Von einem vollkommenen Bürgermeister

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Textdaten
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Autor: Otto Beneke
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Titel: Von einem vollkommenen Bürgermeister
Untertitel:
aus: Hamburgische Geschichten und Sagen, S. 152–155
Herausgeber:
Auflage: 2. unveränderte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Perthes-Besser & Mauke
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Erscheinungsort: Hamburg
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Quelle: Google, Commons
Kurzbeschreibung:
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[152]
62. Von einem vollkommenen Bürgermeister.
(1466–1481.)

Das war Herr Hinrich Murmester, ein Hamburger von ächtem Schrot und Korn alten Gepräges, von ehrbaren Eltern zur Gottesfurcht, Rechtschaffenheit und zu jeder männlichen Tugend und Tüchtigkeit erzogen. Wegen seiner vorzüglichen Geistesgaben wurde er ein Gelehrter, und studirte in Erfurt und Padua Weltweisheit und Rechtswissenschaft. Ao. 1464 wurde er in den Rath zu Hamburg gekoren, und schon zwei Jahre darnach, vermöge seiner besondern Würdigkeit, zum Bürgermeister. Welches Amt er ruhmvoll bekleidet hat, bis er am 9. April 1481 zu seinen Vätern versammelt worden ist.

Das war ein Mann! Jeder Zoll ein Bürgermeister! „Ex utroque Consul,“ sagt der Geschichtschreiber Steltzner von ihm; denn er war nicht nur ein Doctor der Philosophie und der Jurisprudenz, ein weiser und kluger Staatsmann, [153] sondern er war auch ein tapferer kühner Kriegsmann und besonnener Heerführer, und hat des Staatsschiffes Ruder in Krieges- wie in Friedenszeiten gleichmäßig zu Hamburgs Wohlfahrt und Ruhm zu lenken verstanden.

Zuvörderst, welch’ ein weiser und kluger Staatsmann er gewesen, davon hat er den besten Beweis gegeben, als durch sein Verdienst der Hansen Krieg gegen England zu Ende gebracht und (1474) der preisliche Utrechter Frieden abgeschlossen wurde. Und auf allen Hansatagen, die von 1466 bis 1478 in Lübeck oder andern Orten gehalten wurden, vertrat jedesmal Herr Murmester unsere Vaterstadt aufs Beste und war im Hansischen Rathe der angesehenste Stimmführer.

Zum Andern, von seinen kriegerischen Thaten finden wir in den Chroniken um 1472 ein Beispiel angedeutet. Damals hatten nämlich die Schleswig’schen und Holsteinischen Marschländer, unter Henning Wulf, Unruhe und Aufruhr wider König Christian von Dänemark erregt und hatten dessen rebellischen Bruder, den Grafen Gerhard von Oldenburg um Beistand gebeten, der auch in Husum gelandet war, Blockhäuser bauete und große Kriegesanstalten traf. Der König hatte sich eilends gerüstet und die Hamburger zu Hülfe gerufen, zu deren Wehrhaftigkeit und kriegserfahrnen Tapferkeit er sich viel Gutes versah. Rath und Bürger waren bereit, rüsteten ein starkes Heer Fußvolk und Reiter, und ernannten den Bürgermeister Hinrich Murmester zum obersten Hauptmann. Und mit diesen tapfern Hülfstruppen, die unter ihrem mannhaften Anführer herrliche Thaten verrichteten, schlug der König seine Widersacher aufs Haupt, daß sie sich fortan nicht ferner gerührt haben.

Zum Dritten ist Herr Murmester aber auch ein gar frommer, wohlthätiger Bürgermeister gewesen, der den [154] armen Leuten viel Gutes erzeigt hat, indem er sie für seine leiblichen Kinder achtete, da seine Ehe mit Elisabeth Pott einzig in solchem Betracht nicht gesegnet war. Barmherzigkeit ist der schönste Schmuck eines jeden Regenten, er sei Fürst oder Bürgermeister. Darnach that Herr Murmester, und hat noch letztwillig milde Vermächtnisse gestiftet, die sein Andenken schon deshalb auf uns gebracht hätten, wenn er nicht auch sonst ein „vullenkamener Borgermester“ gewesen wäre. Er hat legirt: dem ältesten Bürgermeister-Amte (zu mehreren Ansehens desselben) ewige Renten zu täglichen Brodtspenden an Hausarme, auch jährliche Roggengefälle an die Dürftigen im Hospitale zum heiligen Geiste; ferner Renten zu Seelmessen und zu Spenden an die Geistlichen und Schulmeister der Kirche zu St. Nicolai, und eine jährliche Mahlzeit für 30 Scholaren der St. Nicolai-Schule, wobei ein Viertel vom Ochsen, ein ganzes Lamm, Brodt und eine halbe Tonne guten Biers verzehrt werden sollten.

Zum Vierten ist Herr Murmester, selber ein gründlicher Gelahrter in mehr als einer Facultät, auch ein die Wissenschaften befördernder Bürgermeister gewesen, daher er auch letztwillig seine sämtlichen Bücher der durch ihn mitbegründeten Stadt-Bibliothek vermacht hat.

Zum Letzten ist Herr Murmester bei allem Ernste seiner Amtswürde doch auch ein frohmüthiger Bürgermeister gewesen, der aller ehrbaren Ergötzlichkeit sich niemals abhold bezeigt hat. Und weil er gern im Kreise seiner Freunde und Amtsbrüder Gottes Gaben fröhlich genoß, so stiftete er für den Rath dieser Stadt eine jährliche vergnügte Mahlzeit am St. Hieronymus-Tage, zu welcher, „damit die Gesellschaft desto lustiger sei,“ der Pfarrherr zu St. Nicolai ein- für allemal geladen war. Solche Mahlzeit ist viele Jahre hindurch gehalten worden, hernach aber ist das Capital mit andern [155] ähnlichen Vermächtnissen zu Mag. Joh. Reineke’s Stiftung gekommen, daraus bekanntlich E. E. Raths Wittwen getröstet werden, was doch auch dazu dient, die Mahlzeiten der noch lebenden Herren zu erheitern.

Das war also Herr Dr. Hinrich Murmester, den man mit Recht einen „vullenkamenen Borgermester“ nennen konnte, weil er in jedem Betracht tüchtig zum Regimente war. Solcher Männer hat’s in Hamburg von jeher viele gegeben, im Rathsstuhle und außerhalb, wie wäre sonst, trotz aller Zeitläufte Ungunst und Gefährdung, die Freiheit der Väter bewahrt, und aus deren Erbe eine so reiche, mächtige Stadt erblüht?

Anmerkungen

[381] Geschichtlich. Wilckens Ehrentempel S. 8. Das Testament bei Staphorst, IV. 432. – Nach dem Murmester’schen Stammbaum auf dem Archiv hatte des Bürgermeisters Mutter, Hilleke oder Hildegundis, aus zweiter Ehe einen Sohn, Jasper Frauenengel, der leider nicht die damals lebende Jgf. Mandüwel heirathete, sondern als Vicar im Cölibat starb.