Von drei großen Zauberern

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Autor: Rudolph Löwenstein
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Titel: Von drei großen Zauberern
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 296–297
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[296]
Von drei großen Zauberern.
Eine räthselhafte Geschichte.       Von Rudolf Löwenstein.

Ein großer Zaubrer ging einmal
Auf Wanderschaft durch Berg und Thal,
Trug eine Mappe in der Hand
Und einem Hut mit breitem Rand,

5
      Von Schlangenkraut umschlungen;

Von seinen Wundern ist die Mähr
Durch’s weite, weite Land umher
      Auch bis zu mir gedrungen.

Das muß doch wohl ein Zaubrer sein:

10
Er fängt die Sonnenstrahlen ein,

Er holt mit seinem Zauberstab
Vom Himmel Mond und Steril’ herab
      Und kann die Wolken haschen.
Er greift, und macht sich nicht ’mal naß,

15
Den Wasserfall und steckt ihn baß

      In seiner Mappe Taschen.

Ihm ist zu hoch kein Alpenschnee,
Kein Strom zu wild, zu tief kein See;
Wo er sich setzt auf grüner Flur,

20
Da braucht er seine Taschen nur

      Ein Weilchen aufzuklappen,
Dann nimmt sein Stäbchen er geschwind,
Und Wald und Felder, Schaf und Rind –
      Husch! sitzen sie in der Mappen!

25
Was auf der schönen Gotteswelt

An Land und Leuten ihm gefällt,
Sei es des Königs Prunkgemach,
Sei es des Bettlers niedres Dach,
      Sei’s Ritter oder Knappe –

30
Er schwingt sein Stäbchen – Eins, Zwei, Drei –

Und fertig ist die Zauberei
      Er steckt sie in die Mappe.

Der Reiter auf behendem Roß,
Im Sturmesschritt der Krieger Troß,

35
Der Aar in pfeilgeschwindem Zug

Sind sicher nicht im schnellsten Flug
      Vor seiner Zauberklappe,
Der Hirsch im Sprunge, Schwalb’ und Spatz,
Auf hohem Dach die schwarze Katz –

40
      Sie müssen in die Mappe.


Die Rose sammt dem Falter d’ran –
Er lockt sie mit dem Stab heran.
Die Blumen rings in Wald und Au
Mit all’ den tausend Tröpfchen Thau,

45
      Die an den Blättern hangen,

Das Bienchen, das im Kelch sich stärkt,
Sie alle sind, eh’ sie’s bemerkt,
      Vom Zauber schon gefangen.

Und wo da scherzt ein glücklich Paar –

50
Sein scharfer Blick nimmt gleich es wahr.

Ihr Kinder all’ mit feur’gem Blut
Und feur’gem Aug’ – seid auf der Hut,
      Daß er euch nicht ertappe!
Ihr Mägdlein, hold von Angesicht –

55
Euch hilft kein Flieh’n, noch Sträuben nicht –

      Ihr müßt in seine Mappe!

Der Zaubrer also ging einmal
Auf Wanderschaft durch Berg und Thal,
Er hatte auf seinem kurzen Gang

60
Gethan schon manchen guten Fang

      Und wollte zur Rast sich legen.
Wollt’ träumen einen Zaubertraum,
Da kam vom nahen Waldessaum
      Ein Wandrer ihm entgegen.

65
Der Fremdling, der des Weges kam,

Sah aus gar fremd und wundersam;
Er trug ein Büchlein in der Hand
Und einen Hut mit breitem Rand,
      Von grünem Band umwunden,

70
Ein Sträußlein d’rauf mit Edelweiß,

Das ihm auf hoher Alm mit Fleiß
      Die Sennerin gebunden.

„Grüß Gott,“ sprach er, „seid Ihr der Mann,
Der Alles schier verzaubern kann?“

75
Der Zaubrer spricht mit lust’gem Sinn:

„Mein lieber Fremdling, ja, ich bin
      Der Herr von Licht und Schatten;
Die halbe Welt schon trag’ ich schier
In meiner Mappe – doch wer seid Ihr?

80
      Wollt mir die Frage gestalten.“


Der Fremdling spricht und lacht dazu:
„Ich bin ein Zaubrer, just wie Du,
Wie Du zieh’ ich von Land zu Land,
Und selbst zu fernster Meere Strand

85
      Trägt mich ein Zaubernachen,

Und zog’ zum Nordpol ich hinaus –
Wohin ich komm’, bin ich zu Haus –
      Ich kenne alle Sprachen.

Ich weiß, was in der Tanne dicht

90
Holztäubchen mit dem Tauber spricht,

Was aus des Finken Ruf erklingt,
Was hoch im Blau die Lerche singt
      Und was die Drosseln schlagen.
Was Elster und Kiebitz im Moor,

95
Und was der Sperling schwatzt im Rohr –

      Ich kann’s genau Dir sagen!

[297]

Ich weiß, was mit der Sehnsucht Schall
Im Dickicht klagt die Nachtigall,
Und was die Falter flüstern sacht,

100
Wenn aus den Kelchen um Mitternacht

      Entsteigt der Blumen Seele.
Denn merke, wenn Du’s noch nicht weißt:
In jedem Blümchen steckt ein Geist –
      Der steht mir zu Befehle.

105
Der Stift, den ich als Zauberstab

Hier in dem kleinen Büchlein hab’,
Ist an geheimen Kräften reich;
Er öffnet mir den Berg sogleich
      Und kann den Felsen brechen.

110
Er flößt dem Todten Leben ein,

Und wenn ich will, muß dieser Stein
      Vertraulich mit mir sprechen!

Was in des Windes Säuseln rauscht –
Nur ich versteh’s, ich hab’s erlauscht!

115
Und wenn aus mondbeglänztem See

Sich hebt die bleiche Wasserfee,
      Umtanzt von den Libellen,
Dann hör’ ich, was von Lieb’ und Leid
Und von smaragdner Herrlichkeit

120
      Erzählen rings die Wellen.


Ich höre, wenn am Himmel fern
Erglänzen heimlich Stern um Stern,
Manch’ still Gebet’ die Luft durchzieh’n;
Mir ward von Gott die Kunst verlieh’n,

125
      Die Herzen zu ergründen.

Und was da lebt an Leid und Lust
Und Hoffnung in der Menschenbrust –
      Ich weiß es Dir zu künden!“

Der erste Zaubrer nun begann:

130
„Reich’ mir die Hand! Du bist mein Mann!

Komm, laß uns wandern jetzt selband!
Ich fange für Dich in jedem Land
      Das Schönste mit meinem Stabe;
Doch Du lehrst mich der Stimmen Schall

135
Und lehrst erkennen mich das All

      Mit Deiner Wundergabe!“

Als sie nun zogen durch den Tann,
Da kam ein dritter Wandersmann.
An seinem Arm ein hölzern Ding,

140
Bespannt mit blanken Saiten hing,

      Und aus dem Hütlein droben
Ein frisches Sträußlein saß gar kühn,
Aus Maßlieb und ans Immergrün
      Von schöner Hand gewoben.

145
„Grüß Gott, Ihr Herr’n! Gebt nur Bescheid,

Ob Ihr die großen Zaub’rer seid,
Bekannt im Volke rings umher,
Genannt mit hoher Scheu und Ehr’,
      Der seltnen Wunder wegen?

150
Ihr seid’s! Gesegnet sei die Stund’!

Nehmt mich als Dritten auf im Bund
      Ich grüß’ Euch als Collegen!

Kennt Ihr mich nicht? – Mit meinem Stab
Hol’ ich der Sphären Klang herab,

155
Und trag’ in frommer Menschen Chor

Zum Himmel wieder ihn empor,
      In Tönen rein und helle,
Geb’ Flügel auch dem Menschenwort:
Es fliegt zum Lichte fort und fort,

160
      Gewiegt aus lust’ger Welle.


Was dort am Rad die Spinn’rin singt,
Was an des Kindleins Wieg’ erklingt,
Was klagend tönt aus Thales Grund,
Und was in froher Zecher Rund’

165
      Ertönt beim Saft der Trauben,

Und was beim gold’nen Erntekranz
Die Schnitter ruft zum lust’gen Tanz –
      Mein Werk ist’s, könnt’ mir’s glauben!“

Der zweite Zaub’rer spricht: „Ist’s wahr?

170
Ein Zaub’rer Ihr? – ’s wär’ wunderbar!

Noch nie gescheh’n ist sicherlich,
Daß drei gewalt’ge Zaub’rer sich
      Getroffen so auf Reisen!
Erlaubt mir nur die Frag’, ich bitt’,

175
Wenn Ihr ein Zaub’rer seid – womit

      Wollt Ihr uns das beweisen?“

„Womit? Dein Zweifel macht mir Spaß.
Womit? Nichts leichter doch als das! –
      Will Euch, Ihr Herren, mit Vergunst

180
Sogleich ein Pröbchen meiner Kunst

      Und meiner Wunder zeigen!
Gieb mir das Lied, das Du erdacht
Zum Himmel soll’s sogleich mit Macht
      Gleich einem Vöglein steigen!“

185
Und seht! er rührt der Cither Gold –

Da steigt ein Liedlein, wunderhold,
Empor, als wär’s ein Vögelein,
Und singt frisch in die Welt hinein
      Bald mächtig laut, bald leise.

190
Zu gold’nen Tönen schwillt der Text –

Die Zaub’rer selbst steh’n wie behext
      Und lauschen der Sangesweise.

Und endlich singen alle Drei
Entzückt die liebliche Melodei,

195
Und Alles lauschet – Baum und Bach,

Der Felsen lauscht und singt es nach
      Das Liedlein frisch und heiter,
Die Vöglein lauschen im Neste all’
Und tragen den wonnigen Wiederhall

200
      Von Gipfel zu Gipfel weiter. –


Wo mögen wohl – so fragt Ihr nun –
Die Zaub’rer solche Wunder thun? –
Habt Acht! ich mach’ es Euch bekannt!
Der Erste malt sie auf Leinewand,

205
      Der Zweite schreibt Gedichte,

Der Dritte ist ein Musicus!
Mein Liedlein aber ist am Schluß – –
      Das ist die Zaubergeschichte.