Wer täuscht???

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Textdaten
Autor: Arbeiter-Radfahrer-Bund „Solidarität“
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Titel: Wer täuscht???
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Quelle: SLUB Dresden: Leipziger Volkszeitung, 7. September 1904.
Kurzbeschreibung: Inserat: Antwort auf vorangegangenen Inserate des Arbeiter-Radfahrer-Bundes „Freiheit“: Wer täuscht?
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Wer täuscht???

Der sogenannte Arbeiter-Radfahrer-Bund Freiheit, der schon vor Wochen erklärte, daß er sich auf weitere Zeitungspolemiken nicht einläßt, bricht sein gegebenes Wort und erläßt unter obiger Spitzmarke, am 27. August in der Leipziger Volkszeitung ein Geistesprodukt, welches verdient, niedriger gehängt zu werden.

Es ist ja wohl begreiflich, daß für ein neues Unternehmen Reklame gemacht werden muß. Nur darf man dabei das Publikum nicht über die mangelnde Leistungsfähigkeit mit hochtönenden, aber wohlfeilen Redensarten hinwegtäuschen wollen. Andernfalls muß man es sich gefallen lassen, daß man in die gebührenden Schranken zurückgewiesen wird.

Oder, verehrter Freiheitsbund, ist es keine Redensart, wenn in der Zeitung öffentlich angekündigt wird, daß das erste tausend Bundesabzeichen an 150 Mitglieder verabfolgt wird???

Es wird im oben erwähnten Inserat auf die Vorgänge auf dem Bundestag des Arbeiter-Radfahrer-Bundes Solidarität in Erfurt, Pfingsten 1904, hingewiesen. Beim Lesen dieser Worte muß der Uneingeweihte schaudern ob der Missetaten, welche die Teilnehmer dieses Bundestages dortselbst begangen haben. Demgegenüber sei hier festgestellt, daß die Delegierten des Bundestages in ihrer übergroßen Majorität (mit allen gegen 6 Stimmen) einen Beschluß faßten, der dem Bunde nur zum Vorteil gereichen kann, und nach dem an jedem Orte nur ein Bundesverein bestehen soll.

Anstatt diesen Beschluss nun zu respektieren und dadurch ihre demokratischen Prinzipien in die Wirklichkeit umzusetzen, haben einige Sonderbündler, getrieben durch ihre Herrschergelüste, das Bedürfnis gefühlt, einen neuen Bund gründen zu müssen.

Da man eber die Einrichtungen des Arbeiter-Radfahrer-Bundes Solidarität als mustergültig anerkannt hat, und vorerst nicht Besseres im neuen Bunde bieten konnte, kopierte man im Freiheitsbund diese Einrichtungen bis auf das Tüpfelchen über dem i, und geht nun damit krebsen.

Es lebe die Prinzipienlosigkeit!

Die vom Arbeiter-Radfahrer-Bund Solidarität über die Leistungen des Freiheitsbundes angestellte Berechnung wird von letzterem als unrichtig zurückgewiesen; leider aber hat man seitens der Freiheitsleute vergessen, die nötigen Unterlagen dafür zu bringen.

Also: Heraus mit den Beweisen! Dann lassen wir uns gern eines besseren belehren. So lange dies aber nicht geschieht, so lange erlauben wir uns an die Richtigkeit unserer Berechnungen zu glauben.

Mit Ausdrücken aber, die dem Tierreich entnommen sind, und die sich mit allerhand liebenswürdigen Eigenschaften einiger Vierfüßler befassen, wird nichts bewiesen.

Wenn aber die Leistungen des Freiheitsbundes dadurch gesichert sein sollen, daß die Bundesverwaltung eine ehrenamtliche ist, so können wir nur wünschen, daß es den Vorstandsmitgliedern noch recht lange möglich ist, ihre Aemter im Ehrenamt zu verwalten.

Auch der Umstand, daß dem neuen Bund innerhalb 8 Wochen 18 Vereine beigetreten sind, beweist nichts für die Notwendigkeit oder die Lebensfähigkeit desselben. wir wollen sogar, großmütig wie immer, der Freiheit noch 6 unserer seitherigen Vereine abtreten, die sich ebenfalls nicht in die neue Ordnung fügen zu können glauben, damit das zweite Dutzend voll wird, und wieder 1000 neue Freiheitsabzeichen zur Ausgabe gelangen können. Jedenfalls ist die Tatsache bemerkenswert, daß sich die Mitgliedschaften der Freiheit ausschließlich aus Ueberläufern zusammensetzen, und daß es der Freiheit bis jetzt nicht gelungen ist, einen Verein zu gewinnen, der seither noch keinem Bund angehört.

Dagegen muß konstatiert werden, daß der Arbeiter-Radfahrer-Bund Solidarität seit dem berüchtigten Bundestag, also seit Ende Mai d. J. 180 Vereine mit 1895 Mitgliedern und 63 Einzelfahrer, also insgesamt 1958 Mitglieder neu aufgenommen hat, ohne den Zuwachs, welchen die schon bestehenden Vereine aufzuweisen haben.

Diese Tatsache spricht für sich und bedarf keines Kommentars. Wir haben alle Ursache zu der Annahme, daß sich der Arbeiter-Radfahrer-Bund Solidarität in derselben aufsteigenden Richtung auch in der Folge bewegt, in der er sich seither bewegt hat, und die Nebenbuhlerschaft des Freiheitsbundes nicht zu fürchten hat.

Frankfurt a./M., Schleusenstraße 11.
Die Geschäftsleitung des Arbeiter-Radfahrer-Bundes Solidarität.
Phil. Althaus, Vorsitzender.   H. Sachs, Sekretär.