Der Puppenzustand

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Emil Adolf Roßmäßler
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Puppenzustand
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 294–295
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Teil 23 der Artikelreihe Aus der Menschenheimath.
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[294]
Aus der Menschenheimath.
Briefe des Schulmeisters emerit Johannes Frisch an seinen ehemaligen Schüler.
Dreiundzwanzigster Brief.
Die Insektenverwandlung. 3. Der Puppenzustand.
Ich schloß meinen letzten Brief (Gartenlaube Nr. 18) mit der Bemerkung, daß ich Dir im nächsten sagen wolle, warum dort die Raupe (Fig. 11 sich durch einen Seidengurt um den Leib an dem Aestchen festgebunden habe. Ich komme daher zunächst hierauf zurück. Jene Raupe befestigte sich aber außerdem noch auf andere Weise. Ehe sie jenen Gurt mit dem Spinnapparate ihres Maules spann, heftete sie ein kleines verworrenes Häufchen feiner Seidenfäden an der Rinde des Aestchens fest. Dies sollte eine Art Ankergrund sein, um die beiden After- oder Larvenfüße ihres letzten Leibesringels darin festzuhaken. Es sind nämlich die Afterfüße der Raupen mit einem doppelten Kreise sehr feiner Häkchen besetzt, was ihnen das Gehen auf glatten Flächen sehr erleichtert.
Die Gartenlaube (1854) b 294.jpg

Erst nachdem sie so mit dem Ende ihres Leibes befestigt war, spann sie sich jenen Gurt, den Dir auf meinem vorigen Bilde ein Sternchen bezeichnete. Diese doppelte Befestigung ist die Vorbereitung zur Verwandlung in die Puppe, welche die Raupen namentlich vieler Tagfalter machen. Nun sieh Dir auf meinem heutigen Bilde Fig. 1 an. Du erblickst hier in derselben Stellung, auf dieselbe doppelte Weise befestigt, an der Stelle der Raupe nun die Puppe. Fühlst Du was das sagen will? Laß Dich einmal bis an den Hals in einen Sack stecken und um den Leib und an den Füßen an einen Baumstamm festbinden; dann streife, ohne die Hände zu brauchen, und ohne der Bande an den Füßen und um den Leib Dich zu entledigen, den Sack ab. Würdest Du es können? Ich glaube es kaum. Die Raupe kann es. Sie hat den Sack, ihre Raupenhaut, abgestreift und sie unter dem sehr eng anliegenden Gürtel und von dem Seidengewirr am Schwanzende losgemacht. Die Haut fiel dann vom Baume herab; und während dieses Kunststückes hat sich die sechszehnfüßige gelenke Raupe in die fußlose steife Puppe verwandelt. Braucht es neben diesem einen der Tausende von natürlichen Wundern der Thierwelt noch erst ersonnener Wunder?

Vielleicht hättest Du nun gern, daß ich Dir genau beschriebe, wie hierbei die Raupe verfährt. Aber in der Natur gilt vor allem das Wort: „selber ist der Mann.“ Wir haben dies Jahr leider keinen Mangel an Insekten und ich fürchte, daß auch unser Baumweißling sich bereits in Menge eingestellt hat. Bald kommt die Zeit, dieses Wunder selbst beobachten zu können. Thue es!

Ich gehe daher zu Fig. 2 über. Sie zeigt Dir die Erfindung der Mäusefalle. Ich habe Dir schon einmal angedeutet, daß die Natur eine Menge Dinge den Menschen vorerfunden hat, und Du siehst hier einen solchen Fall. Ich meine jene bekannte, einem kleinen Vogelkäfig gleichende Falle, an deren oberem Theile nach abwärts ein Kreis von spitzen Drähten, trichterförmig zusammengeneigt, so angebracht ist, daß das Mäuschen durch ihn wohl leicht hinab zu dem lockenden Speck gelangen kann, indem sich die Drähte auseinander geben; durch den aber wie leicht begreiflich für die Gefangene nicht wieder herauszukommen ist. Gerade so nur in umgekehrter Wirkung, richtet sich die schöne Raupe des kleinen Nachtpfauenauges, Saturnia pavonia minor, ihr Puppengespinnst ein. Du siehst in Fig. 2 davon einen senkrechten Durchschnitt. Oben endigt es in einen sich verschmächtigenden Hals, der von kraus durcheinander gewirrten Coconfäden gesponnen ist. Unter diesem siehst Du einen nach außen in eine Spitze zusammengeneigten Kranz [295] steifer Seidenborsten. Diese geben sich leicht auseinander, wenn der Schmetterling aus der Puppenhülle ausgekrochen ist und nun hinauseilt an die warme sonnige Sommerluft; aber – sie lassen nichts herein, was den noch Schlummernden stören könnte. Ist daö nicht in Wahrheit eine umgekehrte Mäusefalle? .

Fig. 8 nieines vorigen Briefes zeigte Dir ein aus Holzstückchen erbautes Larvengehäuse einer Köcherjungfer; jetzt siehst Du in Fig. 3 ein Puppengehäuse, natürlich auch von der Larve gemacht, einer anderen Art dieser kunstfertigen Familie. Es ist aus kleinen Steinchen zusammengefügt und die Larve schleppte dieses schwere Haus lange Zeit mühselig mit sich herum. Dann mauerte sie es vollends zu und verwandelte sich in ihrem finstern Mauerverließ in die Puppe. Das aus dieser auskommende schmetterlingsähnliche zarte und schwache Insekt hat ein probates Mittel, aus diesem Kerker zu entkommen. Es ist ein Tropfen eines ätzenden Saftes, den es aus dem Maule absondert und der sofort den festen Mörtel auflöst, der für das Wasser und andere Säuren unlöslich ist.

Unsere folgende Figur, 4, zeigt uns die Puppe der Fleischfliege, die wir als Larve in Fig. 3 des vorigen Bildes kennen lernten. Die Fliegen, eine außerordentlich artenreiche Insektenordnung, haben eine sehr abenteuerliche Puppenhülle. Sie besteht aus nichts Anderem, als aus der letzten Larvenhaut. Diese wird nicht abgeworfen, sondern löst sich nur ringsum von dem Körper der Larve los, so daß sie zuletzt diese wie ein loses, dunkel kastanienbraunes Futteral einschließt, in welchem sich die Larve in die Puppe verwandelt. Die daraus auskommende Fliege stößt dann leicht das vorderste Stück wie einen Deckel ab, wozu ihr die Naht zwischen zwei Leibesringeln der zur Puppenhülle erhärteten Larvenhaut behülflich ist. Wenn Du eine todte Maus an einen Ort legst, wo ihre Verwesung Deine Nase nicht beleidigt, so kannst Du leicht diese Verwandlung der Fliegen beobachten.

In dem Spinngewebe genial unsauberer ländlicher Abtritte wirst Du schon oft das Ding haben hängen sehen, was Dir Fig. 5 darstellt. Es ist auch eine Fliegenpuppe, deren Larve, eine sogenannte Rattenschwanzlarve, einige Fuß tiefer in dem nicht gering zu achtenden weil korn-erschaffenden, unaussprechlichen Fluidum schwelgte.

Leicht erkennst Du in Fig. 6 die hellbräunlich aussehende Puppe des Hirschkäfers, Lucanus Cervus. Der arme Kerl ist eng zusammengeschnürt. Alle Theile stecken in besondern Futteralen, die zusammen die Puppenhaut bilden; während an der Schmetterlingspuppe bekanntlich alle einzelnen Leibesglieder von einer gemeinsamen dicken Haut umschlossen sind. Wenn der Käfer auskriecht, so zieht er seine Puppenhäute wie Strümpfe und Rock und Hosen aus und erscheint dann als der Ritter im festen, glänzenden Panzer; doch bedarf es einiger Zeit, ehe dieser seinen Glanz und seine Festigkeit gewinnt; und eher kommt er auch aus seinem Larvenaufenthalte, hohlen Weiden, alten Lohhaufen und dergleichen, nicht zum Vorschein.

Genau so ist es mit der Bienenpuppe, welche in Fig. 7 dargestellt ist. Sie ist aus ihrem wächsernen Hause herausgenommen, welches, gegen die allgemeine Regel bei den Insekten, sich die Larve nicht selbst gemacht hat, sondern welches ihr die Arbeitsbienen bauten und auch nachher mit einem Wachsdeckel verschlossen; als sich die Larve (Fig. 4 des vorigen Bildes) zur Verpuppung anschickte. Die auskriechende Biene bahnt sich aber nachher mit den starken Beißzangen ihres Maules selbst einen Weg aus der Wachszelle, um entweder zu arbeiten oder zu faullenzen oder Kinder zu erzeugen, je nachdem sie Arbeiterin, Drohne (Männchen) oder Königin ist.

Die kleine Heuschreckenlarve in Fig. 9 unseres vorigen Bildes siehst Du hier in Fig. 8 in eine größere Puppe verwandelt. Sie unterscheidet sich außerdem nur durch die kleinen Flügelansätze und, da es eine weibliche Puppe ist, durch die Legscheide am Ende ihres Leibes. Du erinnerst Dich, daß die Heuschrecken keine Verwandlung haben.

Das gilt auch von den Libellen, von denen Du in Fig. 9 die Puppe siehst, die zu der Larve Fig. 10 des vorigen Briefes gehört. Sie hat eben das sonderbare aus drei Gliedern bestehende Fangwerkzeug ausgestreckt, was ich dort erwähnte. Auch an ihr siehst Du die Ansätze der Flügel, die sie erst als vollkommene Libelle ganz entfalten darf, um sich aus dem Schlamme der Gräben und Teiche in die Lüste zu erheben.

Ich verlasse hier den Mummenschanz der Insektenwelt. Mein nächster Brief führt Dich unter dieses muntere Völkchen, nachdem ihnen das Zeichen zum Demaskiren gegeben war. Da giebt es gründlichere Überraschungen, als nach 12 Uhr auf einem Faschingsballe der Menschenkinder.