Wie einer dem „Reichskanarienvogel“ nachflog

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Titel: Wie einer dem „Reichskanarienvogel“ nachflog
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 677–678
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[677] Wie Einer dem „Reichscanarienvogel“ nachflog. Bei einer zufälligen Durchsicht des Jahrgangs 1862 der „Gartenlaube“ stieß ich auf die Beschreibung der Flucht des „Reichscanarienvogels“ (Rösler aus Oels) aus der württembergischen Festung Hohenasperg im Jahre 1850. Diese Schilderung erinnert mich an die etwas später aus derselben Festung erfolgte Flucht des Apothekers Frech aus Ingelfingen, deren Einzelheiten damals nicht mitgeteilt werden konnten, weil die Theilnehmer ihrer eigenen Sicherheit wegen schweigen mußten. Als Hauptperson war bei derselben der Redacteur Heerbrandt aus Reutlingen, jetzt längst in Amerika, betheiligt. Derselbe befand sich wegen verschiedener politischer Anklagen in Untersuchungshaft, war nebenbei aber auch wegen Beleidigung des Gemeinderates in Reutlingen zu drei Monaten Festungsarrest verurteilt.

Nach seiner Verhaftung, welche einen Aufstand in Reutlingen zur Folge hatte, dämmerte in ihm die Idee auf, daß er, nachdem seine Untersuchungshaft beendet, noch seine Strafhaft abzusitzen habe, und dem wollte er vorbeugen. Er meldete sich deshalb sofort beim Untersuchungsrichter als Strafarrestant, worüber dieser lachte, da Heerbrandt ja ohnehin Arrestant sei, allein unser Freund bestand darauf, daß die Sache dem betreffenden Gericht vorzulegen sei, und der Gerichtshof entschied gegen ihn. Nun wurde an das Obertribunal appellirt, und dieses fällte ein Urtheil zu Gunsten Heerbrandt’s. So hatte er das doppelte Vergnügen, Straf- und Untersuchungsgefangener zu sein.

Nach etwa zehn Wochen wurde er gegen Caution aus der Untersuchungshaft entlassen und in das Local der Strafgefangenen versetzt, um seine Strafe vollends abzubüßen, wodurch er die Erlaubniß erhielt, sich den ganzen Tag auf der Festung herumzutreiben.

Ueber seinem Zimmer war Frech mit zwei Anderen einlogirt. Eines schönen Tages hob derselbe ein kurzes Brett aus dem Fußboden und bohrte mit einem Messer einen Spalt in die Decke von Heerbrandt’s Zimmer, um durch ihn seine Correspondenz befördern zu lassen. Einige Tage später kam er auf die Idee, den Spalt in ein großes Loch zu verwandeln und durch dasselbe zu entfliehen. Heerbrandt erklärte sich auf eine desfallsige Anfrage zu jeder Hülfeleistung bei der Flucht bereit. Der Spalt wurde vorsichtig so erweitert, daß man Stricke für eine Leiter durch denselben schieben konnte, zu welchem Zwecke sieben nagelneue Stricke hinaufwanderten, ebenso ein Festungsplan und eine Auseinandersetzung über die weiteren Verhaltungsmaßregeln, welche durch Heerbrandt ausgezeichnet vorbereitet und ebenso ausgeführt wurden.

Die südliche Seite der Festung war die längste und bildete beinahe eine gerade Linie. An beiden Enden des Walls, welcher selbstverständlich um die ganze Festung herumführte und mit Ausnahme desjenigen Theiles, welcher zum Spaziergang für die Untersuchungsgefangenen bestimmt war, den Strafgefangenen zur Erholungsstätte in frischer Luft diente, stand eine Schildwache, welche den ganzen Weg leicht übersehen, jedoch in die beiden trockenen Wallgräben von ihrem Standpunkt aus nicht gut hinunter blicken konnte.

[678] In der Mitte dieses Weges führte eine steinerne Treppe in den Festungshof hinab, in welchen der Ausgang von Heerbrandt’s Local mündete. Frech’s Flucht mußte quer über den Hof zu der Treppe, diese hinauf, sodann gerade aus über den Wall und von da hinunter in den ersten ziemlich tiefen Graben bewerkstelligt werden. Zu diesem Zwecke waren zwei Mann erforderlich, welche ihn an der Strickleiter hinunterlassen mußten; von da aus konnte er mit dieser leicht in den zweiten Wallgraben und aus demselben am linken Ende über eine etwa zehn Fuß hohe Mauer in den Weg, der zum Festungsthore hinaufführte, gelangen. Heerbrandt sicherte sich die Hülfe von vier Soldaten. Leider mußten diese aber bereits um acht Uhr in der Kaserne sein. Da nun in Folge dessen bei Tage eine Flucht unmöglich war, so konnte natürlich nur die Zeit der Dämmerung, zwischen ein halb acht und acht Uhr, zur Ausführung des Plans gewählt werden. Tag und Stunde waren festgesetzt; alles war vorbereitet. Frech zeigte um ein halb acht Uhr durch einen Pfiff an, daß er auf dem Wege zur Treppe sei. Hier empfingen ihn die zwei Soldaten, welche ihn an der Strickleiter in den Graben hinabließen; zu gleicher Zeit machten die zwei Anderen die beiden Schildwachen auf der dem Schauplatze entgegengesetzten Seite auf ein Feuer im Thale aufmerksam, das natürlich gar nicht existirte und in demselben Momente von den Soldaten als erloschen erklärt wurde, als ein zweites Signal ihnen anzeigte, daß der Vogel glücklich befördert sei. Heerbrandt, der um acht Uhr ebenfalls zu Hause sein mußte, saß seit sieben Uhr in der Barth’schen Wirthschaft und erheiterte durch seine humoristische Unterhaltungsgabe die anwesenden Gäste, sodaß keiner derselben auch nur die leiseste Idee von dem Streiche hatte, den er eben jetzt ausführte. Kurz nach ein halb acht Uhr kam einer der Soldaten herein, verlangte ein Glas Bier und gab unserm Freund ein Zeichen, daß die Flucht geglückt sei. Wenige Minuten vor acht Uhr verfügte sich Heerbrandt in das Zimmer neben dem seinigen, welches zwei seiner Collegen beherbergte, die von der ganzen Sache jedoch keine Ahnung hatten.

Um acht Uhr kam regelmäßig der Aufseher mit einer Laterne, um sich von der Anwesenheit seiner Gäste zu überzeugen, und mit ihm ging Heerbrandt in sein Zimmer zurück. Beim Oeffnen desselben fiel der Lichtschein auf einen Haufen Schutt mitten im Zimmer und auf ein mächtiges Loch in der Decke. Heerbrandt prallte scheinbar erschrocken zurück, der Aufseher aber hatte sofort erkannt, um was es sich handelte, und machte Lärm. Beim Oeffnen von Frech’s Zimmer fand man seine beiden Zimmergenossen angeblich betrunken und deshalb gänzlich unfähig ein Wort der Auskunft von sich zu geben. Die ganze Oeffnung wurde durchsucht, ja nach zwölf Uhr kamen sogar einige Officiere in das Zimmer Heerbrandt’s und leuchteten unter dessen Bett, um zu erforschen, ob Frech nicht unter demselben versteckt sei. Endlich sandte man Patrouillen nach außerhalb, und da fand man an der Mauer einen in den Weg herabhängenden Strick. An dieses corpus delicti wurde sofort eine Schildwache gestellt, welche am andern Mittag noch dastand. Die Untersuchung ist damals scharf geführt worden, hat aber kein Resultat geliefert. Der ganze Vorfall dürfte übrigens in obigen Zeilen zum ersten Mal öffentlich geschildert werden.

Frech entkam glücklich nach Frankreich, hat jedoch seinem Retter nie eine Zeile des Dankes zukommen lassen. Schneller und leichter wurde wohl Keiner aus einer Festung hinausbefördert.