh’ ich in den Tod, der mich nicht entehrt, wie es das Leben nach solch einem Handel thun würde!“

„Welchen Heroismus Du ihm zutraust, welche rührende Liebe zu Dir!“ erwiderte Duvignot verbissen und doch von Marcellinens Worten erschüttert. Aber dies Gefühl wurde nicht Herr über ihn. Die Leidenschaft, die ihm die Trennung von dem geliebten Weibe als etwas Unmögliches, etwas ganz Undenkbares erscheinen ließ, die Kränkung seiner Eigenliebe, die in ihrem Widerstande lag, das Stachelnde dieses Widerstandes selbst, alles das durchwühlte ihn und höhnisch rief er aus:

„Ihr Weiber seid Egoisten, Alle – Alle – Du denkst bei dem Allen nur an Deine Zukunft und die Sicherheit Deines Glücks darin ...“

„Ihr Männer seid wohl nicht Egoisten? ... Du bist es nicht in dieser Stunde?“

„Wenn Du es nicht bist, nun wohl, so geh’, denk’ zuerst an Deinen Mann und wie Du ihn rettest – denk’ an ihn und nicht blos an Dein Schicksal, das Dir so entsetzlich scheint, wenn Du mir folgst, wenn Du mir es anvertraust!“

„Ich kann Vollrath nicht retten ... er wird es nicht wollen ... nur Du kannst es – gieb Deinen schrecklichen, schurkischen Vorsatz, Deinen teuflischen Willen auf ...“

„Reize mich nicht mit solchen Worten – es ist genug, daß Du sagst: ‚Ich will nicht‘! Wohl denn, so höre: Du bist es, die Deines Mannes Todesurtheil unterschreibt, und – nachher folgst Du mir dennoch ...“

„Dem Mörder meines Mannes? Nimmermehr!“

Duvignot wandte sich und schaute eine Weile auf die furchtbar erregte, verzweifelnde Frau nieder.

Der Anblick schien ihn zu erweichen; er fuhr mit der Hand über die Stirn und sagte halblaut. „Suchen wir Frieden, Marcelline; höre mich an. Ich dürste nicht nach dem Blut dieses armen alten Mannes – bei meiner Ehre nicht! Mag er leben! Aber auch wir wollen leben, zusammen leben, denn anders fasse ich das Leben nun einmal nicht! Laß uns darüber einig werden, einig noch in dieser Stunde, damit Alles abgethan sei, was neuen Streit zwischen uns entbrennen lassen könnte! Du fürchtest für das Glück Deiner Zukunft, für Dein Loos, wenn Du es mir anvertraust ... das ist bitter, es ist demüthigend für mich. Liebtest Du mich, so wie ich Dich, so würde kein Raum für solche Bedenklichkeiten in Deinem Herzen sein. Du würdest in einer Zukunft, die uns die Freiheit gäbe, uns ganz anzugehören, nur das höchste Glück erblicken und vertrauend dem Manne folgen, von dem Du weißt, daß Du seine ganze Seele besitzest. Sei es drum – wenn ich Deine ganze Seele nicht besitze, wie Du die meine, so giebt es ein Wesen wenigstens, was sie besitzt, und dieses Wesen wird die Macht haben, Dich zu dem zu bestimmen, was Du mir abschlägst ...“

„Was willst Du sagen?“ rief Marcelline aus.

„Ich sagte Dir vorhin, daß ich die Macht habe, Dich zu zwingen, mir zu folgen. Ich drückte mich verkehrt aus. Nicht in meiner Hand liegt diese Macht – es ist ein anderes Wesen, das ...“

„Wen ... o mein Gott, wen kannst Du meinen? ...“

„Brauche ich es Dir zu sagen? ich meine Leopold!“

„Leopold!“ fuhr Frau Marcelline empor, sich strack aufrichtend und die Hand nach Duvignot ausstreckend, ... „Leopold ... was ist mit meinem Kinde ... was weißt Du von meinem Kinde ... rede, rede, was ist mit ihm ... wo ist es?“

„Es ist in Frankreich!“

„In Frankreich? In Deinem Lande?“

„In meinem Lande, in meiner Heimath, in der Bretagne, wohlgehütet, wohl aufbewahrt!“

„In Deinem Lande ... und da ist Leopold ... und das sagst Du mir erst heute ... erst jetzt ... o Du belügst mich, Du entsetzlicher Mensch!“

„Ich spreche die Wahrheit!“

„Es kann nicht wahr sein ... es kann nicht sein ... wie könnte Benedicte, nachdem sie das Kind entführt, es nach Frankreich, in Deine Gewalt gebracht haben?“

„Behaupte ich das? Aber könnten meine Nachforschungen nach dem geraubten Knaben nicht rastloser und glücklicher gewesen sein als die Deinen? Könnte es mir nicht gelungen sein, ihn aufzufinden, ihn, meinen Sohn, mein Eigen, das nach allen Gesetzen der Natur mir gehörte, in meiner Heimath in Sicherheit zu bringen und mir als einen theuern Schatz, als mein Liebstes da zu bergen?“

„Das ... das sollte die Wahrheit sein, das behauptest Du?“

„Ich behaupte es, ich schwöre es Dir, daß das Kind in meinen Händen ist. Giebt es einen Schwur, der Dich überzeugt, so nenne ihn mir, ich will ihn leisten. Bei meiner Ehre? Das genügt Euch Weibern nicht, Ihr wißt nicht, was einem Manne seine Ehre ist ... bei der Asche meiner Mutter – ist Dir das genug?“

„Aber wie war es Dir möglich ...“

„Ich habe das Kind Grand de Bateillère anvertraut; ich habe es ihm auf die Seele gebunden, er hat es in die Nachbarschaft von Rennes geführt, zu einer seiner Tanten, die auf dem Lande lebt. Ich hörte lange nichts von ihm ... aber sein letzter Brief sagte mir, daß das Kind wohl sei.“

„Und mir, mir verschwiegst Du das?“

„Ich verschwieg es Dir – vielleicht in der Voraussehung einer Stunde, wie diese für uns ist ... einer Stunde, wo ich die Demüthigung erlebe, zu sehen, daß meine Bitte: verlaß mich nicht und folge mir, machtlos an Dir abgleitet, wo ich Dir sagen muß: Folge mir denn zu Deinem Kinde, Du wirst sonst Dein Kind nie wieder sehen.“

„Hatte ich Recht,“ fuhr, als Marcelline nicht antwortete, Duvignot mit Bitterkeit fort, „hatte ich Recht, als ich Dir sagte: ich könne Dich zwingen?“

Marcelline stand wie erstarrt, wie versteinert. Sie war todtenbleich geworden. Nur in ihren unheimlich vergrößerten Augen, die auf ihm ruhten, schien noch Leben zu sein. So blickte [580] sie ihn an, daß ihm unheimlich zu Muthe wurde ... daß er die Brauen zusammenzog und gebieterisch sagte. „Nun, so rede doch endlich!“

„Du hattest nicht Recht!“ stieß sie kaum hörbar hervor. „Nein, bei Gottes rächendem Strafgericht nicht! Du der Verbündete dieser Benedicte, um mir den größten Schmerz meines Lebens zu bereiten!“

„Das war ich nicht – ich wahr nicht ihr Verbündeter ...“

„Und wenn auch, Du konntest meine Angst, meine Qual sehen ... und doch sagen, Du liebtest mich! O unerhört ... unerhört ... unerhört!“

Sie sank in ihren Sessel zurück, sie schlug ihre Hände vor’s Gesicht und brach in bittres Schluchzen aus.

„Gieb mir mein Kind,“ rief sie aus, „gieb mir mein Kind zurück ... und dann, dann laß mich nie, nie wieder den Vater dieses Kindes sehen!“

„Marcelline!“

„Ich will mein Kind von Dir ... nichts ... nichts als das ... gieb mir mein Kind zurück!“

„So fasse Dich doch ... Du wirst mit mir kommen, wir werden zusammen es wiedersehen ...“

„Mit Dir? Nie, nie – aber ich werde es mir holen ... ich werde es zu suchen, zu finden wissen ... ich werde barfuß gehen und mich von Thür zu Thür betteln, wenn es sein muß, um mein Kind wieder zu erlangen ... ich werde seinetwegen Alles, Alles opfern, ich werde meinen Ruf mit Füßen treten lassen, ich werde Alles thun, was ein Weib thun kann – nur das Eine nicht, Dir Menschen ohne eine Seele und ohne ein Herz im Leibe zu folgen ... bei Gott, dies scheidet uns auf ewig!“

„Marcelline!“ rief Duvignot leidenschaftlich aus, „mach’ mich nicht rasend, nicht toll – – dies ist nicht Dein letztes Wort, oder ...“

„Es ist mein letztes ... unwiderruflich!“

„Wenn ich Dir Alles auseinandersetzen könnte, was mich bestimmte, was mich zwang ...“

„Was bedarf es dessen? Du sahst meinen Schmerz, meinen furchtbaren Schmerz und – schwiegst! Es ist genug, übergenug. Sprich mir kein Wort mehr, geh’, räche Dich, thue, was Du magst und kannst, tödte, erschieße, bade Dich in Blut, mich beugst Du nicht mehr! –“

„Zorniges, unvernünftiges, eigensinniges Weib!“ brauste jetzt Duvignot auf, „füge Dich in meinen Willen oder ...“

„Niemals – Du kannst mich zerbrechen, aber nicht beugen!“

„Nun dann im Namen der Hölle!“ schrie Duvignot, „gebrochen sollst Du werden! Es ist Dein Trotz, der mich zwingt zu handeln!“

Er stürzte, den auf den Boden gefallenett Brief des Erzherzogs an sich reißend, davon und draußen einige Stufen der Treppe zum oberen Stock hinauf, bis ihm auf seinen Ruf der Capitain Lefaillier entgegen eilte.

„Der Schultheiß wird auf die Hauptwache abgeführt,“ befahl er diesem. „Dann bemächtigen Sie sich des Menschen in der Chasseur-Uniform; Beide werden strenge bewacht!“




12.

Wir sahen, wie die Befehle des Generals sofort ausgeführt worden waren. Der Capitain Lefaillier hatte zuerst den Schultheißen Vollrath abführen lassen. Dann hatte er sich der Person Wilderich’s bemächtigt. Dieser folgte jetzt den Soldaten; der Capitain schritt hinter ihm drein. In seiner furchtbaren Erregung, in seiner Erschütterung war es Wilderich schwer, die Besinnung zu bewahren, und doch hatte er alle seine Fassung nöthig, um den Gedanken, der wie ein Licht in seine Seele gefallen, festzuhalten – den Gedanken, der ihm in all’ dieser unsäglichen Aufregung nicht früher gekommen, der jetzt wie ein Blitzstrahl ihn bei Benedictens letzter Antwort durchzuckt hatte – und an dessen Ende die Rettung, sichere Rettung lag!

„Capitain,“ sagte er deshalb, sich, die Treppe hinabschreitend, zu Lefaillier umwendend, „Capitain, wenn Sie Ihrem General einen großen Dienst leisten wollen, so verstatten Sie mir, daß ich ein paar Worte mit Ihnen unter vier Augen rede!“

„Sie werden vor dem Kriegsgericht reden können ... morgen!“ antwortete der Capitain.

„Nein,“ versetzte Wilderich, „des Generals Privat-Angelegenheiten und die der Dame dieses Hauses gehören nicht vor das Kriegsgericht.“

„Pst!“ rief Lefaillier aus, „und davon wollen Sie mit mir reden?“

Er maß ihn mit einem verächtlichen Blick von oben bis unten.

„So ist es ... ich bitte Sie dringend darum ... wenn Sie mich anhören, werden Sie Ihrem Vorgesetzten den größten Dienst leisten, den ihm ein Sterblicher in diesem Augenblick leisten kann!“

„Merkwürdig! Und was liegt Ihnen daran, ob ihm ein Dienst geleistet werde oder nicht? Ihnen ... in Ihrer Lage?“

„An Ihrem General liegt mir nichts ... aber an einer anderen Person, für die ich nicht handeln kann, ohne auch Ihrem General zu nützen.“

„Nun, so treten Sie,“ sagte Lefaillier zögernd, doch betroffen von dem Ernst, womit Wilderich sprach, „treten Sie dort ein.“

Sie waren unten auf dem Flur angekommen und Lefaillier deutete auf die Thür, die links von der Hausthür in einen Raum führte.

Wilderich trat ein, Lefaillier folgte ihm, während auf seinen Wink die Soldaten vor der Thür blieben.

„Also – was wollen Sie?“ fragte der Capitain herrisch und wie über seine eigene Nachgiebigkeit verdrossen, „reden Sie!“

Es standen im Hintergrund des Zimmers ein paar Officiere und einige Leute in Civil zusammen, Wilderich trat also in die erste Fensternische, wo er ungehört sprechen konnte.

„Was ich will,“ sagte er, „ist die Freiheit auf dreißig bis sechsunddreißig Stunden, gegen mein Ehrenwort, daß ich nach Verlauf dieser Zeit mich wieder zur Haft stellen werde.“

„Ah!“ rief der Capitain, halb verwundert, halb spöttisch aus.

„Und Sie werden mir die Freiheit geben,“ fuhr Wilderich fort, „wenn ...“

„Wenn ich gesehen habe, daß Sie ein Narr sind, der unzurechnungsfähig ist und den man deshalb laufen läßt, wollen Sie sagen!“

„Nicht doch, Sie werden mir die Freiheit für so kurze Zeit geben, wenn ich Ihnen einen Preis dafür biete, den Sie nicht ausschlagen werden.“

„Und dieser Preis wäre?“ sagte achselzuckend der Capitain.

„Es ist die ganze geheime Correspondenz der Frau des Schultheißen mit Ihrem General.“

„Teufel ... die hätten Sie?“

„Sie ist in meine Hände gefallen ... mit dem im Spessart aufgehobenen Fourgon des Generals.“

„So werde ich sie Ihnen einfach abnehmen lassen ...“

„Das können Sie nicht, denn ich trage sie nicht bei mir.“

„Wo ist sie?“

„Sie werden das erfahren nach meiner Freilassung.“

„Ich soll Sie freilassen auf Ihr bloßes Wort hin, daß Sie diese Briefe besitzen, an deren Wiedererlangung allerdings dem General gelegen sein dürfte ...“

„Sie werden das,“ fiel Wilderich ein, „diese Briefe werden sonst veröffentlicht werden und die Welt wird erfahren, daß die Verfolgung des Schultheißen Vollrath durch den General eine Handlung der allerniedrigsten und verächtlichsten Privatleidenschaft war ... wenn sich der General daraus am Ende nichts machen sollte, so wird die Frau, um deren Ruf es sich handelt, desto mehr Werth darauf legen, nicht so bloßgestellt zu werden!“

Der Capitain sah Wilderich eine Weile nachdenklich an.

„Aber was wollen Sie denn eigentlich, daß geschehe?“ sagte er dann. „Sie können doch unmöglich begehren, daß man Sie so ohne Weiteres und auf das gütige Versprechen hin, daß Sie jene Briefe ausliefern wollen, laufen lasse?“

Wilderich unterbrach ihn, indem er zu dem Tische im Hintergrunde des Raumes, auf welchem sich Schreibmaterialien befanden, schritt und ein Blatt nahm, um hastig einige Worte darauf zu schreiben.

„Was schreiben Sie da?“

Wilderich gab das Blatt an den Capitain. Dieser las die Worte:

„Geben Sie die Briefe, welche ich Ihnen anvertraute, an den Ueberbringer dieser Zeilen. Wilderich Buchrodt.“     

[582] "Nun?“ fragte der Eapitain, "an wen ia dieser Zettel ge- richtet?“

"Geben Sie tnir die Freiheit . . . dann gebe ich Jhnett die Adresse! Mein Ehrenwort daranf . . . gegen Jhr Ehrenwort!“

"Gut denn,“ verfetzte Lefaickier, "ich wia zum General gehen und ihn etttscheidett lassen. Sind Sie damit einverstanden?“

"Böaig! Aber eilen Sie!^'

Der Eapitain ging. Nach wettigen Mittttten kam er zurück.

Anf die Schweae des Zimmers tretend, winkte er Wilderich zu

sich. Diefer trat auf ihn zu.

"Kommen Sie,“ sagte Lefaickier, "die Adresse ... . dauu köttttett

Sie gehn, wohin Sie woaen!“

"Jhr Ehrenwort, daß mich Niemand hindern wird?“ Lesaiaier wandte sich durch die offene Thür zum Flur zurück

und sagte laut zu den zwei Soldaten, welche als Posten sich davor

aufgesteckt hatten^

"Jhr könnt gehen, Lewe, der Mann hier ist frei.“

"Alfo . .^die Adresse!'^ wandte er ach dann an Wilderich

zurück.

"Uebergeben Sie den Zettel an Fränlein Benediete Bockrath!“ antwortete Wilderich.

"Die Briese sind in ihren Händen?“

"So ist es, Herr Eapitain ... und nun aus Wiedersehen!“

Wilderich grüßte leicht und schritt davon. Der Eapitain eilte mit seinem Zettel zum General hinans, den er umdrängt von Menschen und Geschäften oben in seinem Zimmer und wie eitten zornigen Löwen dazwischen ans- und abrennend sand.

Eitte Viertelstuttde später hatte Wilderich .mit Hülfe des ehr- lichen Sachsenhänfers feinen Btnnnett aus dem Stalle im "Granen Falken“ gezogen und. faß im Sattel, um heimwärts in feinen Speffart zu reiten. Hatte der arme Klepper bei dem Herritt sich scharf zttfattttnettnehtnen müssen, so war es jetzt, bei der Rückkehr zehn Mal ärger. Die Wege waren durch den Marsch so vieler Trnppeneolontten, Geschütze, Proviant- und Mnnitionswagett, und was Aaes mit einer Armee sich dahittwälzt, in eitten fürchterlichen Znftand gerathett. Nnr gnt, daß die Straße von diesen Zügen selbst freier war, als attt gestrigen Tage und am Morgen - der weitans größere Theil desten, was von der Sambre- und Maas- Armee durch den Speffart gezogen, war rechtsab .in die Wetteran matschirt oder hatte feinen nächsten Bestimtnungsort, Frankfnrt, erreicht ....nur noch die Marodeurs und Nachzügler begegtteteu Witderich, der in gestrecktem Trab, ohne sich viel nttt sie zu kümmern, meist mitten durch ihre Hanfett hittdnrchfprengte. So erreichte er Hanan am tiefett Abende er ließ dem Pferde in Wein getränktes Vrod geben und es trug ihn weiter, unermüdlich, bis in die tiefe Nacht hinein, bis nach Aschaffettbnrg. Hier aber drohte es zu. famtttenzttbrechen. Wildernch mnßte sich entschließett, abzu.tei.gett und es über holpriges Pslaster am Zügel durch ein paar Straßeu zu führen, bis er ein Wirthshans entdeckte, vor desten noch geöffnetem Einfahrtsthor eine Laterne brannte. Da fattd es Stall, Stren und Rast. ... Wilderich aber fühlte, daß an Rast und Ruhe für

ihn nicht zu denken feie er ging, nachdem er gefehen, wie sein Thier von einetn verschlafenen Hausknecht .versorgt worden, in das große gewölbte Gastzimmer neben dem Eckt gattgsflnr des Haufes.

Es war stick und tttettschenbeet^^das weite Gastzimmer zum "Goldenen Faß ^' in der Schntiedstraße zu Aschassenbttrg. Ans der Vank attt Kachelofen lag ein halbwüchsiger junge, mit dem Rückeu an die Waud gelehnt, den Kops aus die Brttst gesenkte. er war' nach des Tages Last und Mühen selig etttschlasen. Nnr ein ver- späteter Gast war noch da - ein starker Mann mit einem drei- eckigen Hnt aus dem vocken, rttttden und stark blatternarbigen Gesichte, in dem die kleinen Augen fast ganz verschwanden, saß atn Ende des langen Ranntes, die beiden Ellenbogen aus den Tisch vor ihm stemmend und nachdenklich in sein halbgeleertes Bierglas blickend.

Er erhob den Kops, als Wilderich eintrat, schob den drei- eckigen Hnt leise mehr aus den Hinterkops zurück, als ob er so bester den Fremdling beobachten könne, und folgte ihm mit feinen blinzelnden Vlicken , während dieser den schlafenden Bttrschen attf- rüttelte und ihm anstrttg, Wein und Brod zu holen.

Wilderich fetzte sich . dann in einiger Entfernung von dem andern Gaste an den Tisch.

Dieser nickte ihm frenndlich zu. "Nir dentsch?^' sagte er lächelnd. "jch spreche dentsch!“ antwortete Wilderich. "Sieh, sieh,“ snhr der Mann, indem er ansstand, sein Glas nahm und sich in Wilderich's Nähe setzte, sort, " dacht' mir's gleich, trotz Enrer grünrothen Jacke ... Ehastenrs nennt jhr

Ench, denk' ich? na, ja, dacht' mir's gleich, Jhr wäret Keiner von den Echtett, sondern Einer von denen aus dem Elsaß, oder von denen vom Rhein drüben, die so mitlansett ... 's sittd ihrer wettig drttnter so stattliche Lewe, wie Jhr . . . also. Jhr sprecht dentsch ... da können wir ein wenig disenriren zusammen . . . es ist gar langweilig, wenn man so aaein Nachts bei dem kalten Bier sitzt.“ . . ...

"Uttd weshalb sitzt Jhr so spät allein hier?^' sragte Wilderich den geseaigen Mann.

"Na ja, seht,“ versetzte dieser, "was soa man zu Bett gehen, wenn man weiß, tnan stndet doch seine Rnhe nicht? Es ist von wegen des Geblüts, wüßt Jhr wissen ... von wegen des Geblüts! Wenn ich mich leg', so ist's jnst, als ob ich einen Tobel da hätte . . . hier und hier“ - der Mann dewete erst aus seitte rechte und dann aus seitte linke Schläse - "jnst wie ein Tobel, sag' ich Ench, wie ein kleiner Mühlettkolk, wetttt die Räder attt Drehen sind!“

"So müßt Jhr kein Bier trinken, sondern zu. Ader lasten ...“

"Jst schon wahr,“ versetzte der Mann gttttnüthig lächelnd, "bin auch nicht sattl mit dem Aderlasten . . . werden schon sehen, werden schon sehen ... es ist viel zu. Ader gelassen worden im Spessart in diesen Tagen . . . gar wüst und bös ... es war eine wüste Geschichte .... bin aus und davon gelansen vor der wüsten Wjrthschast . . . konttt's nicht mehr ansehen . . . das sakrische Banerpack ... ist doch eine gränliche Sach', wetttt so der pltttttpe Baner losbricht!“

"So habt Jhr nicht geholsen, mit den Anderen dranf zu schlagett?“

"Jch? Der Gaishofstostel? Was denkt Jhr? Jch? Mich granst's. Ans Euch Franzosen losschlagett? Das mögen die Kaiserlichen thnne' denen ihre Sache ist's! Das fittd Soldaten. Uttd die Franzosen fittd auch Soldatett . . . mögen ste's mit eitt- ander ausmachett - was geht's einen friedfertigst Bauersmann an?“

"Aber es ist doch arg gehanst worden von der französischen Armee im Fraukeulaud!“

"Arg gehaust . . . uuu ja . . . ein weuig arg schou ist's hergegaugett . . . geplüttdert und gebrannt, geranbt und geschättdet ... . wie's so im Kriege hergeht ... die Kirchen befndelt und die Pfarrer gezwickt . . . dem in Strullendorf, dem Pfarrer Rük ist's atn schlimmsten ergangen . . . Jhr wißt wohl nicht davon? Sie habett ihn geplüttdert, mißhandelt, ihm mit einetn Grabscheit in den Hals gehanett, ein Stück von der Nase abgeschlagen und ihn

in den in Flammen stehenden Widntn gestoßene da hat der arme Teufel gemeint, im Keaer kann er sich vor dem Fener retten e und da hat man ihn denn atn andern Tage gesnnden - ganz ans- gebraten! jhr seid wohl nicht dabei gewesen?“ "Nein,“ sagte Wilderich trocken.

"Es ist eben der Krieg,“ snhr der Mann mit seinem stereotypen gntmüthigett Lächeln sort, "ttnd das muß tnan so hinnehmen, wie's Gottes Wiste ist . . . was geht's einen armen Banersmantt an? . . . Jch habe gesehen, wie sie drei srattzösische Ossteiere, die sie gesangett

hatten, nackt attszogett und an drei. Bänme hingen e im Wald, nahe beim Bessettbacher Schlosse war's . . . ihre Kleider ver- brannten sie ^ das Satattspack von Banertt.“ . . .

Der Mann hatte, während er so mit einetn ganz eigenthütn- lichen Ansdrttck von Harmlosigkeit diese Gränelgeschichten vorbrachte, eine Bewegung mit dem rechten Arme nttter dem Tische gemacht, die Wilderich nicht entging. Es war, als ob er aus der Seiten- tasche .seines Beinkleides etwas hervorgezogen und damit unter die Tischplatte gedrückt ... . Wilderich glanbte die Bewegung zu ver- stehen .... sie schien ihm in verdächtiger Berdindung mit einer Landessttte zu stehen, die weniger harmlos war, als des seltsamen Gastes gntmüthiges Lächeln dabei. Wilderich zog nach einer Weile, während der er seinen späten Gefeckschafter nicht aus dem Auge verloren, einen Schlüssel aus seiner Tasche hervor, spielte damit und ließ ihn wie achtlos zu Boden sacken und bückte sich dann, um ihn anfzu.ebeü.

Er sah dabei ein großes breites Meffer zwischen den Knieen des Andern mit der Spitze in die untere Seite der Tischplatte [583] [593] Eine kühle Nachtluft wehte draußen vom Main her unsern einsamen nächtlichen Reiter an. Er knöpfte seine Uniform dicht zu und trieb sein Pferd zu raschem Schritte an - der Weg war zu schlecht, die Dunkelheit zu groß, als daß es anders als im Schritt hätte vorankommen können - es ließen sich kaum die Gegenstände zur Rechten und Linken des Weges unterscheiden, da der Himmel mit Wolken bedeckt war und nur im Süden ein breiter, kalter Streifen am Horizont dämmerte. Wilderich konnte kaum so viel von dem Wege vor ihm sehen, um sein Pferd um die schlimmsten ausgefahrenen Wegstellen herumführen zu können.

Doch hatte er ein paar Mal den Eindruck, als ob er den Weg nicht allein mache. Sich umblickend hatte er etwas wie einen gleitenden Schatten bemerkte der sich im dunkel einer Reihe Weiden, die auf einem Anger zur Seite des Weges standen, fortbewegte - er hielt an, um zu sehen, ob das dunkle Etwas aus dem Schatten der Weiden, da wo diese aufhörten auf die freie Fläche herauskommen würde, aber er mußte sich getäuscht haben, es erschien nichts. Zehn Minuten weiter, den Bergen sich nähernd, lief der Weg durch ein Tannicht; in den schlanken Wipfeln und Aesten der noch jungen Bäume pfiff wie mit leisen Klagetönen und langgezogenem Aechzen der Nachtwind ... ein unheimliches Lied, als ob die Nacht den Gefallenen den Todtensang halte ... aber es war Wilderich auch, als ob unter den Bäumen Schritte von Zeit zu Zeit dürres Reisig zerträten ... es knisterte, als ob ein Wild scheu durch den Tann bräche.

Ein Wild - das konnte es ja auch sein - obwohl es seltsam gewesen wäre, wenn ein Wild nach all' dem Lärm und Schießen der Menschenjagd sich schon jetzt wieder in diese Wegschluchten des beginnenden Waldgebirgs gewagt hätte!

Er zog eines der Pistolen aus seiner Satteltasche hervor und lockerte den Säbel, der von Zeit zu Zeit klirrend an seine Sporen schlug, in der Scheide.

Das Geräusch aber erstarb; Wilderich begann an andere Dinge zu denken, an die Erlebnisse, die so mächtig seine Gedanken gefangen hielten; er berechnete die Zeit, die er zu seiner Reise bedurfte. er dachte über die Möglichkeit nach, sich ein anderes Pferd zu verschaffen, wenn das seine den Dienst in völliger Erschöpfung versagte - so war er an eine Stelle des Weges gekommen, wo er sich zwischen zwei Ufern befand, die, oben mit Bäumen bestanden, über seinen Pfad unten tiefe Schatten völliger Finsterniß legten. Er warf seinem Thiere den Zügel auf den Nacken und ließ es seinen Weg sich selber suchen, was es, von Zeit zu Zeit gebückten Halses den Boden mit seinen Nüstern anschnaubend, that.

Plötzlich stand es still, stierte vorgestreckten Halses in die Dunkelheit hinein und wieherte wie in Angst und Schrecken laut auf - gegen Wilderich's Schenkeldruck in seinen keuchenden Flanken sträubte es sich mit einem heftigen Rückwärtsprallen.

Wilderich schimmerte etwas Helles, ein Gegenstand etwa von Menschenlänge entgegen, das quer auf seinem Wege lag ... aber er sah es nur mit einem halben, einem Viertelsblick - im nächsten Augenblick fuhr von dem hohen Ufer her ein anderer Gegenstand, eine wie rasend sich auf ihn werfende Gestalt im Sprunge herab, saß aus der Kruppe seines Pferdes, umklammerte seine linke Schulter und vor den Augen des überraschten Reiters blitzte etwas wie eine Klinge. ...

Die Klinge war zum Stoß gezückte aber sie konnte den Stoß nicht ausführen in demselben Augenblick, in welchem das Pferd die neue Last auf sich niederkommen gefühlt, hatte es sich steilrecht gebäumt, und statt eines Stoßes in die Seite fühlte Wilderich nur die schwere Faust sich krampfhafter in seine Schulter krallen, um sich festzuhalten.

Er selbst hatte durch die Bewegung des Pferdes sich irren lassen in seinem blitzschnellen Griff nach dem Pistol - er faßte es am Lauf und führte mit dem Kolben einen rasenden Schlag um sich - der Schlag traf mit einem lauten Krach; die Faust an seiner Schulter ließ los - rechts von Wilderich fiel das Messer hin und hinterwärts glitt die Gestalt von der Kruppe des Pferdes nieder - mit einem Aufschreie einem Stöhnen fiel sie zu Boden ... plump und schwer ... Wilderich athmete ein paar Mal aus tiefster Brust auf; er hatte Mühe sich zu fassen und seine Gedanken so weit zu sammeln, um sich Rechenschaft darüber zu geben, was in dem kurzen Augenblick Alles geschehen - dann glitt er aus dem Sattel zur Erde nieder, beugte sich über den hinter dem schnaubenden Pferde liegenden dunklen Körper, der mit den Armen und Beinen Zuckungen machte, röchelte, dann unbeweglich dalag ... neben ihm, einen Schritt weiter, lag ein dreieckiger Hut ... so dunkel es war, Wilderich glaubte diese starke untersetze Gestalt zu erkennen ... trotz der schwarze Fluth, die über das breite Gesicht strömte ... der schwarzen Fluthe über deren Toben in seinen Schläfen der Mann vor so kurzer Zeit noch geklagt ... es war der pockennarbige Mann aus dem Wirthshause zu Aschaffenburg, der „Gaishof-Stoffel“ - „Franzosenjäger“, [594] jäger^ dem ein schicksalschwerer Irrthllm hie^ den ^ied etlt^ deutschen Faust zu.ezogen, einen Hie^ de^ ihln an der schlafe den Schädel gespaltet!

Soviel war gewiß, der Mann athmete nicht mehr^ er rührle sich nicht mehr, er war todt.

Wilderich blickte eine Weile starr auf .ihn uieder ^ dann er^ mallnte er sich ^ er machle ein paar schritte vorwärts^ beugte sich dauu noch eiumal Über den helleren Gegellstand, de^ vor seinem Pferde '^uer Über den Weg lag . es war eine geplünderte Luchem gewiß die eines Franzosen . der Gaishof^ Stoffel mußte, als das Pferd davor scheute und stehen blieb,. in der tiefen Wegschlucht, grade den Augeublick ^gekommeu geglaubt habeu, ulÜ sich auf den vermeintlichem Feind zu stürzen dem er aus dem Wirchshause bis hierher gefolgt wa^ um an dem emsameu Neiter einen Aet seiner Wiedervergeltungswlnh mehr zu übeu! ^

Wilderich konnte nichts thun, als das Grausen von sich ab^ schütteln das ihn zwischen den zwei Leichen, bei denen er in duukler Nacht so allein dastand, und deren eine von seiner Hand gesällt war^ gesaßt hatte. Wären auch noch Zeichen des Lebens in dem von ihm Erschlageueu gewesen ^ er war anßer Stande ihm beizuspriugen . . . er beschränkte sich deshalb darauf. den Korper

bei Seite zu ziehen ihn mit der Brust ausrecht .gegen das hohe Wegufer zu lehnen ... dauu nahm er sein pserd am Zü^

führte es an der andern Leiche vorüber und sprang jenseits der^ selben wieder in den Sattel, um dem Schaupla^ der graueuhafteu Begeguung so schuell wie moglich zu entkommen. ^

Ie weiter Wilderich kam, desto hänsiger wnrden die Spuren der in diesen Thälern durch die ihn sein Weg führte, stattgefundenen Kämpfe. Bor den Leichen schente sein Pferd bald nicht mehr zurück, es bog nur schnupperud und schuaufeud zur Seite aus^ zuweilen stieß es mit den Hufen klirrend an weggeworfene Waffen, oder bog vor abgefpannten, stehen gebliebenen Fuhrwerken aus. Aus Truppeu

stieß er nicht mehr^ der Paß^ den. ihm Sztarrai gegeben war überflüssig, die Hauptstärke der Oesterreicher und mit ihnen der

bewassneten Bauern verfolgte die Franzosen auf den Straßen Über

Hamelburg und Bruckenan uach der Lahu hin der Erzherzog Karl, der auf Fraukfurt marschrrt war. um es zu oeeupireu und

die Besalmug von Maiuz, das seine Siege von der sranzofischen Nmschließung befreien mußten an sich zu ziehen, bivonakirte mit feiueu Truppeu auf den Straßen die rechts von Wilderich's Wege am Maiunfer entlang tiefen, und in der Nmgegend von Aschaffen^ bnrg, durch das Wilderich. wie wir fahen, ohne Anfenthalt ge^ kommen war. ^ ^

Es war am Nachmittage, als Wilderich. an feiuem Z'^ seiueln eiusameu Forsthause. ^ ankam. Schou als er bei einer Weudung der MÜhleuschlucht das Haus erblickte^ sah er sich uber eine Sorge, welche er in sich getragen, beruhigt. Er fürchtete, daß die Gräuelseeueu des Kampfes und der Berfolgung, welche an den vorigem Tagen hier stattgefuuden haben müßten. die alte Margarethe

mit dem Kuabeu auf und davou getriebeu habeu kouuten daß sie sich in einer noch eiusamer liegenden Gegeud des Waldes ein Asyl gesucht und dariu verborgen habe '^ “ zuur guteu Gluck sah er sie aus der Treppe vor dem Hause si^en den Knaben zwischen ihren Knieen ^ wie sie immer dasaß, wenn Wilderich Abends heimkam ^ heute nur nicht beschästigt wie immer^ denn ihr Spinnrad stand nicht neben ihr, sie hatle die Hände gesaltet auf der Schnlter des Knaben liegen und sah nachdenklich zu Boden.

Leopold schrie auf, als er den Neiter ^erblickle und Wilderich erkauute ^ er stürzte ihm entgegen uiit dem lauteu Freuden ausrus.

„Bruder Wilderich! Da bist Du^. ^ ^ „Da bin ich, mein Iunge ... ' Gott sei gedaukl,.daß Du zur Stelle bist! ^ .autwortete Wilderich aus dem Salles gleiteud' ^ ^^Heb^ .mich auf Dein Pferd ^Bruder Wilderich," ^ sagte der Kleine, den Steigbügel erfassend.

„Nicht gleich ^ ^n wirst schou hinauskommen, mein Kiud^ und läuger als Dir lieb sein wird!"^ erwiderte Wilderich und gab der alten Margarethe, die dem Kuabeu uachgeeilt kain die Haud.

,^Wie geht^s, Margareth ^ Ihr lebt also noch und seid nich^ gestorb^u vor Schrecken^

^BorSchreckeu nicht^eautwortete die Alte, ^aber beinahe aus Angst, daß es Ench an's Leben ^gegangen, daß Ihr unter irgeud einer Buche und Tauue im Weggrabeu lä^ und d^ß ^ ^ ^ säße mit dem verlassenen Jungen da ^ ^ ."

^,Für den Jungen ist gesorgt, Mnhme Margaretha erwiderte Wilderich, „ er .wird Dir von nun an nicht die geringste Sorge mehr machen!^

„Das Kind ... der Leopold ^ rief Margarethe erschrocken aus.

„ Der Leopold ... ich komme, ihn seinen Eltern zu bringen."^

„Ah . Ihr scherzt wohl . . . Ihr werdet das Kind nicht fortbringen wollen ... das arme Kiud ^ ^

,^Es ist nicht arm, Margareth ^ ^ seine Eltern . .

Seiue Eltern habeu es verlassen"^ fiel sie hi^ig ein, „nun gehört das Kind nns^ und Ihr sollt es nicht fortbriugen . ^ . ich

laf^ es nicht, was^ fingen wir an ohne das Kind in der todtene

stillen Försterei !^

„Hast Du nicht oft geung gefenfzt über die Sorge um das Kind. Margarethe^ antwortete Wilderich, indem er bewegt den Knaben an sich zog. ^,tlud glaubst Du, es würde mir leicht^ mich von meinem kleinen Bruder zu trennen, dein lieben armen Burscheu ^

Er hob das Kind in seine Arme empor und drückte es ge^ rührt an sich.

„A.der so erzahlt mir doch, was Ihr erlebt habt, wo Ihr

gewesen was Ihr vorhabt mit dem Leopold, wohin . .

„Das Alles wollen wir ruhig später^ durchsprechen , alte Margarethe^ für je^t ist nicht Zeit dazu.^ Ich gehe das Pserd in dem Stall zu ziehen und mich umzukleiden Dann ^geh^ ich zum Müller hinüber . . . er lebt doch noch. der Wolsle^ ^ . um zu sehen, ob er mir ein andres frisches Pserd verschasfen kann ^ unterdeß borgst Du für ein Abendeffen für den Leopold und mich und kleidest mir das Kind warm und vorforglich snr die Neife an.^...

^Heilige Mnttergottes. Ihr wollt doch nicht sogleich und durch die Nacht . .

^Sogleich und durch die Nacht, sobatd ich ein andres pserd habe^ . . .

Wilderich entzog sich den weiteren Ansrufungen der alten Margarethe, indem er sein müdes Noß nur das Hans hernln zum Stalle führte. Dann ging er, seine FranzosenMontnr abzuwerfen

und seine beste Forster^ttniform anzu.iehen den Hirschfänger an^

zu.chnallen lind die alte Büchse überzuwerfen, die ihm geblieben, uachdem er seine beste und sicherste Waffe damals, als er sich im Walde in einen franzbsischen Ehassenr verwandelt hatten zu.ück^ lassen müssen, und endtich eilte er zum Müller drüben.

Der Müller war noch nicht heimgekehrt ^ die Mühlräder standen still, und ebenso still war es im Hanse ^ ^ nur die Frauen waren da, des Müllers Weib und die Schwiegermutter mit den Kindern ^ sie bestürmten Wilderich mit Fragen nach dem Mann, der noch mit den Andern auf der Franzosenjagd mar, und nach allen den Andern aus der Nachbarschast ^ ^ Wilderich hatte Mühe, ihueu begreiflich zu machen, wie wenig er davon wisse und daß er nur gekommen des Müllers .Nath zu verlangen, wie er zu einem Pferde komme. Darin konnten ihm die Franen auch ohne den Müller helfen, sie wnßten, daß drei gnle Beutepferde ^ welche die Bauern sich, wenn sie zu.nckgekommen, theilen wollten, auf eiuem nicht feruen Hofe eingestallt seien ^ '^ Wllderich hatte nur eine

Biertelstuude zu geheu, um ihn zu erreichen. ^ Trol^ seiner Ere mÜdung trat er sofort den Weg an, das Gehen war ihm uach

dem laugen Neiteu eine Wohlthat ^ auf dem Hofe fand er

ebenfalls nur Frauen und den alten halbblinden Sanhirten auf deffeu protestatioueu er nicht achtete ' ' er nahm das beste der drei Pferde und fuhrte es am Z^l ^t sich^

Als er heimkaln hatte die alte Margarethe fnr Alles gesorgt^ ihreBorräthe waren zwar arg von der Eingnartierung mitgenommen. aber sie hatte ja die verschüchtert in den Wald gelansenen Hühner wieder zu.ammengebracht und ihre Z'^^n halten ebensalls die

Katastrophe überlebt Wilderich konnte erquickt und gestärkt beim Dunkelwerden sein srisches Noß besteigen, den in ein warmes Nmschlagetuch Margarethens gehüllten Knaben vor sich auf den

Sattel uehmeu und dann währeud die Alte ihre bittereu Thränen über den Abschied von ihrem oft gescholtenen „priuzeu" weiute^ davoureiteu.

Es war am audereu Ahelid. als er Frankfnrt erreichte ^ in Hanan war er je^t auf kaifertiche Truppeu gestoßen ^ er horte dvrt^

daß sie aln folgenden Tage den Marsch allf Frankfurt alltreten

sollten, während von der anderen Seiten von Hochst hen das bee [595]  reits beseht war, ein anderes Corps zur Vertreibung der Franzosen aus der alten Kaiserstadt anrücken würde. Um so eiliger suchte Wilderich vorwärts zu kommen, in der Angst, daß der französische Commandant, dem klar werden mußte, wie kurz seines Bleibens in der von ihm tyrannisirten Stadt nur noch sein könne, desto grausamer und rücksichtsloser über das Schicksal des armen gefangenen Schultheißen entschieden und das Aergste vollführt habe.

An dem Allerheiligenthor – Frankfurt hatte damals noch von seinen alten Befestigungen einen bastionirten Wall mit zerfallener Brustwehr und einem breiten Wassergraben und seine sämmtlichen Thore – am Allerheiligcnthor wurde er von der französischen Wache angehalten. Er mußte Auskunft über sich geben als man Schwierigkeiten machte, ihn durchzutasten, verlangte er lebhaft zum Capitaiu Lesaillier geführt zu werden … „zum General Duvignot, zum Commandanten …“ rief er endlich aus, als er sah, daß die Mannschaft auf der Wache den Capitaiu Lesaillier nicht kannte.

„Das kann geschehen,“ versetzte der wachhabende Officier, rief einen Unterofficier vor und befahl diesem, ihn vor den Commandanten zu führen.

Der Unterofficier winkte ihm und schritt nebelt seinem Pferde her, der Zeil zu.

Wilderich sagte, als sie die erste Straße hinter sich hatten: „Mein Freund, Sie begreifen, daß ich nicht mit dem Pferde und mit diesem vor Ermüdung halb todten Kinde vor dem Commandanten erscheinen kann.“

„Das ist wahr,“ antwortete der Mann; „wir müssen Beide unterbringen.“

„Ist es Ihnen Eins, in welchem Wirthshause?“

„Wenn es nicht vom Wege abliegt – sicherlich.“

„So kommen Sie!“

Wilderich lenkte sein Pferd dem nahen „Grauen Falken“ zu.

Als er auf den Hof ritt, fand er die Pulvcrwagen abgefahren und seinen Sachsenhäuser an die Stallthüre gelehnt, mit Behagen aus einer kurzen Pfeife rauchend und den Genuß nachholend, den er sich während, der Anwesenheit der bedrohlichen Fracht auf dein Hof hatte versagen müssen.

„Wie, seid Ihr das?“ sagte der Mann, als er den Reiter erkannt hatte. „Zum Teufel, Ihr steckt ja täglich in einer neuen Uniform … diese da steht Euch besser!“

Wilderich ließ den Knaben, der ermattet und schlaftrunken in seinen Armen hing, dein Sachsenhäuser in die Hände gleiten und sprang dann selbst zur Erde.

„Da nehmt – nehmt mir auch das Pferd ab,“ rief er aus … „und sagt mir – ist Nichts geschehen in der Stadt, ist Niemand gerichtet, erschossen …-?“

„Erschossen … nun freilich!“ rief der Sachsenhäuser.

„Ohne Blut thun’s ja … Gott, steh’ mir bei! Euer Franzose da wird doch kein Deutsch verstehn?“

„Sprecht, sprecht, wer ist erschossen – der Schultheiß…?“

„Der Vollrath? … bewahre … der sitzt auf dem Eschenheimer Thurm, aber erschossen ist er nicht …“

„Gott sei gedankt!“ rief Wilderich aus tiefster Brust.

„Nur die Bauern sind heut’ erschossen, die armen Teufel. ..

drei Bauern, die sie sich eingefangen haben … das war heut’ Morgen … gestern ist’s zwei Klingenberger Bauern, zwei ganz unschuldigen Burschen, nicht besser gegangen …“

„Nun, sorgt für das Kind und das Pferd,“ fiel Wilderich ihm in die Rede. „Bringt das Kind auf Euer Bett in Eurer Kammer laßt es keinen Augenblick aus den Augen – hört Ihr Ihr sollt reich belohnt werden – reicher als Ihr denkt, wollt Ihr?“

„Weshalb nicht? – Es soll schon siir das Ittngelchen gesorgt werden – wenn Ihr nicht zurückkommt, ihn mir vom Halse zu schaffen, nehm’ ich als Trinkgeld Euren Gaul.“

„Das mögt Ihr!“ erwiderte Wilderich, indem er hastig den Knaben an sich drückte und ihn zu beschwichtigen suchte, da er plötzlich in lautes Weinen ausgebrochen war, als er sah, daß Wilderich ihn allein bei dem fremden Mann lassen wollte.

„Sei ruhig, sei ruhig, mein Kind,“ sagte er, „ich komme zurück, sogleich, sogleich – Du sollst schlafen, und wenn Du wieder erwachst, steh’ ich an Deinem Bettchen …“

„Margareth, Mutter Margareth – ich will zu Mutter Margareth!“ schrie der Kleine wie in Verzweiflung auf, als ob er, empört darüber, daß Wildcrich ihn verlassen wolle, nur noch auf die alte Margareth in der Welt zähle.

„’Na, so komm’, Du Zappelfisch, wir wollen sehen, ob die Margareth oben in meiner Kammer ist,“ sagte der Sachsenhäuser, während Wilderich sich hastig wendete und mit seinem Franzosen davon ging.

Es war stiller auf den Straßen Frankfurts als das erste Mal, da Wilderich in die Stadt eingeritten – die Verwundeten, die Marodeurs, die in Auflösung gerathenen Truppen waren fort und dein Heere in nördlicher Richtung nachgesandt – man sah nur Mannschaften von in Ordnung gehaltenen Corps ;– wenn auch eine starke Patrouille, welche Wilderich begegnete, in der Haltung und in ihrem ganzen Aufzuge verrieth, daß sie im Felde gewesen und von starken Strapazen heruntergebracht war. Als Wilderich im Hanse des Schultheißen angekommen, fand er den Flur nicht mehr von Menschen erfüllt wie das erste Mal 7– nur einige Ordonnanzen waren da, die jetzt Raum genug gefunden, einen Tisch aufzustellen und mit jenen republikanischen Karten zu spielen, auf denen der König durch „lm IGnnos“ und der „Valet“

durch die Freiheitsgöttin ersetzt war.

Ein Adjutant trat eben aus dem Nebenzimmer, in welchem Wilderich die Unterredung mit Lesaillier gehabt, und der Unterofsicier rapportirte; der Adjutant sandte den letzteren fort, zu seiner Wache zurück, und winkte Wilderich, ihn zum Commandanten zu begleiten. Wilderich folgte ihm die Treppe hinauf und trat hinter dem Adjutanten in das Zimmer Duvignot’s; er sah diesen an seinem Tisch sitzend, den Rücken der Thür zukehrend, den Kops auf den linken Arm gestützt, während die rechte Hand auf einem vor ihm liegenden Papier Figuren kritzelte.

„Citohen General!“ meldete der Adjutant. „Die Wache am Allcrheiligenthor schickt einen Mann, der sich nicht ausweisen kann, und darauf bestanden hat, vor den Commandanten …“

Duvignot hatte unterdeß langsam den Kopf gehoben und gewendet – im Augenblick, wo er Wilderich’s ansichtig wurde, verzog sich seine Stirn in Falten, er schloß halb die Augen, wie um schärfer zu sehen und ihn zu erkennen – dann sprang er plötzlich auf, mit dem Ausruf: „Was – Sie sind’s? Diesmal in einer anderen Maske!

Zum Teufel, was bringt Sie zurück – in die Höhle des Löwen, Unglücksmensch!“ setzte er mit aufflammendem Zorn hinzu, indem er Wilderich einen Schritt entgegentrat.

„Ich gab mein Ehrenwort, daß ich zurückkommen würde…

und hier bin ich!“

„Unglaublich! Sind Sie so dumm, daß Sitz mir in die Hände rennen, sich von mir in die Hölle schicken zu lassen?“

„Ich bin klug genug zu wissen, daß Sie mir kein Haar krümmen werden, General!“ antwortete Wilderich ruhig.

„Wir werden sehen!“

„Es war,“ fuhr Wilderich fort, „freilich nicht mein Wille, just zu Ihnen zu kommen – man hat mich vor Sie geführt nun bitte ich Sie, mich zu der Frau dieses Hauses zu führen!“

„Ich … Sie?“

„Ich bitte darum … ich habe mein Lesaillier gegebenes Ehrenwort auf eine Weise gehalten, die Ihnen beweisen muß, daß man auf mein Wort bauen kann!“

„Das ist wahr!“

„Nun wohl, ich gebe es Ihnen noch einmal, daß ich die Frau dieses Hauses sprechen muß, um ihr das Wichtigste mitzutheilen, was ihr ein Mensch auf Erden mittheilen kann …“

„Und was ist das?“

„Ich werde es ihr sagen!“

„Heraus mit der Sprache… ich will.wissen, was …“

„Ich habe gesprochen, was ich Ihnen zu sagen hatte …

führen Sie mich zu ihr!“

Wilderich’s ruhige Entschlossenheit impvnirte D.uvignot. Er warf einen zornig forschenden Blick auf ihn, dann wandte er sich zu gehen.

„Kommen Sie!“ sagte er dabei.

Er führte Wilderich über den Cvrridor in das Wohngemach Marcellinens; sie war nicht darin, aber sie trat, als sie die Schritte der Männer hörte, aus der halbgeöffneten Thür des Nebenzimmers.

„Der Mensch hier hat Ihnen eine Mittheilung zu machen, Madame, wie er vorgiebt,“ sagte der General. [596] „Mir.^ sragte Mareelliue, forschend zu dem jungen Mann hinüberblickeud.

„So . ist es. Madamen antwortete dieser, Ihnen der Mutter des kleinen Leopold ^

Mareelline wurde bleich, ihre ganze Gestalt schrak zusammen ^ sie sah starr den fremden jungen Mann an und öffnete die Lippen, ohne daß sie ein Wort hervorbrachte.

„Ich komme, Ihnen Ihren Sohn zurückzubriugen."^ ^ ^ ^ um Gott ^ Leopold ^ ^ das Kind ist . . „Iu meinen Händen ^ seit langer, langer Zeit . ^ch habe es trenlich gepstegt^ ich ha^e es wie einen jüngeren nur am oertrauteu Bruder betrachtet, ich habe es von Herzen lieb ge^ wonnen, so lieb^ ^daß ich mich schwer von ihm trenne . . ."

„Aber wie ist es moglich ^ rief hier Duviguot aus, „daß dies Kind in Ihren Händen sein kann^ Ihre Behauptung ist Wahnsinn ^ ist eine Lüge, und . . ^

„Wie das möglich istl^ Ich deuke, Sie, mein Herr General, konnen wohl ebenso viel zu. Erklärung dessen beitragen^ als ich ^ . ^ „0 mein Gott, mein Gott, sprechen Sie weiter ^ ^ sagen Sie, wo ist das Kind, wo ist esl^!"

Mareelline,.' die dies ausrief. hob dabei wie flehend die ge^ falteten Hände empor.

„Es ist in Ihrer Nähe.^ erwiderte Wilderich, „und ich sage Ihueu. ich komme es in Ihre Arme zu führen “ ^ ich werde dies aber erst dauu thun, wenn Sie sofort Demoiselle Benediete rufen lassen und ihr das furchtbare tlnrecht abbitten, welches Sie ihr angethan ^ das ist meine erste Bedingung, und die zweite, daß dieser Mann hier seinen abscheulicheu Borsal^ salleii läßt^ mich und den Schnltheiß wegen des Brieses des Erzherzogs verfolgen lassen zu wollen!^

„Wie konnen Sie reden von Bedingungen!" rief Mareelline aus^ „geben Sie mir das Kind zurück, und ich will Beuediete den Saum des Kleides küsseu!^

„Habe ich Ihr Wort^" fragte Wilderich den Geueral.

„So redeu Sie doch erst, wie es moglich ist, daß Sie der Hüter dieses Kuabeu sind . . ."

„ Ich verlange, daß Sie mir glanben ,^ entgegnete Wilderich gebieterisch, „ich werde keine Silbe reden, bis Benediete hier ist. nur vor ihr!"

„So lassen^ Sie. das Mädchen holen !^ rief Dnvignot.

Mareelline flog, wie von Stahlfedern geschnellt, davon.

Wilderich ließ sich miide in einen Armsessel nieder ^ Duviguot wandte sich schweigend zum Fenster “ “ wie nur ^,den Ausdruck fnrchtbare^'Bewegung und Spauuung zu verbergen, der aus seinen harteu gebräuuteu Zugen lag.

So verrannen die Minnten, bis das Nauschen von Frauen kleidern hörbar wurden Mareelliue trat mit Benediete,. sie an der Hand siihrend, durch die offene Thür des Nebenzimmers herein ^ Benedietens bleiches Gesicht hatte eine leise Nothe überflogen, als ihr Blick aus Wilderich fiel . ^ ihre blaueu Augen wurden seucht, sie streckte ihm die Hände entgegen, sie eilte mit dem Impnls des Herzeus, der mächtiger war, als jede Nücksicht auf die Auwefendeu, auf ihn zu^ sie warf sich an seine Brust ^ um sich dann sosort wieder loszureißeu, und dabei rief sie aus der schweraufathmeuden Brust.

„Sie . . . Sie kommeu zurück . . . Sie ... hierher^"

„In die Hohle der Löwen ^ antwortete lächelud Wilderich^ ihre beiden Häude festhaltend, um sie in tiefer Nnhrmig all seine Brnst zu drückeu ^ ^ „der Löwen, ^ fugte er hinzu, „die uns nun nichts mehr anhaben werden . . ^

„So redeu Sie, reden Sie jel^t!^ fuhr Duviguot, sich wendend, s^urmisch dazwischen.

„Das will. ich, "^ antwortete Wilderich ^ ^ „Sie sollen hören wie ungerecht, wie abscheulich an diesem jungen Mädchen ge^ frevelt ist! Sie haben sie beschnldigt, das Kind geranbt zu haben .' . ^

. ^,Wie konnte ich anders!" rief Mareelline uiit fliegeudem Athem aus. Wissen Sie denn etwas von Allem dem, was hier geschehen ist, als man mir das Kind entführte^

^Was ich weiß, das stehe ich ja eben im Begriff zu sagend. entgegnete Wilderich, „Alles, was ich weiß Thoren Sie nur zu."

Wilderich begann zu erzählen ^ er gab uber die Art, wie er der Pflegevater des kleinen Leopold geworden, denselben Bericht,

den wir ihn früher der Mnhme Margareth geben horten.

Diefer abscheuliche ^Bube diese Schlange , dieser Grand de Bateillere!^ fuhr bei dieser Erzählung mehrmals Dnvignot dazwischen, in snrchtbarem Zo^n hiu^ ^d h^ rennend^ „ich werde ihn erwürgen, ich werde ihn todten!^

„Also Er ^ also Du Ihr wart es^ stammelte kanm horbar und in ihren Sessel zu.ammensinkend, wie entse^t niid verzweifelt,

Frau Mareelline ^' ^ sie barg das Gesicht in ihren Häudeu und brach in surchtbares Schluchzen aus..

„0, so bringen Sie mir das Kind ^ bringen Sie mir es!^ rief sie dann. das mit Thränen überströmte Gesicht zu Wilderich emporhebend.

^,Ich will es^." verfemte Wilderich ^ ^ „ich denke jn meine Bedingungen sind bewilligt„ mein Herr General und Eoininan dant . . ^

„Zum Tenfel,. so gehen Sie doch,^ statt all' dieser überflüssigen Worten schrie Dnvignot in Wnth.

„Lassen Sie mich,^ mich^ die es geranbt haben sollte, es in dieses Hans zurückbringen!" bat leise Benediete.

„In ^in ^e sollen ^s^ antwortete Wilderich bewegt. die

Hand des jungen Mädchens ergreisend,. „um Ihretwillen geschah

ja Alles. wären Sie nicht gewesen,. ich wäre nie hierher gekommen ^ Sie sollen das Kind in den Arm dieser Fran tegen, Ihnen der man seinen Tod schnld gab^ Ihnen allein verdankt sie es ^ o kommen Sie!^

Benediete eilte in's Nebenzimmer, nach irgend einem Tnch^ eiuem Hut zu greisen d^nn kan^ sie zu.nck^ legte ihren^ Arm in den Wilderich's und Beide gingen.

Dnvignot war noch iii seinem wiithenden Ans^ iind Ablanseu begrisfeu . . . Mareelline lag still weinend in ihrem Sessel, endlich stand er vor ihr still und sagte.

„Hore, Mareelline . . . höre mich an . . . Du wirst mich dann weniger schnldig sprechen ... ich hatte meine Gründe^ meine guten Grunde, als ich im Einverständniß mit Grand handelte. ..^

„Was sollen mir Deine Grniide^^ verseile Mareelline^ ohne ihr Gesicht zu erheben „was sollen sie mir^

„Sieh^" suhr er sort^ Benediete war taugn lange Deines

Maiines Erbin, die einzige Erbin . . . ihr gehörte einst Alles . . . der ganze Neichthum der Bollraths ..... . da wurde Leopold geboren

und Benediete war nun arin es mnßte Aktes dem männlichen Erben zu.alten . . . wir hatten meinem Better Grand Benediete verlobt . . .er murrte darüber . . . tiber diesen Knaben, tiber das furchtbare tlnrecht, das seiner Braut dadurch zugefügt werde .... ich sagte ihm endlich. .nimm den Kuabeu, nimm ihn,. laß ihn verschwiuden bring ihn in unsere Heimath ^ in die Bretagne und sorge dort fur ihn bis ich kommen mich meines Kindes anzu.ehmen... mir ist der Gedanke unerträglich, daß er hi.er bleiben und dieses alten Schöffen Erbe werden folr ^ ^ und,. nin anfrichtig zu sein, Mareelline, nin Dir Alles zu gesteheu ... ich sah ja ein, daß meines Bteibens nicht sur immer hier sein tonne, ich sah bei Deinem Eharakter die Stürme voraus, die wir gestern und heute richtig erlebt habeu ... es war mir willkommen, Leopold in die Heimath voraus seudeu zu konnen. nicht allein mir das Kind zu sichern, sondern dadnrch auch ein nusehtbares Mittel zu haben Dich zu zwingen . .

Mareelline machte eine abwehrende Bewegniig mit der Hand. „Es ist entse^lich!^ sagte sie leisem sich anfrichtend,^ die Hände iin Schooße haltend und deii Boden anstarrend. Er fnhr forl.

„So geschah's. Die Anssühriiug war so leicht ... ich selber holte das Kiud aus der Kaminer seiner schlasenden Wärterin niid brachte es die Hintertreppe hinab,. aus die Straße hinaus,. wo Graud es mir abnahm. Er nahm es unter seinen Mantel und

ging damit zum Gallusthorn wo er es seiuem Dieuer tibergab.

der das Kind bis zu einem Orte jenseits Mainz brachte, wo er auf Grand warten sollte. Dieser kehrte in sein Onartier zurück. Was am andern Morgen geschah^ weißt Du. Gedräugt,^ Graud,

denm Abreise bevorstand, das Iawort zu geben, hatte sich Benediete entschlossen in dieser selben Nacht das Baterchans zu verlassen niid sich vor der Berbindnnn die sie eingehen sollten durch die Flncht zu retten. Sie war verschwnnden em Briese den sie auf ihrem Tische zurnckgelafsen war Deiueiu Manne gebracht worden ^ und zugleich durcheilte heulend die Wärierm des Kindes das Hans, das Kind war verschwnnden ^ ^ wer anders konnte es geranbt haben geranbt um sich zu rächen geraum vielleicht^ um es ver^ [598] zu machen und so wieder die unbestrittene Erbin zu werden, als Benedicte? Ein Zweifel an ihrer Schuld stieg in keines Menschen Seele auf – und ich, sollte ich sie rechtfertigen? Wahrhaftig, es war mir nicht zuzumuthen. Mir konnte diese Deutung nur willkommen sein. Was stand in dem Briefe, den sie ihrem Vater hinterlassen? Eine Erklärung ihres Schrittes, Klagen über die Gewalt, welche man ihrem freien Willen anthun wollen … das gewiß! Aber nicht auch mehr? Rächte sie sich nicht, indem sie uns anklagte? indem sie Deinem Manne das Geheimniß unserer Liebe verrieth? indem sie ihm alles aufdeckte, was sie beobachtet, durchschaut hatte? Ich zweifelte keinen Augenblick daran. Und was kam nun mehr im richtigen Momente, was entscheidender uns zu Hülfe, als dieser Verdacht, diese Ueberzeugung von der nichtswürdigen Handlung Benedictens – Dein Mann konnte, es mochte nun in dem Briefe stehen, was da wollte, nicht das mindeste Gewicht auf die Anklagen Benedictens wider ihre Stiefmutter mehr legen – die Anklagen eines Geschöpfes, das so zu handeln fähig!“

„Gewiß, gewiß, es war sehr politisch, sehr edel, daß Du schwiegst, und auch mich in dem Wahne ließest,“ sagte Marcelline bitter und ohne Duvignot anzusehen.

„Aber dieser Elende, dieser Grand, der mich so betrog!“ knirschte Duvignot ingrimmig zwischen den Zähnen. „Er ist mir unbegreiflich …“

„Mir nicht,“ sagte Marcelline mit leisem, aber fast höhnischem Tone. „Er entledigte sich des Kindes, das ihm eine Last war. Hätte sich seine Hoffnung erfüllt, wäre er der Mann Benedictens und der Eigenthümer ihres Erbes geworden, so war es für ihn viel beruhigender, Leopold ganz beseitigt als in Deinen Händen zu wissen. Du konntest später jeden Augenblick den Knaben wieder auftauchen lassen, um für ihn sein Recht zu fordern; Grand war in Deine Hände gegeben, so lange Leopold in Deinen Händen war – darum ließ er Leopold verschwinden!“

„Ich glaube, Du hast Recht, Marcelline,“ erwiderte offenbar überrascht Duvignot. „Wie Ihr Weiber solche Canaillerien stets schneller durchschaut als wir!“ –

Eine stumme Pause folgte. Marcelline begann in Spannung und Ungeduld auf jedes Geräusch, das im Hause laut wurde, zu horchen.

Dann wie mit einem plötzlichen sich Besinnen auffahrend sagte sie:

„Weshalb[WS 1] gehst Du, weshalb sendest Du nicht, meinem Manne die Freiheit geben zu lassen?“

Duvignot blickte sie an, ohne zu antworten.

„Der fremde Mensch hat es Dir zur Bedingung gemacht …“

„Hat er?“ fragte Duvignot wie zerstreut.

„Mein Gott,“ rief Marcelline auffahrend aus, „Du wirst das doch nicht leugnen wollen, Du wirst …“

„Ich werde Bedingungen, welche ich angenommen habe, auch erfüllen. Aber zuerst möchte ich doch sehn, daß dieser Fremde, der sie mir vorschreibt, auch die seinigen erfüllt! Ich sehe bis jetzt nicht viel davon und so lange … so lange ich Leopold nicht sehe, bin ich nicht geneigt, irgend Schritte zu thun, die wider mein Interesse sind, die mir die Waffen aus den Händen reißen …“

„Waffen? O mein Gott, wozu bedarfst Du noch der Waffen … was willst, was sinnst Du?“

Duvignot zuckte die Achseln.

„Was ich will, was ich sinne? Brauche ich Dir das zu sagen? Zum hundertsten, zum tausendsten Male? Glaubst Du etwa, ich hätte das zerknirschende Gefühl eines demüthigen Sünders in mir und zöge nun kleinlaut ab, mit einem ‚Verzeihung, Madame!‘ und ‚Seien Sie glücklich – weihen Sie mir Unglücklichem eine Thräne, wenn ich Ihnen anders derselben noch würdig scheine!‘?“

Duvignot lachte nach diesen Worten bitter und höhnisch auf.

„Nein,“ sagte er dann zornig, ingrimmig, die Stirn in Falten ziehend, die Arme auf der Brust verschlingend, „Du und Dein Kind, Ihr seid mein, mir gehört Ihr, und eher laß ich die ganze Stadt niederbrennen, eher spreng’ ich Eure Thürme in die Luft, eher laß ich den Main sich vor Leichenhaufen stauen, ehe ich meinen Willen beuge, ehe ich Dich lasse, ehe ich …“

Marcelline hatte sich langsam wie in furchtbarem Erschrecken vor diesem Ausbruch unbändiger Leidenschaft erhoben – sie hielt sich, geisterbleich, mit großen vor Angst starrenden Augen, zitternd an der Lehne ihres Sessels aufrecht … sie streckte die andre Hand gegen ihn aus und wie kaum mehr fähig zu reden und doch Herrin noch ihrer ganzen Willenskraft, sagte sie leise, aber feierlich:

„Und ich, ich schwöre Dir, daß ich mich eher unter diesen in die Luft gesprengten Thürmen begraben, eher zu den Leichen, die das Flußbett ausfüllen werden, werfen lasse, als daß ich jetzt, jetzt noch Dir folgte!“

Duvignot blickte sie mit wuthflammenden Augen an – dann wandte er sich ab, zuckte die Achseln und ging.

Marcelline lauschte seinen Schritten; als sie verhallt waren, sank sie in ihren Sessel zurück und athmete tief, tief auf. Und dann … dann fuhr sie wieder empor … lauschte … Schritte von Kommenden wurden hörbar auf der Treppe … sie stieß einen Schrei aus … sie flog zur Thür … diese öffnete sich eben und Benedicte trat herein, auf ihrem Arme den Knaben, dessen Haupt im nächsten Augenblick an der Brust seiner Mutter ruhte, überströmt von ihren Thränen. –

[611]
15.

Benedicte legte ihre Hand auf Wilderich’s Arm. Sie gab ihm einen Wink, ihr zu folgen, und führte ihn hinaus, hinauf in ihres Vaters Wohnzimmer.

„Kommen Sie hierher,“ sagte sie dort, „ich mochte nicht die Freude meiner Stiefmutter durch mein Bleiben stören; es hätte ihr diesen Augenblick vergällen müssen, wenn ich dabei gestanden ... wenn sie in meinen Augen den Triumph, so wider sie gerechtfertigt zu sein, hätte lesen und die Reue fühlen müssen, die mein Anblick ihr einflößen muß ...“

„Das, ist ein Gefühl, welches Ihrem Herzen Ehre macht, Benedicte,“ antwortete Wilderich, „und mir machen Sie eine große Freude, indem Sie mir erlauben, Sie noch einmal, bevor ich aus diesem Hause scheide, zu sprechen ...“

Benedicte reichte ihm bewegt die Hand.

„Glauben Sie denn, ich würde Sie ziehen lassen, bevor wir uns ausgesprochen? Setzen Sie sich da, in den Sessel, und nun hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe.“

Sie nahm neben ihn: in dein Sopha Platz, stützte das Kinn auf den Arm und fuhr fort:

„Ich weiß, daß Sie ein edler Mensch mit einer reinen Seele sind, Wilderich; deshalb kann ich zu Ihnen reden, wie ich reden werde ... Sie dürfen mich aber nicht unterbrechen, bis ich zu Ende bin ... Sie müssen mich Alles sagen lassen, damit Sie mich ganz verstehen … versprechen Sie mir das?“

Wilderich nickte mit dein Kopfe, sie mit großen gespannten Augen ansehend.

„Wenn man,“ fuhr sie leise fort, „so verlassen und verloren in der Welt gestanden hat wie ich, gedrückt vom Bewußtsein einer Schuld – denn es war doch eine, daß ich dem Vaterhause entlief – und unter dem Verdachte, eine viel größere begangen zu haben, dann lernt man das Leben ernst zu nehmen und fühlt eine große Sorge und Angst auf sich ruhen bei Allem, was man beschließt, denkt und vorhat. Ich ängstige mich vor den Worten, welche Sie jetzt zu mir sprechen wollen, vor Dem, was diesen Worten folgen wird, und vor der ganzen Zukunft. Ich sehe nur dann ein Heil voraus für diese, für unsere Zukunft, nur dann ein ungetrübtes Glück, wenn nicht Sie, sondern wenn ich jetzt spreche … Wilderich, ich liebe Sie, und,“ fügte sie ernst und ohne alle Verlegenheit, aber leise weiter redend hinzu, „ich werbe um Ihre Hand ... versagen Sie mir diese, so würde ich auf ewig unglücklich sein, unglücklicher, als ich je gewesen ... ich weiß wenig von Ihren Verhältnissen, aber mögen diese sein wie sie wollen, können Sie mir im entferntesten Winkel der Erde nur einen stillen Platz neben einer freundlichen Heerdflamme einräumen, so nehmen Sie mich auf, lassen Sie mich Ihr Weib werden, ich werde glücklich sein, beneidenswerth glücklich, und werde meinen letzten Blutstropfen hergeben, um Sie glücklich zu machen.“

„O mein Gott,“ rief Wilderich, bestürzt vor diesem Glück, das ihm so überwältigend entgegenkam, aus, „das sagen Sie, Sie, Benedicte, nur, der es kaum gewagt hätte, Ihnen zu gestehen, welchen Himmel ich darin sehe ...“

„Sie hätten es kaum gewagt,“ antwortete sie mit sanftem Lächeln, während er vor ihr niederkniete und ihre Hand mit den beiden seinen umschloß, „aber Sie hätten es endlich doch gewagt ... und dann, dann hätte ich freudig Ja gesagt, und ich wäre Ihnen gefolgt, Wilderich, in Ihr stilles verfallenes Forsthaus . .. und dort, dort würden Sie sich erinnert haben, daß ich ein verwöhntes Kind aus einem üppigen Patrizierhause bin, und es würde Sie gequält haben, daß Sie mir die Umgebung nicht schaffen konnten, die ich im Vaterhause gehabt, daß Sie mich entbehren lassen müßten, und Ihre Liebe würde in ihrer Demuth nicht glauben, daß sie diese Entbehrungen aufwiegen könne, und würde sich diese Entbehrungen hundertfach vergrößert vorgestellt haben ... ist es nicht so?“

Wilderich sah sie verwundert an.

„Gewiß, gewiß,“ fuhr sie eifrig fort, „so wäre es gekommen und es hätte unser ganzes Glück zerstören können ... und sehen Sie, darum habe ich gesprochen, ich, ich werbe um Ihre Hand, Wilderich, ich verlange Ihnen zu folgen, wohin auf Erden Sie mich führen. Wollen Sie mir Ihre Hand gewähren?“

„Sie sind das engelhafteste Wesen auf der Welt, Benedicte,“ sagte er; „haben Sie wohl auch bedacht, daß, wenn Sie Einem, das unser Glück stören könnte, so vorgebeugt haben, Sie ein Andres in meiner Seele heraufbeschwören, das mein Glück schlimmer bedroht? Und das ist der Gedanke: wie bin ich eines solchen Engels würdig, wie kann ich ihr je lohnen ...“

Sie unterbrach ihn mit heiterem Lächeln.

„Ach,“ sagte sie, „vor diesem Wurm in unserem Zukunftsglück fürchte ich mich nicht! Sie werden, bald sehen, daß ich weiter nichts bin als Ihr sehr irdisches, schwaches, der Leitung bedürftiges, aber treues Weib. Und wollen Sie mich so, Wilderich?“ [612] 

Er zog sie stürmisch, überselig an sein Herz. ^ - - Minuten und Stuudett waren verflossen, es war dunkel ge- worden in dem Wohnzimmer des alten Schöffen, und noch immer war dieser nicht zurückgekehrt.

Benedatetts Unrtthe darüber war immer höher gestiegen. Wilderich entschloß sich jetzt, den General. anfzu.nchen und ihn an sein Wort zu mahnen Aber der General war nicht in seinen Zimtnern. Er war ausgegangen , kurz nachdem er Mareelline verlassen und Wilderich und Benediete mit dem Kinde gekommen. Wilderich fragte die Soldaten, die Diener, Niemand wnßte, wohin er getrollt, er hatte feinen Adjutanten mitgenommen und war schweigend gegangen, ohne zu sagen, wann er wiederkehre.

Wilderah kam der Gedanke, daß er selbst zum Eschenheimer Thore gegangen sein könne, ttttt die Freilassung des Schnltheißen anzuordnen um sich davon zu vergewissern, verließ er jetzt das Hans und wanderte durch die Eschenheimer Gasse zum Thore. Als er an diesem angekommen, redete er die unter dem Thorweg attf- und abwandelnde Schildwache an, er fragte, ob der Eom- mandant da gewesen? Der Mann gab, obwohl Wilderich ihn französtsch angeredet, keine Antwort. Ein Sergeant, der innerhalb der in's Wachtzimtner führenden offenen Thür lehnte, fragte ihn dagegen' ^

"Was wollen Sie beim Eommandanten? Haben Sie ihm etwas zu' melden?“

"Nicht das . . .ich habe Grttnd anzunehmen, daß er hier gewesen . . . wegen des gefangenen Schultheißen . . .“

"Wegen des Schultheißen? Und was follte der Eommandant sich mit dem alten Verräther zu schassen machen, der in einer Stnnde vor das Kriegsgericht gestellt wird . . .“

"Vor das .Kriegsgericht ... der Schnltheiß?“ .stammelte Wilderich entsetzt.

"Ich habe Ordre, ihn hinführen zu lassen!“ entgegnete der Sergeant.

"Unglaublich ... das wäre . . .“

"Nun, was wäre es?“ fragte der Sergeant, Wilderich arg- wöhuisch st'rirend.

"Ich kann es nicht glanben - es kann nicht wahr sein,“ versetzte dieser sich faffend.

Der Sergeant wandte sich ab.

"Gehen Sie um acht in den Rötner,“ sagte er, "ttnd Sie werden fehen, wie viel Federlesens tttatt mit dem alten Schuft macht, der im Einverständttiß mit dem Feind stand . . .“ .

Dabei kehrte der Franzose Wilderich den Rücket zu und trat in die Wachtstnbe hinein.

Der Letztere konnte nicht mehr zweiseltt an der Wahrheit dessen, was er vernommen. In furchtbarer Erregung eilte er zurück. Er stürzte in das Hans des Schöffett, er verlangte stürmisch, Benediete zu fprechen', als tnan es ihr gesagt, kam sie dieDreppe herab und rief ihm in ängstlicher Spannung entgegen.

"Was ist geschehen . . . welche Nachricht bringen Sie?“

Er reichte ihr die .Hand, war aber im ersten Angenblick seiner Worte nicht mächtig.

"Eine Schreckensnachricht , . . eine fnrchtbare . . . o, kommen Sie zu Ihrer Mntter, zu Ihrer Mntter . . . sie allein kann helfen! -“

Benediete wandte sich, zitterttd und leichenblaß geworden, zu Mareellatetts Zimmer' st^. öffnete die Thür vor ihm und Beide standen im nächsten Angenblick vor - Dnvignot.

Er stand in der Mitte des Zimmers, die Hände auf den Rücken gelegt, mit düstern, wte von Ingrimm verzerrten Zügen . .. . er schien eben heimgekehrt, eben erst Mareellateus Zimmer betretet zu habeu', sie selbst war nicht da, aber sie kam gleich nachher, als sie die laute Stimme Wilderich's vernahm, herein, in der offenen Thür zu ihrem Nebenzimmer stehen bleibend und erschrocken auf die Gruppe vor ihr blickend.

"General!“ rief Wilderich in seiner furchtbaren Erregung dicht vor Dnvignot tretend aus, ,hab' ich Ihr Wort, das Wort eines Soldaten, das Ehrenwort eines Mannes, oder hckb ich es nicht?“

"Was wollen Sie?“ .fragte Dnvignot auffahrend. "Was ich will? Ihre Antwort auf meine Frage!“ "Sie find sehr verwegen, junger Mann, es hat noch nie Iemand so mit dem General Dnvignot gesprochen, und . . .“.^ "General Dnvignot hat auch wohl noch nie Ietnandent sein

Wort gebrochen, und ihm ein Recht gegeben, so zu reden Sagen Sie mir, daß tnan mich belogen hat, als man mir mittheilte, der Schultheiß werde heute noch, in der nächsten Stnnde noch, vor ein Kriegsgericht gestellt!“

"Gerechter Himmel!“ rief Benediete hier aus. Mareelline faßte an die Eatfassung der Dhür, auf deren Schwelle sie stand, tttn sich aufrecht zu erhalten.

"Man hat Sie nicht belogen,“ erwiderte Dnvignot. "Das Verfahren war eiumal eingeleitet, es mnßte seinen Weg gehen - was kann ich ändern daran?“

"Elender Heuchler!“ rief hier' Mareelline, "Dn bist allmächtig m der Stadt und willst glanben machen . . .“

"Glattbt, was Ihr wollt!“ sagte Dnvignot achselzu.kend. "Sie gaben Ihr Wort, General, wenn ich das Kind bringe...“^ "Ich gab nichts, gar nichts,“ stel ihtn Dnvignot barsch in's Wort, "ich versprach nichts ansdrücklich, nichts, was ich nicht ver- sprechen konnte!“

"Bei Gott, General, Sie gaben es, und ein Schuft nur bricht sein Wort!“ fnhr Wilderich seiner nicht mehr mächtig vor furchtbarer innerer Empörung auf.

Dnvignot blickte ihn an, blaß vor Wnth. "Das wagen Sie mir zu sagen,“ antwortete er leise und wie von seiner Wnth halb erstickt . . . "Sie, der Sie ein Spion sind, den ich geschont habe, den ich aus Nachsicht und Edelmuth vergessen zu habeu affeetirte . . . zum Teufel, Herr, ich kann Sie gerade so gnt wie jeden Andern vor das .Kriegsgericht und vor ein Pelotott mit fechs Flatteulättfeu schickeu, die Sie' stamm machen werden.“

"Also das ist Ihre Antwort, Ihre letzte,“ sagte jetzt rtthig und stolz ihn anblickend Wilderich, und wandte sich dann rasch zu Benedieten, um sie zu umfassen, da sie schluchzend zusammenbrach, währeud Mareelliue starr auf den General schaute, als stände eine Gestalt des Schreckens, etwas ganz Furchtbares und in seiner Ent- fetzlichkeit nie Gesehenes vor ihr.

"Benediete, verzweifle nicht, halte Dich ausrecht, es ist nicht Alles verloreu!“ ries Wilderich dabei aus, "glaub' mir! ^ch werde thun, was ich kann,. und . . .“ "Was wirst Dtt thun, Wilderich?“ "Gehn, Deinem Bater beizustehen . . . wird er vor das Kriegsgericht gestellt, so werde ich mich demselben auch stelleu. Ich weroe ihn vertheidigen ... ich allein kann es, ich allein kenne seine Unschuld, ich allein wäre der Schuldige, wenn hier eine Schuld wäre, ich allein kann enthüllen, weshalb den Schnltheißen dieses Schickfal trifft - weshalb General Dnvignot .ihn in den Tod senden will . . . der Himmel wird mir die rechten Worte auf die Zmtge leget, diese Menschen zu rühret!“

"O meitt Gott, hoffen Sie doch das nicht!“ rief hier Mareelline, "Sie renneu in Ihreu Unte'gang!“

"Mag sein . . ... aber es soll nach nicht abhalten . .' . ich werde Alles, Alles sagen, was ich weiß, General . . .“

"Thun Sie das,“ antwortete dieser, ihn mit feinen flammen- den Wnthblicken dnrchbohrend, "stelleu Sie sich dem Kriegsgericht nicht bloß als Spion, sondern auch noch als Verleumder des Genernl-Eommandatttett vor - man wird desto mehr Schonung für Sie haben, davon seien Sie sicher!“

"Dtt hörst es - o Dtt hörst es, Wilderich,“ beschwor ihn Benediete, "Dn gehst nur ebensalls in den Tod!“

"Gut dettn, für tneine Pflicht . . . für Deinen Vater . . "Glattben Sie,“ rief Dnvignot dazwischett, "Sie wären nicht, was Sie auch sagen könnten, verloren? . . . verloren, weil man Sie als einen der Rädelsfährer der Batteru erkennet wird? Metten Sie, wir wüßten nicht, wer uns in den Speffartpäffeu hinterrücks überfallen und abgeschlachtet hat, meinen Sie, wir hätten uns nicht für ein späteres Strafgericht die Anführer gemerkt?^ Wilderich antwortete ihtn nicht.

"Lebe wohl, Vettediete!“ sagte er leise ttud weich, während ihtn Thränen in die Wimpern traten, zu dem jungen Mädcheu, es an seine Brnst schließend, "ich habe geglanbt, die Zukunft läge wie ein Himmel vor mir . . . und jetzt . . . jetzt reißt das Schicksal uns so auseinander . . . aber ich war ja glücklich . . . eine Stttttde lang ... vielleicht ist's genug für ein Menschenleben..'. und dettk' an nach . . . Benediete, denk' an mich, wenn . . . doch nein, nein, wozu.das Alle'^, wozu das Herz sich schwer machen', hoffe, hoffe, vielleicht kehre ich zurück - Du hast so viel gelitten, [613]  n13 der Himmel kaun Dir nicht auch das uvch zufügen, Menschen können Erbarmen haben… . Lebe wohl!“

Er riß sich aus Benedictcns Armen, die ihn krampfhaft umschlangen, los, er ließ sie sanft auf den Boden gleiten, auf den sie halbohnmächtig niederglitt, und stürzte davon.

„Der Thor!“ knirschte Duvignot ihm wüthend nach, „mit ihm wird man kein Erbarmen haben – über eine Stunde werde ich sein kleben, wie das des Andern in jedem Momente, der mir beliebt, vernichten, ecrasiren können – und bei Gott, Marcellinc, ich werde es thun, ich werde es, Du weißt allein, was mich abhalten kann und wird, diese Todesurtheile zu unterschreiben.“ …

„Ich weiß es,“ erwiderte Marcelline, die gebrochen zusammengesunken in ihrem Sessel lag. zu dem sie sich geschleppt hatte, „ich weiß es, und …“

„Was ist das?!“ unterbrach Duvignot sie, plötzlich aufbrechend und erblassend … „alle Teufel, was ist das?“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er hinaus.

Wilderich war unterdeß davongcstürzt, die Treppe hinab, zum Hause hinaus – er wußte, daß er keinen Augenblick zu verlieren hatte, wenn er um acht Uhr an der Stelle sein wollte, wo das Kriegsgericht gehalten wurde … er hatte zehn Minuten nöthig, um bis zum Nömerberg zu kommen – als er auf die Zeit hinauskam, hob auf dein Katharincnthurm ihm gegenüber die Uhr aus, den ersten Schlag von acht zu thun – zugleich aber wurde die Luft durch eine dumpfe Detonation erschüttert … es schien ein Kanonenschlag … noch einer … dann,, nach einer Pause, wieder einer … Heller und stärker zitterte es durch die dunkle Abendluft! Weit oben, nach dem Allcrheiligenthor hin, wurde getrommelt … fern vom Noßmarkt her wurde Schreien und Rufen hörbar … jetzt auch wurde an der nahen Hauptwache getrommelt … und, was geschlagen wurde – Wilderich kannte sehr wohl die Bedeutung dieses Tacts auf dem Kalbfell – was geschlagen wurde, das war das tzL-irr, das war der Generalmarsch der Republikaner.

Dazwischen dröhnte das Schießen fort … und – irrte sich Wilderich darin, war es eine Täuschung, hervorgerufen durch sein so stürmisch durch die Adern der Schläfen gepeitschtes Blut? abci^ es war ihm, als spräche so nur der Mund österreichischer Kanonen, als kämen diese Geschützschlägc aus den schweren deutschen Rohren!

Das Geschrei vom Noßmarkt her wurde stärker, lauter – ein Menschenhaufen hatte sich da zusammengeballt, er kam heran und drängte näher und näher – er vergrößerte sich von allen Seiten … dann theilte er sich, eine Hälfte blieb vor der Hauptwachc, in einer gewissen respektvollen Entfernung … die andere Hälfte wälzte sich die Zeil hinauf… . Wilderich verstand jetzt dies Rufen, dies „Hurrah“, dies „die Kaiserlichen sind da, der Prinz Karl ist da!“ – er drängte sich in den Haufen hinein, er fragte, er rief, aber es wurde ihm schwer, eine verständliche zusammenhängende Antwort von einem der wie trunken von Freude und Ingrimm zugleich berauschten Menschen zu erhalten.

„Jetzt holt sie der Teufel, jetzt holt sie alle der Teufel, wenn sie nicht machen, daß sie fortkommen, das Räuberpack, die Canaille, die Hundsfötter … der Prinz Karl ist da … von Offenbach her, wie das Wetter sind die Szekler-Hnsaren in Sachsenhauscn hinein – die Kanonen fegen mit Kartätschen die Mainbrücke rein hurrah die Kaiserlichen, hurrah die Wcißröcke!“

Die Rufe erstürben im Gedröhn der Trommeln, die zwischen einer starken Escorte jetzt die Zeil hinauf sich bewegten, um den Gencralmarsch in allen Hauptstraßen ertönen zu lassen.

„Gott sei gedankt!“ rief Wildcrich, vor dem wilden Jubel in seinem Innern kaum seiner Sinne mehr mächtig, und seine Stimme erhebend, rief er aus: „Dann ist’s auch mit dem Kriegsgcrichthalten und Füsilirenlassen am End’ – Ihr Leute, es giebt dann Besseres zu thun, als hier Hurrah zu schrein – gehen wir zum Römer, da soll eben der Schultheiß Vollrath gerichtet werden – reißen wir ihn den Franzosen aus den Händen, bringen wir ihm die Freiheit, bringen wir ihn im Triumph zu den Seinen zurück!“

Es brauchte nur in die stürmisch bewegte Masse solch ein Gedanke geworfen zu werden, um sie dafür zu begeistern … sie verlangten nichts Besseres, als eben eine That, etwas Gewaltsames, eine stürmische Kraftänßerung, um sich darin auszutoben.

„Hoch der Vollrath! hurrah, zum Römer! hoch der Schultheiß!“ schrie es sofort von allen Seiten; Alles stürzte sich nach einer Richtung, Alles, was sich aus allen Häusern auf die Straßen ergoß, die Männer, die Weiber, die Kinder, warf sich in den Strom.

Auf halbem Wege zum Römer aber staute sich plötzlich dieser Strom. Vom Nömerbcrge her kam ein anderer Haufe ihnen entgegen … mit denselben Hnrrahs, denselben Rufen … sie hatten den Schultheiß in ihrer Mitte; sie hatten ihn aus dem Saale geholt, sie hatten das Triumphgeleite, zu dem Wilderich aufgefordert, längst gebildet … das Kriegsgericht hatte bei den ersten Alarmrufen, noch bevor es begonnen, sich aufgelöst; die Officiere, die Soldaten, Alles war zersprengt, in wilder Hast auseinandcrgelanfen, zu seinen Truppentheilen, feinen Sammelplätzen zu kommen; den Angeklagten hatte man sich selber überlassen und denen, die, als Zuschauer zu den Verhandlungen des Gerichts gekommen, ihn jetzt nmjnbclten.

So wälzte sich denn nun eine dichtgedrängte, tosende Volksmenge der Zeil wieder zu – in deren Mitte der Schultheiß Vollrath, halb getragen, nur noch halb seiner Sinne mächtig nach allen Erschütterungen der letzten Tage, nur halb noch lebend einherschwankte.

Als Wilderich die Ecke der auf die Zeil mündenden Straße erreichte, sah er, über Hausen vorüberrennender, nach ihren Sammelplätzen eilender Franzosen fort, eine Gruppe von vier oder fünf Reitern drüben vor dem Hause des Schultheißen halten.

Sie setzte sich eben in Bewegung – es war Duvignot mit seinen Adjutanten und Officieren. Wilderich hat ihn nie wiedergesehen.

Sie waren so blitzschnell, diese Franzofen – als ob für einen Augenblick wie dieser Alles von ihnen vorgesehen und vorbereitet gewesen; in unglaublich kurzer Zeit waren die einzelnen Truppenkörper zusammen und in guter Ordnung zogen, Munitionscolonnen und Artillerie zuerst, dann die Gepäckwagen, die Cassenund Proviantwagen, endlich die Bataillone und die Schwadronen durch das Eschcnheimer und das Friedbcrger Thor ab, gen Norden in die Herbstnacht hinaus.

Wildcrich sah, wie der Volkshaufe den Schultheiß in seine Wohnung geleitete, wie dieser darin verschwand, wie vor seinem Hause noch lange die versammelte Menge ihre Rufe, ihre Hochs schrie. Er hatte sich todtmüde, tief erschöpft auf einen Prellstein vor dein Portal der Katharinenkirche gefetzt. Da sah er des Schultheißen, Benedictcns, seiner Benedicte Haus vor sich – sah, wie die Lichter hinter den Fenstern schimmertensah auch Gestalten sich bewegen, leichte Schatten, die hinter den herabgelassenen Vorhängen herglittcn. Er sah und hörte das Gerassel und den Lärm der abziehenden Truppen; sah auch, wie die Oesterreicher fast auf dem Fuße ihnen nachrückten; die Eclaireurs mit den gespannten Faustrohren in der Hand, langsam an den Trottoirs entlang reitend, vorauf, dann lange Züge von Szekler-, von Kaiser-Husaren, dann schwer rasselnde Geschütze, dann weist durch die Nacht schimmernde, schwerwuchtig und müde daher marschirende Fußvölker; er sah, wie sie Halt machten und sich anschickten zu bivoüakiren, und wie das Volk ihnen jubelnd zutrug, was es für sie nach all’ den Plünderungen noch hatte, um sie zu speisen und zu tränken und zu betten.

Wilderich saß lange, lange so da. Es war, als ob ihn etwas festgebannt hätte an die Stelle, als ob ihm die Glieder gelähmt sein würden, wenn er aufstehen und sich bewegen wolle.

Er fühlte die Kraft nicht, sich zu erheben und hinüber zu gehen in jenes Haus dort, in dem doch seine ganze Seele war. Er konnte es nicht über sich gewinnen, über jene Schwelle zu treten jetzt ’–jetzt – wo dort ein Glück herrschen mußte, das er sich scheute zu theilen, als ob er desselben nicht würdig wäre -– er, der so wenig gethan an dem Allen, so nur das Einfache, Natürliche, das Jeder gethan hätte, und der so überschwänglichen Lohn dafür erhalten!

Es war ein eigenthümliches Gefühl, das ihn abhielt, da zu erscheinen, wo man feinen Namen rief, nach ihm suchte, ihn herbeisehnte, ihn verlangte. Aber es war zu mächtig in ihm ’– diese Blödigkeit eines tiefund feinfühlenden Herzens.

Die Morgensonne, als sie über den Dächern der befreiten Stadt aufstieg, fah ihn auf dein Lager eines Zimmers im „Grauen Falken“ im tiefen Schummer furchtbarster Ermüdung. [614] 

Es war spät , sehr spät,. als er endlich erwachte und sich erhob. Er sah, wie hoch bereits die Souue staud, und kleidete sich hastig am

Als er fertig war^ als er das längst kaktgewordene Frühstück, das der Hauskuecht schou vor einer Stnnde^ gebracht und auf den Tisch gestellte schnell zu sich genommen, hielt ihn nichts mehr ab zu gehen . .. zu Benediete ^n. gehend zu dem Hanse, welches Alles einschloß, das ihul chen^r n^

Nnd doch ging er nicht. ^r se'^te sich aus den Nand seines Bettes und versank in Gedanken . . . in Sinnen und Träumeu mehr als in Gedaukeu. ^

Was hielt ihn zurück^ Hatte er nicht in die Arme der Mutterihr Kind zurückgeführt^' hatte er nicht Benediete gerecht^ fertigt, hatte er nicht sein Leben dahin geben wollen, im Bersuche,^ das Leben des Hausherrn zu retten^ .

Tas aber war es eben . . . eine uuüberwiudliche Scheu der Bescheidenheit und der Demnth ließ ihn zu.ückschrecken vor dem Angenblick, wo sein Gesicht vor jenen drei Menschen auftauchte und sie in seinen Mienen lesen würden. da bin ich ^ und nun dankt mir. und gebt mir zum Lohne das Beste, was Ihr habt, Ener Kind, Enre Tochter, diesen Enget, dessen Niemand, Niemand auf Erden würdig ist,^ gebt sie mir, dein armen Nevierforster aus ^ dem Spefsart!

Mnßte es denn so sein^. Konnte er nicht heimkehren und ^ an Benediete schreiben^ Tann behielt ja auch diese Zeit, sich die Znknnst, welche ihrer an seiner Seite harrte, klar zu machen und . .

Wilderich spann sich eben in diesen Gedanken ein, als er aus der treppe vor seinem Zimmer einen schweren Männerschritt ver^ nahm und dazu einen leichteren, beflügelteren^ dann wurde die Thür zu seinem Zimmer, ohne daß man anklopfte, geöffnet'^ der Sachsenhäuser war es, der hereiuschaute und sich dauu zurück^ wandte

„ Ans den Federn ist er . . .^Sie konneu herein treten, Temoiselle,e sagte er.. Im. nächsten Augenblick stand Benediete vor Wilderich ^ sie legte ihre .Hände auf seine Schnlterii, nin ihn ain Aufsteheu zu hindern sie saut auf ihre beiden Kniee vor ihm, faßte seine Hände und drückte sie an ihre glühenden Wangen.

„Endlich gefnnden . . . o mein Gott, Wilderich, wo warst Du^ rief sie ans^ Welche Angst ich um Dich hatte . . . Du kamst gesterii nicht zurück, Du kaiust heute nicht ^ da iuachte ich mich auf, Dich zu suchen ^ ich hatte Leopold mit Dir aus diesem Hause geholt ^ so suchte ich Dich hier zuuächst . . . mein Gott, wie konnte^ Du mich allein, in solcher Sorge nin Dich lassen ^!^

„Du hast Necht. Benediete !e antwortete er^ ^ich ... ich war wohl ein Thor ... . ich war ängstlich, ich dachte, ich verdiente Dich nicht, und . . . wie konnte ich gehen, Dich von den .Deinen zu fordern . . . Dich, Benediete . .

„0 wohl, wohl warst Du ein Thor. . . . Berdienen! welch ein häßliches W^rt das ist!^

^a^ ta^ ich fuht's ... es ist häßlich ^ uuu ich in Deine Augen sehe. fühl' ich's . ich gehöre Dir,^Dn gehörst mir, wir sind ein Leben ^ ein einziges nntreimbares Lebens. ist es so^

.^.So ist es, Wilderich !e

^Wer fragt nach dem Verdienst! Berdient die Brnst das Herz, das in ihr ichlägt ^e

Si'e sprang aus, erfaßte seinen Kops mit beiden Händen, drückte einem Kuß aus seine Stirn und schaute ihm laiige tief in die Augen. '

.^Das halte fest, ^ sagte sie dann^ ^das Wort^^ud nun kein

andres mehr darüber. Komin. Komin zu den Meinen^ Wilderich folgte ihr.

Wenn er .gewahnt hatten daß in dein Hause des Schultheißen Bollrath ihn eine Seene erwarte, die ihn heschänlen und nieder^ drücken werde, so hatte er geirrt.

.Schou beim Eintritt in das ^ans wnrden er wie Benediete überrascht durch eine gewisse Anfregung, welche da zu herrscheu schiene . es standen Österreichische Osfieiere nnten im Hansflnr in einer^ Gruppe zusammeu , auf der Treppe standen flüsternd die .Diener des Hanfes ^ einer von ihnen kam eilig Benedieteit entgegen.

„Der. Erzherzog ist droben,^ sagte ^n ^bei dem .Herrn Schül.cheiß^ . . ich soll ^ gleich zu ihm führen wenn Sie zu.ück^ kämen . .^.e

„Der^ Erzherzog . ^. bei meinem ^Bater^ ries Benediete aus,.„ welche Freude . i^. auch er wird je.^t nicht tänger an mir zweifeln dürfen!^ ^

Benediete und Wilderich wnrden von dem wiener in daffetbe

Zimmen aus dein Dnvignot so plo^lich abziehen mußte, den^ Empfangssalon des Hanfes geführt . . . sie erblickte den '^rzherzog^ neben Fran Mareelline vertranlich planderiid aiif dein Sopha

si^end ^ ihr Antli^ war wie mit Schamrothe übergossen während der Erzherzog .so harmlos sprach, als seien alte bitteren Worte, welche diese Fran ihm einst entgegengeschlendert ^ volli^ von ihm

vergessen. Der Schuttheiß saß zur Seite ^ er erhob sich, als

die jungen Leute eintraten um sie dem Erzherzog vorzu.tellen.

„Wir kennen uns, wir kennen uns!^ unterbrach diefer^ihn mit freuudlichem Lächeln, ^iiicht wahr, mein Kind^ n^d dabe^ reichte er Benedieten die Haud. „Was diesen jllugen Forstmann angeht, so hat ja er gerade .mir den Bries abverlangt, der Si^ in so großes Nnheil gebracht hat. Ich bin eben hier, nin Ihrem

Bater meine Theilnahine anszu.rücken iind ihm Glück zu wünschen,^.

fuhr der Erzherzog sich an Benediete wendend fort^, „daß er diefem Nnheil entgangen . . .e

„Dank Enrer königlichen Hoheit,^ fiel der Schnltheiß ein.

„Nun ich hatte Sie ain Ende iii diese schreckliche Lage auch ein wenig hineingebracht ^ ^ . oder vielmehr dieser Nnglücksineiisch, dieser Forster hier, der meinen Brief. so nntlng bestellt^ wie Sie mir eben erzählt haben. Aber Gott hat ja Allem eine gute

Wendung gegeben und so will ich auch diesen jungen Mann, den

wir im Spessart wacker aii der Arbeit gesehen haben, niid dem wirzuiuDauke verpachtet wurden, Ihrer Nachsicht und Berzeihung

empfehlen mein lieber Schultheiß !e

Der Schnltheiß nickte lächelnd mit dem Kopfe.

„Die Nachsicht und Berzeihung ist ihm bereits geworden ^ antwortete er, „nieine .Tochter hat mir angekündigt, daß sie ihn iiiir zum Schwiegerfohne erkoren ^ was bleibt da einein gnte inilthigen ..deutschen Hausvater^ übrig, als . .

„Ah,^ rief der Erzherzog aus^ „Ihre Tochter ist die Braut uusres Forstmanues^ und will ihm in seinen oden Spessart sotgen.^ In diese stillen armen Thaler ^ Horen Sie, das gefällt mir nicht se

„Aber^ mir, konigtiche Hoheit !e erwiderte Benediete je^t mit

verlegenein Lächeln iind tiefem .Errothen.

Der Erzherzog sah sie an und blickte dann aus die stattliche Gestalt Wilderich's. Er schwieg eine Weile, nachsinnend, dann sagte er zu Wilderich.

,^Gehen Sie mit uns. . Wir haben noch ein ^tüchtig Stück Arbeit für mnthige Mä.niier. Noch ist der deutsche Boden nicht frei. Noch ist die Nheinariiiee Moreai^s durch die Schwarzwald^ passe uiid über die deutschen Grenzen zu werfen. Ich kann Leuten

die sich wie Sie als Führer bewährt haben gebranchen^, Als Diplomat freilich ^e fü^te er lächelnd hinzu, „wären Sie nur mit einiger Borsicht zu verwenden. Aber wie wär's^ wenn ich Ihnen eine Ofsieierstelle bei einein Iägerregiineiite gäbe,^ mit der Aussicht aus eine Compagnie nach der ersten Aetion, und so weiter^ Sie schatten besorgt darein, Demoifelle Benediete^ Seien Sie ruhig

er hat Glück, dieser junge Mann, das lese ich iii seinem Zügen, und wenn er einst ein großer General ist, werden Sie mir's^ danken!"

^ „0 gewiß^ Königliche Hoheit, e fiel der Schnltheiß erfrent ein. ,^Was denken Sie^e wandte der Erzherzog sich wieder an Wilderich.

^,Ich bitte Enre Hoheit, mir gnädig zu bleiben wenn ich diese Güte ablehnen

^ ..^Sie wollen nicht ^e

Wilderich schnttelte den Kopf und antworteten' ,^Wenn ich in meinem Speffart bteiben mochte, so ist es nicht allein der Wttnsch, mich von dem Glücke iiicht zu trennen das ich eben gefnnden habe. Ich habe die Waffen wider den Landesfeind nur ergriffen, wie es, mein' ich, jeder deutsche .Mann zum Schn^

und für die Freiheit des Baterlandes muß. Man soll dazn deutschen Männern nur vertranen, in der Stnnde der Gefahr werden sie da sein! Aber zum Soldaten tangt solch ein an^s fr^ie Watdleben gewohnter Mensch wie ich nicht .. .tassen Enre Hoheit mich im Schatten meiner Bnchen!^

„Nun,e versehe der Erzherzog ihm die Hand reichend, ,^dann

vergessen Sie jn der Einsamkeit Ihrer Buchenschatten nichts daß

Sie einen Freund an mir habeu !e Er erhobt sich. [616]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Weshab