Wat Grotmudder vertellt

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Ignaz Wrobel
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Titel: Wat Grotmudder vertellt
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. Jahrgang 18, Nr. 35, S. 219-223
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 31. August 1922
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Die Weltbühne. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Scans auf Commons
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[219] Wat Grotmudder vertellt von Ignaz Wrobel
Er bat Rostow, zu erzählen, wie und wo er verwundet worden sei. Diese Aufforderung war Rostow willkommen, und so begann er denn, zu erzählen, und geriet während der Erzählung immer mehr in Eifer. Er erzählte seinen Zuhörern von dem Kampfe bei Schöngrabein völlig in derselben Weise, wie Leute, die an Kämpfen teilgenommen haben, gewöhnlich von diesen Kämpfen erzählen, das heißt so, wie sie es von andern Erzählern gehört haben, so, wie es in der Erzählung sich schön ausnimmt, aber ganz und gar nicht so, wie es sich wirklich zugetragen hat. Rostow war ein wahrheitsliebender junger Mann und hätte um keinen Preis eine Unwahrheit gesagt. Er begann seine Erzählung mit der Absicht, alles genau so darzustellen, wie es geschehen war; aber unmerklich, unabsichtlich und unvermeidlich geriet er in eine unwahre Darstellung hinein. Hätte er diesen Zuhörern, die, wie er selbst, schon unzählige Male Schilderungen von Attacken gehört und sich danach eine bestimmte Vorstellung von dem Wesen einer Attacke im Kopfe zurechtgemacht hatten und nun eine dieser Vorstellung genau entsprechende Erzählung von ihm erwarteten, hätte er denen die Wahrheit gesagt, so hätten sie ihm entweder nicht geglaubt, oder sie hätten, was noch schlimmer gewesen wäre, gedacht, Rostow sei selbst schuld daran gewesen, daß er nicht das Selbe erlebt hatte, was Erzähler von Kavallerie-Attacken sonst gewöhnlich erlebt haben. Er durfte ihnen einfach nicht erzählen, daß sie alle Trab geritten waren, und daß er vom Pferde gefallen war, sich den Arm gequetscht hatte und dann aus Leibeskräften von den Franzosen weg in den Wald gelaufen war. Außerdem hätte er, um einen wirklich wahrheitsgemäßen Bericht zu liefern, sich mit Anstrengung dazu zwingen müssen, nur das tatsächlich Geschehene zu erzählen. Die Wahrheit zu erzählen, ist sehr schwer, und junge Leute sind dessen selten fähig.
Tolstoi: Krieg und Frieden     


Ich habe durch Zufall ein Kriegsbüchlein entdeckt, darin ein Jahr Krieg dargestellt ist, das ich sehr genau kontrollieren kann: ich bin nämlich dabei gewesen. Name und Titel des Büchleins tun nichts zur Sache, Darstellung und Verfasser sind an sich belanglos: es macht nur einen diebischen Spaß, dem Koller eines braven Mannes, der plötzlich das Großgedruckte im Plötz erleben darf, die nüchterne Realität gegenüberzustellen. Ich muß zuerst sagen, daß das Büchlein von den Armierungssoldaten handelt, daß der Verfasser, ein Buchhändler von Profession, ein anständiger und tapferer Soldat war, der sich späterhin freiwillig zur kämpfenden Truppe meldete und sich dort sehr gut geschlagen haben soll. Gegen die Ueberzeugungstreue des Schreibers ist also nichts zu bemerken; wir haben es hier nur mit einem typischen Fall zu tun, wo der nationalistische Wahn ein Hirn völlig benebelte. Es ist kein erlogenes Wort in dem Büchlein – und kein wahres. Das ist kein Buch – das ist [220] eine Literatur. Ungerechnet die Veränderungen, die die Dinge bei jedem literarischen Laien durchmachen – denn wenn der die Feder in die Hand nimmt, fängt er allemal an zu „dichten“ –: aber hier hat sich Einer vorgenommen, sein Stück Kriegsgeschichte so und nicht anders zu erleben. Und er erlebte es. Auch nicht Eine Stimmung war so, wie sie dargestellt wird, kein Augenblick hat unter den Mannschaften diese Gesinnung oder eine solche Begeisterung geherrscht – Jagdgeschichten, Jagdgeschichten. Weil es aber ein Schulfall der deutschen Kriegserinnerung ist, deshalb wollen wir mal.

*

Nach einer Vorrede voll von Unrichtigkeiten und einem reizvollen Aufruf ‚An den deutschen Buchhandel‘ (denn was der Kaiser kann, das kann auch ich!), geziert durch die schöne Stelle: „Die Buchläden werden leer werden, die Verlagstätigkeit wird stocken“, hebt es an:

„Der Krieg ruft uns zunächst zum wilmersdorfer Tanzlokal. Das ist wie ein Abschiednehmen von der Lebenslust, vom heitern Frohsinn und von den französlichen Frauen. Die Papierguirlanden hängen zerrissen von der Decke ... Ein großes Plakat sagt, daß vom Trinken das Glück abhängt und vom Leben der Genuß. Wie muß doch diese Welt einmal schal gewesen sein!“

Das ist echtes 1914. Nun wird Alles anders! Aber ganz abgesehen davon, daß wir auch ohne den Krieg nicht grade diese Art Lustigkeit bevorzugt hatten: wer dies getan hatte, tats weiter – und erst recht im Felde! Wie sahen die Amüsiervergnügen unsrer Unteroffiziere aus?

Seit dem Tage von Langemaarck (im Generalstabsbericht: „Junge Regimenter brechen unter dem Gesang ‚Deutschland, Deutschland über Alles!‘ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nehmen sie“) blutet Berlin.

Berlin? Der Kindermörder, der diese harmlosen, ehrlich begeisterten Schlachtopfer in das Maschinengewehrfeuer für seinen Pour le mérite vortrieb, bevor er seine Autofahrten zur rheinischen Großindustrie unternahm, der weiß, daß außer der traurigen Kriegsanekdote von dieser Sturmformation nicht viel übrig blieb. Berlin blutete nicht. Der General auch nicht. Andre hatten sich ausgeblutet.

Ausmarsch:
Manch einer aber ballte die Finger zur Faust und preßte den Haß auf England durch seine Lippen.
Neugier, Verzweiflung, Resignation und Sturheit – das war so ungefähr das, was die angetretene Masse beseelte.
Fahrt (in Zivil) direkt zur Front. Suwalki.
Bettelvolk empfing uns ... Es bat um Brot.
Durch wen wars dazu geworden?
Zwei Nächte lagen wir auf den Steinfliesen einer Husarenkaserne aus französischem Geld, gegen deren Schmutz die deutsche Reinlichkeit einen nicht ganz vergeblichen Kampf geführt hatte; unten im Treppenraum brannte das Wachtfeuer, und oben hockten wir in langen türlosen Sälen und durchsangen die schlaflose Stille mit deutschen Liedern.

[221] Der Bataillonsführer hatte es nicht nötig gefunden, für seinen eintreffenden Ersatz auch nur Stroh zu besorgen; die durch sechstägige Bahnfahrt total erschöpften Menschen lagen auf den kalten Fliesen umher, gröhlten, spektakelten und liefen in der Finsternis herum; die Luft war dick und stinkig, die Türen, hinter denen die freien deutschen Männer hockten, waren verschlossen. Die Stimmung in diesen Nächten war entsetzlich, die Situation ungefähr die, wie sie die Berichte der deutschen Gefangenen in Frankreich so oft schildern.

Dann schworen wir auf den Degen unsres Hauptmanns den Eid zur Fahne.

Es war das einzige Mal, daß ich diesen Degen in gezogenem Zustande sah. Der Hauptmann war ein verkleideter Oberförster, von dem die Sage ging, daß er von seinen 750 Mark Honorar 751 nach Hause schickte. Er war nie – in fünfzehn Monaten nicht – an der Front, sondern saß immer weit hinten in irgendeinem warmen Quartier, wo er an einer legendären Bataillonschronik schreiben sollte. Wenn er nicht schlief, aß er.

Aber schon bald kam meiner Kompagnie ein Trupp seltsamer Soldaten entgegen, die in schmutzig-himmelblauen Postuniformen steckten und ein hellgelbes Gesicht unter den Reichsheermützen trugen.

Es waren dies Armierungsarbeiter, die als waffentaugliche Soldaten in ihre Ausbildungszeit marschierten. Das war 1915 – aber ich habe nie wieder solche wandelnden Leichen gesehen wie diese armen Burschen damals. Sie legten grade kein gutes Zeugnis von der deutschen Verpflegung und Soldatenbehandlung ab.

Vom Hund des Herrn Feldwebel:

Denn er ist vorwitzig genug, wie der Wirbelwind auf Höhen zu laufen, die militärisch streng verboten sind. Und die Russen haben scharfe Augen und wissen auch, daß zum Hund der Herr gehört.

Dieser Feldwebel tats dem Hauptmann gleich. Ein schwerer Psychopath, der nach neunjähriger Friedensdienstzeit – also vor dem Zivilversorgungsschein, der erst nach zehn Jahren erteilt wird – wegen Unregelmäßigkeiten in der von ihm verwalteten Kammer den Dienst hatte quittieren müssen, war er lächerlich feige. Wir haben im Osten nie in Lagen gesteckt, wie sie der Westen jeden Tag bot: aber eine solche Hundeangst habe ich noch bei keinem Menschen beobachtet. Er tats seinem Hauptmann gleich und ward nie vorn gesehen.

Draußen rasen die Artillerien. Krupp gegen Krupp.

Ei, ei! So hätte also die deutsche Firma den Feinden greifbereres Material geliefert, als wir Pazifisten je vermochten!

Wir kämpften nicht um „die“ Kultur, sondern wir kämpften um die deutsche Kultur.

Das dürfte – soweit dieses Militär in Frage kommt – eine contradictio in adiecto sein.

[222] Von Gefangenen:

Der Russe scheut sich nicht, selbst faulende Speckschwarten aus der Kloake zu holen und sie mit verzückt gedrehten Augen zu verzehren.

Der Russe? Wie? Jeder Russe? Oder vielleicht nur der, der nicht genug zu essen bekommt, arbeiten muß und hungert, hungert, bis er zu Widerlichkeiten wie der da schreiten muß? Das haben deutsche Gefangene in Frankreich auch getan, aber da hat jeder sofort den richtigen Schluß gezogen: Französische Ludendorffs mit dem umgekehrten Vorzeichen haben die Leute hungern lassen. Und der Russe? Weiß der Verfasser nicht – was er gesehen haben muß, denn er und ich sind daran vorbeimarschiert –, wie diese selben Russen vor Suwalki im feindlichen Feuer haben arbeiten müssen? Da zogen sie hin, bestrichen vom Feuer ihrer eignen Landsleute. Das kam nicht nur beim „Feindbund“ vor.

Von den deutschen Kochgeschirren:

Ich sehe diese Wunder der Genügsamkeit schon, wenn doch einmal Friede kommen sollte, in manchem Altmeißner Porzellanschrank, auf poliertem Unterbau mit dankbarer Widmung stehen und sich sagenumsponnen vom Kind zum Enkel vererben ...

Hätten wir keine Materialnot: die Dinger flögen in die Ecke zu des Kaisers Röcken und zu den Eisernen Kreuzen. So kochen sich die Straßenarbeiter gleichmütig ihren Kaffee darin. Eine Widmung? An wen? An den in Doorn? Haltet aus ... haltet aus ... !

Für Viele ist das Schippen zum Schatzgraben im Goetheschen Sinne geworden.

Da war ein berliner Jurist in der Kompagnie – ich kannte ihn noch von der Universität her –: der bestand in der Urlaubszeit sein Referendar-Examen. Cohing, damals Präsident des Kammergerichts, stellte an ihn, im verzeihlichen Durcheinander der Kriegsverfügungen, die Forderung, er solle sofort nach dem Examen seinen Amtseid ablegen, sonst stünde die Gültigkeit der Prüfung in Frage. Der neugebackene geängstigte Referendar tats und überschritt seinen Urlaub um zwei Tage. Sein Kompagnieführer verlieh ihm drei Tage Mittelarrest und ließ den Goetheschen Schatzgräber stundenlang an den Baum binden. Als ich die Kompagnie nach einem Jahr verließ, war der Referendar total heruntergewirtschaftet.

Wenn der Armierungssoldat auch nur drei Tage in einem Ortsquartier liegt, so kann er gewiß sein, daß er am zweiten Abend zur gründlichen Reinigung des Dorfes oder des Städtchens befohlen wird.

Die Letten lachten sich blau. Von den Russen hatten sie Prügel bekommen – die Deutschen machten ihnen den Laden sauber. Wozu waren die Kerls auch sonst da?

Der Abend ruft uns noch zum Appell. Wir stehen in Reih und Glied und empfangen den Befehl: Erhöhter Alarmzustand! Eine größere versprengte Kosakenabteilung steckt in den Waldungen dicht vor der Stadt.

[223] Von der Komik dieses Vorgangs kann der Verfasser nun freilich nichts wissen. Der Kompagnieführer, ein schwerer Quartalstrinker, sowie jener Feldwebel hatten jeder nur ein Paar Hosen – die reichten für diesen Fall kaum aus. Von wem dieser „erhöhte Alarmzustand“ befohlen worden war, kam nicht heraus; jedenfalls sind wir telephonisch noch nie so ausgelacht worden wie am nächsten Morgen. Kein Mensch in der ganzen Umgebung ahnte etwas von Alarm, die Kosaken waren weiße Mäuse, und die Romantik dieser Nacht war eitel blague.

Und dieses Kapitel schließt:

Wir harren des ersten Schusses, der uns weckt.

Harre, meine Seele –!

Und wir erkannten in dem Marsche die Auszeichnung, wie sie war: daß man unser Bataillon von weither dahin folgen ließ, wo die letzte Entscheidung reifen sollte.

Wem bekannt ist, nach welchen Grundsätzen Truppenteile eingesetzt, und wie besonders Arbeiterformationen nur nach der örtlichen Nähe und aus reiner Zweckmäßigkeit befohlen wurden, der wird sich dem Humor dieser stolzen Empfindung nicht verschließen.

Aber wir empfanden unser Schaffen hier als Gelegenheit, als Füllsel. Wir warteten auf den Ruf von der Front. Dahin trieb es uns.

Es trieb garnicht. Die stumpf gewordenen Leute trotteten, wohin man sie jagte. Sie schimpften über Alles, weil der Soldat immer schimpft, und gehorchten stupide.

Wenn es mir in meinen Aufzeichnungen gelungen ist, ein Bild von dem Leben der „Schipper“ zu geben, wie es wirklich ist ...
*

Es ist dir gelungen. Dir und tausend andern Schreibern, von denen einer immer mehr wegließ als der andre. Bis jenes Idealbild entstand, das euch begeistert: vom vorschriftsmäßig denkenden, vom vorschriftsmäßig sterbenden Soldaten; vom wackern Märker und vom braven Landsturmmann; vom leuchtend adligen Offizier und von Unserm Allerhöchsten Kriegsherrn. Sind nicht andre Deserteure in Seinem Namen erschossen worden?

So sieht diese Kriegsliteratur aus. Und es ist nicht ein wahrer Faden in ihr. Da steht nichts von der Essenszuteilung, nichts von den Unterschlagungen und Diebstählen, nichts von der grauenhaften Militär-„Justiz“, nichts vom Herrenstandpunkt der Offiziere, vom Kasino-Ungeist und von den Etappendamen, die auch eine militärische Charge hatten, aber keine geringe.

Das brauchst du nicht zu wissen, Buchhändler. Träume sanft.

Aber ein Volk weiß es anders. Und ein Fluch steigt auf, wenn sie der verdammten Jahre gedenken, ein Fluch, so schwer wie die Lebensmittelkiste eines Stabsoffiziers. Es fluchen, die gedrückt und getreten worden sind, sie, die geduckt und gehungert haben, sie, die man sterben geschickt hat:

die freien deutschen Soldaten.