Was ist die Langeweile?

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Autor: unbekannt
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Titel: Was ist die Langeweile?
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 295
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[295] Was ist die Langeweile? Es giebt kleine Städte, in welchen jeder Fremde sogleich das Heimweh bekommt, selbst wenn er gar keine Heimath aufzuweisen hätte; es giebt Häuser, welche in- und auswendig mit Langeweile angestrichen sind; es giebt Lebensverhältnisse, die jeden frischen Morgen, den der Himmel schenkt, mit derselben narkotisch einduselnden Physiognomie angähnen; ja es giebt endlich Menschen, christliche Mitmenschen, die ihre Brüder unverholen todt zu langweilen drohen. In solchen Beziehungen und Umgebungen sollte man nie allzulang verweilen und ausdauern.

Wenig Dinge werden so oft genannt, ohne wirklich gekannt zu sein, als die Langeweile. Denn was ist sie eigentlich? So verdienen unzählige Sachen, über die wir hundertmal reden und reden hören, im Grunde viel sorgfältiger untersucht zu werden. Ein Mensch soll nie Langeweile haben! ruft uns die Moral, die Erziehung, die Lebensweisheit zu. Aber wie soll man das anfangen? Ist es doch gerade eine Hauptsache bei der echten Langeweile, daß wir keine Gewalt über sie besitzen: wir haben sie nicht, sie hat uns. Sie überfällt uns, wie eine Betäubung, wie ein Schlag auf das Organ der Denkkraft (am Vorderschädel), wie eine mohnduftende Schlummertrunkenheit.

Die Langeweile sucht uns häufiger in der Gesellschaft, als in der Einsamkeit auf. Selbst Kinder, die überhaupt mehr an der Langeweile – wie auch an Würmern – leiden, als Erwachsene, werden von ihr nicht verschont. Ein Lehrer, der seine Schüler nicht durch die Frische und Lebendigkeit seines Unterrichts fesselt, langweilt sie dadurch, daß er sie verhindert, etwas anderes zu denken oder zu treiben. Dumme, lügenhafte, prahlerische und verrückte Autoren können uns amusiren mit ihren Büchern, aber die, welche gern etwas Gutes sagten, und die Kraft und doch das Geschick nicht haben, es auszudrücken, langweilen uns: daher es immer gerathener ist, ein schlechter Schriftsteller zu sein, als ein mittelmäßiger.

Es giebt eine Langeweile in großen Gesellschaften und im Zwiegespräch. Jene ist erträglicher, als diese. Man kann zwar, ohne unhöflich zu sein, eine Gesellschaft von civilisirten Menschen, die aber weder etwas haben, noch geben, was uns irgendwie förderlich ist, nicht ohne weiteres verlassen; allein man kann sich doch durch eigne Gedanken, stille Selbstgespräche, Rückerinnerungen oder durch größere Rechnungen, die man im Kopfe ausführt, einigermaßen helfen, bis Alles überstanden ist.

Im Zwiegespräch ist es anders. Wenn uns z. B. Jemand in großem Eifer und mit vieler Energie weitläufig über eine Sache unterhält, die wir nicht verstehen, oder die nicht das geringste Interesse für uns hat, oder wenn Jemand etwas, was man in zwei Minuten sagen könnte, in einer guten Stunde ausdrückt, oder wenn ein Mensch anfängt, schmeichelhaft gegen sich selbst zu werden, sich mit allerlei schalkhaften Lobeserhebungen aufzieht und zuletzt unvermerkt in eine Art von Selbstbewunderung geräth, wobei er am Ende leise zu verstehen giebt, daß er dergleichen gar nicht hinter sich gesucht hätte, – in solchen Fällen pflegt man sich zu langweilen. Diejenigen, welche die angenehme Gewohnheit haben, permanent vor sich selber zu erstaunen, verbinden mit dieser Tugend leider gewöhnlich die Grausamkeit, ihr Opfer durch lange Qualen langsam zu Grunde zu richten, indem sie zu jeder Selbsträucherung so weit als möglich ausholen, damit man nämlich nichts merke. Wenn man aber schon bei den ersten zwei Worten einsieht, wo das Alles hinaus soll und ganz genau weiß, an welchem Ziel der Schmeichler, in einer halben Stunde etwa, sicher ankommen wird und zusehen muß, wie er fortwährend durch kleine Einschaltungen und Abschweifungen vergeblich seine und unsere Zeit verschwendet, um uns nebenbei von seiner Demuth und Bescheidenheit, ja der zu geringen (fehlerhaften) Eigenliebe zu überzeugen, – „man werfe ihm das oft genug vor, er könne aber nicht anders und am Ende sei es doch keine von den schlimmsten Untugenden;“ – so möchte man manchmal auf und davon laufen oder aus der Haut fahren, wenn dies überhaupt thunlich wäre.

Beklagenswerth ist der Mensch, der durch seine christlichen Mitbrüder oft und viel gelangweilt wird; denn die Langeweile ist eine Tyrannei, die uns nicht allein hindert frei zu sein – das wäre vielleicht das Geringste, sondern welche uns abhält, geistig zu leben, zu denken, als Menschen zu existiren; die uns banditenartig das Messer ihrer Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit an die Kehle des Geistes setzen, die uns würgen und stranguliren, daß unsere Seele nicht Athem holen kann. Die Langeweile ist eine Müdigkeit des ganzen innern Menschen, die uns, wie bei der Seekrankheit, auf Wiedergenesung und auf alle und jede Zukunft absolut verzichten läßt; sie ist eine fieberhafte, ungeduldige Krankheitsform, darin sich der Mensch nicht zu regen wagt; – sie ist das allmächtige Erbleichen und Hinsterben unseres Geistes, welches, wenn das Uebel chronisch wird, gewiß auch den Leib zu tödten die Macht besitzt.