Von der syrischen Göttin

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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Von der syrischen Göttin
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Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1974
Verlag: Aufbau Verlag
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer: Christoph Martin Wieland
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Quelle: Digitalisat aus: Lukian von Samosata, Werke in drei Bänden. Aufbau Verlag, Berlin 1974. Bd. 3, S. 168–195
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Die Syrische Göttin übersetzt von August Friedrich Pauly
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[168]

Von der syrischen Göttin


Nicht weit vom Euphrates liegt in Syrien eine Stadt, welche die „heilige Stadt“ (Hierapolis) genennt wird und die assyrische Juno für ihre Schutzgöttin erkennt. Meines Bedünkens hat sie aber ihren jetzigen Namen nicht gleich bei ihrer ersten Erbauung geführt, sondern in ihren ältesten Zeiten einen andern gehabt: sie bekam ihn erst als einen Beinamen, nachdem sie durch die großen Feste und Feierlichkeiten, die in ihr vorgehen, berühmt wurde. Von dieser Stadt habe ich mir vorgenommen, jetzt zu handeln und ihre vornehmsten Merkwürdigkeiten, besonders die ihr eigenen religiösen Zeremonien, Feste und Opfer, zu beschreiben. Im Vorbeigehen will ich auch der fabelhaften Traditionen erwähnen, womit sie sich über die Stifter ihres Tempels tragen, und von diesem berühmten Tempel selbst einen hinlänglichen Begriff zu geben suchen. Da ich ein geborner Assyrier bin, so kann mein Bericht von diesen Dingen für desto zuverlässiger gelten, weil ich teils als Augenzeuge davon spreche, teils alles, was die ältern Zeiten betrifft, aus dem eigenen Munde der Priester habe.

Unter allen bekannten Völkern sollen, der gemeinen Meinung nach, die Ägyptier die ersten gewesen sein, die einen Begriff von Göttern gefaßt, Tempel und heilige Örter geweiht und gottesdienstliche Versammlungen angeordnet; auch waren sie die ersten, die eine heilige Sprache und heilige Wissenschaften besaßen. Nicht gar lange hernach ging die Theologie der Ägyptier zu den Assyriern über, die nun, nach ihrem Beispiel, ebenfalls Tempel und Heiligtümer errichteten, in welchen sie die Bilder und Statuen der Götter aufstellten, wiewohl in den ältesten Zeiten die Tempel bei den Ägyptiern ohne Bildsäulen waren.

Es gibt auch in Syrien verschiedene Tempel, die den ägyptischen an Altertum wenig nachgeben und von denen ich die meisten in Augenschein genommen habe. Einer davon ist dem tyrischen Herkules gewidmet, der mit dem griechischen nicht [169] vermengt werden muß; denn er ist ein Heros der Tyrier und weit älter als der thebanische. Auch in Phönizien ist ein großer und uralter Tempel zu sehen, von welchem die Sidonier im Besitz sind. Ihrer Sage nach gehört er der Astarte an; Astarte aber ist, meiner Meinung nach, soviel als bei den Griechen Selene oder der Mond. Einer von den Priestern hingegen versicherte mich, er wäre Europen, der Schwester des Kadmus, heilig. Denn die Phönizier beehrten diese Tochter ihres Königs Agenor, nachdem sie aus ihren Augen verschwunden war, mit einem Tempel und erzählten eine Legende von ihr, nämlich, Jupiter habe sich ihrer ungemeinen Schönheit wegen in sie verliebt und sie in Gestalt eines Stiers entführt und nach Kreta getragen. Das nämliche habe ich auch von andern Phöniziern gehört, und das gewöhnliche Gepräge auf den Münzen der Stadt Sidon ist Europa auf dem Stier sitzend. Daß aber der besagte Tempel Europens sei, darin stimmen sie nicht alle miteinander überein. Außer diesem haben die Phönizier noch einen andern Tempel, der nicht assyrischen, sondern ägyptischen Ursprungs ist und dessen Gottesdienst aus der Sonnenstadt (Heliopolis) nach Phönizien gekommen ist. Diesen hab ich nicht selbst gesehen: doch ist auch dieser in großem Ansehen und sehr alt.

Nicht weniger habe ich zu Byblos einen Tempel der Venus Byblia gesehen, wo sie dem Adonis zu Ehren Mysterien begehen, mit welchen ich mich auch bekannt gemacht habe. Sie behaupten nämlich, die Geschichte mit dem Adonis und dem wilden Schwein sei in ihrer Gegend vorgegangen, und dieserhalben haben sie diese Orgien eingesetzt, wobei sie den Tod des Adonis durch eine allgemeine Landtrauer mit großem Wehklagen beweinen. Wenn dann die Busen genug zerschlagen sind und genug geheult ist, bringen sie dem Adonis zuerst als einem Verstorbenen ein Totenopfer; am folgenden Tag aber machen sie sich die angenehme Illusion, ihn wieder lebendig zu glauben, und lassen ihn gen Himmel fahren. Sie scheren sich auch die Haare ab, wie die Ägyptier, wenn ihr Apis gestorben ist. Die Damen aber, denen ihre schönen Haare zu lieb sind, um sie abscheren zu lassen, sind zur Strafe verbunden, ihre Schönheit einen ganzen Tag öffentlich feilzubieten; [170] doch ist der Markt nur den Fremden offen, und von dem Gewinn wird der Venus ein Opfer gebracht.

Einige Byblier behaupten indessen, der ägyptische Osiris sei bei ihnen begraben, und dieses jährliche Trauerfest und die Orgien, die dabei begangen werden, würden nicht dem Adonis, sondern dem Osiris zu Ehren gefeiert. Der Umstand. der dies wahrscheinlich macht, ist dieser: Alle Jahre kommt (um die Zeit des Festes) ein Kopf aus Ägyptien zu Byblos angeschwommen, wohin er einen Weg, wozu ein Schiff sieben Tage braucht, zu schwimmen hat. Aber die Winde bringen ihn vermittelst einer göttlichen Steuerkunst dahin, und er wird niemals anderswohin verschlagen, sondern kommt immer richtig zu Byblos an; kurz, es ist ein wahres Mirakel. Es begegnet alle Jahre und geschah auch, da ich zu Byblos war; ich habe das Haupt mit meinen Augen gesehen und sah recht gut, daß es aus ägyptischem Papier gemacht war.

Das ist aber nicht das einzige Wunder, das sich in der Gegend von Byblos zuträgt. Ein Fluß, der auf dem Libanus entspringt und sich bei dieser Stadt ins Meer ergießt, führt den Namen Adonis. Dieser Fluß wird alle Jahre zu einer gewissen Zeit blutrot, so daß er, so oft ihm dies begegnet, die Farbe des Meeres an seinem Ausfluß weit hinein verändert; und dies ist gerade der Zeitpunkt, wo die religiose Trauer der Byblier ihren Anfang nimmt. Sie fabeln nämlich, in diesen nämlichen Tagen werde Adonis im Libanon verwundet und sein in diesen Fluß rinnendes Blut sei es, was ihm die rote Farbe und seinen Zunamen Adonis gebe. So glaubt und spricht der gemeine Mann. Mir aber gab ein gewisser Byblier einen andern Grund an, woran mir mehr Wahres zu sein schien. Er sagte mir nämlich, der Adonis fließe durch einen großen Teil des Libanus. Nun habe dieses Gebürge ein sehr rötliches Erdreich; die heftigen Winde aber, die allemal um diese Zeit wehen, führten einen dem Mennig ähnlichen Staub in den Fluß, der seinem Wasser diese Farbe gebe; so daß also das Schwein, das den Adonis verwundete, ganz unschuldig an dieser Blutfarbe des Flusses wäre und alle Schuld auf dem Boden ersitzen bliebe. So sagte mir der Byblier. Wenn es aber auch seine Richtigkeit damit hätte, so dächte ich doch, [171] daß schon hinter dem Umstande, daß der Wind nun gerade um diese Zeit so stark wehen muß, um diese Wirkung hervorzubringen, etwas unleugbar Göttliches stecke. Ich stieg auch von Byblos aus, eine Tagreise lang, den Libanus hinan, weil ich gehört hatte, es befinde sich dort noch ein alter Venustempel, den der König Cinyras erbauet habe. Ich sahe ihn wirklich und fand ihn sehr alt. Und soviel von den berühmtesten alten Tempeln in Syrien.

So viele aber auch ihrer sind, so ist doch, meiner geringen Meinung nach, keiner unter ihnen allen größer als der in Hierapolis, so wie es keinen ehrwürdigern und überhaupt kein heiligeres Land in der Welt gibt als dieses. Alles in diesem herrlichen Tempel ist voll kostbarer Kunstwerke, uralter Weihgeschenke und einer Menge sehenswürdiger Sachen; besonders haben die Marmorbilder etwas so Ehrfurchtgebietendes, daß man sie ohne Mühe für Götter halten kann; oder vielmehr die Götter selbst zeigen sich hier auf eine sonderbare Art gegenwärtig, dergestalt, daß die Bilder nicht selten schwitzen, in Bewegung kommen und auf einmal zu orakeln anfangen. Ja, es gibt viele Leute, welche bezeugen, daß sie öfters noch laute Töne und Stimmen im Tempel gehört hätten, nachdem er schon zugeschlossen gewesen und also niemand mehr darin sein konnte. Aber auch in Ansicht des Reichtums ist dieser Tempel der erste unter allen, die ich kenne. Denn es strömen ihm aus Arabien und Babylonien, von den Kappadoziern und Ziliziern, von den Phöniziern und Assyriern unsägliche Einkünfte und Schätze zu. Ich selbst habe an einem geheimen Orte des Tempels eine Menge kostbarer Kleider und viele andere Gerätschaften gesehen, die bloß in die Hauptrubriken Silber und Gold abgeteilt waren. Der Festtage aber und der feierlichen Volksversammlungen sind in der ganzen Welt nirgends so viele und sehenswürdige als hier.

Auf meine Fragen, wie alt dieser Tempel und Gottesdienst sei, und wer eigentlich die Göttin sei, die hier verehrt werde, erhielt ich gar verschiedene Antworten, die sich teils auf populare Sagen, teils auf priesterliche Nachrichten und heilige Traditionen gründeten. Einige davon klangen gewaltig [172] märchenhaft, andere sehr fremd und ausländisch, noch andere stimmten ziemlich mit der griechischen Mythologie zusammen. Ich will sie alle anführen, erkläre mich aber für keine.

Das gemeine Volk gibt den Skythen Deukalion für den Erbauer aus, ebenden Deukalion, unter welchem die weltbekannte große Flut eingebrochen. Die Historie von diesem Deukalion habe ich auch von den Griechen, nach ihrer Art, erzählen gehört, und sie lautet folgendermaßen: Das Geschlecht der jetzigen Menschen ist nicht ebendasselbe, das von Anfang war, sondern die vom ersten Geschlechte sind alle untergegangen. Die Menschen, wie sie jetzt sind, sind ein neues und zweites Geschlecht, das vom Deukalion wieder in eine solche Menge ausgebreitet worden ist. Von jenen ersten Menschen aber sagt man, sie seien trotzige, gewalttätige Leute gewesen, die sehr große Ungerechtigkeiten begangen hätten; denn sie hätten weder ihren Eid gehalten, noch Gastfreundlichkeit ausgeübt, noch der Überwundenen und um Gnade Bittenden verschont. Aber davon kam auch ein entsetzliches Unglück über sie. Denn auf einmal brachen die Wasser überall aus dem Erdboden hervor, ungeheuere Regengüsse stürzten von oben herab, die Flüsse schwollen an und ergossen sich, das Meer stieg weit über seine Ufer empor, kurz, alles wurde Wasser, und alle Menschen gingen zugrunde. Der einzige Deukalion wurde seiner Gutherzigkeit und Frömmigkeit wegen zur Pflanzung eines neuen Geschlechts erhalten, und zwar auf folgende Art: Er hatte einen sehr großen Kasten; in den packte er seine Weiber und Kinder ein, und wie sie alle darinnen waren, stieg er zuletzt selbst hinein. Wie er nun im Einsteigen war, da kamen Schweine und Pferde und alle Arten von wilden Tieren und kriechende Geschöpfe, mit einem Worte, alle Tiere, die sich auf der Erde nähren, paarweise herbeigelaufen; er nahm sie alle ein, und Jupiter schickte ihnen so friedfertige Gesinnungen zu, daß sie ihm keinen Schaden taten, sondern sie lebten alle in schönster Eintracht beisammen; und so wurden sie alle in diesem einzigen Kasten wie in einem Schiff erhalten, solange die Flut dauerte. Dies erzählen vom Deukalion die Griechen.

[173] Und nun setzen die von Hierapolis einen höchst bewundernswürdigen Umstand hinzu: nämlich es habe sich in ihrer Gegend auf einmal eine große Kluft aufgetan, die alles das viele Wasser wieder eingeschluckt habe. Hierauf habe Deukalion Altäre aufgerichtet und neben der Kluft der Juno diesen Tempel erbaut und gewidmet. Die Kluft habe ich selbst gesehen; wenigstens ist unter dem Tempel eine befindlich, die aber überaus klein ist. Wie es nun zugegangen, daß sie so klein geworden, da sie doch ehmals so ungeheuer groß gewesen sein soll, kann ich nicht sagen; genug, die Spalte, die ich sah, ist klein. Zum Zeichen und Gedächtnis dieser Geschichte haben sie einen sonderbaren Brauch. Zweimal im Jahr kommt Meerwasser in den Tempel oder wird vielmehr hineingetragen, aber nicht etwa nur von Priestern; sondern ganz Syrien und Arabien und noch eine Menge Volks von denen, die jenseits des Euphrates wohnen, laufen alle dem Meere zu und holen Wasser, um es in dem Tempel auszugießen. Von da fließt es in den besagten Schlund ab, der, ungeachtet er so klein ist, alle diese Menge Wassers faßt. Diese Zeremonie, sagen sie, habe Deukalion selbst in diesem Tempel angeordnet zum immerwährenden Gedächtnis sowohl der Sündflut als des wunderbaren Mittels, wodurch die Erde wieder trocken geworden sei. Dies ist die älteste Tradition von dem Ursprung dieses Tempels.

Andere glauben, die berühmte Semiramis von Babylonien, von welcher in Asien so viele Denkmäler übrig sind, habe auch diesen Göttersitz gestiftet: aber nicht der Juno, sondern ihrer Mutter, welche Derketo geheißen habe. Auch von dieser Derketo habe ich in Phönizien eine Abbildung gesehen, worin sie in einer seltsamen Gestalt dargestellt wird: denn sie ist zur obern Hälfte Weib, von den Schenkeln aber bis zu den Fußspitzen läuft sie in einen Fischschwanz aus. Die Göttin der Hierapolitaner hingegen ist ganz Weib. Die Gründe, warum sie dieser Meinung sind, scheinen mir nicht sonderlich einleuchtend zu sein. Die Fische werden zu Hierapolis für etwas Heiliges gehalten und niemals gegessen; hingegen essen sie alle Arten von eßbaren Vögeln, die Taube allein ausgenommen, die bei ihnen heilig ist. Diese Gebräuche scheinen [174] nun den Anhängern jener Meinung der Derketo und Semiramis zu Ehren eingeführt zu sein, jener weil Derketo zur Hälfte die Gestalt eines Fisches hat, dieser weil Semiramis zuletzt in eine Taube soll verwandelt worden sein. Ich meines Orts wollte mir noch gefallen lassen, daß Semiramis die Erbauerin dieses Tempels, aber nicht, daß er der Derketo gewidmet sei; wenigstens nicht aus dem angeführten Grunde: denn es gibt auch unter den Ägyptiern einige, die keine Fische essen und sich doch nicht einfallen lassen, der Derketo einen Gefallen damit zu tun.

Nach einer andern Erklärung zufolge, die mir von einem gelehrten Manne mitgeteilt wurde, ist diese syrische Göttin keine andere als Rhea, und Attes der Erbauer des Tempels. Dieser Attes war von Geburt ein Lydier und der Stifter der Orgien der Rhea: denn alles, was die Phrygier, Lydier und Samothrazier dieser Göttin zu Ehren vornehmen, das haben sie vom Attes gelernt. Denn von der Zeit an, da ihn Rhea entmannte, hörte er auf, wie ein Mann zu leben, zog Frauenkleider an und schwärmte in diesem Aufzug in der ganzen Welt umher, weihte seine Anhänger in den Mysterien seiner Göttin ein, erzählte seine Abenteuer und sang das Lob der Rhea. Auf diesen seinen Schwärmereien kam er auch nach Syrien; da aber diejenigen, die jenseits der Euphrates wohnen, nichts mit ihm und seinen Orgien zu schaffen haben wollten, so ließ er sich in der nämlichen Gegend, wo nun Hierapolis steht, nieder und baute diesen Tempel. Was diese Meinung zu bestätigen scheint, sind die vielen Attribute, welche die hierapolitanische Göttin mit Rheen gemein hat; denn ihr Wagen wird ebenfalls von Löwen gezogen, sie hat eine Trummel und trägt einen Turm auf dem Haupte, wie die Lydier die Rhea vorstellen. Mein Gelehrter nahm noch einen andern Beweis seiner Hypothese von den Gallen her, die man in diesem Tempel findet, eine Art von Priestern, dergleichen die Juno nie gehabt, da sie hingegen als Nachfolger des Attes (nach dessen Beispiel sie sich selbst entmannen) der Rhea eigentlich angehören. Alles dies scheint mir zwar scheinbar genug zu sein, aber für wahr halte ich es um so weniger, da mir eine andere Ursache, warum sich die Priester [175] in diesem Tempel entmannen, gesagt worden ist, die weit glaubwürdiger zu sein scheint.

Mir, ich gestehe es, gefällt die Erklärung derjenigen vorzüglich, die mit der griechischen Mythologie am besten zusammentreffen. Diese sagen, die Göttin sei keine andere als Juno, der Tempel aber ein Werk des Bacchus, des Sohns der Semele. Denn bekanntermaßen kam Bacchus auf seinem Rückzug aus Äthiopien in das Syrerland. Wirklich finden sich in dem Tempel viele Zeichen, daß Bacchus der Stifter desselben sei; unter andern die indianischen Kleider und Edelgesteine und Elefantenzähne, welche Bacchus aus Äthiopien mitgebracht; und an zwei Ungeheuern Phallen ist folgende Inschrift zu lesen:

Diese Phallen habe ich, Dionysos, der Juno,
meiner Stiefmutter, aufgestellt.

Ich für meinen Teil habe an diesen Beweisen schon genug. Zum Überfluß aber will ich doch noch etwas erwähnen, das in diesem Tempel zu den Orgien des Bacchus gehört. Unter den verschiedenen Arten von Phallen, welche die Griechen dem Bacchus zu Ehren aufstellen, sind auch gewisse Figuren von Zwergen mit übermäßig großen Geschlechtsgliedern, die sich durch Saiten bewegen lassen und daher „Neurospasta“ genennt werden. So eine kleine Figur von Bronze ist auch in diesem Tempel rechter Hand zu sehen.

Dies sind die verschiedenen Traditionen, die über den ersten Stifter dieses religiosen Instituts vorhanden sind. Nun will ich auch von dem gegenwärtigen Tempel sprechen, und wie und von wem er aufgeführt worden ist. Man sagt nämlich, der erste Tempel sei nicht mehr, sondern vor hohem Alter endlich zusammengefallen; der jetzige aber sei ein Werk der Stratonike, die Gemahlin eines assyrischen Königs. Meines Bedünkens war es dieselbe Stratonike, die von ihrem Stiefsohn geliebt wurde und dessen geheime Leidenschaft der Scharfsinn seines Arztes auf eine sonderbare Art ans Licht brachte. Dieser Prinz, der sich in einem Übel, das er für schändlich hielt, nicht zu helfen wußte und keinem Menschen sich entdecken wollte, war endlich darüber so krank geworden, [176] daß er zu Bette liegen mußte. Er lag ohne Schmerzen, aber so, daß er täglich eine schlimmere Farbe bekam und zusehends abzehrte und dahinwelkte. Der Arzt, der nirgends kein Kennzeichen einer andern Krankheit an ihm finden konnte, schloß endlich aus allen Umständen, seine Krankheit müsse Liebe sein. Denn von geheimgehaltner Liebe zeigten sich viele deutliche Symptome, die erloschnen Augen, die schwache Stimme, die blasse Farbe und die häufigen Tränen ohne anscheinende Ursache. Wie er nun einmal so viel entdeckt zu haben glaubte, gebrauchte er folgendes Mittel, um der Sache auf den Grund zu kommen. Er legte die Hand auf das Herz des Patienten und ließ währenddessen alle Personen im Palaste (bei denen einige Vermutung möglich war, daß sie der Gegenstand der geheimen Liebe des Prinzen sein könnten) nach und nach in das Zimmer kommen. Der Kranke blieb bei allen andern, die hereinkamen, in größter Ruhe: als aber seine Stiefmutter hereintrat, veränderte er die Farbe, der Schweiß brach ihm aus, er zitterte am ganzen Leibe, und das Herz klopfte ihm außerordentlich. Da nun der Arzt, nach diesem Vorfall, über die Ursache der Krankheit völlig im klaren war, so blieb ihm nichts übrig, als zur Kur zu schreiten. Er ließ den König, dem der Zustand seines Sohnes sehr zu Gemüte drang, in das Krankenzimmer bitten. „Diese Krankheit, woran der junge Herr darniederliegt, ist keine Krankheit“, sagte er zu ihm, „sondern verkehrter Sinn: es tut ihm nichts weh; sein ganzes Übel ist, daß er verliebt ist und sich einer unsinnigen Leidenschaft überläßt. Er begehrt, was er nimmermehr erhalten soll; denn, kurz, er hat sich in meine Frau verliebt, von der ich mich nun und nimmermehr trennen lassen werde.“ Wie der Vater dies hörte, fing er an zu bitten und seinen Arzt alle ersinnliche Vorstellungen zu tun; er beschwor ihn bei seiner Weisheit und bei dem Ruhm, den er sich in der Heilkunst erworben, er möchte seinen armen Sohn nicht so elendiglich umkommen lassen; möchte ihm aus einer Leidenschaft, die ihn ohne seinen Willen befallen habe und nicht in seiner Gewalt sei, kein Verbrechen machen, nicht aus bloßer Eifersucht das ganze Reich in ein solches Leid stürzen und der Heilkunst selbst, die ihm doch [177] mehr als alles am Herzen liegen müsse, die Schmach nicht zuziehen, als ob sie den Prinzen nicht hätte retten können. – Der Arzt blieb bei allen diesen Bitten unbeweglich. „Was du mir so eindringend zumutest“, antwortete er dem Könige, „ist die größte Ungerechtigkeit von der Welt. Wie? Du willst meine Ehe zerreißen und einem Arzte eine solche Gewalt antun? Stelle dich einen Augenblick an meinen Platz. Du, der von mir ein solches Opfer foderst, was würdest du tun, wenn deine Gemahlin der Gegenstand seiner Leidenschaft wäre?“ – „Oh!“ rief der König, „sie sollte mir nicht zu teuer sein! Wenn mein Sohn seine Stiefmutter liebte und sein Leben von ihrem Besitz abhinge, ich würde mich nicht bedenken; es ist keine Vergleichung zwischen dem Unglück, eine Gemahlin oder einen Sohn zu verlieren!“ – „Desto besser für den Prinzen, daß du so gesinnt bist“, erwiderte der Arzt; „höre auf, deine Bitten an mich zu richten, dein Sohn ist nicht in meine, sondern in deine Gemahlin verliebt, und alles, was ich vorhin sagte, war erdichtet.“ Der König blieb bei der Gesinnung, die er bereits erklärt hatte, trat seinem Sohn Gemahlin und Reich ab und zog sich nach Babylonien zurück, wo er eine Stadt nach seinem Namen an den Euphrat baute und wo er auch starb.

Diese besagte Stratonike, da sie noch mit ihrem ersten Gemahle lebte, hatte einen Traum, worin es ihr vorkam, als ob sie von Juno Befehl erhielte, ihr zu Hierapolis einen Tempel zu bauen, mit der Bedrohung, daß, wenn sie nicht gehorchen würde, viele und große Unfälle über sie kommen sollten. Die Königin machte sich anfangs nichts aus diesem Traum; da sie aber bald darauf von einer schweren Krankheit befallen wurde, entdeckte sie nicht nur dem König, was ihr geträumt hatte, sondern wendete auch alles an, die Juno zu versöhnen, und beschloß, sich dem Bau des Tempels zu unterziehen. Sobald sie also wieder hergestellt war, machte der König, ihr Gemahl, Anstalten, sie mit einer großen Summe Geldes und mit einem zahlreichen Heere, das sowohl zu ihrer Sicherheit als zum Bau des Tempels dienen sollte, nach der heiligen Stadt abzuschicken. Zu diesem Ende ließ er einen seiner Vertrautesten, einen wunderschönen jungen [178] Mann, namens Kombabus, zu sich rufen, und nachdem er ihm über sein großes Vertrauen in seine Klugheit, Rechtschaffenheit und Treue viel Schönes gesagt und ihn seiner königlichen Gnade aufs stärkste versichert hatte, eröffnete er ihm, daß nun eine Gelegenheit gekommen sei, wo er, Kombabus, ihm die stärkste Probe seiner Ergebenheit geben könne. „Ich brauche“, fuhr er fort, „einen Mann, auf den ich mich gänzlich verlassen kann, um ihm, auf der bevorstehenden Reise, meine Gemahlin, das Kommando über die Truppen und die Oberaufsicht über den Bau und Einweihung des Tempels anzuvertrauen; und auf welchen andern als dich hätte meine Wahl fallen können? Übrigens sei versichert, daß dich, bei deiner Wiederkunft, eine so großen Verdiensten angemessene Belohnung erwarten soll.“ Die Antwort des Kombabus auf diesen Antrag war, daß er dem Könige zu Füßen fiel und ihn aufs inständigste bat, ihn mit einem so schweren, seine Kräfte so weit übersteigenden und mit so großer Verantwortung begleiteten Auftrage zu verschonen. Was er am meisten befürchtete, war die Eifersucht, die den König in der Folge anwandeln möchte, und wozu der Umstand, daß er eine so lange Zeit allein um die Königin sein würde, eine nur gar zu natürliche Gelegenheit geben könnte. Da der König aber gegen alle seine Bitten und Vorstellungen unbeweglich blieb, so begnügte sich Kombabus endlich, nur um einen Aufschub von sieben Tagen zu bitten, binnen welcher Zeit er seine notwendigsten Angelegenheiten besorgen wollte und sodann bereit wäre, sich schicken zu lassen, wohin es dem Könige gefiele.

Da ihm diese Bitte ohne Schwierigkeit zugestanden worden war, begab er sich nach Hause, warf sich voller Verzweiflung zu Boden und stieß über sein Schicksal die schmerzlichsten Klagen aus. „Unglückseliger“, rief er aus, „wie übel bekommt dir deine Treue! Fatale Reise, deren Ausgang ich nur zu gut voraussehe! Ich bin selbst noch jung und werde einer schönen jungen Frau zum Begleiter gegeben. Unfehlbar wird mir das größte Unglück daraus erwachsen, wenn ich nicht so gar die Möglichkeit des Übels, das hier zu besorgen ist, aus dem Wege räume. Ich muß mich zu einem großen Opfer entschließen, [179] wenn ich aller Furcht entbunden sein will.“ Dieser Entschließung zufolge stümmelt er sich selbst, verschließt das Abgeschnittne in eine kleine Urne, die er mit Myrrhen, Honig und andern Spezereien vollgießt, und versiegelt es mit seinem gewöhnlichen Siegelring. Hierauf besorgt er in aller Stille die Heilung seiner Wunde, und sobald er so weit hergestellt, daß er sich die Reise zu unternehmen getraut, geht er wieder zum Könige und übergibt ihm, in Gegenwart vieler Hofleute, das versiegelte Töpfchen mit den Worten: „Dies, mein gebietender Herr, ist das kostbarste Kleinod, das ich besitze und das mir sehr am Herzen liegt. Bisher habe ich es selbst zu Hause verwahrt: aber nun, da ich eine große Reise vor mir habe, lege ich es bei dir nieder. Habe die Gnade für mich, es wohl zu verschließen; denn es ist mir weit mehr als Gold und in der Tat so lieb als mein Leben selbst. Sorge also dafür, daß es bei meiner Zurückkunft unbeschädigt wieder in meine Hände komme.“ – Der König nimmt es in seine Obhut, drückt eigenhändig noch ein anderes Siegel darauf und befiehlt seinen Schatzmeistern, es in sorgfältige Verwahrung zu nehmen.

Kombabus begab sich nun mit getrostem Herzen auf den Weg. Sie langten glücklich zu Hierapolis an, aber wiewohl sie den Bau des Tempels mit großem Eifer beschleunigten, so gingen doch drei volle Jahre darüber hin.

Inzwischen begegnete, was Kombabus befürchtet hatte. Die Königin konnte gegen einen so liebenswürdigen jungen Mann, mit dem sie täglich und vertraulich umging, in die Länge nicht gleichgültig bleiben; sie verliebte sich in ihn, und diese Leidenschaft stieg nach und nach bis zur Raserei. Die Hierapolitaner sagen, Juno selbst hätte Stratoniken diese unglückliche Leidenschaft zugeschickt; die außerordentliche Tugend des Kombabus sei ihr zwar keineswegs verborgen gewesen: aber sie habe Stratoniken dafür bestrafen wollen, daß sie so schwer an den Tempelbau gegangen sei. Anfangs zwar hatte die Königin noch so viel Gewalt über sich selbst, ihre Krankheit zu verbergen: da aber das Übel immer zunahm und zuletzt so heftig wurde, daß es ihr unmöglich war, länger an sich zu halten, verbarg sie ihren Schmerz nicht mehr, klagte [180] und weinte den ganzen Tag, ließ alle Augenblicke den Kombabus zu sich rufen, und Kombabus war ihr alles und alles. Endlich, wie sie es nicht länger aushalten konnte, suchte sie eine anständige Gelegenheit, ihm ihr Anliegen noch deutlicher vorzutragen: aber keiner fremden Person wollte sie ihr Geheimnis nicht anvertrauen, und sich selbst zu erklären schämte sie sich. Endlich kam sie auf den Einfall, sich in Wein zu berauschen, ehe sie sich in eine Explikation mit ihm einließe: denn der Wein macht Mut und löset die Zunge; auch ist es dann weniger demütigend, abgewiesen zu werden und man behält immer den Vorteil, sich nicht mehr zu erinnern, was man getan hat, und alle Schuld auf den Wein zu schieben. Wie gedacht, so getan. Nach aufgehobener Tafel (und als jedermann sich zur Ruhe begeben hatte) geht sie in die Wohnung des Kombabus, läßt sich bis zum Bitten herab, umfaßt seine Knie, kurz, zeigt ihm die ganze Stärke ihrer Liebe. Er hört ihre Reden mit allen Zeichen des Verdrusses und Unwillens an, weigert sich dessen, was sie ihm zumutet, und wirft ihr sogar vor, daß sie betrunken sei. Endlich, da sie in der Verzweiflung sich ein Leid anzutun droht, sieht er sich genötiget, ihr sein Geheimnis zu entdecken, ihr die Gründe seines Verfahrens zu sagen und endlich die ganze Sache so anschaulich zu machen, daß kein Zweifel gegen seine Aufrichtigkeit übrigbleiben konnte. Wie die Königin mit Augen sah, was sie sich nie als möglich vorgestellt hätte, hörte zwar jene rasende Leidenschaft, aber nicht ihre Liebe auf; im Gegenteil, sie geht jetzt nur desto häufiger und vertraulicher mit ihm um und sucht sich wenigstens diesen Trost einer unbefriedigten Liebe so oft als immer möglich zu verschaffen. Seit dieser Zeit hat sich diese Art von Liebe zu Hierapolis erhalten und geht noch bis auf den heutigen Tag daselbst im Schwange. Die Frauen lieben die Gallen mit der größten Leidenschaft, die Gallen lieben hinwieder die Frauen bis zum Rasendwerden; und die Männer sind so wenig eifersüchtig darüber, daß diese Art von Verhältnis vielmehr für eine sehr heilige Sache bei ihnen angesehen wird.

Inzwischen ermangelten die Ab- und Zugehenden nicht, dem Könige von allem, was zu Hierapolis vorging, genaue [181] Nachricht zu geben, und es blieb ihm also auch nichts, was die Königin betraf, unbekannt. Der Verdruß, den er darüber faßte, war so groß, daß er Kombaben, noch ehe das Werk vollendet war, zurückberief. Andere erzählen es anders, aber gegen alle Wahrheit, indem sie sagen, Stratonike, wie sie von Kombaben abgewiesen worden, habe selbst an den König geschrieben und ihn, aus Rachgier, beschuldigt, er habe einen Angriff auf ihre Ehre wagen wollen; kurz, was die Griechen von ihrer Phädra und Sthenoböa, das fabeln die Assyrier von ihrer Stratonike. Wiewohl ich nicht einmal glauben kann, daß weder Sthenoböa noch Phädra so etwas zu tun fähig gewesen sei, wenn anders Phädra den Hippolytus wahrhaft geliebt hat. Doch dem sei, wie ihm wolle, wie der Befehl des Königs nach Hierapolis kam und Kombabus merkte, warum es zu tun sei, machte er sich getrost auf den Weg, weil er seine Apologie zu Hause gelassen hatte. Sobald er angekommen war, ließ ihn der König in Ketten und Banden werfen. Er berief hierauf alle seine Vertrauten, ebendieselben, die auch beim Abschied des Kombabus zugegen gewesen waren, ließ den Gefangenen vorführen und klagte ihn öffentlich an, daß er mit seiner Gemahlin in einem höchststräflichen Umgang gelebt hätte, und warf ihm in der heftigsten Gemütsbewegung die so schändlich von ihm betrogene Treue und Freundschaft vor. Kombabus, sagte er, habe sich eines dreifachen Verbrechens schuldig gemacht, des Ehebruchs, der mutwilligen Verspottung des von seinem König in ihn gesetzten Vertrauens und der Gottlosigkeit, da er sich nicht gescheuet, solche Frevel, während er in Geschäften der Göttin gebraucht worden, zu begehen. Das schlimmste war, daß er durch eine Menge von Zeugen überwiesen wurde, welche versicherten, sie hätten mit ihren Augen gesehen, daß sie einander in den Armen gelegen seien. Das Urteil erging so einhellig dahin, daß Kombabus, da er des Todes würdige Dinge getan, unverzüglich zum Tode geführt werden sollte.

Bisher war er immer dagestanden, ohne ein Wort zu sagen: wie er aber Anstalt machen sah, ihn wirklich zum Tode abzuführen, brach er sein Stillschweigen und foderte sein Kleinod, indem er ohne Scheu behauptete, die wahre Ursache, [182] warum er sterbe, sei nicht, weil er eines unerlaubten Umgangs mit der Königin oder einer andern pflichtwidrigen Tat schuldig sei, sondern weil der König zu dem Kleinod Lust habe, das er ihm bei seiner Abreise in Verwahrung gegeben. Sogleich befahl der König dem Schatzmeister, dem er es in Verwahrung gegeben hatte, er sollte es auf der Stelle herbeischaffen. Dies geschah; Kombabus erbrach das Siegel, zeigte sowohl was in der kleinen Urne enthalten war, als was ihm fehlte. „Und das war es eben, o König“, setzte er hinzu „was ich sogleich befürchtete, da du mir diesen Auftrag tatest; ich ging ungern, aber da du mich in die Notwendigkeit zu gehorchen setztest, sah ich mich gezwungen, etwas zu tun, wobei ich mehr das Interesse meines Herrn als meine Konvenienz zu Rate zog. Und dennoch werde ich, so wie ich bin, eines Verbrechens beschuldiget, das nur ein Mann begehen kann!“

Der König war außer sich vor Erstaunen über eine so überraschende Entwicklung. Er lief auf seinen Freund zu, umarmte ihn und rief: „O mein lieber Kombab, was hast du getan? Wie konntest du eine solche Grausamkeit an dir selbst begehen! Gewiß bist du der einzige in der Welt, der dessen fähig war. Unglücklicher Freund, du hast die Treue gar zu weit getrieben! Wollte Gott, ich hätte es nicht gesehen oder könnte es ungeschehen machen! Nein! eines solchen Beweises deiner Unschuld bedurfte ich nicht! Indessen, weil es das Verhängnis nun einmal so gewollt hat, so soll die erste Satisfaktion, die ich dir geben will, der Tod deiner Angeber sein; diesem soll ein so großes Geschenk folgen als ein König geben kann, Gold und Silber, prächtige Kleider und Pferde, soviel du des allen nur verlangst. Du sollst immer den Zutritt bei mir haben, auch ohne daß ich dich rufen lasse, und niemand soll dich zurückhalten dürfen, und kämest du, wenn ich eben bei meiner Gemahlin liege.“

Der König hielt Wort: die Angeber wurden auf der Stelle zum Tode geführt, Kombabus hingegen mit Geschenken und Gnade überhäuft und als der weiseste und glücklichste aller Assyrier betrachtet.

Weil aber der Bau des Tempels noch unvollendet gewesen [183] war, als Kombab abgerufen wurde, so bat er sich vom Könige aus, daß er zurückkehren und das Werk zustande bringen dürfte. Dies wurde bewilligt; er vollendete den Bau und machte nun Hierapel für sein ganzes übriges Leben zu seinem gewöhnlichen Aufenthalt. Überdies wollte der König auch, daß seine Tugend und das Verdienst, so er sich um die heilige Stadt gemacht hatte, durch eine eherne Statue im Tempel geehrt würde, die noch jetzt daselbst steht und ein Werk des Hermokles von Rhodus ist. Sie stellt ihn als eine Frau in männlicher Kleidung vor. Auch sollen verschiedene von seinen Freunden, die ihm besonders ergeben waren, um ihm sein Unglück desto erträglicher zu machen, sich freiwillig entschlossen haben, ihm darin gleichzuwerden. Sie entmannten sich nämlich eigenhändig und erwählten ebendieselbe Lebensweise, die er erwählt hatte. Andere mischen die Götter in die Sache und sagen, Kombab sei von der Juno geliebt worden und sie sei es gewesen, die vielen Leuten diese Liebhaberei zum Verschneiden in den Kopf gesetzt habe, damit ihr Günstling nicht der einzige wäre, der den Verlust seiner Mannheit zu betrauern hätte. Indessen hat sich dieser Gebrauch, nachdem er einmal angefangen, bis auf diesen Tag erhalten, und es finden sich alle Jahre nicht wenige, die sich verschneiden und in Weiber umgestalten, es sei nun, daß sie es den Kombabus zu trösten oder der Juno zu Ehren tun; genug, sie verschneiden sich, und von diesem Augenblick an legen sie die männliche Kleidung ab, tragen Weiberkleider und verrichten weibliche Geschäfte. Soviel ich gehört habe, soll sich auch dieses letztere von Kombaben herschreiben. Denn auch er sah sich dahin gebracht, und dies aus folgender Veranlassung: Eine fremde Dame, die bei einer großen Feierlichkeit in den Tempel gekommen war und ihn gesehen hatte, verliebte sich in diesen schönen Mann (wofür sie ihn seiner Kleidung nach halten mußte) so sterblich, daß sie sich, wie sie erfuhr, was ihm fehle, aus Verzweiflung das Leben nahm. Diese neue Probe, wie unglücklich er in Liebessachen war, drang dem guten Kombabus so tief zu Herzen, daß er, damit keine Frau mehr an ihm betrogen würde, sein ganzes übriges Leben durch Frauenkleider trug; welches dann die [184] Ursache ist, warum die Gallen weiblich gekleidet gehen. Und so viel denn von Kombabus. Von den Gallen aber und wie sie verfahren, wenn sie sich die Operation machen, und von andern sie betreffenden Dingen wird in der Folge noch Gelegenheit zu reden sein. Zuvor aber gedenke ich von der Lage des Tempels und von seiner Größe zu sprechen.

Der Ort, worauf dieses heilige Gebäude steht, ist ein Hügel, der mitten in der Stadt liegt und mit zwei Mauern umgeben ist. Die eine ist antik, die andere aber reicht nicht weit über unsere Zeit hinauf. Der Vorhof des Tempels sieht nach Mitternacht und ist ungefähr sechshundert Fuß groß. In diesem Vorhofe stehen auch die Phallen, welche Bacchus hier aufgestellt hat und die nicht weniger als hundertundachtzig Fuß hoch sind. Auf einen derselben steigt alle Jahre zweimal ein Priester hinauf, der sich sieben Tage lang auf der Spitze desselben aufhalten muß. Der Zweck dieses Hinaufsteigens wird verschiedentlich angegeben. Der gemeine Mann glaubt, er bespreche sich in dieser Höhe mit den Göttern und bete Segen und Glück auf ganz Syrien herab, und die Götter hörten seine Bitten desto besser, da er ihnen um so viel näher sei. Andere glauben, es beziehe sich auf den Deukalion und geschehe zum Andenken jener schrecklichen Wassersnot, welcher zu entrinnen die Menschen auf die höchsten Bäume und Berge kletterten. Mir ist auch dies nicht wahrscheinlich, und ich denke, daß es bloß dem Bacchus zu Ehren geschehe. Ich schließe es daraus: wer dem Bacchus Phallen aufrichtet, pflegt immer oben auf dieselbe kleine hölzerne Männer zu stellen; zu welchem Ende, mag ein andrer sagen als ich. Ich denke also, der lebendige Mann steige bloß hinauf, um den hölzernen vorzustellen.

Das Aufsteigen selbst wird auf folgende Art bewerkstelliget. Der Priester umschlingt sich selbst und den Phallus mit einem langen Seil, setzt hierauf die Füße auf eine Art hölzerner Nägel, die in den Phallus getrieben sind und gerade so weit hervorgehen, daß er die Fußspitzen dagegenstemmen kann, und so schiebt und schwingt er sich nach und nach hinauf, indem er immer zugleich die Kette auf beiden Seiten um soviel als er steigt, mit der Bewegung eines Kutschers, der [185] den Pferden die Zügel schießen läßt, in die Höhe wirft. Wer dies nicht gesehen hat, kann sich einen Begriff davon machen, wenn er gesehen hat, wie man in Arabien, Ägypten und andrer Orten auf die Palmbäume steigt. Wenn er oben ist, läßt er einen andern mächtig langen Strick, den er bei sich hat, herunter und zieht an demselben Holzwerk, Kleidungsstücke, allerlei Gerätschaften, kurz alles, was er nötig hat, hinauf; vermittelst dieser Dinge macht er sich eine Art von Nest, worin er sitzt und, wie gesagt, sieben Tage lang ausharren muß. Während dieser Zeit kommen eine Menge von Andächtigen und bringen Gold und Silber (manche lassen es auch wohl bei Kupfermünze bewenden), legen ihr Opfer unten an dem Phallus, worauf jener sitzt, auf die Erde nieder, sagen ihren Namen und gehen wieder ab. Ein anderer Priester, der dabeisteht, ruft jenem die Namen zu, der hierauf für einen jeden namentlich sein Gebet verrichtet und sich dazu mit einer Art von metallnem Instrument akkompagniert, das einen sehr lauten und durchdringenden Ton von sich gibt. Während dieser ganzen Zeit kommt kein Schlaf in seine Augen; denn sowie ihn ein Schlummer überfallen wollte, so steigt ein Skorpion hinauf, weckt ihn und mißhandelt ihn ganz erbärmlich. Dies ist seine unausbleibliche Strafe, wenn er sich vom Schlaf überwältigen läßt. Sie erzählen allerlei mirakulose und geheimnisvolle Dinge von diesem Skorpion: ob sie aber auch wahr sind, kann ich nicht sagen. Meines Erachtens trägt die Furcht des Herabfallens ein großes zur Schlaflosigkeit bei. Aber genug von diesen Phallussteigern!

Der Tempel sieht gegen die aufgehende Sonne und ist im Geschmack der ionischen Tempel gebaut und verziert. Er steht auf einer zwölf Fuß hohen Terrasse, zu welcher man auf einer nicht sehr breiten marmornen Treppe hinaufsteigt. Schon in der Vorhalle geben die künstlich ausgearbeiteten goldnen Flügeltüren den Hineingehenden einen herrlichen Anblick. Inwendig im Tempel ist das Gold allenthalben verschwendet und die ganze Decke vergoldet. Hier atmet man diesen ambrosischen Wohlgeruch, der von der Luft des glücklichen Arabiens gerühmt wird; er duftet einem schon von ferne unbeschreiblich angenehm entgegen und verläßt einen [186] auch nicht, wenn man wieder weggeht, sondern setzt sich in, die Kleider, und man glaubt ihn noch lange überall zu spüren.

Das Innere des Tempels hat zwei Abteilungen. In die erste geht hinein, wer will. Zu der zweiten steigt man ein paar Stufen hinauf; aber wiewohl sie auf der Vorderseite ganz offen ist, so haben doch nur die Priester das Vorrecht hineinzugehen, und auch unter diesen nicht alle, sondern nur diejenige, die den nächsten Zutritt bei den Göttern haben und denen der ganze innere Dienst des Heiligtums obliegt. In diesem Innersten des Tempels stehen die Bildsäulen der Juno und eines Gottes, dem sie, wiewohl es kein anderer als Jupiter ist, doch einen andern Namen geben. Beide sind von Gold und beide sitzend vorgestellt, die Juno auf Löwen, der andere auf Stieren; im übrigen ist dieser Gott dem Haupte, der Kleidung und dem Stuhle nach ein ausgemachter Jupiter, und man kann ihn, wenn man auch wollte, mit keinem andern vergleichen.

Was aber die Juno betrifft, so entdeckt man, je länger man sie betrachtet, immer mehr Merkmale an ihr, wodurch sie sich von der gewöhnlichen Gestalt, in welcher sie vorgestellt zu werden pflegt, unterscheidet. Im ganzen ist sie, die Wahrheit zu sagen, unfehlbar Juno; aber sie hat doch etwas von Minerven und Aphroditen, von Selenen und Rheen, von Dianen, von der Nemesis und von den Parzen. In der einen Hand hält sie einen Szepter, in der andern einen Spinnrocken; auf dem Haupte trägt sie einen Turm und ist mit Strahlen umgeben; auch ist sie mit dem Gürtel geschmückt, der sonst der Venus Urania ausschließlich eigen ist. Außerdem ist sie über und über mit Goldblechen behangen, die mit sehr kostbaren weißen, wasserblauen und feuerfarben Edelsteinen besetzt sind; auch ist sie mit einer Menge Sardonyxen, Hyazinthen und Smaragden bedeckt, die ihr von Ägyptiern, Indiern und Äthiopiern, Medern, Armeniern und Babyloniern zum Geschenke gebracht werden. Noch etwas sehr Merkwürdiges darf ich nicht vergessen. Auf dem Haupte trägt sie einen Stein, von seiner sonderbaren Eigenschaft die „Lampe“ genannt. Dieser Stein gibt bei Nacht einen so hellen Schein von [187] sich, daß der ganze Tempel davon wie mit Lampen beleuchtet scheint: bei Tage ist dieser Schein viel schwächer, doch behält er immer eine feuerige Gestalt. Außer diesem ist an dieser Statue noch etwas sehr Bewundernswürdiges, und das ist, daß sie dir, wenn du ihr gegenüberstehst, gerade ins Gesicht sieht und, sowie du bei ihr vorübergehst, dir mit den Augen folgt, und daß sie es einem andern ebenso macht, der es zu gleicher Zeit auf der andern Seite versucht.

Zwischen diesen beiden steht ein anderes goldenes Bild, das von den übrigen Statuen ganz und gar verschieden ist. Es hat keine eigene bestimmte Form, sondern ist sozusagen aus allerlei Götterformen zusammengesetzt. Auch geben ihm die Assyrier keinen eigenen Namen, sondern nennen es bloß das „Zeichen“ und wissen auch nichts Zuverlässiges weder von seinem Ursprung noch von seiner Gestalt zu sagen. Die einen geben ihm eine Beziehung auf den Bacchus, andere auf den Deukalion, andere auf die Semiramis; denn weil dieses Bild eine goldene Taube auf der Scheitel stehen hat, fabeln einige, es stelle die Semiramis vor. Es wird alle Jahre zweimal feierlich zum Meere getragen, wenn sie, obenbesagtermaßen, das Meerwasser, das in dem Tempel ausgegossen wird, abholen. In dem vordern Teile des Tempels, den Hineingehenden linker Hand, steht der Thron des Sonnengottes; aber sein Bild befindet sich nicht darauf. Denn Sonne und Mond sind die einzigen Götter, welche man hier nicht abgebildet sieht. Als ich mich nach der Ursache erkundigte, erhielt ich zur Antwort: Von den andern Göttern Bilder zu machen sei deswegen erlaubt, weil ihre Gestalten nicht jedermann bekannt seien: Sonne und Mond hingegen zeigten sich allen Menschen am Himmel, und es sei also kein Grund vorhanden, warum man sie noch abbilden sollte.

Hinter dem besagten Throne steht die Bildsäule des Apollo, aber nicht wie sie gewöhnlich gemacht wird. Alle andern bilden den Apollo als einen Jüngling in der ersten Blüte der Jugend ab: die zu Hierapolis sind die einzigen, die ihm einen Bart geben. Sie behaupten, daran recht zu tun, und tadeln die Griechen und die andern Völker, die sich den Apollo geneigt zu machen glauben, indem sie ihn beinahe [188] zum Knaben machen. Es sei ein großer Unverstand, sagen sie, den Göttern unvollkommene Gestalten zu geben, und die erste Jugend ist ihrer Meinung nach etwas noch Unvollendetes. Aber außerdem hat ihr Apollo noch das Besondere, daß er bekleidet ist, welches man sonst nirgends findet.

Von den Verrichtungen dieses Apollo könnte ich sehr viel sagen, ich will mich aber bloß auf das Wunderbarste einschränken und fange bei seinem Orakel an. Bekanntermaßen gibt es viele Orakel in Griechenland und nicht wenigere in Ägypten. Auch an verschiedenen Orten von Asien und sogar in Libyen fehlt es nicht daran. Aber alle diese Orakel lassen sich bloß durch den Mund von Priestern oder Propheten hören: der einzige Apollo zu Hierapolis bewegt sich selbst und verrichtet die ganze Operation des Wahrsagens von Anfang bis zu Ende ohne fremde Hülfe. Die Art und Weise, wie er sich dabei benimmt, ist diese: Wenn er ein Orakel geben will, so fängt er an, sich auf seinem Sitze zu bewegen; und sogleich heben ihn die Priester in die Höhe. Tun sie es nicht, so fängt er an zu schwitzen und bewegt sich mitten unter die Anwesenden hinein. Sowie sie ihn aber auf die Schultern genommen haben, treibt er sie im Kreise herum und springt von einem auf den andern. Endlich stellt sich ihm der Oberpriester entgegen und fragt ihn alles, worüber man die Antwort des Gottes zu haben wünscht. Will dieser „nein“ sagen, so weicht er zurück; sagt er aber „ja“, so treibt er seine Träger vorwärts mit der Bewegung eines Fuhrmanns, der seine Pferde lenkt. Auf diese Weise veranstalten sie die Orakel, und sie verrichten nichts Heiliges noch Besonderes, ohne ihren Apollo solchergestalt zu Rate gezogen zu haben. Er sagt auch die Beschaffenheit der Jahreszeiten und die verschiedenen Wetterveränderungen vorher; ingleichen bestimmt er die Zeit, wenn das sogenannte „Zeichen“ sich auf den Weg machen muß, um vorbesagtermaßen das Meerwasser abzuholen. Auch darf ich noch etwas nicht unerwähnt lassen, das dieser Apollo in meiner Gegenwart prästierte. Die Priester trugen ihn auf ihren Schultern; auf einmal läßt er sie stehen, wo sie sind, und er selbst schwebt ganz allein in der Luft herum.

[189] Nach dem Apollo steht die Bildsäule des Atlas und hinter dieser ein Merkur und eine Lucina.

Dies ist ungefähr alles, was in dem Innern des Tempels zu sehen ist. Außerhalb desselben steht ein großer eherner Altar und eine unzählige Menge eherner Statuen von Königen und Priestern, wovon ich nur einiger der merkwürdigsten gedenken will. Dem Tempel zur Linken steht das Bild der Semiramis, die mit der rechten Hand auf den Tempel weist. Die Ursache, warum sie hier steht, ist diese: Sie hatte allen Bewohnern von Syrien durch ein Edikt anbefohlen, sie als ihre Göttin zu verehren, dem Dienste der übrigen Götter hingegen, besonders auch dem der Juno, zu entsagen; welches denn auch geschah. Da ihr aber in der Folge allerlei schwere Unglücksfälle, Krankheiten und Schmerzen von den Göttern zugeschickt wurden, kam sie von diesem Wahnsinn wieder zu sich selbst, erkannte und bekannte, daß sie nur eine Sterbliche sei, und befahl ihren Untertanen, sich wieder zur Juno zu wenden. Zum Andenken dieser Begebenheit steht sie nun in dieser Stellung hier, um alle Ankommenden zu Anbetung der Juno anzuweisen und zu bekennen, daß nicht sie, sondern diese eine Göttin sei.

Ferner sah ich hier die Statuen der Helena, Hekuba und Andromache, des Paris, Hektors und Achilles. Ingleichen ein Bild des schönen Nireus, des Sohnes der Aglaja, und Philomelen und Proknen, noch in weiblicher Gestalt, den Tereus aber als Vogel; sodann noch eine andere Statue der Semiramis und die oben erwähnte des Kombabus und ein Bild der Königin Stratonike, von ungemeiner Schönheit, und eines von Alexandern (dem Großen), das ihm sehr ähnlich sieht. Neben ihm steht Sardanapalus, der durch seine weibliche Gestalt und Kleidung sehr von ihm absticht.

In dem Vorhofe des Tempels laufen große Stiere, Pferde, Adler, Bären und Löwen frei herum und weiden, die den Menschen nicht den geringsten Schaden tun, sondern alle heilig und so zahm sind, daß sie sich mit den Händen streicheln lassen.

Es gehören viele Priester zu diesem Tempel, wovon einige die Opfer schlachten, andere den Weihrauch, noch andere das [190] Feuer tragen und wieder andere, Parabomii genannt, allerlei andere Dienste beim Altar verrichten. Ich selbst habe ihrer mehr als dreihundert bei einem Opfer beschäftiget und gegenwärtig gesehen. Sie sind alle weiß gekleidet und mit einer Art von Sonnenhut bedeckt. Der Hohepriester, der alle Jahre einem andern Platz macht, ist allein in Purpur gekleidet und mit einer goldnen Tiare geziert.

Außer den eigentlichen Priestern gibt es hier noch eine große Menge anderer heiliger Menschen, als da sind Trompeter, Pfeifer, Gallen und verschiedene fanatische und wahnsinnige Weibspersonen. Alle Tage wird zweimal geopfert, wobei alles, was zum Tempel gehört, gegenwärtig ist. Bei den Opfern, die dem Jupiter gebracht werden, wird die tiefste Stille beobachtet; sobald aber der Gottesdienst der Juno angeht, fangen sie an zu singen, zu blasen und zu klappern. Warum sie diesen Unterschied beobachten, darüber konnten sie mir keine deutliche Auskunft geben.

Nicht weit von dem Tempel ist ein Teich, worin eine große Menge heiliger Fische von verschiedenen Arten gefüttert werden. Einige davon werden mächtig groß, haben ihre eigenen Namen und kommen herbeigeschwommen, wenn sie gerufen werden. Als ich sie besah, war auch einer darunter, der ein Gewinde von goldnen Blumen um die Floßfedern hängen hatte. Ich sah ihn in der Folge noch öfters und allemal mit diesem Ornat. Der Teich soll sehr tief sein. Ich habe ihn zwar nicht sondiert, aber sie sagen, er sei mehr als zweihundert Klafter tief. Mitten darin erhebt sich ein steinerner Altar. Beim ersten Anblick scheint er zu schwimmen und auf dem Wasser herumzufahren; und das glauben auch viele Leute; mir aber scheint es, er ruhe auf einer großen Säule. Dieser Altar ist immer bekränzt und duftet von Weihrauch, und alle Tage schwimmen ihrer viele hinzu, um ihr Gebet bei ihm zu verrichten und ihn mit frischen Blumenkränzen zu behängen.

Eine der größten Feierlichkeiten, wobei eine unzählige Menge Volks zusammenkommt, ist diejenige, die man die Prozession an den See nennt, weil an diesem Tage alle Götterbilder des Tempels zum See heruntersteigen. Unter diesen kommt die Juno zuerst, um der Fische willen, damit Jupiter [191] sie nicht vor ihr zu sehen bekomme; denn wenn das geschähe, sagen sie, so stünden die Fische alle auf der Stelle ab. Nun kommt er zwar und will sie sehen; aber die Göttin stellt sich ihm entgegen, hält ihn zurück und läßt nicht mit Bitten von ihm ab, bis er wieder umkehrt.

Die größten Solennitäten sind indessen diejenigen, die am Ufer des Meeres bei Abholung des Wassers vorfallen; da ich aber nicht dabei gegenwärtig gewesen bin, so habe ich nichts Zuverlässiges davon zu sagen. Was aber nach ihrer Zurückkunft geschieht, habe ich mit eignen Augen gesehen, und davon kann ich Bericht erteilen. Ein jeder bringt ein Gefäß voll Wassers herbeigetragen, das mit Wachs versiegelt ist. Keinem ist erlaubt, dieses Siegel selbst zu erbrechen, um das Wasser in dem Tempel auszugießen, sondern ein heiliger Hahn, der seinen Aufenthalt an dem Teiche hat, nimmt die Gefäße eines nach dem andern in Empfang, besieht das Siegel, löset den Bindfaden auf und nimmt das Wachs weg; und da ihm ein jeder etwas Gewisses für seine Mühe bezahlen muß, so bringt diese Zeremonie dem Hahn jährlich schweres Geld ein. Wenn dies geschehen ist, trägt jeder sein Wasser in den Tempel, gießt es als eine Libation vor der Göttin aus, bringt sein Opfer dar und reiset wieder nach Hause.

Unter allen ihren Festen aber ist, meines Wissens, das größte dasjenige, so sie unter dem Namen des „Scheiterhaufens“ oder der „Fackel“ zu Anfang des Frühlings feiern. Das Opfer, das sie an diesem Tage bringen, besteht darin: Sie hauen eine Anzahl großer Bäume um und richten sie im Vorhofe des Tempels auf. Sodann werden Ziegen, Schafe und andere zu diesem Ende herbeigebrachte Opfertiere lebendig an diese Bäume aufgehängt; hiezu kommen noch Vögel, Kleidungsstücke, auch alle Arten von goldenen und silbernen Möbeln oder Kleinodien kurz, alles, was der gute Wille der Andächtigen zu einem so solennen Opfer beitragen will. Wenn nun alles fertig ist, werden die Götter in Prozession um die Bäume herumgetragen, man legt Feuer unter die letztern, und in einem Augenblick ist alles in Brand. Zu diesem Feste kommen eine Menge Menschen aus Syrien und allen angrenzenden Gegenden rings umher, und jedermann bringt [192] seine eigenen Götter mit oder vielmehr Bilder, die nach selbigen abgeformt worden, um den Glanz des Festes vermehren zu helfen.

An gewissen gesetzten Tagen strömt das Volk scharenweise dem Tempel zu, um andächtige Zuschauer bei den Mysterien abzugeben, welche die Gallen und andere vorerwähnte heilige Personen begehen, wobei sie sich in die Arme schneiden und einander wechselsweise den Rücken abbleuen, während viele andere, um sie her stehend, unter dem Getön der Flöten und Wirbeln der Trommeln mit großer Begeisterung heilige Lieder dazu anstimmen. Aber das alles wird außerhalb des Tempels verrichtet, und solange sie diese Exerzitien machen, dürfen sie nicht hineingehen.

An diesen Tagen wird auch nicht selten der Orden der Gallen mit Neuangehenden vermehrt. Denn während die andern ihre Orgien begehen, teilt sich ihre Schwärmerei, von dem Getöse ihrer lärmenden Musik noch mehr angefacht, öfters auch den Umstehenden mit, und mancher, der nur als Zuschauer gekommen war, nimmt plötzlich selbst an dem Drama teil und spielt sogar eine Hauptrolle dabei. Ein junger Mensch, den diese Tollheit anwandelt, reißt sich auf einmal die Kleider vom Leibe, springt mitten unter die Gallen hinein, ergreift eines von den kurzen Schwertern, die vermutlich schon von vielen Jahren her zu diesem Gebrauch in Bereitschaft gehalten werden, kastriert sich, läuft, mit dem, was er sich abgeschnitten hat, in der Hand, in der Stadt herum, und in welches Haus ihm einfällt, es hineinzuwerfen, aus demselben muß er mit weiblicher Kleidung und allem, was zum vollständigen Frauenschmuck gehört, versehen werden. Auf diese Weise verfahren alle, die sich die Operation machen.

Die Gallen werden nicht begraben wie andere Leute, sondern wenn einer von ihnen gestorben ist, so packen ihn seine Kameraden auf ihre Schultern und tragen ihn vor die Stadt hinaus; hier legen sie ihn (auf einem dazu bestimmten Platz) samt der Bahre ab, überdecken ihn mit Steinen und gehen dann wieder nach Hause. Nun müssen sie sieben Tage vorbeigehen lassen, bis sie den Tempel wieder betreten dürfen; wer es früher täte, würde eine große Sünde begehen.

[193] Überhaupt haben sie, die Reinigungen wegen verstorbener Personen betreffend, folgende Gesetze: Wer einen Toten angesehen hat, darf an demselbigen Tage nicht in den Tempel kommen, aber den folgenden Tag, wenn er sich vorher gereinigt hat, ist es ihm wieder erlaubt. Die Hausgenossen des Verstorbenen hingegen bleiben dreißig Tage unrein; alsdann müssen sie sich die Haare abscheren lassen, und nun steht ihnen der Tempel wieder offen; aber ohne diese vorhergehende Zeremonie wäre es Entheiligung, wenn sie ihn betreten wollten.

Die Hierapolitaner opfern Stiere und Kühe wie auch Ziegen und Schafe; nur die Schweine werden weder geopfert noch gegessen, sondern sind ihnen ein Greuel, wiewohl einige glauben, es geschehe nicht aus Abscheu, sondern weil dieses Tier heilig sei.

Unter den Vögeln ist das heiligste in ihren Augen die Taube; sie nur anzurühren ist Sünde bei ihnen, und wenn dies einem wider seinen Willen begegnet, so ist er denselben ganzen Tag unrein. Die Tauben machen sich ihre Unverletzlichkeit so wohl zunutz, daß sie bei ihnen wohnen, in ihre Wohnzimmer hineingehen und gewöhnlich ohne alle Furcht ihrer Nahrung auf der Erde nachgehen.

Ich darf nicht vergessen, auch ein paar Worte von den Gebräuchen und Zeremonien zu sagen, die ein jeder Fremder, der den Festen der syrischen Göttin beiwohnen will, zu beobachten hat. Wer zum erstenmal in die heilige Stadt kommt, ist verbunden, sich die Haupthaare und die Augenbrauen abscheren zu lassen. Hierauf opfert er ein Schaf; von dem übrigen Fleische richtet er eine Mahlzeit zu; die abgestreifte Haut aber breitet er auf die Erde aus, setzt ein Knie darauf, legt die Füße und den Kopf des Opfertiers auf sein Haupt und bittet in dieser Stellung die Götter, für diesmal sich sein geringes Opfer gefallen zu lassen, mit dem Versprechen, daß er sich ein andermal besser einstellen wolle. Wenn dies geschehen ist, so bekränzt er sich selbst und alle Personen, die ihn auf dieser Reise begleitet haben, nimmt aber den Kranz wieder ab, wenn er sich wieder auf den Heimweg macht. Auf dieser ganzen Wallfahrt darf er sich zum Baden sowohl als [194] zum Trinken keines andern als kalten Wassers bedienen und nie anders als auf der harten Erde schlafen; es wäre ihm Sünde, ein Bette zu besteigen, bevor er von seiner heiligen Wanderschaft wieder zu Hause angelangt ist. Solang er sich zu Hierapolis aufhalten muß, wohnt er bei einem Wirte, mit dem er nicht bekannt zu sein nötig hat: denn jede Stadt hat hier ihre besondern Gastwirte, die alle ankommenden Bürger derselben aufnehmen müssen. Diese Wirte werden von den Syriern in ihrer Sprache „Lehrer“ genannt, weil sie die Fremden in allem, was sie zu wissen nötig haben, unterrichten.

Der Fremde opfert nicht in dem Tempel, sondern führt das Schlachtopfer bloß vor den Altar, und nachdem er es den Priestern vorgestellt und die Libation verrichtet hat, führt er es wieder lebendig nach seiner Wohnung zurück, wo er es schlachtet und seine Gebete zugleich verrichtet.

Sie haben außer der gewöhnlichen Art zu opfern noch eine andere, die darin besteht, daß sie die bekränzten Opfertiere von einer Terrasse des großen Platzes vor dem Tempel in eine Tiefe herabstürzen, wo sie vom Fall zerschmettert werden. Einige opfern sogar ihre eigenen Kinder auf diese Art; nur mit dem Unterschied, daß sie die Kinder in einen Sack stecken und den Sack alsdann in den Abgrund hinunterwerfen, indem sie ihn mit Verwünschungen begleiten und sagen, es seien keine Kinder, sondern Ochsen.

Es ist ein allgemeiner Gebrauch zu Hierapolis, sich (den Göttern zu Ehren) zu punktieren, die einen auf die Hände, andere im Nacken; und daher kommt es, daß alle Assyrier auf diese Art gezeichnet sind.

Sie haben noch einen andern Brauch, worin unter allen Griechen die von Trözene die einzigen sind, die mit ihnen übereinstimmen.

Es ist nämlich bei den Trözeniern ein Gesetz, vermöge dessen kein Jüngling und keine Jungfrau eher heuraten können, bis sie dem Hippolytus ihre Haare geopfert haben. Etwas Ähnliches ist auch zu Hierapolis eingeführt. Man läßt allen Knaben von Kindheit an die Haare wachsen und betrachtet sie als etwas Heiliges, das keine Schere berühren darf: wenn [195] sie aber das mannbare Alter erreicht haben, schneidet man ihnen eine Locke in dem Tempel ab, und diese wird dann, nebst dem ersten Bart, von den meisten in silbernen, von vielen auch in goldenen kleinen Vasen, worauf der Name des Gebers eingegraben ist, im Tempel aufgehängt. Auch ich habe diese Zeremonie in meiner Jugend mitgemacht, und meine Locke mit meinem Namen muß noch auf diesen Tag im Tempel der syrischen Göttin zu sehen sein.