Vom Ehrenstein des deutschen Reiches

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Autor: Ferdinand Hey’l
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Titel: Vom Ehrenstein des deutschen Reiches
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 511–513
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Vom Ehrenstein des deutschen Reiches.


Fast eines halben Jahrhunderts bedurfte es, um eine Ehrenschuld des deutschen Volkes abzutragen – eine Ehrenschuld, welche Deutschland einem seiner größten Staats- und Volksmänner zu zahlen verpflichtet war.

Im Nachsommer 1857 trat in dem kleinen Städtchen Nassau an der Lahn eine Anzahl Männer zusammen, um die Idee der Errichtung eines Denkmals für den „großen Stein“ zu berathen. Der 25. October 1857, der hundertjährige Geburtstag Stein’s, wurde als besonders geeignet erachtet, das Gedächtniß an die Verdienste des großen Mannes wachzurufen, der mit vollstem Rechte als der bedeutendste Vorkämpfer für die Unabhängigkeit und Einigung Deutschlands gelten kann. Am 26. October 1857 erschien der erste Aufruf zur Errichtung des Ehrensteins für den Ehren-Stein, und heute, am 9. Juli 1872, nach Jahren mancher Mühe [512] und Sorge für die Förderer dieser Idee, konnte erst das vollendete Werk dem deutschen Volke übergeben werden. Die Gartenlaube hat schon verschiedentlich Veranlassung genommen, nicht nur jenes Werkes (Jahrgang 1868, Seite 668), sondern vor Allem des deutschen Mannes selbst zu gedenken, den unsere Nation zu feiern so sehr berechtigt und verpflichtet ist. Wir verweisen auf diese Mittheilungen (Jahrgang 1855, Seite 118, 1859, Seite 584) und geben heute nur eine Schilderung jenes Festes, an welchem theilzunehmen die Vertreter der deutschen Nation für eine Ehrenschuld erkannten.

Das kleine Städtchen Nassau, der Geburtsort Stein’s, ist nicht bedeutend durch Industrie und Handel, nicht hervorragend durch große Gebäude oder regen Verkehr, und doch darf es sich dreist in dem Kranze der deutschen Städte zeigen. Die landschaftliche Schönheit, die wahrhaft idyllische Ruhe und malerische Umgebung des Ortes waren es, welche ihn zum Lieblingsaufenthalt und zur Erholungsstätte seines größten Bürgers, des Reichsfreiherrn von und zum Stein, erhoben. Denn immer wieder kehrte Stein, trotz mancher nicht eben heiterer Erinnerungen die in den inneren Verhältnissen des kleinen Ländchens ihren Grund gehabt haben mögen, in sein Geburtsstädtchen zurück. Schmuck wie ein Geschmeide von Edelsteinen dehnt sich Fluß und Thal im Halbkreis um das Städtchen, rechts und links umgeben und eingerahmt von herrlichen Auen, die Abhänge der Uferberge vom Fuß bis zum Gipfel bepflanzt mit Obstbäumen und Wäldern, deren sonnigeren Lagen auch die Rebgelände nicht fehlen. So fanden auch die Festgenossen aus dem rauheren Norden das idyllische Oertchen am Vortage des Festes glänzend in sonniger Pracht.

Geschäftige Hände rührten sich und schmückten auch da mit frischem Waldesgrün, wo die Natur ihre heiteren Sprößlinge versagt. Rührig sah man die Mitglieder des Vollzugsausschusses und des Centralcomités nach allen Richtungen hin walten. Präsident Simson und v. Bunsen waren schon einige Tage vorher in Nassau eingetroffen. Professor v. Sybel, der Festredner für die nationale Feierlichkeit, traf am Vortage gleichfalls ein. War es die Muße- und Erholungszeit, welche dem Reichstagspräsidenten schon seit einigen Wochen lachte, war es der Zweck des Festes, wir erinnern uns nicht, ihn seit Jahren so wohlaussehend gefunden zu haben. Stein’s ehemaliges Wohnhaus hatte diese Festgäste gastfreundlich aufgenommen. Leider war es dem Festausschuß und dem localen Comité nicht vergönnt, den Anforderungen nach Plätzen auf dem Festplatz sowohl, als zur Festtafel in ausreichenderer Weise zu genügen.

Auf vorspringendem, schmalem Felsgrate, dem augenfälligsten Punkte der Heimathgegend Stein’s, ist das Denkmal errichtet, dicht unter den Ruinen der Stammburg des großen Freiherrn, wie es die Gartenlaube in Wort und Bild bereits früher (Jahrgang 1868, Seite 669) dargestellt hat. In Berücksichtigung des festzugesagten Besuches der kaiserlichen Familie mußten Vorkehrungen getroffen werden, welche – wenn auch unbedeutend – den Festplatz beschränkten. Dadurch ist leider auch die Presse nicht in dem Maße berücksichtigt worden, wie vielleicht wünschenswerth gewesen wäre.

In dichten Strömen ergoß sich der Regen am Frühmorgen des Festtages auf das ganze Lahnthal herab und trübe Gesichter gab’s allerwegen. Sollte nach jahrelangem Ringen der Schlußstein des Ganzen durch elementare Einflüsse getrübt werden? Nur Simson, Bunsen und Sybel schienen dem Geschick und den kommenden Stunden mit einiger Ruhe entgegenzusehen. Bauten sie auf das sprüchwörtliche Wetterglück des deutschen Kaisers? Trotz Sturm und Ungemach füllten sich Häuser und Straßen und die ankommenden Eisenbahnzüge säeten Tausende von Fremden und Gästen nach allen Richtungen aus.

Kurz vor elf Uhr erschien der Kaiser in seinem gewöhnlichen Gefährt, begleitet von den Mitgliedern des Hofstaates, welche in Ems seine Curtage theilen. Später trafen die Kaiserin und der Kronprinz mittelst Extrazuges von Berlin ein. Tausendtönig schallte der Jubel durch das Flußthal dahin, als der Zug mit den hohen Gästen hielt, und kräftig und voll tönten die Jubelrufe wieder, drüben an der Felsenburg zum Stein, drüben an dem Ehrendenkmal des edlen Mannes.

Präsident Simson begrüßte die kaiserliche Familie im Namen des Festcomités durch eine kurze Ansprache. Blumengeschmückte Kinder boten Sträuße und Festgedichte dar.

„Giebt’s auch Ehrenjungfrauen?“ fragte mit gewinnendem Humor eine hohe Persönlichkeit einen der Festordner.

„Wir glaubten – das –“

„Nun, natürlich – aber doch keine Verse und lange Reden von schönem Munde –“

„Nein, nur –“

„Na, schon gut,“ unterbricht der hohe Gast lächelnd, „wir haben Sedan und Paris überstanden, wir werden auch darüber hinauskommen! Meinen Sie nicht?“

Mittlerweile hatten sich die geladenen Gäste in dem ehemals Stein’schen, jetzt Kielmansegge’schen Schlosse zur ersten Begrüßung zusammengefunden. Es war der besondere Wunsch der gegenwärtigen Besitzerin der Herrschaft Nassau, der verwittweten Gräfin Kielmansegge, einer Enkelin Stein’s, daß die Festtheilnehmer sich in jenen Räumen zuerst begrüßen sollten, wo Stein in guten und schlechten Tagen geweilt hatte, und so gab diese Versammlung die Anregung zu gar mancher Erinnerung an den Helden des Tages; trafen sich doch hier, wenn auch in geringer Zahl, einige Freunde und Zeitgenossen Stein’s, welche sich hier vielleicht zum ersten Male von Angesicht zu Angesicht sahen. Ja, hatte doch hier der letzte Arzt Stein’s, der ihn in schwerer Krankheit gepflegt und behandelt, der ihn in Cappenberg nach seinem am 29. Juni 1831 erfolgten Tode zur Beisetzung in der Familiengruft zu Frücht bei Nassau einbalsamirte, zum ersten Male Gelegenheit, die Stätte zu sehen, welche dem Entschlafenen als Tusculum und Heim durch so viele Jahre gedient.

Von allen Seiten erfreute sich der alte würdige Herr – Kreisphysikus Doctor Wiesmann aus Dülmen – der Aufmerksamkeit der Festversammlung, und manche Zähre der Erinnerung und Anhänglichkeit floß dem liebenswürdigen Greise über die Wange, fühlte er doch mehr als jeder Andere, daß die Nation, neu erstarkt, ihrer Edelsten nicht vergißt.

Leise schlichen wir hinaus aus dem Kreise der zahlreichen Geladenen, unter denen Simson mit sicherer Würde und dem liebenswürdigsten Tacte die Pflichten des Festcomités, Graf Arnim-Boitzenburg die Pflichten des Gastgebers für die ihm verwandte Familie Stein’s gegenüber den Gästen erfüllten.

Da treffen wir Johannes Pfuhl, den seiner Zeit preisgekrönten Künstler der Statue, und freuen uns der aufrichtigen, treuherzigen Weise, in der er uns entgegentritt, endlich am Ziele seiner Mühe und seinen Strebens, das Bild eines jungen bescheidenen Künstlers, so fern von aller Anmaßung und so freudig ob des erreichten Zieles. Neben ihm steht Bildhauer Brodeusch, sein eifriger Helfer in den Stunden des Schaffens, und Rector Pfuhl aus Löwenberg in Schlesien, des Künstlers Vaters, den seines Sohnes Ehrentag zugleich ernst und froh stimmte.

Nur einer Andeutung bedarf’s – und gern schließen sich die Genannten einer Wanderung durch die Studirzimmer Stein’s an, in welchen so manche Erinnerung an den großen Todten gemahnt. Pfuhl hat eine Büste Stein’s für diese Räume gearbeitet, welche eine Zierde mehr für dieselben geworden ist.

Stein’s Thurm, den der edele Freiherr selbst in gothischem Stile „zur Erinnerung der Befreiung Deutschlands von der französischen Herrschaft im Jahre 1815“ errichtete, trägt über dem Portale die Inschrift: „Eine feste Burg ist unser Gott,“ und ist mit zwei Standbildern von Imhof in Köln, sowie mit dem Stein’schen Wappen geschmückt. Die Rückseite des Thurmes führt die Inschrift: „Nicht uns, nicht uns, Dir allein, Herr, die Ehre.“ Mit stiller Ehrfurcht schauen wir gerade an diesem Tage auf den Schreibtisch Stein’s, von welchem manches geflügelte Wort seinen Weg in die Welt nahm. Zwei eiserne Schränkchen mit Manuscripten des eisernen Reichsfreiherrn, eine reiche Bibliothek germanischer Geschichts- und Rechtsforschung und die Bilder der Helden der Reformation und der Befreiungskriege schmücken das untere Gemach, während das obere nur Erinnerungen an die Zeit seiner Wirksamkeit zeigt: die Büsten Friedrich Wilhelm des Dritten, Alexander des Ersten und Franz des Zweiten, denen sich in den letzten Tagen jene des Kaisers Wilhelm des Ersten zugesellt hat. Auf drei metallenen Gedenktafeln sind die denkwürdigsten Begebenheiten der Jahre 1812, 1813 und 1814 verewigt, und Bilder an den Wänden erinnern an den Einzug der Preußen in Paris und das Dankfest derselben im Jahre 1814. Ein treffliches Oelgemälde giebt die Züge des allverehrten Staatsmannes wieder, und in wahrhaft gehobener Stimmung treten wir aus jenen Räumen wieder in den Festsaal und unter die Männer, welche heute sich vereinigt haben, den Zoll der Dankbarkeit im Namen einer ganzen Nation darzubringen.

Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
Sein Wort und seine That dem Enkel wieder. –

Da tritt Kaiser Wilhelm in die Festversammlung und begrüßt die nicht mehr zahlreichen Familienglieder des Stein’schen Hauses. Es leben aus dem seit manchem Jahrhundert an der Lahn begüterten edlen Geschlechte nur noch Gräfin Louise Kielmansegge und deren jüngere Schwester, Gräfin Mathilde, Beide Enkelinnen Stein’s und Kinder aus der Ehe der jüngeren Tochter Stein’s, Therese, welche sich mit dem Reichsgrafen Ludwig Kielmansegge vermählte. Der Letztgenannte ist Besitzer des Fideicommisses der Familie, der Güter Cappenberg – wo Stein starb – und Scheda in Westphalen. Gräfin Louise lebt im Stammhause zu Nassau, Gräfin Mathilde, Wittwe des Majors v. d. Gröben, zu Berlin; Letztere besitzt eine Tochter und einen Sohn, welche dem Feste gleichfalls beiwohnten.

Der Kaiser tritt zu dem amerikanischen Gesandten Bancroft, der mit seinem interessanten Kopfe, umrahmt von weißem Haupthaar und vollem langem Apostelbarte, bei dem Kaiser als besonders wohl gelitten gilt. Die Frage des Genannten nach des Kaisers Gesundheit und Befinden erwidert dieser mit munterm Lachen und der Zusicherung, daß ihm die Cur in Ems diesmal vortrefflich bekomme.

„Man muß Geduld haben,“ fügt Kaiser Wilhelm lächelnd hinzu, „wir haben ja jetzt Zeit, um uns zu pflegen, und in Ems ist’s in diesem Jahr sehr ruhig! Uebrigens hin ich nicht zum ersten Male hier in diesem Hause,“ fährt der Kaiser fort, und zur Rechten hinüber deutend, sagt er: „Ich wohnte damals dort drüben, es war im Jahre 1816, und ich erinnere mich nicht nur genau der Zimmer, sondern auch der interessanten und anregenden Tage, die ich einst hier verlebte!“

Einer Gruppe höherer Officiere gilt ein freundliches Kopfnicken des Kaisers. Simson, v. Bunsen und v. Sybel verhandeln noch wegen der verschiedenen Obliegenheiten ihres heutigen Ehrenamtes. Der Geschichtsschreiber Stein’s, Geheimerath Professor Dr. Pertz aus Berlin, spricht dem schlichten, freundlichen und allgemein beliebten Baurath Zais, dem Schöpfer des gothischen Schirmdaches, welches die Statue umrahmt, schon jetzt seine Freude über das gelungene Werk aus, doch dieser deutet mit Bescheidenheit und mit collegialer Freundschaft auf den Bildhauer May von Villmar (jetzt in Homburg) und seufzt: Hätten wir nur mehr Mittel gehabt; so mußten wir uns einschränken – so schwer’s uns auch wurde!“

Außer den Genannten war noch eine größere Anzahl von Vertretern sowohl des Adels wie der höheren Beamtenkreise, namentlich des Magistrats von Berlin, zum Feste erschienen. Kurz vor ein Uhr erschallt das Zeichen zum Aufbruch. Der Regen hat nachgelassen, und durch die volksbewegten, mit Ehrenpforten, Flaggen und Sommergrün geschmückten Gassen treten die Festgenossen den gemeinsamen Weg zur Burg Stein und zum Denkmal an.

Die Kettenbrücke, welche die Lahn überspannt, ist mit grünem Reisig geschmückt, sie schwankt unter der Last der dahin wogenden Menschenmassen. Da stehen zwei Bauern, schlichte Kinder der Lahn, aus irgend einem seitab der Straße liegenden Bergdörfchen, welche vielleicht früher einmal bei irgend einer Festlichkeit ihren Landesbischof mit goldener Kette [513] geschmückt sahen. Und als sich die Vertreter der Stadt Berlin den beiden nahen, hebt der eine biedere Bergbewohner erstaunt an: „Guck emal hei (hier)! Wat sein denn die do, mit denne Kette?“ Und belehrend antwortet der andere mit wichtiger Miene: „Dat sein lauter Berliner Paffe (Pfaffen)!“ eine Bemerkung, die große Heiterkeit erregt.

Hoch hinaus ragt der Ehrenstein auf der Stein’schen Burg. Eine steinerne Einfassung gestattet den Blick hinab in’s Thal. Das Musikchor des vierten Garde-Grenadier-Regiments Königin, der Sängerverein von Nassau, die Schulen und Ehrenjungfrauen bilden um das Denkmal und das diesem gegenüber errichtete kaiserliche Zelt, geschmückt mit den Reichsfarben, den Abschluß.

Da ertönt der Marsch aus Händel’s Judas Makkabäus: „Seht, der Sieger naht“ und plötzlich bricht die Sonne so hell und klar hervor, als ob sie theilnehmen wolle in voller Sommerpracht an der Verherrlichung des Mannes, dem heute alle Herzen des deutschen Volkes geweiht sind. Hinweggeweht sind die Wolkenschatten und selbst der Himmel sendet der Feier seinen heitersten Gruß.

Nach einer Ansprache Simson’s fällt die Hülle. Ueberraschend ist der Eindruck der Statue auf alle Anwesenden. So und nicht anders mußte der Mann verewigt werden, der in schweren Zeiten das Steuer des deutschen Staatsschiffes zu lenken vermochte.

Die Gestalt hat eine Höhe von über neun Fuß, sie ist markig und wuchtig und ruht auf dem rechten Beine, während das linke etwas vorgestreckt erscheint und der portraitähnliche Kopf mit den starken Zügen halb zur Höhe gewendet ist. In der rechten Hand hält die Statue ein starkes Heft: Nassau, 11. Junius 1807. Die berühmte Denkschrift über die Grundzüge einer Reorganisation des preußische Staates. Die Kleidung ist die Tracht des ersten Jahrzehntes unseres Jahrhunderts. Ueber einen zackigen Felsblock ist in reichen Falten ein Mantel geworfen. Das Material zum Unterbau, den Meister May nach Plänen von E. Zais ausführte, ist der schöne, rothe und feste Sandstein aus Bettingen bei Wertheim. Das Denkmal trägt die Inschriften: „Heinrich Fr. Carl, Freiherr vom und zum Stein, geb. 25. October 1757, gest. 29. Juni 1831.“ An beiden Seiten finden sich die Worte: „Des Guten Grundstein, des Bösen Eckstein, der Deutschen Edelstein!“ – „Vollendet im Jahre der Wiedererrichtung des deutschen Reiches 1871!“ Alle Klagen wegen Verzögerung der Vollendung des Denkmals verstummen vor dieser letzten Inschrift. Wahrlich, eine geeignetere Zeit konnte zum Ehrentage Steins nicht hereinbrechen, als unsere Tage, in welchen „der Traum, der seine Seele dereinst geschwellt hat“, eine Wirklichkeit geworden ist.

Möge man es uns erlassen, den Eindruck zu schildern, den die Wirkung der Enthüllung dieses nationalen Monumentes auf jeden Festtheilnehmer üben mußte. Drüben alle die Ritter vom Geiste und Schwerte, welche dem Staatsmanne zu huldigen kamen, der den Grundstein legte zu dem neuen Reiche, das jetzt erblüht und zu dem sie mannhaft den Schlußstein gefügt, hier das fernhinschauende Bild des Mannes, der eine bessere Zeit für seine Nation im Geiste voraussah, und der, ohne Rücksicht auf Menschen und menschliche Würden der Wahrheit und seiner Ueberzeugung und Erkenntniß treu blieb bis zum letzten Athemzuge.

Professor Heinrich von Sybel von Bonn ergriff nach einer von der Schuljugend gesungenen Strophe des Liedes: „Gegrüßt, du Land der Treue“ das Wort, und feierte in einem oratorischen Meisterwerk die Verdienste Stein’s mit beredter Zunge und noch beredterem Herzen. Die Tagespresse hat die kernigen Worte bereits den meisten unserer Leser nahe geführt, und wir geben deshalb, gegenüber der großen Verbreitung, welche die Rede innerhalb des deutschen Vaterlandes gefunden hat, nur einzelne Stellen derselben wieder.

Nach einer historischen Einleitung und Schilderung der Geschichte Stein’s, die in diesem Sinne auch die Geschichte des deutschen Volkes ist, hob der Redner die hohen Charakterzüge Stein’s, seine helle Freundlichkeit und seinen leicht aufflammenden Witz im persönlichen Verkehre, seine unbezwingbare Festigkeit und siegreiche Energie im öffentlichen Handeln hervor; er nannte ihn sehr bezeichnend eine Natur von schwerem und großem Stile, herrisch, schöpferisch, überwältigend, und schloß seine Rede, nachdem er noch die politischen und staatsmännischen Ziele, welche Stein erstrebte, klar hingestellt hatte, mit folgenden Worten:

„Es war ihm vergönnt, die Herstellung der nationalen Unabhängigkeit und den Sturz der napoleonischen Fremdherrschaft zu schauen und die gegen ihn ergangene Acht auf das Haupt des französischen Imperators zermalmend zurückzuschleudern. Was aber sein leibliches Auge nicht erblicken sollte, war die positive Neugestaltung des deutschen Vaterlandes nach seinem Sinne unter Preußens Führung: hier hat er, wie in der innern Verfassungspolitik, den kommenden Zeiten die Wege gewiesen und seinen Namen mit unvertilgbaren Zügen in den Markstein zweier Weltalter eingeschrieben. Und heute, nachdem im einmüthigen Zusammenwirken Deutschlands Herrscher und Deutschlands Volk die damals gestellte Aufgabe herrlich gelöst haben, heute geziemt es der deutschen Nation, Stein’s Denkmal zu enthüllen, in dem reinen Bewußtsein, daß sie der Väter werth geblieben.

So möge denn das Angedenken seines Wirkens bei dem deutschen Volke lebendig sein, als Spiegel der Mannesehre, als Bronn der Vaterlandsliebe, als Sporn zur Arbeit, als Schild gegen Selbstsucht und Sinnengenuß. Unser Reich steht heute, Dank der Leitung unseres Kaisers, Dank der Kraft seiner Berather, Dank der Thaten unseres Heeres, auf der Höhe des Glückes, des Ruhmes, der Macht. Kein größerer Gegensatz scheint denkbar, als der zwischen diesem Glanze und dem fast hoffnungslosen Elende von 1807. Aber gerade weil wir glücklich sind, ergeht an uns die gebieterische Mahnung, in doppeltem Maße den Pflichten zu dienen, deren Erfüllung damals das Land aus unsäglichem Jammer emporgehoben hat. Denn es ist ein altes Wort: ‚Die Vergeltung lauert auf den Glücklichen‘. Uns umgiebt der Neid und Haß der Besiegten. In unserer Mitte rühren sich vaterlandslose, staatsfeindliche, nur zu weit herangewachsene Kräfte. An unser eigenes Innere tritt von hundert Punkten die Versuchung heran, auf Lorbeeren und Milliarden gebettet, endlich einmal das glückliche Dasein schwelgend zu genießen. Steigen ist schwer; sich auf der Höhe behaupten ist schwerer. Mehr als jemals bedürfen wir heute, weil wir glücklich sind, der Thatkraft, der Entsagung und der Arbeitsfreudigkeit dieses Mannes. Halten wir denn fest an dem edeln Zorne, mit dem er Trägheit und Selbstsucht zurückstieß, an dem feurigen Schwunge der Seele, mit dem er sich und seinem Volke die feste Richtung auf die höchsten sittlichen Güter gab!“

Mit donnernden Rufen stimmte die Festversammlung in das Hoch auf den Kaiser ein, mit welchem der Redner seine Ansprache schloß, und tief unten im Thale, wie hoch oben auf den Bergen, fand dasselbe freudigen Wiederhall. Das „Heil dir im Siegerkranz“ ertönte, und gerührt drückten Kaiser und Kaiserin dem Festredner die Hand. Und als solle der Jubel kein Ende nehmen, trat plötzlich unter das Standbild des Urgroßvaters Unico von der Gröben, der einzige männliche Urenkel Stein’s, ein blondlockiger elfjähriger Knabe, und rief in kindlicher Begeisterung dem Kaiser ein nochmaliges Hoch zu, in das wiederholt die Menge unten im Thale und auf den Höhen einstimmte. Der Kaiser ging freundlich auf den Knaben zu, wehrte seinen Handkuß ab und drückte den Hocherfreuten väterlich an sich. Die Mitglieder des Kaiserhauses traten hierauf dem Standbilde näher, sprachen den Künstlern J. Pfuhl, E. Zais und J. May ihre hohe Befriedigung aus und fanden in der Stimmung des Tages Anknüpfungspunkte zur Unterhaltung mit den Festtheilnehmern. Hell und klar lag die Sonne auf dem Standbilde des Vorkämpfers deutscher Einigkeit, als wolle sie den vollen Tag andeuten, der dem deutschen Reiche aufgegangen. Schwer trennten wir uns vom Festplatze, doch das Zeichen zum Aufbruche war gegeben, und drunten harrten Tausende, welche gleichfalls Anspruch auf die Besichtigung des Standbildes hatten.

Auf dem Festplatze unten im Thale, einem der malerischsten Punkte des schönen Lahnthals, entwickelte sich ein belebtes Bild. Die officiellen Festtheilnehmer rüsteten sich zur Festtafel im Curhause, die leider des beschränkten Raumes halber nur für achtzig Personen Platz bot, während sich in der eigentlichen Festhalle ein anregendes, freieres Bild des bewegte Volkslebens entfaltete.

Im Curhause präsidirte Simson und schwang auch hier das unsichtbare Herrscherscepter über Redende und Hörer. Eine Reihe von Trinksprüchen feierte den Kaiser, die Manen Stein’s, das deutsche Vaterland und diejenigen Männer einer vergangenen Zeit, denen es seine gegenwärtige Gestaltung verdankt. Dann folgten Toaste auf die Stein’sche Familie, auf die Förderer und Hersteller des Denkmals, auf den Präsidenten Simson, auf Stein’s Biographen, Geheimrath Pertz, und auf seinen treuen Arzt, Dr. Wiesmann u. A. Manches kräftige deutsche Wort hob die Stimmung der Theilnehmer dieses nationalen Tages. Von Breslau, der zweiten Stadt der Monarchie, schickten Magistrat und Stadtverordnete der Festversammlung telegraphisch die Versicherung der geistigen Theilnahme an diesem Ehrentage „des Urhebers der Städte-Ordnung und des Vorkämpfers für die Unabhängigkeit Deutschlands“. Johann Pfuhl aber ehrte der Kaiser während der Tafel durch die Verleihung des königlichen Kronenordens.

In der Festhalle draußen fand die gehobene Stimmung ihren vollen nachhaltigen Wiederhall. Der dort von Professor Sybel gehaltenen Rede, welche mit einem Hoch auf den Fürsten Bismarck schloß, folgte ein lebhafter Jubel, in welchen sich die Böllerschüsse von den Höhen mischten. Raketen stiegen, in bengalischen Flammen leuchtete weithin das prächtige Denkmal und unten im Thale strahlte plötzlich der Namenszug Stein’s in bunten Lichtern, gekrönt von der majestätisch den ganzen Plan beherrschenden Germania – ein hehres Zeichen, daß die deutsche Nation einen Theil ihrer Ehrenschuld abgetragen, die so lange ihrer Tilgung harren mußte, um glorreich endlich gesühnt zu werden.

Wir dürfen in unserer Schilderung dieses deutschen Festes der Wahrnehmung nicht vergessen, daß Theilnehmer aller Nationen, besonders Engländer, Amerikaner – deren Gesandter die weite Reise nicht scheute – und Schweden, sich in dem kleinen Nassau eingefunden hatten. Sie waren aus den naheliegenden Badeorten, besonders aus Ems, zahlreich herbeigeeilt. Hob doch auch die Times die nationale Bedeutung des Festes in würdiger Weise hervor, indem sie besonders anerkannte: „daß die deutsche Nation in ihren Tagen des Ruhmes und der Hoffnung nicht die düstere Periode vergißt, welche das Land vor zwei Generationen erlebte.“

Dem ersten Festtage folgte am zweiten ein Volksfest, welches die Stadt Nassau ihren Einwohnern und Gästen gab. Im Festzug begaben sich der Stadtrath, die Schuljugend, die Vereine und Corporationen zum gräflichen Hofe, um den Nachkommen Stein’s den Zoll der Dankbarkeit zu spenden. Auch an diesem Tage fehlten Festreden, Jubelfeuer auf den Bergen und Illuminationen nicht. Wir aber zogen es vor, die gemeinsame Gruft der Familie v. Stein aufzusuchen, die sich in der Nähe, dicht bei dem auf waldigem Uferberge der Lahn gelegenen Dorfe Frücht befindet. Ein treffliches Marmorrelief Schwanthaler’s giebt die Züge des Reichsfreiherrn wieder, und mit stiller Ehrfurcht stehen wir nach all dem Jubel der letzten Tage vor den Grabstätten Stein’s, seines Vaters, seiner Mutter und seiner Tochter. Die Grabschrift des Vaters des Ministers lautet: „Sein Nein war Nein gerechtig, sein Ja war Ja vollmächtig, seines Ja war er gedächtig, sein Mund, sein Grund einträchtig, sein Wort, das war sein Siegel!“ Und über Stein’s letzter Ruhestätte finden wir die Worte: „Heinrich Friedrich Karl, Reichsfreiherr von und zum Stein, geb. 26. October 1757, gest. 29. Juni 1831, ruhet hier, der Letzte seines über sieben Jahrhunderte an der Lahn blühenden Rittergeschlechtes, demüthig vor Gott, hochherzig gegen Menschen, der Lüge und des Unrechts Feind, hochbegabt in Pflicht und Treue, unerschütterlich in Acht und Bann, des gebeugten Vaterlandes ungebeugter Sohn, im Kampf und Sieg Deutschlands Mitbefreier.“

Ferdinand Hey’l.