Vogelsteller an allen Enden

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Textdaten
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Autor: F. A. Bacciocco
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Titel: Vogelsteller an allen Enden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 384–385
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Vogelsteller an allen Enden.
Von F. A. Bacciocco.


Jeder kleine Schulbube hat etwas von einem jungen Jagdhunde. Er muß immer auf der Suche sein. Je besser der Knabe physisch bedacht und je gewandter er ist, um so schärfer tritt diese Eigenschaft hervor. Er fängt, selbst kaum flügge, mit dem Sport auf die Zimmerfliege an, wirft sich alsbald auf andere Insecten und kleines Gewürm und feiert seinen ersten großen Nimrodtag, wenn er eine Schachtel voll Maikäfer heimbringt. Der Hang zur Jagd scheint zu den Ureigenthümlichkeiten des Geschlechtes zu gehören, welches es ohne dieselben auch schwerlich so hübsch weit gebracht hätte. In ein neues, höheres Stadium der Jägerei tritt der Knabe, wenn er, ablassend von Maikäfern und Schmetterlingen, sich auf die Vogelstellerei verlegt. Es ist ein gefährliches Stadium für ihn; für seine „wissenschaftlichen Bestrebungen“ nicht minder, wie für Garten und Feld und Wald. Er fängt an, auf eigene Faust in den Wiesen und im Buschwerke herum zu vagabondiren, um fröhliches, oft werthvolles Leben zu zerstören. In nicht seltenen Fällen ist es die Vorstufe und Vorschule für eine Richtung in seinem späteren Leben. Ist der enragirte Nestsucher und Vogelsteller ein Cavalierssohn, so wird er gewiß mit der Zeit ein großer Jäger und Sportsman vor den Herren und Damen; ist er ein Bauernjunge, so geht die Passion nicht selten in einen unauslöschlichen Hang zur Wilddieberei über, und ist er ein Stadtkind, so bringt er die Passion mit heim in die Stube, und er wird ein Vogelliebhaber in gutem oder schlimmem Sinne. In einigen Fällen wird auch aus dem frühreifen Vogelsteller und Jäger ein solider Naturforscher.

Wer ein wenig herumgekommen ist in der Welt, wird gefunden haben, daß die Passion für die Vogelstellerei bei allen Nationen und Volksstämmen und bei Jung und Alt vorhanden ist; nur erscheint sie bei den verschiedenen Racen in verschiedenen Formen. Die Leidenschaft geht nämlich mit dem Verständnisse und mit dem Talente nicht harmonisch Hand in Hand. Ganz verschieden z. B. von der Neigung des Italieners und des Franzosen für die Vogelwelt und Vogelstellerei ist diese Neigung bei dem Deutschen. In Deutschland selbst erscheint sie wieder in Abstufungen und Variationen je nach den Eigenthümlichkeiten der Stämme. Aber von der Lüneburger Haide bis zu den einsamsten Dörfern Tirols wird die Jagd mit der gleichen Hingebung betrieben. Und schier in jedem Gaue und in jedem Reviere (allein auf germanischem Grund und Boden) nimmt das Gewerbe oder die „Kunst“ andere Formen an. Und geht man von diesem auf die benachbarten romanischen Gebiete über, auf Frankreich und Italien, dann steigert sich die Mannigfaltigkeit in geradezu verwirrender Weise, und man kann zuweilen kaum begreifen, wie das arme Sängervolk überhaupt noch zurückkehren mag zu dem alten gefährlichen Boden Europas, wo ihm, von der Küste Dänemarks bis hinab nach der Campagna di Roma und bis zur blühenden Küste von Sorrent, nur immer und immer Fallen, Stricke, Netze und Hinterhalte in hundert und aber hundert Gestalten gelegt werden! Aber es scheint beinahe, daß die bestrickende menschliche Cultur es auch dem Vogel angethan hat, sodaß er sich nicht mehr von ihren Spuren losreißen kann. Man darf jedenfalls annehmen, daß in den unermeßlichen Gebieten Afrikas und Asiens, an den Ufern des Nils und an der ungemüthlichen Küste von Marokko und Tunis, daß in den Hochsteppen des asiatischen Binnenlandes und in den russischen Tiefebenen die Vogelwelt bei weitem nicht die Nachstellungen von menschlicher Seite erfährt, wie in dem „humanen“ Europa. Trotzdem kehrt sie mit unverwüstlicher Hartnäckigkeit zu den „freundlichen Thälern“, zu den Waldungen, Gärten und Parkanlagen zurück, wie man sagt, aus Instinct, oder weil es so Herkommen ist, gewiß eine sehr gute und bestimmte, vielleicht nur keine sehr gründliche Erklärung.

In Deutschland dürften die bekanntesten Vogelstellergebiete wohl in Thüringen, im Harze, im Schwarzwalde und in Tirol zu suchen sein. Im Harze und im sächsischen Erzgebirge aber züchtet man nicht einheimische Vögel allein. Gewisse Theile Hannovers werden ebenfalls als hervorragend in dieser Passion bezeichnet. Auch in Böhmen und in Deutsch-Oesterreich erfreuen sich verschiedene Städte und Gegenden eines Rufes auf diesem Gebiete. Sehr wenig Beachtung hat man bislang aber jenem deutschen Landstriche geschenkt, der am Niederrheine von der belgischen und holländischen Grenze eingeschlossen und theilweise von einem wallonischen Volksstamme bewohnt wird. Wenn meine Erfahrung mich nicht täuscht, dürften hier die passionirtesten Vogelsteller und die geschicktesten Züchter zu suchen sein. Uebertroffen werden diese nur noch von den belgischen und holländischen Liebhabern. In jener Gegend hat jede Stadt am Sonntage ihren ständigen Vogelmarkt; jede Stadt hat ihre berühmten Liebhaber und berühmten Exemplare, die für kein Geld feil sind. Wer Gelegenheit hatte, den schönen alten Rathhausplatz in Brüssel an einem Sonntage zu besuchen, weiß, was ein echter niederländischer Vogelmarkt zu bedeuten hat. In gleicher Weise haben die Städte Aachen, Eupen, Mastricht, Lüttich, Antwerpen etc. ihre Vogelmärkte und an besonderen Tagen des Jahres ihre Vogelmessen. Uebrigens brachten die letzten Jahre auch zu Tage, daß die besten Taubenzüchter in Belgien zu suchen sind; das hängt mit der Passion im Allgemeinen zusammen. Der eigentliche Holländer unterscheidet sich aber auch hier vom Flamänder und Brabanter. Er hat sich mehr der exotischen Vogelzucht ergeben, während diese bei den heimischen Finkenarten, bei den Lerchen und Sprossern bleiben. Die Buchfinkenzucht nimmt dabei eine hervorragende Stelle ein, und leider ist auch die grausame Gewohnheit des Blendens im Spiele, die dort zu Lande nicht ausgerottet werden kann.

In Frankreich nimmt natürlich Paris als Sitz der besten Vogelfänger und Vogelsteller einen dominirenden Rang ein, und das ist um so merkwürdiger, weil Paris von allen Hauptstädten der alten Welt (mit Ausnahme vielleicht von Neapel) jene Stadt ist, in deren Umgebung man am wenigsten Vogelgesang vernimmt. Die langjährige, altüberlieferte Ausrottung und Verfolgung hat wohl die Vögel von Paris zu vertreiben vermocht, aber nicht die Vogelfänger und Liebhaber. Paris hat einige permanente Vogelmärkte in den Arbeitervorstädten, und jeden Sonntag sammeln sich in der Gegend von Notre-Dame die Liebhaber zum Kaufe und Tausche. Die Vogelfänger sind hier nur noch Geschäftsleute, die im Frühjahre weite Fahrten machen, selbst bis [385] zu den Ardennen, um Nester auszuheben und die Brut heranzuziehen. Der exotische Vogelhandel, der in Paris in großartigem Maßstabe florirt, vermag gleichwohl der einheimischen Production keine Concurrenz zu bereiten. Der Pariser Arbeiter und die Blumenmacherin ziehen einen mauserigen Flachsfink dem blanksten Canarienvogel vor; sie meinen, daß der andere sich besser ausnimmt zwischen ihren Blumen am Dachfenster. Uebrigens sind sie auch mit einem schlichten Sperling zufrieden.

Wenn man Vergleiche auf den deutschen und romanischen Märkten und im Heim der Kenner und Liebhaber anstellt, dann wird man unbedingt finden, daß die deutschen Vogelfänger manche Vorzüge vor jenen haben. Sie wissen besser mit den Thieren umzugehen; sie behandeln dieselben rationeller; man kann sogar sagen: wissenschaftlicher. Eine Ausnahme bilden vielleicht nur die obengenannten Wallonen, wobei aber schwer zu sagen ist, ob die rationelle Art von den Wallonen oder von den Flamändern stammt. Es ist zum Beispiel einem Franzosen oder Italiener ziemlich gleichgültig, zu welcher Frist er einer Nachtigall oder Lerche Mehlwürmer oder scharfes Futter giebt, die eigentlichen Kenner dagegen warten die geeignete Zeit ab und steigern sie allmählich. In derselben Weise ist der deutsche Züchter vorsichtig in der Wahl der Körner und gewissenhaft in der Reinlichkeitspflege. Er versteht die Kunst, das Leben des gefangenen Vogels zu verlängern – ein Punkt, worüber der Romane sich weniger Kopfschmerzen macht.

Am gleichgültigsten und leichtsinnigsten ist in all’ diesen Punkten der Italiener, der überhaupt auf den Vogel in der Gefangenschaft nicht viel giebt; er hat ihn lieber im Topfe. Die Herbstzeit, der Beginn der Wanderzeit, könnte für den Zugvogel in Deutschland mit einer Fegefeuer-Periode verglichen werden, aber es wird dieselbe Periode in Italien zur Hölle. Der große Vogelzug, der über die Alpen südwärts geht, hat einen ununterbrochenen Kampf zu bestehen, von den zahlreichen Thälern, Schluchten und Defileen der großen deutsch-romanischen Bergkette bis zur Küste von Ostia, wo einer der großen Sammelplätze ist für den gemeinsamen Zug aber die Meeresfluth.

Wenn man in Deutschland dem armen Wanderer aufgelauert hat mit Schlingen, mit Leimruthen, mit Springgarnen, mit Flügelnetzen, mit „Trassen“ zur Tag- und Nachtzeit und nebenbei mit Flinten und anderen Mordwaffen, mit und ohne polizeiliche Erlaubniß, so tritt auf der Südseite der Alpen das große Wandnetz (Roccollo) in seine Rechte, das lange Flügelgarn und die ganze hungrige Jagdgier des lebhaften italienischen Volkes. Wenn in Deutschland die Passion noch einen gewissen gemüthlichen Anstrich hat, weil viele Vögel eingefangen werden, um im Zimmer in der Gefangenschaft gehegt zu werden, so ist sie in Italien dieses Anstriches vollständig entkleidet, weil dort die ganze Jagd für den Magen, für die Küche betrieben wird. Nur ein verschwindend kleiner Theil der Vögel wird in Gefangenschaft gehalten.

Im Herbste, wenn den Wanderzug die Campagna zu berühren anfängt, begeben sich die edlen Römer mit Kind und Kegel hinaus in die Ebene zum Fange der „uccelli“. Ein Theil geht bis nach Ostia auf den Wachtelfang, indessen ist die eigentliche Wachteljagd im Frühjahre. Im Herbste werden nur kleine Partien weggefangen, wenn die Thiere an der Küste ihre letzte Rast halten. In der Campagna wird aber Alles, ohne Ansehen des Gefieders, mitgenommen und mit allen erdenklichen Waffen bekriegt. Netze, Fallen und Vogelflinten, die zu führen der Römer sich nicht nehmen läßt, kommen zur Anwendung. Die Resultate dieser Tage kann man auf dem alten Markte beim Pantheon erkennen. Dort spielt einige Woche hindurch der „kleine Vogel“ die Hauptrolle. In unzähligen Koppeln und ohne Auswahl sind Lerchen, Finken, Schwalben, Sprosser zum Kaufe vorhanden. Ein ähnlicher Markt dürfte schwerlich in einer andern Stadt Europas vorhanden sein, und man muß sagen, glücklicher Weise. Die Jagdzeit wiederholt sich im Frühjahre, wenn die Vögel aus Afrika zurückkehren. Alsdann werden an der Küste die langen Wachtelnetze ausgespannt und die ermüdeten Thiere zu Tausenden hineingetrieben. In derselben Frist wird in der Campagna mit entsprechendem Eifer der Lerchenfang betrieben. Vielleicht tragen diese heftigen Nachstellungen bei der ersten Berührung des europäischen Bodens dazu bei, die Thiere schneller und in größeren Schwärmen nach dem Norden zu treiben. Im Frühjahr bringt die Lerche ein eigenthümliches, wunderbares Leben in die große römische Campagna. In der frühlingsfrisch und fröhlich aufblühenden Ebene ertönt unbeschreiblicher Gesang. Es ist gleichsam ein singendes Netz über das grüne Land gespannt, unter welchem der harmlose Spaziergänger neben dem grünen Jägersmanne einherschreitet. Die Verfolgung hält den edlen Vogel nicht ab von seinem alten Brauche, immer und immer wieder in den Himmel hineinzusteigen, dem Lichte, dem ewigen Sonnenlichte entgegen mit jubelndem Sangesgruße.

Der Vogelfänger in der Campagna bringt das „doppelte Flügelgarn“ zur Anwendung, welches ebenfalls in Norddeutschland, im Niederland und in Frankreich gebraucht wird. Der Vogelsteller sitzt dabei in seiner Reisighütte; er hat Lockvögel und Lockpfeifen. In Rom habe ich auch das kleine Springgarn gefunden, welches besonders im Frühjahre zur Anwendung kommt und wohl die verächtlichste Fangart repräsentirt. Ich sage: auch, denn ich habe es leider in Deutschland zuerst getroffen. Es wird im Frühjahre, in der Brutzeit gebraucht. Der Vogelsteller legt sich mit demselben in Hinterhalt, an einen kleinen, einsamen Wasserpfuhl, bei welchem das Netz gespannt wird. Alle Vögel, die dabei weggefangen werden, werden dem Neste und der Brut entrissen. Die solcher Weise gefangenen Sänger sterben fast immer; natürlich geht nebenbei die Brut zu Grunde. Diese Fangart sollte allenthalben durch ein besonderes strenges Gesetz verboten werden.

Man sagte mir, daß im Römischen auch der sogenannte „Trassengang“ bekannt sei, der in einigen Gegenden Norddeutschlands betrieben wird. Aber ich hatte keine Gelegenheit, mich von der Wahrheit zu überzeugen. Am Niederrhein ist er vielfach in Schwang und gehört zu den jagdberechtigten Fangarten. Die Jäger machen sich mit der „Trasse“, einem oft zwanzig Fuß langen aufgespannten Netze, bei Nacht auf den Weg. Das Feld, in welches ein Schwarm Lerchen (im Herbste) eingefallen ist, wurde am Abende durchsucht, und die Leute kennen beiläufig die „gefüllte Stelle“. Auf Commandoruf wird das Netz niedergelegt, und die aufflatternden Vögel werden mit leichter Mühe gefangen und getödtet. Im Hannoverschen soll eine ähnliche Netzconstruction gebräuchlich sein, die durch Pferde über das Feld gezogen wird. Zu den großen Fangnetzen gehört ferner noch das berüchtigte Roccollo in den Alpen. Es kommt in allen Thälern der großen Alpenkette von Chambery bis nach Trient zur Anwendung; an allen oberitalienischen Seen, am Lago maggiore, am Lago di Como, am Gardasee bildet diese Jagd das Ergötzen der Liebhaber.

Italienische Nobili haben sich eigene Villen im Gebirge bauen lassen, um bequem diesem Fange obliegen zu können. Die roccolli (die Piemontesen nennen es rai) bilden eine zwölf Fuß hohe, oft sehr lange Netzwand, welche auf einem hohen Felsen, der aus einer von Norden nach Süden streichenden Schlucht hervorspringt, aufgepflanzt wird. Das Garn wird möglichst nahe an den Abhang gebracht. Vor demselben wird der Boden aufgeworfen, Futter gestreut und werden Lockvögel, im Bauer und am Halfter, angebracht. In einer Entfernung von etwa fünfzig Schritten befindet sich die Hütte des Vogelstellers. Er ist mit einer „Holzratsche“ bewaffnet oder hat auch eine Flinte zur Hand, um im geeignete Momente zu schießen. Die Vögel fallen auf den Vorsprung ein, zur Wanderzeit oft in dichten Schwärmen; der Vogelsteller wartet eine gehörige Ansammlung ab und springt plötzlich mit seinem Instrumente hervor, ein entsetzliches Getöse in der Bergeinsamkeit machend. Die Vögel habe die Gewohnheit, nach kurzem Auffluge, vielleicht in Folge des Schreckens, sofort wieder niederzusinken, und zwar lassen sie sich sanft an dem Felsen hinabgleiten. So gerathen sie in das verrätherische Netz, welches mit hinterlistiger Geschicklichkeit an der Bergkante aufgestellt ist. Der Vogelsteller springt herzu und tödtet mit geübtem Handgriffe die in den Maschen zappelnden Thiere. In Südtirol ist es oft vorgekommen, daß Vogelsteller, im Eifer der Jagd, über den Felsen hinkollerten und das Netz mitrissen. Ob mit dem Roccollo, dem Trassengang und dem Flügelgarne die großen Fangarten erschöpft sind, möchte ich bezweifeln; indessen genügt ihre Erwähnung, um die Gefahren und Nöthen anzudeuten, denen die „Sänger des Hains“, unsere Lieblinge, ausgesetzt sind in ihrer herbstliche Wanderzeit von der öden Lüneburger Haide bis hinab zur ehrwürdige Campagna di Roma.