Vom schönen Fritz

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Autor: A. Ewald
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Titel: Vom schönen Fritz
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 305–311
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Tragische Liebe
aus dem Zyklus „Nach siebenzehn Jahren“
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[305]
Vom schönen Fritz.[1]
Von A. Ewald.


Schadet ein Irrthum wohl? Nicht immer, aber das Irren,                    
Immer schadet’s. Wie sehr, sieht man am Ende des Wegs.     
Goethe, Vier Jahreszeiten.

Ich sehe ihn noch vor mir, den blonden Lockenkopf mit seinem Lebensmuth und seiner Lebenslust! Kein Pferd war ihm zu wild, kein Sprung zu hoch, kein Stückchen an Barren und Reck unmöglich, keine Waffe unbekannt, auch leider – kein Becher zu groß. Ein sprudelndes Herz, eine Fülle von Liebenswürdigkeit! Genie, was er auch angriff! Er war Aller Schoßkind, der Liebling aller Männer, der Günstling aller Frauen, der Stolz der „Couleur“. Nie wieder habe ich eine so wunderbar strahlende und hinreißende Erscheinung getroffen.

Unser Turn war, wie gesagt, der Begünstigte der Schönen und bei seinem leichten Blut und feurigen Sinn entzog er sich keineswegs ihren Huldigungen, sondern genoß mit vollen Zügen, was ihm geboten ward. Noch als Gymnasiast gewann er die Neigung von Cornelie Günther, deren Vater, ein sehr wohlhabender Mann, sein Vormund war und ihn bei sich erzogen hatte. Für ihn selbst blieb das Verhältniß eine unterhaltende Tändelei, denn die Universität stand ihm bevor und im Angesicht ihrer Herrlichkeiten besaß er nicht Ernst genug, um sich der Liebe mit voller Seele zuzuwenden; auch fiel es ihm keinen Augenblick ein, sich schon jetzt ehrbarlich zu binden, wo sich ihm nach seinen Begriffen die Pforten der Freiheit und des Jubels aufthaten. Cornelie nahm die Sache ernster. Ich selbst habe das Mädchen nicht kennen gelernt, aber sie wurde mir von allen Seiten übereinstimmend höchst günstig geschildert. Nicht eben als eine hervorragende regelmäßige Schönheit, doch als eine zarte Gestalt, fein von Gesicht, blond und blauäugig, innerlich und tief, still nach Außen, keusch und sanft, streng erzogen. Nicht das, was einen angehenden Studenten fesselt, wohl aber das, worauf das Auge des fertigen Mannes freudig ruht. Sie also nahm, ihrer Natur gemäß, die Sache ernster, und als Freund Turn nach Jena wanderte, war es bei ihr, obgleich keine Erklärungen erfolgten, beschlossen, daß sie ihn im Herzen bewahren wolle, bis er sie dereinst heimführen könne.

Turn besaß nur ein kleines Vermögen, gegen zweitausend Thaler. Der Vormund hatte es gewissenhaft verwaltet und, ohne den Erziehungsaufwand zu berechnen, durch die Zinsen um ein Kleines vergrößert. Als der Mündel zur Universität abging, war er fast volljährig; Günther, mit den Gefahren wohlbekannt, die das Universitätsleben mit sich bringt und die gerade seinen leichtblütigen Zögling besonders bedrohten, zeigte ihm, daß ein so geringfügiges Vermögen kaum für die Studienkosten auslange, ermahnte ihn väterlich, dasselbe zu schonen, und machte ihm, um seine Hand über dem Zögling zu halten, den Vorschlag, ihm auch nach Eintritt der Volljährigkeit erst nach und nach auszuzahlen, was er brauchen werde. Der gute Turn hatte nichts dagegen und zog davon, um Jura zu studiren. Die Aussichten standen damals in seinem Land für Juristen sehr günstig, so günstig, daß er fast unmittelbar nach Vollendung der Studien eine Anstellung erwarten konnte. Aber er studirte nicht zu eifrig, sondern beeiferte sich nur, ein echter Student zu sein. Dazu gehörte auch Gleichgültigkeit für den Mammon, und diese besaß Turn von Natur her hinlänglich, um sie nicht erst lernen zu müssen, und den Werth des Geldes zu erkennen hatte ihn seines Vormundes freigebige Fürsorge nicht genöthigt. So von Herzen gern splendid, meinte er, sich als Student erst recht nicht lumpen lassen zu dürfen, und „ponirte“ und „verpumpte“ flott darauf los. Wir hielten ihn für reich, denn man sah ihm an, daß er gewohnt war, auf großem Fuße zu leben; Manche – es fehlt ja niemals, auch unter der Jugend, an gemeinen Seelen – benützten seine Freigebigkeit und halfen ihm vom Gelde. Der Vormund mahnte und mahnte zur Sparsamkeit und die Mahnungen machten anfangs Eindruck, denn Turn liebte und verehrte ihn, und dann war er ein paar Tage fleißig und häuslich. Aber bald kamen die lustigen Brüder – sie vermißten ihn ja überall – rückten ihm vor’s Quartier, verhöhnten seine Solidität und seinen „Katzenjammer“ und „moralischen“, entfalteten die kostbarsten Pläne zu wilden Streichen vor seinen Augen, und wenn es dergleichen gab, da konnte er der Versuchung nicht widerstehen. Die Pedelle wußten das prächtig; waren einmal Fenster eingeworfen oder Läden abgehoben und der Saale übergeben worden, er mußte es gethan haben, und da er wieder zu leichtsinnig war, um sich gehörig zu vertheidigen, und eher noch einen Trumpf darauf setzte, als den Unschuldigen spielte, so wurde er für eigene und fremde Streiche nicht selten verdonnert und in’s [306] Carcer gesperrt – und dort wird bekanntlich mit den übrigen Insassen und den nie fehlenden Besuchern aller Unsinn ausgeheckt, den Studenten erfinden können – da mußte er also wieder dabei sein. Der beste Schläger und der beste Secundant war er zudem, eine Paukerei ohne ihn war undenkbar. Ergo es half ihm nichts, höchstens zwei Tage hielt er’s aus, solid zu sein, dann ging’s wieder toller als vorher. Um sich nicht neue Ermahnungen von Günther zuzuziehen, der auch in der wohlgemeinten Absicht, die Verschwendung zu erschweren, mit Zahlungen zurückhielt, wurde versetzt und gepumpt, und doch mußten dann die Schulden wieder bezahlt werden, um neuen Credit zu erhalten. Endlich drohte Günther, er werde sich nicht weiter um ihn bekümmern, den Rest des Vermögens habe er, um sich unnützen Aerger zu ersparen, einem Bankier übergeben; wenn Freund Turn sich noch zu bessern vermöge, so solle er diesen Rest wenigstens sich erhalten. Der gute Turn faßte natürlich die besten Vorsätze und vergaß sie natürlich, nachdem er sie wunderbarer Weise volle acht Tage gehalten hatte, und nach zwei Monaten befand sich das Restchen in den sichersten Händen; er ließ es sich zwar nicht selbst auszahlen, aber er verschrieb es einem „Philister“, der ihm geliehen hatte.

Damals gab es noch einen besonderen Anlaß, daß er seinen Vorsätzen ungetreu wurde. Er mußte nämlich einen Besuch in L. machen, um „Gastrollen“ zu geben, die er auf der Rudelsburg zugesagt hatte. Dort befand sich in jener Zeit eine Truppe von Kunstreitern, Akrobaten und andern dergleichen Künstlern, und Fräulein Julie, wie sie der Zettel benamste, war keine verächtliche Erscheinung. Ich kann das aus eigener Anschauung berichten. Untadelhafter Wuchs, mäßige Fülle und Gestalt, eine fast antike Gesichtsbildung, eine freie offene Stirn mit einem Rahmen herrlicher dunkelbrauner Locken, glänzende schwarze Augen mit langen Wimpern und kühnen Brauen – das Alles machte sie zur vollendeten Schönheit. Diese Schönheit war mit einem gewissen Adel der Haltung verbunden und wurde durch die Tracht der Tänzerin, die kurzen seidenen Röckchen mit den Stickereien in Gold und Silber, offen am Hals und an den Armen, reiche Haarnetze und Diademe und kostbaren, wenigstens kostbar scheinenden Schmuck, nicht wenig gehoben, und – auch der Neid konnte nicht dagegen streiten – das Mädchen trug sich mit Geschmack! Dazu kam noch, wie ein Schimmer der Sonne Poesie, ein gewisses melancholisches Wesen, eine Art Verachtung des Beifalls, ein Schein des Unbefriedigtseins in dieser äußerlich glänzenden Umgebung. Man glaubte, sie zuweilen seufzen zu hören.

Die ganze Stadt war von ihr bezaubert, die Damenwelt voll Neid; wie manche Schöne hätte eine wallende Robe um das kurze Röckchen gegeben! Junge Männer und alte Herren schwammen gleichermaßen in Entzücken, und in der That wüßte ich kaum, wo eine schöne Frau sich schöner ausnehmen könnte, als auf dem Rücken des Pferdes stehend; wie nach allen Seiten frei zeigt sich da ihre ganze Gestalt, wie tritt da jede schöne Linie hervor! Und wie regt sich in fühlenden Herzen die zarte Theilnahme, die ohnehin eine schöne Frau so leicht findet; wie regt sich die Theilnahme, wenn man eine solche Frau ganz anders als sonst das schwache Geschlecht, allein und ohne den Schutz des Mannes auftreten und Gefahren suchen und überwinden sieht! Aber trotz alles Beifalls und aller Huldigungen wurde die Kunstreiterin allgemein für gänzlich unempfindlich gehalten und man erzählte sich, ein Prinz So-und-so – ein Prinz ist immer für diese edle Welt der Inbegriff aller Liebenswürdigkeit – habe umsonst Gold und Ehre, freilich zweifelhafte Ehre, geboten und sei ganz verwundert gewesen, solchem Widerstande zu begegnen. Daraus wob sich dann noch ein förmlicher Heiligenschein um Fräulein Julie. Es hieß, ihr Wandel sei so tadellos wie ihr Wuchs, sie stamme aus guter, ja vornehmer Familie und sei unter die Truppe gegangen – aus unglücklicher Liebe; nicht wahr, höchst romantisch? Unser Turn war, da er sie sah, sogleich Feuer und Flamme und ließ sich im Vertrauen auf sein oft erprobtes Glück nicht abhalten, eine Annäherung zu versuchen. Um das Mittel dazu brauchte er nicht verlegen zu sein; es fehlte ihm niemals an der liebenswürdigen Unverschämtheit, deren auch der schönste Mann bedarf, um Glück bei den Frauen zu machen. Seine Uebung in allen körperlichen Fertigkeiten bot ihm eine Gelegenheit, mit den Männern der Truppe anzuknüpfen; seine Kraft und Gewandtheit waren so groß, daß er mit jedem Jongleur wetteifern, sich mit jedem Hercules messen konnte, im Reiten that er’s dem besten Jockey gleich. Nachdem er es mit den Starken der Truppe im Ringen, Springen und Reiten aufgenommen hatte, war er für sie der Held des Tages. Wenn er mit ihnen verkehrte, wußte er Fräulein Julie zu treffen, zu sprechen und mit richtigem Tact, nämlich nicht mit prunkenden Kostbarkeiten, sondern mit zarten, aber an sich unbedeutenden Gaben, mit Blumen, feinen Handschuhen, Wohlgerüchen und dergleichen zu beschenken. Um die Gesellschaft beim Guten zu erhalten, ließ er es nicht daran fehlen, die Kosten manches Abends aus seiner Tasche zu bezahlen. Und wieder ging ein gut Theil dessen darauf, was ihm noch übrig war.

Und Fräulein Julie – blieb nicht unempfänglich. Es verhielt sich mit ihr nicht ganz so, wie das Publicum glaubte, obschon das Gerücht auch nicht ganz die Unwahrheit sagte. Sie war von Jugend auf bei der Truppe gewesen und keineswegs in den Grundsätzen strenger Tugend erzogen, aber sie besaß einen klaren Verstand und ein frisches Herz. Nicht lange über die Kindheit hinaus, fand sie sich von Huldigungen umringt; der schönste, prächtigste, reichste, auch an Geist reichste ihrer ersten Anbeter war ein Rittmeister unter den Garde-Kürassieren, ein in der Stadt wohlbekannter Don Juan. Ihm konnte ihr unerfahrenes Herz nicht widerstehen; daß er, der vornehme Herr, sie, die Tänzerin der Arena, nicht heirathen durfte, daran zweifelte sie selbst nicht, sie vertraute auf die Betheuerungen inbrünstiger Liebe und die Schwüre ewiger Treue, welche ihm geläufig waren, ließ sich daran genügen und freute sich hingebungsvoll im Sonnenschein seiner Liebe. Aber der Herr Graf fand an ihr nur so lange Gefallen wie an anderen Schönen. Mit ihrer Hingebung kühlte sich seine Liebe ab, und er hätte ihr, auch wenn er kein Don Juan gewesen wäre, schwerlich seine Schwüre gehalten, denn die geringe Bildung der Tänzerin bot zu wenig sonstige Berührungspunkte und wechselnde Unterhaltung. Seine Aufmerksamkeiten und Besuche wurden seltener, es kam zu heftigen Scenen, bei denen die Leidenschaft der Tänzerin sich nicht in der schönsten Gestalt äußerte; ein paar Mal versöhnte man sich wieder, dann blieb der Liebhaber weg, um nicht zurückzukehren.

Sie ist nicht die Erste und wird nicht die Letzte sein, sagt Mephisto, und die Welt geht unbekümmert darüber hin, wie über alle zerrissenen Herzen und zerrütteten Körper, und schreitet trotzdem fort. Aber wen es trifft, dem ist das kein Trost; er empfindet es um so härter, je weniger die Welt an ihm Theil nimmt. Das erfuhr die Kunstreiterin an sich. Ihre wahre, leidenschaftliche Liebe mehr als unerwidert, getäuscht, ihre Hingebung durch Verrath belohnt, der Geliebte ihrer Seele, ihr Ideal und Auserwählter, ein treuloser Mann, sie selbst nur ein Spielzeug seiner Leidenschaft, dem nur ein Spielzeug, dem sie sich aufopferte! Ihr Herz krümmte sich in Schmerz und Grimm zusammen und kehrte sich verschlossen von den Huldigungen der Männer ab; mit Verachtung blickte sie auf die herab, deren Einer sie betrogen hatte, und stolz erhob sich ihre Seele über die verächtliche Welt. Der Stolz wurde die Tugend der Tänzerin; Bewunderung und Schmeicheleien ließen sie kalt, plumpe Werbungen widerten sie an, Geschenke wies sie stets zurück, wie sie auch ihrem ersten Liebhaber die Ringe, Bänder und Kleider zurückgegeben hatte, die sie ihm verdankte. Sie schien, darin log das Gerücht nicht, unempfindlich und sie hätte den edeln Prinzen So-und-so gewiß auch dann verworfen, wenn er nicht ein garstiger kleiner Knirps gewesen wäre. Aber die Tänzerin mußte dem hohen Adel und verehrungswürdigen Publicum ein freundliches Gesicht zeigen, sie mußte sich holdselig verneigen vor den Bewunderern, sie mußte nach Beifall streben, einem Beifall, den sie verachtete, sie mußte lieblich und reizend sein, Liebe darstellen und Scherz treiben vor den Augen der Menschen, mit Bitterkeit im Herzen, mit abgewandtem Sinne! Und aus solchen Contrasten der Gefühle mit dem äußern Treiben entspringt ein poetischer Hauch, ein Unbegreifliches, Unfaßbares, ein Adel des Unglücks. Das gab ihrer Erscheinung den höchsten Zauber jener träumerischen Vergessenheit, jenes eigenthümlich räthselhafte, wehmuthsvolle Wesen; dadurch ragte sie vor Anderen ihres Gleichen hervor.

Nun war aber seit dem Bruche mit ihrem Rittmeister geraume Zeit vergangen, als unser schöner Fritz ihre Bekanntschaft machte. Ihre Bitterkeit hatte sich gelindert. Sein frischer, gesunder Humor, seine liebenswürdige Tollheit entwaffneten ihren Stolz. Er trat ihr nicht wie ein Cavalier, mit Gönnermiene herabsehend, um Gunst zu erlangen, sondern auf gleichem Fuße entgegen, ganz nur ein verliebter Tollkopf. Sie begann seiner [307] männlichen Schönheit ihr Auge zuzuwenden; sie plauderte gern mit ihm, sie hing sich gern an seinen Arm, sie war liebenswürdig, selbst zärtlich gegen ihn, sie nahm seine Geschenke, Kostbarkeiten hätten sie verletzt – man merkt die Absicht und wird verstimmt – aber seine Kleinigkeiten schienen ihr wahre Beweise von Anhänglichkeit. Allein ihr Stolz oder vielmehr die Verschlossenheit ihres Herzens war doch noch groß genug, um ihm keine Vertraulichkeit zu gestatten. Kein Wunder, daß die Leidenschaft unseres Turn von Tag zu Tag zunahm und in’s Unbändige wuchs. Nicht blos die Schöne fesselte ihn, auch das freie Treiben der Truppe übte einige Anziehungskraft; Woche um Woche verlängerte er seinen Aufenthalt in L., endlich mußte er doch nach Jena zurück. Sein Erbe war aber bis auf ein Kleines verzehrt; wie sich herausstellte, konnte er die Studien nicht mehr fortsetzen. Das consilium abeundi hatte er bereits unterschreiben müssen, weil er die Collegien fast immer schwänzte, jetzt gab seine lange Abwesenheit wieder Veranlassung zu gerichtlichen Erörterungen, die Relegation drohte. Was beginnen? Es fuhr ein Gedanke durch seine Seele, er haftete darin, sein Leichtsinn kannte keine Bedenken, ein wichtiger Entschluß galt ihm nicht mehr als ein Abenteuer. Eines schönen Tags schrieb er an den Director der Truppe, ob er ihn für fähig halte, bei derselben mitzuwirken, und ihn als Mitglied annehmen wolle. Dem Director kam das Erbieten sehr gelegen: ein so schöner, gewandter und starker Mann konnte nur nützen und neue Anziehung üben, offenbar brauchte ihm, der eine Zukunft suchte, nur nothdürftig gezahlt zu werden. Unter allerlei Cautelen – damit er den Schein wahre, als thäte er’s aus bloßer Barmherzigkeit – erklärte sich der Director geneigt, den schönen Fritz bei der Gesellschaft anzunehmen. Sobald dieser die Nachricht erhielt, ging er von der Universität ab und vermied damit die Relegation.

Fräulein Julie sah in dem auffälligen Schritt einen neuen und starken Beweis von Liebe und empfing ihren Verehrer mit weniger Zurückhaltung als früher. Er wurde um so eifriger, er wich nicht von ihrer Seite. In der Arena war er ihr Beistand, außerhalb ihr Begleiter. Und wenn er mit dem schönen Mädchen in den Anlagen um die Stadt hinritt und die Spaziergänger das seltene Paar mit Bewunderung betrachteten, wenn er dann auf dem Felde vor der Stadt mit ihr davonjagte, über Gräben setzte, sie ihm entfloh und er sie einholte, wenn er zuletzt die von der Frische der Luft blühende und vom lebhaften Ritte glühende Gestalt vom Pferde heben durfte, dann hielt er sein Loos für beneidenswerth. Immer lebhafter drang er in sie und immer inniger schloß sie sich ihm an; das Bedürfniß der Liebe wachte wieder in ihr auf. Aber Dame Julie war doch theils in Folge der Erfahrung, die sie gemacht hatte, theils weil sie, dadurch gewitzigt, den leichten Sinn ihres Freundes beobachtet und erkannt hatte, in hohem Grade mißtrauisch und zeigte sich bedenklich. Einer zweiten Täuschung wollte sie sich nicht aussetzen. Von Heirath konnte nicht wohl die Rede sein, denn die zahlreichen Erfordernisse, die das Gesetz vorschreibt, um zu verhindern, daß – die Liebe sich auf ewig binde, die Heimath-, Impf- und sonstigen Scheine waren kaum herbei zu schaffen, die Unzuverlässigkeit der Liebesschwüre hatte die Tänzerin erprobt. Womit konnte sie den neuen Geliebten fesseln? Endlich faßte sie sich ein Herz, erzählte ihm, was ihr widerfahren war, und erklärte ihm auf’s Bestimmteste, sie verlange Treue für immer, Turn solle sich wohl bedenken, ob er ihr diese versprechen könne, sollte er später doch untreu werden, so würde sie ihn zu finden und Rache zu nehmen wissen. Unser Turn, durch die Erzählung nicht abgekühlt, im Gegentheil von der Gluth des Mädchens neu entflammt, dachte nicht an Untreue, und hätte er schon daran gedacht, so wäre ihm die Drohung nicht im Mindesten fürchterlich gewesen. Er verschloß ihr lachend den Mund mit Küssen und gelobte Treue auf ewig.

Von nun an war sie völlig die Seine, liebenswürdig, freundlich, aufopfernd ohne Rückhalt. In dem Beruf, den er gewählt hatte, fand er sich vermöge seines leichten Naturells bald zurecht, nachdem er sich anfangs in den Tricots und seidenen, goldenen und silberen Flittern sehr sonderbar vorgekommen; sein Glück mit der schönen Julie beherrschte und befriedigte ihn vollständig. Sie lebten so in Eintracht und Freude gegen ein Jahr. Dann aber wurde es allmählich anders.

In Freund Turn schlummerte trotz seines Leichtsinns ein tieferes Bedürfen; er war „verbummelt“, aber von besserem Stoffe, als daß er hätte in wüster Leerheit untergehen sollen. Seine neue Beschäftigung konnte er anfangs, so lange sie ihm neu war, unterhaltend finden, sein Leben in dem wunderlichen Komödiantentreiben wie eine Caprice des Schicksals, ja wie einen genialen Streich betrachten. Das mußte sich ändern, sobald er den Zwang dieses Lebens merkte. Sein Geschäft bestand im Ringkampf, zu dem er öffentliche Aufforderungen ergehen ließ, in verschiedenen Sprüngen, in Schwingübungen auf einem schlaffen Seil, endlich im Schulreiten; er hieß ‚Herr Friedrich‘, an Beifall fehlte es ihm nicht. Aber immer nur mit dem Körper arbeiten, nur in weibischem Flitter Manneskraft zeigen, nur zur Unterhaltung der Menschen dienen, die Kraft ohne höheren Zweck eitel zur Schau stellen, ohne einen solchen Zweck alltäglich das Leben auf’s Spiel setzen, den Ernst des Lebens in spielender Gaukelei finden, in alledem seinen Beruf erkennen, das ist demüthigend und entmuthigend. Der Beruf des Schauspielers ist ein ganz anderer, als der des Gauklers; jener stellt immer, wenn er auch zuweilen in schlechten Stücken spielt, geistige Ideen mit dem Organ der geistigen Vermittelung, der Sprache, dar und lebt für das Ideale; bei diesem erstirbt der Sinn für das Ideale und verwandelt sich in das Zerrbild der Waghalsigkeit. Dazu die Mitglieder der Bande, die Turn’s nächsten, fast seinen einzigen Umgang bildeten – denn er wagte sich nicht unter andere Menschen – zum Theil war’s verlaufenes Gesindel, bankerott wie er, zum andern Theil wenigstens ein Völkchen, welches das Leben nur von der leichtesten Seite nahm, im eitlen Glanze der Lampen des Circus und im Beifall des Publicums sein Ziel erblickte, ohne tiefere Bildung, Einer neidisch auf den Anderen, eines inneren Einklangs und gemüthlichen Zusammenlebens weder bedürfend noch fähig. Originelle und witzige Burschen gab es darunter, aber von jener leicht verständlichen Originalität und jenem leicht erschöpflichen Witz, die nach kurzer Bekanntschaft ihren Reiz verlieren. Unsern Turn, trotzdem er gerade nicht der Ordentlichste war, stieß bald schon der Mangel an Ordnung, der kaum versteckte Schmutz bei äußerer Eleganz, die wüste Wirthschaft, nach und nach der Mangel an Bildung zurück. Jemehr er sich aber von der übrigen Gesellschaft fern hielt, um so weniger zeigte sich diese ihm gewogen. Eine Zeit lang entschädigte ihn die Neigung der Primadonna, aber allmählich empfand er dasselbe wie sein ‚Vorgänger im Reich‘. Sie besaß Gefühl, sogar tiefes Gefühl, allein sie war im höchsten Grade unwissend, ohne ideale Interessen, im Treiben der Schaubühne aufgewachsen. Auch ihr fehlte der Sinn für Ordnung; der ideale Schimmer ihrer Schönheit schwand mehr und mehr mit dem Reize der Sinnlichkeit; die Berührung in geistigen Interessen mangelte. Er hätte sie vielleicht heranbilden können, aber dazu mangelte ihr zu sehr die Grundlage, ihm die geduldige Ausdauer und Beiden, wegen der bei ihrer Beschäftigung unerläßlichen ermüdenden körperlichen Uebungen, die Zeit und Spannkraft. Sie bemerkte sein Erkalten und verdoppelte ihre Zärtlichkeit; er wurde derselben umsomehr überdrüssig. Sie suchte seine Eifersucht zu reizen, indem sie sich scheinbar Anderen näherte, und mußte sehen, daß er gleichgültig dabei blieb.

Damals begann der Krieg mit Dänemark. Turn erfaßte die Gelegenheit; da war für seine Kraft ein würdiger Gebrauch gefunden, für seinen kühnen Muth ein weiter Schauplatz, da konnte er aus dem Zwang eines eiteln Lebens sich in einen Kampf für große Interessen stürzen und Theil nehmen an den Geschicken der Nation, vor welcher er jetzt gaukelte. Er theilte seiner Schönen den Plan mit – denn er setzte bei ihr eine ähnliche Abkühlung voraus, wie bei ihm selbst eingetreten war – und sprach vorsorglich blos von einer zeitweiligen Entfernung. Allein er traf einen unerwartet heftigen Widerstand. Fräulein Julie zürnte, daß er sie verlassen, daß auch er ihr untreu werden und feierliche Versprechungen brechen wolle, sie habe freilich seine Gleichgültigkeit schon lange beobachtet, aber sie lasse nicht von ihm. Sie drohte ihm in verschiedenen und sich seltsam widersprechenden Tonarten: sie werde sein Unterkommen im Heere verhindern, sie werde ihn seinen Cameraden als einen bankerotten Menschen, als einen Luftspringer und Athleten von der breternen Schaubühne schildern, sie werde ihm nachfolgen und nicht von ihm weichen, und sollten sie miteinander verhungern. Von solchen Drohungen ging sie zu der wirksameren Vertheidigungsmethode über, für welche das schöne Geschlecht von der gütigen Natur mit verschwenderischer Hand ausgestattet worden ist, zu Thränen, und diese kamen ihr [308] wirklich vom Herzen. Ob sie so ganz von Allen verlassen werden solle, die sie liebe? Ob sie so verworfen, so unerträglich sei, daß der Tod auf dem Blachfelde dem Leben mit ihr vorgezogen zu werden verdiene? Und er werde sterben oder schwere Wunden davon tragen und auf dem einsamen Schlachtplatz verzweifelnd mit wilden Schmerzen ringen! Sie schmiegte sich schluchzend an seine Brust, und unser weichherziger Fritz vermochte nicht sie in solcher Betrübniß zu sehen, sondern versprach ihr zu bleiben. Sie freute sich darüber wie ein Kind.

Aber Versprechen und Halten ist zweierlei, und das wußte sie sehr wohl. Als sie daher bemerkte, daß Herr Friedrich zuweilen Geschäfte hatte, von denen sie nichts wußte, argwöhnte sie vollkommen richtig, daß er im Stillen seinen Plan noch verfolge und hinter ihrem Rücken auf heimliche Entweichung sinne. Erfinderisch traf sie daher ihre Vorkehrungen, ohne ihm selbst entgegenzutreten; sie ließ gegen den Director Winke fallen, daß das wichtige Mitglied zu entrinnen suche, und schnell war Turn strenger beobachtet und enger umringt, als der unglückliche Lampe im geschlossenen Treiben der Jagd.

Der arme Gefangene ergab sich in ein Schicksal, dem zu entrinnen er einer Energie bedurft hätte, die ihm nicht gegeben war; aber er wurde ganz melancholisch und seine Liebe stärkte es nicht, daß ihm die Geliebte die Freiheit des Handelns verwehrte und mannhafte Thätigkeit unmöglich machte. Er „arbeitete“ – so nennt der Athlet seine Beschäftigung – in Sprüngen und Kraftstückchen fort, etwa wie der Bär an seiner Kette, mit innerlichem Ingrimm, aber mit staunenerregender Verachtung aller Gefahr, und war weit berühmt als der beste Akrobat und Springer. Ein Ruhm, der ihn nicht wenig ärgerte.

Das ging eine Zeit lang weiter; unser Leichtfuß wurde träger und stiller; die Primadonna hatte noch immer ein aufmerksames Auge auf sein Gelüste, war aber auch aufmerksam auf seine Wünsche und that das Ihrige, um nicht andere Begehren aufkommen zu lassen.

Damals traf ich ihn selbst und aus seinem eigenen Munde erfuhr ich Alles, was ich hier erzähle. Man hatte mir gesagt, ich müsse den Circus besuchen, der vor einem Thore der Stadt erbaut worden war; es würden staunenswerthe Dinge producirt, auch seien die Mitglieder, Männer und Frauen, zum Theil von auffallender Schönheit. Ich bin sonst kein Freund solcher Vergeudung der Kräfte, trotzdem kann ich jedoch nicht leugnen, daß ich Vorstellungen dieser Art, wenn sie sicher und elegant und von schönen Menschen ausgeführt werden, gern sehe, und man sprach hier so viel davon, daß ich neugierig wurde und mich von einigen Bekannten ohne großes Widerstreben dahin führen ließ. Der eine von ihnen war voll Entzücken über Fräulein Julie und hatte ihrethalben den Circus alltäglich besucht, aber – und das regte mein Interesse an – trotz seiner bekannten Virtuosität in Besiegung des schönen Geschlechts nur jene Freundlichkeiten errungen, die der stereotype Ausdruck einer Tänzerin sind.

Ich fand den Circus allerdings ungewöhnlich elegant, die Costüme wenigstens für die Abendbeleuchtung anscheinend kostbar, das Personal zahlreich und die Productionen stets präcis und graciös ausgeführt. Fräulein Julie war unter den Ersten, die auftraten; ich mußte ihre Schönheit und Anmuth anerkennen, es schien mir sogar ein Ausdruck des Geistigen darin zu liegen. Etwas später kam der Athlet an die Reihe. Es war eine prächtige Figur mit gewaltigen Muskeln und wunderbarer Leichtigkeit der Bewegung. Trotz des obligaten Lächelns, das er als einen Theil seiner Production zu betrachten schien, zeigte er ein eigenthümlich unwirsches, barsches Wesen; die Diener der Truppe gehorchten furchtsam auf seinen Wink, der Director durfte sich nicht in seine Nähe wagen; den Beifall des Publicums, der oft donnernd losbrach, erwiderte er kaum durch ein nachlässiges Nicken. Ich hatte ihn nicht gleich erkannt. Die eigenthümliche Tracht, die Schminke, der harte Ausdruck des Gesichts, das ich früher nicht anders als lachend sah, die seitdem ungemein entwickelte Muskulatur mußten mich daran hindern; aber der allgemeine Eindruck war doch der von etwas Bekanntem, so daß ich hin und her sann, wo ich vielleicht dem Manne begegnet sei. Ich kam darüber erst in’s Klare, als er einmal unmittelbar in meiner Nähe vorbeischlenderte, seine Augen den meinigen begegneten und seine Miene verrieth, daß auch er einen Bekannten gesehen hatte; doch ging er, ohne mich weiter zu beachten, vorbei. Man kann sich denken, daß die Sache nun ein ganz anderes Interesse für mich bekam; ich saß jetzt in der äußersten Spannung. Bald gewahrte ich, wie es zwischen unserem Freunde und der Tänzerin stand. Sie blieb bei allen seinen gefährlichen Productionen zugegen, begleitete ihn beständig mit ihren Blicken und verrieth ebensoviel Angst wie Stolz. Als er einmal in bedeutender Höhe einen enormen Sprung ausgeführt hatte, bei dem sein Fuß kaum mit der äußersten Spitze das entgegenstehende Podest berührte, und sich anschickte, diesen Sprung zu wiederholen, legte sie ihm auf eine Art, die das Publicum kaum wahrnehmen konnte, mit einem demüthig bittenden Blicke ihre Hand auf die Schulter und er unterließ das Wagniß. Ueberhaupt zeigte er sich gegen sie zwar keineswegs galant beflissen, wohl aber nachgiebig und gefügig, als würde er von ihrer sanften Demuth beherrscht. Ich konnte kaum den Schluß der Vorstellung erwarten, ich mußte Turn sprechen. Er war sofort abgetreten und verschwunden; ich erkundigte mich nach seiner Wohnung, es wurde mir ein kleiner Gasthof in der Vorstadt bezeichnet. Dort wies man mich nach einer Stube im obersten Stock. Ich klopfte an die Thür, es hörte Niemand, wahrscheinlich, weil es eben sehr geräuschvoll in dem leicht gebauten Hause zuging. Ich erlaubte mir, die Thür zu öffnen, – welcher Anblick!

Es war ein mäßig großes Zimmer, durch ein Talglicht matt erleuchtet, ordentlicher gehalten, als sonst die Wohnungen solcher Künstler aussehen; ein runder Tisch in der Mitte war mit kalten Speisen und einer Flasche Wein besetzt, die Speisen standen unberührt, ein Glas halb geleert. Vor diesem Tische saß in seiner Tricotkleidung mit einem Rocke darüber der arme Turn, beide Arme darauf gestemmt und mit der Stirn auf den Armen. Neben ihm stand Fräulein Julie, ihre Hand auf seiner Schulter, halb über ihn gebeugt, eine Thräne im Auge.

Ich fuhr zurück, aber das Mädchen hatte mich bemerkt, trat heraus und frug nach meinem Begehren. Zeh antwortete, daß ich den Herrn Friedrich sprechen wolle. Turn rief aus dem Zimmer: „Er soll gehen.“ Ich aber sagte zur Tänzerin: „Ich lasse mich nicht so abweisen; wolle er’s durchaus, so müsse er an mir seine Kraft erproben.“ Turn rief wieder: „Laß ihn herein!“ Mit verwunderter Miene öffnete sie die Thür. Turn war aufgestanden und reichte mir die Hand, aber kaum bot ich ihm die meine, so schlang er seinen Arm um meinen Hals und weinte bitterlich. Es war, wie ich nachher erfuhr, das erste Mal, daß er in seiner neuen Laufbahn mit einem Freunde aus alter Zeit zusammentraf. Im Gesicht der Tänzerin spiegelte sich theils Verwunderung, theils Bangigkeit; ich erwartete, ihr vorgestellt zu werden, statt dessen erfolgte ein kurzes „Laß uns allein.“ Es rührte mich, wie das Mädchen ihm, ehe es ging, demüthig bittend und zärtlich den Mund bot und frug, ob es zu Bett gehen dürfe; es lag darin ein Ausdruck tiefer, überwältigender Liebe, und tragisch däuchte mir die kalte Gelassenheit der Erwiderung.

Sie entfernte sich mit einer Verbeugung in das Nebenzimmer. Turn stand eine Zeit lang schweigend vor mir, dann sagte er, als antwortete er mir auf eine Frage: „Ja, das ist aus mir geworden, ein Athlet, ein Akrobat, ein Mensch, der unnütz auf der Welt herumläuft!“

Ich suchte ihn zu beschwichtigen und erfuhr nach und nach, was ich erzählt habe; die Mittheilung erleichterte sein Herz. Sein Verhältniß zu Julien schien ihn sehr zu beschäftigen; er befand sich in dieser Beziehung offenbar im Zwiespalt mit sich selber. Ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit bezauberten ihn noch immer, er schilderte mir mit glühenden Farben ihr erstes Bekanntwerden und sein erstes Glück. Auf meine Frage, ob sie ihm treu sei, antwortete er ohne Besinnen: „Wie Gold; ohne Zweifel, sie denkt an keinen Andern.“ Doch nach einigen Augenblicken setzte er hinzu: „Aber – sie ist eine Tänzerin der Schaubühne und ich bin um ihretwillen ein Athlet.“ Und dabei brach er in ein verzweifeltes Lachen aus. Es wurde mir klar, daß Beide, wenn sie in andern Verhältnissen gelebt hätten, das glücklichste Paar gewesen wären, daß Beide auf einander einen günstigen Einfluß übten, daß aber die Abgeschlossenheit von der übrigen Welt, von einer Welt höherer Bildung, und die Beschränkung auf den Umgang untereinander bei Freund Turn Ueberdruß und der Widerwille gegen den Beruf Widerwillen gegen die Genossin des Berufs hervorrief. Als ich sagte, er solle sich losmachen wie ein Mann, erwiderte er: „Und was beginnen? Aber es wäre ihr Tod!“ Die Aufforderung, mich zu besuchen, lehnte er düster ab; er gehöre [309] nicht mehr in meine Welt. Mir selbst wehrte er nicht, wieder zu ihm zu kommen, und ich habe ihn darauf öfters gesehen, in der Regel in Gegenwart der schönen Julie, die ich dabei auch als liebenswürdige Gesellschafterin schätzen lernte. Manchmal bei einem guten Glase Wein gerieth er auch wohl in seine alte Laune, und dann sah man seiner Geliebten an, wie glücklich sie darüber war. Dann wurde er auch zärtlicher gegen sie und jede, selbst die geringste Zärtlichkeit, die er ihr erwies, fand ein dankbares Herz. Als die Truppe von dannen zog, nahm ich mit schmerzlichen Eindrücken von ihm Abschied. –

Etwa ein halbes Jahr mochte vergangen sein, als ich von Freund Turn einen Brief erhielt. Der Widerwille gegen seinen Beruf hatte sich mit der Zeit gesteigert und dazu war noch ein anderes Motiv getreten. Er schrieb darüber Folgendes:

Eines Abends gab er seine regelmäßigen Vorstellungen; ein gefährlicher Sprung mißglückte, wunderbarer Weise und zum Jubel der entsetzten Zuschauer ohne ihn zu beschädigen. Aber im Augenblick des Fehlspringens ertönte von einem der vorderen Plätze ein lauter Schrei; als Turn aufblickte, sah er eine Dame in Ohnmacht und erkannte – Cornelien, die der Zufall in jene Stadt geführt hatte. Im selben Moment stürzte Julie verstört hervor und verrieth dem Publicum den hohen Grad ihrer Theilnahme. Unter dem Vorwande, ein Gelenk verdehnt zu haben, zog er sich aus der Vorstellung zurück und begab sich nach dem Gasthof, wo er wohnte.

In den Gedanken, welche durch diese Begegnung angeregt worden waren, schritt er so langsam hin, daß ein Anderer, der den Circus gleichzeitig verließ, ihn bald einholte. Der Anruf: „Fritz!“ und eine auf seine Schulter gelegte Hand hemmten seinen Schritt und weckten ihn aus seinen Gedanken. Es war eine wohlbekannte Stimme, ihr Klang allein war eine Anklage. Turn hielt an wie erschüttert, kehrte sich um und sagte finster: „Ja, ich bin’s, Herr Günther.“

Dieser schwieg eine Weile, denn – er wußte nicht gleich das Gespräch fortzusetzen – Vorwürfe, sah er schnell, waren gegen den Mann, welchen das Schicksal gebeugt hatte, nicht am Platze; Beide standen sich, nach Worten suchend, gegenüber. Dann sagte Günther:

„Daß ich Dich so wiederfinde, Fritz!“

„Ja, es ist weit mit mir gekommen,“ antwortete Fritz in tiefstem Schmerze.

„So kehre um, es ist noch Zeit, die höchste Zeit,“ mahnte der Andere.

„Aber ich habe keinen Rückweg, es geht nicht,“ seufzte Fritz.

„Warum? Ich biete Dir meine Hand.“

Turn schwieg. Günther fuhr fort: „Fesseln Dich noch andere Bande? Bist Du Verpflichtungen gegen die Kunstreiterin eingegangen?“

Jener schwieg wieder. Günther drang lebhafter in ihn. „Cornelie hat Dich im Herzen behalten; sie sandte mich nach Dir, sie ist außer sich über Dein Schicksal. Willst Du sie sprechen?“

Er bat sich Bedenkzeit aus und erkundigte sich nach der Wohnung. Günther nahm Abschied, indem er nochmals zur Umkehr mahnte.

Einige Zeit nach ihrem Geliebten traf Julie in der gemeinschaftlichen Wohnung ein. Sie fand Jenen in einer Aufregung, die sie nicht seinem Sturze allein zuschreiben konnte; sie bot alle ihre Liebenswürdigkeit auf, den Unmuthigen zu besänftigen, er aber wies sie barsch von sich und erweckte damit ihren immer regern Verdacht.

Nach einer Nacht voll Unruhe gelangte unser Turn zu dem Entschlusse, Cornelien aufzusuchen. Es geschah am andern Abend, aber ihm folgte ein Beobachter. Er hatte seinen Entschluß mehr aus einem dunkeln Triebe, als aus klarer Ueberzeugung gefaßt: nur der Ekel an seinem nichtigen Berufe bewog ihn, nur das war ihm gewiß, daß er sein bisheriges Leben aufgeben müsse, wenn er nicht gänzlich verkommen solle. Erst unterwegs machte er sich darüber Gedanken, wie er Cornelien entgegentreten wolle, wie sie ihn empfangen werde, und seine Schritte zögerten und hielten an. Nach einem Stillstand setzte er jedoch den Weg fort.

Günther und seine Tochter wohnten im „englischen Hof“, einem Gasthaus ersten Ranges, in den glänzend ausgestatteten Zimmern eine Treppe hoch. Cornelie war von der Gemüthsbewegung angegriffen, verweint und blaß; tiefer Schmerz lag auf ihr, daß sie den schönen Freund ihrer Jugend seine Lebenskraft in nichtigen Schaustellungen, vielleicht in wüstem Treiben, verschleudern sah. Die schöne Kunstreiterin mit ihrer sichtlichen Theilnahme hatte eine eifersüchtige Regung in ihr hervorgerufen; ihre Seele war voll Angst, Kummer und Betrübniß. Als er gemeldet ward, meinte sie, ihn wie einen Verlorenen mit Wehmuth und Zurückhaltung empfangen zu müssen; sie stand nicht auf. Aber als er nun eintrat und ihr mit düsterer Scheu, als zweifelte er an ihrem Gegengruß, halblaut ein bescheidenes und schwermüthiges „Guten Tag, Cornelie,“ zusprach, da war’s mit ihrer Zurückhaltung vorbei. Sie sprang auf und hing weinend an seinem Halse.

Ich übergehe, was er mir weiter von diesem Wiedersehen schrieb, und berichte nur die Folgen. Nach langer Zeit war es das erste Mal, daß er wieder mit Leuten feinerer Bildung verkehrte, [310] er empfand seine Gesunkenheit mit tiefer Betrübniß; hätte es ihn auch nicht gerührt und erschüttert, daß Cornelie ihm, dem Flüchtigen, Leichtfertigen, Unwürdigen, ihr Herz so lange treu bewahrt hatte, das allem würde ihn zu ihr zurückgeführt haben, daß er das Bedürfniß eines feineren, besser gesitteten und höhergebildeten Umgangs, daß er das Bedürfniß der Rückkehr in die Welt der Bildung, in die Gemeinschaft mit Wissenschaft, mit Kunst und Poesie und dem Leben der Nation fühlte. Cornelie und ihr Vater boten ihm die Hand zur Rettung, und eben im Zusammensein mit ihnen wurde ihm recht fühlbar, wie viel er entbehrte. Da er aus alter Gewohnheit gern mehr brauchte, als er hatte, und seine Einnahme keine glänzende war, so befand er sich stets bei der Casse der Truppe in Vorschuß und man zahlte ihm gern diese Vorschüsse, um ihn an die Gesellschaft zu fesseln. Günther bot ihm Geldmittel, sich davon zu befreien, er stellte sie ihm auch zur Verfügung, falls er derselben bedürfen sollte, um sich von andern Verbindlichkeiten – er meinte das Verhältniß zu Julien – zu lösen.

An demselben Abend erfuhr diese, daß ihr Geliebter heimlich längere Zeit in einem großen Gasthof bei einem alten Herrn und einer jungen Dame verweilt hatte, welche in den besten Zimmern wohnten; sie stellte sich daraus ohne große Schwierigkeiten etwas zusammen, was dem Richtigen sehr nahe kam; ihre Vermuthungen befestigten sich, als Turn den Besuch wiederholte und darauf seinen Vorschuß zurückzahlte und als er sich gegen sie selbst immer verschlossener zeigte und mit einem Ungestüm benahm, welches allzudeutlich merken ließ, daß er gewissermaßen sein eigenes Gefühl oder Schuldbewußtsein damit zu unterdrücken suchte. Eine Kennerin, wie sie war, hütete sie sich wohl, ihre Vermuthungen zu äußern, bezwang das beleidigte Gefühl der Liebenden, schmiegte sich in die Launen und Unarten unseres Freundes und bewies eine Unterwürfigkeit, Geduld und Zärtlichkeit, die das kälteste Herz gerührt hätten. Aber Turn fühlte sich von dieser Liebenswürdigkeit nur noch beengter und gedrückter, denn er wollte und mußte sich ja den Verhältnissen entziehen, in denen er lebte, und es wurde ihm schwer genug, seiner Neigung zur schönen Julie für immer zu entsagen. Er wußte es ihr nicht Dank, daß sie es ihm durch ihre Freundlichkeit noch erschwerte. Nach ein paar Tagen quälender Unschlüssigkeit beschloß er, klar herauszusprechen, und kündigte ihr mit möglichster Schonung seine Absicht an, aus der Truppe zu scheiden. Er stellte ihr vor, wie er das Leben und den Beruf eines Gauklers verabscheue und nicht länger erträglich finde, sich einer andern, einer Geist und Gemüth beschäftigenden Thätigkeit zuwenden wolle und deshalb von der Gesellschaft und von ihr sich trennen müsse; die Trennung von ihr falle ihm sehr schwer, denn seine Liebe zu ihr sei nicht erloschen, aber es müsse geschieden sein, wenn er nicht der Verzweiflung verfallen solle.

Julie erschrak; es erneuerte sich der Auftritt, den ich vorhin geschildert habe, diesmal jedoch gewaltsamer, als damals. Es dünkte ihr unmöglich, von ihm getrennt zu leben; sie hatte sich wirklich nach und nach so ganz von ihm abhängig gemacht, daß sie den Gedanken gar nicht fassen konnte. Wie er an ihr einen Mangel feiner und tieferer Bildung störend empfand, so fühlte sie sich dagegen durch ihn und seine höhere Bildung gehoben und in ihrem besseren Wesen gefördert; für sie war die Liebe nicht blos wie bei jedem Weib eine innerliche Vertiefung, sondern auch ein Emporsteigen in der menschlichen Gesellschaft. Es half nichts, daß er ihr vorstellte, in’s Nothwendige müsse man sich fügen; sie sah auch das Bild einer Andern vor sich, um deren willen sie aufgegeben werde. Als er fest blieb, warf sie sich fassungslos zu seinen Füßen, umklammerte seine Kniee und bat ihn, er möge sie nicht unglücklich machen, sie könne nicht von ihm lassen; er solle sie mit sich nehmen, wohin es sei.

Da wurde es unserm guten Turn wieder zu tragisch, er schwankte; es stand zwar fest bei ihm, daß er sich von der Truppe trennen müsse, aber er wollte es auf einem andern Wege versuchen. Konnte er auf Günther’s Unterstützung noch einen Anspruch machen, wenn er die Tänzerin mit sich nahm? Da schrieb er mir, schilderte den Stand der Dinge und bat mich, ihm, wenn es mir irgend möglich, eine Stelle, so gering sie auch sein möge, und sei es nur ein Schreiberämtchen, zu verschaffen oder wenigstens nachzuweisen; aber es müsse schnell geschehen. Er wendete sich damit an Einen, dessen Können beim besten Wollen zu schwach war, denn mein Einfluß reichte nicht weit. Ich versuchte indessen alles Mögliche, ging zu Dem und Jenem, bei dem ich auf Bereitwilligkeit hoffte, höheren Staatsbeamten und Vertretern von Banken und größeren Instituten, stellte meinen Schützling in effigie vor und beschwor sie, einen fähigen Menschen vom Untergange zu retten. Aber Jeder, der eben ein Stellchen offen wußte, – die Meisten wiesen mich gleich ab, – verlangte Zeugnisse – und die besaß ich nicht – und die Bescheidensten und Gutmüthigsten wollten wenigstens, da ich keine Zeugnisse vorlegte, erfahren, wer und was der edle Mensch eigentlich sei, für den ich petitionire; wenn ich dann stammelte: ein – Künstler, so spannten sie hoch auf, und wenn ich mich weiter expliciren mußte: ein – Akrobat, ein Ringer und Springer, so lachten sie mich aus und schickten mich fort.

Nachdem ich auf diese Weise hinreichend kalten Angstschweiß vergossen hatte, antwortete ich dem armen Turn, daß ich trotz aller Anstrengungen seinen Wunsch nicht erfüllen könne.

Was nun geschah, kann ich nicht mit derselben Gewißheit hinstellen, als das, was ich bisher erzählte; denn es fehlen mir dafür eigene Mittheilungen unseres Freundes. Der schöne Fritz gerieth beim Empfange meines Briefes in die äußerste Bedrängniß. Was nun beginnen? Sollte er sich doch noch an Günther wenden? Unmöglich konnte er ihm zugleich die Sorge für seine Geliebte aufbürden. Sollte er Julien noch einmal sagen, wie es stand, und sich offen von ihr trennen?

Unser guter Fritz war schwach. Er fürchtete Thränen und Zärtlichkeiten von der einen Seite, wenn er das Wort der Trennung ausspräche, und Verletztheit, Zurückbeben und selbst Verachtung von der andern Seite, – wenn er sein Verhältniß zu Julien bekennte. Je länger sein Zwiespalt dauerte, je mehr er daran dachte, was er sein könnte und was er wirklich war, um so werthvoller und nothwendiger schien ihm das, was er entbehrte; die Sphäre feinerer Bildung wurde ihm zu einem Paradies des Zauberhaften, und in diesem Zauberlande trat die Gestalt der reinen und standhaften, durch und durch jungfräulichen Cornelie wie von Strahlenglanz umgeben vor seine Phantasie. Da beschloß er endlich, hinter Juliens Rücken Günther’s Hand zu ergreifen und heimlich zu entweichen.

Das mußte aber behutsam ausgeführt werden, denn er kannte den argwöhnischen Sinn und die scharfen Augen seiner Schönen. Das sicherste Mittel, ihre Aufmerksamkeit einzuschläfern, schien ihm zärtliche Beflissenheit und freundliche Heiterkeit, und so liebenswürdig wie jetzt hatte er sich noch kaum im Anfange seiner Bewerbung gezeigt.

Aber das war gerade das schlechteste Mittel, das er wählen konnte, denn Fräulein Julie besaß Verstand genug, diese Zärtlichkeit verdächtig zu finden und etwas Besonderes dahinter zu suchen. Ihr Verdacht nahm zu und wurde zur Gewißheit, als sie durch einen Zufall, welchen der Leichtsinn unseres Freundes möglich machte, eine Antwort Günther’s entdeckte, deren Inhalt Unterhandlungen bestätigte, und als ein Kundschafter ihr berichtete, daß Turn an der Post einen poste restante-Brief in Empfang genommen habe. Sie erfuhr eines Tags noch mehr: Günther war an einem anderen Platze offenbar verabredetermaßen mit unserm Freund zusammen getroffen und Günther’s letztes leises Wort war gewesen: „also übermorgen Mittag mit dem Schnellzuge.“

Sie zweifelte nicht daran, daß diese Heimlichkeiten einen wichtigen Zweck hätten. Sie machte einen Versuch, den Geliebten zur Offenheit zu bewegen, – ohne Erfolg, – sie warf ihm geradezu vor, er sinne auf Untreue; sie flehte mit leidenschaftlicher Inbrunst, er möge sie nicht verlassen; sie erinnerte jetzt daran, was sie ihm einst gesagt, sie stehe nicht für ihre Leidenschaft, sie werde furchtbare Rache nehmen; er suchte ihre Vorwürfe und Besorgnisse weg zu scherzen. Nun war sie gewiß, daß der Verrath beschlossen sei; zu ihrer Verzweiflung und dem Gefühle tiefster Kränkung kamen knirschende Erbitterung über die erheuchelte Zärtlichkeit des Verräthers und nagende Eifersucht. Jetzt erwog sie unter dem Anschein äußerer Ruhe fürchterliche Pläne. Welcher Art, das ruhte in ihrer Brust. Ob Verrath am Verräther? zugleich Rache an der Nebenbuhlerin? Oder nur die Flucht vereiteln, und Gewalt brauchen statt der Thränen? Ich weiß es nicht.

Sie hatte nicht viel Zeit dazu – nur noch einen Tag – dann war’s „übermorgen“; die Eile, deren es bedurfte, fügte zu den Plänen des Verraths die Hast des Entschlusses.

[311] Heute Abend sollte eine Vorstellung stattfinden, heute Abend zum letzten Male trat unser Freund auf. Das schlaffe Seil, auf dem er seine Schwingübungen producirte, war schadhaft gefunden und abgenommen worden; ein neues Seil, sorgfältig geprüft, lag bereit, um vor der Vorstellung aufgezogen zu werden. Julie hielt sich, wie später ermittelt wurde, zu einer Zeit, wo Niemand sonst im Circus war, darin auf; ein Mitglied der Truppe sah sie herauskommen. Sie zeigte später eine fieberhafte Unruhe. Der Director der Gesellschaft, den ich einige Zeit nachher einmal sprach, erzählte mir, sie sei bei ihrem eigenen Auftreten so zerstreut gewesen, daß er gefürchtet habe, sie werde ein Unglück nehmen, und daß sie, als unser Freund sich anschickte, das Seil zu besteigen, in der höchsten Spannung nach ihm geblickt und die Hand des Directors ergriffen habe: ihre Hand war eiskalt und zitterte, so daß er sich solche Angst nicht erklären konnte.

Das Seil hing mit der tiefsten Stelle zwanzig Fuß über dem Boden des Podestes; Turn begann sich auf und ab zu schwingen, jetzt machte er ein Kunststück, welches darin bestand, daß er bei einer Schwingung das Seil losließ und ein herunterhängendes Tau ergriff, an diesem allmählich hin und her schwingend sich nach einem andern hin bewegte und wieder dieses und so mehrere ergriff, zuletzt an einem der Taue nach dem obersten Träger emporkletterte und sich von da auf das schlaffe Tau herabstürzte, dasselbe im Fallen erfaßte und mit einem Umschwunge auf den Boden glitt. Natürlich mußte dabei die Wucht seines Falles besonders schwer auf das Tau drücken.

Er machte sein Manöver ganz geschickt und schon brach das Publicum in lauten Beifall aus, als er das Tau erfaßte. Da – riß dasselbe, Turn stürzte und schlug mit der furchtbaren Gewalt, die durch seinen Sturz auf das Seil hervorgerufen war, auf den Boden; sofort quoll das Blut aus seinem Munde hervor.

Der Beifall verstummte und verwandelte sich in ein Beben der Angst und einen Schrei des Entsetzens, aber alle Stimmen übertönte das herzzerreißende Kreischen, mit welchem Julie auf ihren am Boden stöhnenden und wimmernden und sich hin und her wälzenden Geliebten stürzte. Sie umarmte ihn vor den Augen der Zuschauer mit der Inbrunst der Verzweiflung, hob seinen Kopf auf ihre Kniee und wischte mit dem Shawl, den sie beim Reiten getragen, das beständig quellende Blut von seinen Lippen. Er lebte nur wenige Augenblicke. Zuletzt sah man ihn noch mit gewaltiger Anstrengung sich emporheben und seiner Freundin Hals umfassen; vielleicht wollte er ihr den Verrath abbitten, den er im Sinne gehabt hatte. Sie küßte ihn, aber die Anstrengung beförderte sein Ende; ein neuer Blutstrom brach hervor, sein Kopf sank zurück. Er war todt.

Die Hände ringend und zum Himmel hebend, dann das Gesicht darin verbergend, floh Julie aus dem Circus. In der Nacht fand man vor dem Thore der Stadt eine Wahnsinnige; das Irrenhaus nahm sie auf und beherbergte sie bis voriges Jahr, wo sie starb.

Wie eine Untersuchung ergab, war das Tau an der Stelle des Risses mit einem feinen Messer so zerschnitten worden, daß man äußerlich fast nichts bemerkte.




  1. Die vorstehende Novelle ist einem größern Cyclus von Erzählungen („Nach siebenzehn Jahren. Ein Strauß Geschichten“) entnommen, in welchen der Verfasser eine Anzahl früherer Universitätsgenossen an einem bestimmten Tage in der alten Musenstadt an der Saale wieder zusammenkommen läßt, um gegenseitig zu erzählen, was Jeder in den seit seinem Studententhum verflossenen fünfzehn Jahren an Leid und Lust erlebt hat. Wenn wir später noch eine oder die andere dieser frischen und von wahrer Poesie durchwehten Novellen unsern Lesern mittheilen werden, so glauben wir sicher nur auf den Dank der letzteren rechnen zu dürfen.
    D. Red.