Was wagt nicht ein treues Mutterherz!

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Titel: Was wagt nicht ein treues Mutterherz!
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 148
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[148] Was wagt nicht ein treues Mutterherz! Zur Geschichte unseres großen Krieges gehört auch die That, die hier erzählt werden soll. – Ein altes Mütterchen, eine arme Wittfrau in einem Dörfchen drei Viertel Stunden von Grunstadt in der warmherzigen Rheinpfalz, hat ihrem einzigen Sohne, dem Hannes, zur Weihnachtszeit ein Feldpostpaket fertig gemacht und bringt’s zur Post in die Stadt, um es zu den Truppen vor Paris abzuschicken. Ich weiß nicht, was an dem Paket nicht recht war, kurz, die Postbeamten wiesen die arme Alte damit zurück, und wenn dies auch mit vieler Sanftmuth und Beredsamkeit geschah, so schien das doch auf das erregte Mutterherz keinen besänftigenden Eindruck zu machen. Der Hannes mußte die Sachen im Paket zum Christkindle haben, das war schon gar nicht anders denkbar. Was nun aber thun? Die Alte dachte eben nicht lange darüber nach. Noch einmal fragte sie zum Schalter hinein: „Also Sie wolle das Paket nit annehme?“ Und kaum klang das „Nein“ heraus, so schnitt sie der Entschuldigung, die sich wieder daran hängen wollte, den Faden ab mit dem laut verkündeten Entschluß: „Nun, so werd’ ich’s ebbe selber hintrage!“ – nahm das Kistchen unter den Arm und schritt zur Stadt hinaus gerade auf den Weg los, der nach Frankreich führt.

Was kümmerte die gute Alte sich um das Decemberwetter, – ihr einziger Gedanke war ihr Sohn, und ihn vor Augen und im Herzen wandelte sie ihres Weges fort, immer zu Fuß, nach Kaiserslautern, nach Homburg, nach Saarbrücken, über zwanzig Stunden! Hier nimmt sich die Gutherzigkeit deutscher Soldaten ihrer an, die alle ihre Freude an dem alten Mütterchen haben, und sie gelangt mit einem Transportzuge bis in die Nähe von Paris, so weit eben die Eisenbahn ging. Von da an drang sie wieder auf eigene Faust vor, und sie ruhte und rastete nicht, bis sie die Compagnie ihres Hannes und endlich ihn selbst gefunden hatte. Das war freilich ein Wiedersehen, wie es nicht alle Tage kommt; aber alle Tage kommt auch nicht ein solcher Krieg und mit solchen Müttern und Söhnen!

Die tapfere Alte ward sofort die Mutter der Compagnie (als welche außerdem bekanntlich der Feldwebel gilt, neben dem Vater der Compagnie, dem Hauptmann). Sie bekam die Oberaufsicht über Küche und Wäsche derselben und besorgte dieses Amt vier Wochen lang. Dann machte sie sich, natürlich mit einer guten Gelegenheit, wieder auf den Heimweg. Die dankbare Compagnie hatte redlich für ihr Mütterchen gesorgt, es auch mit Geld versehen – und glücklich kam die Alte wieder heim, und wie schauten die Herren von der Post auf, als sie ihnen versicherte, ihr Paket sei doch noch zurecht gekommen, weil sie’s durchgesetzt: „Ich habb’ es ebbe selber hingetrage.“ Von dem Compagniegeschenk hat sie keinen Pfennig für sich verbraucht, sie hat dafür ihrem Hannes die so nothwendigen Feldhemden gesponnen.