Vor dem Maskenball

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Titel: Vor dem Maskenball
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 100
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
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Kunstbeilage


[100] Vor dem Maskenball. (Zu unserer Kunstbeilage.) Träumerisch blickt sie noch einmal in den Spiegel, aber nicht mehr auf die Anordnung ihrer Toilette bedacht. Sie denkt an ihn, sieht im Geiste seine Gestalt, die geliebten Züge des Mannes, den sie heute auf die Probe stellen will, aus die letzte. Wenn er die noch besteht, dann soll er ihr Jawort erhalten. Ach, wie gern hätte sie seine Werbung schon früher damit erwidert - aber durfte sie ihm trauen? Hatte er nicht vorher so vielen anderen Mädchen den Hof gemacht? War er wirklich frei von Flattersinn, er, der verwöhnte beste Walzertänzer der „Harmonie“? Hatte ihre beste Freundin ihr nicht noch neulich beim Nachhausegehen ins Ohr geflüstert: Nimm Dich vor dem in acht - er ist ein Schmetterling! Heute will sie erproben, ob die Freundin recht hat mit ihrem Verdacht. Gerade mit ihr hat sie sich verabredet, den Maskenball im Schutze der guten immer lustigen Tante zu besuchen. Ganz heimlich - ganz inkognito. O, sie will sich schon schlau anstellen, das; sie sein Wesen ergründet. Und erkennen soll er sie gewiß nicht! … So redet sie sich ein. Aber ob die Liebe nicht dennoch es fügt, daß die ernste Träumerin, wenn sie erst am Arm des geliebten Mannes durch das Maskengedränge dahinschreitet, sich diesem längst vor der allgemeinen Demaskierung zu erkennen giebt – trotz Maske und Domino?

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