Weihnacht zur See

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Textdaten
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Autor: Hans Bötticher
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Titel: Weihnacht zur See
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 47–48
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1910
Verlag: Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: München, Leipzig
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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Ringelnatz Gedichte 047.jpg
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[47]
Weihnacht zur See


Weihnacht war es auf tosender See.
Haushohe Wellen an Luv und an Lee.
Am Ruder stand Jürgens Claus;
Sah bald auf den Kompaß und bald voraus.

5
Die eisernen Speichen lenkte er fest

Und führte verwegen
Durch Sturm und Regen
Das ächzende Schiff nach West-Nord-West.
Wuchtige Seen mit schäumender Gischt

10
Fegten das Deck,

Doch er wich nicht vom Fleck,
Er rührte sich nicht,
Ob auch vom Südwester übers Gesicht,
Ob von der Stirn in den struppigen Bart

15
Das salzige, eisige Wasser ihm rann. –

So etwas bleibt keinem Seemann erspart.
Jürgens Claus stand seinen Mann. – –
West-Nord-West lag an.
Und er sah auf den Kompaß vom Wetter umtost,

20
Wehrte behende dem tückischen Schwanken

Der kleinen Nadel. Doch in Gedanken
Flog er gen Ost-Süd-Ost;
Flog in ein fernes Fischerhaus.
Dort war er daheim, Jürgens Claus.

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Es war ein armer,

Doch traulich warmer
Und freundlicher Raum.

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Die Kuckucksuhr war eben verklungen.

Still malte der Feuerschein an den Wänden.

30
Im Lehnstuhl unter dem Weihnachtsbaum

Saß Mutter und hielt wie im Traum
In ihren alten, zitternden Händen
Den letzten Brief von ihrem Jungen. –
Er wußte, er war ja ihr einziges Glück. – –

35
„Was ist der Kurs?“ erklang es von oben.

„Recht West-Nord-West!“ gab Claus zurück.
Die eisernen Speichen lenkte er fest
Und führte voll Kraft und kühnem Mut
Das ächzende Schiff gen West-Nord-West.

40
Claus Jürgens stand seinen Mann.

War es wohl salzige Meeresflut,
Was heiß ihm über die Wangen rann?