Vorrede zur sechsten Sammlung

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Textdaten
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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Vorrede zur sechsten Sammlung
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Sechste Sammlung) S. I.- XIV
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1797
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Den Anfang dieser Sammlung machen Gedichte einer Römerinn, die sich durch Gaben des Geistes, durch Tugenden des Herzens, durch Anmuth und Schönheit gleich auszeichnete. Ihr Vater war der berühmte Mahler, Ritter Maratti, ihr Gemahl der berühmte Dichter, Redner und Rechtsgelehrte Zappi; den Namen Faustina Maratti-Zappi nennt jeder, der an sie denkt, mit unverkennbarer Hochachtung.

     Um unsre schwache Menschheit hoch zu ehren,
Stiegst du, Vortrefliche, zur Erde nieder,
Und in bescheidner Weibeskleidung zeigest
Demüthig du, mehr als der Held im Panzer,

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Ein großes Herz.


          O könnt’ ich deinen Namen
In weitem Königsraum auf eine Säule,
Auf einen Arco setzen, wo Zeit ihn
Mehr schonen würde, als den Marmor selber.

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     Jetzt muß ich Deine Tugend, Deine Schönheit,

Du Reichumkränzte, zwar in schlechtem Reimen
Nur nennen; aber meine Reime werden
Durch deinen Namen eben mit unsterblich.

So spricht unter andern Dichtern Lorenzini[1] von ihr; nicht leicht hat jemand berühmte Arkadier besungen, der nicht auch der Aglauro Cidonia Andenken erneuret hätte. Ihren frühen Abschied aus der Arkadia beklagte Veronica Tagliazucchi in einem Hirtengedicht, das auch in’s Deutsche übersetzt ist, also:[2] „Wenn wird Arkadien eine andre Aglauro wieder finden? Eine so gute Frau sollte nicht gestorben seyn. Es giebt in der Welt so viele Müßiggänger, welche lange leben, und nicht allein Müßiggänger, sondern Unverschämte, die sich durch Betrug und Verläumdung über die Guten erheben, wie das Unkraut über den Weizen. Diese, das Gift der menschlichen Gesellschaft, lässet der Himmel hier, und die Zöglinge wahrer Vortreflichkeit müssen hinweg. Wie im schwülen Sommer der Hagel das Feld zerschlägt, zur Zeit der besten Hoffnung: so rafft der Tod den Weisen hinweg, der eben beschäftigt war, unsern Verstand zu erweitern, unser Herz zu beleben.“ U. f. – Sie läßt auf ihrem Grabe einen Palmbaum sprossen, „der unverwelkbare Zweige, und auf seiner Rinde die zarten Verse der Aglauro trage.“


Was mich zu den wenigen Gedichten, die ich von dieser Faustina kenne, angenehm hinzog, war die Wahrheit ihrer reinen, hohen Empfindung. Jedes Sonett, fühlt man, ist aus Umständen des Lebens hervorgegangen, die ihr diese Sprache jetzt zur Natursprache machten. Leid und Freude wechseln in ihren Gedichten; so daß diese, ohne es zu wollen, eine kleine Lebensbeschreibung, ein fortgehendes Herzensgemählde bilden. Ich wünschte indessen von ihr mehr zu wissen, als mir diese Gedichte und Crescimbeni[3] sagen.


Die ferneren Aufsätze dieser Sammlung mögen von und für sich selbst reden. Einige von ihnen sind Fortleitungen der Gedanken eines Todten, mit dem ich noch oft zu sprechen gedenke. Mir scheinet es eine Menschenpflicht, hingeworfene Gedanken aufzunehmen, fortzusetzen, zu prüfen. Die Fragen eines Gestorbenen müssen nicht mit ihm gestorben seyn; dazu ist Schrift und Buchdruckerei, dazu sind wir da.

Den Schluß dieser Sammlung: Ueber die Legende und die der Abhandlung folgende Legenden selbst muß ich gegen grobe Missverständniße und vielleicht noch gröbere Anfälle zum Voraus verwahren. Kein Mann von ehrbarer Stirn wird dieser Abhandlung und denen auf sie folgenden Erzählungen verläumdend zutrauen, daß sie den Legendengeschmack, die Legendenascetik oder gar schlechte Legendenbücher wieder emporzubringen im Sinn haben. Sehr gut und heilsam ists, daß der Gebrauch solcher Bücher selbst von geistlichen Obrigkeiten eingeschränkt und von guten Köpfen hie und da wenigstens unschädlich gemacht ist: denn von einem großen Theil derselben kann man nicht Uebles gnug sagen. Sie verkehren den Sinn und sind Zeugen von verkehrtem Sinne. Zu unsrer Zeit darf dies nicht mehr demonstrirt werden.

Kein Mann von einiger Gelehrsamkeit wird aber auch abläugnen mögen, daß nicht in diesem Staube reine Goldkörner zu finden seyn, und daß die Vorstellungsart dieser Legenden alle Aufmerksamkeit verdiene. Mit der Einrichtung des Christenthums und der Cultur Europa’s hängt sie genau zusammen; ja wäre sie gar nur eine Geschichte der Verirrungen des menschlichen Herzens und Geistes, so wäre sie auch als solche höchst merkwürdig.

Gewiß aber ist sie dies nicht allein. In den christlichen und dunkeln Jahrhunderten treten Geistesgestalten mit Zügen so edler Einfalt, so reiner Würde und Schönheit auf, daß ihnen eben deßwegen fremder Schmuck entbehrlich ist, weil sie buhlend nicht reizen mögen. In der Einsamkeit, in bangen Zeiten der Furcht und Noth, überhaupt aber in jedem engen menschlichen Kreise sprechen sie mit sanfter Gewalt dem menschlichen Herzen zu, und gebieten Einkehr in sich selbst, Glauben, Liebe, Geduld, stengen Gehorsam.

Muß man diese Gestalten im Dunkel lassen? Darf man verblichene Tugenden und Grundsätze nicht vorführen, blos weil sie nicht die Vulgivagen unsrer Zeit sind? Eben das, dünkt mich, müsse man aus vorigen Zeiten herführen, woran es der gegenwärtigen entschieden und zu ihrem eignen Nachtheil fehlet.

Natürlich aber müssen diese Gestalten erscheinen, wie sie unsrer Zeit anschaubar sind, wie sie unser Geist und unser Herz zu sehen begehret. Gespottet hat man über sie gnug, und zwar öfters mit schalem Spott, mit sehr unwissender Verläumdung; darf man sie nicht auch einmal nützlich gebrauchen? Der Spott, zu dem manche von ihnen selbst Gelegenheit gaben, ist erschöpft; das Feld des Nutzbaren in ihnen steht fast noch unberühret da. Nach den Sprüchen der Altväter ist die schwerste Tugend und die höchste Geistesgabe, δοκιμαζειν, prüfende Unterscheidung.

Was soll also auch die jammernde Furcht: „man möchte sich durch Lesungen dieser Art den Geschmack verderben?“ Wessen Geschmack dadurch verderbt werden kann, der hatte weder einen vesten noch allgemeinen Geschmack; er stand vielleicht in einem Winkel des Erdbodens tändelnd. Ist nicht aber die ganze Erde des Herrn ein Wohnplatz der Menschheit? Wenn Aganippe, Arethuse, Dirce und der Cephissus angenehm rauschen; warum sollte nicht dort auch der Jordan, der Kur, der Ganges labende Wellen treiben? warum nicht auch ein Bach in der thebaischen Wüste?

Muß das Schöne blos Nutzlos seyn? kann es nicht auch stärkend, erquickend werden?

 Rosen.
 Eine Legende.
 
     In einer tödtend-schweren Hungersnoth
Versagte Rosa von Viterbo sich
Den kleinsten Ueberfluß, und bracht’ ihn still
Den Armen. Einst traf unversehen sie
Der karge Vater auf dem Wege: „Kind!
Was hast du da?“

     „Es sind nur Rosen, Vater.“
„So zeige sie.“ Voll Schrecken that das Kind

[XVI]

Die Schürze auf; und sieh’, es waren Rosen.
Kaum aber hatt’ der Karge sich gewandt;
War, was ihm Rose schien, erquickend Brodt.

     Ihr kargen Väter, die ihr auch nur Rosen
Verleihn, und Rosen, Rosen sehen wollt
In harter Hungersnoth; seht was ihr wünschet!
Dem Armen werde jede Rose Brodt.


  1. Poesie di Francesco Lorenzini, Custode generale d’ Arcadia. Venez. 1746. p. 40.
  2. Schäfergedichte, aus dem Englischen, Französischen und Italiänischen übersetzt. Berl. und Leipzig. 1759.
  3. Istor. della volgar Poesia T. IV. p. 266.