Westphälische Sagen und Geschichten/Das Fegefeuer des Westphälischen Adels

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Autor: H. Stahl alias Jodocus Temme
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Titel: Das Fegefeuer des Westphälischen Adels
Untertitel:
aus: Westphälische Sagen und Geschichten
Seite 46–62
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Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1831
Verlag: Büschler’sche Verlagsbuchhandlung
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Erscheinungsort: Elberfeld
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[46]
III.


Das Fegfeuer des westphälischen Adels.
Eine Sage von H. Stahl.


Die gute Stadt Paderborn ist gewiß oft in Erstaunen, Angst und Schrecken gesetzt worden, nie aber, weder vorher, noch je wieder nachher, ist sie Zeugin eines solchen Zusammenrennens, einer solchen Neugierde, Furcht, Angst und überhaupt eines solchen Aufruhrs gewesen, als bei der Begebenheit, die ich jetzt erzählen will.

Im Jahre des Herrn Eintausend vierhundert und dreißig kam nemlich eines Tages durch das Heyers Thor der Stadt über die Heyers Straße und von da bis auf den Domhof ein Mensch gelaufen, mit verbrannten Kleidern, fliegenden Haaren, und verstörtem Antlitze, der mit kläglicher, aber durchdringender Stimme in Einem fort schrie: Höret, Ihr Leute! O höret! o höret! o höret die schreckliche Geschichte! o höre, wer Ohren hat!

[47] Dabei hob er unter jammervollen Geberden seine rechte Hand in die Höhe, an der die drei vordersten Finger wie abgebrannt waren.

Dieses Betragen, dieß Schreien und wilde Rennen war den Bürgern Paderborns um so auffallender, als sie Alle den Mann, der ein ehrsamer Schneider war, sehr wohl kannten, und ihn seit langen Jahren friedliebend und ruhig und ehrbar unter sich hatten leben sehen. Aller Neugierde wurde daher in einem hohen Grade erregt, und obgleich manche Gevattern des Schneiders kopfschüttelnd sagten: Was macht der Mann für einen Spektakel? Die Polizei sollte ein Einsehen thun! – und obgleich die alten Weiber mit vieler Bestimmtheit auf der Stelle erklärten: die arme Schneiderseele ist verrückt worden; sein böses Weib hat ihn einmal wieder untergehabt! – so war doch kein Gevatter und kein altes und kein junges Weib, und kein Kind, kein Jude und kein Christ in ganz Paderborn, der nicht aus dem Hause gelaufen und auf den Domhof gerennt wäre, wo der Schneider endlich völlig erschöpft, Halt machte.

Mit tausend Fragen stürmte man hier sofort auf ihn ein, und eine volle halbe Stunde dauerte es ehe man ein Wort davon verstehen konnte. Zuletzt warf sich der Domkantor ins Mittel, und seiner nicht gewöhnlichen Stimme gelang es, einige Ruh und Ordnung in den empörten Haufen zu bringen. Jetzt unterschied man auch einzelne Fragen, als z.B.: Was mag der Schneiderseele begegnet seyn? – Es wird etwas Rechts seyn, was diesem Helden so in Schrecken jagen konnte? – Meister, habt Ihr Euch mit der Nadel gestochen? u. s. w.

[48] Aber das Schneiderlein sah sehr verächtlich in den Haufen hinein, der ihn durch solche Fragen zu verhönen glaubte. Dann rief er auf einmal mit seiner hellen Stimme: Hört, ihr Leute! hört die schreckliche Geschichte! Ich bin im Fegefeuer gewesen!

So dünn des Männeleins Stimme war, so durchdrang sie doch den weiten Domhof und den ganzen Haufen von Menschen, der darauf befindlich war, und brachte unter Allen das höchste Erstaunen, die gespannteste Neugierde hervor. Im Fegfeuer? schrie Alles. Wo, Meister Pankratz? Wann waret Ihr darin? Wo ist es?

Im Lutterberge ist es! rief die dünne Stimme des Schneiders wieder eben so klar.

Da gab es aber einen gewaltigen Aufstand und ein gar arges Gedränge auf dem Domhofe. Bekannt war es nemlich seit langen Zeiten, daß im Schooße des Lutterberges, der nicht weit vom Kloster Bödecken liegt, das Fegefeuer für die abgeschiedenen Seelen der westphälischen Edelleute sey; aber wie es darin aussah, was darin getrieben, wie darin gelebt wurde, und wer Alles sich darin befand, darüber wußte man bisher noch nichts, und das Alles wollte man jetzt von dem Schneider erfahren. Dabey hatten nie die vielen auf dem Domhofe anwesenden Edelleute, weil es sich nur von ihrem Fegefeuer handelte, unbedenklich das meiste Interesse, weshalb sie denn auch der Meinung waren, das größte Recht an die Mittheilungen des Schneiders zu haben, gleichsam ein Näherrecht. Sie strengten sich daher mit allen Kräften an, um sich vor, und den herbeigelaufenen Pöbel nebst Juden und Weibern zurückzudrängen. Lange gelang ihnen dieß nicht, [49] zuletzt, nach einem fast stündigen Kampfe, siegten sie, und bildeten eine neue feste Kette um den Schneider, der erzählen mußte.

Der Meister Pankratz hatte unterdeß zwar Zeit genug gehabt, sich zu erholen und neue Kräfte zu sammeln, dennoch war er noch so zerstört, daß er nur eine sehr konfuse Erzählung des Erlebten vorbringen konnte. Sein Nacherzähler will ihn daher auch hier nicht redend einführen, sondern lieber auf seine schlichte Art referiren, was der Schneider den erstaunten Paderbörner, Adeligen und Nichtadeligen mittheilte.

Am Tage vor diesem Auflaufe hatte der Schneider-Meister Pankratz, von dem Klosterherrn zu Bödecken eine Botschaft bekommen, ungesäumt nach Kloster Bödecken aufzubrechen, um dem Bruder Schneider bei Verfertigung vieler neuen Habite, die bei einem baldigen Besuche des Bischofs getragen werden sollten, Beistand zu leisten. Der Schneider hatte auf der Stelle wegen vielerlei Arbeit nicht aufbrechen können, sich jedoch sofort mit dem Beginn des sogenannten Schneiderstündchens, welches mit der Dunkelheit seinen Anfang nimmt, auf den Weg gemacht. Wohlgemuth, nachdem er von seinem Hauskreuze Elsabein Abschied genommen, und nicht ahnend, welche Schrecken ihm bevorstehen, hatte er die Reise angetreten, und war auch, unter dem Schutze eines klaren, freundlichen Mondlichtes, sonder Gefahr bis in die Nähe des Klosters Bödecken gekommen; dieß selbst hoffte er noch vor Mitternacht zu erreichen, und zweifelte er nicht, bei dem Bruder Pförtner, der sein Freund war, und an dessen Zellenfenster er anklopfen wollte, Einlaß und einen Krug altes Bier und ein warmes Bette zu finden. [50] Froh in dieser Hoffnung schreitet er immer rüstiger weiter, und kennt, in der hellen Nacht, zum ersten Male in seinem Leben, weder Furcht noch Zittern. Doch etwas beklommen wird ihm ums Herz, als er nun in die Nähe des berüchtigten Lutterberges kommt; alle Sagen die er nur in seinem Leben davon gehört hat, treten ängstigend vor seine Seele, und schnell wird seine Beklommenheit zur entsetzlichsten Angst; er setzt seine dürren Beine schneller vorwärts, sein Athem wird lauter, kurzer, heftiger, obgleich er sich ohne Unterlaß vornimmt, gar nicht aufzuathmen, um kein Wesen, todtes oder lebendes, durch das Geräusch aufmerksam auf seine arme Person zu machen; unaufhörlich sieht er bald hinter sich, bald scheu zu beiden Seiten, und doch fürchtet er, nur die Augen aufzuschlagen; noch ununterbrochener aber schlägt er andächtige Kreuze vor sich hin, bald große und langsame, bald kleine und geschwinde, je nachdem ihm seine Lage mehr oder minder gefährlich erscheint. Auf einmal, ganz in der Nähe des entsetzlichen Berges, der wie ein unendlich großer, drohender, alles verschlingender Riese vor ihm liegt, auf einmal hört er lautes Geräusch hinter sich; sein ganzer Körper erbebte, seine Beine schlotterten, seine Hände können das Kreuz nicht mehr schlagen, er kann nur noch den jammervollen Einfall verfluchen, mitten in der Nacht einen solchen Weg zu machen. Das thut er, und unwillkürlich kommt ihm dabei der Gedanke: Wäre statt deiner doch dein Weib hier! – Aber Er war da, und blieb da, und zwar allein und mitten in der Nacht, und ganz nahe an dem unheilvollen Berge, und noch näher bei einem eben so unheilvollen, schauerlichen, unerklärlichen [51] Geräusche, das wie ein Windsturm ihn zu ereilen drohete. Seine Beine trugen ihn nicht mehr, kraftlos sank er plötzlich zusammen.

In demselben Augenblicke hatte das Geräusch ihn aber auch eingeholt, und der arme, von kaltem Angstschweiß triefende Schneider, sah sich umgeben von einer ungeheuren Masse schwarzer, theils geharnischter, theils nicht geharnischter Gestalten, die zu Fuße, und auf schwarzen aber wie Feuer leuchtenden Rossen, ihn entsetzlich in dem bleichen Mondlichte, mit glühenden, feurigen Augen anstarrten. Sie thaten ihm nichts, und sprachen auch nichts; aber ein Paar große Hunde, die sie bei sich hatten, und die ebenfalls schwarz und feurig waren, kamen ganz nahe an ihn heran; und als diese beiden Ungethüme mit ihren glühenden Augen so ganz dicht an ihm waren, und sogar sich anschickten, mit ihren großen, eitel Feuer sprühenden Mäulern ihn zu beriechen und zu belecken, da konnte der arme Schneider seine Angst nicht mehr in sich verschließen, er mußte ihr Luft machen, und mit lauter, überschlagender Stimme rief er: Habt Gnade, ihr gestrengen Herrn! Habt Barmherzigkeit!

Darüber verbreitete sich unter dem Geisterchor ein lautes, boshaftes Gelächter, ein wahres Gelächter der Hölle, in welches die Hunde mit einem fürchterlichen Heulen einstimmten, so daß der arme Meister Pankratz wohl vermerken konnte, in welche Händen er gerathen sey.

Einer von den Geistern aber, der auf einem hohen Pferde hielt, ganz gewappnet und gerüstet war, und dem auch die Uebrigen große Ehrfurcht zu bezeigen [52] schienen, nahm jetzt das Wort. Fürchte dich nicht Gesell, sprach er zu dem Schneider, und berichte uns, wer du bist, und was dich hierher führt.

Seine Stimme klang dem Schneider anmuthig gegen das Gelächter und Geheul von eben, und Muth fassend, jedoch mit kläglicher Stimme, erwiderte er: Ich wollte zum Kloster Bödecken, um den Mönchen neue Habite zu machen; ich bin ein armer Schneider aus Paderborn!

Bei dem Worte Schneider lachten die Gestalten wieder wie toll, und die Hunde heulten wieder; der hohe Ritter aber fuhr fort, indem er zu seinen Gefährten sprach: Den Gesellen können wir gebrauchen! Anstatt dem Schneider der Mönche zu helfen, kann er bei unsern Schneidern arbeiten. Es ist alles Eins!

Nur daß er mit brennenden Nadeln nähet, und mit glühendem Zwirn! riefen lachend Mehrere aus dem Haufen.

Da erbebte dem armen Nadelhelden das Herz gewaltiger als bisher, und er schrie von neuem um Gnade und um Loslassung, um seines armen Weibes willen, die sich todt grämen würde ohne ihn. Der geharnischte Ritter aber gab einem Reisigen, der im Hintergrunde auf einem großen schwarzen Hengste hielt, einen Wink, und augenblicklich kam dieser näher, ergriff das bebende Schneiderlein und hob es hinter sich auf sein Roß. Und in sausendem Galopp jagte dann der ganze Haufe unter Lachen, Schreien und Toben, und dem Geheul der Hunde, dem Lutterberge zu.

Dem armen Schneiderlein war vor Schrecken Sprache und Stimme ausgegangen, er ergab sich leidend dem, was um ihn und mit ihm geschah, und [53] wurde nur von eisigem Grauen ergriffen, wenn er an die brennende Nadel und an den glühenden Zwirn gedachte, mit dem er hinfort nähen sollte.

Der Zug kam am Lutterberge an, und hielt an dessen Fuße. Die Ritter stiegen ab, und gaben ihre Pferde den Knechten, die damit auf die Seite zogen. Auch der Schneider und sein Roßgefährte stiegen ab, und folgten dem Zuge der Ritter zu einem großen Thore, das sich vor ihnen aufthat, und durch welches sie in das Innere des Berges stiegen. Alle Angst und Furcht wich hier dem Erstaunen, das sich des Meisters Pankratz bemächtigte.

Er befand sich im Innern des hohen, weiten Lutterberges, in einem einzigen, großen, ungeheueren, unermeßlichen Saale, der von Einem Ende des Berges zum Andern, von der Einen Seite zur Andern und bis oben an die Spitze hinan zu reichen schien. Der Saal war so groß und so weit und so hoch, daß er nachher versicherte, der Dom in Paderborn nebst der Jesuitenkirche und der Chorkirche und der Abdinghofkirche hätten alle zusammen Raum darin, und wenn man sich auch jede von ihnen hunderttausendmal so groß und hoch dächte. Und in diesem ganzen Saale war kein einziges leeres Plätzchen; jeder Fleck besetzt, in jeder Ecke herrschte buntes, lautes Leben. Lange stand der Schneider betäubt von dem Anblicke und von dem tollen, wirren Geräusche um ihn her. Bald aber siegte die Neugierde in ihm, und, sich selbst vergessend, richtete er seine ganze Aufmerksamkeit auf seine Umgebung.

Da sah er denn nun zu allererst, was er so oft schon hatte erzählen hören, daß er sich wirklich in dem [54] Fegefeuer des westphälischen Adels und mitten unter ihrer und ihrer Knechte und Bedienten abgeschiedenen Seelen befinde. Denn manchen Cavalier fand er hier wieder, der längst gestorben war, und den er im Leben recht gut gekannt hatte; und manchen Knappen, mit dem er in der Oberwelt manches Glas Bier ausgeleert hatte. Ja, zu seinem Erschrecken, und doch zu einiger Schadenfreude bemerkte er sogar einen Kriegsknecht des Grafen von Westphalen, der im Leben sein Nebenbuhler bei Elsabein gewesen war. Der Mann stand hinter dem Stuhle seines Herrn und wartete diesem auf, schien aber den Schneider nicht zu bemerken oder nicht zu kennen.

Diese Entdeckung reizte seine Neugierde noch mehr, und kühner warf er forschende Blicke in dem weiten Gewölbe umher. Da sah er denn mit Einem Male die Lebensart, das ganze bunte Treiben in diesem westphälischen Adelsfegefeuer. Hier saß ein Haufen, der sich an einer vollen, reichbesetzten Tafel gütlich that, und dabey sang und jauchzte; Andere saßen zechend und jubelnd hinter großen, vollen Humpen; noch Andere spielten mit Würfeln oder Karten; wieder Andere unterhielten sich von ihren Kriegsthaten und sonstigen Abentheuern. Alle waren sehr froh und lustig, aber doch bemerkte der Schneider, daß ihre Lustigkeit nicht recht von Herzen gehen müsse; denn die Essenden verzogen ununterbrochen den Mund, so wie sie etwas hineinsteckten, bald nach der rechten bald nach der linken Seite; den Trinkern sogar, wenn sie die Humpen an die Lippen setzten, fuhr eine schwefelichte Flamme hinein, so daß sie nur diese, und nicht Wein oder Bier zu trinken schienen, eben so rieben die Spieler sich gewaltig [55] die Hände wenn sie Karten oder den Würfelbecher angerührt hatten; und daß Alle auf glühenden Stühlen saßen, konnte der Schneider gar leichtlich an dem ewigen plötzlichen Aufstehen und hin und her rutschen, und an den saueren, den Schmerz verbeißenden, Gesichtern sehen, welche Alle, vorzüglich die Singenden und Jubelnden, oft schnitten.

Eine Zeitlang sah der Schneider diesem Treiben im Ganzen zu. Dann aber vergnügte er sich damit, einzelne Personen unter dem Haufen hervorzusuchen, von deren Leben er Zeuge und wegen deren er oft neugierig gewesen war, was nach ihrem Tode wohl aus ihnen werden würde. Und hier ergriff ihn oft das ungeheuerste Erstaunen. Denn gleich zu Anfang fiel ihm ein Mann mit einem schönen, frommen Gesichte auf, der nicht weit von ihm, an einer großen Tafel den Ehrenplatz einnahm; die Züge schienen dem Schneider bekannt, er betrachtete sie genauer, und ein lauter Ausruf der Ueberraschung wäre ihm beynahe entfahren, als er auf einmal den Bischof Wilhelm von Paderborn erkannte, der im Jahre vorher gestorben war. Zwar fiel es ihm schnell ein, daß derselbe, nachdem er schon mehrere Jahre vorher seine bischöfliche Würde niedergelegt, die Gräfin Adelheid von Tecklenburg, mit der er in Bielefeld Hof gehalten, geheirathet hatte; allein er hatte hiezu doch die Erlaubniß selbst des heiligen Vaters gehabt; unmöglich konnte hiedurch der Mann daher eine Sünde begangen haben, und sonst hatte er doch in seinem Leben nichts Böses gethan. Dennoch saß der fromme Bischof hier und speisete glühenden braunen Kohl, den er im Leben gern gegessen, und verzog dabey erbärmlich das Gesicht, und erzählte [56] von einer Saujagd, die er auch im Leben geliebt hatte, und zuckte bey jedem Worte den Mund, als wenn, so wie er nur Feuer einschluckte, so auch nur Feuer aus seinem Munde käme.

Neben dem Bischofe saßen eine Menge Domherrn, Pröbste, Dechanten und Cantöre, denen es nicht besser erging, als ihrem Präses, und die Alle der Schneider, im Leben sehr gut gekannt hatte.

Ueberhaupt machte der Schneider bald die Bemerkung, daß, sowie der geistliche Stand an besonderen Tischen für sich allein saß, da die Ritter jedesmal Familienweise beysammen saßen. Auch war ihm das sehr verwunderlich, daß er gar keine Frauenzimmer in diesem Fegefeuer fand, sondern blos Herrn und ihre Knechte. Vergebens dachte er darüber nach, wo denn wohl die Weiber und Töchter der westphälischen Edelleute bleiben möchten. Denn daß diese entweder gleich in den Himmel, oder auch gleich in die Hölle kämen, konnte er sich nicht gut denken, und zu fragen hatte er keinen Muth. Uebrigens machte ihm diese Entdeckung keine geringe Freude, wenn er sie auf das Fegefeuer der westphälischen Schneidergilde bezog, und dabey an seine Elsabein dachte.

Nachdem der Schneider dieses Alles eine Zeitlang angesehen hatte, erhob sich nicht weit von ihm, an dem Tische, an dem die Seelen der edlen Herrn von Barecken sich mit Tafeln beschäftigten, im argen Zank und Streit. Es war nemlich in dem Augenblicke eine neue Seele angekommen, ein junges, nettes Herrchen, mit einem glatten, sogar halbgelehrten Gesichte. Dieser sah sich eine Zeitlang forschend in dem Gewölbe um, schritt dann, als er den Tisch der Edlen von [57] Barecken gewahrte, keck darauf zu, meldete sich als Einen Stamm und Anverwandten und wollte sofort von einem leeren Stuhle Besitz nehmen. Aber schnell sprang jetzt ein alter, großer und starker Ritter mit einem breiten dunkelen Gesichte und einem gewaltigem Schnurtzbarte, von seinem Sitze auf; man sah es ihm leicht an, daß er schon eine gute Weile in diesem Fegefeuer mußte gelebt haben; auch hatte er den Ehrenplatz an diesem Tische ein, und wurde auch von den übrigen Tischen, als denen von Metternich, die in seiner Nähe saßen, augenscheinlich in sonderlicher Ehren gehalten. Dieser trat mit zornfunkelnden Augen vor das junge kecke Herrchen, riß ihm den bereits gefaßten Stuhl wieder aus den Händen, und schrie ihm zu, daß er an diesen Tisch sich nicht wagen solle. Dieß konnte das Herrlein nicht begreifen, und es fragte daher verwundert: warum nicht?

Warum nicht? schrie der alte Ritter noch zorniger; weil du ein feiger Gesell bist, der unserer ehrlichen Gesellschaft unwerth ist; weil Du dem Gottesurtheil auswichest mit Christian von Mantoll, und weil ich nicht glaube, daß ein edler Herr von Barecken dein Vater ist, sondern höchstens ein schlechter Knappe.

Der junge Herr wurde hierüber sehr verdutzt, wollte aber doch etwas erwidern; allein der ganze Tisch fiel über ihn her, und ließ ihn nicht zu Worte kommen, und schleppte ihn zu einer langen, schmalen Bank von glühendem Eisen, auf der die Knappen und Knechte der Familien saßen, und wo sie ihm seinen Platz anwiesen.

Gleich darauf trug sich wieder etwas Anderes zu, [58] was dem Schneider nicht weniger merkwürdig war. An den Tisch des Grafen und edlen Herrn von der Lippe sprangen nemlich in geschäftiger Eile mehrere Bedienten, setzten daran einen großen, mit Lorbeeren geschmückten Sessel, und verkündeten, daß der Graf Simon von der Lippe so eben verstorben sey, und alsbald nahen werde. Ueber diese Botschaft freueten sich die Grafen von der Lippe und Alle die sie hörten, sehr, denn Graf Simon von der Lippe war Allen als der erste und muthigste Kämpe seiner Zeit bekannt. Nur in dem Gesichte des Bischof Wilhelm, der nicht weit davon saß, sah der Schneider gewaltigen Mißmuth, weil dieser, der in seinem Leben manche Fehde mit Simon von der Lippe gehabt hatte, öfters von ihm besiegt und sogar gefangen genommen war. Derselbe drehete daher auch sein zornglühendes Gesicht auf die Seite, als gleich darauf der Graf Simon eintrat. Dieser war ein großer, stattlicher Herr. Mit lauter Freude wurde er von seinem Stammverwandten empfangen, und im Triumphe führten ihn Alle zu seinem Ehrensessel. Hier wurden ihm alsbald die herrlichsten Speisen und die köstlichsten Weine aufgetragen. Allein, so sehr der edle Graf über diesen ehrenvollen Empfang sich freuete, so sah der Schneider doch, daß er bey dem Essen der Speisen und dem Trinken des Weines entsetzlich erbärmliche Gesichter schnitt, wie es einem solchen Helden im Leben sehr schlecht würde angestanden haben, worüber aber einige jüngere Herren von der Lippe, die der Sache schon länger und besser gewohnt waren, recht herzlich in ihr Fäustchen lachten.

Gleich darauf aber freuete der Graf Simon sich noch mehr, denn es kam ein Diener, der ihm etwas [59] ins Ohr sagte, und lange heimlich mit ihm sprach, dann aber davon lief und schnell mit einem großen Sessel zurückkehrte, den er an die Seite des edlen Grafen stellte. Hierüber wurden Alle neugierig, und wollten wissen, was das zu bedeuten habe; der Graf Simon berichtete ihnen aber, wie er so eben die Nachricht erhalten, sein edler Freund und langjähriger Kampfgenosse, der berühmte Ritter Busso von Assenburg sey in dieser Nacht zu Braunschweig Todes verblichen, und werde in kurzem hier eintreffen. Ein so würdiger Freund könne hier nur an seiner Seite sitzen. Ueber diese Botschaft geriethen Alle in die größte Freude, und sahen es gern, daß ein so tapfrrer Ritter an ihren Tisch komme. –

Der Meister Pankratz hatte jetzt so vieles gesehen und gehört, daß seine Neugierde noch gerade befriedigt war, und er wieder anfing, an sich selbst zu denken. Dabey fiel es ihm denn gar heiß auf die Seele, wenn er dachte, daß er aus diesem Fegefeuer gar nicht wieder herauskäme, sondern gleich den Anderen, darin festgehalten würde. Zwar schien von denen, die ihn mit hereingenommen, Niemand mehr auf ihn zu achten, vielmehr sah er sich noch immer unbemerkt da stehen; dann wurde ihm jetzt mit jedem Augenblicke unheimlicher. Vergebens sann er auf Mittel fortzukommen; der Berg war von allen Seiten zu, und undurch dringlich, und kein Eingang und kein Ausgang war zu sehen; umsonst suchten seine Augen die Stelle, durch welche er hereingekommen war. Da wurde ihm zuletzt sehr Angst. Doch wer beschreibt seinen Schrecken, als er nun auf einmal nebst den übrigen Knappen und Knechten, die an seiner Seite standen, zum Essen gerufen, [60] und dann an eine Tafel geführt wurde, die ganz links in einer Ecke stand. Folgen mußte er zwar, er setzte sich aber nicht auf den schmalen, feurigen Eisenstreifen, der die Bank ausmachte, und rührte auch die Speisen nicht an, die ihm doch etwas zu heiß schienen. Obgleich sonst von gutem Appetite, verspürte er jetzt nicht den geringsten Hunger, so schöne und würzige Speisen ihm auch entgegen dufteten. Doch auf einmal wurden Forellen mit frischen Erbsen, alles in einer köstlichen Brühe gekocht, aufgetragen. Forellen und Erbsen! jene so frisch blau, diese so frisch grün! das Herz lachte dem Schneider im Leibe. Er konnte nicht mehr widerstehen, rasch griff er mit der rechten Hand in die Schüssel, aber mit einem lauten, furchtbaren Schrey zog er sie wieder zurück, denn von den drey vordersten Fingern seiner rechten Hand war nichts mehr da, sie waren bis auf den Grund abgebrannt. Er heulte entsetzlich und schrie und fluchte und sprang umher, wie besessen.

Darüber erhob sich ein unbändiges Gelächter in dem ganzen, weiten Gewölbe; Alles sprang auf von seinen Sitzen und drängte sich herbey, um den Schneider heulen und springen zu sehen, und lachte, was es nur lachen konnte. Selbst der Bischof Wilhelm und seine Domherrn vergnügten sich an den Grimassen des verbrannten Männleins.

Doch nicht lange dauerte dieß; denn auf einmal wurde die allgemeine Aufmerksamkeit auf ein gewaltiges Geräusch gerichtet, das sich draußen vor dem Berge erhob. Es war, als wenn über hundert Ritter in schweren Rüstungen, mit Lanzen und Schwertern und auf wilden, schnaubenden Rossen herangesprengt kämen. [61] Alles drängte sich nach der Gegend des Geräusches hin, auch der lamentirende Schneider wurde mit fortgerissen, und zu seinem Glücke. Denn als er jetzt auf einmal den Eingang des Fegefeuers offen sah, nahm er den Zeitpunkt wahr, in dem ein großer Ritter von vielen Knappen hereingeführt und von dem Grafen Simon von der Lippe mit dem Freudenausrufe: Mein Busso! empfangen wurde, und entwischte glücklich, von Niemanden bemerkt, durch die offene Thüre, aus dem vermaledeyten Berge.

Draußen war der Mond noch eben am Rande des Himmels und im Untergehen begriffen, dagegen tauchte die Morgenröthe bereits empor. Der Schneider lief, was er laufen konnte, ohne sich weder umzusehen, noch sich auszuruhen, bis er auf dem Domhofe zu Paderborn erschöpft niedersank. Seines Geschäftes im Kloster Bödecken hatte er rein vergessen. –

Verwunderungsvoll hatte man dem Schneider zugehört, als er dieses alles erzählte. Sonderbar, höchst sonderbar! riefen Alle, als er endigte.[WS 1] Die Meisten glaubten ihm, weil es schon lange bekannt war, daß im Lutterberge, das Fegefeuer des westphälischen Adels sey. Viele aber meinten, der gute Schneider habe entweder geträumt, oder sey von irgend einem Ritter, oder auch von bösen Geistern arg geneckt und gefoppt worden. Dann widersetzte sich aber der Schneider mit vielem Eifer, und hob zum Wahrzeichen, daß Alles sich so verhalte, wie er es gesagt, seine verbrannte Hand in die Höhe. Doch so recht trauete man auch diesem Zeichen nicht; und erst, als am anderen Tage die Nachrichten einliefen, in derselben Nacht, von der der Schneider gesprochen, seyen wirklich der Graf Simon [62] von der Lippe und der Ritter Busso von Assaburg plötzlich Todes verblichen, erst da glaubte man, daß der Schneider wahr gesprochen, und ganz gewiß und unzweifelhaft ist es seitdem, daß in dem Lutterberge bey Bödecken das Fegefeuer für die abgeschiedenen Seelen des westphälischen Adels ist. –

Ich habe diese wahrhaftige, auch von Bernhard Wittius in seiner Historia Westphaliae, pag. 613 – 616 als wahr verbürgte Geschichte aus dem Grunde hier wieder erzählt, um einmal denjenigen westphälischen Edelleuten, die das noch nicht wissen sollten, wenigsten von einem Theile ihres künftigen Daseyns Kenntniß und Gewißheit zu verschaffen, und um zum andern den Adel in den übrigen Provinzen Deutschlands zu einer Erkündigung aufzumuntern, wo dann sein Fegegefeuer künftig seyn wird? –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Punkt fehlt in der Vorlage.