Vorbericht zu den Duetten op.2

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Textdaten
Autor: Johann Joachim Quantz
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Titel: Vorbericht [zu den Duetten op.2]
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Erscheinungsdatum: 1759
Verlag: Winter
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel: Sei Duetti a due Flauti traversi
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Quelle: Eigenscans bei jpg bei commons
Kurzbeschreibung: Aufführungspraktische Hinweise des Komponisten zu seinen sechs Duetten für zwei Flöten traversiere op.2
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Quantz Vorbericht 1759 Seite 1.jpg
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[I]
Vorbericht.

Wären Duette für zwey Instrumente geschickter einen großen Musiksaal auszufüllen, als sie es wirklich sind; und könnten sie in einer zahlreichen musikalischen Versammlung eine bessere Parade machen als diese, daß sie etwan nur eine vollständige Harmonie mit einer schwachen abwechseln: so würden vielleicht mehrere Componisten Lust haben, dergleichen, und wäre es auch nur zu ihrer Uebung im doppelten Contrapuncte, zu setzen, und mehrere Liebhaber der Musik, solche vermeynte kleine Pedantereyen zu spielen. Und doch haben die Duette gewisse, ihnen eigene Vorzüge, und ihren besondern Nutzen. Es können sich nicht allein zweene Liebhaber, wenn sie keine zahlreiche Begleitung bey der Hand haben, damit auf eine angenehme Art unterhalten, weil sie beyde, auf diese Art, eine in ihrer Art vollkommene Musik besetzen können: sondern es können auch Anfänger in der Musik aus fleißiger Uebung in wohlgesetzten Duetten einen großen Nutzen ziehen.

Man wird dadurch erstlich in der richtigen und genauen Beobachtung der Geltung der Noten, und des Tacts überhaupt sicher, indem man immer eine concertirende Nebenstimme höret, die mehrentheils eine Gegenbewegung führet. Man bekömmmt ferner dadurch nach und nach einen Geschmack an den Wirkungen der Harmonie, und an Sätzen die gegen einander binden, und sich einander nachahmen: und dieses um so viel mehr, weil man immer die Harmonie die zum Duett nöthig ist, ganz zusammen höret. Man bereitet sich endlich dadurch vor, eine jede Stimme, welche nicht mit andern immer in einerley Bewegung geht, sondern für sich allein, gegen eine verschiedene Bewegung anderer Stimmen, Stand halten muß, mit Sicherheit und Genauigkeit vorzutragen; und wird folglich hernach, bey Ausführung doppelter und mehrfacher Concerte, desto weniger Schwierigkeit finden.

Alle diese nothwendigen Vortheile können weder durch eine bloße Uebung in kleinen Stücken, wo nur eine einzige herrschende Melodie ist, noch auch in Concerten und Solos erhalten werden.

Die kleinen Galanteriestückchen schmeicheln zwar dem Gehör eines Liebhabers im Anfange mehr: aber wie bald wird man ihrer, wegen allzugroßer Leichtigkeit und Einförmigkeit nicht überdrüßig? Die Concerte und Solos sind mehrentheils mit schweren und langen Passagien angefüllet, welche auszuführen ein Anfänger noch nicht fähig ist. Ueber dieses werden beyde, wenn man sie studiret nur einstimmig gespielt, und das Gehör folglich an keine Harmonie gewöhnet; woran doch einer, der ein Musikus seyn oder werden will, nicht früh genug sich gewöhnen kann. Man setzet sich, wenn man sich allzuzeitig über Concerte und Solos hermacht, in Gefahr, im Tacte unsicher, und im Vortrage ungleich und höckerig zu werden. Man kann sich leicht entweder an das Eilen oder an das Nachschleppen gewöhnen; man wird des richtigen Vortrags der Bindungen nicht so bald inne: und das alles deswegen, weil man keine Gegenbewegung in einer andern Stimme, oder wenn auch ja der Meister eine andere Stimme mit spielet, doch bey dem Concerte nicht die ganze Harmonie, und bey dem Solo oft nicht Bewegung genug höret, um dadurch fest im Tacte erhalten zu werden. Und wenn man ja endlich ein Concert mit Angst und Noth auswendig gelernet hat; so wird man doch hernach, wenn man es mit der völligen Begleitung spielen will, sich gleichsam in ein ander Land versetzet zu seyn dünken.

Alle diese Unbequemlichkeiten fallen aber weg, wenn man sich eine Zeitlang in Duetten geübet hat. Alsdenn kann man, mit viel leichterer Mühe, auf die dadurch gelegten Gründe eines guten und richtigen Vortrages, noch das übrige was an Geschwindigkeit, an willkührlichen Auszierungen, und dergleichen, nöthig seyn möchte, bey Uebung der Concerte und Solos, bauen.

[II] Die Gelegenheit die man im Duett auch immer hat, entweder einen schon von dem andern vorgespielten Satz nachzumachen, oder dem andern damit vorzugehen, giebt nicht wenige absonderlich einem Anfänger, ein eigenes Vergnügen, und feuert seine Aufmerksamkeit sehr an. Es wird dabey nicht übel gethan seyn, wenn man wechselsweise bald die erste, bald die zweyte Stimme spielet.

Trios haben zwar auch zwo concertirende Oberstimmen, würden also die Stelle der Duette vollkommen vertreten können. Allein da man doch beym Studiren unmöglich die Grundstimme dabey haben kann: so ist auch hier, wenn der Baß fehlet, die Harmonie nicht vollständig.

Es bleibt also dabey, daß Duette, zur Erlernung der Musik die bequemsten und nützlichsten Stücke sind. Die Erfahrung bezeuget es an denen, welche im Anfange eine geraume Zeit nur zu Duetten, obgleich manchesmal zu ihrem Verdrusse, sind angehalten worden, zur Gnüge. Wie leicht sind ihnen nicht nachher jede andere Stücke geworden. Die gründlichsten Virtuosen im Singen haben gleichfalls jederzeit einen großen Theil ihrer Fertigkeit und Sicherheit im Vortrage, nicht den Arien, sondern den Duetten zu danken gehabt. Ob nun gleich die Singduetten, wegen Beförderung einer sichern Intonation, allezeit ihre eigene Grundstimme erfodern, und auch bey der Uebung leichter als Instrumentalduette haben können, folglich als Trios anzusehen sind: so kommen sie doch in Ansehung des bindenden und concertirenden Gesanges mit jenen gänzlich überein.

Doch, vielleicht möchte es manchem scheinen, als wenn ich über eine vermeynte Kleinigkeit, ein Duett für zwo Flöten oder dergleichen Instrumente, allzuviel Aufhebens gemacht hätte. Wie aber, wenn ich nun zeigte, daß eben die Duette, so wie ihre besondere Vortheile zu Bildung guter Ausführer, also dabey auch, ihre besondere Schwierigkeiten, bey ihrer Verfertigung hätten?

Es ist wahr, es giebt eine Art Duette, wo beyde Stimmen vom Anfange bis zum Ende fast nichts anders als Terzen und Sexten mit einander daher spielen: und die sind nichts weniger als schwer zu setzen. Allein, wem nur z. E. Herrn Capellmeister Telemanns Flöten-Duette bekannt sind, der wird leicht einsehen, daß ich von jener Art gar nicht geredet habe.

Ein Duett, so wie ich es hier voraus setze, muß 1) auch bey zwo Stimmen doch immer seine richtige Grundstimme, entweder in der einen oder der andern Stimme haben. Weit gefehlt, daß noch ein Baß dazu nöthig wäre: so darf nicht einmal einer, ohne Zwang, dazu gesetzt werden können. In einem Trio hingegen kann, ja muß bisweilen der Baß, wenn er nicht faul seyn soll, etwas den Oberstimmen fehlendes ausfüllen. Aus dieser Ursache aber kann man im Duett einige, eigentlich baßmäßige Gänge nicht allezeit vermeiden. Doch müssen sie sich so selten als möglich ist melden. Weil bey einem zwostimmigen Stücke die Nachahmungen und Abwechselungen der Sätze am leichtesten vernommen werden können: so gehören diese auch 2) am allermeisten hier her; ja sie sind hier am nothwendigsten, wenn man nicht alsobald ins einfältige und abgeschmackte fallen will. Diese Nachahmungen müssen 3) in der äussersten Richtigkeit stehen; sie mögen seyn in was für einem Intervalle sie wollen. Doch sind die in der Oberquinte, in der Unterquarte oder im Einklange die bequemsten. Eine Stimme muß so viel davon bekommen als die andere: so daß immer eine der andern den Satz gleichsam aus dem Munde zu nehmen scheint. 4) Wenn eine Fuge ausgeführet werden soll: so versteht sich von sich selbst, daß der Hauptsatz nach den Regeln des doppelten Contrapuncts so eingerichtet werden muß, daß er einen gefälligen Gegensatz über und unter sich leidet. Der Hauptsatz muß so viel als möglich ist, so wie in allen Fugen, also auch hier, wechselsweise in der einen Stimme so oft als in der andern, doch in verschiedenen Tonarten, vorkommen. Kurz, es müssen alle Regeln [III] der zweystimmigen Fuge beobachtet werden. 5) Eine allzuöftere Anbringung des Hauptsatzes aber, würde in die Länge ekelhaft werden. Man muß also auf gute Zwischengedanken bedacht seyn. Diese müssen vor allen Dingen gefällig, doch dabey immer kurz seyn. Sie können sowohl aus concertirenden als aus Terzen- und Sextengängen bestehen. Nur dürfen sie nicht gar zu Trompetenmäßig heraus kommen. Ueberhaupt schicken sich die Gänge in Terzen und Sexten mehr ins Adagio als ins Allegro; sie sind schmeichelhafter als die contrapunctischen. Eine geschickte Abwechselung mit beyden wird die beste Wirkung thun. 6) Lange und viele Pausen dürfen im Duett nicht oft vorkommen, ausser vor dem Anfange eines neuen Gedankens, wenn dabey kein Gegensaz angebracht wird. 7) Es darf kein neuer Gedanke angebracht werden, der nicht in der Folge an einem bequemen Orte wiederholet werden könnte. Es ist nichts leichter als einen Mischmasch von vielen neuen Gedanken, die sich nicht auf einander beziehen, zusammen zu schreiben. Aber kann wohl irgend etwas ohne Ordnung schön seyn? Ich glaube, daß man mir nun einräumen wird, daß es eben keine so leichte Arbeit sey ein gutes Duett zu setzen.

Im übrigen überlasse ich es den Kennern dieser Art von Musik, zu untersuchen, wie weit ich diesen auf Vernunft und Erfahrung gegründeten Regeln, welche ich mir selbst vorgesetzt habe, nachgekommen bin. Ich weis fast nicht ob es einmal nöthig ist, zu sagen, daß die hierbey folgenden sechs Duette, ob sie gleich eigentlich für zwo Flöten traversieren gesetzet sind, dennoch auch auf einigen andern Instrumenten ausgeführet werden können. Z. E. Auf einer Flöte, und einer gedämpften Violine, oder einer Viola da Gamba; Auf zwo Violinen; auf zwo Hoboen, einen Ton tiefer; auf zwo Flöten a bec, eine kleine Terze höher. In eben dieser Transposition, nämlich um eine kleine Terze höher, können sie auch auf zween Fagotten, auf zwo Bratschen, und auf zween Violoncellen gespielet werden. Wer aber die höhern Töne (das mezzo manico) auf der Bratsche oder auf dem Violoncell nicht in der Gewalt hat, der kann sie in der Tonart spielen, worinn sie gesetzet sind. Wenn man sie eine Octave tiefer spielet, und dazu zwey vierfüßige am Klange verschiedene Register anzieht, sollten sie vielleicht auch auf der Orgel mit zwey Clavieren gehöret werden können. Man kann sie nicht weniger auf einem Flügel mit zwey Clavieren versuchen. Ueberhaupt thun Duette, so wie auch Trios, auf zwey Instrumenten von verschiedener Art, eine bessere und vernehmlichere Wirkung als auf einerley Instrumenten.

Sollten endlich diese Duette einigen Liebhabern der Flöte zu schwer vorkommen; so rathe ich diesen, dieselben in einem gemäßigten Zeitmaaße mit Fleiß und Geduld zu studiren. Mit, vielen willkührlichen Zusätzen und Veränderungen dürfen sie sich ohnedem nicht bemühen: denn dergleichen vertragen diese Duette nicht gern. Ich hoffe, daß man dessen ungeachtet am Ende keine Ursache haben wird, sich der darauf gewendeten Mühe reuen zu lassen. Sie werden einem gewiß endlich ganz leichte vorkommen. Wem aber im Gegentheil diese Stücke schon beym ersten Anblicke zu leicht scheinen möchten, der beliebe zu bedenken, daß die Schönheit des Spielens nicht sowohl in schweren Passagien, als vielmehr, und zwar vornehmlich, in einem deutlichen, reinen, und der Sache gemäßen Vortrage bestehe. Wer dieses genau beobachten will, der wird finden, daß ein jedes Stück seine eigenen Schwierigkeiten hat.

Ich bin

meiner geneigten Leser
ergebenster Diener
Quanz.

Berlin,
am 2 May
1759.

Anmerkungen (Wikisource)

1759 ließ Quantz seine „Sei Duetti a due Flauti traversi. Opera seconda. Berlino, G. L. Winter“, in Hochfolio erscheinen. Walsh in London gab sie unter dem Titel: „6 Sonatas for 2 germain Flutes or 2 Violins, op. 2“ heraus. „Sie schließen sich in Form, Ausdruck und Behandlung eng den Soli opus 1 an, zeigen aber Quantz’ contrapunctische Geschicklichkeit und leichte Erfindungsgabe in noch hellerem Lichte, da ihm hier nur das dürftige Material von 2 Flöten geboten war (ohne Baß) und er dennoch das Interesse des Hörers und Spielers stets zu fesseln weiß.“ (Robert Eitner, ADB:Quantz, Johann Joachim, Seite 24).

Es handelt sich um sechs Sonaten für 2 Flöten zu je drei Sätzen.

  • 1. G-Dur. Allegro. Larghetto. Presto.
  • 2. a-moll. Allegro assai. Andantino. Presto.
  • 3. h-moll. Allegro. Larghetto, alla Siciliana. Tempo di Minuetto ma Grazioso.
  • 4. C-Dur. Allegro. Affettuoso. Presto.
  • 5. D-Dur. Allegro. Mesto. Allegro di molto.
  • 6. e-moll. Grave – Alla breve, ma Presto. Cantabile. Piu tosto vivace (Canone infinito).

Französische Ausgabe, Berlin 1759, Winter IMSLP