Webervögel im Berliner Aquarium

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Alfred Brehm
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Webervögel im Berliner Aquarium
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 760–764
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[760]
Webervögel im Berliner Aquarium.
Von Brehm.

Bei meiner ersten Ankunft in Ost-Sudahn waren der kurze Frühling und Sommer, welchen die afrikanische Regenzeit zaubermächtig über das Land bringt, bereits vorüber, die Waldungen größtentheils entlaubt, die Graswälder der Steppe dürr geworden, die Zug- und Wandervögel verschwunden, nach Norden, nach Süden geflogen. Ihre Merkmale aber hatten diejenigen, welche während der Regenzeit brüten, zurückgelassen. Auf den meisten Bäumen sah man Nester, hier mächtige, aus Dornen zusammengeschichtete Haufen, dort kleine, wie zusammengewehete Grasbüschel, an der einen Stelle festgegründete Horste, an der anderen korbähnliche,

[761]
Die Gartenlaube (1870) b 761.jpg

Die Webervögel im Berliner Aquarium. Nach der Natur gezeichnet von E. Schmid in Leipzig.

[762] ungemein sauber gearbeitete, an dürren, biegsamen Zweigen aufgehangene, im Winde schaukelnde Geflechte. Sie, die letzteren, fesselten mich ganz besonders; sie mußten die Nester der Webervögel sein, von denen ich bereits so viel gehört und gelesen. Schade nur, daß deren Erbauer und ihre Kinder sie schon längst verlassen hatten!

Der heiße, trockene Herbst und der noch heißere, trockenere Winter vergingen, das Land allmählich in eine Wüstenei verwandelnd, unter Qualen und Sorgen. Endlich, endlich brachte der erste Regen unter Donner und Blitz, herangetrieben von einer rasenden Windsbraut, neuen Frühling über das verdorrte, schier vernichtete Land. Und am anderen Morgen waren sie da, die goldgelben Vögel, auf den altgewohnten Nistbäumen, flogen sie auf und nieder, hingen sie sich flatternd kopfabwärts an die vorjährigen Schößlinge, als wollten sie deren Tragkraft prüfen, und zerfaserten sie Nester, welche bisher allen Stürmen getrotzt, scheinbar um in der alten Kunst neu sich zu üben. Noch vierzehn Tage lang trieben sie es in der alten Weise; denn so lange mußten sie sich gedulden, weil noch keine neue Halme gewachsen waren. Doch die Regenzeit setzte tüchtig ein; kaum ein Tag verging diesmal ohne Gewitter und Niederschläge, und in den vierzehn Tagen hatte die Treibhaushitze schon brauchbares Gras in Hülle und Fülle erzeugt.

Und nunmehr begann ein Leben und Treiben, ein Arbeiten und Schaffen am Wipfel meines Beobachtungsbaumes, daß es eine Lust und Freude war zuzuschauen. Zu den wenigen Pärchen, welche ich anfänglich gesehen, hatten sich andere gefunden; aus dem Trupp war ein Schwarm, aus den Einsiedlern waren Ansiedler geworden. Alle die goldgelben Männchen baueten, als gälte es, in einem Tage fertig zu werden, und alle die grünen Weibchen sahen aufmerksam zu, steckten ihre klugen Köpfchen mit den hellleuchtenden rothen Augen in die Nester und untersuchten und prüften, ob nicht auch bald ihre Zeit gekommen, das heißt ob die von den Männchen erbaueten Nester, so weit vollendet seien, daß sie, wie es bei ihnen üblich, die letzte Hand, ich wollte sagen den letzten Schnabel, anlegen könnten. Auch diese Zeit kam heran; sie vollendeten den Bau, legten die grünlichen, braun und roth getüpfelten Eier in’s Nest und begannen zu brüten, während die Männchen noch immer am Neste zu thun hatten oder aus übergroßem Eifer bereits an einem zweiten arbeiteten. Es ging zu wie in einem Bienenstocke. Diese kamen, jene gingen; alle waren eilig, alle eifrig. Selbst das Singen geschah mit einer gewissen Hast; kein einziges Männchen schien Zeit zu haben, sein Lied zu beenden, aber jedes sang; und so klang es doch noch einigermaßen erträglich, wennschon mehr wie in einer dichtgefüllten Spinnstube. Denn geschnarrt wurde mehr als gesungen in solcher Siedelung und gezwitschert mehr als gepfiffen. Bald darauf gab’s noch mehr zu thun. Die ausgeschlüpften Jungen schrieen nach Nahrung, und die armen Mütter quälten sich ab, die Schreihälse zu befriedigen, während die Väter verzweiflungsvoll sangen, an der Ernährung der Jungen aber sich, so viel ich wahrnehmen konnte, nicht betheiligten. Und dann war auch dieses mühevolle Geschäft zu Ende gebracht worden; die Jungen der ersten, die der zweiten Brut schwärmten, mit den Alten zu unzählbaren Flügen geschaart, im Lande umher, fielen plündernd in die Felder ein, wurden ihrerseits von den Falken, welche ihre Masten herbeigelockt hatten, verfolgt und verspeist, von den gutmüthigen Menschen wenigstens nach Kräften verscheucht, bis der Winter wieder herankam und sie vor ihm in bessere Gefilde flüchten mußten.

Solche Erinnerungen waren es, welche mich veranlaßten, bei Auswahl der für das große Fluggebauer des Berliner Aquariums bestimmten Vögel meine alten Bekannten oder doch deren westafrikanische Verwandte ganz besonders zu berücksichtigen. Ich hatte sie hier und da in den Thiergärten gefunden, einzeln, wenig angesehen, den farbenschimmernden Prachtfinken gegenüber zurückgesetzt, kurz vollständig unterschätzt, und ich beschloß, ihnen gerecht zu werden in meinen Augen und ihnen zu dem gebührenden Ansehen zu verhelfen in den Augen der Menge. Zu diesem Zwecke kaufte ich sie einzeln auf, wo ich sie fand, bei deutschen, holländischen, französischen, englischen Händlern, verkommen, wie sie waren, beschmutzt von der Reise, wie sie ankamen, zahlte auch gern die mäßigen, für so unscheinbare Stücke jedoch immerhin hohen Preise. Die meisten, welche ich erhielt, waren junge Vögel, deren Geschlecht man noch nicht bestimmen konnte; einige alte gab es freilich auch darunter, jedoch fast nur Männchen. Sie wurden nach Gebühr empfangen, gebadet, ihre zu lang gewachsenen Nägel und Schnäbel so weit wie nöthig gestutzt und, nachdem sie sich genügend erholt durch die auf gewaltsamem Wege eingeleitete Mauser neu gekleidet. Nunmehr konnte ich Heerschau halten. Es war eine stattliche Gesellschaft, welche ich erworben; leider aber befand sich das schwächere Geschlecht dem stärkeren und hier auch schöneren gegenüber in beklagenswerther Minderheit, und es ergingen deshalb nochmals Briefe an die verschiedenen Händler, um diesem Mangel wo möglich abzuhelfen.

Inzwischen wurden die vorhandenen Webervögel, Angehörige von vier verschiedenen Arten (Gold-, Fuchs-, Cap- und Kapuzenweber), etwa dreißig an der Zahl, in einen eigens für sie hergerichteten Raum gebracht, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft Blutschnabelweber, andere, kleinere und minder anziehende Arten der Familie, hausen solltest. In dem Käfig waren lange biegsame Ranken einer abgestorbenen Schlingpflanze, dünne Schößlinge von Weiden und ähnliche schwankende Zweige zur Befestigung der Hängenester angebracht und so einladend als möglich angeordnet worden; ein kleiner Drahtkäfig enthielt auch die erforderliches Baustoffe, namentlich Cocosbast und ausgesuchte, schmeidige Heuhalme.

Die Männchen gingen bald an das Werk, obschon nicht mit ihrer gewöhnlichen Eilfertigkeit; sie hatten hierzu freilich auch keine Veranlassung. Die wenigen Weibchen störten mehr, als sie förderten; denn sie waren die Ursache zu unablässigen Kämpfen. Doch wurde allmählich ein und das andere Nest fertig.

Endlich traf der langersehnte Versandbauer mit so vielen weiblichen Webervögeln ein, als man für mich hatte zusammenkaufen können. Die Thierchen wurden untersucht und die tauglichen einstweilen in einem Käfig untergebracht, von welchem an sie in das Fluggebauer übergeführt werden sollten.

Zunächst damit beschäftigt, verschiedene Abtheilungen des Fluggebauers mit einigen anderen, frischangekommenen Vögeln zu besetzen, stellte der Futtermeister diesen Käfig, um ihn einstweilen los zu werden, vor dem Flugraume der Webervögel auf den Boden nieder. Dies gab Veranlassung zu einem ebenso anziehenden als erheiternden Auftritte. Kaum nämlich hatten die Männchen, die eingebauerten Weibchen erblickt, als sie auch sofort begriffen, daß nunmehr für ihre Ansiedlung die erhabene Stunde geschlagen. Eiligst verließen sie die beliebte Höhe, hernieder flogen sie, an das Gitter, in unmittelbare Nähe des außen stehenden Gebauers hingen sie sich, und alle verfügbaren Mittel boten sie auf, um sich den außen weilenden bemerkbar zu machen. Sie lockten, sangen ihr einfaches Lied mit allen Abänderungen, bewegten zitternd die Flügel, flogen auf einige Augenblicke zu den von ihnen gebauten Nestern auf, hingen sich, mit den Rücken nach unten gewendet, an denselben an, sangen, den Blick unverwandt nach den Weibchen gekehrt, auch dort oben verließen die Höhe, hingen sich wieder unten an das Gitter, sangen, lockten, kehrten abermals zum Neste zurück, kurz, bekundeten auf alle erdenkliche Weise ihre, außerordentliche Aufregung. Es war unverkennbar: sie wollten den betreffenden Weibchen nicht nur sich und alle ihre Vorzüge in das hellste Licht stellen, sondern auch jenen bekunden, daß das Nest schon zum Empfange bereit sei. Wir beeilten uns, ihr Verlangen zu stillen, und ernteten im reichsten Maße den Lohn, eine gute That ausgeübt zu haben. Am Abend des ereignißvollen Tages gab es acht glückliche Pärchen mehr im Fluggebauer, – und ich hatte auch einmal unter den Vögeln kalifornische oder australische Zustände kennen gelernt.

Von jetzt ab gestaltete sich im Fluggebauer genau dasselbe Getriebe, welches ich in den afrikanischen Wäldern kennen gelernt hatte, und bot sich vollste Gelegenheit, die Webervögel bei ihren Arbeiten mit der behaglichsten Muße zu beobachten.

Bei sämmtlichen Arten, deren Leben und Treiben ich kennen gelernt habe, bauen nur die Männchen, nicht, wie bei fast allen übrigen Vögeln, die Weibchen. Diese übernehmen auch nicht, die jenen sonst zustehende Rolle der Handlanger und Helfer, sondern bekümmern sich anfänglich nur insofern um den Bau, als sie ihn manchmal von allen Seiten betrachten. Sie fliegen mit den Männchen zuweilen auf und nieder, sitzen auch während des Schlafes dicht neben diesen, lassen sich jedoch anscheinend nur wenig von diesen beeinflussen. Erst wenn der Bau beinah vollendet ist, kriechen sie im Neste aus und ein, verweilen oft längere Zeit in ihm, helfen nach, was fehlt, und ordnen die Unterlage für Eier und Junge. Um so eifriger sind die Männchen, so lange die Bruszeit währt. Sie scheinen ebenso unermüdlich als von der [763] Wichtigkeit ihrer Thätigkeit durchdrungen zu sein; daher denn auch ihr unruhiges Gebühren, ihr lebhaftes Hin- und Herfliegen, ihr schwirrendes Flattern mit den Schwingen, ihr fast ununterbrochenes Singen, ihre kaum erklärliche Baulust, welche nicht blos errichtet, sondern, wie ich noch mittheilen werde, auch zerstört.

Während ihrer Arbeit haben diese fleißigsten aller Baumeister nur das eine Bestreben, so rasch als möglich fertig zu werden, ohne jedoch die Festigkeit und Sicherheit ihres Baues aus den Augen zu verlieren. Sie beginnen in durchaus sachgemäßer Weise mit der Grundlegung im weitesten Sinne, indem sie zunächst die Festigkeit der Zweige allseitig erproben. Unsere Webervögel fanden, daß die ihnen gebotenen, mannigfach sich durchkreuzenden Zweige des Fluggebauers für eine genügende Befestigung der Nester nicht die erforderliche Bürgschaft gaben, und hatten deshalb nichts Wichtigeres zu thun, als diese Zweige da, wo sie sich kreuzten, zunächst durch ein sorgfältig ausgeführtes Gewebe unter sich zu verbinden. Von einem „Instinct“ oder von einer helfenden „höheren Kraft“, und wie die schönen Ausdrücke traumseliger Wundergläubiger sonst noch heißen mögen, konnte wenigstens ich hierbei nichts bemerken: ich sah in dieser zweckmäßigen Handlung der Vögel nur einen Beweis ihres Verstandes, und zwar einen glänzenden, überzeugenden. Nachdem so die Grundlage hergestellt worden war, begann der Bau des Nestes selbst. Das arbeitende Männchen zupfte sich einen Bastfaden aus dem Bauer heraus oder erhob, und zwar weit lieber einen von den ihm gereichten biegsamen Grashalmen, begutachtete ihn, biß ihn nah der Aehre und ebenso am dicken Ende ab, damit er die passend erscheinende Länge erhalte, und flog mit ihm zu dem auserwählten Zweige empor. Hier, am liebsten in einer Gabel oder an einem der verbundenen Kreuzungspunkte, legte es das eine Ende über den Ast, flog, das andere Ende mit dem Schnabel festhaltend, ein- oder zweimal um den Ast herum und steckte nunmehr eines der Enden zwischen Ast und dem umgewickelten Halm durch, damit eine Art von Schlinge bildend. Eine Gabel oder zwei sich kreuzende Zweige erleichterten diesen schweren Anfang begreiflicher Weise sehr, während ein glatter Ast oft wiederholte Anstrengungen erforderte.

Im ersteren Falle begannen sie regelmäßig an der Theilungsstelle der Zweige mit der Befestigung des Baustoffes, webten dann aber in einem gewissen Abstande nach außen hin eine Brücke von Ast zu Ast und füllten hierauf das so gebildete Dreieck aus; in letzterem Falle gelang es ihnen zuweilen erst nach wiederholten Versuchen, den Grundhalm um den Ast zu wickeln,

Der Pfarrer Baldamus, dieser treffliche, nicht allein scharf beobachtende, sondern auch vernünftig beurtheilende Naturforscher, schilderte in einem hier in Berlin gehaltenen Vortrage den Nestbau unseres Pirols, welcher in ähnlicher Weise verfährt, und hob besonders hervor, daß dem bauenden Weibchen bei der Umwicklung der Aeste das Männchen behülflich ist, indem es den erstes übergelegten Faden mit dem Schnabel auf den Ast drückt und so festhält; – bei meinen Webervögeln fand etwas Aehnliches nicht statt; sie mußten sich allein behelfen, wurden auch sehr gut fertig. Ihr langgestreckter Finkenschnabel ist freilich ein vorzügliches Werkzeug. Sie benutzen denselben wie ein geübter Schneider seine Nadel; denn das Zusammenfügen der Halme ist thatsächlich mehr ein Nähen als ein Weben. Wenn sie erst einige Halme oder Bastfasern befestigt haben, sticken sie das übrige Nest mit Leichtigkeit zu einem festen Ganzen zusammen. Zuerst wird stets der oberste Theil desselben bis zu einer gewissen Vollendung gebracht, sodann der unterste in groben Umrissen angehängt, um die richtige Größe zu bestimmen, hierauf das unten sich öffnende Flugloch angesetzt und nun endlich die Wandung allseitig verdichtet.

Bei allen diesen Verrichtungen konnte man ihre Geschicklichkeit nicht genug bewundern. Schon die verschiedenen Stellungen, welche sie beim Bauen einnahmen und einnehmen mußten, waren in hohem Grade überraschend. Kein einziger unserer kletternden Finken, weder der Kreuzschnabel noch der Zeisig, ja kaum eine unserer Meisen thut es ihnen hierin im Entferntesten gleich. Man glaubt zuweilen, daß sie sich Hals und Beine verrenken müßten, so ungewohnt verdrehen sie den ersteren, so weit auseinander setzen, so unnatürlich verbiegen sie die letzteren. Anfänglich finden sie nur an den Zweigen selbst Halt- und Stützpunkte, weil das Nest in seinen ersten Grundlagen noch viel zu schwach ist, als daß es sie tragen könnte; später hängen sie sich mit ersichtlichem Vergnügen an dessen Wandungen an, und dann arbeiten sie selten, ohne durch beständiges Schlagen oder richtiger Schwirren mit den Flügeln ihrer Freude und verzehrenden Hast den ihnen passend erscheinenden Ausdruck zu geben.

Die Zeit, welche der Bau eines und desselben Nestes beansprucht, ist verschieden, je nach der Beschaffenheit des Baustoffes, der vorhandenen Menge desselben und der mehr oder weniger treibenden Nothwendigkeit, fertig zu werden. Am schnellsten, aber auch am liederlichsten bauen sie, wenn man ihnen blos geeignete Grashalme (Schmeelen, wie wir Thüringer sagen) reicht, am langsamsten und sichersten, wenn sie nur Cocosbast zur Verfügung haben. Daß die Grashalme der ihnen, d. h. den in Rede stehenden Arten, natürliche und gewohnte Baustoff sind, merkt man sofort. Sie stürzen sich mit förmlicher Gier auf dieselben und lassen alles Uebrige liegen, bauen vom frühen Morgen bis zum späten Abend, lassen sich kaum zum Fressen Zeit und sind im Stande, ein Nest binnen drei Tagen zu vollenden. Während der Brutzeit darf man sie nicht eine Stunde lang ohne Baustoffe lassen; denn auch bei ihnen kennt Noth kein Gebot. Fehlt es ihnen an Baustoff, so gehen sie ohne Bedenken zu verwerflichen Ausschreitungen über, fallen über andere fertige oder halb fertige Nester her, zerstören sie am Zweige oder beißen deren Hängewerk ab, daß sie zu Boden fallen, und zerfasern sie hier bis auf den letzten Rest, um sie räuberisch gewonnenen Stoffe zu verwenden. Sie stören sich dadurch auf das Empfindlichste und gefährden gegenseitig Eier und Brut. Ihrer Zerstörungssucht thut man nur durch Darreichung von Grashalmen Eintrag; denn ihnen gebotene Bastfasern pflegen unter solchen Umständen nicht berücksichtigt zu werden.

So lange die Brutzeit währt, bauen die Männchen ununterbrochen, gleichviel, ob das Weibchen bereits auf den bläulichen Eiern brütet oder nicht. Ihrer Bauwuth scheint ein einziges Nest durchaus ungenügend zu sein. Zunächst giebt es allerdings noch am ersten hinlänglich zu thun, wenn nicht der Thatsächlichkeit, so doch ihrer Einbildung entsprechend. Hier muß eine Stelle besser gedichtet werden, dort überragen die Enden verschiedener Halme die glatte Wand, was kaum geduldet werden darf, jetzt erscheint das Hängewerk, jetzt das Flugloch nicht in gehöriger Ordnung. Ist endlich glücklich Alles wohl besorgt, so wird mit dem Baue eines zweiten Nestes begonnen. Daneben muß das brütende Weibchen gefüttert, ihm ein Weihegesang dargebracht werden, ohne daß der Halm im Schnabel die dessen Oeffnung verlangenden schnarrenden Laute beeinträchtigt; kurz, freie Zeit für die geschäftigen Vögel giebt es nicht, unbedingt nicht, vielmehr Arbeit, nothwendige wie eingebildete, vom ersten Sonnenstrahl bis zum letzten.

Man sollte meinen, daß die eifrigen Vögel, welche dem Weibchen willig dienstbar sind, sich auch an der Fütterung ihrer Jungen betheiligen würden, bemerkt aber bald, daß dies nicht der Fall ist. Was ich bei Beobachtung der freilebenden Webervögel nur folgern durfte, konnte ich bei stundenlangem Verweilen vor dem Käfige der gefangenen mit genügender Bestimmtheit feststellen. Die Männchen überlassen den Weibchen alle Elternsorgen. Diese bebrüten die Eier, erwärmen, füttern die Jungen, reinigen deren Nest, ohne vom Männchen irgendwie unterstützt zu werden. Auch nachdem die kleinen Stummelschwanze ausgeflogen sind, bekümmert sich der Vater nicht um sie, während die Mutter nach wie vor ihrer Pflege sich widmet, fleißig sie ätzt und sie noch einige Tage allabendlich auf einem ihr sicher dünkenden Schlafplatze vereinigt oder sie in das Nest zurückbringt. Währenddem scheint das Männchen auch die treue Gattin gänzlich aus dem Auge verloren zu haben; man sieht es nicht in deren Nähe, vielmehr einzig und allein mit dem Bau des zweiten, dritten Nestes beschäftigt. Von ehelichen Zärtlichkeiten ist bei diesen merkwürdigen Vögeln überhaupt wenig zu bemerken; es scheint, als ob Bausorgen die Männchen, Muttersorgen die Weibchen vollständig in Anspruch nehmen.

Die Jungen machen sich sehr bald selbstständig. Noch ehe die Schwänzchen ihre volle Länge erreicht haben, nehmen sie bereit ihre Nahrung auf, fliegen und klettern im Käfige hin und her, auf und nieder, trennen sich von einander und gehen jedes seinen eigenen Weg. Bald treiben sie es ganz wie die Alten. Der eine nimmt ein Hälmchen vom Boden auf, wie er vom Vater es abgelauscht, knabbert spielend an demselben und schleppt es hin und her; der andere geht noch weiter und versucht schon die in seiner Familie erbliche Kunst zu üben, so ungeschickt er sich auch anstellt, so unbeholfen er ist. Mit der Zeit wachsen die Kräfte, vermehrt sich die Kenntniß. Bei keinem andern Vogel habe ich das „Wie [764] die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen“ sich so allmählich bewahrheiten sehend wie bei den Webern. Es ist ganz unverkennbar, daß sie lernen, sich üben, durch eigene Anstrengung zu dem sich bilden, was sie später sein werden. „Von oben herab“ fliegt auch ihnen nichts zu; was sie können, haben sie sich durch eigene Kraft errungen. Wo bleibt da der „Instinct“, die vielgerühmte, gläubig angestaunte, nie verstandene und doch gepredigte „höhere Kraft“, welche das Thier lenkt und leitet? Ich habe den einen wie die andere niemals wahrnehmen können und denke deshalb genau so wie ein alter, würdiger Volkslehrer meiner heimathlichen Gegend, welcher seinen Schulkindern gegenüber das Vorhandensein aller namhaften und namenlosen Engel und Dämonen aus dem Grunde in Abrede stellte, weil weder er, noch die gewissenhaft deshalb befragten Kinder derartige Wesen gesehen.

Die Webervögel sind höchst empfehlenswerthe Zimmergenossen. Ihre Anspruchslosigkeit und Hartleibigkeit erleichtert ihre Pflege, ihre unermüdliche Geschäftigkeit erfreut, ihr ernstes Bestreben, zu singen, obgleich sie doch nur zwitschern und schnarren können, erheitert und belustigt. Sie verlangen einen möglichst großen Bauer mit schwankenden Sitzzweigen, die nöthige Menge von Baustoffen, etwas Canariensamen und Hirse zu ihrer eigenen, Nachtigallenfutter zu ihrer Jungen Nahrung, füglich einige Mehlwürmer; Stubenwärme und Gesellschaft – nichts weiter, um alsbald ihre Kunstfertigkeit zu üben und alle Regsamkeit ihres Wesens zu bethätigen. Wer ihnen buntfarbige Wolle zum Arbeiten reicht, dem weben sie die schönsten Muster in das Drahtwerk des Käfigs; wer sie gut behandelt, dem bekunden sie bald das größte Vertrauen; wer es ihnen an nichts fehlen läßt, den erfreuen sie früher oder später durch ihre Nachkommenschaft. Ihr Preis ist keineswegs unerschwinglich (sechs bis sieben Thaler für das Pärchen), erscheint sogar sehr niedrig, wenn man ihre Dauerhaftigkeit in Anschlag bringt und bedenkt, daß ihr Werth mit den Jahren sich eher erhöht als vermindert. Ich will sie nicht als Ersatz für unsere Sänger anpreisen, sondern nur als Käfigvögel bezeichnen, welche sehr viele gute Eigenschaften in sich vereinigen und Jedermann Freude bereiten. Letzteres beweisen wenigstens die Webervögel des Berliner Aquarium; denn sie bilden in den Augen der Mehrzahl der Besucher unbedingt einen Glanzpunkt der Anstalt.