Von drei Schwänen

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Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: Von drei Schwänen
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 39-42
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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7. Von drei Schwänen.

Es war einmal ein Jäger, der war sehr betrübt, weil ihm seine Frau gestorben war, und gieng oft ganz allein im Walde herum und dachte, ob er wohl noch eine zweite Frau finden möchte, die er eben so lieb haben könnte, als seine erste. Da gieng er einsmals mit seinem Gewehr an der Seite einen ganzen Tag lang immer weiter in den Wald hinein und wußte selbst nicht, wo er hin wollte, und kam endlich an eine Strohhütte. In die trat er hinein und fand darin einen alten Mann, der hatte ein Kreuzbild vor sich liegen. Er grüßte den Mann, worauf derselbe ihn freundlich aufnahm und ihn fragte, was ihn in diese Waldhütte führe? Da klagte ihm der Jäger sein Leid, daß er seine Frau verloren habe und nun so einsam lebe und nicht wiße, ob er wohl noch einmal glücklich sein werde. Sprach zu ihm der Alte: „dieser Noth wird wohl zu helfen sein. Es werden alsbald drei „Schwane“ hieher kommen, die betrachte Dir recht genau! Und wenn sie dann in den Weiher fliegen, so mußt Du heimlich hingehen und ohne daß er es merkt, dem einen Schwan sein Kleid nehmen und gleich damit zurückkommen!“ Und wie der Alte dieß gesagt hatte, da flogen drei schneeweiße Schwäne daher zu der Strohhütte, und nachdem der Jäger sie sich angesehen hatte, flogen sie weiter in einen benachbarten Weiher.

Da schlich der Jäger hin und nahm ganz heimlich den Rock, den der eine Schwan ausgezogen und an’s Ufer gelegt hatte und brachte ihn zu der Hütte des Alten. Als darauf [40] die Schwäne sich wieder anziehen wollten, hatte der eine nur noch sein Hemd, und kam sogleich als eine schöne Jungfrau zu dem Jäger, der ihren Rock hatte, und zog mit ihm in sein Haus und ward seine liebe Frau.

Ehe der Jäger jedoch den alten Mann verließ, sagte ihm derselbe noch: „Du mußt aber das Schwanenkleid sorgfältig vor Deiner Frau verbergen, daß sie es ja nicht wieder findet!“ Das that der Jäger denn auch und so lebte er fünfzehn Jahre lang mit seiner zweiten Frau und sie gebar ihm mehre Kinder, und beide Eheleute waren recht glücklich mit einander.

Da geschah es, daß der Mann eines Morgens ausgieng und zu seiner Frau sagte: „ich komme zum Mittagseßen wieder!“ Und als er fortgieng, sah die Frau ihm nach, und wie er nun im Walde war, gieng sie auf die Bühne, welche der Mann dießmal nicht verschloßen hatte, machte den Koffer auf, worin das Schwanenkleid lag, und zog es an und flog als Schwan wieder davon, weit weit weg. – Als der Mann nun zum Eßen kam, war die Frau verschwunden, und auch seine Kinder konnten nicht sagen, wo sie geblieben war, denn sie hatten nichts von ihr gesehen.

Da begab sich der Jäger wieder in den Wald zu dem alten Mann und klagte ihm sein Unglück, daß er abermals seine Frau verloren habe und nicht wiße, wo sie hingekommen sei. Da sagte der Mann: Du hast das Kleid nicht gehörig verwahrt; das hat sie gefunden und ist damit fortgeflogen.

[41] „Ach, sagte der Jäger ganz traurig, ist es denn gar nicht mehr möglich, daß ich sie noch einmal wieder bekomme?“

„Möglich ist es wohl, sprach der Alte; aber jetzt ist es gefährlich; es kann Dir leicht das Leben kosten.“ Der Jäger aber wollte ja gern Alles für seine Frau thun und so sagte ihm der Alte: „Du mußt zuerst suchen, in das Schloß zu kommen, wo Deine Frau jetzt lebt, und das wird am besten so gehen: sie hält Esel, die jeden Tag von einem Müller Mehl holen; da geh also zu dem Müller und bitte ihn, daß er Dich in einen Mehlsack steckt. Das Weitere wirst Du dann schon von Deiner Frau erfahren.“ – Darauf begab sich der Jäger zu dem Müller und beredete ihn und ließ sich in einen Sack stecken und von einem Esel weit weg in ein prächtiges Schloß tragen, und wie er dort ankam, fand er auch sogleich seine Frau daselbst, und da konnte Niemand eine größere Freude haben als sie, und sie dankte ihrem Manne herzlich, daß er gekommen sei, um sie zu erlösen. Sie sagte ihm aber: „ehe wir glücklich mit einander leben können, mußt Du mit drei Drachen, die hier sind, kämpfen; sie werden an drei Tagen in verschiedenen Gestalten zu Dir kommen und Dich eine Stunde lang peinigen und quälen; aber wenn Du es aushältst und keinen Laut von Dir gibst, so können sie Dir nichts anhaben und ich werde frei; redest Du aber nur ein einziges Wort, so werden sie Dich umbringen.“ Da versprach ihr der Jäger, daß er sie gewißlich erlösen wolle.

Darauf kamen am ersten Tage drei mächtige Schlangen und wanden sich dem Jäger um die Füße, daß er nicht [42] aus und nicht ein konnte, und quälten ihn eine ganze Stunde lang. Weil er’s aber still ertrug, giengen sie fort, ohne ihn zu beschädigen. Am folgenden Tage kamen die Drachen als „Krotten“ (Kröten) und schoßen in Einem fort feurige Kugeln auf den Jäger ab, daß es schier nicht mehr zum Aushalten war; aber er hielt es doch aus und gab keinen Laut von sich, so daß sie nach einer Stunde ihn wieder verließen. – Am dritten Tage endlich kamen sie wieder als ungeheure Schlangen und nahmen den ganzen Jäger frei in ihren Rachen, daß es ihm höllenangst wurde und er meinte, er müße schreien und könne es nicht länger ertragen; aber aus Liebe zu seiner Frau ertrug er’s doch. Und als die dritte Stunde nun um war, da standen plötzlich statt der drei Schlangen drei vornehme Frauen da. Das waren die drei verwünschten Schwäne, die er jetzt mit einander erlöst hatte; und die blieben nun auch bei ihm und bei seiner Frau in dem Schloße, und Alle lebten in Frieden und Freude beisammen und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch.

Anmerkung des Herausgebers

[302] 7. Von drei Schwänen. Mündlich aus Bühl. In Grimm’s Kinder-Märchen entspricht im Allgemeinen Nr. 49, die sechs Schwäne; bei Wolf, deutsche Hausmärchen, S. 217, von der schönen Schwanenjungfer. In 1001 Nacht die Geschichte Asems und der Geisterkönigin, Nacht 455-457 der deutschen Uebersetzung von Habicht und Hagen.