Wie man Kinder und junge Leute vor dem Laster der Unzucht verwahren könne

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Autor: Johann Friedrich Oest
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Titel: Versuch einer Beantwortung der pädagogischen Frage:
Untertitel: Wie man Kinder und junge Leute vor dem Leib und Seele verwüstenden Laster der Unzucht überhaupt, und der Selbstschwächung insonderheit verwahren, oder, wofern sie schon davon angesteckt waren, wie man sie davon heilen könne?
aus: Allgemeine Revision des gesammten Schul- und Erziehungswesens: von einer Gesellschaft practischer Erzieher. Heft 6
Herausgeber: Joachim Heinrich Campe
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1787
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Erscheinungsort: Wien
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Originalherkunft:
Quelle: Digitalisat der BBF/DIPF,
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Kurzbeschreibung: Teil eines mit dem 1. Preis gekrönten Beitrags zu der von Campe ausgeschriebenen Preisfrage „Wie man Kinder und junge Leute vor dem Leib und Seele verwüstenden Laster der Unzucht überhaupt und der Selbstschwächung insonderheit verwahren, oder, dafern sie schon angesteckt seyn sollten, wie man sie davon heilen könne?“ Erschien später als „Höchstnöthige Belehrung und Warnung...“ in mehreren Auflagen.
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[1]

I.

Versuch

einer Beantwortung

der

pädagogischen Frage:

wie man

Kinder und junge Leute vor dem Leib und Seele verwüstenden Laster der Unzucht überhaupt, und der Selbstschwächung insonderheit verwahren, oder, wofern sie schon davon angesteckt waren, wie man sie davon heilen könne?

Eine gekrönte Preisschrift.

Allen Eltern, Erziehern und Jugendfreunden gewidmet

von

J. F. Oest
Honeste et publice.


[3] Liebe Eltern und Jugendfreunde,


Etwas von dem Wenigen, was ich Euch in diesen Blättern widme, war schon lange für Euch bestimmt. Daß ich es nicht früher gab, daran war eine, vielleicht unnöthige Bedenklichkeit Schuld: es mögte sich nicht schicken, oder man möchte glauben, es schicke sich nicht, über einen solchen Gegenstand frei und offenherzig zu reden. Daß ich es jetzt gebe, rührt daher, weil so viele würdige Menschenfreunde öffentlich versichern, es sey Bedürfniß unserer Zeit, dem verderblichen Laster der Unkeuschheit [4] bei der Jugend entgegen zu arbeiten: und Erfahrungen, Vorschläge und Bemerkungen darüber würden willkommen seyn. Nehmt also auch diesen Beitrag und untersucht, prüfet und wählet. Wenn er viel Brauchbares enthält, so wird es mich freuen; doch, wenn auch manches darin euch anders scheinen sollte, und ihr hinlängliche Ursachen hättet, davon abzugehen: so wird dieser Versuch mich doch nicht reuen. In einer Sache, worin noch nicht sehr viel gethan ist, würde ich doch leicht hie und da einen aufmerksam machen. Und damit hätte ich denn schon Ursache, zufrieden zu seyn. Der Gedanke, daß etwas zum Wohl der Menschheit geschieht, ist mir lieber als der, daß es gerade durch mich geschieht.

Bei wiederholter Durchsicht dieses Aufsatzes hat man für nöthig gefunden, einige Erfahrungen und Bemerkungen aus einer andern [5] Abhandlung über denselben Gegenstand, die zugleich mit dem Beifall der Herren Revisoren gekrönt worden ist, und welche Hrn. Günther zum Verfasser hat, aufzunehmen und hin und wieder einzuschalten. Die Stellen, durch welche die gegenwärtige Schrift eine Bereicherung erhalten hat, sind theils aus Gerechtigkeit gegen den Verfasser derselben, theils, weil es zu schwierig war, zwei Arbeiten in eine umzuschmelzen, wörtlich eingerückt und mit Häckchen bezeichnet. Man hoft, das Wesentliche über die aufgegebene Materie hier beisammen zu haben. Da indessen mehrere verdienstvolle Männer dieselbe bearbeitet haben, so werden Eltern und Erzieher wohl thun, wenn sie auch die Schriften dieser Männer zur Erweiterung ihrer Kenntnisse nutzen. Es wird ihnen hoffentlich angenehm und lehrreich seyn, wenn sie finden, daß Verschiedene, die einander nicht nach oder ausgeschrieben haben, über eine [6] Sache so einstimmige Erfahrungen und Urtheile liefern. Zu diesem Ende ist eine Verzeichniß von einigen Schriften, die diesen Gegenstand betreffen, hintenangehängt.

Der Verfaßer.

[7]

1.
Vorläufige Bemerkungen über die bisherige geringe Aufmerksamkeit auf diesen Erziehungsgegenstand.

So große Verbesserungen die Erziehung in unsern Zeiten angenommen hat, so ist ein wichtiger Gegenstand derselben doch mit zu weniger Aufmerksamkeit behandelt worden. Bei allem war man umständlich, beobachtend, genau belehrend, und theilte sich Erfahrungen und bewährte Maximen mit; aber über die Keuschheit der Jugend sagte man immer nur ein Weniges, gleichsam im Vorbeigehen.

Vielleicht wollte man sich in diese delikate Materie nicht einlassen, um manchen Lesern nicht anstößig zu werden; vielleicht glaubte man auch, Unkeuschheit sey ein Laster, das in der frühen Jugend nicht begangen werden könte. Viele wurden indeß doch aufmerksam, als Tissot sein bekanntes [8] Buch von der Selbstschwächung herausgab; ein Buch, das vielen Eltern und Jünglingen die Augen schrecklich öfnete, ob es gleich eigentlich in medicinischer Rücksicht geschrieben war. Man fühlte den Schaden der Menschheit und manchem Erzieher lag es, wie ein Stein, auf dem Herzen; aber einer sahe den andern an, und jeder hofte, es würde zur Sprache kommen. Herr Salzmann brach endlich die Bahn, und nun dürfen wir erwarten, daß hierüber die gewünschte Aufklärung erfolgen werde.

Die wenige Aufmerksamkeit auf diesen Punkt der Erziehung ist die Ursache gewesen, daß nicht nur so viele sonst vortreflich erzogene Kinder früh durch Selbstschwächung unglücklich wurden, sondern daß auch manche bei ihrem Eintritt in die Welt oft eine so unerwartete Wendung nahmen und entschiedene Wollüstlinge wurden. Wenn wir uns daran erinnern, wie die meisten Eltern und Erzieher sich in dem Stück betrugen, so finden wir, daß sie mit allem, was Unkeuschheit betraf, so lange zurückhielten, bis der Jüngling den Schritt aus seinem väterlichen Hause in die Welt that und das Mädchen anfieng, mannbar zu werden. Man warnte und ermahnte alsdann so dringend, als man konnte, aber man [9] bedachte nicht, daß nun schon beide ihre Richtung hätten, von der nur sehr zufällige Umstände sie ablenken könten, und daß also Erinnerungen und Warnungen zu spät kämen.

In Ansehung des Erfolgs dieser Warnungen war man auch nur zu leicht zufrieden. Man begnügte sich, wenn der Jüngling kein Mädchen verführte und das Mädchen nicht außer dem Ehestande Mutter ward; ein Erfolg, den man sich sehr leicht versprechen konnte, der aber für die Keuschheit noch wenig entscheidet, die tausendmal in der Welt verletzt wird, ehe Ein Fall bekannt wird, und wo der Schade zehntausendmal größer ist, als der Schade Einer Vergehung mit Einer Person.

Wenn wir billig seyn wollen, so müßen wir zugeben, daß einzelne Fehltritte hier dem Menschen eben so möglich sind, als in so vielen andern Fällen, wo ein kleiner Umstand dazu beitragen kann, einer Leidenschaft das Uebergewicht zu geben. Die beste Erziehung bürgt nicht für den Fall, sonst machte sie den Menschen zu mehr als einem Menschen. Aber Unkeuschheit, die nicht als Leidenschaft, sondern als eine durchaus lasterhafte und zur Gewohnheit gewordene Neigung angesehen werden muß, gehört nicht dahin. [10] Sie hat ihren Grund in der ganzen vorher gestimmten Denkungs- und Sinnesart, in der ganzen Richtung des Menschen, mit einem Wort, in der Erziehung, und nachherige Umstände tragen dazu bei, daß sie zu dem schrecklichen Grade getrieben wird.

Warum Eltern und Erzieher in den frühen Jahren, so wenig bei der körperlichen, als sittlichen Erziehung auf diese Seite Rücksicht genommen haben, davon kann ich mir nur diese Ursachen angeben: entweder hat man geglaubt, es sey nachher bei zunehmenden Jahren noch Zeit genug, wenn die Natur gewiße Triebe in sich fühle, oder man hat sich nie das Laster der Unkeuschheit als so allgemein oder verderblich vorgestellt und die Gefahr nicht so groß geachtet. In Beiden hat man sich geirrt. Es ist große Nothwendigkeit, für die Keuschheit der Jugend überhaupt zu sorgen, und es ist große Nothwendigkeit frühe dafür zu sorgen. Von ersterem wird man sich leicht überzeugen, wenn man nur Gelegenheit, Lust und Beobachtungsgeist genug hat, alles menschliche Elend zu bemerken, das aus der Unkeuschheit entsteht. Letzteres wird auch sehr begreiflich, wenn man bedenkt, daß die Zeit, wo bei dem Menschen der Geschlechtstrieb [11] sich einfindet, sich nicht so bestimmen läßt, daß man gewiß seyn könne, man komme mit seiner Sorgfalt und Belehrung nicht zu spät. Er äußert sich bei einigen früher, bei andern später, und dies rührt zum Theil von Erziehungsumständen her. Aber gesetzt, man könne es genau angeben, so ist es doch immer der Mensch selbst, der diesen Trieb beherrschen soll, und der also auch im Stande seyn muß, es zu können. Wie viel jetzt dieses nicht schon in der frühesten Erziehung voraus, worüber man leicht hinsehen wird, wenn man nicht gerade die Keuschheit zum Gegenpunkt hat. Ich will nicht einmal die Selbstschwächung, die doch die größte und gefährlichste Verletzung der Keuschheit ist, hier nennen. Blos die Fähigkeit, den Geschlechtstrieb in den folgenden Jünglingsjahren zu beherrschen, daß er auf keinen unerlaubten Gegenstand gerathe, hängt von der frühesten und ersten Richtung ab. Hier so, wie in allen andern Fällen.

Ich sagte vorher, man halte die Unzuchtsünden nicht für so allgemein und verderblich, als sie wirklich sind. Die Ursache davon ist wol einzusehen. Man ist nicht Menschenbeobachter genug. Ein flüchtiger Blick auf die Welt ist dazu nicht hinreichend. Unkeuschheit wirkt in dunkler Verborgenheit und leidet [12] so viele Bemäntelungen, daß man sich eben nicht wundern darf, wenn ein gewöhnliches Auge nichts sieht, und wenn so manche glauben, die Schilderungen der Sittenlehrer könten wol übertrieben seyn. Sie lesen oft solche Schilderungen, aber die Originale dazu sind ihnen unbekannt. Sie finden sie so nirgends in der Welt. Der vornehmere Stand der Menschen hat so viele Mittel in Händen, die Folgen seiner Ausschweifungen, so wie die Ausschweifungen selbst, der Beobachtung der Welt zu entziehn und ihnen ein glänzendes Gewand umzuhängen. Andere aus geringen Ständen sind ohnehin zu unbemerkbar. Man bekümmert sich um ihr Wohl und Wehe und um die Ursachen von beiden durchgängig zu wenig. In Spitäler und Lazarethe, wo so manches warnende Beispiel liegt, kommt außer dem Arzt und dem Geistlichen, von welchen man noch dazu Verschwiegenheit fordert, niemand. Im Mittelstande entzieht sich auch einer dem Auge des andern; denn seine Schande verbirgt man gern, so lange als man kann. Hie und da ein lautes bekannt gewordenes Beispiel wird leicht zu den sehr seltenen Fällen gerechnet. Man beobachtet ausserdem immer viel Schonung und Zurückhaltung über diesen Punkt. Man sagt es selten, [13] wenn es auch noch so gewiß ist, frei und rund heraus: diese Armuth, diese Krankheit, dies Elend sind Folgen der Unkeuschheit! Man will niemand gern in einen bösen Ruf bringen. Und endlich ist das Laster selbst von der Beschaffenheit, daß es nur in seinen äußersten Graden sichtbar werden kann. Die vielen kleinern Grade desselben, die keine schauderhafte Anblicke mit sich führen, aber sich durch Entfernung und Unfähigkeit, eine gesunde Nachkommenschaft zu liefern, zum größten Schaden der Menschheit äußern, sind ganz unbemerkbar. Es ist daher sehr leicht begreiflich, daß man durchgängig die Unkeuschheit weder für so allgemein, noch für so gefährlich hält, als sie es wirklich ist.


2.
Allgemeinheit des Lasters der Unkeuschheit.

Ich wollte gern dazu beitragen, Jeden davon zu überzeugen, wenn es nur immer so leicht wäre, seine eigenen Ueberzeugungen zu den Ueberzeugungen anderer zu machen. Allgemeine Schilderungen entwerfen und Ideale aufstellen mag ich aber doch aus zwei Ursachen nicht; einmal, [14] damit niemand glaube, es sey in diesen Schilderungen etwas übertrieben und dann, damit ich mich auch selbst beruhige, nichts gesagt zu haben, was ich nicht beweisen kann. Ich will statt dessen lieber meine in der würklichen Welt gemachten Erfahrungen, so simpel sie übrigens seyn mögen, mittheilen. Die Beispiele, die mir bekannt sind, haben vielleicht nicht viel Auffallendes; sie sind aber doch wahr.

In einem Zeitraume von acht Jahren sind mir dreizehn Beispiele von Menschen vorgekommen, die durch Unkeuschheit unglücklich geworden waren. Wenn ich bedenke, daß ich in keinen weitläuftigen Verbindungen gestanden, noch weniger Gelegenheit gehabt habe, mit vielen Menschen so genau bekannt zu werden, daß ich über sehr verdeckte Fehler urtheilen konnte, so scheint mir dies viel zu seyn. Ich erinnere mich in dieser Zeit kaum Eines Spielers oder eines Säufers, oder irgend eines andern Lasterhaften, dessen Fehler doch mehr in die Augen fallend sind. Ziehe ich von der Zahl meiner Bekanntschaften diese dreizehn ab, so bleiben keine dreißig nach, von deren Unschuld und Reinigkeit der Sitten ich mich aus eben so hinlänglichen Gründen habe überzeugen können. Von der übrigen Menge [15] weiß ich weder das eine, noch das andre gewiß. Wenn ich auch nun zugebe, daß es in diesem Fall leichter sey, sich von einem Schuldigen als Unschuldigen zu überzeugen, so muß ein anderer doch auch zugeben, daß hier nur gewöhnlich der äußerste Grad des Lasters sichtbar ist, und daß es bei weitem mehrere Fälle giebt, als je bekannt werden. Ich will auch nur zehn gegen dreißig setzen, so kommt immer der vierte Theil heraus. Ich bin gewiß, daß jeder, der sich um die Lage der Menschheit je bekümmert hat, gestehen wird, daß dies noch zu wenig gerechnet sey. Aber wie beträchtlich ist denn doch schon dieser Theil!

Die beinahe in allen Zeitungsblättern Aerzten und Quacksalbern angepriesenen Heilmittel wider die schändlichen Krankheiten, die aus der Unkeuschheit entstehn, und die würklich ergiebige Nahrungsquelle, die solche darin finden, ist ein Beweis für die Allgemeinheit dieses Lasters, der sehr in die Augen fallend ist. Unsere Universitäten und Schulen haben Beispiele in Menge aufzuweisen, wie dies Uebel um sich greift. So viele bittere Klagen sind darüber geführt worden. Auch mir sind einige Beispiele bekannt, die ich nahher mittheilen will.

[16] Gedenkt man sich überhaupt nur den starken Trieb, der in der menschlichen Natur liegt, und von dessen Misbrauch hier die Rede ist, und die vielfachen Gelegenheiten und Veranlaßungen in der Welt, ihn zu reizen und zu befriedigen, so kann man es sich leicht begreiflich machen, daß kein Laster so allgemein herrschend ist, als Unkeuschheit, und daß dies aller Wahrscheinlichkeit nach das erste seyn werde, worauf eine nicht sorgfältig erzogene Jugend, sobald sie sich im Besitz einer völligen Freiheit sieht, gerathen wird. Man braucht dazu nicht viele Erfahrungen gehabt zu haben, wenn man nur je auf sich selbst acht gegeben hat.


3.
Gefahr und schädliche Folgen desselben.

Von der Gefahr und den schädlichen Folgen dieses Lasters wird man durch einiges vernünftiges Nachdenken sich auch leicht überzeugen können.

Man bedenke nur erstlich, wie wenig dauerhafte Freuden der auf der Welt haben muß, der sich einer Leidenschaft bis zur Ausschweifung überläßt. Er mag sich in den Augenblicken des sinnlichen Genusses noch so glücklich fühlen, so sind [17] es doch nur Augenblicke. Er mag sie so oft wiederholen, als er dazu Reiz empfindet; er mag diesen Reiz durch tausend Kunstgriffe bei sich zu verstärken suchen, so gelangt er doch nie zu der ununterbrochenen Reihe von angenehmen Vorstellungen und Empfindungen, die das Glück eines zufriedenen Menschen ausmachen. Seine Sinnlichkeit strebt nach immer stärkern Erschütterungen, bis endlich nichts mehr in der Natur sie befriedigen kann. Dann tritt herbes Misvergnügen und gänzlicher Mangel an Freuden ein. Indeß sind so viel herrliche Freuden in der Welt für ihn verloren gegangen, die seiner Sinnlichkeit Nahrung und seinem Geist Unterhaltung verschaft haben würden. Was er genossen hat, ist wenig gegen das, was er hätte genießen können; denn nur auf die harmonische Befriedigung unserer körperlichen und geistigen Bedürfnisse gründet sich unsere Zufriedenheit, für welche die gütige Vorsicht auf so vielfache Art gesorgt hat.

Man bedenke ferner, daß das Laster der Unzucht mehr, als irgend ein anderes und geschwinder als irgend ein anderes, das edelste Geschöpf von seiner Würde herabsetzt. So weit der Mensch über die Thiere erhaben ist, so tief sinkt er dadurch unter sie. Die Grade der Sinnlichkeit bei [18] den Thieren und die Aufforderungen, sie zu befriedigen, hangen von Umständen ab, die nicht in ihrer Gewalt sind, die aber die höchste Weisheit so ordnete, daß ihre Erhaltung und Glückseligkeit erreicht werden konnte. Sie bleiben in den ihnen vorgezeichneten Gränzen. Der Mensch, mit dem Vorrecht einer höhern Vernunft, sollte seine Sinnlichkeit selbst beherrschen; selbst urtheilen, prüfen, wählen; selbst der Schöpfer seiner Freuden werden. Die Einbildungskraft, dies vorzügliche Geschenk, sollte ihm vergangene und künftige Freuden lebhaft vorstellen. Von jedem Guten sollte er Vorgefühl, Genuß und Nachempfindung haben. Aber eben diese Einbildungskraft veranlaßet oft das Uebergicht seiner Leidenschaften. Sie weckt Triebe in ihm, die nicht das Bedürfniß der genügsamen Natur sind, sondern der Natur vorgreifen und sie mit einer Art von Gewaltthätigkeit zu Ausschweifungen fortreissen, die eben darum gefährlich sind, weil sie unnatürlich sind.

Kein Trieb ist so stark, als der Wollusttrieb, und bei keinem ist die Einbildungskraft geschäftiger, ihn zu erwecken. Wenn der Schwelger von seiner mit Leckerbißen besetzten Tafel aufsteht, so ergötzt ihn weiter keine Vorstellung [19] von niedlichen Speisen. Er strebt vielmehr die Vorstellung davon in sich zu verdunkeln. Er sucht sich an andern Gegenständen zu zerstreuen und den Eckel zu vertreiben. Nicht so der unkeusche Wollüstling. Würkt die Empfindung der Wollust nicht mehr körperlich auf ihn; kann der Körper, weil er erschlaft und abgespannt ist, nichts mehr zum wirklichen Genuß beitragen: so ist die Einbildungskraft würksam, diesen Mangel bei ihm zu ersetzen. Er weidet sich an wollüstigen Vorstellungen, lieset wollüstige Schilderungen, macht wollüstige Entwürfe. Seine Seele klebt unaufhörlich an diesen Unflätereien. Und dadurch, daß sie sich immer mit diesem einzigen Gegenstande beschäftigt, werden immer auch dieselben Nerven des Körpers angestrengt und ihre Reizbarkeit immer vermehrt. Der gestörte Mechanismus des Körpers würkt wieder zurück auf die Seele und macht, daß keine andere Vorstellungen in ihr Platz greifen können, als die, die mit dem Wollusttriebe in Verbindung stehen. Was ist hier der erhabene freie Geist des Menschen? Der elendeste Sklave niedriger Begierden; weit unter der Thierseele, weil er von seiner Würde herabgesunken ist, der Geist, [20] der sich veredlen und vervollkommnen sollte, und der dazu in sich die herrlichsten Anlagen hat.

Man bedenke nächstdem, das Unkeuschheit mit der unvermeidlichen Zerrüttung der Gesundheit und folglich mit dem Verluste des größten Theils irdischer Freuden verbunden ist. Die Ausnahmen, die manchem hie und da bekannt seyn mögen, sind nur scheinbar; denn einmal läßt sichs aus der Einrichtung des menschlichen Körpers beweisen, daß die bei der unmäßigen Befriedigung des Wollusttriebes verschwendeten edleren Säfte nächst der Bestimmung, die sie in Hinsicht der Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts haben, auch dazu dienen, die Stärke und Munterkeit des Körpers zu erhalten. Raubt man sie der Natur gewaltsam und im Uebermaaße, so stört man diese in der sorgfältigen Zubereitung derselben. Sie verrichtet ihr Geschäft unvollkommen, und dies zieht den Verfall das ganzen Gebäudes nach sich. Hingegen läßt es sich zweitens nicht beweisen, daß hie und da ein unmäßiger Wollüstling das Maaß an Gesundheit und Lebensdauer erreicht haben sollte, das er durch Enthaltsamkeit und Mäßigkeit erlangt haben würde. Freilich rächt sich Unkeuschheit nicht an allen in gleichem Maaße. Die [21] natürliche Beschaffenheit des Körpers und andere zufällige Umstände können die Folgen mehren oder mindern. Aber wie selten sind denn doch die Fälle, daß ein unkeuscher Mensch nur mit einer leidlichen Gesundheit davon kommt! Tausend Beispiele sind gegen eins, daß sie die flüchtigen Augenblicke, in denen sie sich glücklich wähnten, mit langen martervollen Jahren oder mit einem hingewelkten trüben Leben oder mit einem frühen Tode büßen musten. Wie viele dieser Unglücklichen schleichen wie lebendige Leichen umher! Der Geist ist niedergedrückt, der Körper zur Erde gebeugt, das matte Auge unfähig, an irgend einer Schönheit in der Natur sich zu weiden. Ueberall sind Spuren einer verwüstenden Leidenschaft, die das Meisterstück der Schöpfung in ein Scheusaal verwandelten. Doch – ich wollte nicht schildern.

Man bedenke denn auch, daß einer, der sich der Unkeuschheit ergiebt, so viele Andere zugleich unglücklich macht und in dieser Hinsicht das schädliche Glied in der menschlichen Gesellschaft ist. Kein Laster hat so allgemeinen Einfluß auf den ganzen Verfall der Menschheit, als Unzucht. Man nehme an, daß Wollüstlinge in den ersten Jahren ihrer kraftvollen Jugend gesunde und [22] starke Kinder zeugen, so geschieht dies doch, entweder auf Kosten einer unschuldigen Person, und da entsteht Schande, Armuth, Verzweifelung, Betrübniß in den Familien, Kindermord und alles Elend. Erhält die Welt auch hie und da einen Bewohner, so wird es kein Bürger für den Staat, sondern ein Mitglied der Findel- Zucht- und Werkhäuser. Gute Erziehung findet hier nicht Statt. Oder der Unkeusche stört das Glück der Ehe und untergräbt die Ruhe eines ehrwürdigen Standes. Hier entstehen Eifersucht, Ausbrüche fürchterlicher Rache, Ehescheidungen, Vernachläßigung der Kindererziehung, deren Grundlage Liebe und Harmonie im Ehestande ist. Oder er sucht Nahrung für seine Begierden in der Gesellschaft verworfener feiler Dirnen. Hier schadet er zunächst sich; trägt aber doch dazu bei, daß ein schändliches Gewerbe unterhalten wird, und raubt sich Kräfte und Gesundheit, auf die die Welt mit Recht Anspruch machen kann. Trit er selbst in eine eheliche Verbindung, wozu ihn nicht Liebe, nicht Hochachtung für die Gesetze der Natur, nicht Verlangen nach keuscher Umarmung, sondern irgend eine andre unedle Absicht veranlaßt: so verbreitet er auch hier menschliches Elend. Unfähig seine Begierden [23] auf erlaubten Genuß einzuschränken, überläßt er sich seinen Ausschweifungen, kränkt die Rechte des andern Theils oder ist gar unfähig eine Pflicht dieses Standes so zu erfüllen, daß eine gesunde Nachkommenschaft daraus entstehen könne. Wie viele Ehen sind durch das Laster der Unkeuschheit weniger, wie viele sind unglücklich, wie viele kinderlos! Welch ein unnennbarer Schade für die ganze Menschenwelt!

Man bedenke überdies, wie sehr Unkeuschheit dem Geist der Religion zuwider ist. Verehrung der heiligen Zwecke Gottes und Bestreben, alle seine Kräfte denselben gemäß anzuwenden, ist die Pflicht eines jeden, der das Daseyn einer höchsten Weisheit erkennt. Ihre Anordnungen zerstören; sich selbst das Leben verkümmern; andern Ruhe und Glückseligkeit zu rauben; nirgends Tugend und überall Laster ausbreiten, ist den Absichten Gottes gerade entgegen. Gott hat jeden Menschen in die zweckmäßigste Verbindung mit dem Ganzen gesetzt und ihm das Vermögen gegeben, so viel von seiner Bestimmung einzusehen und durch Beobachtung der Natur zu lernen, als nöthig ist, sein Verhalten dieser Verbindung gemäß einzurichten. Das Christenthum ertheilet aber insbesondere über [24] das Laster der Unkeuschheit solche Belehrungen, Beschreibungen, Bestimmungen und schreckende Drohungen, daß alles was hier in der Welt nur Verderbliches und Schauderhaftes dabei gedacht werden kann, weit durch die Vorstellung überwogen wird, daß das Erbtheil einer ewigen Seligkeit allen Unreinen vorenthalten werden soll. 1 Cor. 6. 15–18. Matth. 15, 19. Ephes. 5, 3–5. Gal. 5, 19–21.

Man bedenke endlich, daß Unkeuschheit ein Laster ist, von dem sich der Mensch, wenn er einmal damit angesteckt ist, nur äußerst schwer und eben darum sehr selten losreißt. Es ist eine Krankheit des Menschen, die viele Zeit zur Heilung erfordert, deren Heilung aber immer deswegen sehr schwierig bleibt, weil sie mehr eigene Kraft und Thätigkeit voraussetzt, als ein durch Unzucht an Geist und Körper geschwächter Mensch haben kann. Bei einer jeden andern Krankheit braucht man sich nur der Leitung eines Arztes zu überlaßen, aber hier muß sich der Patient selbst helfen. Und wie soll er sich helfen können? Die überwiegendsten Gründe ist sein gefesselter Verstand nicht vermögend einzusehen. Es fehlt ihm unter dem Toben seiner Begierden an Ruhe und Stille, und in den Augenblicken, da sie [25] schweigen, an Stärke. Wie soll er sich auch nur helfen können? Eigenes Gefühl seines unglücklichen Zustandes hat er nicht gleich. Die Befriedigung unersättlicher Lüste ist ihm das höchste Gut. Darin fühlt er sich glücklich. Wenn Schmerzen, Armuth, Schimpf und Verachtung ihm die ersten Erinnerungen geben, dann ist es schon zu spät. Das Glück seines Lebens ist dahin. Daher die vielen Beispiele von Menschen, die in diesem Laster unaufhaltsam fortfuhren, bis es endlich auf eine oder die andere Art für sie unmöglich ward, die Sünde zu begehen. Da fieng dann auch die Unmöglichkeit an, sich zu beßern.

Diese wenigen Betrachtungen scheinen mir hinlänglich zu seyn, jeden zu überzeugen, der sich überzeugen laßen will.


4.
Allgemeinheit und Schädlichkeit der Selbstschwächung insbesondere.

Um einzusehen, wie allgemein und schädlich besonders das Laster der Selbstschwächung ist, muß man entweder selbst ein sorgfältiger Beobachter der Jugend seyn, oder man muß Erfahrungen und Versicherungen anderer Jugendbeobachter [26] auf Treu und Glauben annehmen. Freilich sind immer nur wenige Fälle der Art bekannt geworden, aber die hätten denn doch schon jeden Erzieher aufmerksam machen müssen. Man hat sich aber immer nur zu leicht über diesen Punkt beruhigt; man hat selbst bei den sichtbarsten Beweisen, die sich an Kindern durch Kränklichkeit, blaße Farbe, trübe Augen, zitterhafte Hände, Gedächtnißschwäche und Abnahme aller Seelenkräfte äußerten, lieber eine jede andere Ursache, als Selbstschwächung vermuthet. Ja man hat sogar oft den Mangel aller Jugendlichkeit, der gewöhnlich die Folge dieses Lasters ist, Kindern zum Verdienst angerechnet, und das Stille und Gutartigkeit genannt, was leider entnervte verstorbene Natur war.

Gewöhnlich begehen Kinder, die mit diesem Laster angesteckt sind, manche Fehler nicht, zu denen Thätigkeitstrieb und Gefühl rascher Kräfte die Jugend hinreißt. Sie sind nicht wild, nicht tollkühn, selten ausgelassen und flatterhaft, selten neidisch und zänkisch. Sie sind zu weichlich, solche Fehler zu begehen; sie lieben Stille, wo sie das Spiel ihrer Einbildungskraft beschäftigt und wo sie ihrem Lieblingsgefühl nachhängen können. Gerade darum, weil sie so viele andere Fehler [27] nicht begehen, nicht begehen können, werden sie von kurzsichtigen Eltern geliebt. Man traut ihnen so viel zu, daß man eine genaue Aufsicht über sie eben nicht für sehr nothwendig hält. Unglückliche Eltern, wie oft wurdet ihr durch eure unglücklichern Kinder getäuscht! Wie mancher Knabe welkte in seiner ersten Blüte dahin, und ihr betrauertet ihn, als einen guten Knaben, den der Himmel früh abforderte.

Statt euch hierüber vieles vor zu deklamiren, will ich euch dringend bitten: gebt genau Acht auf eure Kinder, auf alle ihre Neigungen und Handlungen! Mancher unter euch wird auf Entdeckungen gerathen, die ihn bestürzt machen, aber die ihn vor einer größern Betrübniß bewahren können.

In der Regel muß man bei allen Kindern dieses Laster argwöhnen, denn die nemlichen Veranlaßungen, die bei einem möglich sind, finden bei allen statt, und die Gefahr ist zu groß, als daß man nicht immer gewiß zu werden suchen sollte, wie ferne oder nahe sie sey. Sehen wir auf Verführung, sehen wir auf nahe Möglichkeiten, durch kleine Zufälle auf dieses Laster gerathen zu können, so erhalten wir tausend Winke, auf unserer Hut zu seyn. Ich kenne manche [28] öffentliche Schule, aber keine die von diesem Uebel ganz frei wäre. Dies haben mehrere gesagt und noch mehrere werden es sagen und laut sagen müßen, wenn man die Jugend von dieser Seite erst allgemein genauer kennen wird. Indessen wird damit nicht behauptet, daß das Laster blos in Schulen geübt werde; eben so wenig, daß es immer da entstehe, oder erlernt werde. Sehr oft wird es hineingetragen, und im Ganzen mehr außer der Schule, als in derselben getrieben. Auch Kinder, die nie in eine öffentliche Schule, nie unter schlecht erzogene Kinder kamen, die eine vorzügliche und zum Theil recht sorgfältige Erziehung genoßen, verfielen in diese Sünde. Aus dieser Klasse kenne ich nach meiner vorher gemachten Vergleichung mehr schuldige als unschuldige. *)

[29] Daß alle nach verschiedenen Graden durch dieses Laster unglücklich werden, davon gilt derselbe Beweiß, der vor er von der Unzucht überhaupt gegeben worden ist. Hier kommt aber noch das frühe Alter so wie die Unnatürlichkeit dieses Lasters ganz besonders in Betrachtung. Die unglücklichen jungen Menschen nehmen ab an Seele und Leib, ehe noch die Natur sie zu dem bildete, was sie seyn sollten. Keine Auswickelung ihrere Kräfte ist da möglich, und wenn sie auch die männlichen Jahre erreichen, so steht ein unvollkommenes kümmerliches Geschöpf da, ohne Kraft und Leben. Alles Große und Schöne in der Natur ist für sie umsonst da. Für alle mannigfaltige Gelegenheiten, durch Beschäftigungen sich und andere glücklich zu machen, sind sie umsonst da. Menschliche Gestalten, ohne [30] irgend einen der Vorzüge, die Menschen haben. An Hülfe ist da nicht zu denken, denn die ganze Einrichtung ihrer Natur ist fehlerhaft. Das Ganze ist eine Misgeburt. Nirgends ist eine gute ungeschwächte Seite, auf die man würken könnte. Man nimmt ihnen das Seyn, wenn man ihnen die Leidenschaft nimmt, die ihr einziges Gefühl ausmacht. Schöners in der ganzen sichtbaren Schöpfung kann man nicht sehen, als einen Menschen in der vollen Blüte seiner Jugend; aber scheußlichers läßt sich auch nichts gedenken, als der Anblick eines Menschen, wenn er unter den vorhergenannten Umständen auftrit. Und einen solchen Menschen sollten Aerzte umschaffen? Mit Recht gestehen Aerzte, daß hier nichts auszurichten sey. Tissot sagt, daß jede plötzliche Schwächung der Natur durch übermäßige Wollust, weit leichter ein Hülfsmittel findet, als die wiederholten Entnervungen; die nach und nach zur Gewohnheit geworden sind. Der Grund davon ist leicht einzusehen.

Ja wie unglücklich bleiben nicht oft Kinder, selbst wenn sie sich ziemlich frühe von dieser Sünde losreißen! Ihre Säfte, die einmal schon eine unvollkommene Ausbildung und einen fehlerhaften Gang erhalten haben, veranlaßen jene [31] nächtlichen Zufälle, die so wenig hier als eine Krisis der Natur angesehen werden können, die dem Körper wohlthätig sey, daß sie vielmehr ein Weg sind, durch den sie endlich doch in das Unglück gerathen, das sie vermeiden wollten. Wenigen Aerzten gelang es, selbst bei der aufrichtigsten und eifrigsten Mithülfe des Patienten, diesen Fehler der Natur zu heben und einem gänzlichen Verfall der Seelen- und Leibeskräfte vorzubeugen.

Kurz, man sehe das Uebel der Selbstschwächung an, wie man will; auf Verhinderung der Folgen ist im allgemeinen wenig zu rechnen. Und eben dieses lehrt uns, wie überaus wichtig dieser Punkt in der Erziehung ist und wie ungleich nöthiger es sey, hierauf seine Aufmerksamkeit zu wenden, als auf alles andere, was zur wissenschaftlichen und moralischen Bildung der Jugend gehört.

Gesundheit und körperliche Kraft ist das erste, was zur menschlichen Glückseligkeit erfordert wird. Alles andere steht dem nach. Ein Quentlein Gesundheit ist mehr werth, als die ungeheuerste Masse von Kenntnissen, wenn es auch je möglich wäre, daß ein Selbstschwächer einer vorzüglichen Ausbildung des Geistes fähig wäre.

[32] Die Beispiele, die ich zu eines jeden Belehrung aus eigener Erfahrung mittheilen kann, sind folgende:

1) Vor etwan acht Jahren wurde ein junger Mensch auf die Akademie geschickt. Er war das einzige Kind seiner Eltern und von allen wegen seines guten Gemüths geliebt. Er war ein halbes Jahr da gewesen, als die Eltern Nachricht bekamen, daß er krank sey. Lange konnten sie die Ursache seiner Krankheit nicht erfahren, bis endlich das Uebel so gefährlich ward, daß an keine Verheimlichung mehr zu denken war. Er schrieb nun selbst in einem beinahe verzweiflungsvollen Ton, daß er das Unglück gehabt hätte, sowol in das Laster der Selbstschwächung zu verfallen, als auch sich mit unzüchtigen Weibspersonen abzugeben und dadurch mit der garstigsten Krankheit befallen zu werden. Sein Uebel sey unheilbar, weil er sich zu spät an den Arzt gewendet hätte. Es wurde auch wirklich so gefährlich, daß nur kaum sein Leben durch einen Schnitt, der ihn auf erbärmliche Art verstümmelte und auf alles eheliche Glück Verzicht zu thun nöthigte, gerettet werden konnte. Seine Mutter starb ein Jahr darauf aus Gram und Betrübniß.

[33] 2) Ein Knabe ward zu einem Prediger aufs Land geschickt, der in dem Ruf eines guten Erziehers stand. Dieser erschrak nicht wenig, als er einen kümmerlichen Menschen erblickte, der blaß und ausgezehrt war und dabei so schüchtern und verlegen aussahe, daß man zweifeln sollte, ob er je mit Menschen umgegangen wäre. Er antwortete auf alles verkehrt, und jeder fällte gleich das Urtheil, er sey nicht richtig im Kopfe. Daß er ein Selbstschwächer sey, gestand er auf die erste Frage und verrieth es nachher auch jedem flüchtigen Beobachter. Es war erbärmlich, wie rasend er sich schändete. Sein Verstand war ganz zerrüttet. Er lief oft umher, als wenn ihn jemand verfolgte. Oft versteckte er sich und kam Tagelang nicht zum Vorschein. Jeden Unbekannten sah er als einen Mörder an und verkroch sich. Wenn es dunkel ward, sah er sich mit Teufeln umringt und schrie um Hülfe. Zuletzt zerhackte und zerschnitte er sich seine Kleider und zeigte überall Spuren einer völligen Manie. Der Prediger suchte seiner los zu werden, und seine Verwandten wusten für ihn keinen beßern Ort ausfindig zu machen, als das Zuchthaus.

3) Ein Primaner war an dem Orte, wo er die lateinische Schule besuchte, zweimal mit der [34] venerischen Seuche befallen und beide mal noch leidlich davon gekommen. Er hielt dies also eben für kein großes Uebel und setzte seine Lebensart auf Akademien fort. Er verfiel zum drittenmahl in diese Krankheit, aber nun war er so geschwächt, und das Gift wütete so grimmig in ihm, daß er unterliegen muste. Er brachte ein Jahr unter Qualen und Verwünschungen im Hospital zu; rafte dann seine letzten Kräfte zusammen, um zu den Seinigen zu reisen. Diese zogen alle die Hand von ihm ab, und er muste noch zwei schreckliche Jahre als Siecher in der Fremde herumbetteln, ehe ihn der Tod erlösen wollte. Er war von guter Familie und hatte Aussichten auf Amt, Ehre und Vermögen.

4) Ein junger Edelknabe trieb das Laster der Selbstschwächung. Er war von Kindheit an schwach und kränklich gewesen, daher achtete man auf sein Aeußeres nicht viel. Er wurde aber endlich bettlägerig und hatte während dieser Zeit eine bösartige Gonorrhoe. Arzenei und Abgewöhnung von seiner Sünde befreieten ihn endlich davon, aber er blieb ein verkümmerter schwacher Mensch. Er ging aus dem Lande, weil jeder sein Verbrechen wuste und er sich schämte. Er wird sein Leiden nicht überleben.

[35] 5) Ein junges Mädchen hatte sich bis in ihr funfzehntes Jahr mit diesem Laster abgegeben, ohne eben, wie es bei Mädchen sehr oft der Fall ist, in eine wirkliche Krankheit zu fallen. Um diese Zeit aber fieng sie an, Krämpfe zu bekommen und sich übel zu befinden, welches man leicht andern Ursachen zuschrieb. Sie ward bald verheirathet und einige Aerzte versicherten, ihre Zufälle würden nun bald von selbst aufhören. Es ward aber immer ärger mit ihr. Sie bekam entweder heftige Zückungen, oder lag in einem betäubenden Schwindel. Man ließ einen Arzt kommen, der ein Vergehen argwöhnte, worüber ihr eigenes Geständniß ihm Gewißheit verschafte. Er that alles mögliche, aber sie war nicht zu retten. Sie litte unbeschreiblich viel, und ihr Tod sowol als die schreckliche Veranlaßung dazu war ein nagender Kummer für ihre gute Familie.

Noch kenne ich zwei Wollüstlinge und fünf eigentliche Selbstschwächer. Ihre Lage ist nicht so schrecklich, aber sie leiden alle und vielleicht für sich weit mehr, als je ein anderer sich vorstellet. Sie sind alle zum frohen gesellschaftlichen Leben unfähig und ihr Vergehen ist mit starken Zügen in jeder Miene und Bewegung ausgedrückt.


[36]


Zusatz des Herausgebers zu obigen Erfahrungen.

„Man sieht, daß der Verfasser sich hier blos auf solche Beispiele eingeschränkt hat, die innerhalb seines eigenen Beobachtungskreises lagen. Wer zu seiner Ueberzeugung von den schrecklichen Folgen dieses Lasters mehrere und schauderhaftere Beispiele nöthig hat, der findet sie bei Tissot, Börner, Salzmann, Vogel und andern, welche über diesen scheußlichen Gegenstand geschrieben haben. Da indeß nicht jeder die Schriften dieser Männer zur Hand hat: so sey es mir erlaubt, aus den vielen beweinenswürdigen Beispielen dieser Art, die mir, seitdem ich Menschenbeobachtung zu einem Haupttheile meines Berufs machte, vorgekommen sind, auszuheben und mit strenger Wahrheitsliebe zu beschreiben.“

„Ich kannte z. B. einen jungen Menschen, der, nachdem er das Laster der Selbstschwächung eine Zeitlang getrieben hatte, dadurch an Leib und Seele so zerrüttet wurde, daß er zu jeder, auch noch so leichten körperlichen oder geistigen Anstrengung unfähig war, und zuletzt in die traurige Krankheit verfiel, die man das schwere [37] Gebrechen nennt. Er starb als ein ausgemergelter, halbblödsinniger, zu allem unfähiger Jüngling im neunzehnten Jahre seines Alters.“

„Ein anderer junger Mensch verlor durch die Ausübung dieses Lasters das Gesicht. Was nachher aus ihm geworden sey, habe ich nicht erfahren.“

„Im ** schen lebt noch jetzt ein unglücklicher junger Geistlicher, welcher, nachdem er schon eine Pfarre bekommen hatte, theils durch die Folgen dieses Lasters, theils durch die Gewissensbisse, die er darüber empfand, völlig verrückt wurde und es bis jetzt geblieben ist.“

„Verschiedene andere höchsttraurige Beispiele, die mir vorgekommen sind, muß ich deswegen mit Stillschweigen übergehn, weil zu besorgen stünde, daß ich die schon an sich in so hohem Grade unglücklichen Personen durch die Erzählung ihrer Leiden kenntlich machen, und ihr Elend dadurch vergrößern würde.“

„Aber von den vielen Briefen solcher Unglücklichen, welche Rath und Hülfe bei mir suchten, kann ich, mit Unterdrückung desjenigen, was gemißbraucht werden dürfte, einen und anderen hier wol abdrucken lassen“ [38]

Erster Brief.

„Ich bin einer von den Elenden, die sich durch das abscheuliche Laster der Selbstschwächung zu Grunde gerichtet haben. Theils Schaam, mich einem geschickten Arzte zu entdecken, theils Mangel des Zutrauens haben mich, Hülfe zu suchen, von Zeit zu Zeit aufschieben lassen. Als vor ohngefähr einem Jahre die Preißfrage von Ihnen ausgestellt wurde: wie man Kinder und junge Leute u. s. w. so wurde meine fast gesunkene Hofnung wieder belebt, daß vielleicht durch eine baldige Erscheinung einer richtigen Beantwortung derselben ich Mittel und Vorschriften finden würde, durch Selbstanwendung derselben meine verlorne Gesundheit wieder zu erlangen. Da ich aber bis jetzt vergeblich gewartet habe, und sie vielleicht sobald noch nicht erscheinen dürfte, so befielt mir die Pflicht der Selbsterhaltung, Hülfe und Rettung zu suchen, ehe mein Uebel vielleicht ganz unheilbar wird. Voll Zutrauen zu Ihrem – – Herzen, wende ich mich an Sie. O der Mann, der – – –, kann auch mich nicht ohne Hülfe, wenigstens nicht ohne Rath lassen! – – Ich mache Ihnen deshalb eine aufrichtige Erzählung meiner mir schändlich zugezogenen Krankheit. Ersparen sie mir die Vorwürfe [39] über Schandthaten, wodurch ich Gott und mich selbst so sehr beleidiget habe! Ohngefähr in meinem sechzehnten Jahre wurde ich mir dieser Sünde bekannt; und trieb sie so lange, bis ich die zur Fortpflanzung bestimmten Theile meines Körpers gänzlich verwüstet hatte. Jetzt erst wurde ich auch auf die übrigen schrecklichen Folgen dieses Lasters, die ich nunmehr gleichfalls an mir selbst empfand, z. E. Mattigkeit, Unzufriedenheit, Traurigkeit, Schwäche des Gedächtnisses und der Urtheilskraft u. s. w. aufmerksam. Kurz ich finde mich jetzt ganz in dem Bilde, worin Tissot und andere jene Unglücklichen gezeichnet haben. Ist es also möglich, theuerster Mann, mir, durch Zuziehung geschickter Aerzte, ein Mittel zu verschaffen, wodurch ich meinen zerrütteten und entnervten Körper seine Stärke und Spannkraft widergeben kann: o so schreiben sie mir solches! Wenn ihnen auch gleich der Dank eines unbekannten Geretteten nicht lohnen kann, so wird ihnen doch Gott und Ihr eignes Herz lohnen. Werde ich mit der Zeit gerettet, dann sollen Sie meinen Nahmen wissen u.s.w.“ [40]

Zweiter Brief.

„Gott segne Sie, – – Mann! und noch lange genieße die Welt der Früchte ihres unermüdeten Fleißes! Ich habe zwar nicht die Ehre, Ihnen bekannt zu seyn; aber ich kenne und verehre Sie schon lange, und mit Nutzen und Seegen habe ich allezeit ihre – Schriften gelesen. Die Veranlassung zu dem gegenwärtigen Schreiben wird Sie befremden; aber ich habe das Zutrauen, daß Ihre – – Seele mir, als einem Unbekannten, Verzeihung und Nachsicht wird widerfahren lassen. Sie haben im Nahmen eines edlen Menschenfreundes eine Preisfrage ausgestellt; Sie fügen noch ein Ansehnliches zu jener Prämie hinzu. – – – Ach, – – Mann! thun sie doch, um Gottes Willen bitte ich Sie, thun Sie doch auch selbst ihr Möglichstes, um dieses Ungeheuer, das im Finstern schleicht, in seiner Wuth zu hemmen, und den fernern Ausbrüchen desselben Grenzen zu setzen! Gott, wo ist wol jetzt eine Schule zu finden, wo dieses schreckliche Uebel nicht seinen Wohnsitz aufgeschlagen hätte! Sonst keusche und tugendhafte Jünglinge, davon angesteckt, treiben dieses Laster so lange, bis sie nicht mehr zu retten sind, vielleicht, weil sie [41] nicht wußten, was es für Folgen nach sich ziehe. Denn die meisten Schullehrer handeln in dieser Sache so gewissenlos, daß sie entweder aus Trägheit oder Mangel an Beobachtungsgeist, sich gar nicht um dergleichen bekümmern, und ganz keine Erwähnung davon thun, oder, wenn sie davon abmahnen, es so lau und ohne Nachdruck thun, daß ihre Vorstellungen darüber gar keinen Eindruck machen. Mit tiefer Schaam und Reue gestehe ichs, daß ich selbst zu den Unglücklichen gehöre, die dieses Laster ausgeübt. Die Folgen davon sind mir nur gar zu gegenwärtig, als daß ich sie vor mir selbst verbergen könnte. Einen durch dieses ewig verfluchte Laster geschwächten Körper und einen nicht unmerklichen Abgang meiner Seelenkräfte habe ich mir dadurch zugezogen. Tiefe Schwermuth und ein melancholisches Wesen hat seitdem sich meiner ganz bemeistert; und mein sonst munteres und aufgewecktes Wesen ist von schwarzer Melancholie bis jetzt so sehr verdrengt, daß nicht selten die fürchterlichsten Gedanken von Selbstzerstörung in mir aufsteigen. Das Bewußtseyn meiner schwarzen That, begleitet von den Gedanken, was für ein Mensch ich seyn [42] könnte, wenn ich meine Leibes- und Seelenkräfte nicht so verschwendet hätte, würde mich über kurz oder lang ohnfehlbar ins Verderben stürzen, wenn Gott und Religion mich nicht unterstützten. Verwelkt und abgemattet seufze ich nun – ich, der ich sonst gleich einer Rose blühte! Dies, theurer Mann, ist das aufrichtige Bekenntniß meines Verbrechens, das mich nur gar zu oft vor mir selbst und in meinen eigenen Augen abscheulich macht. Aber hassen Sie mich nicht, lieber Mann! ach, Gott! ich verdiene es ja nicht, denn ich habe es vorher noch nie so gewußt. Zu Göttingen habe ich dies Laster seiner Fluchwürdigkeit nach, zuerst kennen gelernt. Als ich das Glück hatte, von ohngefähr Tissots Buch, das von der Onanie handelt, in die Hände zu bekommen, da sahe ich erst ein, auf welchem schrecklichen Wege ich mich befand. Ich mußte schwere Kämpfe ausstehn, bis ich es dahin brachte, daß ich diese fluchwürdige schändliche Lust gänzlich floh. Jetzt habe ich es, durch Gottes Kraft unterstützt, so weit gebracht, daß ich nie ohne Schaudern und Entsetzen daran denken kann. Edle und rechtschaffene Freunde, mit denen ich nachher wol im Vertrauen darüber sprach, haben mich gleichfalls [43] mit weinenden Augen versichert, daß sie aus Unwissenheit dieses Laster so lange getrieben, bis sie entweder die traurigen Folgen davon an sich selbst verspürt oder durch redliche Freunde wären gewarnt worden. *) Unaussprechlich groß wird Ihr Lohn bei Gott und Menschen seyn. Bieten Sie Ihre – Seelenkräfte zu diesem Werke auf; Gott wird Ihnen beistehn, und ich, ich will Sie unterstützen mit meinem Gebet ! – – Nun, bester Mann! vergeben Sie mir, daß ich Sie auf einige Augenblicke von Ihren wichtigern Geschäften abgehalten habe; vergeben Sie es meinem sehnlichsten Wunsche, meine Mitbrüder gerettet zu sehen, wenn ich meine Bitten mit den Bitten der ganzen Menschheit vereinige, daß sie ein Vorhaben ausführen mögen, dazu Sie Gott ersehen und bestimmt hat. Gott stärke, Gott erhalte Sie!“ [44]

Dritter Brief.

„Ich bin ein unbekannter, aber großer Verehrer Ihrer Schriften. Sie suchen, und das ist edel, vornemlich der Jugend den Weg zur Glückseligkeit zu zeigen und sie vom Laster abzuschrecken. Mein Bewegungsgrund, an sie zu schreiben, ist die demüthige Frage: wie gelange ich wieder zu meiner verlornen Seelenruhe, nachdem ich meinen Leib durch das Laster der Onanie so sehr geschwächt habe? Meine Gestalt, die Gott gut gebildet hatte, ist verfallen. Eingefallene bleiche Wangen, Schwachheiten des Nervensystems, die schwärzeste Melancholie und öftere hypochondrische Zufälle sind die betrübten Folgen dieses Luderlebens. Hierzu kommt eine Gleichgültigkeit gegen die Schönheiten der Natur, von denen ich sonst ein so großer Freund war. Ich gehe oft gefühllos durch die seegenreiche Herbstnatur, und weine oft, ohne daß ich es kaum weiß. Sehe ich einen gesunden blühenden Menschen, so beneide ich ihn, und denke: so könntest du auch seyn, wenn du deinen Körper durch das schändlichste aller Laster nicht so verwüstet hättest! Und so bin ich der schwermüthigste und unglücklichste Mensch. – [45] Und nun, was werde ich zu meiner Entschuldigung anführen, daß ich mit diesen ekelhaften Klagen sie belästige? Ach, ich suchte einen Menschenfreund, einen Rathgeber, einen behülflichen Mann, der mir sagte, was ich thun müsse, um, wo möglich, noch gerettet zu werden! Dieß ist also der Bewegungsgrund meines Briefes. Würdigen Sie mich Ihres Raths; antworten Sie mir gefälligst auf dies Geschmiere sonder Stil und Wendung, nach der unten angegebenen Addresse; und seyn Sie versichert, daß Sie Ihre Güte an keinen Undankbaren verschwenden werden. Ich sehe Ihrem lieben Briefe mit einer heftigen Sehnsucht entgegen, und erwarte ihn ehestens. u. s. w.“

Vierter Brief.

„Ew. – verzeihen gütigst, daß ich mich unterstehe, Ihnen mit einem Schreiben beschwerlich zu fallen. Ihre ungemeine Herablassung gegen junge Leute macht mich so frei. Nur bitte ich auch gehorsamst um gütige Verzeihung, wenn ich es nicht gehörig vortrage. Ich bin so voll von dem, was ich sagen will, und so beschämt! Daß ich aber zu niemand mehr Zutrauen habe, als zu Ihnen, Verehrungswürdigster, das werden [46] sie mir gütigst verzeihen. Ein Lehrer – kaum werden Sie es glauben – der wegen seines guten Vortrages und wegen seines warmen Eifers für die Erhaltung der Rechtgläubigkeit, sowol als Lehrer, als auch als Prediger *) in dieser ganzen Gegend sehr beliebt ist, gewann mich unter allen seinen Privatschülern am liebsten; aber seine Liebe ward Ausschweifung, stieg bis zur lasterhaften Herablassung. – Ich Unerfahrner wußte nicht, daß mich dieses ins größte Verderben stürzen würde. Konnte ich dieses von meinem Lehrer, von meinem Wohlthäter, der mich, wie ich glaubte, als sein Kind liebte, denken – daß er mich hin zum Rande des schrecklichsten Abgrundes führen würde? Nun erst habe ich es erfahren; nun erst kenne ich das Laster, das ich sonst nicht einmal dem Nahmen nach kannte. Denn – Gott! du weißts, ob ich lasterhaft bin! Ich schreibe dieses noch dazu an meinem Beichttage, an [47] dem doch wol kein Mensch, es müßte der ruchloseste seyn, lügen wird – ich fand davon die erste Nachricht in der Berliner Monatsschrift, wo Ihre Preisaufgabe angezeigt wird. *) O könnte ich Ihnen die Empfindungen herschreiben, die ich bei Lesung dessen fühlte! – Ich wollte erst gar nicht glauben, daß es das wäre, was ich begangen. Ich wollte mich genauer erkundigen; scheute mich aber vor dem Verdachte; weiß es also auch jetzt noch nicht recht gewiß – Nun sehe ich die Quelle, woher jetzt bei mir die Schwäche des Gedächtnisses, die Schwäche des Gesichts und die große Mattigkeit kommt, die ich besonders nach dem Essen empfinde, da ich doch in allem beständig die größte Diät beobachte. Sonst habe ich aber bis jetzt noch nichts bemerkt. – Ich bitte Sie also, so wie nur ein verführtes Kind seinen Vater bitten kann, retten Sie mich, wenn ich noch zu retten bin! Schlagen Sie mir ein Mittel vor, durch welches ich wieder hergestellt werden kann. Hier traue ich niemandem die [48] gehörige Kenntniß zu; und hier könnte es auch entdeckt werden. Mein Lehrer, den ich wegen seiner sonstigen guten Lehren noch immer schätze, könnte wol gar bei Entdeckung durch scharfe Untersuchung seines Amts entsetzt werden. O nein! ich will nicht der Urheber seines Unglücks seyn, ohngeachtet er der Urheber des meinigen ist. Seinen Namen? Ja, Verehrungswürdiger, wenn Sie es verlangen, so will ich es sagen, und auch alles noch deutlicher und bestimmter sagen, was ich bei meiner jetzigen Verwirrung nicht kann. Sonst wird es kein Mensch von mir erfahren. – Noch einmal, ich bitte so zärtlich, wie ein Kind seine Eltern, retten Sie mich ja bald, ehe noch schrecklichere Folgen sich äußern. Ewig, ewig will ich Ihnen dafür danken, daß sie mich gerettet haben. Wie will ich mich freuen, dem Unglücke entkommen zu seyn! Mit erneuten Kräften will ich mich befleißigen, meinen Nebenmenschen nützlich zu werden. Ich fühle mich schon in der Hoffnung etwas beruhiget; und habe die Ehre u. s. w.“

„Wenn unsern Lesern, besonders bei diesem letzten Briefe, schon die Haare zu Berge standen: wie würden sie sich nicht erst entsetzen, wenn [49] ich ihnen andere, noch viel größere Gräuel vorlegte, wovon ich die Documente in meinem Revisionsarchive unter der Rubrik: unglaublicher Verfall der Menschheit! liegen habe! Wie würden sie mit Grausen und Entsetzen erfüllt werden, wenn sie darunter das Geständniß eines Sohns erblickten, den – fast weigert sich meine Hand die Abscheulichkeit niederzuschreiben – sein eigener, viehischer, unmenschlicher und widernatürlicher Vater zu dem Leib- und Seeleverderbenden Laster der Selbstschwächung selbst die teuflische Anleitung gab, und ihn dadurch zum Vieh machte! –“

„So steht es in unsern Tagen um die arme, oft so tief unter die thierische Natur herabgewürdigte hohe Menschheit! Und es sollte nicht Pflicht seyn, den schändlichen Krebsschaden öffentlich aufzudecken? Nicht Pflicht seyn, laut zu warnen, laut zu belehren – weil ihr, die es gemächlicher fandet, euch nur um eure eigne liebe Person, nicht um den Schaden der Menschheit zu bekümmern, durch unser Rufen und Warnen etwan in euerer Behäglichkeit gestört werdet! Schande über den, der Tausende seiner Zeitgenossen auf dem Wege zum Verderben sieht, und aus falscher Delicatesse oder aus ängstlicher Berechnung des [50] qu’en dira-t-on? nicht herbeispringen und von dem Abgrunde, der jene Tausende verschlingen würde, die betrügende Decke reissen wollte!“

Campe.


5.
Veranlassungen zu unkeuschen Trieben.

Dies sind doch Erfahrungen, die man nicht aus der Acht lassen darf. Es erhellet daraus, daß die Sorge für die Keuschheit der Jugend eine der wichtigsten ist, die Eltern und Erzieher haben können. Man kann also nie aufmerksam genug auf alle Veranlassungen seyn, die sinnliche Triebe bei der Jugend aufwecken und die da verursachen können, daß sie nicht Gründe und Stärke genug hat, diese Triebe zu beherrschen. Ich will bei der Untersuchung dieser Veranlassungen sowol das, was von Eltern und Erziehern häufig unterlassen und begangen wird, als auch das, was zufällige Umstände dazu beitragen, mit einander anführen und dabei vom Allgemeinen zum Besondern gehen.

Ich glaube zuvörderst in der Behauptung nicht zu irren, daß körperliche und moralische Erziehung [51] der Jugend genau mit einander verbunden sind. Der möglichste Grad der letzteren kann ohne den möglichsten Grad der ersteren nicht erreicht werden. Unser moralische Werth hängt von dem Umfange unserer Thätigkeit im Guten ab. Thätigkeit im Guten ist jede Erfüllung unserer Pflicht. Diese setzt Kräfte des Körpers voraus. Unzählich viel Gutes muß man bei einem geschwächten kränklichen Körper unterlassen, und selbst die Wirksamkeit des Geistes wird dadurch eingeschränkt.

In dieser Hinsicht wäre es also wahr; aber es ist auch noch in einer andern.

Je schlaffer und abgespannter der Körper, desto mehr Scheu vor unangenehmen Empfindungen, desto mehr Hang zur Weichlichkeit. Arbeit schreckt ab, weil sie leicht ermüdet. Müßiggang und Nichtsthun gewinnen Reize. Bei weniger zerstreuender Arbeit nimmt immer die Sinnlichkeit zu und die Einbildungskraft ist nie geschäftiger, als wenn man müßig ist. Nun sind Schritte zu allen Lastern leicht möglich, aber zu keinem leichter, als zum Misbrauch des Erzeugungstriebes. Er wird am leichtesten rege, bekömmt leicht Nahrung und es sind der Wege so viel, ihn auf gewisse Art zu befriedigen! Jede [52] wollüstige Vorstellung thut ihm schon zum Theil Gnüge. Ein unthätiger Mensch kann also zu keiner Zeit von sinnlichem Vergnügen mit wenigerer Mühe gelangen. Er braucht sich wenig darum aus der Stelle bewegen. Die ihm, beim Mangel andrer Beschäftigungen, durch seine desto stärker beschäftigte Einbildungskraft sehr nahe liegende Befriedigungsart, die unter dem Namen der Selbstschwächung bekannt ist, kann bei einem sehr geringen Maaße körperlicher Kräfte statt finden. Und sie wird es um so mehr, je weniger zu andern zerstreuenden Beschäftigungen Gelegenheit oder Vorrath an Kräften da ist. Müßiggang und Unthätigkeit war immer die ersten Quelle zur Unkeuschheit.

So geht es ganzen Ländern, die dem Menschen ohne Anstrengung seiner Kräfte Befriedigung seiner Bedürfniße geben. Sie haben wollüstige, üppige Einwohner. Das fette Aegypten, die Türkei, Otaheite und mehrere südliche Länder sind ein Beweis davon. Was das Klima dazu beiträgt, trägt es hauptsächlich in so ferne bei, als es durch die größere Wärme die Kräfte des Körpers abgespannt und den Thätigkeitstrieb gemindert hat. Weil die Nerven nun reizbarer sind, so ist die Lust zum Empfinden gemehrt [53] und die Lust zum Würken gemindert. Auf Mangel der Thätigkeit kommt es endlich doch hinaus.

So geht es einzelnen Menschen in allen Gegenden. Unthätigkeit giebt ihnen Veranlassung zu allen Lastern und zum Laster der Unkeuschheit am allerersten. Alcibiades, Antonin triumvir, Mutian *) und so viele andere waren herrliche Menschen, so lange sie thätig waren. Sobald dies aufhörte, wälzten sie sich in allen Lastern herum.

Bei aller Roheit, die die spartanische Gesetzgebung in den ersten Zeiten verrieth, hatte sie doch das Gute, daß sie rasche und nervigte Jünglinge erzielte. Sie machte Müßiggang zum Verbrechen. Die Idee war herrlich, nur nicht ganz gut ausgeführt. Indeßen sahe man doch auch in den Proben der spartanischen Enthaltsamkeit, daß das herauskam, was herauskommen sollte. Sie waren stark, jeder Reizung zur unmäßigen Wollust zu widerstehen. Wahr sagte daher der Spartaner Geradas, wiewol in einen hyperbolischen Ausdruck, zu einem Fremden: es sey in Sparta so schwer einen Ehebrecher zu finden, [54] als einen Ochsen, der über die höchsten Berge zu sehen wäre. *)

Ich weiß wol, daß man keine rohe Nation ihrer wenigen Tugenden wegen erheben muß; ich will auch nur blos durch ein Beispiel zeigen, daß nichts ein so gutes Mittel gegen sinnliche Laster ist, als Thätigkeit. Von dem Gegentheil zeugen Roms unnatürliche Sünden.

Ich folgere aus diesen Bemerkungen dies: Wenn wir nicht für die körperliche Erziehung und Abhärtung unserer Kinder Sorge tragen, so schränken wir die künftige Thätigkeit ihres Geistes und Körpers ein; so öfnen wir ihnen einen Weg zu allen Lastern und besonders zu dem Laster der Unkeuschheit.

Auf Gesundheit und Stärke des Körpers kömmt denn zuvörderst alles an. Wie wenige Eltern sehen aber bei der Erziehung mit aller Sorgfalt dahin, daß ihre Kinder gesund und stark werden! Der Ueberhand nehmende Luxus, durch den wir uns in Speisen, Getränken, Kleidung, Wohnung und Sitten immer mehr zu unserm eigenen wahren Misvergnügen von der Natur entfernen, die in allem so weise und zweckmäßig [55] ist, hat auch in die Behandlung der Jugend einen traurigen Einfluß. Nur gar zu oft unterwerfen wir sie der Willkühr einer abgeschmackten Mode, weil dies und jenes reich, groß und vornehm aussieht; oft richten wir und aber auch nach hergebrachten Gewohnheiten, über deren Nutzen oder Schaden wir nie nachgedacht haben. Diese beiden Ursachen wirken so stark, daß sie sogar ganz natürliche Gefühle der Eltern gegen ihre Kinder einschränken. Eine Mutter wegert sich, ihrem Kinde die Brust zu reichen, weil andere ihres Standes es nicht thun; weil es gemein läßt; weil es ihr zu viel Zeit raubt, sie zu oft von Gesellschaften abruft; weil es ihrem vollen Busen schadet, dessen einzige Bestimmung es doch ist, ihr Kind daran zu säugen. Ich will gegen meine Nebenmenschen nicht ungerecht seyn; ich will es daher gern auch öffentlich gestehen, daß ich viele Mütter meines Orts kenne, die ihre Kinder selbst stillen und die von der Schändlichkeit und Schädlichkeit des Ammenhaltens überzeugt sind; auch viele, die sich zwar soweit nicht haben überwinden können, die aber doch selbst es nöthig finden, hierin die größte Vorsicht zu gebrauchen und bei der Wahl einer Säugamme sehr behutsam zu seyn; wiederum viele, die, wenn sie auch die [56] Vorsicht nicht haben, sich doch halbweg bei Vernünftigen ihrer Thorheit schämen und es fühlen, daß sie Entschuldigungen bedürfen. Alles dies giebt mir die Hoffnung, daß eine höchstunnatürliche Gewohnheit nach und nach abkommen werde.

Die sich von der Schädlichkeit dieser Gewohnheit noch gar nicht überzeugt halten, bitte ich nur folgendes, wovon ich jede einzelne Behauptung mit Erfahrungen belegen könnte, zu bemerken.

Die Gesundheit des Kindes hängt von der guten und ordentlichen Behandlung in den allerersten Tagen und Wochen ab, und das erste, wofür gesorgt werden muß, ist, daß es seine Nahrung ordentlich bekömmt. Wie wenig Säugammen werden wol aber die Behutsamkeit der Mütter haben? Sie säugen um Lohn, nicht aus süßer Mutterpflicht. In ihrer eigenen Diät und in der Zeit das Kind zu stillen werden sie selten Maaß und Ordnung in Acht nehmen. Die Amme reicht gewöhnlich dem Kinde die Brust, wenn sie durch den Ueberfluß der Milch daran erinnert wird. Wie leicht kann also das Kind durch zu heftigen Genuß sich schaden! Es ist auch bekannt genug, daß der Vorzug, den man Säugammen gewöhnlich vor dem übrigen Hausgesinde einräumt, bey diesem Veranlassungen zu mancherlei Feindseligkeiten [57] giebt, und daß eben dies bei jenen das Aufwallen so mancher bösen Leidenschaften verursachet, die dem säugenden Kinde seine Nahrung vergiften. Die vielen Verdrieslichkeiten, die in der Familie selbst durch solche Personen entstehen, will ich, weil sie zu meinem Zweck nicht gehören, nicht einmal anführen.

Es ist aber damit nicht genug, daß eine solche Person blos das Kind säugt. Sie ist wenigstens ein ganzes Jahr durch die Erzieherin desselben und die Gouvernante der ganzen Kinderstube, und man weiß selbst die erwachsenen Kinder keiner bessern Aufsicht anzuvertrauen. Durchgängig bekümmern sich die Eltern wenig darum, wie eine solche Person die Kinder behandelt. Sie ist ihnen von diesen und jenen Freunden empfohlen, und dies bürgt für ihre Geschicklichkeit. Selbst sehen sie ihre Kinder wenig; höchstens lassen sie sich von ihnen guten Abend und guten Morgen wünschen. Die Amme kann also in ihrem Gebiet unumschränkt herrschen und ihre Launen befriedigen. Weil sie meistens aus niederen Ständen sind, so haben sie auch eine Menge Vorurtheile, die sonst durch etwas Nachdenken leicht gehoben werden können.

[58] Dahin gehört das feste Einschnüren der Kinder in die traurigen Windeln. Ich weiß es nicht, was zu dieser sonderbaren Gewohnheit Gelegenheit hat geben können. Vielleicht hat sonst eine fehlerhafte Behandlung es veranlaßt, daß ein Kind krumme Beine bekommen hat, und man hat dies der Natur auf Rechnung geschrieben und es durch das Einwickeln zu verhindern gesucht. Ich habe so oft darum gefragt: warum wickelt ihr das Kind ein? Und immer hieß es, damit es nicht krumme Beine bekomme. Will denn die Natur durchaus krumme Beine bilden, nun so müssen wir krumme Beine haben; so werden die für uns die zweckmäßigsten seyn, und so ist es eben sowol Schändung der Natur, wenn wir unsere Beine durch Zwang gerade machen wollen, als wenn der Kaffer und der Hottentott seine Nase eindrückt und seine Backen aufritzt. Daß die Natur dies wolle und daß die Kunst das Gegentheil verursache, wird niemand glauben. Ich kenne wenigstens drei Personen, die nicht eingewickelt worden und doch sehr gerade und schlank gewachsen sind; auch kenne ich manche, die sehr wahrscheinlich blos durch das Einwickeln krummbeinicht sind. Wenn sonst nichts versehen wird, so wird die Natur für die beste Ausbildung [59] des Körpers schon selbst Sorge tragen. Ihre Wege wurden durch eine weise und gütige Hand bestimmt. Unsere Pflicht ist, sie zu kennen und zu verehren.

Das Einwickeln hat aber oft die Folge, daß die Natur in ihrer Oekonomie gestört wird und ein unvollkommenes Werk liefert. Ich habe es oft mit Schaudern angesehen, daß das Kind beim Einwickeln mit den Beinen auf dem Schooß der Kinderwärterin lag, während daß der Kopf bis an die Erde herunterhing. Es deutete auch natürlich durch sein heftiges Schreien an, wie empfindlich ihm diese Lage sey. So eingeschnürt, saß sie sich auf keine Seite kehren und kein Glied bewegen können, werden sie in die Wiege gelegt und beinahe durch die Decken erstickt. In meiner Vatergegend werden sie vorher noch in ein eigenes Küßen, das sie zur Hälfte umgiebt, eingelegt, und dieses wird mit einem Bande zugebunden. Nachher, wenn sie in der Wiege liegen, wird noch ein leichtes Küßen seitwärts an den Kopf gelehnt, um den Tag abzuhalten. Endlich noch ein Band über die Decke der Wiege geschlagen um das Schlottern und Wackeln beim Wiegen zu verhindern. Diese [60] Wärme muß natürlich sehr schwächen. Schon die Windeln geben übermäßige Wärme.

Wenn man sich dies gedenkt und dabei zugleich zugiebt, daß der sehr sichtbare schnelle Wuchs eines Kindes gleich in den ersten Wochen nach der Geburt durch das Wickeln, das sehr oft gewaltsam geschieht, eingeschränkt und zurückgehalten wird, und auch das Kind unter den Umständen nicht den freien Gebrauch seiner Glieder behält, der zu ihrer vollkommenern Ausbildung so ganz nothwendig ist; so dünkt mich muß man von der Schädlichkeit des Einwickelns überzeugt werden, selbst wenn man auch allen den Schaden, der durch sichtbare Unvorsichtigkeit hier begangen werden kann, nicht rechnen will, oder sogar diesen zu verhindern wüste. Was dem Kinde nur irgends den Gebrauch seiner Gliedmaßen verwehret, ist unnatürlich, ungerecht und schädlich. *)

[61] Ein anderer Nachtheil, der aus dem gewöhnlichen Benehmen der Ammen herrührt, ist, daß sie dem Kinde oft durch Unvorsichtigkeit, oft durch vorsätzliche Gewaltthätigkeit nachher auch schaden. Die meisten sind niederträchtig genug, jeden Verdruß, den sie haben, das Kind entgelten zu lassen, und Eltern befinden sich oft in der traurigen Nothwendigkeit, ihnen in allen Dingen ihren Willen zu lassen, damit sie ihre Kinder nur nicht unglücklich machen. Ich denke nicht absichtlich schlecht von meinen Nebenmenschen, aber was läßt sich denn wol von dieser Klasse wahrscheinlich anders erwarten. Zudem habe ich schon mehr als ein durch Ammenwuth verunstaltetes menschliches Geschöpf gesehen, und noch lebt ein Knabe in einem angesehenen Hause, der ein Beispiel davon ist. Die Amme, auf deren Wink er nicht gleich kommen wollte, oder den er nicht verstand, riß ihn so gewaltsam beim Arm, daß dieser aus dem Schultergelenk trat. Man merkte bald, daß dem Kinde am Arm etwas fehlte; aber [62] was es sey, erfuhr man nicht, bis es zu spät war, den Arm wieder zu recht zu bringen. Die Fugen waren verwachsen; und das Kind kann nun den rechten Arm nicht gebrauchen. Und wieviel geschieht hier überall nicht, das nie bekannt wird. *)

Zu den fehlerhaften Gewohnheiten bei der frühen Behandlung der Kinder gehört auch das viele stundenlange Tragen auf dem Arm, welches gar nicht die Lage ist, in der ein Kind, das jede Minute in seiner Ausbildung um etwas fortrückt, lange erhalten werden muß. Man legt sich, um die kleine Last sich zu erleichtern, immer etwas zurück und drückt die Kinder zu fest an sich. Sie haben auch hier wieder nicht den freien Gebrauch ihrer Glieder. Weil sie meistens auf dem rechten Arm getragen werden, so ist ihnen auch nur der rechte Arm völlig frei. Der linke ist im Bedruck. Daher wird jener auch um so viel früher stark und geübt und dieser bleibt zurück. Ja man macht es nachher sogar den Kindern zum Verbrechen, wenn sie die linke Hand gebrauchen [63] wollen, wo die rechte gebraucht werden sollte. Mit welchem Recht, läßt sich nicht einsehen. Es ist eine große Unvollkommenheit, daß ein Glied so vorsetzlich zurückgesetzt wird.

Auf frische reine Luft in den Kinderstuben wird auch zu wenig gesehn. Ammen behagt die Gemächlichkeit, in die sie hineintreten, so sehr, daß sie sich eben nicht viele Mühe machen werden, die Kinder in die freie Luft zu führen, und aus ihrem Stande bringen sie auch nicht viele Begriffe von Reinlichkeit im Hause mit. Daher verrathen sich die Kinderstuben so leicht durch einen eckelhaften Geruch, der unstreitig der Gesundheit sehr schädlich ist. Es ist auch nicht möglich, daß Kinder in einem eingeschlossenen Zimmer so viele Gelegenheit und Lust haben können, sich zu bewegen und ihren Körper stark und behende zu machen.

Das Schleppen am Gängelbande hat auch selten den Nutzen, den es haben soll, und oft den Schaden, daß Kinder einen fehlerhaften Gang annehmen. Man wird finden, daß sie fast alle eine überhängende Richtung des Körpers erhalten. Weit besser, man führe sie an der Hand, oder lasse sie auf ebener Erde allein gehen. Dadurch bekommen sie Festigkeit und Sicherheit. Ein Fall [64] schadet nichts. Er ist vielmehr, um gut gehen zu lernen, ganz nothwendig, und man hat kaum ein Beispiel, daß ein Kind auf die Art ein Krüppel geworden wäre. Das Nachgebende ihrer biegsamen Glieder schützet sie davor; macht aber auch eben darum das lange Anhalten einer gezwungenen Lage gefährlich.

Würde man sich überall durch vernünftiges Nachdenken leiten lassen, so könnte man der Mühe überhoben seyn, manches weitläufig aus einander zu setzen, was doch beim ersten Anblick so leicht zu beurtheilen ist, wenn man nur von Mode und Schlendrian unbefangen ist. Aber unter dem Geleit des alten Herkommens geht so manches Abgeschmackte in der Welt seinen Gang fort, und man läßt es sich nicht einfallen, daß da etwas Fehlerhaftes drin seyn könne.

Mangel an eigener Aufmerksamkeit und Prüfung ist aber auch eben sowol Schuld, daß manche sonst gute Vorschläge zur bessern körperlichen Erziehung übel angewendet werden. Ein mißverstandener Emil hat häufig genug Schaden gethan. Was in dem wärmern Frankreich sich schickt, paßt nicht auf nördliche Gegenden. Das Baden im kalten Wasser hat allerdings seinen großen Nutzen, man muß aber zugleich dahin [65] sehen, daß die Kälte des Wassers mit der Wärme des Körpers in einem gewissen Verhältniß bleibt. Wasser, das im Sommer durch die Sonnenstralen erwärmt ist, hat etwas sehr stärkendes für den Körper, wenn es im Freien gebraucht wird. Nicht so das Wasser, welches im Winter unter dem Eise geschöpft und in Badewannen im Zimmer gebraucht wird. Ich habe einen Mann gekannt, der blos aus Liebe zum Sonderbaren alle Morgen seine Kinder, so wie sie aus dem Bette kamen, in die Badewannen steckte. Und das selbst im Winter. Sie hatten bei dem allen doch nicht das Aussehen ächter Naturkinder. Im Winter kann das Baden füglich unterbleiben. Es ist alsdann gar nicht Trieb der Natur. Die reine kalte Luft ist dann schon das angewiesene Stärkungsmittel für unsere Nerven, wenn man sie nur oft genießt, und sie macht jenes beschwerliche Mittel überflüßig. Im Sommer, wo man stärker ausdünstet und die Wärme die Nerven erschlaft, ist es Bedürfniß und die Natur ladet dazu ein. Die beste Zeit des Tages ist eine, oder zwei Stunden vor der Mittagsmahlzeit.

Im Essen und Trinken ist bei Kindern viel Vorsicht nöthig, aber sie wird selten angewendet. [66] Der Grundsatz: Kinder müßten nach ihrem Appetit essen, scheint mir richtig zu seyn; aber dann müßen ihnen auch nur leichte und einfache Speisen gegeben werden. Sind sie aber an leckerhafte stark gewürzte Speisen gewöhnt, so kann jene Regel nicht gelten: so ist es sicher, daß der Magen weit eher, als der Gaumen befriedigt wird. Uebermaaß schadet; denn darauf entsteht schlechte Verdauung; diese verursacht ungesunde Säfte; daraus entstieht Kränklichkeit.

Mangel an Bewegung ist bei vielen Kindern allein die Ursache ihrer unvollkommenen Gesundheit. So lange man noch glaubt, daß es, um frohe und glückliche Menschen zu bilden, nöthig sey, daß Kinder von acht bis eilf Uhr Vormittags und von zwei bis fünf Nachmittags, also ganze sechs Stunden am Tage unbeweglich auf einer Bank sitzen, oder am Schreibtische hangen müssen, so lange wird man seinen Zweck nicht erreichen, und das ist doch in den meisten öffentlichen und Privatschulen der Fall. Ich weiß wol, daß einige öffentliche Erziehungsanstalten davon ausgenommen sind; aber sonst sind mir nur wenig Häuser und noch weniger öffentliche Schulen bekannt, wo es dem Lehrer erlaubt wäre, die bestimmten Stunden, die eine im ganzen Lande [67] heilige Usance eingeführt hat, abzuändern oder einzuschränken. Die Vielheit der Stunden bestimmt den Fleiß der Lehrenden und Lernenden. Von vielen Kindern kann man mit Wahrheit sagen, daß sie durch Lernen ungesund werden, wenn sie übrigens auch noch so wenig lernen. Es ist in diesem Stück eine allgemeine große Verbesserung nothwendig, wenn die Jugend nützliche Kenntnisse weniger auf Kosten ihrer Gesundheit erlangen soll.

Es mögte manchem scheinen, ich hätte mich hiebei zu lange aufgehalten, und ich habe immer doch nur ein weniges gesagt, weil es hier ganz eigentlich der Ort war. *) Manche werden dagegen finden, daß es noch sehr viel giebt, worauf bei der körperlichen Erziehung Rücksicht genommen werden muß. Ich habe nur das wichtigste und was mir allgemeinen Vorurtheilen am meisten ausgesetzt zu seyn schien, angeführt.

Bemühet euch ja, Eltern und Jugendfreunde, für Stärke und Gesundheit eurer Kinder zu [68] sorgen, und fangt damit an, sobald sie auf die Welt kommen. Ermuntert euch dazu durch die Vorstellung, daß ihr sie dadurch jeglicher Tugend näher bringt und von jedem Laster weiter entfernt, und daß ihr euch in ihnen ein unschätzbares Glück erhaltet. Gleichgültigkeit in diesem Stück ist Gleichgültigkeit gegen ihr zeitliches und ewiges Wohl.

So wie nun überhaupt in der vernachläßigten Sorge für die Gesundheit der Jugend ein Grund zu vielem moralischen Bösen liegt; so liegt in einer weichlichen Erziehung ein ganz besonderer Grund, warum die Jugend gegen die Reize der sinnlichen Wollust so empfindlich ist und warum sie den Versuchungen zur Unkeuschheit so oft unterliegt. Ich will mich erklären, was ich unter weichlicher Erziehung verstehe.

Ich verstehe darunter, jede Bemühung, den Kindern blos sinnlich angenehme Empfindungen zu verschaffen und alles sinnlich Unangenehme von ihnen zu entfernen. Manchmal liegt bei einer solchen weichlichen Erziehung eine übertriebene und auf falsche Begriffe gebaute Sorgfalt für die Gesundheit der Jugend zum Grunde. Manchmal ist die Vorstellung Schuld daran, daß sinnliche [69] Vergnügungen allein glücklich machen; oder, daß doch die Jugend keiner andern Art von Vergnügungen fähig sey; oder, daß man sonst keine Gelegenheit habe, ihr Liebe und Zuneigung zu erkennen zu geben. Es mag nun etwas von diesem, oder alles zusammengenommen an dieser Erziehungsart Schuld seyn, so ist doch so viel gewiß, daß sie immer eine wohlwollende Gesinnung gegen die Jugend voraussetzt. Schade, wenn diese Gesinnung nicht auf den würdigsten Zweck geleitet wird; aber noch mehr Schade, wenn sie gerade den unwürdigsten erreicht.

Wir wollen diese Erziehungsart mit Vorbeilassung alles dessen, was für die Gesundheit nachtheiliges daraus entsteht, nur nach ihrem ersten und vorzüglichen Einfluß betrachten, und da glaube ich ist es klar, daß sie die Sinnlichkeit vermehrt.

Es liegt in der Natur des sinnlichen Vergnügens, daß es leicht Eckel verursacht. Eines gewissen Grades desselben wird man bald so gewohnt, daß man immer weniger Reiz darin findet. Daher entsteht das Streben nach erhöhetem und verstärkten Genuß. Man würde sich jedes sinnliche Vergnügen immer neu und reizend erhalten, wenn man es sparsam und nur nach Anstrengung und Arbeit genöße. Aber das ist [70] so selten der Fall. Was man einmal gewohnt ist, will man oft haben, und dann muß man freilich sehr darauf raffiniren, wenn es immer gleiche Reize behalten soll. So habe ich es oft an Menschen gefunden. Von einer Art sinnlicher Vergnügungen geriethen sie auf eine andere. Von einem Grad stiegen sie zu dem andern. Sinnlichkeit wird nur nach und nach herrschend; sie wird, wenn sie nicht frühe eingeschränkt wird, endlich die grausamste Despotin. Suchen wir immer unsern Kindern sinnliche Vergnügungen zu verschaffen, so werden sie natürlich diese immer vorziehn, um so mehr, da sie andere Vergnügungen wenig kennen. Sie werden nach und nach diese zum Maaßstab annehmen, wornach sie alles Gute und Böse in der Welt bestimmen. Sie werden also immer für die Welt und die Welt für sie unbrauchbar seyn; denn wo finden sie das, was sie in dem verzärtelnden Hause ihrer Eltern fanden? Sie werden aber außerdem schon frühe als Kinder tausend Bedürfnisse erhalten, die alle befriedigt seyn wollen. Bald wird ihnen dies, bald jenes nicht mehr gut genug seyn. Die Kette ihrer sinnlichen Freuden muß ununterbrochen seyn und immer auch einige Glieder mehr bekommen. Dabei stumpft sich das Gefühl für [71] edlere Freuden des Geistes immer mehr und mehr ab, weil man sich diese nur durch Anstrengungen erwirbt. Sie werden immer mehr Körper, und es muß ein Wunder seyn, wenn sie bei dem Wünschen, Sinnen und Streben nach jeder behaglichen körperlichen Empfindung, nicht sehr frühe mit jenen Gefühlen bekannt werden solten, gegen die die menschliche Natur so nachgebend ist und die bei sinnlichen Menschen den höchsten Gipfel ihres Vergnügens ausmachen müßen. Ist es wol glaublich, daß sie ruhen werden, ehe sie es bis zu diesem Grad gebracht haben? Ist es wol glaublich, daß etwas stark genug seyn werde, den Geschlechtstrieb zweckmäßig bei ihnen zu lenken? Hat Sinnlichkeit einmal die gesetzgebende Macht, so schweigen alle Gründe. Haben sie sich in kleinen Dingen, die weit minder reizten, nichts versagen gelernt, so werden sie es hier noch weniger thun. Auf Folgen sind sie nicht aufmerksam gemacht worden; der erste Eindruck entscheidet bei ihnen. Sie werden sich also ohne Bedenken der Leitung einer Leidenschaft überlassen, zu der freilich der Keim, aber auch das Vermögen sie zu beherrschen in allen Menschen liegt. Es kommt nur darauf an, daß man frühe [72] genug damit anfängt, sich in den Besitz dieser Herrschaft zu setzen.

Manche Eltern glauben wol, es sey Zeit genug gegen diese Leidenschaft zu predigen, wenn sie sich erst zeige. Dann ist es zu spät. Kein Moralisiren wird in einigen Augenblicken das gut machen, was eine lange fehlerhafte Erziehung verdorben hat, und es kommt überhaupt bei der Erziehung wenig darauf an, daß man der Jugend sage, wie sie seyn soll, wenn man sie nicht in den Stand setzt, daß sie so seyn kann und gern seyn will.

Sollen unsere Kinder nicht der Gefahr ausgesetzt seyn, sich durch den Misbrauch dieses Naturtriebes zu schänden, so müssen wir ihnen keine weichliche Erziehung geben. Wir müssen nicht immer den ersten Aufforderungen eines zärtlichen Herzens folgen, ihnen dies und jenes zu geben, was sie gern hätten und was wir ihnen gern gönnen, weil es oft an sich nichts Böses ist. Wir müssen zuerst untersuchen, von welcher Art das Vergnügen ist, das sie dabei haben werden. Ist es so, daß es ihren Geist unterhalten, ihre Wißbegierde befriedigen, ihrem Herzen eine edle Empfindung, ihrem Körper eine heilsame Bewegung verschaffen kann; oder [73] nur sich irgend ein nützlicher Zweck damit verbinden läßt: so müssen wir sie diese Freude oft genießen lassen und sie in den Stand setzen, sich diese selbst verschaffen zu können. Solche Vergnügungen sind ein Sporn zu immer größerer Thätigkeit und sonach wieder eine Quelle zu neuen Vergnügungen. Was auf den Körper angenehm wirkt, und sonst unschuldig ist, das lasse man die Jugend genießen, so wie es in der Welt vorkommt; aber man lehre sie nicht, dies allein zu suchen und es für ihr höchstes Gut zu halten. An der allerfrühesten Behandlung liegt hier aber beinahe alles. Neigung und Abneigung gegen etwas läßt sich nicht befehlen. Es kommt darauf an, was man zu lieben oder zu meiden fähig ist.

Man hüte daher Kinder von der Wiege an vor allem, was nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch Verzärtelung heißt.

Man lasse sie nicht in weichen Federbetten schlafen. Ihr Lager muß einfach seyn, wie es die Natur bedarf. Eine Haar- oder Strohmatratze und eine leichte Decke. Für den Schlaf hat dies Reiz genug, und sonst muß es keine Reize haben.

[74] Man halte sie nicht immer in warmen Zimmern und bewahre sie nicht vor der Kälte, als vor einem Uebel.

Warme Getränke und fette gewürzte Speisen müssen ihnen nicht gegeben, noch weniger mit sichtbarer Theilnehmung und unter liebkosenden Ausdrücken aufgedrungen werden, wie man oft an Müttern sieht. Würde man immer nur die Zeit abwarten; da die Natur zum Essen und Trinken einladet, so brauchte man nicht den Kindern dies und jenes absichtlich vorzuenthalten. Ihre Wahl fällt alsdann gewiß auf das einfachste oder was gerade da ist, und der Gaumen wird nicht lange zu Rathe gezogen. Ein Kind muß schon sehr verdorben seyn, daß unter den Umständen eine Tasse Kaffe einem reinen Trunk Wasser und eine Pastete einem Butterbrod vorzieht.

Man befriedige indeß doch nicht immer gleich auch ihre einfachsten Wünsche. Man lehre sie Hunger, Durst, Müdigkeit in gewißen Fällen gern ertragen. Es ist keine Härte, denn man übt sie in der Selbstbeherrschung, die uns in jeder Lage des Lebens so nothwendig ist.

Auch gegen andere Arten von körperlichen Schmerz sey man nicht übertrieben empfindlich. [75] Ueber eine Beule am Kopf und über einen Schnitt im Finger muß man nicht gleich, als über ein großes Unglück, wehklagen. Solche Aeußerungen einer übertriebenen Besorgniß für ihr körperliches Wohl und Wehe haben immer die Folge, daß Kinder verzärtelt werden und sich in keine unangenehme Empfindungen zu schicken wissen.

Man gewöhne sie frühe zu allerlei Handarbeiten, die ermüden und Anstrengung ihrer Kräfte erfordern. Gebt ihnen, liebe Eltern, in euren Gärten ein Stück Land, das sie mit eigenen Händen bearbeiten können, und achtet es nicht, daß Sonne und Luft ihr Gesicht braun machen und Arbeit ihre Hände härtet. Seht dabei nicht auf euren und ihren Stand. Wenn sie es auch künftig nicht nöthig haben sollten, beschwerliche Handarbeit zu thun, so wird es ihnen doch unendlich nützlich seyn, sie einmal gethan zu haben, und es schützt sie selbst in der Jugend vor vielem Bösen.

Im Winter laßt sie drechseln, Glas schleifen, Holz fällen und tragen, verschneite Wege öffnen, und, wenn das Eis sicher ist, auf Schrittschuhen laufen.

[76] Für Mädchen sorgt, daß sie im Hause allerlei Handarbeit bekommen und laßt sie frühe an der Wirthschaft mit Theil nehmen. Was die Hand an Feinheit verliert, gewinnt der ganze Körper an Stärke.

Wollen wir auf Weichlichkeit Verzicht thun, so muß, besonders in vornehmern Ständen ein großer Theil Eitelkeit aufgeopfert werden. Kann dies letztere nicht geschehen, so werden jene Stände immer die entschiedensten Wollüstlinge liefern. Daß sie es bisher gethan haben, davon haben mich manche Erfahrungen überzeugt.

Manche Veranlaßungen zur Beförderung unkeuscher Leidenschaften bei der Jugend liegen in zufälligen Umständen, auf die man selten aufmerksam genug ist.

Ich rechne hieher zuvörderst die Gesellschaften, die die Kinder gerathen können. Befände sich die Jugend immer in der Gesellschaft verständiger tugendhafter Personen, so müßte jede Erziehung von selbst gerathen. Das Betragen solcher Personen gegen die Jugend ist ausübende Erziehungskunst. Ich kenne eine Familie, die ehedem aus Vater, Mutter und neun Kindern bestand. Die Eltern, ein Paar der rechtschaffensten [77] Leute, hatten nie etwas über Erziehung gelesen und glaubten überall nicht, daß Erziehung eine Kunst sey. Sie gaben ihren Kindern wenig Theorien, aber ihr Beispiel war so musterhaft und die Gesellschafter ihres Hauses so wol gewählt, daß dies allein hinreichte, ihren Kindern eine gute Bildung zu geben. Drei Töchter aus dieser Familie sind Mütter geworden. Das Urbild, dem sie in der Erziehung folgen, ist ihre verstorbene unvergeßliche Mutter. Das Andenken an diese Familie ist für mich mit einer süßen Empfindung begleitet.

Für den beobachtenden Jugendfreund ist es eine traurige Bemerkung, daß es bei allen Vorschlägen, die zu einer verbesserten Erziehung gemacht worden sind, doch so wenige Eltern giebt, die das sind, was sie seyn sollen. Sie kaufen Erziehungsbücher, lesen Erziehungsschriften, sprechen über neueste Erziehungsmaximen, üben auch hie und da im Einzelnen einige aus; aber sie sind nicht aufmerksam genug auf mache Umstände, die inzwischen vorkommen und alles wieder vereiteln. Es scheint fast, daß viele glauben, Erziehung sey eine Sache, mit der man sich Stundenweis abgeben, von der man anfangen und abbrechen könne, wenn man wolle. Ich weiß es [78] mir sonst nicht zu erklären, warum Eltern oft ganz sorglos ihre Kinder in Gesellschaften führen oder gerathen lassen, von denen sie wissen oder voraussehen können, daß sie für ihre Tugend gefährlich werden müssen. Ich weiß wol, daß man dies nicht immer voraussehen, auch sich von manchen Verbindungen in der Welt nicht losreißen kann; aber eben dies macht Sorgfalt nothwendig. Entweder man muß alle gefährliche Gesellschaften von der Jugend entfernen, oder man muß suchen, sie ihnen weniger gefährlich zu machen. Da ersteres nicht möglich und selbst in mancher Rücksicht auch nicht einmal gut ist, so wird letzteres nothwendig. Es wird aber selten darauf gesehen, daß Kinder dazu die nöthigen Begriffe frühe genug erhalten; man ist auch nicht immer gleich bei der Hand, diesen und jenen schädlichen Eindruck bei ihnen zu schwächen, und daraus entsteht denn, daß sie oft verführt werden, wo doch niemand sie absichtlich verführen wollte.

Es ist beinahe kein Haus, wo nicht Dienstboten sind. Diese sind im Ganzen schlechte Gesellschafter für die Jugend. In vornehmern Häusern steht diese mit ihnen in vielfacher Verbindung. Sie ist oft bei ihnen allein, und an vielen Orten müßen ja leider! Dienstboten in [79] Abwesenheit der Eltern die Stelle der Aufseher vertreten. Vielen Umgang würde man allerdings verhindern können, wenn man seinen Kindern weniger wollte aufwarten lassen. Sie suchen aber doch gern ihren Umgang, weil sie ihnen manches erzählen, oft sehr schnackisch thun und ihnen etwas zu lachen geben, und immer für ihre Neugierde etwas Anziehendes haben. Wie wenig behutsam sie in ihren Ausdrücken sind und welche Zoten sie oft vorbringen, die ihnen durch Gewohnheit so geläufig sind, daß sie selbst oft nichts dabei denken, weiß jeder. Und was dies auf das Gemüth und die Einbildungskraft der Kinder für eine Würkung haben muß, ist auch leicht einzusehen. Dabei sehen Kinder auch oft thätliche Unanständigkeiten, die zwischen männlichen und weiblichen Bedienten vorfallen. Bald wird um einen Kuß gerungen, bald ein Halstuch abgerissen, bald eine zu Boden geworfen, hie eine in die Backen, dort eine in die Waden gezwickt, und das sind immer für gewöhnliche Kinder sehr interessante Auftritte. Sie werden dadurch aber selbst allmählig zu freien und unschamhaftigen Scherzen mit dem andern Geschlecht gereizt, und was sie auch nicht gleich in Handlungen üben können, das erlauben sie sich [80] vorerst in Vorstellungen und Gedanken und ein Schritt folgt dann auf den andern.

Aber auch sogar Personen aus vorzüglicheren Klassen, die sonst Einsicht und Erziehung haben, geben der Jugend manches Aergerniß. Wer nur etwas mit Gesellschaften bekannt ist, der weiß, wie viel hier noch den Jugendfreunden zu wünschen übrig ist. Zweideutige Scherze sind die Würze unserer gewöhnlichen Tischgespräche. Manches würde die Jugend nicht verstehen, oder nicht darauf achten; aber gewöhnlich wird sie durch das Gelächter, womit ein Zotenreißer belohnt wird, aufmerksam gemacht, und bemüht sich nun, das Lächerliche einzusehen und die Zweideutigkeit zu verstehen.

Manche machen sich ein besonderes Vergnügen daraus, ihre Kinder recht frühe mit Heirathsangelegenheiten zu amüsiren. Da wird denn gefragt: was macht die liebe Braut? Wie befindet sich der kleine Bräutigam? Wird die Hochzeit bald werden? und dergleichen alberne Dinge mehr. *) Jeder frage sich selbst: [81] was daraus für Folgen entstehen; welche Eindrücke dies auf die Gemüther der Kinder machen wird. Mich dünkt, es ist sehr wahrscheinlich, daß erstlich Triebe in ihnen frühe geweckt werden, die sonst nicht würden entstanden seyn, und daß sie zweitens beim Gefühl dieser Triebe sich sehr leichtsinnig nehmen werden. Und dies ist alles, was von solchen unüberlegten Scherzen nur Nachtheiliges gedacht werden kann.

Zu den veranlassenden zufälligen Umständen rechne ich, und wer wird es dahin nicht rechnen, das Lesen gefährlicher Bücher.

Es ist freilich was sehr bekanntes und steht in allen Moralen; es ist aber doch in der That auch wahr. Gefährliche Bücher sind das nemliche, was gefährliche Gesellschaften sind. *) Ja, [82] es scheint fast ausgemacht zu seyn, daß sie zur Verschlimmerung der Sitten noch mehr beitragen, als diese. Sie würken länger fort; man kann sie überall leicht haben; man kann sich so oft und so lange man will mit ihnen unterhalten; sie reden allein, ohne daß man Gegeneinwendungen machen kann. Manches Böse läßt sich da durch viele scheinbare Gründe rechtfertigen, die [83] ein Verführer nicht so bei der Hand hat. Manches Laster erhält durch die Kunst der Beredsamkeit und Dichtkunst ein gefälliges Gewand und wird hinreißend. Alle sinnliche Darstellungen gewinnen Reize durch die Kunst und die Einbildungskraft legt ihnen noch mehrere bei. Eine wollüstige Schilderung schadet mehr, als die wollüstigste Scene, die man nur in der Natur sehen kann, denn sie wirkt stärker auf die Einbildungskraft. Und wie viele Bücher, einzelne Gedichte und ganze Werke haben wir nicht, wo die sinnliche Liebe nach allen ihren Graden und von allen ihren reizenden Seiten so ennehmend geschildert wird, daß ein Jüngling ein sehr gesetzter Weise oder ein Klotz seyn müßte, wenn er nicht Feuer fangen und Befriedigung suchen sollte. Wir erkennen in diesen Darstellungen die Producte der talentvollesten Köpfe, aber es beklemmt jedem wahren Menschenfreunde das Herz, wenn er sich die fast unvermeidliche Verführung der Jugend dabei gedenkt. Könnten Bitten etwas helfen, so wäre dies Aergerniß längst von der Welt losgebeten. Könnten Vorstellungen helfen, so hätten sie längst helfen müssen. Denn welche billige Gründe kann je einer haben, seinen Witz, seine Denkkraft, seine ganze [84] Seele in Thätigkeit zu setzen, um hie und da einen zu belustigen, keinem zu nützen und unendlich vielen zu schaden? Entschuldigt dies, daß die Jugend aus vielen andern guten Büchern auch Gift saugen könne, zum Beispiel aus naturhistorischen, medizinischen und anatomischen Beschreibungen, ja selbst aus der Bibel? Liegt darin das Mindeste, warum Gelegenheiten zur Verführung ganz ohne Noth, ohne irgend einen andern triftigen Grund vervielfältiget werden müßen? Das ist nun aber einmal so, und wird auch wol so bleiben. Man kann es nicht verhindern, daß solche Bücher geschrieben werden; man kann es auch nicht verhindern, daß solche Bücher von der Jugend gar nicht sollten gelesen werden: eben so wenig kann man es verhindern, daß sie, wenn sie gelesen werden, überall nicht schaden solten. Hier stehet also, wie in so vielen andern Fällen, die bessere Erziehung der Jugend neben großen Bedingungen, und wer Vorschläge fordern wollte, wie diese Bedingungen ganz aufzuheben wären, der würde etwas unmögliches fordern, denn es beträfe wenigstens eine Weltreformation.

Man sagt wol: wenn die Menschheit besser werden soll, so muß man bei der Jugend den [85] Anfang machen. Sehr gut; aber wo kommt denn nun die eine guterzogene Hälfte her, die die andere noch unerzogene erziehen soll? In einer Welt, wo der eine baut, der andere niederreißt, wird auf ein Mal keine durchaus gute Erziehung statt finden. Aber, wenn denn doch viele thun, was sie thun können, so geschehen tägliche Schritte dazu.

Daß man, wenn man will und aufmerksam ist, die Jugend lange vor bösen Gesellschaften und dem Lesen gefährlicher Bücher bewahren könne, davon glaube ich überzeugt zu seyn. Sucht man in dieser Zeit ihnen die nöthigen Begriffe beizubringen, (wovon ich aber erst nachher umständlich reden kann) und lehrt man sie jedes Unanständige als unanständig fühlen, und bemüht man sich, ihnen Neigung und Fertigkeit zu allem, was gut und edel ist, einzuflößen; strebt man auch dahin, sie vor allem Müßiggang und aller Verzärtelung zu bewahren; so hat man ihnen wenigstens jene Veranlassungen so unschädlich als möglich gemacht. Wo wir nicht können, was wir wollen, da müßen wir wollen, was wir können. [86]


6.
In den nahen Gelegenheiten, die es in der Welt giebt, zur wirklichen Befriedigung des Geschlechtstriebes zu gelangen, liegt die Ursache, warum die Jugend so frühe und so oft in das Laster der Unkeuschheit wirklich verfällt.

Bei allen Anlagen zur sinnlichen Wollust und selbst bei dem höchsten Grad der Gewaltsamkeit des Geschlechtstriebes, wird man doch noch kein Wollüstling, wenn man diesen Trieb nicht auf eine unerlaubte Art befriedigt. Ist aber der Trieb einmal rege: so sucht man ihn zu befriedigen. Die rechtmäßige Befriedigungsart kann aber so mancher Ursachen wegen nicht statt finden, sonst würde sie jeder noch ungeschwächte Mensch vorziehen, und dann würde Unkeuschheit ein seltenes Laster werden. Wenige können in den Ehestand treten, wenn sie wollen. Es müsten immer eine Menge von Umständen zusammenkommen, ehe dieser Schritt möglich wird. Die meisten, besonders die, welche noch weit von dem Zeitpunkte entfernt sind, den Natur und [87] Sitte zur Vereinigung mit einer Person vom andern Geschlecht bestimmete, suchen also bei einem gewissen Grad der Heftigkeit ihrer Begierden auf unerlaubten Wegen Befriedigung.


Aber diese Wege sind denn nun wieder nicht alle in ihrer Gewalt. Gesetze und bürgerliche Verfaßungen machen Einschränkungen. Wenn sie auch hie und da durchbrechen, so sind es doch nur einzelne Fälle, die freilich viele böse Folgen haben können und würklich haben; in Ganzen aber doch selten die Folge haben, daß sie sich durch Unzucht zu Grunde richten. Man verstehe mich nicht so, als wenn ich einzelne Verletzungen der Keuschheit für nichts achtete. Sie sind allerdings gefährlich und ziehen mehrere Fehltritte nach sich; aber die fortgesetzte Unkeuschheit, durch die sich unsere Jugend schändet und entnervt, die gleich einem Strudel unsere Jünglinge und Mädchen mit sich fortreißt und in den Abgrund alles Elends stürzet, erfordert Gelegenheiten, die weniger Schwierigkeiten haben, wo keine Gesetze Einschränkungen machen, wo die Folgen dem Auge der Welt nicht so ausgesetzt sind, mit einem Worte, Gelegenheiten, die unter allen Umständen für sie hinreichend sind.

[88] Wenn ich nicht weitläuftig seyn und mich nur allein bei dem aufhalten will, was ich den Bedürfnissen unserer Zeit angemessen finde, so sind mir nur zwei Wege bemerkbar, die gerade zu dem sichtbaren Verderben der Jugend führen. Selbstschwächung und öffentliche Unzuchtshäuser. Hier ist es, wo keine Furcht vor Schande und Lautwerden ihrer Thaten sie schreckt, wo kein richterlicher Arm hinreicht, wo sie wenigen Widerstand finden, wo der Aermere und der Reiche Zugang hat. Ich will über beides meine Gedanken und Erfahrungen, meinen Rath und meine Wünsche mittheilen. *)

[89] Bei dem, was Selbstschwächung betrift, will ich mich so nahe an meine Erfahrungen halten, als möglich ist; auch keine Gründe anführen, die bei mir nicht so viele Evidenz haben, daß sie die Stelle einer Erfahrung vertreten können.

Das erste, wovon ich mich überzeugt halte, ist:

Kinder können sehr frühe mit diesem Laster bekannt werden.

Zwei Knaben eines Handwerkers, A. A. *) von fünf und sieben Jahren, trieben dies Laster gewöhnlich des Abends im Bette. Sie reizten einander wechselsweis. Man fand des Morgens oft ihr Bett ganz naß und die Mutter hatte sie schon oft deswegen gestraft, weil sie es für einen gewöhnlichen Fehler der Unreinigkeit hielt. Die Strafe würkte eine Zeitlang; dann war es aber wieder, wie vorher. Endlich traf es sich, daß die Mutter von ungefähr des Abends in die [90] Kammer gieng und die Knaben in einer seltsamen Stellung auf einander liegend fand. Sie bekannten nun, daß sie sich auf die Art eine sonst sehr gewöhnliche Naturentledigung verschaften, die ihnen aber doch so mehr Vergnügen machte. Ein Beweis, daß Trieb und Reiz so seyn kann, wo die Natur noch kaum mit ihrer Einrichtung dazu den Anfang gemacht hat. Wäre nicht hier, selbst bei dem unvollkommenen Erfolg, ein unwiderstehlicher Trieb gewesen, so würde gewiß die Strafe sie abgehalten haben. *)

Ein Knabe B. von acht Jahren hatte die Gewohnheit, immer, wenn ihn ein Naturbedürfniß an einen gewissen Ort hin nöthigte, sehr lange wegzubleiben. Dies veranlaßte den Lehrer, ihm nachzugehen. Er fand ihn in einer sehr verdächtigen Stellung. Auf die Frage, warum er sich so betrüge, antwortete er: er thue es nur zum Spaß. „Ob er Vergnügen daran fände?“ Ja. Er gestand dabei, daß er sich diesen Zeitvertreib auch des Morgens im Bette mache und dabei an ein bekanntes erwachsenes [91] Mädchen dächte und sich vorstellte, durch ihre Hand berührt zu werden. Er wüste nicht, wann er zu der Gewohnheit gekommen wäre; es sey aber schon sehr lange her. Das Benehmen mit diesem Knaben folgt nachher.

Ein Mädchen C. von eilf Jahren gestand, daß sie schon seit zwei Jahren mit einer Verwandtin, die sie zuweilen besuchte, dies Laster in der Gartenlaube ausgeübt habe, und von ihrer Gespielin darin unterrichtet sey. Sie wurde durch ihren jüngeren Bruder zufälliger Weise verrathen, der es der Mutter erzählte, da diese beiden Mädchen sich gegen einander entblößten. *)

Das zweite, wovon ich gewiß zu seyn glaube, ist:

Kinder können ohne alle Verführung von selbst auf dieses Laster gerathen.

[92] Der Knabe B. würde sich wahrscheinlich der Zeit, da er mit der Sünde bekannt worden war, erinnert haben, wenn er durch jemand wäre verführt worden. Es wären leicht dabei einige auffallende Umstände vorgekommen, durch die ihm die Sache erinnerlich geblieben wäre. So aber ist es damit so unvermerkt zugegangen und die Handgriffe dabei sind so allmählig erfolgt, daß er sich des ersten Schrittes dazu nachher nicht hat bewußt seyn können.

Ein junger Edelknabe D. der in seinem funfzehnten Jahre erst von der Selbstschwächung sich losriß, mit der er sch zu seinem großen Schaden von der Kindheit an abgegeben hatte, versicherte, daß ihm seines Wissens niemand Anleitung dazu gegeben hätte. Er selbst aber wäre so unglücklich gewesen, zwei gemeine Knaben, mit denen er zuweilen gespielt habe, mit dieser Sünde anzustecken.


Zusatz des Herausgebers.

Ich halte es für gut, zu diesem Beispielen noch eins und das andere aus meinem traurigen Erfahrungsmagazine hinzuzufügen.

Ein Knabe, in dessen väterlichem Hause eine nicht sehr steile Treppe mit einem Geländer war, [93] hatte die Gewohnheit, in müßigen Stunden auf diesem Geländer zu reiten und reitend darauf herunterzurutschen. Einst, da er bei Tische ein Glas Wein bekommen hatte und halb darauf wieder auf dem Geländer ritt, fühlte er einen gewisse Veränderung an einem geheimen Orte. Neugier und dunkles Vorgefühl bewogen ihn nach dem Abtritte zu laufen, um eine Besichtigung anzustellen. Vom Besehen kam es zu Handgriffen: der Reiz nahm zu – das Unglück war geschehn!

Ein junges Mädchen schlief in der Kammer ihrer Eltern. Letztere, welche glaubten, daß das Kind schliefe, überließen sich dem Ausbruche ihrer ehelichen Zärtlichkeit mit einer Unvorsichtigkeit, daß das Kind aufmerksam darauf wurde. Ohne bestimmt zu wissen, was geschahe, fühlte es einen geheimen Reiz, der es nöthigte, mit der Hand dahin zu greifen. Der Reiz vermehrte sich, jemehr es denselben zu stillen suchte, und es fand endlich Mittel, ihn auf eine Weise zu stillen, wodurch es zu einer unglücklichen Selbstschwächerin ward.

Ein fünfjähriger Knabe von fürstlichem Stande wälzte sich des Morgens, da er nicht mehr schlafen konnte, im weichen und warmen [94] Federbette. Auf einmal empfand er Reiz und – es war um seine Unschuld geschehen!

Ein junges Mädchen stand an einer Tischecke und strickte. Die Ecke berührte, so oft es sich bewegte, einen reizbaren Theil seines Körpers, und die dadurch verursachte Empfindung, die es zu verstärken suchte, stürzte die Unglückliche in Verderben.

Ein anderes junges Mädchen hatte, ohne zu wissen warum, die Gewohnheit angenommen, nicht auf der Mitte des Stuhls, sondern jedesmal auf der äussersten Ecke desselben zu sitzen. Auch dies gereichte ihr zum Verderben.

Von Einem Knaben weiß ich, daß er bloß durch den Reiz einer Unreinigkeit, die sich ihm, weil man ihn niemals baden ließ, unter der Vorhaut angehäuft hatte, und welcher in ein beschwerliches Jucken ausartete, zu der Bekanntschaft mit diesem schrecklichen Laster gerieth.

Eben da ich dieses schreibe, erhalte ich folgenden Brief, der eine neue Veranlassung zu diesem Laster bekannt macht, und deswegen hier abgedruckt zu werden verdient. Hier ist er:

„Erlauben Sie, – Mann! Ihnen mit ein Paar Worten etwas mitzutheilen, wozu der heilige Endzweck, dem unter der Jugend leider! [95] einreißenden Laster der Selbstschwächung zu steuern, mich auffordert. – Ein Knabe ward meiner Aufsicht anvertraut; ein Kind vom besten Naturel. Bald mußte ich auf die Spur kommen, daß er der schändlichen Selbstbefleckung ergeben war. Nun konnte ich mirs entziefern, warum er am Leibe so schwach und am Geiste mehrentheils bloßer Gedankenschlummer war. Er gestand, wie folget: Es hätten ihm seine Eltern unverwehrt gelassen, einen kleinen Hund, der ihm sehr lieb gewesen wäre, des Nachts mit in sein Bett zu nehmen. Dieses auf solche Weise neben ihm schlafende Thier hätte die Gewohnheit, die den meisten eigen ist, gehabt, den Körper eines neben ihm liegenden Menschen zu belecken. Das Thier habe einst sogar des Knaben Schaamtheile beleckt, und das habe ihm einen Kitzel verursacht. Die Empfindung davon habe ihm so wohlgefallen, daß er sie zu verstärken gesucht habe, und so wäre er in dies Laster verfallen. – Diese mir merkwürdig scheinende traurige Aussage lege ich Ihnen hiemit vor, weil Dieselben im Stande sind, einen gemeinnützigen Gebrauch davon zu machen, um ähnlichen schandbaren Fällen und bejammernswerthem Elende vorzubeugen.“

[96] Diese Beispiele mögen hinreichend seyn, um auf so viel andere ähnliche Veranlassungen aufmerksam zu machen.
Campe.




Hier käme es denn nun hauptsächlich, um sich bei der Erziehung darnach zu richten, auf die Untersuchung der Umstände an, die es veranlassen, daß Kinder ohne eigentliche Verführung in dies Laster verfallen. Sie alle bestimmen zu können ist einem einzigen Erzieher nicht möglich, und bleibt überall schwer, wenn jede Zufälligkeit, die dabei statt findet, besonders nahmhaft gemacht werden soll. Erfahrungen werden hierüber nur wenig und langsam gemacht werden. Die wenigsten Kinder, die nicht verführt sind, wissen es selbst, wie sie dazu gekommen sind, und dies ist, dünkt mich, ein wahrscheinlicher Beweis, daß der Anfang zu diesem Laster sich bis in die ersten Jahre der Kindheit verliert, und daß die Veranlassungen dazu die kleinsten Zufälligkeiten sind. Wenn aber von Mehreren Erfahrungen sorgfältig gesammelt und mitgetheilt werden, so werden auch mehrere veranlassende Umstände nahmhaft gemacht werden können. Mir [97] sind nur vier Fälle bekannt, wo unverführte Kinder sich der Umstände bewust waren, die sie auf dieses Laster leiteten. Die drei ersten, hier folgenden, sind mir mitgetheilt und das letzte habe ich selbst erlebt.

Ein schon ziemlich erwachsener Knabe, E. der der Selbstschändung seit einer Zeit von vier Monaten so rasend ergeben war, daß er sich die Epilepsie dadurch zugezogen hatte, gestand dem Arzte, daß er dazu durch einen Hund veranlaßet wäre, den er alle Abend mit sich ins Bett zu nehmen und unter der Decke schlafen zu laßen pflegte. Der Hund hätte ihn an den reizbarsten Theilen seines Körpers, während daß er geschlafen hätte, geleckt, und er wäre durch eine wollüstige Empfindung aufgeweckt worden. Er hätte dieses nachher auch wachend wiederholt gelitten, und sey endlich darauf gefallen, sich an allen Orten und zu allen Zeiten diesen Reiz selbst zu verschaffen.

Ein Mann F. der im 28ten Jahr an der Schwindsucht starb und der sich sogar auf seinem Krankenbette schwächte, bekannte, daß er als 14jähriger Jüngling zuerst wollüstige Gefühle bei sich erregt habe; und zwar auf die Art. Er hätte die Gewohnheit gehabt, beim Lesen oder [98] Schreiben in der Schule die linke Hand in den Beinkleidern zu halten, und dadurch wäre er auf diesen Abweg gerathen. Er hätte sich Anfangs auch nur in der Schule unter diesen Umständen geschwächt, aber nachher, da er sich eines bösen Fußes wegen verschiedene Tage im Bette aufhalten müssen, auch hier die That oft wiederholt. Er hätte sich auch, nachdem er die Schädlichkeit dieses Lasters erfahren hätte, den Tag über deßen enthalten und sich zerstreuen können, aber im Bette könne er sich nicht zwingen.

Ein Knabe, der als ein erwachsener Mann es selbst erzählt hat, hatte die Gewohnheit in seinen Freistunden sich mit einem Spiel zu beschäftigen, das ihn in der Folge auf die Selbstschwächung leitete. Er kletterte auf einen Baum, und rutschte an einem Strick, welches zu einem gewißen Gebrauch an einem Ast befestigt war, wieder herab. Die Beinkleider zerrieben sich nach und nach, und bei der gewöhnlichen Sorglosigkeit, die Knaben in solchen Dingen zeigen, war es möglich, daß ihn der Strick einige Mal unmittelbar berührte. Eine ungewohnte Empfindung bemächtigte sich seiner, und es war geschehn.

[99] Ein Mädchen G. wurde mit der Selbstschändung bekannt, weil es sich angewöhnt hatte, ihr Nähzeug an das Knie zu befestigen, und dabei, um die Arbeit dem Gesichte näher zu bringen, die Schenkel über einander zu schlagen. Sie reizte sich in dieser Stellung durch mehr oder minder heftige Bewegungen, nachdem sie es nöthig fand, sich vor andern zu verbergen, wobei sie indessen immer fort nähte, bis sie nachher, bei dem vermehrten Trieb dazu, manche andre Befriedigungsarten erfand, die ich nicht anführen mag, weil es diese ekle Materie ohne Nutzen verlängert und überdies nicht zu den veranlaßenden Umständen gehört.

Man kann nun freilich solche einzelne Veranlaßungen nicht gleich universalisiren. Viele können an die nemliche Stellung sich gewöhnt haben, ohne dadurch Selbstschänder geworden zu seyn; indessen ist hier ein Fall, wo es gar nicht schaden kann, wenn man es thut. Die sehr nahe Möglichkeit, daß unter gleichen Umständen auch ein gleicher Erfolg statt finden könne, ist doch immer bei einer so wichtigen Sache etwas, das beherzigt zu werden verdient.

Aus diesen wenigen Beispielen erhellet doch so viel, daß es nur weniger Berührungen bedarf, [100] um einen gewissen Trieb rege zu machen, besonders, wenn der Mensch dabei in einer Art von Ruhe und Stille sich befindet. Es läßt sich auch begreifen, daß unter solchen Umständen bei der ohnehin großen Empfindlichkeit der Zeugungstheile kleine zufällige Reizungen fühlbarer seyn müßen, als wenn Geist und Körper von mehreren Seiten her verschiedene Eindrücke bekommen.

Es läßt sich denn auch begreifen, daß unter solchen Umständen die Einbildungskraft, die nur in der Stille würksam ist, gerade durch jene zufällige Reizungen die Richtung bekommt, von der alle folgenden Schritte zur wirklichen Befriedigung abhangen. Nächstdem läßt es sich auch begreifen, daß jede Lage oder Stellung, durch die die Geschlechtsglieder zu sehr gedrückt und eingeschlossen werden, außer der Reizung, die durch den Druck, als eine starke Berührung entsteht, auch in so ferne Reizungen verursache, als sie die Wärme in diesen Theilen vermehrt, wodurch sich nach ausgemachten Erfahrungen die Zeugungssäfte verdicken und sonach von innen noch ein besonderer Reiz hinzukommt. Aus diesem allen, dünkt mich, ergiebt sich so viel, als nöthig ist, unser Verhalten zu bestimmen, selbst [101] bei der Unzulänglichkeit unserer Erfahrungen in Hinsicht aller veranlaßenden speziellen Umstände. Wir können also nach der höchsten Wahrscheinlichkeit folgendes als allgemein festsetzen:

1. Daß überhaupt Einsamkeit und insbesondere müßige Einsamkeit, wo Geist und Körper keine angelegentliche Arbeit haben, der Jugend in oftbenannter Hinsicht gefährlich sey.

Eines Theils, weil jede zufällige Berührung der Geschlechtstheile bei dem Mangel anderer stärkerer Eindrücke sehr empfindbar ist; andern Theils, weil die Einbildungskraft hier vorzüglich würksam ist.

Hieher gehört das Liegen im Bette, ohne zu schlafen, es sey nun des Abends vor dem Einschlafen, oder des Morgens nach dem Aufwachen. Man hat von jeher wenig Rücksicht hierauf genommen und oft gar geglaubt, Kinder wären nirgends so gut verwahrt, als im Bette. A. B. E. und F. trieben die Selbstschändung vorzüglich im Bette.

Hieher gehört das Stundenlange Sitzen in der Schule bei langweiligen Büchern oder beim schwerfälligen ermüdenden Unterricht, wobei Geist und Körper träge und müßig sind. Auch hier [102] ist man wenig aufmerksam gewesen. Die Arbeit ist in den meisten Schulen nicht so, daß die Jugend dabei Unterhaltung genug findet. Während daß der Lehrer mit einem sich beschäftigt, sind die andern müßig.

In vielen Schulen ist noch der Gebrauch des Nachsitzens. Eine Strafe, worin die verfallen, die mit ihren Lektionen in der Schulzeit nicht fertig geworden sind. Hier sitzt der Knabe einsam, ohne Beschäftigung, sich selbst überlassen. Es muß ein außerordentliches Glück seyn, wenn er kein Selbstschänder wird.

Hieher gehören alle Gesellschaften, wo Kinder keine Unterhaltung haben können, und wo sie wider ihren Willen und wider ihre Neigung seyn müssen.

Hieher gehört besonders bei Mädchen alles lange Sitzen bei einförmigen und den Körper nicht anstrengenden Handarbeiten. Ja es gehört hieher sogar diejenige Gelegenheit, die Erwachsene zu ihrer größten Erbauung nutzen, die aber für Kinder wenig unterhaltendes haben kann, so bald sie nicht eigentlich für sie eingerichtet ist. Ich würde indeß dieses nicht einmal anführen, wenn ich nur irgends vermuthen könnte, man mögte es mir so nehmen, [103] als wenn ich der öffentlichen Gottesverehrung abgeneigt wäre, und wenn ich nicht zwei Beispiele hätte, daß gerade diese Gelegenheit der feierlichsten Andacht für Kinder eine Gelegenheit geworden wäre, gegen Gott, ihre Nebenmenschen, und sich selbst die abscheulichste Sünde zu begehen. Ich will niemand auf meine Seite reißen. Ich bitte nur zu untersuchen, ob diese Gelegenheit nicht mit unter obige gemachte Bemerkungen über Unthätigkeit und Einsamkeit gezogen werden müße? Ob ein Kind nicht einsam ist in jeder Gesellschaft, wo für ihn keine Theilnehmung statt findet und wo es Langeweile hat? Ob Kinder bis vierzehn, funfzehn Jahr wenigstens wol Unterhaltung genug in unsern öffentlichen gottesdienstlichen Versammlungen finden können? Ob Predigt, Singen und andere Dinge wol ihrer Fähigkeit angemessen sind? Ob sie nicht, wenn auch etwas vorkömmt, das sie intereßiert, doch die längste Zeit über Langeweile haben müßen? Ob sie bei dieser Langeweile nicht in eben der Gefahr sind, wie bei einem jeden andern müßigen Zustande?

Das Mädchen G. trieb die Selbstschwächung, wie ich aus ihrem eigenen Geständniß habe, selten, wenn sie nicht mit der Nähnadel beschäftigt, [104] oder in der Kirche war, oder einer Predigt im Hause, die vorgelesen wurde, zuhörte. Sie konnte das Laster so unbemerkt üben, daß in der zahlreichsten Gesellschaft selten jemand etwas gewahr werden konnte. Hier war nun freilich nicht die Langeweile in der Kirche, oder beim Nähen, oder Vorlesen die erste veranlaßende Ursache, aber doch eine Gelegenheit zur öfteren Wiederholung der That.

Ein junger Mensch H. der mein akademischer Freund war und in den Jahren seines Studentenlebens noch mit Versuchungen zur Selbstschändung zu kämpfen hatte, versicherte mich, daß er in den ersten Jahren diese Sünde nirgends, als in der Kirche, wohin er mit seinen Eltern alle Sonntage durchaus gehen mußte, getrieben hätte. Er hätte auch da das Laster angefangen, weil er sich nicht erinnerte, es sonst wo anders geübt zu haben, ob er sich gleich auf das erste Mal nicht besinnen könnte. Das weitere aus der Geschichte dieses Menschen folgt unten. *)

2. Können wir umgekehrt als allgemein festsetzen, daß jede Berührung der Geschlechtstheile [105] der Jugend als Veranlaßung zur Selbstschwächung gefährlich werden könne, sobald die vorher genannten Umstände dabei zutreffen. Dem aufmerksamen Erzieher ist es genug, dies zu wißen, wenn er auch gleich nicht alle möglichen Berührungsarten kennt. Durch Aufmerksamkeit und einiges Nachdenken lernt er immer mehrere Fälle kennen.

Hieher gehört ganz vorzüglich die Gewohnheit der Knaben, die Hand in den Beinkleidern zu halten. Viele thun das, wenn sie sitzen, oder stehen und dabei in einsamer Gedankenlosigkeit sich befinden. Viele thun es auch selbst beim Spazierengehen, ohne dabei vorerst noch was anders zur Absicht zu haben, als die Hand irgendwo zu laßen und sich eine Art von Attitüde zu geben. Befinden sie sich aber nun gerade an der Seite unmittheilsamer Eltern und Lehrer, oder in Gesellschaften, woraus sie sich wegwünschen, kurz haben sie Langeweile: so müßen sie natürlich auf eine kleine zufällige Berührung der Geschlechtstheile aufmerksam werden. Und ist hier nur erst ein Reiz entstanden, wie solte denn nicht alles übrige leicht erfolgen können? Ich belege dies mit dem Beispiele F.

[106] Hieher gehört ebenfalls die Gewohnheit, eine oder beide Hände beim Sitzen zwischen die Lenden einzuklemmen. Viele Knaben thun dies, wenn sie beim ermüdenden Buche sitzen und sehnsuchtsvoll auf die Stunde ihrer Erlösung warten.

Hieher gehört bei Mädchen besonders das Ueberschlagen der Schenkel beim Sitzen. Eine Lage, die allein hinreichend ist, die Selbstschwächung unmerklich zu treiben.

Hieher gehört ferner alles Reiben an scharfen Ecken und Spitzen; das Reiten auf Stecken, das für Mädchen, die es oft den Knaben zu Gefallen mitmachen, ganz besonders gefährlich ist, weil sie doch selten das Interesse der Knaben dabei finden, auch eine unmittelbare Berührung der Geschlechtstheile so leicht möglich ist. *) Knaben kann es auch leicht gefährlich werden, [107] wenn es zu oft wiederholt wird und mehr aus Gewohnheit, als Trieb, sich zu beschäftigen geschieht. Es ist allemal besser, daß man hier zu ängstlich, als zu gleichgültig ist.

[108] Auch gehört hieher das Herabrutschen an dünnen Bäumen, Seilen oder Gelendern. Anfangs ist wol nichts nachtheiliges davon zu befürchten; aber der Knabe raffinirt. Er sucht seinem Zeitvertreib immer neues Interesse zu geben, und wird immer auf mehrere dabei vorkommende Dinge aufmerksam. Noch einmal: man kann nicht zu vorsichtig seyn.

Ferner gehören hieher die Berührungen, die zuweilen unter zweien oder mehreren Kindern vorfallen, wenn sie sich selbst überlaßen sind und sonst keinen Zeitvertreib haben. Sie haben dann oft eine besondere Neugierde, etwas zu sehen und zu befühlen, wozu sie sonst keine Gelegenheit haben. Wenn sie z. B. auf einer Stube allein sind, oder mit einander nach dem heimlichen Gemach gehen, oder in einem Bette zusammenschlafen. [109] Sie pflegen dann oft allen Zwang abzulegen und sehr vertraut zu thun. Solche Berührungen von fremden Gegenständen, deren es unzählige und oft ganz sonderbare geben kann, wie das Exempel E. beweißt, sind dann natürlich sehr reizend und gefährlich, besonders wenn Zeit und Umstände darnach sind, die daher entstandene ungewohnte Empfindung eine Zeitlang zu nähren.

3. Können wir als allgemein festsetzen, daß alles, was dazu beiträgt, die Wärme in den Zeugungsgliedern zu vermehren, auch dazu beitrage, ihre Reizbarkeit zu vermehren. Der Grund davon ist vorher angegeben. Bei vermehrter Reizbarkeit der Zeugungstheile ist der Schritt zur Selbstschwächung, als der einzige mögliche, durch den sich die Jugend befriedigen kann, sehr nahe, besonders, wenn wiederum eine von den vorhergenannten Umständen hinzukommt.

Hieher gehört das Liegen in warmen Federbetten unter dicken warmen Decken; das Tragen zu warmer Beinkleider, besonders, wenn sie eng sind und die Wärme noch mehr zusammendrängen; auch die Gewohnheit, die in vielen Schulen herrscht, sich dicht an den Ofen [110] zu hängen, oder Kohlen auf dem Heerd zusammen zu scharren und sich mit ausgespreiteten Beinen davor hinzustellen. Es ist mir von glaubwürdigen Leuten erzählt, daß Knaben des Winters in der Schule dies als ein Mittel gebraucht hätten, sich Erectionen zu verschaffen, und es auch andern angepriesen hätten, als ein Mittel, wodurch die wollüstige Empfindung nachher bei der That selbst verstärkt würde.

Hieher gehört endlich überhaupt alles lange Sitzen, wodurch sich immer die Wärme in den Zeugungstheilen anhäuft.

Das dritte, wovon ich durch Erfahrungen überzeugt bin, ist:

Die Jugend wird sehr oft durch absichtliche Verführung anderer zum Laster der Selbstschwächung verleitet.

Damit ist nun nicht gesagt, daß die böse That, zu welcher der Verführer verleitet, von ihm selbst immer als bös erkannt wird; noch weniger, daß er sie andere in der Absicht lehrt, um etwas Böses zu lehren. Dieser letzte Fall kann wol kaum gedacht werden. Aber daß Knaben und Jünglinge, die wol wißen, daß sie ein schändliches Laster verüben, doch andere dazu verleiten, und daß sie dabei mancherlei eigennützige [111] Absichten haben können, das ist durch manche Erfahrung bestätigt.

Der gewöhnlichste Fall bleibt indeßen doch derjenige, wo der Verführer seine unglückliche Lage selbst nicht kennt, sondern sich in dem Besitz eines schrecklichen Kunstgriffs froh und glücklich fühlt.

„Besonders giebt es unter der kleineren Jugend Verführer aus Dummheit und gutem Herzen, die in der Meinung, nichts Böses zu thun, sondern ihren Gespielen eine Freude zu machen, entdecken, was sie mißen. „Du, ich weiß was“, das ist die Losung von der gewöhnlich sich das Gespräch anfängt; oder „Du, sieh einmal her“, ist, indem sie sich selbst entblößen, der erste Schritt zur Verführung. Wir führen dieses an, damit man auf solche Unreden gleich aufmerksam werden möge.“

Wer je Knaben beobachtet hat, der weiß, wie wenige Zeit bei ihnen dazu gehört, von der ersten Verlegenheit im Anfange der Bekanntschaft mit andern ihres Alters bis zur größten Vertraulichkeit zu kommen. In einer Viertelstunde kennen sie sich so, daß sie einander alle ihre Besonderheiten gegenseitig mitgetheilt oder abgenommen haben. Offene Ohren und offene Herzen [112] bringen sie mit. Man glaube daher nicht, daß es eben eines langen Umganges bedürfe, ehe sie einander jenes Geheimnis entdecken. Man glaube nicht, daß Verführungen dieser Art so selten sind.

Der Edelknabe D. verführte zwei andere Kinder. Er spielte mit ihnen auf einer Wiese, wo Heu gemacht war, entfernte sich aber bald von ihnen und legte sich in einen Heuschober. Die Knaben suchten ihn, und fanden ihn eben, wie er in der schändlichen That begriffen war, in der er auch sogleich ihr Lehrmeister ward.

„F*. hatte sich mit L*. erzürnt um eines Mädchen willen, mit dem sie oft zugleich mit andern Pfänder spielten. Sie versöhnten sich und zur Erneuerung ihrer Freundschaft giengen sie auf den **berg bei der Stadt und L* lehrte jenen das Laster, seine Freundschaft besiegelnd. Beide haben es in der Folge unterlaßen, weil sie zu sehr am andern Geschlecht hiengen.“

In K** ward durch ein einziges Mädchen eine ganze Nähschule angesteckt, worunter Mädchen von 5 bis 6 Jahren sich befanden. Die meisten unter ihnen übten die That sitzend in der Abwesenheit der Nähfrau, oder wenn sie so saßen, daß sie von ihr nicht bemerkt werden konnten. [113] Eine unter ihnen beklagte sich gegen ihre Mutter von freien Stücken, daß sie das Wackeln in der Schule nicht vertragen könnte, sondern immer Kopfschmerzen darnach bekäme. Sie könne es aber doch nicht lassen. Dies war den Eltern ganz etwas fremdes. Wie sie aber bei zunehmender Kränklichkeit des Kindes einen Arzt um Rath fragen mußten, und das Kind seine Aussage wiederholte, wurde alles entdeckt und die erste Verführerin angegeben. Welch eine traurige Erfahrung für so viele Eltern!

In einer lateinischen Schule wurden durch einen Kostgänger des Schullehrers in einer Zeit von drei Wochen fünf Knaben angesteckt.

Der Sohn eines reichen Kaufmanns in K** wurde durch einen Bedienten verführt, der ihn an und auskleidete. Er pflegte bei diesem Geschäft ihn unter allerlei schmutzigen Ausdrücken zu necken, und wiederholte dies so lange, bis er ihn endlich mit einer Empfindung bekannt gemacht hatte, die nachher zur unbändigsten Leidenschaft ward und ihn, wie er funfzehn Jahr alt war, ins Grab legte.

Ein anderer Knabe, der zu seiner Aufwartung beim An- und Auskleiden ein Mädchen gebrauchte, das überdem noch so lange bei ihm sitzen [114] mußte, bis er eingeschlafen war, ließ sich durch dieses Mädchen alle Abend im Bette reizen, wofür sie sein Taschengeld und andere kleine Belohnungen erhielt. *

Das vierte, wovon ich aus höchstwahrscheinlichen Gründen mich überzeugt halte, ist:

Kinder können durch mancherlei unbeabsichtigte Verführungen auf die Selbstschwächung geleitet werden. Damit wird gesagt: In dem Benehmen Anderer kann etwas seyn, das ohne ihr Wollen der Jugend eine Veranlassung zu der genannten Sünde wird.

Gesetzt nun, dies Benehmen leitete nicht immer geradezu auf Selbstschwächung; gesetzt, es veranlaßte nur zuerst wollüstige Vorstellungen und Bilder, oder einen Reiz in den Zeugungstheilen: so folgen doch die weiteren Schritte zum Laster, wie wir wißen, so leicht hintennach, weil [115] die Jugend zu diesen Befriedigungswegen den nächsten Zugang hat.

Ich stelle hier den schändlichen Misbrauch oben an, den so manche Kinderwärterinnen sich bei ganz kleinen Knaben erlauben, wenn sie sie nöthigen wollen, ihr Waßer abzuschlagen, ehe sie ins Bett gelegt werden. Sie pflegen dann oft an den Zeugungstheilen zu spielen und sie zu reizen. Gewöhnlich erfolgt denn auch das, was sie haben wollen. Es ist aber augenscheinlich, daß dieses, es geschehe auch so frühe, als es wolle, eine Empfindlichkeit in den Zeugungsgliedern zurückläßt, die bei einem jeden Naturbedürfnis nachher leicht auf Selbstschwächung leiten kann. Der Fall mit den beiden Kindern A. A. bei denen auf eine so seltsame Art zwei verschiedene Triebe auf ein mal würkten, scheint mir vielen Grund zur Vermuthung eines solchen vorhergegangenen Manoeuvres darzubieten.

Wärterinnen pflegen auch schreiende Kinder, wenn sie noch auf dem Arm getragen werden, dadurch zu besänftigen, daß sie mit den Zeugungsgliedern spielen. Daß die Kinder darüber ihren Schmerz vergessen können, ist ein Beweis, daß das Gefühl nur allzustark ist, was man dadurch [116] in ihnen erregt. Manche andere haben sich aus keiner Absicht und ganz zufällig an einen solchen Handgrif gewöhnt, wenn sie Knaben tragen, oder auf dem Schooß haben. Alles dies kann keine gute Folgen nach sich ziehen.

Nächstdem verdient das unvorsichtige Strafen mit der Ruthe bei etwas erwachsenen Kindern gerügt zu werden. Hätte man auch nicht die Erfahrung, daß Streiche von der Art, wie sie gewöhnlich den Kindern gegeben werden, einen Reiz in den Zeugungstheilen veranlaßen (und dies ist ja aus der Wirkung, die sie auf entnervte Wollüstlinge haben, bekannt genug); so müßte man doch schon darum diese Strafen nicht dulden, weil solche oftmalige gewaltsame Entblößungen würklich das Gefühl der Schamhaftigkeit schwächen. Kinder sollen ja zur Schamhaftigkeit angehalten werden, und doch giebt man ihnen einen Beweis, daß man selbst so unschamhaft ist, das aufzudecken, was der Wohlstand dem Auge zu verbergen heißt. Das Herunterlaßen der Beinkleider, das Aufheben der Röcke und die ganze Zubereitung zu diesem ekelhaften Schauspiel, muß für gewiße Gemüther sehr verführerisch seyn, sie mögen nun die Strafe selbst leiden, oder an anderen vollziehen sehen, wie [117] dies ja oft in einigen Häusern und Schulen der Fall ist. Ein Knabe muß ja oft den andern, ein Mädchen das andre, während der Strafe halten. Ist dies nicht im höchsten Grade unvorsichtig? Es ist schändlich zu sagen, aber es ist wahr, daß oft unzüchtige Lehrer bei diesen Züchtigungen mit der Ruthe den höchsten Grad der Unbescheidenheit bewiesen und nur zu deutlich gezeigt haben, daß sie bei der Strafe mehr einen wollüstigen Anblick, als Besserung des Kindes suchten. Was mag wol eine solche Behandlung für einen Eindruck auf das Kind machen? Was mögen wol die entfernteren Folgen davon seyn? Man müßte nichts sehen wollen, wenn man dies nicht selbst sehen könnte.

Eben so gefährlich sind in dieser Hinsicht auch alle scherzhafte Liebkosungen. Das Küßen auf die Brust oder andere nackte Theile; das sanfte Klopfen auf den Hintern. Sie verursachen eine ungewohnte Empfindung, vermehren die sinnliche Behaglichkeit, und ein Reiz weckt den andern. Die Einbildungskraft ruft in einsamen Stunden die Scene zurück, und nun wird alles weiter ausgesponnen.

„Eine Erfahrung ist zu folgenreich für den nachdenkenden Leser, um sie ihm vorzuenthalten. [118] S** war in dem Hause eines Hauptmanns wohlgelitten und stand als Knabe von 12 bis 14 Jahren bei den Töchtern des Hauptmannes in Gunst. Vor der Zeit hatten ihn diese oft im Scherz auf den Schooß gelegt und ihm mit der flachen Hand Schläge auf den Hintern gegeben. Völlig, wie Roußeau, hatte er sich diese scherzhafte Strafe oft gewünscht, und daher war folgendes, wenn er im Bette war, das Spiel seiner Einbildungskraft und Hände. Er hatte sich nemlich oft mit Strumpfbändern im Bette gebunden, sich als einen Gefangenen gedacht, und dann die Strafe sich imaginirt, daß die jüngste von den Töchtern des Hauptmannes an ihm das verrichtete, was er so gern duldete und im Bette an sich vollzog. So gebunden, krumm, das Hemd ausgezogen, hat er oft, da man ihn früh in der Kinderstube liegen laßen, zu halben Stunden gelegen.“

„Man denke sich nun den Zusammenhang der dunklen Ideen und thierischen Empfindungen, welche diesen S** zu diesen anscheinend sonderbaren Handlungen verleiteten, und durch die er bei dem erfolgten Reiz in den Zeugungstheilen so weit war gebracht worden, daß er [119] für einige Groschen von einem Paar Mitschüler jene höllischen Künste in einem Keller erlernt hatte.“

„Wie unvorsichtig aber mit Kindern, besonders von geilem Gesinde gescherzt werde, weiß derjenige, der unter manchen Menschen hat leben und manches sehen müßen. Nie hat man nöthiger, mit Luthern zu beten: Fromm Gesinde, als in dem Punkt der Kinderzucht.“

Ferner kann man auch zu den unbeabsichtigten Verführungen jedes unschamhafte Wort, jeden freien Scherz, jedes unsittsame Betragen rechnen, wodurch Erwachsene in die zunderartigen Herzen der Jugend den ersten Funken werfen, aus dem nachher ein Leib und Seele verzehrendes Feuer wird. Es ist aber bei den Veranlaßungen zur Unkeuschheit überhaupt davon etwas gesagt worden, daß wir hier nicht wiederholen wollen.

Auch sogar der erlaubte vertraulichere Umgang im Ehestande vor den Augen der Jugend kann ihr gefährlich werden. Man weiß, wie stark bei Kindern der Nachahmungstrieb ist: und wie viele Jugendbeobachter werden bemerkt haben, wie sie so gern unter sich Mann und Frau spielen. Es ist wol nicht zu zweifeln, daß [120] sie dem Spiel so viel Wahrheit geben werden, als sie nur können und sicher werden sie alles, was sie an ihren Eltern gesehen haben und was nur irgends ausführbar ist, mit einmischen. Haben diese nun nicht immer die größte Vorsicht beobachtet, so werden ihre Kinder durch ein anfangs ganz unschuldiges Spiel nach und nach auf Abwege gebracht. Ich habe es selbst gesehen, daß Kinder sich bei diesem Spiel mit einer Innigkeit umschlangen und herzten, die mich in Erstaunen setzte.

Und was soll man vollends von dem Genuß der geheimsten ehelichen Freuden sagen, wenn, wie oft geschehen ist, das Kind der lauschende Zeuge davon gewesen ist? In kleinen Häusern, wo Eltern ihre Kinder oft in derselben Kammer, worin sie sich befinden, ja oft in demselben Bette schlafen lassen, ist es nicht zu erwarten, daß dem Auge und Ohr des Kindes nicht manches bemerkbar seyn solte. Muß dies nicht zu höchstgefährlichen Spielen Anlaß geben?

„Ueber Unvorsichtigkeiten dieser Art sehe man Salzmanns Schrift. Eine eigene Erfahrung füge ich indessen hinzu: R** hatte das Unglück gehabt, etwas nur zu entdecken, und so geschieht es, daß er aus bloßem Nachahmungstriebe [121] auf dem Oberboden glatte Stangen anlegt, und auf denselben mit eröfneten Beinkleidern so lange auf und abrutscht, bis er einen Reiz zuwege gebracht hatte, der ihn dann sein Spiel nicht weiter fortsetzen ließ. Nach der Zeit (denn von ihm selbst habe ich den Vorfall) lernte er, was er thue, und wie ganz anders das Benehmen seines Vaters gewesen sey. Dieser Mensch ward in der Folge kein Selbstbeflecker. Er hielt selbst das Laster für thöricht und schädlich; aber – leider war er von dem Laster der Hurerei nicht zu retten!“

„Endlich kann auch der Schade, der durch unvorsichtige Auswahl der Bücher entsteht, die man der Jugend in die Hände giebt, hieher gezogen werden. Ist diese nicht gut vorbereitet, so kann manches sonst gute Buch ihr nachtheilig werden. Verzeihet mir, Schulmänner, daß ich in die Hörsäle mich wage, und stellenweise die Alten selbst anklage, daß auch sie Jünglinge auf die Bahn des Lasters führen. Ovid, Horaz, Virgil, (z. B. die zweite Ekloge) Platos Symposion, Sveton und mehrere Alte liefern Stellen, welche wahre Obscönitäten enthalten und durch den Schmuck der Rede doppelt gefährlich werden. So wenig [122] R** in L** vom Latein begreifen konnte, so las er dennoch auf eines andern Empfehlung das schändliche Stück des Ovid: Aestus erat etc. Man entschuldigte sich nicht und sage: „wir lassen das weg.“ Desto begieriger wird der Jüngling, besonders, wenn hinzugesetzt wird, darum laße man es weg, weil es Obscönitäten enthalte. Eben das heißt den Jüngling reizen, daß er es für sich lese, und dann ohne gehörige Interpretation, mehr darin zu finden glaubt, als die Stelle enthält.“

„Ich weiß einen Mann, dessen Schüler sich auf die Lesung des Horaz freuten, weil gemeiniglich alsdann etwas zu lernen war, wenn er so anhub: „Na, es ist wieder eine Ode an sein Mädchen.““

„Ja sogar diejenigen Bücher, welche das Laster bestreiten, können für gewiße Gemüther schädlich werden. Die Erfahrung des Mannes, welcher an Salzmann über sein Vorhaben schrieb, beweisen das. Auch weiß ich, daß Sch** in *l* nach Lesung des Tissot, die Handlung vollbracht hat. *)“

[123] „Auch physiologische Beschreibungen und Abbildungen sind (versteht sich mit Einschränkung und unter gewißen Umständen) der Jugend gefährlich. Manche Kupfer in Basedows Elementarwerk habe ich Knaben mit Wollust im Blick betrachten sehen. Auch ist es mir geschehen, daß ein Knabe, der die Kupfer zu Heckers Physiologie durchsahe, den Gehörnerven für ein männliches Geschlechtsglied hielt und seine Mitschüler darauf aufmerksam machte.“

Es braucht hier nicht erst weitläufig gezeigt zu werden, durch welche Verbindung unter den Vorstellungen und durch welchen Gang der Empfindungen Kinder von so kleinscheinenden Anfängen bis zur Vollziehung des schrecklichsten Lasters fortrücken. Alles läßt sich aus der Neuheit der Sache, die der Wißbegierde schmeichelt; aus dem natürlichem Reiz, der im Körper liegt; aus dem Spiel der Einbildungskraft, das diesen Reiz immer mehr weckt und aus der leichten Befriedigungsart erklären. Dabei würken denn allerlei Umstände mit oder entgegen, woher es denn kömmt, daß manchmal der unglückliche Schritt beschleunigt, manchmal verzögert und zuweilen verhindert wird. Es kömmt bei dem allen sehr viel auf die ganze übrige Erziehung an.

[124] Fügen wir zu diesem dasjenige, was vorher über weichliche Erziehung und über die Veranlassungen zu unkeuschen Leidenschaften überhaupt gesagt worden ist: so glaube ich, sind wir mit den wichtigsten Ursachen der Selbstschwächung so bekannt, daß wir bei der nöthigen Aufmerksamkeit im Stande seyn können, jedem andern einzelnen, hier nicht bemerkten Fall, darnach zu beurtheilen.


Zusatz des Herausgebers.

„Indeß verdient eine der gewöhnlichsten und wirksamsten Veranlassungen zu diesem Laster, die besonders bei den verfeinerten Ständen statt findet, hier noch besonders ausgezeichnet zu werden. Das ist die gar zu frühe, sowol gesellschaftliche, als auch litterarische Ausbildung und Verfeinerung der Jugend. Ich brauche hier nur kürzlich zu wiederholen, was ich im fünften Theile der allgemeinen Revision Seite 110. und 130. darüber angemerkt habe.“

„1. Die gar zu frühe gesellschaftliche Verfeinerung, als wodurch die unglücklichen Kinder, denen sie widerfährt, unglaublich früh zu wollüstigen Begierden entzündet, zur Unzucht gereizet [125] werden. Glaube mir, Leser! ich schreibe dies aus vielfältiger und höchsttrauriger Erfahrung. Unter den vielen Kindern reicher und üppiger Eltern, die ich zu beobachten und näher kennen zu lernen Gelegenheit hatte, fand ich nur wenige, welche nicht schon zwischen ihrem sechsten und zwölften Lebensjahre das Laster der Selbstschwächung gekannt und ausgeübt hätten. Wie könnte es auch anders seyn, da alles, was das Kind in feinen und üppigen Gesellschaften sieht, hört und genießt, recht eigentlich darauf abzweckt, seine Nerven reizbar, seine Säfte scharf zu machen, seine Einbildungskraft mit wollüstigen Bildern anzufüllen, und sein Herz mit unzüchtigen Begierden zu entflammen? Ich habe von dieser Pest der Menschheit schon an mehrern Orten geredet.“

„2. Die gar zu frühe litterrarische Verfeinerung. Hier sehe ich vielen meiner Leser die Verwunderung an, mit der sie bei sich denken werden: wie, auch das Lernen unserer Kinder, auch die litterarischen Kenntnisse derselben sollen zur Unzucht führen? Gleichsam, als wenn die Bücher, die wir ihnen in die Hände geben, darauf abzielten, den Fortpflanzungstrieb zu erwecken! Es thut mir leid, diesen guten Leuten [126] etwas sagen zu müssen, was ihre Verwunderung gewiß nicht vermindern wird; dieses nemlich: daß ihr Gleichsam, meiner Ueberzeugung nach, allerdings gegründet ist, und daß ich allerdings behaupten will, daß viel beliebte Kinderbücher, zwar nicht gradezu, aber doch mittelbarer Weise darauf abzielen, den Geschlechtstrieb schon in jungen Kindern anzuregen. Und wie das? Theils durch Verfeinerung und Ueberspannung der Empfindungen, theils durch Erweckung der Phantasie, theils durch Gewöhnung an allerlei süßliche Gefühle, welche über kurz oder lang sich in ganz etwas anders aufzulösen pflegen, als was sie anfänglich zu seyn schienen, theils durch wirkliche Vorspiegelungen verliebter Faseleien, die den meisten Modeschriftstellern ein durchaus unentbehrliches Ingredienz belustigender Unterhaltungsbücher, selbst solcher zu seyn scheinen, die für die Jugend bestimmt sind. Sollen die armen Kinder nun auch vollends schon Latein lernen, und sollen ihnen zu diesem Behufe, nach der bisherigen höchstunvernünftigen Methode, auch die Alten schon erklärt werden: so muß man die meisten dieser Alten entweder gar nicht kennen, oder selbst schon alles sittliche Gefühl verloren haben, um nicht einzugestehn, daß die Lesung [127] derselben, besonders wenn sie nach dem Wunsche unserer Pedanten ohne alle Abkürzung geschehen soll, zu den schändlichsten und verderblichsten Arten der Unzucht führe.“

„Eben dieses gilt auch – ich sage es dreist, weil mein Gewissen mich dazu auffordert – von dem noch leider! überall herrschenden und in der That höchst schädlichen Gebrauche, Kindern die ganze Bibel in die Hände zu geben, um sie dieselbe von einem Ende bis zum andern durchlesen zu lassen. Den Beweis dieser Behauptung wird man mir wol erlassen. Man weiß, aus was für einzelnen Stellen und ganzen Geschichten des alten Testaments ich ihn unumstößlich führen könnte.“

„Aber wenn das alles auch nicht wäre, und man bei der Wahl der Kinderbücher auch die allergrößte Vorsicht brauchte: so würde doch die bloße übereilte Cultur des Kindes durch Schulkenntnisse schon an sich das frühere Erwachen des Geschlechtstriebes zur unausbleiblichen Folge haben. Eine Pflanze, die man unnatürlich treibt, wird in jedem Sinne vor der Zeit reif, um vor der Zeit erschöpft zu werden. So der Mensch, wenn er als Kind schon, dem Geiste nach, getrieben wird. Die dadurch bewirkte frühe Geistesreife [128] verbreitet sich auch über den Körper und über diejenigen Triebe, welche in dem Körper gegründet sind; also auch über den Geschlechtstrieb. Das ist ein unwidersprechlicher Erfahrungssatz. Unsere gelehrten Kinder fühlen in ihrem achten, zehnten, höchstens zwölften Jahre schon Bedürfnisse und Triebe, welche der rohe ununterrichtete Sohn des Landmanns, wenn er nicht einem teuflischen Verführer in die Hände gefallen ist, erst im achtzehnten Jahre ahndet. Das öftere und lange Stillsitzen in eingesperrter Stubenluft und die häufigen unnatürlichen Spannungen der Nerven, denen Kinder beim Lernen unterworfen sind, wirken gleichfalls mit. Jenes verdirbt die Säfte, dieses schwächt die Nerven und macht sie unnatürlich reizbar. Die verdorbenen Säfte thun das nemliche. Kommt nun zu einer solchen körperlichen Verfassung noch eine unzeitig lebhafte Einbildungskraft und eine durch wollustathmende Bilder erregte Phantasie hinzu: so läßt der Erfolg, bei der geringsten nähern Veranlassung, sich errathen.“

„Dies ist ohnstreitig eine der Ursachen, warum unsere Schulen und Universitäten mehr einem [129] Tempel der Minerva, sondern mehr einem Tempel der Cythere, und zwar von der schändlichsten Art, ähnlich sind.“

Campe.


7.
Wie man diese veranlassenden Ursachen aus dem Wege räumen könne.

Die wichtigste Frage, die nun entsteht, ist wol diese:

Wie kann man alle diese veranlassenden Umstände bei der Erziehung aus dem Wege räumen?

Die Beantwortung dieser Frage fließt aus dem Vorhergehenden, und sie würde beinahe überflüßig seyn, wenn man auf alle veranlaßende Umstände nur immer aufmerksam genug wäre. Man würde alsdann leicht Mittel finden, dies und jenes abzuändern, zu verhindern, einzuschränken und die Jugend dagegen zu warnen. Ich will indessen auch hierüber meine Bemerkungen mittheilen.

1. Man wende alle Sorgfalt auf eine gute körperliche Erziehung, besonders auf körperliche Abhärtung der Kinder.

[130] Mögten doch alle Eltern (denn auf sie kommt es doch wirklich dabei an) die Wichtigkeit dieser Regel recht beherzigen! Mögten sie es doch einsehen, daß sie die Grundlage der ganzen künftigen Glückseligkeit ihrer Kinder ist! Mögten sie es doch begreifen, daß aus einem elenden, zerknickten, gelähmten und verzärteltem Kinde kein thätiger, froher und glücklicher Mensch werden kann! Mögten sie guten Willen und Muth genug haben, sich von den vielen Vorurtheilen, die so oft und so laut beklagt worden sind, los zu reißen! Mögten sie Muth genug haben, die übergroße Zärtlichkeit gegen ihre geliebten Kleinen, die im Grunde Schwäche ist, in eine vernünftige Liebe zu verwandeln! O wie manche unvorsichtige Güte, wie manche grausame Wohlthat würden sie ihnen weniger erzeigen! Wie gern würden sie ihnen diese und jene sinnliche Behaglichkeit versagen, die sie zwar jetzt mit dankbarem Lächeln annehmen, aber für die sie in der Folge ihnen unmöglich danken können, wann sie einst unter einer Last von Leiden seufzen, ja, wann sie dem Laster dienen müssen, weil sie zur Tugend keine Kraft hatten. Freilich werden noch manche Kinder den Saamen zur Kränklichkeit, Weichlichkeit und Wollust mit auf die Welt bringen, [131] viele durch Verschulden, wenige ohne Verschulden der Eltern; aber auch dann nimmt eine vernünftige Erziehung einen großen Theil des Schadens weg. Ich kann hier nur allgemein reden. Der Gegenstand ist von so vielen im kleinsten Detail behandelt worden, und die besondern Regeln in diesem Stück sind durch den gesunden Menschenverstand so leicht zu finden, daß ich es für überflüßig halten müste, wenn ich hier weitläuftig wäre.

2. Man bewahre die Jugend vor Einsamkeit und Müßiggang.

Ich nenne einsam und müßig seyn zusammen, weil es bei der Jugend sich oft zusammenfindet. In der Einsamkeit thätig zu seyn, setzt einen geübten Verstand und einen mit Kenntnissen bereicherten Geist voraus. Hat man in sich und seinen Vorstellungen nicht unterhaltende Beschäftigung genug: so muß man nothwendig in der Einsamkeit lange Weile haben. Und dies ist ja wol der Fall bei Kindern. Ihre Einsamkeit wird immer ein müßiger Zustand seyn, und dieser muß durchaus vermieden werden.

Um aber Kinder immer beschäftigt zu erhalten, muß man Geschicklichkeit und Neigung haben, [132] mit ihnen umzugehen. Man muß auf so manchens eigene Vergnügen Verzicht thun. Man muß bedenken, daß man in der Qualität eines Lehrers und Erziehers ganz von diesen kleinen Gegenständen abhange. Man muß also sein Vergnügen und seine vorzügliche Unterhaltung allein in den Dingen suchen, die auf sie Beziehung haben. Kann man sich diese Richtung nicht geben, so ist man zum Erzieher unbrauchbar. Man habe in der Welt welches Amt, welchen Beruf man wolle, so ist es der erste Beruf, wenn man Kinder hat, diese gut zu erziehen. Für diese lebt man zunächst. Sieht man dieses ein, so wird man sich auch um alles das gern bemühen, wodurch man ihnen nützlich und unterhaltend wird. In der Gegenwart aufgeklärter, froher, mittheilender Menschen ist die Jugend vor aller Einsamkeit und allen Gefahren des Müßiggangs gesichert.

Man strebe also, seinen Kindern selbst die beste Gesellschaft zu seyn, und kann man dies nicht, so suche man ihnen solche Personen aus, bei denen sie gern sind und die für sie unterrichtend und unterhaltend sind. Viel wissen ist dazu nicht hinreichend; es kommt darauf an, daß man gerade das weiß, was für die Jugend paßt, [133] und daß man es ihnen auch sagt, wie es für sie paßt. Hierzu muß Gefälligkeit in Mienen, Sitten und Anstande kommen, damit die ganze Person der Jugend auch äußerlich liebenswürdig werde. Beim Unterricht muß alles unverständliche, trockene und schwerfällige wegfallen und bei anstrengenden Kopfarbeiten dahin gesehen werden, daß sie kurz dauern und mit leichteren abwechseln. Freilich lauter bekannte und oft eingeschärfte Regeln; aber die noch lange nicht allgemein befolgt werden, und doch so wichtig sind! Bloß ihrer Wichtigkeit wegen muß ich sie hier wenigstens einmal nennen.

In den Erhohlungsstunden muß die Jugend irgend eine Lieblingssache haben, der sie sich mit einer Art von Leidenschaft überläßt, sonst würde sie doch manchen leeren Augenblick haben. Hierher gehören so viele Beschäftigungen, die Kinder lieben: Graben, Bäume pflanzen, Blumen warten, Mineralien sammeln, Insekten fangen, Pflanzen austrocknen und ordnen, Zeichnen, was ihnen in der Natur merkwürdiges vorkommt; und dies alles unter der Aufsicht einer theilnehmenden Person, wodurch ihr Vergnügen unterhalten und ihre Lust zu Beschäftigungen vermehrt wird. Wann die Natur diese Beschäftigungen [134] nicht erlaubt, so bietet das Haus manche Gelegenheit dar. Kinder sind gern nützlich und dienstfertig, ja sie sind recht stolz darauf, wenn die etwas beschaffen können, das in den Augen der Erwachsenen einen Werth hat. Man verkennt sie nur zu oft. Sie gehen in allen Verrichtungen so gern an die Hand, helfen so gern in Küche, Keller und allenthalben, oft mit sichtbarer Anstrengung ihrer Kräfte. Man irrt sich, wenn man glaubt, daß sie lieber spielen. Sie spielen nur aus Mangel anderer Beschäftigungen, wozu ihnen so selten Gelegenheit gegeben wird. Mädchen, die ans Nichtsthun gewöhnt sind, können noch im 12ten Jahre mit Puppen spielen; aber für ein Mädchen, dem die gute Mutter frühe häusliche Verrichtungen anweiset, wird die Puppe bald ihre Reize verlieren. Nur freilich muß die Arbeit Abwechselung, und der Zweck davon für die Jugend Intereße haben. Dann geben sie das Vergnügen nützlich zu seyn, nicht für das Vergnügen des Spiels.

Auch Spiel ist gut, wenn die dabei eine gesunde Bewegung des Körpers oder eine nützliche Geistesbeschäftigung haben können. Auf nützliche interessante Zwecke müßen sie frühe aufmerksam gemacht werden, denn in der Empfindung davon [135] liegt der Sporn zur Thätigkeit. Bloßes Spiel um zu spielen; Kartenhäuser bauen, um sie einzureißen u. d. gl. befördert Gedankenlosigkeit und Müßiggang. Die Sorge, Kinder zu beschäftigen, kann nie frühe genug ihren Anfang nehmen, denn die nachherige Neigung oder Abneigung der Kinder hängt davon ab. Mögten dies alle Erzieher und Erzieherinnen recht zu Herzen nehmen! Beschäftigung ist das Universalmittel gegen moralische und physische Uebel. Glücklich sind die Kinder, die mit ihren Spielsachen nicht in einen entlegenen Winkel des Hauses verwiesen werden, sondern mitten im Kreise froher Geschäftigkeit und Arbeitsamkeit sich befinden und selbst mit Theil daran nehmen können!

Dies sind nur einige Winke, wie man die Jugend vor Einsamkeit und Langerweile schützen können. Aber selbst bei der umständlichsten Detaillirung alles dessen, was hierher gerechnet werden könnte, würde man Eltern und Erziehern, die ihr Geschäft obenhin treiben, diese Sache nicht wichtig machen. Es bleibt also genug für die, die ihre Bestimmung lieben gelernt haben. Daß es in gewisser Hinsicht Mühe, oder eigentlich nur Aufmerksamkeit erfordert, und daß man dabei gegen manche Vergnügungen in der Welt, [136] die uns zu oft von der Jugend abrufen, gleichgültig seyn müße, ist freilich wahr; aber wo beschafte man denn auch je etwas Gutes, wo man nicht zugegen war und selbst würkte?

3. Man gebe der Jugend nie so viele, auch nie solche Arbeit, daß sie dabei ermüden könne.

Nur der erleichterten Uebersicht wegen stelle ich diese Regel hieher. Sie liegt sonst in der vorhergehenden. Sobald die Jugend über eine Arbeit ermüdet, so ist die Arbeit nicht mehr Beschäftigung, und die Jugend ist alsdann bei der Arbeit einsam und müßig. Um hierin überhaupt sicher zu gehen, suche man die Neigung und Fähigkeit eines jeden Kindes zu kennen, und werfe bei der Erziehung den Leisten weg. Jeder fühlt in sich zu gewißen Beschäftigungen ein eigenes Geschick, und wozu er dies Geschick fühlt, dazu hat er auch Lust. Man bestimme also nie, sondern laße die Neigung und Fähigkeit des Kindes bestimmen, und dann ordne und lenke man, daß alles auf der, von der Natur vorgezeichneten Bahn bleibe. *)

Aber der feurigste Trieb kann und muß ermatten. [137] Daher muß man bei der Jugend immer für Abwechselung sorgen, sonst wird der gute Trieb, gleich einer überspannten Feder, seine Kraft verlieren. Ist dieser geschwächt, so wird der allerniedrigste Trieb der Wollust der herrschende werden.

Beinahe in allen öffentlichen Schulen *) hat die Jugend zu viel Arbeit und zu wenig Beschäftigung. Aber eine ganze Reformation derselben hier zu entwerfen, wäre zu weitläufig. Der Weg dazu ist auch schon längst angegeben in den vielen vortreflichen Erziehungsschriften, die unser Zeitalter aufzuweisen hat. Wie Arbeit für die Jugend eingerichtet seyn müße, ist darin genug gesagt. Man mache es denn auch nur so.

Auf die Beschäftigung der Mädchen nehme man auch ganz eigentlich Rücksicht, daß sie nicht zu lange bei einer einförmigen Arbeit sitzen. Man gönne ihnen auch die Freiheit etwas mehr, als es bisher ein unrechter Begrif von Eingezogenheit erlaubt hat. Junge Mädchen müßen freilich vorzüglich mit weiblichen Arbeiten bekannt gemacht werden; aber es gibt deren auch so mannigfaltige, daß man leicht abwechseln [138] kann. Man lasse sie an jedem auch für sie nützlichen Unterrichte, der den Verstand aufklärt und das Herz bessert, mit Theil nehmen, und Nähen, Spinnen, Stricken, etc. sey ihre Erholungsarbeit. *) Dies ist doch nicht das einzige, was für sie bestimmt ist, oder für das sie bestimmt wären. Man erlaube es ihnen auch, daß sie sich mit der Natur beschäftigen, im Freien arbeiten, Gewächse warten, Federvieh füttern. Das zerstreuet ihren Geist. Die übertriebene Eingezogenheit ist ihnen bei einem leeren Kopf und bei der vorzüglichen Stärke der Einbildungskraft und Empfindungen, die sie haben, eine Veranlaßung zu süßen Schwärmereien der Liebe. Sie erregt Ahndungen und Gefühle davon in ihnen und stimmt die Einbildungskraft für Gegenstände, durch die leicht ein körperlicher Reiz in ihnen aufgeweckt wird. Alles, woran sie da denken, ist ihnen gefährlicher, als was sie in der Welt sehen und hören. Man feßle sie [139] also nicht an den Stuhl, sondern gewöhne sie zu allerlei Verrichtungen, die Geist und Körper thätig erhalten.

4. Man nehme die Jugend, so viel man kann, vor Verführungen in Acht.

So viel man kann. Es wird immer wenig Fälle geben, wo man gar nicht können sollte, wenn man nur will und die Sache wichtig genug findet. Man sehe nur mehr darauf, daß man gute, fromme und sittsame Leute zu Dienstboten bekommt, als daß sie eine Menge andrer Geschicklichkeiten besitzen, die zur Befriedigung der Eitelkeit dienen. Man verhindere, daß Kinder sie nicht zu ihren Vertrauten machen, wie sie dies so gerne thun, und damit dies verhindert werde, so setze man sich selbst in den völligsten Besitz des Zutrauens seiner Kinder und überlasse diesen Vorzug nicht andern, die einen so nachtheiligen Gebrauch davon machen. Man gewöhne sie nur an etwas besseres, so wird das schlechtere ihnen von selbst misfallen.

In Ansehung der öffentlichen Schulen ist es wol gewiß, daß niemand mit gutem Gewissen seine Kinder, wenigstens frühe nicht und ehe sie die Gefahren derselben kennen und ihnen zu entgehen [140] wissen, dahin schicken darf, so lange sie nicht eine bessere Einrichtung erhalten haben, als die meisten bisher noch haben. Ich muß sie hier wieder einmal nennen, weil die meisten Eltern glauben, sie könnten nichts beßers für ihre Kinder thun, als daß sie sie fleißig in die Schule schickten. Diese ist auch wahr, wenn Schulen so eingerichtet sind, daß die Jugend nützliche Kenntnisse auf eine zweckmäßige Art daselbst lernen kann und vor Verführung gesichert ist. Ist man von ihrer Güte und Reinigkeit der Sitten nicht hinlänglich überzeugt, so bedenke man ja, was Pflicht und Gewissen rathen. Immer besser, daß die Welt einen lateinischen Kopf weniger, als einen geschändeten Menschen mehr erhält.

Da es aber doch sehr möglich ist, daß bei einer Menge Kinder, auch wenn sie alle rein und unschuldig sind, einer des andern Verführer ganz zufällig werden kann, so schaffe man verschiedene Mißbräuche ab, die sonst in öffentlichen Schulen herrschen, und die Veranlassung zu heimlichen Sünden werden können, z. B. das Zusammenlaufen der Kinder in einen Winkel, wenn sie bereits ihre Lektionen geendigt haben; das Beurlauben mehrerer auf einmal bei nothwendigen [141] Naturerleichterungen; das Dicht neben einandersitzen; das Zusammenplaudern und die Neckereien. Ein Wort, eine Berührung, eine Gebehrde, und so manches, was von Seiten dessen, der es veranlaßt, oft nichts als Unbedachtsamkeit und muthwillige Kinderei ist, kann auf ein stilles und nachdenkendes Gemüth eine gefährliche Wirkung haben.

„Zur Verhütung des Unheils, was aus Vertraulichkeit unter den Schülern in der Schule entstehen kann, wäre es gut, wenn die Sitze der Kinder in den Schulstuben anders, und so eingerichtet wären, daß sie sich nicht sehen und berühren könnten.“

„In Ermangelung der Logen, von welchen Ehlers und Trapp schon geredet haben, beobachte man folgendes, was theils die Sitze selbst, theils die Ordnung der Schüler, theils die Aufsicht des Lehrers betrift.“

„Man lasse breite Tische machen und an jeder Seite eine Bank, so daß die Schüler einander gegenübersitzen. Zwei solche lange Tafeln reichen für eine Klasse von 40 Kindern zu. In der Mitte zwischen beiden Tischen sey ein Gang für den Lehrer, so daß er auf und abgehend sich immer unter der Jugend befinde. Kann [142] man es nicht dahin bringen, solche, oder auch die in Rochows Schulen befindliche Bänke nachmachen zu lassen, und muß man sich mit den vielen hintereinander stehenden Tischen behelfen: so erhöhe man seinen Sitz, um die hintersten Bänke im Auge zu haben, und gehe auf den Seiten auf und ab, oder um die Bänke herum.“

„Man gewöhne die Kinder, anständig zu sitzen; lasse sie ohne Mäntel kommen und habe eine ununterbrochene Aufsicht auf alles, was vorgeht. Stille und Aufmerksamkeit verschaffe man sich durch die Güte des Unterrichts, wie auch durch ernste Strenge bei dem geringsten Geräusch. So wird es nie geschehen können, daß im Beiseyn des Lehrers ein Knabe den andern das Laster lehre, oder an ihm treibe, wie der Volkslehrer erzählt.“

Eben dieses gilt von Näh- und Strickschulen, wo noch dazu jedes Mädchen so leicht sein eigener Verführer wird. Kennt man nicht die Person, die hier Aufseherin ist, und ist man nicht von ihrer Aufmerksamkeit gerade auf dies unselige Laster überzeugt, so behalte man seine Kinder zurück und jede Mutter schäme sich nicht, [143] ihre Töchter selbst anzuführen und unter eigener Aufsicht zu weiblichen Geschäften zu bilden.

5. Man lasse nicht die Kinder so frühzeitig zu Bette gehn, oder so spät aufstehen, daß sie vorher eine Zeitlang wachend im Bette liegen.

Manche Eltern jagen ihre Kinder frühe ins Bett, um sie nur auf die Seite zu schaffen. Einige haben auch das Vorurtheil, Kinder könnten nicht zu viel schlafen. Wann der Schlaf sich einfindet, dann ist es zeitig genug, sich niederzulegen. Hat man den Tag über die Kräfte seinen Körpers gebraucht und mäßig gelebt, so schläft man auch bald ein. Man sorge also so viel möglich dafür, daß sich die Jugend durch körperliche Arbeit ermüdet habe, ehe sie sich schlafen legt, und auch des Abends leichte Speisen, als etwas Milch und Brod, genieße. Dann wird sie, sobald sie sich niederlegt, der Schlaf in seine beschützende Arme nehmen. Nur muß man denn auch dahin sehen, und sie gewöhnen, gleich aufzustehen, sobald sie erwachen. Bei Knaben wünschte ich, daß alle Eltern die Vorsicht gebrauchten, sie in dünnen leinenen Unterhosen schlafen zu lassen, und überhaupt es Kindern [144] frühe abzugewöhnen, die Hände unter der Decke zu haben. Sind sie es nur einmal gewohnt, die Arme über der Decke zu halten, so ist es ihnen nachher selbst unbequem und widerlich, sich bis an den Hals zuzudecken.

6. Man verwerfe, als ganz unnütz und schädlich, die warmen Federdecken.

Es ist ja offenbar widersinnig, sich so einzuhüllen, da es doch in einem dichten Zimmer für einen gesunden, besonders jungen Menschen, sehr mäßiger Bedeckung bedarf, um sich gegen die Kälte zu schützen. Ich kenne einen Mann, der sechs robuste gesunde Knaben hat, die alle, selbst im Winter, in kalten Zimmern unter einer leichten kattunenen Decke schlafen und nie über Kälte klagen.

7. Man verhindere von frühe an bei Knaben, daß sie sich nicht angewöhnen, die Hände in den Hosen zu halten.

Man tadle es als einen jeden andern Uebelstand im äußern Betragen. Da es Gewohnheit ist, so braucht man nur anfangs gleich dahin zu sehen, daß es nicht Gewonhnheit werde.

[145] 8. Man leide nicht, daß Mädchen im Sitzen die Schenkel über einander schlagen.

Es ist in der That eine Lage, in der kein Frauenzimmer anständig erscheint. Beim Nähen ist die Stellung auch gar nicht nothwendig, sondern man bedient sich, um den Schooß zu erhöhen, eines Schemels.

9. Man laße nicht zwei Kinder, so wenig von einerlei, als von verschiedenem Geschlecht, beisammenschlafen.

Kann man überall nicht zu zwei Betten rathen, so gebe man ihnen wenigstens Nachthosen. Dies verhindert beim An- und Auskleiden manche Neckerei und ist auch der Schamhaftigkeit gegen sich selbst beförderlich.

10. Man suche überhaupt, ihnen alles zu untersagen, und sie von allem zu entfernen, wobei eine Reibung der Geschlechtstheile möglich ist.

In dieser Absicht müßen auch bei Knaben die Beinkleider nicht zu eng seyn. An Mädchen leide man es nicht, daß sie über scharfe Ecken hinhangen, oder auf Händen und Füßen über [146] alles hinwegkriechen, oder, auf Schemeln reitend, herumhüpfen. Aufmerksamkeit auf alle ihre Unternehmungen ist hier ganz vorzüglich nöthig, um von den vielen unnennbaren Fällen jedem vorzubeugen, der schädlich werden kann.

11. Man laße nie Kinder von einerlei, oder verschiedenem Geschlecht, mit einander allein.

Dies gilt vorzüglich, wenn sie keine interessante Beschäftigung haben. Es erfodert viel Aufmerksamkeit, aber die Sache ist auch wichtig. Der bloße Gedanke einer nahen Möglichkeit, daß sie allzu vertraut werden und durch einen kleinen Zufall den Grund zu einem großen Uebel legen könnten, macht jede Nachläßigkeit und Gleichgültigkeit zu einem Verbrechen.

12. Man präge der Jugend frühe die Regeln der Schaamhaftigkeit ein.

Dies geschieht durch Lehren und Beispiele. Kleine Kinder entblößen sich ohne Scheu und reden von heimlichen Theilen ihres Körpers. Man verbiete ihnen das; aber nicht mit einem Lächeln, nicht mit schalkhaftem Drohen, wie gewöhnlich [147] geschieht, sondern mit Ernst und wenn der Fehler wieder begangen wird, mit Unwillen. Man muß wahren Abscheu dagegen blicken lassen. Eben so muß man denn auch in Gegenwart der Kinder in Reden, Mienen und Gebehrden alles melden, was wider den Wohlstand ist. Die Schaamhaftigkeit gegen sich selbst scheint indeß ein von der Schaamhaftigkeit gegen andere verschiedenes Gefühl zu seyn. Letztere verhindert, daß wir nicht leicht durch andere verführt werden und auch andere nicht leicht verführen. Sie läßt sich der Jugend leicht einflößen. Erstere verhindert, daß man sich nicht selbst verführt, und ist schwerer einzuflößen. Man gebe Acht auf Kinder, wenn sie unbemerkt zu seyn glauben. Man zeige, daß man sie bemerkt habe und verbiete kurz und nachdrücklich. Auch Strafe kann angedroht und bei der Wiederholung vollzogen werden. Hat doch der Eigensinn der Eltern oft den Kindern Abneigung gegen ganz unschuldige Dinge eingeflößt; warum sollte es hier nicht möglich seyn, besonders wenn man bei seinen Kindern Ansehen und Zutrauen hat? Man lehre sie beim An- und Auskleiden die sittsamste Verfahrungsart. Sie sie hierin einmal mit einer [148] guten Gewohnheit bekannt, so werden sie nicht davon abgehen. *)

[149] 13. Man entferne auch von der Jugend alle Anblicke, die auf die Imagination nachtheilig würken.

Kupfer, Gemälde, Statüen, die Naktheit darstellen, *) besonders wenn der Ausdruck verführerischer Reize die Absicht des Künstlers dabei war. Auch sey man vorsichtig in der Behandlung kleiner Kinder, wenn mehrere Geschwister [150] oder Gespielen dabei sind. Man heiße sie aber nicht weggehen, weil nun dies und jenes vorgenommen werden solle; denn dadurch würde man ihnen nur etwas aufzulösen geben. Je mehr man hier thun kann ohne zu zeigen, warum man es thut, desto besser ist es.


Zusatz des Herausgebers.

„Es wird nicht undienlich seyn, zu dieser dreizehnten Regel eine zwar sehr specielle, aber gar nicht unwichtige Bemerkung hinzuzufügen, die ich in einer der übrigen Abhandlungen finde, die über diesen Gegenstand eingelaufen sind. Sie ist folgende: Man lasse nicht zu, daß Kinder ohne Aufsicht und ohne vorhergenommene Abrede zur Vermeidung schändlicher Anblicke an Oerter gehn, wo ausländische Thiere, besonders Affen mit ihren Künsten für Geld gezeigt werden. Denn da besonders die Affen von ihren gottlosen Führern so abgerichtet sind, daß sie, auf ein gegebenes Zeichen, die teuflische Handlung der Selbstschändung zum Gelächter des Pöbels, aber zur Schande der Menschheit, öffentlich vornehmen müssen: so muß solches allemal zum größten Verderben [151] der dabei gegenwärtigen Kinder gereichen.“ Ich füge hinzu:

„Ueberhaupt bedarf es in Ansehung aller öffentlichen Schauspiele, besonders aber in Ansehung solcher, welche Marionettenspieler, Seiltänzer und Taschenspieler dem Pöbel geben, der allergrößten Vorsicht, wenn man nicht die Unschuld seiner Kinder den schändlichsten Eindrücken Preis geben will. Man weiß, wie selten ein theatralisches Stück sogar auf unsere bessern Bühnen kommt, welches nicht wenigstens eine oder die andere, für Kinder und junge Leute anstößige Stelle oder Scene enthält; und wer den obgenannten Schauspielen des Pöbels auch nur ein einzigesmal beigewohnt hat, der wird sich mit Ekel erinnern, wie oft sein Auge und Ohr durch die schändlichsten und schmutzigsten Dinge beleidiget wurden. Man führe daher die Kinder nie in ein Schauspiel, dessen unschädlichen Inhalt man nicht genau kennt; und was die Gauckeleien der Taschenspieler und Consorten betrift, so lasse man sie dieselben entweder niemals sehen, oder man lasse es innerhalb seines eigenen Hauses und nach der strengsten Abrede mit den Gauklern zur Vermeidung aller und jeder Zoten und Unanständigkeiten geschehen. Aber man sey [152] auch dann nicht gar zu sicher; denn das Zotenmachen ist Leuten dieser Art dergestalt zur andern Natur geworden, daß sie, auch wenn sie versprochen haben, sich dessen zu enthalten, doch oft unwillkürlich darein zurückfallen, manches auch nicht für Zoten halten, was doch für Seelen von feinern sittlichen Gefühlen in hohem Grade schändlich ist. Man lasse sich daher zu mehrerer Sicherheit vor Eröffnung des Schauspiels erst alles sagen und zeigen, was nachher vorkommen soll; und bedrohe den Gaukler, daß er leer ausgehen würde, wenn er sich einfallen ließe, noch sonst irgend etwas hinzuzufügen.“

„Uebrigens, da man in Ansehung der Vorschriften, wie man die Veranlassungen zur Unzucht aus dem Wege räumen müsse, nicht zu sehr ins Besondere hinabsteigen kann: so muß ich zu den dreizehn, von unserm Verfasser angegebenen Regeln noch verschiedene andere hinzufügen, die zwar zum Theil schon in jenen enthalten sind, die aber gleichwol nicht jeder Leser, ohne einen besondern Fingerzeig erhalten zu haben, für sich selbst daraus herleiten würde.“ Also:

„14. So wie die Kost der Kinder überhaupt einfach und ungekünstelt seyn muß, [153] so nehme man sich auch besonders in Acht, sie nicht an warme und geistreiche Getränke und an gewürzreiche Speisen zu gewöhnen.

Reines Quellwasser ist ohnstreitig für jeden unverdorbenen Menschen, ganz besonders aber für Kinder das gesundeste Getränk; so wie Brodt und jedes andere vegetabilische Nahrungsmittel, ihnen in mehr als einer Rücksicht heilsamer als Fleischspeisen sind. Thee, Kaffee, Wein und andere warme oder geistreiche Getränke gereichen ihnen zum Verderben. Durch alle dergleichen erkünstelte Speisen und Getränke wird der zarte Körper der Kinder nothwendig geschwächt, ihr Nervensystem unnatürlich reizbar gemacht; und dann bedarf es nur einer geringen Veranlassung, so ist der unglückliche Schritt zum Verderben gethan! Hiezu kommt, daß das Laster, von welchem hier die Rede ist, solchen, in üppiger Schwelgerei erzogenen Kindern, unter allen am allerverderblichsten ist. Es sey mir erlaubt, diese letzte Bemerkung mit dem Zeugniß eines andern Beobachters zu belegen, dessen Abhandlung über diesen Gegenstand nicht im Druck erscheinen wird.“

„Das Uebel, sagt derselbe, dessen Folgen sich in unsern Tagen so allgemein und so schrecklich [154] äußern, ist zwar in alten Zeiten nicht unbekannt gewesen, aber verschiedene Umstände haben die Schädlichkeit desselben vermehrt und zum Verderben des ganzen Menschengeschlechtes fürchterlich vergrößert. Das sind a) die weichliche Erziehung unserer Kinder, b) das Thee- und Kaffeetrinken und überhaupt die weichliche und erkünstelte Kost derselben, c) die wenigen und schwachen dermaligen Leibesübungen, statt der stärkern des Jagens, Laufens, Balgens, Ringens, Schwimmens u.s.w. d) die sitzend verrichteten oder doch weibischen Spiele, statt des Wettrennens, Ballschlagens und anderer Unterhaltungen, welche Kraftanwendung erfordern, e) die Thorheit zehnjährige Gelehrte und Weise haben zu wollen, und das dazu nothwendige lange Stillsitzen in eingesperrter Stubenluft, f) der stutzermäßige Anzug, g) das späte und schwelgende Abendessen und Aufbleiben in üppiger Gesellschaft u.s.w.“

„15. Man sorge für die Reinlichkeit der Kinder, und lasse sie daher im Sommer täglich baden, *) im Winter aber [155] sich täglich durch Hülfe eines Schwamms die geheimen Theile mit kaltem Wasser waschen.

Hierdurch wird man sowol die der Jugend so nöthige Abhärtung befördern, als auch einer von den oben angezeigten Veranlassungen zur Selbstschändung, dem durch gehäufte Unreinigkeiten an geheimen Orten entstehenden Kitzel, vorbeugen. Auch hierüber muß ich aus einer andern mir zugeschickten Abhandlung eine Stelle mittheilen, die mir einen sehr wichtigen Rath zu enthalten scheint. Sie ist folgende:

„Man bade die Kinder, Knaben und Mädchen, von der Geburt an und so lange sie an der Brust sind, (warum nicht auch nachher, wenn man Anstalten dazu treffen kann?) alle Tage über den ganzen Leib. Insonderheit aber wasche man ihnen alle Morgen und Abend die Geburtstheile, nemlich von der Schaamgegend an bis zum Mastdarm, mit kaltem Wasser und trockne sie sofort mit einem Tuche rein ab. Dies Waschen der Geburtstheile mit kaltem Wasser muß auch nachher, wenn die Kinder größer werden, beständig fortgesetzt und ihnen als ein Hauptstück der Reinlichkeit und der Gesundheitsregel dergestalt eingeprägt werden, daß sie es weder [156] zu Hause noch in der Fremde künftig jemals unterlassen, sondern es für so nöthig halten, als das tägliche Abwaschen des Gesichts und der Hände. Man kann größern Kindern, den Söhnen sowol als den Töchtern, zu dem Ende ein Geschirr mit frischem kalten Wasser und mit einem Schwamme unter das Bett neben dem Nachtgeschirr hinstellen, und ein solches zinnernes Gefäß ihnen auch in die Fremde mitgeben, um dieses nöthige Waschen beständig regelmäßig fortzusetzen, so oft sie sich niederlegen oder aufstehen. Hierdurch werden nicht nur die Geburtsglieder gestärkt, sondern auch die Jünglinge vor unzüchtigen Träumen und unwillkührlichen nächtlichen Befleckungen, die Mädchen hingegen vor juckender Kitzelung, welche so oft eine Veranlassung zur Selbstschändung wird, bewahrt werden. Um die Wirkung dieses Waschens zu verstärken, vermische man besonders bei jungen Leuten beiderlei Geschlechts, die schon das zwölfte Jahr zurückgelegt haben, das gemeine kalte Wasser mit nachstehendem kamphorirten Bleiwasser:

1 Loth Bleiextract, 2 Loth guten Kampherspiritus und eine Bouteille reines Regenwasser, wohl vermischt und durch einander geschüttelt.

[157] Von diesem kamphorirten und umgerüttelten Bleiwasser gieße man in eine Bouteille voll ordinairen kalten Wassers nur einen Löffel voll, schüttele solches um, und gieße dann so viel, als nöthig ist, in das Waschgeschirr, damit die zwölfjährigen Kinder sich Morgens und Abends die Schaamtheile damit waschen und gleich darauf wieder abtrocknen. Die grössern Töchter unterlassen dieses Waschen während ihrer ordentlichen Reinigung, setzen es aber nachher wieder fort. Dieses tägliche zweimalige Waschen mit kaltem Wasser, und vom zwölften Jahre an mit vermischtem kamphorirten Bleiwasser, ist nach meiner langen Erfahrung das geprüfteste, beste und bewährteste Mittel wider die Selbstschwächung“

„Man darf von diesem Mittel auch nicht besorgen, daß es irgend eine schädliche Folge haben oder daß das künftige Zeugungsvermögen darunter leiden werde. Keinesweges; die besten Theile werden vielmehr dadurch gestärkt, und die dadurch beförderte Zurückhaltung und Zurückführung der edeln Säfte dient hauptsächlich zu der eigentlichen Stärkung der Nerven und aller Leibes- und Seelenkräfte, befördert die Munterkeit des Geistes und hilft daher gewiß zu [158] einer dauerhafteren Gesundheit, künftig aber im ordentlichen Ehestande auch zu einer vollkommnern Befruchtung und zur Erzielung einer stärkeren und dauerhafteren Nachkommenschaft.“

„Wenn junge Leute sich nachher verheirathen: so muß das kamphorirte Bleiwasser zwar ganz weggelassen, aber das nun schon zur Gewohnheit gewordene Waschen mit kalten Wasser kann mit Nutzen fortgesetzt werden.“

„Ich füge nur noch hinzu, daß dieser Rath von einem ausübenden Arzte kommt.“

„16. Man vermeide, so lieb uns die Gesundheit, die künftige Leibes- und Seelenstärke und die Unschuld, mithin die ganze Wohlfahrt unserer Kinder ist, die allzufrühe gesellschaftliche und litterarische Ausbildung der Kinder,

fest überzeugt, daß, wenn eins von beiden Extremen seyn soll, gänzliche Roheit und Plumpheit ihnen bis gegen das zwölfte Jahr viel wünschenswürdiger sey, als übertriebene Verfeinerung und die ganze leidige Vielwisserei. Ich habe mich hierüber im vierten und fünften Theile der allgemeinen Revision so umständlich und, [159] wie ich mir schmeichle, auf eine so überzeugende Weiße ergossen, daß ich es für überflüßig halten darf, die Erklärung und Gründe dieser Regel ier noch einmal hinzuzufügen.“

„17. Man wähle mit äußerster Sorgfalt die wenigsten Bücher, welche Kindern in die Hände gegeben werden dürfen, und verbanne nicht bloß diejenigen, welche schlüpfrige und verführerische Stellen enthalten, sondern auch diejenigen, welche die Phantasie der Kinder anregen und ihre Empfindungen überspannen können.

Es giebt, wie wir schon oben angemerkt haben, der für Kindern unschädlichen Bücher nur sehr wenige. Man thut daher wohl, wofern man sich selbst kein sicheres Urtheil hierüber zutrauen darf (und ich habe nicht selten gefunden, daß dies der Fall sogar bei Leuten von ausgebreiteten Kenntnissen war) seinen Kindern entweder gar keine, oder nur solche Bücher in die Hände zu geben, welche nach dem Urtheile weiser Jugendfreunde in jeder Betrachtung unschädlich sind. Alle Poesien und prosaische Schriften, deren Gegenstand [160] Liebe ist, wie auch alle, welche die Phantasie der Kinder stark erregen können, sollten aus den Kinderstuben und Lehrzimmern für immer verbannt seyn. –“

„18. Alle die höchstschädlichen und unbesonnenen Tändeleien mit Kindern beiderlei Geschlechts, wodurch man ihnen Anleitung gibt, Braut und Bräutigam oder Mann und Frau zu spielen, müssen durchaus vermieden werden.“

„So oft vom Ehestande in Gegenwart der Kinder die Rede ist, so spreche man davon, der Wahrheit gemäß, als von einer sehr ernsthaften und wichtigen Sache, als von einer Würde im Staate, womit Mann und Weib bekleidet werden, um die Sorge und Regierung eines Hausstandes zu übernehmen, welches Fleiß, Kenntnisse, Verstand und Rechtschaffenheit erfodert, dafür aber auch mit Achtung, Liebe und Gehorsam von Seiten der zum Hausstande gehörigen Personen belohnt wird. Die Gründe dieser Regel sind schon oben erörtert worden.“

[161] „19. Man gewöhne die Kinder von zarter Jugend an, nie auf dem Rücken, sondern beständig auf der Seite liegend, zu schlafen.“

„Jenes nemlich verursachet, besonders in erhitzenden Federbetten und nach starken oder späten Abendmahlzeiten jene nächtlichen Zufälle, welche den Körper eben so sehr, als willkührliche Schändung schwächen, und zu diesen Anleitung geben. – –“

„20. Man belehre die Jugend, und zwar so früh als möglich, über die schrecklichen Folgen eines jeden Mißbrauchs der Zeugungsglieder.“

„Aber diese Regel bedarf für viele unserer Leser erst eine genaue Erörterung und dann einer nähern Beschreibung, wie man sich bei der Anwendung derselben zu verhalten habe. Beide wird man weiter unten finden.“

Campe.

[162] Es könnte mehr hier angeführt werden; manches ist aber schon vorher bemerkt worden. Vieles läßt sich auch so leicht von selbst begreifen, daß vielleicht auch das Gesagte eher zu weitläufig, als zu kurz gerathen ist.


8.
Wie wird man hinlänglich gewiß, ob ein Kind mit der Selbstschwächung angesteckt ist, oder nicht? Wie bringt man sie zum Geständniß, und wie hat man sich gegen den Verbrecher zu verhalten?

Es läßt sich nur bei gänzlicher Unkunde dieses Lasters, oder bei der äußersten Sorglosigkeit gegen die Jugend als möglich gedenken, daß sie sich lange dieser Sünde überlassen könne, ohne sich zu verrathen. Die Würkungen davon, die äußerlich an ihr und gewöhnlich sehr bald sich zeigen, sind überhaupt eine blasse Gesichtsfarbe, schüchterne herumirrende Augen, Abwesenheit der Gedanken und Unvermögen sich irgend einer Sache mit Eifer anzunehmen, Hang zur Unthätigkeit [163] und gedankenloser Stille, Trägheit und Ungelenksamkeit aller Glieder, ein schwankender unstäter Gang und in allem Mangel an jugendlicher Kraft. Besonders ist das Stille, Einsame, Unmittheilende etwas sehr Charackteristisches aller Selbstschwächer. Dies alles sind freilich nur Gründe zur Vermuthung, sie sind aber für einen beobachtenden Erzieher sehr wichtig und müßen nicht aus der Acht gelassen werden.

Ich habe in meiner ersten Jugend einen Selbstschwächer gekannt, der wenige Wochen nachher, nachdem er mit diesem Laster bekannt geworden war, ganz wie umgeschaffen wurde. Er war vorher wild und überaus polternd und zänkisch, aber bald darauf so stille und in sich gekehrt, daß er sogar von vielen das Lob erhielt, er habe sich gebessert. Ein gewißer Mann schickte seinen Sohn aufs Land in Kost und Erziehung, und gab ihm selbst in einem Empfehlungsschreiben das Zeugniß mit, er sey ein stiller frommer Knabe, und er war ein – Selbstschwächer. Das Mädchen G. hatte überall im Hause das Lob eines stillen gutartigen Mädchens, weil sie sich von ihren Gespielinnen absonderte und die Einsamkeit suchte. Sie war sehr gleichgültig [164] gegen alles, was sonst Kindern Freude macht und gieng weit lieber in die Kirche, als in zerstreuende Gesellschaften. Der Edelknabe D. war eben so. Seine Schläfrigkeit und Dummheit wurde ihm auch von seinen Eltern als ein Verdienst angerechnet, weil sie jede Aeußerung einer jugendlichen Munterkeit für das Kennzeichen einer schlechten Erziehung hielten. Seine Lehrer merkten indessen wol, wie wenig er selbst bei dieser Stille zu irgend einer nützlichen Arbeit geschickt sey.

Wird mit einer solchen genauen Aufmerksamkeit auf ihr äußerliches Ansehen und auf ihre ganze Stimmung und Gemüthslage auch die Beobachtung einzelner Geberden und Handgriffe verbunden, so kann man sich leicht von der Wahrheit der Sache überzeugen. Absichtliche Verheimlichung ist auf Seiten der Kinder, besonders in den frühern Jahren nicht zu vermuthen, weil sie selten wissen, daß sie dadurch etwas Böses thun. Es gehört aber ein gewisser Argwohn dazu, gegen oft ganz unschuldig scheinende Stellungen und Handgriffe.

So muß man z. B. immer bei Knaben bemerken, wo sie mit ihren Händen sind; ob sie diese auch oft und lange in den Beinkleidern halten. [165] Man muß bei Mädchen, besonders wenn sie mit übergeschlagenen Beinen sitzen, genau auf ihre Bewegungen und auf den Blick des Auges Acht geben.

„Besonders sey man auch in den Städten, wo sogenannte Chöre sind, auf die Knaben aufmerksam, welche Diskant singen. Fällt vor dem 17ten Jahre ihre Diskantstimme merklich, und sie beobachten sonst in der Diät die Regeln eines Sopranisten, so weiß man, woran man ist. So bemerke man auch die Klagen über Lunge und Brust, wenn die Uebel derselben nicht von andern bekannten Ursachen herrühren.“

„Außer diesen gibt es noch einige kleine Kennzeichen, die unsorgsamen Lehrern und Eltern geringscheinende Dinge sind: eine gewisse Weichheit und Schlafheit der Haut; eine bleiche gelbliche Farbe derselben; ein ganz eigener Blick der Augen. Auch Mienen werden zu Verräthern, wenn sie dieselben auf geheime Orte ihres Körpers richten. Mienen verrathen sie bei zweideutigen Worten im Gespräch des gemeinen Lebens und in Schulen. Auch bemerkt man an solchen Knaben und Jünglingen große Nachläßigkeit und Unordnung in ihren [166] Sachen und Arbeiten; sie scheinen auch keine Neigung zum Umgange mit Frauenzimmern zu haben.“

Endlich kann auch durch fleißiges Nachsehen ihrer Betten und Wäsche manches entdeckt werden. Man nehme alles zusammen, und ergiebt sich aus allem diesen ein hinlänglicher Vermuthungsgrund, so bleibt, um zur völligen Gewißheit zu kommen, nichts mehr übrig, als eine direckte Frage; es sey denn, daß man sie auf der That ertappe und überführe. Ob man, wenn kein Grund zur Vermuthung vorhanden ist, doch diese Frage thun könne und müsse, will ich nachher erörtern, wenn es untersucht wird, ob man die Jugend über das Laster der Selbstschwächung belehren müße. Bei den stärksten Vermuthungsgründen bleibt die Frage aber immer nothwenig, damit man ihr eigenes Geständniß erhalte, und erfahre, wie sie zu diesem Laster gekommen sind, wie lange und wie oft sie sich damit abgegeben, denn hievon hängt ihre nachherige Behandlung ab. – Und wie muß man sich denn nun dabei nehmen, um sie zu diesem Geständniß zu bringen?

Hat man ihnen überhaupt durch unvernünftige Härte keine Gelegenheit zur Zurückhaltung [167] gegeben, auch ihnen sonst nie ihre Offenherzigkeit zum Fehler angerechnet, oder schlecht belohnt, sie auch überall dazu angehalten, strenge bei der Wahrheit zu bleiben; so verschwindet schon ein großer Theil der Besorgniß, daß sie sich hier verstecken mögten. Dieses würde aber sehr wahrscheinlich zu besorgen seyn, wenn zwischen dem Erzieher und der Jugend kein gegenseitiges wahres Zutrauen statt gefunden hätte; wenn Kinder es an ihren Erziehern gewohnt gewesen wären, daß sie immer durch Umschweife und bei verdecktem Absichten etwas aus ihnen herauszulocken pflegten. Da würden sie lieber gleich etwas leugnen, wenn es noch so unschuldig in ihren Augen wäre, um nur muthmaßlichen Ungelegenheiten zu entgehen. Dies würde auch der Fall seyn, wenn man mit drohenden Gebehrden und Mienen und in einem aufgebrachten Tone, oder auch nur so fragen wollte, daß das Kind merken könnte, es habe etwas Böses gethan.

Es kommt hier hauptsächlich darauf an, daß die fragende Person Achtung und Liebe bei dem Kinde und einen entschiedenen Werth in den Augen desselben habe: es muß überzeugt seyn, man wolle sein Bestes und habe auch schon eher Geständnisse [168] seiner Fehler mit Nachsicht und gütiger Zurechtweisung aufgenommen, nicht aber mit bitterem Tadel oder Beschimpfung. Es kann also nicht einmal eine fremde, oder gleichgültige Person seyn; denn hier würde die Schaamhaftigkeit zu sehr beleidiget werden. Eltern müßen daher nicht glauben, daß sie diese untersuchende Frage von sich ablehnen und etwan einem bloßen Lehrer, der nicht zugleich Erzieher, Freund und Rathgeber der Jugend ist, übertragen könnten. Sie selbst sind die geschicktsten Personen dazu, und die Schaamhaftigkeit hat beim Geständnisse hier am wenigsten zu überwinden.

Damit man hierin desto glücklicher seyn möge, so suche man vorher durch ein vertrauliches Gespräch sich den Weg zu bahnen und das Herz zu öfnen. Man kann dem Gespräche leicht eine Wendung geben, durch die man der Sache näher kommt. Man lenke es etwan auf die Einrichtung des menschlichen Körpers, auf die Vorzüge der Gesundheit, nur nicht in einem eifernden Ton auf Laster, damit das Kind, wenn die Frage gethan wird, nicht sowol ein Verbrechen, als einen Fehler zu gestehen habe.

[169] Ueberhaupt sind hier mancherlei Verfahrungsarten möglich, die sich nach dem besonderen Gemüthscharackter der Kinder bestimmen lassen. Bei allen aber ist es der Klugheit gemäß, sich liebreich und vertraulich, nicht drohend und abschreckend zu bezeigen. Wird dies in Acht genommen, so ist es nicht wahrscheinlich, daß das Kind eine Unwahrheit sagen werde, es müßte denn seyn, daß es schon vor der Strafbarkeit dieses Lasters überzeugt, oder durch einen Verführer ermahnt wäre, es zu verheimlichen, welches sich aber nur als selten gedenken läßt. Und selbst in diesem Falle wüßte ich nicht, ob ein sonst gutgeartetes Kind Eltern und Erzieher, die es liebte, hintergehen würde.

Ich will aber den Fall einer äußersten Verstockung und Bosheit annehmen, so ist es doch nicht abzusetzen, daß Härte und Drohungen ein freiwilliges Geständniß bewürken solten. Es wird also auch schwerlich eine freiwillige Entschließung, von dem Laster abzustehen, erfolgen.

Auch läßt sich dieses Betragen nicht mit dem sanften und rührenden Tone, den man nachher annehmen muß, zusammen vereinigen; das Einzige, was man hier, meinem Gefühl nach, bei überwiegenden Vermuthungsgründen und doch [170] verwegerten Geständnisse des Kindes thun kann, ist, daß man seine Aufmerksamkeit verdoppele, um es auf der That zu betreffen, und inzwischen den Unterricht über die Selbstschwächung, wozu nun einmal der Anfang gemacht ist, fortsetze, und durch die warnendsten Beispiele unterstütze.

Oft kann es auch gut seyn, wenn man durch ein solches rührendes Beispiel sich den Weg zur ersten Frage bahnt, besonders, wenn man Ursache hat zu befürchten, das Kind mögte sich verstecken. Es wird alsdann fühlen, daß es sich in augenscheinlicher Gefahr befinde und sich ohne Rath und Unterstützung von andern nicht helfen könne, Erfolgt alsdann die Frage, so wird es sie viel leichter gestehen, oder durch Verlegenheit, die man sich zu Nutze machen muß, antworten. Ueberall aber wird dieses ganze Geschäft, wenn man irgends Talente hat, mit Kindern umzugehen, keine Schwierigkeit haben.

Was die Frage selbst betrift, so versieht es sich, daß sie, falls nicht in einem vorhererzählten Beispiel dem Kinde ein Begriff von dem Laster gegeben ist, umschreibend und dem Kinde verständlich seyn müßte. Es würde sonst ja nicht wissen, was es bei dem Worte Selbstschwächung denken sollte. Eben so versteht es [171] sich, daß sie nur in einer einsamen Unterredung statt finden könne.

Nunmehr entsteht die wichtige Frage:

Wie man sich gegen Kinder, die mit dem Laster der Selbstschwächung angesteckt sind, zu verhalten habe, und wie man sie davon befreien könne:

Man kann nach meinem Gefühl und den wenigen Fällen, die ich kenne, nicht sagen oder beweisen, daß einerlei Mittel auf einerlei Art bei allen angewendet werden müßen. Die Kurart dieses moralischen Uebels wird eben so verschieden seyn, als die Behandlung körperlich Kranker.

Das erste indessen, was gleich als nothwendig in die Augen fällt, ist, daß man bei solchen unglücklichen Kindern ein lebhaftes Gefühl von der Schändlichkeit und Gefahr dieses Lasters zu erregen suche. Dies geschieht theils durch Vorstellung der vielen schrecklichen Folgen desselben, theils durch angeführte Beispiele, *) [172] theils durch Gründe der Religion, die ihr Herz erschüttern, verbunden mit den sichtbarsten Aeusserungen einer innigen Betrübniß über ihr Elend. Man muß aber hier auf Alter, Fähigkeit und den ganzen Charackter des Kindes Rücksicht nehmen und darnach die Wahl der Beispiele und die Art seines ganzen Benehmens einrichten.

Bei ganz jungen Kindern würde es nicht vielen Eindruck machen, wenn man sie mit langen Vorstellungen von dem Unerlaubten und Sündlichen dieses Lasters unterhalten wollte. Sie müßten Gründe haben, die ihnen weit näher liegen. Für diese sind vorzüglich die schauderhaftesten Beispiele von Schmerzen und Qualen, die solche Kinder haben ausstehen müssen. Diese brücken sich der jungen Seele tief ein und werden ihnen, wenn sie oft wiederholt werden, nachher eben so unvergeßlich seyn, als Mord- und Gespenstergeschichten, die sie in den Ammenstuben hören.

Aber es liegt selbst an dem Vortrage solcher Beispiele unglaublich viel. Von der Miene, dem [173] Ton, der Stellung und Handlung der ganzen Person hängt oft der Eindruck allein ab. Ammenhistörchen werden immer mit einer besonders guten Action vorgetragen, und daher rührt es mit, daß sie so große Wirkung thun.

Richtet man sich nun dabei besonders nach der Vorstellungsart solcher Kinder und nach ihrer empfindlichen Seite, so gewinnt man abermals. Ich kann hier keine Erfahrungen anführen, aber es ist höchstwahrscheinlich, daß solche Beispiele, so vorgetragen, bei ganz kleinen Kindenr vor der Hand das meiste würken werden.

Weiß man nun auch hierbei aus dem Geständnisse des Kindes die Veranlassung zu diesem Laster, Ort, Umstände bei der Wiederholung, so führt dies ja offenbar wieder eine Menge Anweisungen mit sich, wie man sich künftig zu verhalten habe. Eben darum, weil der Gang, den man nehmen muß, von so vielen Verschiedenheiten, theils der Kinder selbst, theils anderer Umstände abhängt, läßt sich hier so wenig allgemeines sagen. Könnte man nur allen Eltern und Erziehern das ernstliche Wollen einflößen! Dies hellet den Verstand auf und thut in der Erziehung – Wunder.

[174] Bei erwachsenen Kindern kann und muß man schon mehr auf innere Ueberzeugung dringen. Beispiele allein drücken sich diesen nicht so tief ein. Sie sind nicht mehr so horchend auf Erzählungen. Sie haben schon selbst einige Erfahrungen, nach denen sie sich, so unzulänglich sie auch seyn mögen, richten. Sie denken gern, die Gefahr sei nicht so groß, wie man sie mache, und es könne hier auch wol Ausnahmen geben. Sie wollen die Sache nicht zu oft treiben, so gehe es wol. Daß sie oft so denken, und daß sie sich in den Jahren, wo man anfängt, sich selbst schon etwas zuzutrauen, ein größerer Grad des Leichtsinns findet, als selbst in frühern Jahren, davon haben mich viele Erfahrungen überzeugt.

Es kommt hier also vorzüglich darauf an, ihre Kenntniß zu berichtigen und zu vermehren. Mit dieser vermindert sich der Leichtsinn. Und dies geschieht wol hauptsächlich dadurch, daß man sie mit der Einrichtung ihres Körpers, mit den weisen Endzwecken Gottes dabei bekannt mache, und sonach bewürke, daß Beispiele sich nicht blos abschreckend, sondern auch einleuchtend und überzeugend seyn können. Hier ist es dringende Pflicht sich über die Bestimmung ihrer gemißbrauchten Glieder, über Zeugungssäfte, Zeugungsgeschäft [175] und alles, was dahin gehört, ausführlich mit ihnen zu unterhalten, damit es ihnen recht anschaulich werde, wie verkehrt, gefährlich und dem ganzen künftigen Glück des Lebens entgegen dieses Laster sey. Alle Bedenklichkeit, damit zurückzuhalten, wird durch die Lage eines solchen Kindes aufgehoben, denn das ärgste, was man immer von einer sollchen, unter entgegengesetzten Umständen ertheilten und selbst übelverstandenen Belehrung befürchten könnte, wäre der Fall, indem sich würklich hier schon das Kind befindet. Selbstschwächer haben ohnehin schon einige dunkle Begriffe von Vereinigung mit dem andern Geschlecht, und sie beschäftigen sich bei der That selbst mehr oder weniger mit Vorstellungen dieser Vereinigung. Sie mahlen sich, wie ich aus dem Geständnisse vieler weiß, Bilder, Lagen und Umstände vor, die himmelweit von der Natur unterschieden und bloß das Werk einer arbeitenden Einbildungskraft sind. Man kann sie von diesen wollüstigen Illusionen nicht besser befreien, als daß man sie mit den wahren Wegen der Natur bekannt macht und ihnen gesunde und richtige Begriffe beibringt. Hierdurch nimmt ihre Einbildungskraft auf ein Mal eine andere Wendung, die, [176] wenn der Unterricht gegeben wird, wie er gegeben werden soll, nothwendig ernsthaft seyn muß.

Der Knabe D. war 13 Jahr alt, ehe er es erfuhr, daß der Trieb, den er so lange befriedigt hatte, zur Erzeugung des menschlichen Geschlechts bestimmt wäre. Er gestand seinem Lehrer, daß er nie gewust hätte, was Zeugungssäfte wären, auch lange gar nicht bemerkt hätte, daß dergleichen etwas bei der Selbstschwächung verloren gegangen wäre. Er hätte sich das Vergnügen mit Mädchen umzugehen, nur in so fern gedacht, als sie ihm bei seinen Handgriffen beförderlich wären. Er erstaunte, als er den Werth und die Bestimmung der Zeugungssäfte erfuhr und war äußerst bekümmert über seine Lage. Diese frappante Aufklärung seiner Begriffe, womit eine fortgesetzte Sorgfalt verbunden wurde, oft ernsthafte Gedanken bei ihm zu erneuern, bewürkte seine Besserung, für die er seinem Lehrer durch viele wiederholte Beweise dankbar war. Seine nachherigen Briefe an ihn, die er theils[1] von der Universität aus schrieb, enthielten die frohesten Ausdrücke über seine zunehmende Gesundheit und Munterkeit, die freilich aber nie das ward, was sie geworden wäre, [177] wenn er mit diesem zerstörenden Laster nicht bekannt gewesen wäre.

Durch dieses Beispiel ermuntert, und mit der völligsten Beruhigung, daß ich doch wenigstens kein Uebel ärger machen könnte, entschloß ich mich, den Knaben B. auf diese Art zu behandeln. Seine Kindheit und der Mangel nöthiger Vorkenntnisse machten den Schritt schwierig. Ich verband indessen gleich mit einigen Beispielen von unglücklichen Selbstschändern die Theorie von der Erzeugung und machte sie ihm so faßlich, als es mir möglich war. Ich zeigte ihm die Nothwendigkeit einer starken Reizbarkeit der Geschlechtstheile; wann und unter welchen Umständen es erlaubt sey, diesen Trieb zu befriedigen; was es dann nach der Absicht Gottes für Folgen habe; wie nöthig es sey, diesen Trieb zu bezwingen, bis man erwachsen sey und in den Ehestand treten könne, um Kinder zu zeugen und Vater zu werden. Ich merkte freilich, daß nicht alles ihm gleich verständlich wäre; aber das war auch nicht nothwendig. Er war doch in den Stand gesetzt, einzusehen, daß er Unrecht und im eigentlichsten Verstande Sünde gethan habe, den Absichten Gottes entgegen zu handeln, und daß es ihm selbst einmal schädlich [178] und schmerzlich seyn würde, dies gethan zu haben. Ja er ward, was ich kaum vermuthen konnte, sehr bewegt, als ich ihm sagte, daß er nie das Glück haben würde, einst Vater zu werden, wenn er fortführe, sich zu schwächen. Er that mit vielen Thränen das Versprechen, die Sünde nie wieder zu begehen, und er hielt es mit einer solchen Aengstlichkeit und mit so vielem Mißtrauen gegen sich selbst, daß er sich kaum bei den nothwendigsten Naturerleichterungen zu berühren wagte. Aus freiem Triebe hatte er sich sogar einmal des Abends mit seinem Strumpfbande sehr mühsam die Hände gebunden. *) Sein Ernst freute mich, und ich vereinigte mich freundschaftlich mit ihm zu einem so guten Zweck. Nach Verlauf eines Vierteljahrs hatte er keine Versuchungen mehr zu diesem Laster. Daß er sie hat überwinden können, da sie ihre größte Macht hatten, bürgt dafür, daß er sie auch ferner wird überwinden können, wenn sie sich auch je, wie sich bei seinem Eifer und Streben dagegen nicht denken läßt, wieder einstellen sollten. Seine Gesundheit, die wenig [179] gelitten zu haben schien, ist jetzt sehr blühend; aber wie wenige haben das Glück, so frühe herausgerissen zu werden!

Ich zähle diese Erfahrung zu den angenehmsten meines Lebens, und habe es mir auch zum Gesetz gemacht, in solchen Fällen nie anders zu verfahren, ob ich gleich gern zugebe, daß bei andern Kindern noch mehr hinzukommen müße.

Man kann dieser Erfahrung manche andere entgegenstellen, die man häufig in der Welt zu machen Gelegenheit hat, nemlich, daß schon sehr erwachsene Jünglinge aus allen Ständen und sogar junge Studirende auf Akademien, von denen man doch voraussetzen kann, daß sie über Selbstschwächung und Erzeugung Licht genug haben, *) sich fortgehend mit diesem Laster beflecken und ungeachtet alles dessen, was sie darüber lesen und hören, sich doch nicht davon losreißen können. Das ist leider nur zu wahr, aber ist ihnen denn auch die Sache (ich verstehe die ganze Lehre von der Erzeugung) zuerst von der ernsthaften und wichtigen Seite vorgestellt worden? Haben sie [180] sich nicht vielmehr diese Kenntniß auf leichtsinnigen gefährlichen Wegen erworben, oder unter der Leitung ihrer Einbildungskraft sich zu derselben hinaufgearbeitet? Dann ist nichts Ernsthaftes darin, dann führt diese Kenntniß, die eigentlich nur mangelhafte halbe Kenntniß ist, keine Abhaltungsgründe mit sich, sondern nur noch mehr Reizungen zu dem Laster. Die Einbildungskraft hängt hier allem ein wollüstiges Gewand um, denn sie war schon lange im Besitz, ehe die richtigern Begriffe eintraten.

Daß auch oft Knaben wider ihre bessern Einsichten und selbst bei der Kenntniß von dem Erzeugungswerk sich dieser unnatürlichen Befriedigungsart überlassen, ist auch wahr. Das ist aber wieder der nemliche Fall. Ihre Kenntniß schützet sie nicht, denn sie ist das Resultat eigenen Grübelns, unzüchtiger Belehrungen, neugieriger Untersuchungen. Diesen kann man nun freilich nicht sagen, was sie schon wißen; aber man kann doch ihre Begriffe sehr berichtigen; man kann ihnen manchen nichtigen Entschuldigungsgrund entreißen, und sonach stufenweise eine durch Leidenschaft überwältigte Vernunft wieder in Ansehen setzen. Ich fühle es, daß ich in [181] solchen Fällen meinen Eifer verdoppeln und alle Gründe der Religion und Vernunft zusammennehmen würde, nicht blos sie zu überzeugen, sondern würkliche Abneigung gegen das Laster und Wunsch, davon befreiet zu werden, bei ihnen zu veranlassen. Und das wäre auch alles, was ich vorerst von dem bloßen Unterricht erwarten könnte.

Man sieht aber leicht, wie wenig man eigentlich noch zur würklichen Beßerung gethan habe, wenn man auch die Jugend durch Beispiele erschüttert und ihnen die richtigste Kenntniß, sowol von der Selbstschwächung als der Erzeugung des Menschen ertheilt hat. Sie können dies nun alles wissen und sehr davon überzeugt seyn, auch würkliche Abneigung gegen dies Laster haben; aber die Vorstellung von allem dem ist ihnen nicht zu allen Zeiten und unter allen Umständen gleich deutlich. Es kommen Augenblicke, wo sie nicht daran denken, und sie werden bei ihnen oft kommen, weil eine Leidenschaft schon zur Gewohnheit bei ihnen geworden ist. Manche zufällige Dinge erregen unwillkührliche Reize bei ihnen, weil ihre Nerven schon geschwächt und zu reizbar sind; und nun sind sie schon in einer Lage, die ihnen ein ruhiges Nachdenken [182] unmöglich macht und alle ihre guten Vorsätze vereitelt. Würde der Mensch je wider Ueberzeugung handeln, wenn er in dem Augenblick der Leidenschaft Ueberzeugung hätte? Alle wiederholten Fehler wider besser Wissen und Wollen laßen sich aus Leidenschaft und Gewohnheit erklären. Diese müssen also geschwächt und vermieden werden. Und dazu gehört in dem vorliegenden Falle anhaltende Aufmerksamkeit auf die Jugend, daß alle Gelegenheiten vermieden werden, *) welche die gehabten wollüstigen Empfindungen in ihr rege machen könnten. Dazu muß man ihnen behülflich seyn, ja man muß das meiste beinahe selbst thun. Wenn man auch Ursache hat, sich auf ihren guten Willen zuverlassen, so kann man sich doch nicht auf ihre Klugheit und auf ihre Kraft verlaßen. Man muß so lange wenigstens das Meiste thun, bis sie aus der Gewohnheit heraus sind und sich eine ernste Denkungsart schon geläufig gemacht haben. Wieder ein mühsames Geschäft, aber ein Geschäft, das große [183] Pflicht ist und wovon man sich, wenn alles vorherangeführte in Acht genommen wird, mit Gewißheit den besten Erfolg versprechen kann.

Ich wünschte, daß nachstehendes Beispiel allen Eltern zeigen mögte, wie viel man für seine Kinder thun könne.

Das Mädchen G. hatte eine vortrefliche Mutter. Sie war ein Muster von Liebe und Zärtlichkeit gegen ihre Kinder und führte sie zur Tugend und Gottesfurcht mit einem besonderen Eifer an. Nur fehlte sie manchmal in der Wahl der Materien und in der Art des Vortrags, wenn sie ihnen Religionsunterricht ertheilte. Sie las ihnen oft zu lange und für sie nicht eingerichtete Predigten vor, wobei ihre Aufmerksamkeit ermüdete, und dies machte ihr Bekümmerniß. Sie ließ sich aber doch gern belehren und war immer aufmerksam, wenn von Erziehung geredet ward. Ihre zehnjährige Tochter war so unglücklich auf die vorherbenannte Art mit der Selbstschwächung bekannt zu werden. Ein Freund des Hauses hatte sie schon oft gemerkt, kannte aber den Fall selbst noch nicht und wuste nicht, daß er bei Mädchen existiren könne, bis das Stück vom deutschen Museo erschien, [184] worin ein Aufsatz vom Hrn. Hofrath Zimmermann über diesen Gegenstand enthalten war. *) Es schoß ihm aufs Herz, und nach einigen genaueren Beobachtungen fand er sich hinlänglich überzeugt, das Mädchen befinde sich in dem Fall. Er legte das Blatt des deutschen Museums ein und schrieb, weil er eben im Begriff war, den Ort zu verlassen, an die Mutter des Mädchens, sie mögte einen Aufsatz, den er hiermit ihr zuschickte, durchlesen und auf ihre Tochter Acht geben, weil er gewiß glaube, sie befinde sich in der beschriebenen unglücklichen Lage, nur daß sie auf eine andere Art dabei zu Werke gienge. Er theilte ihr auch alles mit, was er wuste und dachte. Die Mutter antwortete gleich darauf, daß sie schon oft heftige Bewegungen an dem Mädchen gemerkt und auch manchmal etwas Böses dabei geahndet hätte; der genannte Fall wäre ihr aber doch ganz unbekannt. Sie wandte indeß alle Vorstellungen, mit allem Nachdruck, den ein mütterliches bekümmertes Herz ihnen geben konnte, bei ihrer Tochter an. Man denke sich aber, was sie ausserdem noch that. Sie bewachte das Mädchen zwei ganzer [185] Jahre lang; ließ sie nicht von ihrer Seite; schlief bei ihr; gab auf ihre kleinsten Handlungen Acht und es gelang ihr durch diese fortgesetzte genaue Aufsicht, ihr Kind von der Gewohnheit zu befreien. Das Mädchen nahm an Lebhaftigkeit und Munterkeit zu, wurde gesellig und aufgeweckt und nach wenigen Jahren eine glückliche Gattin. Wer glauben könnte, daß eine solche genaue Aufsicht zu mühsam wäre, der würde auch wol das allerleichteste Mittel nicht gehörig anwenden, denn er würde den Werth eines Menschen nicht zu schätzen wissen. Ich glaube Möglichkeit und Zulänglichkeit einer solchen Aufsicht durch das eben erzählte Beispiel bewiesen zu haben.

Während dieser fortgesetzten Wachsamkeit, da die Leidenschaft ohne Nahrung ist, gewinnt die unterdrückte Vernunft ihre Herrschaft; die Einbildungskraft verliert ihr Feuer; andere Vorstellungen setzen sich in der Seele fest. Dabei würkt die Natur unvermerkt mit, indem sie die zu oft gereizten empfindlichen Theile stärkt, den Zeugungssäften weniger Schärfe mittheilt, und überhaupt ihre Oekonomie zum Vortheil des ganzen Körpers besser betreibt. Man kann also mit vieler Sicherheit darauf rechnen, daß [186] alle nachherige Belehrungen desto würksamer seyn werden. Auch muß eine solche angelegentliche Bewachung selbst auf das Gemüth des Kindes einen starken Eindruck machen und nothwendig den Gedanken in ihm veranlassen, die Sache sey von der äussersten Wichtigkeit.

Dies Verfahren wird, wie leicht einzusehen ist, desto nothwendiger, je öfter die Jugend sich an die Wiederholung dieses Lasters gewöhnt hat. Ja, es ist alsdann beinahe das einzige, was helfen kann.

Man kann den Zustand solcher Kinder, die sich oft zu vielen Malen an einem Tage schänden, *) nicht anders, als eine würkliche Nervenkrankheit [187] ansehen, von der sie sich unmöglich selbst befreien können, weil es ihnen an Stärke fehlt und ihre zerrüttete Vernunft nicht einen gewöhnlichen Trieb, sondern eine Leidenschaft, die an Wuth gränzt, zu bezwingen hat. Giebt es hier ein anderes Mittel, als solche bedauernswürdige Geschöpfe Jahrelang nicht aus den Augen zu lassen? Ich kann mir keins als möglich gedenken. *)

Dies Verfahren kann aber auch wiederum weniger nothwendig werden, denn nicht alle befinden sich in gleich gefährlicher Lage. Manche haben dies Laster nicht lange, nicht oft hintereinander wiederholt getrieben, wozu eine natürliche Disposition des Körpers und so viele andere Umstände beigetragen haben. Dies stimmt denn entweder die Aufmerksamkeit etwas herab, oder gibt ihr eine gewisse Richtung auf besondere Gegenstände, Oerter und Zeiten, wo sie vorzüglich erfodert wird. Bei einigen bedarf es oft nur einer Aufklärung, eines Winkes, daß es sündlich [188] und schädlich sey, so stehen sie davon ab.*) Bei andern kann das Uebel so weit gekommen seyn, daß auch die Beihülfe eines Arztes nothwendig wird, wenigstens um durch dienliche Mittel der Natur nachzuhelfen, und jenen nächtlichen Zufällen vorzubeugen, die oft auf eine plötzliche Enthaltsamkeit erfolgen können, und bei solchen geschwächten Personen leicht ein großes Uebel werden. **)

[189] Alle diese Verschiedenheiten, die bei der Jugend statt finden können, und die theils vom Alter, theils von einer natürlichen Beschaffenheit des Körpers, theils von der längern Bekanntschaft mit diesem Laster und der öftern Wiederholung desselben, theils von der Art ihrer Beschäftigungen, dem Grad ihrer Kenntnisse, der Stärke ihrer Vernunft, dem Feuer ihrer Einbildungskraft, kurz, von so unzählichen Umständen herrühren, machen Verschiedenheit in der Wahl der Heilmittel nothwendig.

Sollte ich indessen aus meinen wenigen Erfahrungen und dem, was sich aus der menschlichen Natur von selbst ergiebt, ein allgemeines Mittel abziehen; so wäre es ein, durch warnende Beispiele unterstützter Unterricht von der Schädlichkeit dieses Lasters, verbunden [190] mit einer ernsten Belehrung über die Erzeugung des Menschen und mit einer fortgesetzten möglichst genauen Aufsicht. Wird dieses auf jeden Fall, den man durchaus kennen muß, gehörig modifizirt, so läßt es sich nach keiner Wahrscheinlichkeit denken, daß es ohne guten Erfolg seyn sollte. Ausserdem erhellet aber von selbst, daß alles, was vorher unter den veranlassenden Umständen angeführt worden ist, vermieden, und von allem gerade das Gegentheil beobachtet werden muß. Denn eben diese veranlassenden Umstände sind auch fortdauernde Gelegenheiten zur öftern Wiederholung.

Dagegen preisen sich als mitwürkende Hülfsmittel von selbst an: alles, was das Gemüth zerstreuet und von den gewohnten Gegenständen abzieht; angenehme körperliche Arbeiten; *) Umgang mit tugendhaften, aufgeklärten und einnehmenden Personen.

[191] Musik ist ein herrliches Mittel, eine verwilderte Einbildungskraft zurecht zu bringen, und das Herz edlen Empfindungen zu öfnen. Alle Jugend sollte mit ihr bekannt seyn. Sie würde sie in einsamen Stunden vor Versuchungen schützen und ihr Herz manchen niedrigen Begierden verschließen.

Zeichnen bietet der Einbildungskraft Gelegenheit an, auf eine nützliche Art wirksam zu seyn und macht aufmerksam auf Schönheit der Natur. Es schärft das Gefühl für alles, was um und bei uns ist und mindert das Nachläßige und Ueberhinjahrende und die Stumpfheit gegen herrliche Freuden, die aus dem Anblick der sichtbaren Schöpfungen entstehen. Je mehr wir dieser Freuden, die so rein und edel sind, kennen, je leichter wird es uns, grobe sinnliche Befriedigungen zu entbehren.

Alle Beschäftigungen, denen man leicht einen Geschmack angewinnt und die sich durch natürliche Reize unserm Geist empfehlen, dabei auch in mancher Rücksicht nützlich sind, schicken sich ganz eigentlich für solche, deren Sinn für alles Schöne durch niedrige Wollust kalt und erstorben ist, und die nur noch für einen unseligen Trieb leben. Hingegen muß alles Tiefsinnige, alle [192] Anstrengungen für einen Geist, der keiner Anstrengung fähig ist, und nur darüber ermüdet, so lange wegfallen, bis der Kranke hergestellt ist.

Dabei ist Sorge für die Gesundheit und Stählung des Körpers sehr wichtig. Man vergesse es doch nicht, daß eben der durch dieses Laster so zerrüttet wird, und also auch nothwendig Stärkung bedarf. Mäßige, aber gesunde Nahrung, freie Luft, Baden im kalten Wasser, frühes Aufstehen und nur Schlaf nach Ermüdung, dies alles giebt dem Körper seine Stärke wieder und ist Arzenei für die erschlaften Nerven.

Ich kenne einen Knaben von 11 Jahren, der drei Jahre hindurch dem Laster der Selbstschwächung schrecklich ergeben war. Die Zeugungstheile waren bei ihm so geschwächt, daß es nur einer wollüstigen Vorstellung bedurfte, und die Sünde war gethan. Sein Körper war in allen Theilen höchst mangelhaft, und er bekam, sobald er nur auf etwas sich besinnen wollte, einen starken Schwindel. Er entdeckte sich keinem Arzt, aber durch fleißiges Baden in kaltem Wasser und allmähliche Gewöhnung zu ermüdenden Arbeiten, wobei er, wie sich von selbst versteht, die Sünde auch unterließ, stellte er sich beinahe ganz [193] wieder her. Wenigstens hatte nach der Zeit seine Gesichtsfarbe merklich gewonnen.

Man kann also auf diese Mittel, die so leicht zu haben sind, immer sehr viel bauen; und da es überdies keinen Fall geben kann, wo sie schaden sollten, so sehe ich nicht, warum man sie nicht allgemein anpreisen müßte. Die Nachhülfe durch wirksame Arzeneimittel wird dadurch keinesweges überflüssig, sondern kann vielmehr in manchen Fällen sehr nothwendig werden. Da man aber so vieler Umstände wegen, auf welche beim Gebrauch innerlicher Mittel Rücksicht genommen werden muß, hier keine medizinische Vorschriften geben kann; so ist es besser, alle Eltern und Kinderaufseher zu bitten, daß sie sich aus mündlichen und schriftlichen Berichten erfahrener Aerzte Raths erholen, als sie hier durch einige Regeln, die einzelnen Fällen nicht genau anpassen, der Gefahr einer verkehrten Anwendung auszusetzen. Mühe und Kosten können hier gar nicht in Betracht kommen, denn unter allen irdischen Bedürfnissen steht doch die Gesundheit oben an.

Für erwachsene Jünglinge sind alle diese Dinge von eben so großem Nutzen, und es würde ihnen gewiß gelingen, durch Befolgung dieser [194] Vorschriften die Heftigkeit des Triebes in sich zu vermindern und sonach sich jeden Sieg über denselben zu erleichtern. An Willen fehlt es ihnen, wie wir im allgemeinen sicher annehmen können, nicht; aber sehr oft an gutem Rath, an einem theilnehmenden Freunde, an Bekanntschaft mit dem, was sie vor Versuchungen schützen würde. Zeichnen, Musik, Botanisiren würde sie vor mancher Gelegenheit bewahren, die ihnen durch ihre eigene Gesellschaft gefährlich werden könnte. Der Umgang mit tugendhaften Frauenzimmern würde ihnen anständige Gefühle gegen dieses Geschlecht einflößen und auf Liebe und Hochachtung leiten. Diese würde jene in den weisen Schranken halten, in denen sie für das menschliche Geschlecht eine so reiche Quelle der Freude, Tugend und Glückseligkeit wird. Wohl dem Jünglinge und dem Mädchen, die frühe mit ihr bekannt werden, ehe sie für ihren Genuß verwelkt sind. *) [195] Der Zutritt in Familien würde ihnen Gelegenheit geben, den Werth des ehelichen Glücks kennen und schätzen zu lernen. Jeder Blick auf einen glücklichen Gatten, auf eine zärtliche Gattin, auf liebe kleine Kinder würde sie tief fühlen lassen, wie weit sie sich von der Natur verirrt hätten, und wie schändlich, kläglich und höchstunglücklich ihre Lage sey.


Reisen in der Gesellschaft eines aufgeklärten edlen Freundes würde ein vortrefliches Mittel seyn für viele Jünglinge, die mit so unnatürlichen Trieben zu kämpfen haben. Sie unterbrechen die Einförmigkeit ihres Geistes, geben Veranlassung zum denken und reissen die Einbildungskraft aus ihrer unglücklichen Sphäre heraus. Stille und [196] Unthätigkeit, Einsamkeit und trockene Beschäftigungen sind Gift für sie.

Allen Jünglingen auf Akademien mögte ich rathen, anatomische Vorlesungen zu hören und besonders die Erzeugungslehre sich anatomisch vortragen zu laßen. Es ist wahre Arzenei für das Gift der Einbildungskraft und erregt ernste Gedanken. *) Anatomie und überhaupt Physik, sollte von keinem Studierenden versäumt werden. Alle studierende Jünglinge sollten aber nach Akademien weit mehrere Kenntnisse und Geschicklichkeiten mitnehmen. Schulwissenschaften, [197] worauf man beinahe alles einschränkt, reichen nicht hin, sie vor den vielen Versuchungen zu schützen, die hier ihrer Unschuld drohen. Etwas von dem vorhergenannten müßen sie nothwendig wißen, um sich eine einsame Stunde damit auszufüllen. Jeder Mensch sehnt sich nach aufheiternden Vergnügungen, und wie wenige Jünglinge werden mit den Quellen bekannt gemacht, woraus sie unschuldige Vergnügungen schöpfen können? Ist es ein Wunder, wenn sie aus der allerunlautersten Quelle schöpfen? In und um sich herum so viele Lockungen zur Unkeuschheit und nirgends ein sicherer Zufluchtsort. Wer kann ohne Schaudern an unsere Akademien denken, wo so mancher geschändete Jüngling umherschleicht? In so vielen Hörsälen wird Selbstschwächung unbemerkt getrieben. So mancher schändet sich auf seinem einsamen Zimmer. So mancher verschwendet seine Kräfte und Gesundheit in den Armen einer feilen Dirne. *)

[198] Ich berühre hier nun noch kurz den zweiten gewöhnlichen Abweg, den die Jugend zur Befriedigung unkeuscher Leidenschaften so oft betritt, wenn sie auch selbst bis in die männlichen Jahre von dem Laster der Selbstschwächung frei geblieben ist.

Die öffentlichen Unzuchtshäuser sind fortdauernde Gelegenheiten zur Unkeuschheit so vieler Tausenden und zum immer um sich greifenden tödtlichen Schaden der Menschheit. Selbstschwächung mag wol die Pest seyn, die im Finstern schleichet; aber diese sind die Seuche, die am Mittage verderbet. Was sind doch diese Häuser für traurige Gegenstände für den Menschenbeobachter! Ja, es ist mehr als Traurigkeit, was man empfindet; Entsetzen und Schauder überfällt einen, wenn man sich den engen schmutzigen Gassen nähert, wo Ein Hurenwinkel an den anderen stößt. Paarweise stehen hier die unzüchtigen Weibsbilder und locken mit unbeschreiblicher Schaamlosigkeit Männer, Jünglinge, Knaben in ihre mörderischen Umarmungen. Ich kann [199] es begreifen, daß diese Reizungen für solche, die das Glück der Liebe in dem Besitz eines tugendhaften Mädchens empfunden haben, nichts Anziehendes haben können; ich kann es aber auch begreifen, daß mancher sonst schuldlose Jüngling nicht so viel Bekanntschaft mit dem Besseren und Schlechteren in diesem Fall hat, daß er nicht das erstemal mit einiger Neugierde vorbeilaufen, das zweite mal schon etwas mehr zögern, dann etwas näher kommen und endlich ins Verderben gerathen sollte. Er hört da vielleicht die erste Süßigkeit aus dem Munde eines Mädchens, hat da die erste Gelegenheit, einen Kuß auf ihren Mund zu drücken. Ihr armseliger Putz, ihr geborgtes Roth ist bei dem Schein der Straßenlampe ihm der Eindruck einer blendenen Schönheit. O, wie mancher scheitert hier mit seiner Unschuld, die er aus dem ländlichen frugalen Hause seiner Eltern mit sich nahm! Und solche Häuser werden gelitten!

Ehedem waren sie nur großen Städten eigen, aber allmählig fangen auch die kleineren an, ihnen diesen Vorzug zu beneiden. In großen Städten hielt man sie für Bedürfniß, weil daselbst Handel, Schiffahrt, Besatzung u. s. w. einen großen Zusammenfluß junger Mannschaft [200] veranlaßet, und weil man befürchtete, diese mögten den Weibern und Bürgermädchen gefährlich werden. So sagen wenigstens die meisten Politiker, und damit hätten sie denn alle Moralisten abgefertigt. Sie denken dabei immer viel für das Wohl der Menschheit gethan zu haben, wenn sie durch Sanitätskommissionen es zu verhindern suchen, daß das venerische Uebel nicht Ueberhand nehme. Ist denn dies das Einzige, was daraus entsteht? Sind diese Häuser nicht der ganzen männlichen Stadtjugend eben so gefährlich und noch gefährlicher, als jene Menge roher Matrosen und Soldaten den Bürgerfrauen und Bürgermädchen? Was ist dadurch gewonnen, daß man Einen Misbrauch durch den andern aufhebt? Liegt denn an der Tugend und dem Wohl des niedrigen weiblichen Personen selbst, die in diesen Häusern ihr Gewerbe treiben, und an dem Wohl und der Tugend desjenigen niedrigen Haufens männlicher Personen, für die man diese Häuser duldet, schlechterdings nichts?

Auch dem Politiker muß in der Qualität eines Menschen und Weltbürgers die gesammte menschliche Wohlfahrt am Herzen liegen. Die Voraussetzung, die hier zum Grunde gelegt wird, als wenn ein gewisser Trieb unumgänglich [201] nothwendig befriedigt werden müßte, ist auch nicht richtig. So viele Menschen beherrschen ihn, und wenn sie es nicht thun, so liegt es, einige seltene Ausnahmen abgerechnet, die in einer monströsen Organisation des Körpers ihren Grund haben können, an Erziehung und Gelegenheiten. Die Erziehung verbessern und die Gelegenheiten zum Guten vermehren und zum Bösen vermindern, wäre dann der einzige vernünftige Weg, auch diesem Uebel abzuhelfen.

Durchgängig ist es ein Grundsatz in der Politik, daß durch die Volksmehrung das Wohl eines Staats befördert werde. Oeffentliche Hurenhäuser sind der Volksmehrunng geradezu hinderlich. Mancher verschwendet da seine Kräfte, ohne Einen Bürger in die Welt zu setzen, denn Schwangerschaften finden hier natürlich nicht einmal statt, werden auch, weil sie dem Interesse der liederlichen Weibspersonen entgegen sind, absichtlich verhindert. Mancher macht sich da für seine ganze Lebenszeit unfähig zum Ehestande, zieht sich Krankheiten und Gebrechlichkeiten zu, die den Quacksalbern und Marktschreiern einen beständigen Kanal eröffnen, ihre Zeitungsarkana anzubringen und ungestraft Menschen zu morden. Und wenn er auch mit einem kleinen [202] Ueberrest seiner Kräfte davon kommt, so ist er doch durch jede unzüchtige Umarmung für die zärtliche Liebe des Ehestandes verdorben, die das Glück dieses Standes und das Wohl der aufkeimenden Geschlechter ausmacht.

So mancher Handwerker verschwendet hier seinen Verdienst und kann nie so viel erübrigen, sich ein Amt zu kaufen und eine Haushaltung anzufangen. Und wenn man sich vollends die große Anzahl junger Männer gedenkt, die große Städte ihres Fortkommens wegen suchen müssen, welche Klippe ist dies nicht für sie? Gewarnt werden sie freilich wol zu Hause, auch fehlt es bei den meisten nicht an fortgesetzten guten Ermahnungen; aber man würde in den Jahren wenig Talente verrathen, wenn man auf dem Wege eigener Erfahrungen und Ueberzeugungen nicht weiter zu kommen glaubte, als durch bloße Befolgung einer Menge Vorschriften, wären sie auch von noch so wichtigen Personen. Freiheitsgefühl und Trieb, sich nach eigenen Gründen zu bestimmen, hat jeder Mensch. Ermahnungen und Warnungen sind nur alsdann würksam, wann sie Ueberzeugungen bei uns veranlaßen. Und dies thun sie dann nur, wann wir das Böse, [203] wogegen wir gewarnt werden, würklich als bös erkennen.

Man nehme nun aber einen jungen Menschen, wie er gewöhnlich ist, wenn er an solche Oerter hingeschickt wird. Sein Alter jugendlich und rasch, sein Körper voll Kraft und Gesundheit; seine Leidenschaften heftig; seine Erfahrung und Weltkenntniß eingeschränkt; seine Moral aus Kompendien erlernt; seine ganze Erziehung vielleicht ein Werk schulgerechter Kunst, aber ohne Rücksicht auf die Welt, in die er nun hineintritt; überall neue Gegenstände und neue Eindrücke; seine allgemeinen Verhaltungsregeln sollten auf alles passen und paßen auf nichts. Ist es Wunder, daß er wankt, ausgleitet und fällt, und hat man ein Recht, ihn ungehorsam und ungerathen zu schelten? Ja, so muß aber keine Erziehung seyn. Freilich nicht; sie ist aber doch oft so und wird noch lange so bleiben, und ehe sie im Ganzen besser wird, muß noch sehr daran gearbeitet werden, viele Eltern aufgeklärter zu machen, zugleich aber auch, dünkt mich, dahin gesehen werden, daß die Gelegenheiten zur Verführung der Jugend so selten, als möglich gemacht werden. Bei der besten Erziehung wird immer der Jüngling ein Jüngling bleiben, [204] der seine Leidenschaften, Wünsche und Empfindungen so wenig zu dem kälteren Grad des Mannes herabstimmen, als seine Einsichten zu der Höhe eines bejahrten Weisen hinaufschrauben kann. Immer wird er für ihn die Gefahr verhältnißmäßig größer und der Widerstand geringer seyn.

Wünschen will ich es also, und einen jeden, der dazu beitragen kann, inständigst bitten, daß nie ein öffentliches Hurenhaus gelitten, noch weniger aus Grundsätzen erlaubt werden möge. Bei einer möglichst guten Erziehung im Staat werden sie freilich endlich von selbst wegfallen; aber die ist denn doch nicht gleich da und muß immer langsamer kommen, je mehr Hindernisse ihr im Wege stehen, oder ihren guten Erfolg vereiteln. Indeß würkt jenes Uebel immer fort und schadet einem sehr großen Theil der Menschheit, gesetzt auch, daß wir Mittel wüsten, die Jugend der vornehmeren Stände dagegen zu schützen. Wenn wir auch nur noch im Einzelnen verbessern können, so müssen wir doch immer das Allgemeine vor Augen haben, sonst stürzt ein Theil ein, indem der andere gebaut wird. Es wäre also die Frage, wie es zu machen sey, daß solche Skandale für die Menschheit, [205] als öffentliche Unzuchtshäuser sind, überall nicht entstünden, weit wichtiger, als selbst die Frage, wie man Jünglinge davor bewahrte.

Ich bescheide mich gern, daß ich zur Auflösung dieses Problems nicht politische Kenntnisse genug habe. Vielleicht machen andere Städte andere Verfahrungsarten nothwendig. Indeß finde ich doch, daß es auf eine Art, die bekanntlich häufig genug angewendet wird, nicht geschehen kann.

Gewöhnlich geht des Abends die Polizeiwache rund, und wo sich in verdächtigen Häusern ein verdächtiges Mädchen des Abends vor der Thür antreffen läßt, das wird vors Polizeigericht und von da grade ins Zuchthaus geführt. Ist sie vorher schon ertappt worden, so dauert die Zuchthausstrafe Jahre, sonst einige Monate. Der Wirth, in dessen Diensten ein solches elendes Mädchen ist, bleibt dabei in Ruhe und der für ihn verlorne Nahrungszweig wird bald durch einen andern ersetzt. Dies Verfahren hat weder den Erfolg, daß das Mädchen gebessert, noch der Sache im mindesten abgeholfen wird. Bei allem guten Willen kann ein solches Mädchen nachher keinen anständigen Weg, sich Unterhalt zu verschaffen, einschlagen. Zwischen [206] ihrer vorigen Lebensart und dem Bettelstabe bleibt ihr die Wahl, und diese fällt gewöhnlich auf die erstere. In Dienste nimmt sie niemand, weil sie keinen Beweis ihres Wohlverhaltens, das heißt, kein schriftliches Attestat aufbringen kann. Die Zuchthausstrafe drückt ihr zudem ein unauslöschliches Brandmal auf. Sich durch Arbeit für sich zu ernähren, setzt Geschicklichkeit und eine Menge von Verbindungen mit andern voraus und dies fehlt ihr beides. Sie kehrt also in ihr voriges Elend zurück, aus dem sie nur abermals das Zuchthaus, oder das Spital, oder der Tod erlösen kann. Wie manche wäre noch zu retten gewesen, wenn sie in mitleidige Hände gerathen wäre.*)

[207] Jede Strafe sollte doch den Zweck haben, entweder Menschen in den Stand zu setzen, gut zu seyn, oder sie außer Stand zu setzen, Böses zu thun. Keines von beiden findet hier statt. Weit zweckmäßiger würde es seyn, wenn jene Wirthe, die einen Vortheil aus dem Verfall ihrer Mitmenschen ziehen, und eben um deswillen ihn thätigst befördern, in Zucht- und Werkhäuser gesetzt würden. Gegen Menschen, die nicht aus Noth, Unkunde, Verführung oder im Taumel der Leidenschaft, sondern aus grundböser Gesinnung fortgesetzte Verbrechen üben, muß der weltliche Arm strenge seyn. Würde die Sache [208] von der Seite ernstlich genommen und zugleich dafür gesorgt, daß allen jungen Männern der niedrigen Stände das Heirathen erleichtert würde: so würden diese Häuser nicht so großen Zufluß von ledigen Mädchen aus eben diesen Ständen haben. Sie würden also in einer doppelten Hinsicht verlieren. Beförderung der Ehen bleibt immer das beste Mittel, die Unzucht einzuschränken, denn jeder gesunde Mensch wird, wenn er die Jahre hat und sonst nur irgends kann, diesen Stand vorziehen. Aber hier müssen wir die Väter unsers Landes und ihre Rathgeber um ihren menschenfreundlichen milden Beitritt flehen, sonst geht dieser fromme Wunsch noch lange nicht in seine Erfüllung. –


Zusatz des Herausgebers.

„Auch zu diesem Abschnitte habe ich aus meinem Erfahrungskreise einen und den andern Rath hinzuzufügen, wodurch die große Absicht, das schändliche Laster, wovon hier die Rede ist, zu vermindern, befördert werden kann. Es ist nemlich hier von den Mitteln die Rede, wodurch die schon angesteckte Jugend wieder geheilt werden kann; und dazu rechne ich, ausser denen, [209] welche unser Verfasser jetzt mitgetheilt hat, auch noch folgende:

1. Die traurigen Folgen der Selbstschändung mögen an dem Kinde, welches dieselbe begangen hat, schon spürbar seyn oder nicht: so verabsäume man doch in beiden Fällen ja nicht, eine Art von medicinischer Kur mit ihm vorzunehmen. Im ersten Falle braucht die zu gebende Arzenei nur das Requisit der unschädlichen Stärkung zu haben, wie etwan ein Decoct aus Quassia, alle zwei Stunden einen Theelöffel voll zu nehmen; im andern muß man nothwendig einen erfahrnen Arzt zu Rathe ziehn. Und wozu jenes? Vornemlich dazu, um zu verhüten, daß das Kind nicht glaube, daß das, was es bisher gethan habe, unschädlich gewesen sey. Denn glaubte es dies, so würde es, bei der nächsten Versuchung zur Wiederholung des Lasters, gewiß auch das zu glauben geneigt seyn, daß ein einziger Fehltritt mehr oder weniger ebenfalls nicht viel zu bedeuten habe; und so würde, aller Wahrscheinlichkeit nach, oft ein Rückfall in das Laster zu besorgen seyn. Weiß hingegen das Kind, daß es schon jetzt sich fürchterlich geschadet habe, und wird es hiervon nicht blos durch unsere Versicherung, sondern [210] auch durch die Anstalten überzeugt, wodurch wir den gestifteten Schaden zu vermindern und dem weitern um sich greifen desselben vorzubeugen suchen: dann wird der Eindruck des Abscheus, den es dadurch erhält, tiefer bringen und bleibender seyn. Ich schreibe dies aus Erfahrung.“

2. „Man unterstütze den Gefallenen mit Rath, wie er es anzufangen habe, um der Versuchung zu jedem neuen Verbrechen dieser Art theils auszuweichen, theils mit glücklichem Erfolge zu widerstehen. Man empfehle ihm hiezu besonders Mäßigkeit in Essen und Trinken, Vermeidung aller geistreichen und warmen Getränke, beständige Geschäftigkeit und besonders viel ermüdende Leibesarbeit, Vermeidung der Einsamkeit, der faulen Ruhe, besonders im Bette, und der schlechten Gesellschaft; kindliches Gebet zu Gott um Stärkung zu jedem Kampfe mit schändlichen Begierden; plötzliche Veränderung des Orts und heftige Bewegung durch Laufen, Springen u. s. w. bei der ersten unreinen Vorstellung, die sich seiner Seele bemächtigen will, und ein gewissenhaftes Bestreben, solche Vorstellungen sogleich zu unterdrücken, ohne ihnen jemals nachzuhängen.“

[211] „Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit einen Brief mitzutheilen, worin ein Geretteter die Art und Weise beschreibt, wie er sich von diesem unseeligen Laster losgemacht habe; weil er Rath und Vorschriften enthält, die man jedem jungen Menschen geben muß, der sich in der nemlichen unglücklichen Lage befindet.“

„Ich hatte, schreibt mein Ungenannter, das seltene und unschätzbare Glück, beinahe fünfzehn Jahre in jugendlicher Unschuld dahinzuleben, ohne auf irgend eine Art das Ungeheuer der Selbstschändung kennen zu lernen. Jetzt mußte ich eine Schule beziehn, und was ist begreiflicher, als daß ich da alsobald jene unglückliche Bekanntschaft machte? Ich glaubte, einen Schatz gefunden zu haben: denn mein Verführer war grausam oder leichtsinnig genug, mir zu verschweigen, daß ich mit jedem Tropfen aus dieser bezaubernden Quelle schändlichen Vergnügens das fürchterlichste Gift einschlürfen würde. Fast ein ganzes Jahr hindurch genoß ich des Gifts, ohne etwas Böses zu ahnden, Endlich eröffnete mir ein Jünglingsskelet – mir ein Engel von Gott gesandt – die Augen. Es stellte mir in sich selbst den Vergifteten ohne Rettung dar. Seine Todtenblässe im Gesicht, sein blauumringtes trübes Auge, [212] sein träger Gang, Schaam, Gewissensbisse und Melancholie in jeder seiner Mienen, kurz sein ganzes Aeussere, verbunden mit einem abgestumpften Gedächtnisse und mit großer Verstandesschwäche, welches alles einen nahen und gänzlichen Hinfall drohete, war erschütternd genug für mich, um mich aus dem Taumel der Wollust aufzuwecken. Ich bebte vor dem nahen Abgrunde zurück, auf den ich, ohne es zu wissen, losgegangen war; dankte nun mit heißen, stummen Thränen der Vorsehung, die dem Verderben mich entriß, und gelobte ihr und mir mit einem heiligen Eide, das Laster künftig von ganzer Seele zu verabscheuen und zu fliehen.“

„Aber ach! wie wenig haben wir zu Austilgung gewohnter Laster schon gethan, wenn wir uns erst blos vorgenommen haben, sie aus unserm Herzen auszurotten! Wie groß ist da nicht immer noch die Gefahr des Rückfalls! – Kaum waren einige Wochen dahin; kaum hatte die Lebhaftigkeit der Eindrücke jener Erscheinung ein wenig nachgelassen, als die Macht der Gewohnheit und der Leidenschaft mich mit allen meinen guten Vorsätzen wieder zu Boden warf. Zwar folgte diesem und jedem folgenden Falle die herzlichste Reue, die aufrichtigste Erneuerung [213] des gebrochenen Gelübds; aber dennoch fiel ich abermals; sammelte immer Kräfte zum Wiederaufstehen, um – abermals zu fallen. Hat je ein Unglücklicher dieser Art alle Kräfte aufgeboten, um das entehrende Joch einer schändlichen Leidenschaft von seinem Nacken abzuwerfen: so war ichs! Ists möglich, seufzte ich oft mit bitterem Unmuthe, ists möglich, einen Quell vergiftet zu wissen, und ihn doch zu trinken, weil sein Gift ein süßes ist! –“

„Nach tausend ernsten, aber immer mißlungenen Versuchen zur Entwöhnung von jenem scheußlichen Laster, fand ich endlich, fast ganz zufällig, ein Mittel, das allein Kraft hatte, mich zu retten. Nie hatte ich bis dahin – ohnstreitig aus allzugroßer Unbekanntschaft mit der Seelenlehre – daran gedacht, daß ich mich ewig nicht von dem unseeligen Laster entwöhnen würde, bevor ich nicht meine ausschweifende Phantasie überhaupt und besonders sofern Wollust ihr Gegenstand ist, gebändiget und dieselbe zu beherrschen angefangen haben würde. Jetzt strebte ich mit aller Kraft dahin, mir diese Herrschaft zu erwerben. Wahrlich, Jünglinge! ein großes Unternehmen! Nicht das Werk eines Augenblicks! Aber lohnendes [214] Selbstgefühl, Beifall des Himmels und der Erde, und ein überreicher Schatz kostbarer Heilmittel menschlicher Schwachheiten erwarten eurer, wenn keine Schwierigkeit euch abschrecken, kein Mislingen euch muthlos machen und kein Anblick der nach halben Jahren oft noch großen Ferne des Ziels euch im Laufe aufhalten können!“

„Die Verfahrungsart, durch welche es mir endlich gelang meiner Phantasie – die mächtigste Widersacherin bei der Entwöhnung von jenem Laster – zu bestreiten, beruht auf zweien ganz einfachen Grundsätzen, denen ich aber mit ängstlicher Sorgfalt treu war, und, wie ich bald sahe, treu sein mußte, wenn ich nicht ganz für die lange Weile arbeiten wollte. Es sind folgende:

I. „Gieb der Leidenschaft, oder – welches in gewisser Hinsicht dasselbe ist – der Phantasie keine neue Nahrung, keine Gelegenheit angeregt zu werden. Dazu gehören folgende Unterregeln:

a) Vermeide, bis du Herr deiner Triebe geworden bist, jede Vertraulichkeit mit Frauenzimmern, besonders jede körperliche Berührung [215] derselben, die auf einen schon zur Wollust verwöhnten Jüngling mit electrischer Kraft zu wirken pflegt. „Wer nun aber einmal in engen Familienverbindungen steht?“ Für den ist meine Arzenei wenigstens dann nicht, wann er sich auch nur einen Handkuß oder Händedruck eines sinnlichen Wohlbehagens halber erlaubt.“

b) „Laß dir immer gegenwärtig seyn, daß es Schändung deiner Hände, wenigstens unverfehlbare Veranlassung zur Wiederholung der Schandthat sey, mit ihnen ein Glied deines Leibes zu berühren, welches Schaamhaftigkeit und Gesittetheit verbergen; kaum den einzigen Fall ausgenommen, wenn die Natur durchs Drengen des Wassers dich dazu auffordert.“ *)

[216] II. „Hemme die Phantasie augenblicklich, sobald sie, auch ungereitzt, sich deiner bemeistern will. Dazu gehören folgende Unterregeln:

a) Denke auch den an sich unschuldigen Gedanken nicht aus, sobald du nur von fern witterst, daß sein Urenkel ein wollüstiger seyn werde, der schon einmal zu deinem Falle das Seinige mit beitrug.

b) Noch viel weniger erlaube dir einen Gedanken, der an sich selbst schon Sandbank, oder Klippe, oder Strudel für dich ist. Zu diesen verderblichen und auf alle Weise zu vermeidenden Spielen der Phantasie gehört überhaupt jede Erinnerung an körperliche Schönheiten und Reize eines Mädchens, besonders aber an irgend ein je empfundenes wollüstiges Behagen in dem schlimmern Sinne des Worts.“


„Um aber Gedanken, die gefährlich für mich zu werden droheten, sogleich in ihrer Geburt zu ersticken, wandte ich folgende Mittel an:

a) ich veränderte alsobald den Ort, und suchte, wenn ich einsam war, Gesellschaft; oder

b) ich wählte eine ernste Beschäftigung, die alle meine Denkkräfte schnell in Thätigkeit [217] setzte. War ich dazu eben nicht aufgelegt, so setzte ich

c) Hände und Füße so in Bewegung, sprang und tobte, in der Nacht so gut wie bei Tage, so rasend umher, daß der Phantasie darüber alle Lust vergehen mußte, ihr Spiel fortzusetzen. Versuche dieser Art, mich meiner Absicht gemäß zu zertreuen, sind mir auch nicht einziges mal mislungen.“


„Ich würde mich freuen, wenn Sie von dieser Nachricht Gebrauch machen könnten. Ich habe dabei blos den Aufforderungen meines Gewissens folgen und Ihnen die Mittel bekannt machen wollen, durch welche allein ich für meinen Theil die Fesseln der mächtigsten und fürchterlichsten aller Gewohnheiten glücklich von mir warf.“ So weit mein Ungenannter; für den ich, dafern ihm dieses Blatt zu Gesicht kommen sollte, nur noch meinen und der Menschheit Dank hersetze, daß er eine Erfahrung, wodurch vielleicht noch mancher Jüngling gerettet werden kann, der Vergessenheit entriß. – Ich füge endlich noch das sicherste aller Rettungsmittel, besonders für den Fall hinzu, daß jedes andere unglücklicher Weise fruchtlos geblieben wäre. Dies ist,

[218] III. „Die Infibulation. Vermuthlich werden die meisten meiner Leser in Ansehung dieses Worts in dem nemlichen Falle seyn, worin ich selbst noch vor einigen Jahren war, d. i. sie werden entweder gar nicht, oder doch nicht bestimmt wissen, was darunter verstanden werde. Ich muß mich daher erklären.“

„Es war mir zwar historisch bekannt, daß die Schauspieler bei den Alten, um durch Enthaltsamkeit ihre Stimmen zu erhalten, sich durch einen Ring (fibula) jeden wollüstigen Gebrauch des Zeugungsgliedes unmöglich zu machen pflegten; (Vtebantur Tragödi & Comici fibulis ad constrigendum penem, ne arrigeretur, vocis gratia, quam Venus corrumpit atque obfuscat.) auch wußte ich aus Fabers Thesaura, daß eine Beschreibung der Art und Weise, wie ein solcher Ring angelegt ward, beim Cornelius Celsus zu finden sey; ich hatte endlich auch gehört, daß in neuern Zeiten Hr. Doctor Börner in Leipzig die Einführung solcher Ringe als das sicherste Verwahrungsmittel wider die Onanie empfohlen habe; aber, weil ich mir irriger Weise die Sache ganz anders vorstellte, als sie ist, und daher keine günstige Meinung von diesem [219] Mittel hegte, so hatte ich es verabsäumt, meine Begriffe davon zu berichtigen.“

„Allein vor ohngefähr drei Jahren wurde ich auf einmal aufmerksamer darauf gemacht. Ein gewisser Erzieher von starker Leibesbeschaffenheit und blühender Gesundheit (ich characterisire ihn von dieser Seiten nicht umsonst) meldete mir folgende Anecdote aus seiner eigenen Lebensgeschichte: er sahe als ein zehnjähriger Knabe einige seiner Mitschüler das schändlicher Laster Selbstschwächung treiben. Nicht lange nachher fiel ihm Tissots eben damals herausgekommenes Buch in die Hände, und erfüllte ihn mit Entsetzen vor den Folgen dieses Lasters. Er traute sich gleichwol nicht so viel Seelenstärke zu, der Versuchung jedesmal zu widerstehn, und aus Verzweifelung darüber war er mehr als einmal im Begriff, sich das Zeugungsglied ganz und gar abzuschneiden, um sich dadurch in die Unmöglichkeit zu versetzen, ein so verderbliches Laster jemals auszuüben. Indem er aber hiermit umging, fiel ihm ein anderes, weniger grausames und gleichwol eben so sicheres Mittel zu diesem Zwecke ein. Er nahm einen Nagel, legte die Vorhaut etwas hervorgezogen auf den Tisch, setzte den Nagel darauf und – man bewundere [220] den tugendhaften Heldenmuth des Knaben! – nagelte sich, indem er einen derben Schlag mit einem Buche darauf versetzte, fest.“

„Er riß hierauf den Nagel aus, und wurde ohnmächtig. Nachdem er sich wieder erholt hatte, zog er durch die noch blutigen Löcher einen mit Kampferspiritus eingeweichten Faden, wie man es beim Einbohren der Ohrenlöcher zu machen pflegt. Durch Hülfe eines heilenden Balsams, den er sich von einem Wundarzte geben ließ, heilten die beiden Wunden nach und nach wieder zu, und es blieben an denjenigen Stellen, wo der Faden durchging, ein Paar Löcher. Durch diese steckte er hierauf einen messingenen Drath, den er in der Mitte, wo er über der Eichel hinging ein wenig gebogen hatte, damit er ihn nicht drückte. Dann krümmte er auch, durch Hülfe einer kleinen Zange, die Enden des Draths, so daß sie das Stückchen Vorhaut über jeglichem Loche umfaßten und den Drath daran befestigten. Der auf diese Weise entstehende Ring hatte diese Figur:

Laster der Unzucht (Oest) 220 a.gif

Jedes umgebogene Ende b umklammerte das Stückchen Vorhaut über dem eingebohrten Loche. [221] Die Krümmung a in der Mitte kömmt grade vor den Ausgang der Röhre, drückt da nicht, sondern mehr auf den Seiten die Eichel, wo sie auch mehr ertragen kann.“

„Der Nutzen eines solchen Ringes ist dreifach. Erstlich macht er die Selbstschändung schlechterdings unmöglich; zweitens verhindert er auch die bloße Erection durch den Schmerz, der in dem nemlichen Augenblicke, da dieselbe sich ereignen will, alle wollüstigen Empfindungen sogleich unterdrückt; und hierdurch wird er drittens ein vollkommen sicheres Verwahrungsmittel auch gegen alle unwillkührlichen Schwächungen im Schlafe.“

„Um allen Fragen, welche dem nachdenkenden Leser bei dieser Erzählung noch übrig geblieben seyn dürften, auf einmal ein Genüge zu thun, will ich die schriftlichen und mündlichen Erläuterungen, welche der neue Erfinder dieses Verwahrungsmittels mir darüber gegeben hat, hinzufügen.“

„Ich habe, sagt er, dieselbe Operation, aber auf eine viel bequemere Weise in der Folge an vielen jungen Leuten ausgeübt, und dieses Mittel an ihnen eben so bewährt und zugleich in jeder Betrachtung eben so unschädlich befunden, [222] als an mir selbst. Ich nehme nemlich eine Nadel mit einem Faden und steche erst auf der einen, dann auf der andern Seite, und zwar jedesmal von inwendig hinaus durch die Vorhaut; ziehe den Faden, der mit einer guten Heilsalbe bestrichen ist, hindurch und knüpfe jede Seite für sich fest. Wenn das Glied zu schwellen beginnt, so lasse ich es in warme Milch halten, oder überlasse auch die Kur einem Wundarzte. Sobald alles heil ist, nehme ich die Fäden weg und applicire den Ring auf obenbeschriebene Weise.“

„Ich selbst, fährt er fort, habe meinen Ring nun schon 15 Jahre getragen, und habe noch bis diesen Tag alle Ursache Gott zu danken, daß er mich dies Mittel meine Unschuld, meine Gesundheit und meine Gemüthsruhe zu sichern, finden eß.“

„Ich äusserte ihm zwei Zweifel; allein er lösete sie zu meiner völligen Ueberzeugung. Der erste war: ob nicht zu besorgen stehe, daß sich unter der nun immer vorgezogenen Vorhaut nach und nach allerlei Unreinigkeiten häuften und zuletzt Schaden anrichteten? Allein er berief sich auf seine funfzehnjährige Erfahrung und zugleich auf die Unmöglichkeit, daß nun irgend etwas unter die Vorhaut kommen könnte, weil [223] sie, sobald der Ring sie hält, niemals mehr zurückgeschoben werden kann. Den andern Zweifel: ob nicht etwa zu besorgen sey, daß die Vorhaut durch das ununterbrochene Zusammenhalten dergestalt verengt werde, daß sie sich künftig ganz und gar nicht mehr über die Eichel zurückziehen könne, welches eine Unfähigkeit zum Ehestande zur Folge haben würde? hob er mir auf folgende Weise: gesetzt, sagte er, daß dieser Fall einträte, so würde einer solchen Folge sehr leicht abzuhelfen seyn. Man brauchte nemlich in diesem Falle nur mit der Scheere einen kleinen Schnitt in die Vorhaut zu wagen, und das Uebel wäre auf einmal gehoben. Ein glücklicher Ehemann geworden zu seyn, ist eines so kleinen Schmerzes ja wol werth!“

„Ich füge zu diesem allen nur noch Folgendes hinzu:“

„Zuvörderst thut es mir leid, daß ich nicht reich genug bin, um den würdigen Mann, der mich in den Stand gesetzt hat, dieses untriegliche Verwahrungsmittel bekannt machen zu helfen, sowol für seinen jugendlichen Tugendheroismus, als auch für die Mittheilung einer so wichtigen Erfahrung nach Verdienst zu lohnen.“

[224] „Dann sehe ich mich verpflichtet, was meine eigene Meinung über dieses Mittel betrift, öffentlich zu gestehn, daß ich, wenn die Vorsehung mir selbst einen Sohn geschenkt hätte, und ich entweder mich genöthigt sähe, ihn als Knaben oder Jüngling von mir zu lassen oder nur im geringsten zu besorgen Ursache hätte, ihn mit dem Leib und Seele verderbenden Laster der Selbstschändung bekannt werden zu sehen, daß ich keinen Augenblick anstehen würde, seine Unschuld durch dieses Mittel zu schützen. Hätte ich besonders einen Knaben oder Jüngling zu erziehn, der so unglücklich wäre, dieses scheußliche Laster schon eine Zeitlang getrieben zu haben: so würde ich glauben, nicht zu sehr eilen zu können, ihn durch dieses Mittel – für ihn vielleicht das einzige, wovon man sich einen glücklichen Erfolg mit Gewißheit zu versprechen hätte – zu retten. Denn wer über diesen Krebsschaden der Menschheit eben so viele Erfahrungen zu sammeln Gelegenheit hatte, als ich, der wird mir beistimmen, daß die Heilung eines davon angesteckten Unglücklichen durch jedes andere Mittel immer – äusserst mislich bleibe.“

[225] „Was ich übrigens bedaure, ist, daß dieses allersicherste Mittel nur bei der einen Hälfte unserer Jugend, nemlich bei Knaben, aber nicht bei Kindern des andern Geschlechts eine Anwendung leidet.“

Campe.


9.
Wie kann man die Jugend vor allen Lastern der Unkeuschheit am besten und sichersten bewahren?

Diese Frage ist geradezu noch nicht beantwortet, obgleich das Vorhergesagte sich in die Beantwortung derselben koncentrirt.

Aus einer kurzen Uebersicht dessen ergiebt sich, daß Sorge für die körperliche Erziehung, Vermeidung aller Weichlichkeit, Gewöhnung zu unangenehmen Empfindungen, Beförderung der Thätigkeit, Entfernung von Einsamkeit und Langerweile nebst allem was unkeusche Leidenschaften rege macht, Bewahrung vor böser Gesellschaft und Warnungen durch abschreckende Beispiele, verbunden mit den Eindrücken der [226] Religion Mittel sind, die Jugend vor der Unkeuschheit zu bewahren. Gegen den Werth dieser Mittel kann niemand etwas haben; aber gegen ihre Zulänglichkeit läßt sich allerdings manches sagen: denn sie geben der Jugend entweder keine innere Bewegungsgründe warum sie etwas meiden soll, oder keine richtige Kenntniß von dem, was sie meiden soll. Es bleibt also immer sehr von zufälligen Umständen abhänglich, ob sie so, oder anders wird. Gründe der Religion, elterliche gute Vermahnungen, Eindrücke durch warnende Beispiele würken freilich auf ihre Ueberzeugung, wenn sie nur die Sache selbst genug kennten. Ein gesunder starker Körper, Lust, Vermögen, Gelegenheit zu guten Beschäftigungen geben ihr eine vortrefliche Richtung. Vermeidung böser Gesellschaften sichert sie vor vielem. Aber dies reicht alles nicht zu. Denn wie ist es möglich, in einer Welt, wo Gutes und Böses geübt wird, sie allein und immer in der Bekannntschaft mit jenem und der Unbekanntschaft mit diesem zu erhalten. Für die Welt werden sie erzogen. Sie müssen also die Welt kennen lernen; von ihren bösen, aber oft einnehmenden, von ihren guten, aber oft abschreckenden Seiten. Denn haben sie erst richtige Kenntnisse, dann haben [227] sie auch innere Bewegungsgründe, sich zu bestimmen.

Man ruft oft der Jugend zu: Fliehe die Wollust, wie eine Schlange! Ein Kind, das sich vor Schlangen hüten soll, muß doch wißen, wie Schlangen aussehen. Kennt es sie überall nicht, so weiß es nicht was es meiden soll. Kennt es sie nur aus einseitigen Beschreibungen als garstige Thiere: so wird es sich nie einfallen laßen, daß jenes goldfarbigte glänzende Geschöpf eine Schlange seyn könne, und also kein Bedenken tragen, damit zu spielen und sich zu verwunden. Ich meine also, daß Jugend, die Unkeuschheit meiden soll, auch wissen müsse, was Unkeuschheit sey; und zwar nicht, daß sie sich so eine ungefähre Idee davon machen könne, sondern daß sie ganz eigentlich wisse, durch welchen Misbrauch des Körpers dieses Laster geübt werde.

Erklärte man ihr überhaupt dieses Laster durch einen unerlaubten Umgang mit dem andern Geschlecht: so ist diese Erklärung an sich sehr unvollständig und die Jugend wird sich auch entweder gar nichts, oder etwas unrichtiges dabei denken. Das wenige wäre also nicht einmal deutlich. Und gesetzt, sie ahndete, oder ersänne etwas von einer gewissen engen Vertraulichkeit, [228] so wird sie doch nie glauben, daß Selbstschwächung dahin gehöre, wo doch gar kein Umgang mit dem andern Geschlecht ist. Man müßte also schon um deswillen doch dies Laster nahmhaft machen und folglich auch eine Erklärung darüber geben. Bei dieser Erklärung müßte doch, wie ich anders einsehen kann, von Zeugungstheilen geredet werden, falls man nicht wieder dem Kinde einen unvollständigen Begriff geben, oder durch Zurückhaltung seine Neugierde reizen wollte. Das wenigste, was man unumgänglich sagen müßte, wäre, daß jede Berührung dieser schamhaften Theile, in der Absicht, sich dadurch einen Reiz zu verschaffen, Sünde sey, und daß dies die Selbstschwächung genennet werde. Nun wüste das Kind doch etwas, und dabei könnte man es bewenden lassen und jenen Begriff von Unkeuschheit überhaupt weglassen, oder hier einflechten.

Man sieht aber leicht, daß es nun doch darauf ankomme, ob das Kind bei der mangelhaften Kenntniß nun so folgsam seyn werde, eine Sache zu unterlassen, von der es gar nicht einsieht, wie sie Sünde seyn könne, und ob es hiebei überall werde stehen bleiben. Alles, was man nun noch sagen könnte, würde lange nicht [229] so gefährlich seyn, als was man bereits gesagt hätte; es würde vielmehr eine Menge Bewegungsgründe mit sich führen, von denen man sonst keinen Gebrauch machen könnte. Und dieses würde mich immer zu dem Schritte leiten, der Jugend umständlich zu erklären, worin Unkeuschheit bestehe und wie sie Sünde sey. Daß dies nicht umständlich geschehen könne, ohne die Lehre von der Erzeugung vorzutragen, bedarf fast keines Beweises. Sagen ließe sich freilich manches darüber, aber das wäre immer noch keine Erklärung, wenn nicht vom Geschlechtstriebe, worauf der ganze Unterschied ankommt, geredet würde. Und da ist es ja natürlich, daß gesagt werden muß, was er sey, wie er sich äußere und zu welchem Zweck er diene; und dies wäre ja denn die Lehre von der Erzeugung, in der aber freilich wiederum alles eingeschränkt und erweitert werden kann, nachdem es die Umstände erfordern.

Daß man sie Kindern, die schon mit der Selbstschwächung angesteckt sind, vortragen könne und müße, ist aus Vernunft und Erfahrungsgründen bewiesen; aber nun auch solchen Kindern, die noch unschuldig sind, dies mögte manchem [230] noch nicht einleuchtend seyn, obgleich in dem ebengesagten das wesentlichste dafür angeführt ist.

Ich will also, um nicht den Verdacht zu veranlassen, daß ich etwas vorausgesetzt hätte, was noch nicht ganz erwiesen wäre, dieser Sache eine eigene Untersuchung widmen. Gleichgültig ist die Sache gewiß nicht; aber der Ausgang der Untersuchung kann uns sehr gleichgültig seyn. Was nach den wichtigsten Gründen entschieden wird, ist gerade das, was jeder Erzieher wünscht und will, nemlich die Jugend vor dem Laster der Unkeuschheit zu bewahren.


10.
Ist es nützlich und nothwendig, ihr den Unterricht über die Erzeugung des Menschen zu ertheilen, weil Abhaltungsgründe von der Unkeuschheit darin liegen, oder ist es nützlich und nothwendig, ihn nicht zu ertheilen, weil vielleicht Reize und Lockungen zu diesem Laster damit verbunden seyn können?

Es läßt sich erstlich nicht absehen, daß eine richtige und vollständige Kenntniß von irgend [231] einer Sache schädlich seyn könne. Jede Wahrheit, die wir einsehen lernen, ist ein Zuwachs unserer Kenntniß, und je mehr und richtigere Kenntnisse wir besitzen, je richtiger und besser können wir handeln. Unwissenheit und mangelhafte Kenntnisse veranlaßen Irrthümer und Fehler. Sie sind die ersten Schritte zum Leichtsinn. Leichtsinn wird endlich Fertigkeit im Verkehrthandeln.

Eine Wahrheit kann die andere nicht aufheben, noch machen, daß unsere Ueberzeugung davon schwächer wird. Daß Unkeuschheit Sünde und schädlich sey, ist eine Wahrheit; daß der Mensch durch einen bestimmten Weg der Erzeugung seine Existenz erhält, ist auch eine Wahrheit. Diese beiden stehen mit einander nicht im Widerspruch; sondern in der letztern liegt der Grund der erstern. Schadet eine, so schadet sie nicht als Wahrheit, sondern als übelverstandene Wahrheit.

Ist es gewiß, daß die Jugend Kenntnisse von dem haben muß, was sie meiden soll, so muß sie auch Kenntnisse von der Unkeuschheit haben, so gut, wie vom Lügen, Stehlen und anderen Lastern. Ihre Kenntniß von der Unkeuschheit muß aber immer mangelhaft seyn, [232] wenn sie nicht über den zweckmäßigen Gebrauch des Triebes, dessen Misbrauch verhindert werden soll, belehrt wird. Redet man einmal von diesem Triebe, den man übrigens nennen mag, wie man will, Geschlechtstrieb, Zeugungstrieb, Fortpflanzungstrieb; so folgen alle weiteren Schritte von selbst, und man kann nirgends stehen bleiben, ehe man die ganze Erzeugungslehre vorgetragen hat, falls der Zweck erreicht werden soll, warum man davon anfieng. Halbe Kenntniß führt irre, und die Jugend wird auch immer streben, sich selbst das aufzuklären, was man ihr absichtlich dunkel ließ. Ganz vorgetragen enthält dieser Unterricht für die Jugend Bewegungsgründe zur Vermeidung der Unkeuschheit aus der anschaulichen Betrachtung der Zwecke Gottes; aus den richtigen Begriffen, wie Unkeuschheit der Gesundheit schaden könne; aus der Vorstellung des Glücks einer frohen Nachkommenschaft. Diese Bewegungsgründe werden ihr nicht eigenthümlich, wenn sie überhaupt nur weiß, daß Unkeuschheit schade, nicht aber, wie sie schade. Ganz vorgetragen ertheilt er ihr auch eine richtige Kenntniß von allem, was sie in dieser Hinsicht meiden soll; von allen Arten des Lasters der Unkeuschheit: denn unter Beherrschung [233] des Geschlechtstriebes ist alles begriffen, was Keuschheit fodert. Dies sind Vernunftgründe genug zur Empfehlung eines solchen Unterrichts.

Nächstdem fehlt es auch nicht an Erfahrungen, daß ein solcher Unterricht würklich genützt habe.

„Ich hatte eine sehr gute und rechtschaffene Mutter. Sie las Bücher und besaß unter andern Nikolai Venette Buch von Erzeugung des Menschen. Ich gerieth von ungefähr darüber und sahe die Kupfer, deren einige mir wol verständlich seyn mußten. Sie schlug nun nicht deswegen auf mich los, wie manche andere gethan haben würde. Nach ihrer Meinung war das Versehen einmal geschehn. Sie sagte mir also, da ich bereits im funfzehnten Jahre war, so viel, als genug war, und ich betheure vor Gott, dies erweckte in mir die lebhaftesten und besten Vorsätze.

N** in L**, dem ich dies Buch verschaffen mußte, zeichnete sich daraus vieles ab und excerpirte aus demselben. Ich weiß aber zu seinem Ruhm, daß er nie ausgeschweift hat, und ich habe ihn in Leipzig als einen starken, [234] wohlaussehenden und sittsamen Jüngling wiedergefunden.

Mehrere Mädchen und Jünglinge, welche den Unterricht im Volkslehrer über das Heirathen, über Erzeugung des Menschen und Schwangerschaften gelesen hatten, gestanden es frei und offenherzig, sie dankten mir für die Mittheilung dieses Buches und dem Verfasser für den Unterricht. Es werde sie ewig von allen Fehltritten abhalten. Als ich mehr mit ihnen darüber sprach, bemerkte ich, daß dieser Unterricht, unerachtet es in dieser Schrift nicht so ganz darauf angelegt ist, vorzüglich den Gedanken erregt hatte: wie doch der Schöpfer alles so weise eingerichtet hat!

Für die Nothwendigkeit des Unterrichts über die heimlichen Sünden sprechen alle die Geständnisse im Volkslehrer und in Salzmanns Schrift, welche ich dem Leser zum Nachsehen empfehle. *)

Dergleichen Zeugnisse geretteter Jünglinge könnte ich viele beilegen, wenn ich abschreiben wollte, was alle Jünglinge einer Schule bezeugen, [235] wo ich fast einzig und allein bei denen, die aus Unwissenheit in diese Sünden verfallen waren, durch den Volkslehrer Besserung bewirkt habe.

F** in L** saß unter einer Heerde solcher Schandbuben und sahe in der Schule täglich solche Greuel. Nach der Vertraulichkeit, zu der alle meine Schüler gewöhnt sind, sagte er es mir, der ich nicht Lehrer dieser Klasse war. Auf einem Spaziergange belehrte ich den jungen Menschen; ich verschwieg ihm nichts. Er äußerte seine Neugierde in Erforschung der Zeugungslehre. Ich stillte sie, und habe noch nach fünf Jahren die Freude zu sehn, daß ich ihn vor Greueln bewahrt habe, und daß Sittsamkeit, Schaamhaftigkeit und Reinigkeit des Herzens ihn auszeichnen.

Ich hatte zu der Zeit zwei junge Edelleute bei mir. Auch sie sahen wie es um sie herum zuging. Mit der Miene des feierlichen Ernstes nahm ich sie vor, belehrte sie, erfuhr was ich wissen wollte und richtete darnach meinen Vortrag ein. Beide sind starke und blühende Jünglinge von 16 und 18 Jahren, und danken mir, daß ich, fern von einer unrichtigen Schaam, da redete, wo mein Stillschweigen ihnen zum Verderben geworden wäre.“

[236] Die Bedenklichkeiten, die mancher dagegen haben kann, sind hauptsächlich folgende:

Es sey unschicklich mit Kindern über diese Punkte zu reden, weil man sich dabei gewisser Benennungen und Ausdrücke bedienen müsse, die ihre Schaamhaftigkeit beleidigen und vielleicht selbst den Grund zur Schaamlosigkeit bei ihnen legen könnten.

Was den bloßen Verstoß gegen die Regeln des Wohlstandes betrift, so sagt dies hier nichts. Allgemeine Regeln des Wohlstandes giebt es nicht. Gesittete Menschen haben sich über gewisse Gesetze in dieser Hinsicht vereinigt, aber sie gelten nur in einzelnen Fällen. Nothwendigkeit hebt das Unschickliche einer Sache auf, so wie sie desto unschicklicher wird, je weniger sie nothwendig war. In einer vermischten Gesellschaft sich frei über die Erzeugung des Menschen auszudrücken, ist wider den Wohlstand; aber der Arzt, der Naturlehrer, der Zergliederer darf es in dem Zirkel seiner Zuhörer. Geht er von der Nothwendigkeit ab, so geht er auch vom Wohlstande ab. Alle kommt hier auf Umstände an.

Daß man durch diesen Unterricht den Grund zur Schaamlosigkeit bei der Jugend legen könne, [237] ist eine Besorgniß, die nur den verkehrten Unterricht trift. Will man deutlich mit ihnen reden, so muß man freilich eine jede Sache mit ihrem rechten Namen nennen, folglich müssen auch hier Dinge vorkommen, die sonst die Schaamhaftigkeit zu nennen verbietet. Aber man denke sich denn auch, in welcher Verbindung sie hier vorkommen und wer sie vorbringt. Nicht etwa ein leichtsinniger Mensch, der selbst ein Beispiel von Schaamlosigkeit ist; nicht ein witziger Zotenreißer, der schändliche Dinge gefällig einkleidet; sondern Eltern und Lehrer, die Liebe und Achtung haben, deren Beispiel den Kindern werth ist, in der ernsten Stunde des Unterrichts, im vertraulichen einsamen Gespräch, mit sichtbarem Ausdruck einer wahren Theilnehmung an der Aufklärung und Besserung des Kindes, mit einem von Bewunderung der göttlichen Weisheit durchdrungenen Herzen.

Wer glauben kann, daß ein solcher Unterricht auf Kosten der Schaamhaftigkeit geschehen könne, nimmt wirklich etwas widersinniges an. Zudem hat man ja Gelegenheit genug, ihnen die Schaamhaftigkeit einzuprägen und ihnen selbst ein Beispiel davon zu geben. Mögten nur alle Eltern sich von der großen Wichtigkeit guter [238] Beispiele überzeugen! Unterricht giebt dem Verstande Licht; Beispiel besiegt das Herz.

„Aber wie viel wird hier versehen. Wann würde man fertig werden, wenn man alle die würklichen Unschicklichkeiten, die im gemeinen Leben vor den Augen der Kinder begangen werden, herrechnen wollte? Mütter entblößen sich vor ihren Kindern beim Anziehn und Tränken; laßen Knaben die Geschwister des andern Geschlechts nackend sehen; sagen vor den Ohren der Jugend Dinge, die höchst unschaamhaft sind. Das würkt unersetzlichen Schaden. Man kann sich getrost auf das Gefühl jedes keuschen, schaamhaften und rechtschaffenen Lesers berufen, ob er durch irgend einen vernünftigen Vortrag der Erzeugungslehre je ist beleidiget worden.“

Eine andere Bedenklichkeit scheint bei weitem wichtiger zu seyn:

Es sey ein möglicher Fall, daß Belehrung über diesen Punkt schaden könne, indem sie Neigungen wecke, die sonst geschlummert haben würden, und man habe würkliche Fälle, wo Unwissenheit geschützt habe.

Es ist aber ein mehr als möglicher Fall, es ist ein wahrscheinlicher Fall, daß Unwissenheit weit öfter schaden werde, als sie nützt, und man [239] müßte gegen würkliche Fälle, wo Unwissenheit geschützt hätte, auch würkliche Fälle haben, wo Belehrung geschadet hätte. Hätten wir würkliche Fälle der einen oder andern Art genug, so würden wir uns nach Erfahrungen bestimmen; da wir aber noch wenig ausgemachte Erfahrungen haben, und es ohnedies auch nicht bewiesen werden kann, daß ein entgegengesetztes Benehmen auch einen entgegengesetzten Erfolg würde gehabt haben: (denn wie viele uns unbekannte Ursachen können das veranlassen, was wir als eine Folge unsers Benehmens ansehen) so müssen wir die würklichen Fälle vorerst ganz vorbei gehen und uns an das Mögliche und Unwahrscheinliche halten.

Wir können ja nicht darthun, daß in dem Fall, wo unserer Meinung nach Unwissenheit geschützt hat, gerade sie und nichts anders geschützt habe; noch weniger, daß in eben dem Falle Belehrung würde geschadet haben. Wahrscheinlichkeit bestimmt uns hier. So macht es der Arzt beim Gebrauch eines neuen Heilmittels. Er bestimmt sich nach höchstwahrscheinlichen Gründen des Verhältnisses seiner Arznei zur Krankheit, und wiederholte Erfahrungen geben ihm erst Gewißheit.

[240] Geräth mein Kind durch meine Belehrung (es ist hier immer von einer zweckmäßigen und vollständigen die Rede) auf Abwege, so handelt es doch wider Gefühl und Ueberzeugung; es achtet nicht auf Vorstellungen und Ermahnungen, von denen es doch den nützlichen Zweck so frühe einsehen lernte. So ist also bei seinem künftigen Vergehungen immer eine Art Vorsetzlichkeit, die bei einer guten Erziehung nicht leicht zu erwarten ist. Gesetzt die Sinnlichkeit rege sich früher als sonst, so kennt es auch die Gründe und Mittel sie zu beherrschen früher, als sonst. Der Unterricht wird ja nicht einseitig ertheilt, sondern vollständig. Es kennt die Reize der sinnlichen Wollust, aber auch die Gefahren. Im Falle der Unwissenheit lernt es von selbst wol die Reize kennen, aber nicht die Gefahren. Tausend zufällige Umstände können jene in ihm erregen, und was sollte so abhalten, sich ihnen zu überlassen. Man mag aber auch annehmen, kein Zufall wecke Reize in ihm, die ihm gefährlich werden könnten, wodurch beruhigen sich denn gewissenhafte Eltern, daß die Unwissenheit ihres Kindes immer dauren und ihn immer schützen werde? Sie gründen ihre Hoffnung auf ein blindes Ungefähr, so wie die Unschuld ihres Kindes von einem blinden [241] Ungefehr abhängt. In einer so wichtigen Sache wird doch ein jeder gern sich auf etwas mehr verlassen wollen, als auf den bloßen Zufall; auch muß es allen Eltern lieb seyn, daß ihre Kinder gerade darum so gut handeln, weil sie diese und jene Überzeugung haben; nicht, weil sie zufälliger Weise nicht anders handeln können. Ein Kind kann kein Geld stehlen, so lange es nicht weiß, wo Geld liegt und wo der Schlüssel dazu ist; aber wird es darum nie stehlen und hat man den geringsten Grund, sich auf seine Abneigung gegen das Stehlen zu verlassen?

Aber wie läßt sich nur Unwissenheit in diesem Fall immer als möglich gedenken? Alle Menschen, die zu reiferen Jahren gekommen sind, haben doch von diesen Dingen Kentnisse. Wurden sie ihnen von der Natur unmittelbar eingeflößt, oder erhielten sie sie durch eigenes Nachdenken und Untersuchen, oder durch Belehrungen anderer? Einmal und auf einige Art sind sie doch dazu gekommen. Und was schützte sie da, als die Unwissenheit aufhörte und Kenntniß in die Stelle trat? Unwissenheit muß doch einmal aufhören und kann also nur eine Zeitlang schützen. Alles was man gegen Belehrung sagen kann, trift nur bloß die frühe Belehrung.

[242] Gewinnt man nun im Ganzen, wenn man die Belehrung aufschiebt, oder gewinnt man durch die frühe Belehrung?

Durch aufgeschobenen Unterricht gewinnt man nur eine Zeitlang, und dies ist noch höchst ungewiß: denn auf welche Art kann man sich von der Unkunde des Kindes vergewissern? Wie kann man den Zeitpunkt voraussehen, da sie aufhören wird? Einige werden früher, andere später, einige auf diese, andere auf andere Art zur Kenntniß gelangen. Bei der großen Wißbegierde der Kinder in diesem Stück läßt es sich gar nicht erwarten, daß ihre Unwissenheit (die doch ja auch nach der Einrichtung der Natur einmal aufhören soll und muß) lange dauern werde.*)

Erlangen sie nun Kenntnisse durch eigenes Nachdenken, eigene Vermuthungen, eigene Untersuchungen, [243] so sind sie immer in einer sehr schlüpfrigen Lage. Sie machen sich gewisse Vorstellungen durch das wiederholte Bestreben, sich dieselben aufzuklären, immer geläufiger. Sie fühlen einen Trieb, diese und jene Idee selbst auszuführen, sich durch Versuche zu überzeugen, wie weit ihre Vermuthungen gegründet seyn könnten. Diese Beschäftigung gewinnt für sie immer mehr Interesse und sie überlassen sich derselben gern, weil sie nichts Böses dabei ahnden.

Erlangen sie diese Kenntniß durch andere, so ist man nicht sicher, daß sie ihnen auf die rechte Art beigebracht werde. Ein muthwilliger Scherz, ein leichtsinniger Ausdruck, eine wollüstige Geberde des Erzählenden kann unendlichen Schaden verursachen. Es kommt hier ja darauf an, daß die Sache ihnen zuerst von der ernsthaften Seite vorgestellt werde.

Gesetzt aber die Sache würde ihnen so zweckmäßig, als möglich vorgetragen, wovon man aber doch nie gewiß seyn wird, weil man nicht wissen kann, welche Ideen sich in der Seele des Kindes vorher festgesetzt haben können: so bleibt die Belehrung in den späteren Jahren, darum schon schwierig, weil man alsdann gegen die Reizungen der Wollust schon empfindlicher ist [244] und es fast nicht möglich ist, so behutsam zu Werke zu gehen, daß die Einbildungskraft dabei nicht erhitzt werde. Je näher dem Zeitpunkte, wo die Natur im Stande ist, vom Erzeugungstriebe Gebrauch zu machen, je leichter ist es ihn aufzuregen. Dies bedarf ja wol keines Beweises.

Noch einer andern Einwendung würde ich kaum erwähnen, wenn ich sie nicht selbst von einigen gehört hätte.

Man könne Kindern doch diese Sache nicht begreiflich machen.

In eine philosophische Untersuchung über die zeugende Kraft würden sie uns freilich nicht folgen können. Es kann ihnen auch gleichviel seyn, ob die Büssons oder Bonnets oder eines andern Meinungen kennen. Aber eine historische Kenntniß kann ihnen leicht beigebracht werden. Man kann ja immer die Thiere als das erste Beispiel gebrauchen und selbst das Pflanzenreich giebt die ersten und leichtesten Ideen dazu her. Die historische Kenntniß ist auch zu dem Zwecke dieses Unterrichts hinreichend; nachher kann man sich bei zunehmenden Jahren der Kinder auch ausführlich und eben so nützlich über diesen Gegenstand der Natur unterhalten, als über einen jeden anderen. Daß es übrigens auf einen geschickten Lehrer ankomme, [245] die den Fähigkeiten seines Kindes angemessene Methode zu wählen, versteht sich von selbst und gilt von allen andern Arten des Unterrichts auch.

Eben so unbedeutend ist die Einwendung, daß Kinder bei dem frühen Unterricht in dieser Sache sich leicht an zu freie Ausdrücke gewöhnen könnten. Dies ist gegen den Nutzen dieser Belehrung wenig gesagt und auch im mindesten nicht zu befürchten. Haben sie anständige und richtige Begriffe über die Sache, so werden sie sich auch richtig und anständig darüber ausdrücken, wenn davon geredet werden muß. Zudem wird ein vernünftiger Lehrer es ihnen leicht begreiflich machen, daß es unschicklich, auch schädlich sey, in Gesellschaften und überhaupt ohne dringende Veranlassung davon zu reden. Er zeigt es auch ja schon selbst darin, daß er in der geheimsten Unterredung nur mit dem Kinde darüber zu seiner Belehrung sich unterhält.

Nehmen wir das Gesagte nun kurz zusammen, so finden wir uns von folgendem aus höchstwahrscheinlichen Gründen überzeugt:

1. Daß der erwähnte Unterricht den Kindern im Allgemeinen nützlich sey, weil er ihnen [246] richtige Kenntnisse von den Lastern, die sie vermeiden sollen, mittheilt, auch die triftigsten Abhaltungsgründe davon mit sich führt.

2. Daß Mangel dieses Unterrichts im Allgemeinen schädlich sey, weil Kinder dadurch unschuldiger Weise in Sünden gerathen können, deren Natur, Größe und Gefahr sie nicht kennen.

3. Daß eine zweckmäßige Belehrung so selten schaden könne, als selten überhaupt bei einer guten Erziehung vorsetzliche Fehler an Kindern Statt finden.

4. Daß Unwissenheit hier so viel öfter schaden werde, als häufiger überhaupt Fehler der Unwissenheit begangen werden können.

5. Daß Unwissenheit nur so lange schütze, als sie daure; fortdauernde Unwissenheit aber nicht statt finden könne.

6. Daß Eltern bei der Unwissenheit ihrer Kinder keine beruhigenden Gründe für die Tugend und Unschuld derselben haben können.

7. Daß, da Kenntniß immer einmal kommt und kommen muß, es besser sey, sie frühe zu ertheilen, weil alsdann die Sinnlichkeit nicht so leicht rege wird, man auch desto sicherer [247] seyn könne, die Jugend habe keine leichtsinnige Ideen schon darüber gefaßt.

8. Daß alle Besorgnisse einer Verletzung der Schaamhaftigkeit durch das vernünftige Benehmen dessen, der den Unterricht ertheilt[2], gehoben werden.

9. Daß auch so viel von dieser Sache der Jugend einleuchtend und faßlich gemacht werden könne, als zum vorgesetzten Zweck nöthig ist.


Ich sehe nicht, wie wir noch lange unschlüßig bleiben könnten, welchen Weg wir einschlagen müßen. Mancher, der sich von der Nothwendigkeit einer solchen frühen Belehrung überzeugt hält, könnte indessen so denken:

Wird die Sache öffentlich zum Vortheil dieser Belehrung entschieden; wird sie nach und nach ein Grundsatz in der Erziehung: so wird sie auch wahrscheinlich von manchen ohne eigene Prüfung auf das Ansehen anderer, oder weil es schon so etwas bekanntes sey, angenommen. Diese Manche würden vielleicht nicht die nöthige Geschicklichkeit haben, ihren Kindern einen solchen Unterricht zu ertheilen, es aber doch gern wollen. Hieraus könne denn im Ganzen mehr Schaden, als Nutzen entstehn. Freilich wahr. [248] Aber die Furcht, eine gute Maxime anzupreisen, weil sie eine verkehrte Anwendung leiden kann, sollte uns doch nicht abhalten. Sie findet in so vielen Fällen statt und das Einzige, was wir hier thun können, ist daß wir auf den Mißbrauch aufmerksam machen und ihn möglichst zu verhindern suchen.

Es käme denn auch hier auf eine Anweisung an, wie der erwähnte Unterricht am besten und zweckmäßigsten ertheilt würde. Ich will allen Eltern und Jugendfreunden meine Gedanken darüber zur Prüfung vorlegen.


II.
Wie muß der Unterricht über die Erziehung des Menschen und über die Folgen der Selbstschwächung ertheilt werden, wen er sowol unschädlich als auch wirksam seyn soll?

Man würde seinen Zweck schwerlich erreichen, wenn man Kindern und jungen Leuten solche Bücher in die Hände geben wollte, in denen diese Materie bereits umständlich abgehandelt ist. In einer Hinsicht enthalten diese Bücher zu viel, [249] in einer andern zu wenig für sie. Zu viel Theoretisches und zu wenig Praktisches. Zudem sind sie nicht in einer für Kinder sich schickenden Schreibart abgefaßt. Der Zweck dieses Unterrichts ist einer jeden Mißleitung des Geschlechtstriebes vorzubeugen. Folglich gehört dahin nothwendig, daß die Jugend die Bestimmung dieses Triebes kennen lernt und von den schädlichen Folgen des Mißbrauchs überzeugt werde. In den theorethischen Theil dieses Unterrichts gehört also die Lehre vom zwiefachen Geschlecht in der Natur und der Art, wie zwei verschiedene Geschlechter sich vereinigen, ihres Gleichen hervorzubringen. In dem praktischen Theile käme vor, wie dieser Trieb bei den Menschen geordnet und gelenkt werden müße, so wie auch die Bewegungsgründe und Mittel dazu. Ein Buch, worin dies mit einander verbunden wäre, würde also der Jugend sehr empfehlbar seyn, wenn es dabei ganz eigentlich nach ihrer Fassungskraft eingerichtet wäre.


Aber hier liegt eben die Schwierigkeit. Es ist von einer schriftlichen Belehrung nicht zu erwarten, daß sie für alle gleich deutlich seyn werde. Es ist auch beinahe unmöglich, allen Fragen, [250] die verschiedenen Kindern beim Lesen einfallen können, schon im Voraus zu begegnen. Zudem kommt gerade bei diesem Unterricht manches vor, wovon es schwer ist, eine deutliche Beschreibung zu machen, und wovon ein Begriff, durch den Augenschein gefaßt, weit leichter und selbst weit unschädlicher seyn würde, als in einer Beschreibung, bei der die Phantasie so leicht erhitzt wird. Denn nur blos das Sinnen, was dabei hin und wieder nöthig wäre, wäre eine Veranlassung, die Phantasie in Bewegung zu setzen. Auch ist es nicht zu leugnen, daß bei einer schriftlichen Belehrung nicht der Ausdruck von Zutraulichkeit, nicht das lebhafte Theilnehmen des Lehrers, das der ganzen Sache zum großen Vortheil gereicht, so sichtbar werden könne. Zu erwarten ist es auch nicht, daß die Jugend dies alles in der Ordnung lesen würde, in der es geschrieben wäre, und es käme doch sehr darauf an, daß ihre Begriffe in einer bestimmten Folge entstünden. Wenn auch einige Kinder es gehörig lesen würden, so würden manche andere nur darin blättern und hie und da etwas erhaschen. Manche Eltern würden denn auch glauben, es sey nun damit alles gut, daß sie ihren [251] Kindern ein solches Buch in die Hände gäben, ohne darauf zu sehen, welchen Gebrauch sie davon machten.

Ich will aus allem dem aber doch nicht folgern, daß eine schriftliche Belehrung überall keinen Nutzen habe. Sie ist immer besser, als gar keine; aber der mündliche Vortrag hat unendliche Vorzüge. *)

In Rücksicht auf jene bleiben immer folgende Einschränkungen wesentlich nothwendig:

1. Man gebe über die Erzeugung etc. Kindern in den frühen Jahren nichts für sich allein zu lesen. Will man es aber mit ihnen durchlesen, so hat man selbst einen Leitfaden und man kann nach Beschaffenheit der Umstände manches abändern, erläutern und hinzufügen. [252]

2. Man lasse sie selbst in späteren Jahren nichts ohne Vorbereitung lesen. Den Unterschied vom männlichen und weiblichen Geschlecht in der Natur überhaupt und am Menschen besonders müssen sie vorher durch den Augenschein kennen gelernt haben. Eben so müßen sie Beispiele der genauesten Vereinigung beider Geschlechter an verschiedenen Thieren gesehen haben, weil es beinahe unmöglich ist, daß, wenn sie diese zuerst aus Beschreibungen kennen lernen sollten, die Einbildungskraft nicht eine nachtheilige Wendung bekäme. Ein sinnliches Bild befriedigt hier weit mehr und in weit kürzerer Zeit. Man hat alsdann auch etwas, worauf man sich in der schriftlichen Belehrung beziehen kann; und sonach fiele denn in der schriftlichen Belehrung selbst

3. alles weg, was umständliche Beschreibung von dem Bau der Zeugungstheile und der Vereinigungsart der Geschlechter betrift, wodurch sie, wenn sie einem unvorbereiteten Kinde in die Hände geriethe, leicht gefährlich werden könnte. Man sieht leicht, wie viel in einer so delikaten Sache von dem [253] ersten Eindrücken abhängt, und der Erfolg ist zu wichtig, als daß man hier nicht auf alles, schiene es auch noch so unbedeutend, Rücksicht nehmen sollte.

Nach meinem Gefühl kann also der schriftliche Unterricht nichts anders seyn, als eine Fortsetzung und Erweiterung der mündlichen Belehrung. Was in der Natur gesehen werden kann, würde dabei immer vorausgesetzt. Folglich gehörte nur die nähere Anwendung der schon erlangten Kenntnisse auf den Menschen dahin und nächstdem alles, was zu dem praktischen Theil des gesammten Unterrichts gerechnet werden kann. Haben Kinder vorher in der Natur gesehen, was sie sehen können und darüber mündlichen Unterricht erhalten, so kann das Lesen eines schriftlichen Aufsatzes von Zeit zu Zeit eine nützliche Wiederholung seyn. Sie werden dadurch noch mehr von der Wichtigkeit der Sache überzeugt, wenn sie sehen, daß auch andere Männer zu ihrer Aufklärung und Besserung beitragen.

Das Allgemeine, worauf es bei dem mündlichen Unterricht ankommt, besteht nach meiner Ueberzeugung darin:

[254] 1. Daß er so frühe, als möglich ertheilt werde. Man hat Beispiele, daß Kinder sehr frühe den Zeugungstrieb zur Selbstschändung mißbrauchen können. Es wird daher rathsam, daß man, ohne ein gewisses Jahr zu bestimmen, seinen Unterricht anfange, sobald das Kind im Stande ist, von andern leichten Dingen sich deutliche Begriffe zu machen. Die Gründe für den Unterricht sind zugleich die Gründe für den allerfrühesten Unterricht.

2. Daß Eltern und Lehrer, oder sonst Personen, zu denen die Kinder Zutrauen haben, dies Geschäft übernehmen. Je weniger Kinder selbst prüfen können, je mehr gilt bei ihnen Autorität und es kommt bei ihrer Ueberzeugung sehr darauf an, wer ihnen die Sache sagt. Es ist auch begreiflich, daß ein vorzügliches Interesse auf Seiten des Lehrers dem ganzen Unterricht Leben und Eindringlichkeit giebt. Kinder weiblichen Geschlechts haben zu ihren Müttern und Erzieherinnen das größte Vertrauen; folglich sind diese aus dem Grunde, und auch, weil sie sich gegen ihr Geschlecht [255] immer freier ausdrücken können, in diesem Fall die besten Lehrer.

3. Daß der Unterricht nicht in Gegenwart mehrerer Kinder, sondern, wie man sagt, unter vier Augen ertheilt werde. Es ist für das feine Gefühl der Schaamhaftigkeit nachtheilig, wenn man in Gegenwart mehrerer Personen einen freien Ausdruck hören, oder nennen muß. Es gewinnt immer das Ansehen des Oeffentlichen, wenn mehrere zugegen sind. Die Schaamhaftigkeit ist alsdann schon empfindlicher und jede gewaltsame Ueberwindung derselben schwächt sie. Sind mehrere Kinder zugegen, so kann der Unterricht auch nicht für alle gleich passend seyn, auch können ihre Gedanken nicht alle in der gehörigen Richtung erhalten werden. Durch das viele Fragen, was daher entstehen wird, würde auch der Unterricht sehr schwierig werden.

4. Daß die eigentliche Lehre von der Erzeugung oder das theorethische des Unterrichts auf einmal vorgetragen werde, so daß sie in Einer Unterhaltung über diese [256] Sache hinlänglich befriedigt werden. Dies verhindert, daß sie sich nicht selbst mit allerlei Aufgaben beschäftigen, die besonders bei lernbegierigen Kindern unvermeidlich, aber auch gefährlich seyn würden. Doch muß von der Schädlichkeit und Gefahr der Wollust und von der Weisheit und Güte Gottes zugleich vorläufig etwas angeführt werden, damit ein ernsthafter Gedanke zurückbleibe. Das übrige von der Unkeuschheit würde denn in den folgenden Unterhaltungen ausführlicher vorgetragen.

5. Daß alles was die Einbildungskraft beschäftigt, sorgfältig vermieden werde. Zu dem Ende ist es nöthig, sich aller Beschreibungen zu enthalten, und sich so auszudrücken, daß Kinder mit ihrem Verstande immer folgen können. Je wirksamer dieser erhalten wird, (dies geschieht durch oft eingestreute Bemerkungen und Anwendung des Gesagten) je weniger findet die Einbildungskraft Gelegenheit, auszuschweifen. Es ist schwer die nöthige Vorsicht hiebei auf allgemeine Regeln zu bringen. Es kommt vornemlich darauf an, daß der [257] Lehrer sich immer voran befinde und das Kind nachfolge. In andern Fällen macht man es wol umgekehrt. Das natürliche Geschick übrigens, mit Kindern umzugehn, und die Fähigkeit, jeden Eindruck bei ihnen leicht zu bemerken und sich darnach zu richten, muß bei dem ganzen Unterricht nothwendig vorausgesetzt werden. Wer dazu überhaupt keine Anlage hat, hat sie in diesem Fall am allerwenigsten.

6. Daß der ganze Ton der Unterredung ernsthaft und gesetzt sey. Durchaus kein Scherz, keine lächerliche Miene kann hier statt finden. Man suche nur selbst seine Begriffe hierüber wohl zu ordnen; die Spuren der göttlichen Weisheit und Güte mit Bewunderung zu erkennen, und sich das vielfach menschliche Elend, das aus der unordentlichen Befriedigung des Wollusttriebes entsteht, lebhaft vorzustellen: so wird die ganze Sache ernsthaft. Eigenes Gefühl legt uns die Sprache in den Mund, die wir reden müssen, und es ist immer nicht schwer, einem andern Empfindungen einzuflößen, von den wir selbst durchdrungen sind.

[258] 7. Daß man in dieser Belehrung so weit gehe, als man nach den Fähigkeiten eines jeden Kindes gehen kann. Je mehr sie von der Sache wissen, je zweckmäßiger, weiser und wundervoller wird ihnen das Ganze. Es kann keinen Fall geben, wo eine eingeschränkte Kenntniß mehr nützen sollte, als eine vollständige. Je mehr Kinder auch von Andern auf eine gute Art davon erfahren, je weniger haben sie sich selbst zu enträthseln. Das Bestreben, sich selbst über alles Aufklärung zu verschaffen, wird man nicht verhindern können, wenn man sie einmal mit etwas bekannt gemacht hat. Doch kann man ihnen nicht alles auf einmal sagen, was sich über die ganze Materie nützliches sagen läßt. Man mag ihnen übrigens auch das Wenigste sagen wollen, so erhellet aus dem Zweck dieses Unterrichts, daß Kenntniß von dem Actuellen des Zeugungsgeschäfts und was dabei vorgehe, das Wenigste sey. Ohne dies werden sie von den Lastern der Unkeuschheit keinen bestimmten Begriff erhalten können.

8. Daß dieser Unterricht von Zeit zu Zeit wiederholt werde, damit die Jugend immer [259] die Bewegungsgründe, den zunehmenden Geschlechtstrieb zu beherrschen, bei der Hand habe. Gut wäre es, wenn man sich es angelegen seyn ließe, hiebei einen gewissen Stufengang zu beobachten, so daß man sich mit den Jahren immer mehr und dringender über diesen Gegenstand unterhielte, und dazu jede Veranlassung, als: das Unglück eines geschändeten Mädchens oder eines unglücklichen lasterhaften Jünglings nutzte; die Jugend auch zuletzt an solche Oerter hinbrächte, wo sie warnende Beispiele der verderblichen Unzucht sehen könnte.*) Hat man einmal den ersten Schritt gethan, so wäre es unverantwortliche Sorglosigkeit, wenn man die Jugend stecken lassen wollte. Vom ersten Unterricht würde leicht nur so viel übrig bleiben, als hinreichend wäre, sie in Versuchungen zu führen.

[260] Dabei ist es denn auch ganz nothwendig, daß man auf die Würkung dieser Belehrung Acht gebe, um, falls das Kind eine unerwartete Wendung nähme, zu rechter Zeit mit seiner Leitung dazwischen zu kommen. Man beobachte die ganze folgende Sinnes- und Denkungsart des Kindes. Zeigt es vermehrte Hochachtung gegen die Werke des Schöpfers, Liebe gegen Eltern und Erzieher, Schaamhaftigkeit in seinem ganzen Betragen, welches man leicht bemerken wird, wenn es Unanständigkeiten sieht und hört: so sind dies lauter Kennzeichen, daß die Belehrung gewürkt habe, was sie würken sollte. Uebrigens denke ja niemand, daß diese Sache so kurz abgethan werden könne, und daß es genug sey, sich einmal damit befaßt zu haben. Unterrichten kann man nicht immer, aber Erziehen ist ein fortgehendes ununterbrochenes Geschäft und setzt anhaltende Aufmerksamkeit voraus.

Der gute Erfolg dieser Belehrung hängt nun doch nicht allen von der guten Art ab, auf welche sie ertheilit wird. Sehr viel kommt auch auf die Kinder selbst an. Da es aber hauptsächlich an Erziehung liegt, wie Kinder sind, so wird es wiederum Pflicht für Eltern und Lehrer, die ihren Kindern diesen Unterricht ertheilen wollen, [261] sie gehörig darauf vorzubereiten. Als Vorbereitung kann überhaupt eine jede gute Erziehung angesehen werden. Je weiter man in der sittlichen und wissenschaftlichen Bildung der Jugend gekommen ist, desto leichtere und sichrere Fortschritte wird man auch in dem benannten Unterricht mit ihr machen. Ist sie frühe zum Denken und zur Aufmerksamkeit gewöhnt, zeigt sie Vertrauen und Folgsamkeit gegen ihre Lehrer und Erzieher, besitzt sie ein feines Gefühl von Anstand und guten Sitten: so kann man sich auch jenem Unterricht den besten Erfolg versprechen. Gegentheils ist es auch sehr wahrscheinlich, daß man bei unwissenden, flatterhaften und vernachläßigten Kindern seines Zwecks verfehlen werde. Es wäre hier zu weitläufig, die Grundsätze einer guten Erziehung alle anzugeben. Ich will also nur das berühren, was in besonders genauer Verbindung mit dem erwähnten Unterrichte steht.

Die Bewegungsgründe, die Kinder haben können, alle dem, was ihnen darüber gesagt wird, Folge zu leisten, rühren vornemlich her aus der wahren Verehrung des höchsten Wesens, aus der Liebe und Hochachtung gegen ihre Eltern und Lehrer, und aus den Vorstellungen von ihrer künftigen [262] eigenen Glückseligkeit. Man suche ihnen also frühe die Religion recht wichtig zu machen. Das heißt nun nicht, daß man ihnen frühe Sprüche aus der Bibel und Gebete zum gedankenlosen Nachbeten vorsage; auch nicht, daß man sie, sobald sie lesen können, dunkele Sätze aus der Theologie auswendig lernen lasse; sondern daß man ihnen ehrerbietige und dankbare Gesinnungen gegen Gott einflöße, dessen Weisheit und Güte auch dem kindischen Verstande bemerkbar werden kann, wenn man ihn nur darauf hinleitet. Wahre Erkenntniß ist doch die Grundlage einer vernünftigen Gottesverehrung, und wo schöpft ein Kind diese besser, als aus den Dingen, die ihm nahe liegen, die Beziehung auf dasselbe haben und es interessiren. Es ist also sehr zweckmäßig und keine Herabwürdigung der geoffenbarten Religion, wenn man die Jugend zuerst zur Kenntniß der Natur führet. Der Vater der Natur ist der Urheber aller Glückseligkeit, die wir hier genießen und in der Ewigkeit zu hoffen haben; gleich gütig und gleich groß in allem, was er zu unserm zeitlichen und ewigen Glück veranstaltete. Wir richten uns in andern Dingen nach der menschlichen Natur und gehen stufenweis, warum wollten wir denn hier einen [263] solchen Sprung machen? Man gebe auch nur Acht auf die Jugend, wie bereitwillig und empfänglich sie für einen jeden Unterricht ist, den sie fassen kann. Man wird sich daraus überzeugen, daß die Trägheit beim gewöhnlichen Religionsunterrichte, worüber so oft geklagt wird, keiner natürlichen Abneigung gegen das Gute, sondern dem Mangel deutlicher Begriffe zuzuschreiben ist. Man lehre sie nur zuerst das, was sie begreifen können; dies ist der einzige Weg, ihnen auch das ehrwürdig zu machen, was sie nicht begreifen können. So frühe als möglich führe man Kinder an, in der Natur die bewundernswürdige Ordnung, die weisen Mittel und Endzwecke zu bemerken. Man gehe hiebei immer von Dingen aus, die ihnen bekannt sind und für sie einen Werth haben. Je öfter man sich darüber mit ihnen unterhält, je geläufiger werden ihnen Vorstellungen von der Weisheit und Güte Gottes. Diese Vorstellungen führen immer auch die edelsten Bewegungsgründe zur Tugend mit sich. Dabei stelle man es ihnen lebhaft vor, daß es strafbare Undankbarkeit sey, den weisen Endzwecken Gottes entgegen zu handeln. Jede muthwillige Zerstörung in der Natur, jede Zernichtung auch des kleinsten Wurms ohne Nutzen [264] und Absicht ahnde man als ein Verbrechen. Man mache sie mit der Einrichtung ihres Körpers, mit dem zweckmäßigen Bau ihrer Gliedmaaßen bekannt und lehre sie, sich über jeden nützlichen Gebrauch derselben freuen.

Alle Arten von physiologischer Kenntniß können als eine nützliche Vorbereitung angesehen werden, denn sie erregen Gefühl vom Schöpfer. Sie schärfen den Sinn für Vollkommenheit, Ordnung und Zweck. Besonders ist die Kenntniß des menschlichen Körpers vorläufig in einzelnen Theilen wichtig. Man nehme daher ein Stück desselben, z. B. das Auge, das Ohr, die Zähne mit ihren verschiedenen Formen u. d. gl. und spüre der Einrichtung der Natur nach, mit beständiger Hinweisung auf ihren großen Urheber. Man zeige wie zweckmäßig und brauchbar das alles, wie sorgfältig es gegen mögliche Verletzungen geschützt sey. Dann lehre man auch die Verbindung der Theile unter sich; zeige, wie die Zerstörung eines Theils auf den andern wirke, und verbinde damit einige diätätische Regeln, damit die Jugend schon frühe einleuchtende Bewegungsgründe zur Mäßigkeit, Reinlichkeit und Ordnung bekomme. Hiermit ist zugleich vielen [265] Gelegenheit zu künftigen unkeuschen Trieben vorgebaut.

Hat das Kind einmal das Angenehme einer solchen Unterhaltung geschmeckt, und ich kenne kein Kind, das nicht immer hier mit der größten Theilnehmung zugehört hätte: so hat man sich schon im Voraus seiner Aufmerksamkeit versichert. Man hat seinem Verstande und seinem Herzen eine Richtung gegeben, die um so gewisser erwarten läßt, daß der nachfolgende Unterricht über die Erzeugung den besten Eindruck machen werde. Ja es ist höchstwahrscheinlich, daß ein Kind, solbald es nur von andern Theilen seines Körpers richtige Kenntnisse erlangt hat, selbst bei dem Mangel des Unterrichts von der Erzeugung, nicht leichtsinnig über die dazu erforderlichen Theile denken werde. Freilich wird es sich die Frage: Wozu? nicht beantworten können, aber etwas Weises, Großes, Gütiges wird es dabei ahnden. Ueberhaupt ist es gewiß, daß in der Erziehung, wie in anderen Dingen, ein einzelner guter Schritt so viele wohltätige Folgen hat, als oft eine verkehrte Behandlung in einem Stück unabsehbares Unglück veranlaßt. Die Würkung ist in beiden Fällen größer, als [266] man glaubt. Und hierin liegt für jeden Erzieher ein aufmunternder und sehr warnender Wink.

Hochachtung, Liebe und Zutrauen suche man bei ihnen gegen sich zu erwecken. Die Bewegungsgründe, die daraus für Kinder herfliessen, übertreffen sogar oft alles, was ihnen sonst die Aufklärung ihres Verstandes an die Hand giebt. Ihr Herz ist gewonnen, ehe ihr Verstand überzeugt ist und ein Wink von einer ihnen werthen Person gilt oft bei ihnen mehr, als die strengste Demonstration. Schade, daß dieser Vortheil in der Erziehung so oft aus der Acht gelassen wird. So manche ist um deswillen allein misgerathen. Aber wie erwirbt man sich Hochachtung, Liebe und Zutrauen? Ausführlich kann dies wieder hier nicht gezeigt werden und kurz wüßte ich nichts anders zu sagen, als dadurch, daß man selbst eine vernünftige Liebe gegen seine Kinder habe, und ihnen diese in der unabläßigen Sorge für ihre Wohlfahrt zu erkennen gebe. Sie müssen es sehen, daß man ihnen wohl will. Sie müssen durch Erfahrungen unsere Einsichten, unsern Rath, unser Urtheil, unsere Gesinnungen gegen sie bewährt gefunden haben. Dies würkt Liebe und Zutrauen, Unvernünftige Liebe gegen sie, Zärtelei, blindes [267] Nachgeben, zuvorkommende Befriedigung ihrer Wünsche würkt Verachtung, denn nur zu leicht sieht ein Kind das Fehlerhafte dabei ein.

Man errege oft bei ihnen Vorstellungen von ihren künftigen Lebensjahren; vom Werth der Gesundheit; vom Glück, daß man alsdann genießt, wenn man seine Jugendjahre wohl angewendet; wie nützlich und nöthig es sey, die Sinnlichkeit zu beherrschen. Man zeige ihnen Beispiele von Menschen, deren Glück und Unglück eine sichtbare Folge der Anwendung ihrer Jugendjahre war. Man mache sie immer auf die Folgen ihrer Handlungen aufmerksam, damit sie es einsehen, daß der Mensch der Schöpfer seiner Freuden und Leiden in den meisten Fällen selbst sey. Jeden Sieg, den sie über ihre Leidenschaften erhalten, suche man ihnen angenehm zu machen, Man erhöhe ihre Freude darüber durch seine Theilnehmung.

Hat man bei diesem Vorbereitungsgeschäft das möglichste gethan, so scheinen folgende nähere Schritte zu dem erwähnten Unterricht schicklich zu seyn:

1. Man mache sie mit dem zwiefachen Geschlecht in der Natur bekannt.

[268] Um ihnen von Fortpflanzung, Zeugung, Geschlechtstheilen, Saamen etc. überhaupt Begriffe auf eine unschuldige Art beizubringen, wähle man zuerst das Pflanzenreich. Es thut nichts, daß nicht alles hier genau auf den Menschen paßt, denn man kann nachher die nöthigen Bestimmungen leicht hinzufügen. Kinder lernen doch gleich die Sache von der Seite, da sie auf Bewundrung Gottes leitet, anschaulich erkennen. Man zeige ihnen, wie eine Blume im Stande sey, andere Blumen ihrer Art hervorzubringen, durch den Weg, den man die Befruchtung nennt. Diese Befruchtung beruhe auf gewiße verschiedene Theile, die Geschlechtstheile heißen, und deren es männliche und weibliche gebe. Männliche und weibliche Geschlechtstheile wären zur Hervorbringung einer Blume beide nothwendig. Hier lehrt man sie, daß die Staubfäden die männlichen und die Staubwege die weiblichen Theile sind; *) das jene zu [269] der Zeit, da sie ihre Vollkommenheit erhalten haben, in dem oberen Theil (Staubbeutel) aufplatzen und eine Menge kleiner Kügelchen (Blumenstaub) auf die weiblichen Theile streuen; daß diese Kügelchen ein subtile Feuchtigkeit (befruchtenden Saamen) in sich schließen, der sich, sobald die Küchelchen sich öfnen, durch die Spitze des Staubweges (Narbe) senkt und in dem Fruchtknoten diejenigen Saamenkörner erzeugt, die nachher, wenn sie in die Erde gestreut werden, wo sie ihre Nahrung und Erziehung genießen, aufgehen und ähnliche Blumen tragen. Man macht hiebei die Bemerkung, daß in dem männlichen Saamen die Kraft liege, eine solche Blume hervorzubringen und daß die weiblichen Theile dazu bestimmt wären, den männlichen Saamen aufzunehmen und die daraus entstandene Frucht zur Vollkommenheit zu bringen. Ueberdem läßt sich ihnen hiebei sehr viel sagen, was zu allgemeinen Begriffen über das Fortpflanzungsgeschäft in der Natur verhilft und zugleich ihre Seele auf eine angenehme Art mit der Größe und Weisheit der Werke Gottes unterhält.

[270] Hievon geschähe denn der Uebergang ins Thierreich. Man zeigt ihnen die Verschiedenheit der Geschlechtstheile. Kann man zugleich durch die Zergliederung thierischer Körper ihnen die innere Verschiedenheit zeigen, so ist es so viel besser und sie erhalten so viel vollständigere Begriffe. Durch Beschreibung wird man ihnen den inneren Bau schwerlich begreiflich machen. Man zeigt ihnen nur die Möglichkeit einer genauen Vereinigung beider Geschlechtstheile aus ihrer äußeren Bauart; lehrt sie die Art der Begattung, Empfängniß, Ausbildung der Frucht, Geburt, erste Nahrung von der Muttermilch, kurz alles, was zur Erzeugungslehre gehört. Es setzt einen geschickten Lehrer voraus; aber welcher Unterricht thut das nicht?

2. Zeige man ihnen in der Natur Beispiele von Thierbegattungen.

Hiezu kann man ihnen leicht Gelegenheit verschaffen und der Eindruck davon kann bei den schon erlangten Begriffen auf keine Weise schädlich seyn. Hier sehen sie nun das in der Natur würklich, was man ihnen vorher als möglich gezeigt hat. Sähen sie vielleicht auch früher dergleichen etwas und äußerten Fragen darüber, so [271] thue man nur nicht heimlich und verlegen dabei, oder weise sie mit Vorwürfen ab, sondern man sage: die Thiere begatten sich, und verspreche, ihnen dies nächstens umständlich zu erklären. Ist Zeit und Gelegenheit dazu da, so erkläre man ihnen gleich diese Naturbegebenheit und rede deutlich und anständig. Große Umständlichkeit ist dabei nicht nöthig; aber man hat nun doch einmal einen Wink erhalten, ihnen diese Sache bald auch umständlich vorzutragen. Daß die Jugend die ganze Theorie von der Erzeugung aus Thierbeobachtungen schöpfen muß, scheint mir darum nothwendig, weil die Einbildungskraft hier weit weniger bei den vielen sichtbaren Darstellungen, die man machen kann, in Gefahr ist, gereizt zu werden; und weil man dazu überall Gelegenheit haben kann. Sie kann hier den Unterschied der Geschlechtstheile sehen, kann ihren innern Bau betrachten, die Zeugungssäfte kennen lernen, von den Umständen bei der Begattung sich überzeugen, die Geburt mit ansehen. Ich kann auf keine Weise finden, daß es möglich sey, ihr aus Beschreibungen so richtige und so unschädliche Ideen zu geben.

[272]

3. Wende man dieses auf den Menschen an.

Ehe aber dieser letzte Schritt geschehen kann, muß die Jugend auch den Unterschied der beiden Geschlechter hier kennen lernen. Ich kann nicht glauben, daß jemand es unschicklich finden wird, auch hier geradezu zu gehen und sie durch den Augenschein zu belehren. Jede Zurückhaltung, jede ängstliche Beschreibung würde offenbar die Sache verderben. Man weiß es auch ohnehin genug, wie neugierig die Jugend, besonders die etwas erwachsene, in diesem Punkt ist, und was sie oft für seltsame Wege und Mittel wählt, den natürlichen Unterschied des andern Geschlechts kennen zulernen. Man kann sicher glauben, daß jede Entdeckung, die sie für sich machen, ihrer schon erhitzten Einbildungskraft immer mehr Nahrung verschaffen und also ihrer Unschuld gefährlich werden wird. Schon aus diesem Grunde wäre es rathsam, ihnen zuvorzukommen, und der erwähnte Unterricht macht es ohnehin nothwendig. Wider die Schaamhaftigkeit würde es indessen freilich seyn, wenn man freie Entblößungen des einen Geschlechts gegen das andere zulassen wollte. Und wissen soll doch der Knabe, wie ein weiblicher Körper gebildet [273] ist; wissen soll das Mädchen, wie ein männlicher Körper gestaltet ist, sonst bekommen sie wieder keine vollständigen Begriffe und man setzt der grübelnden Neugierde keine Schranken. Beide sollen es auf eine ernsthafte Art wissen. Kupfertafeln könnten über diesen Punkt Befriedigung geben; aber stellen sie die Sache deutlich vor? Reizen sie nicht die Einbildungskraft? Laßen sie nicht den Wunsch einer Vergleichung mit der Natur zurück? Alle diese Besorgnisse verschwinden, wenn man sich zu dieser Absicht eines entseelten menschlichen Körpers bedient. Der Anblick einer Leiche flößt Ernst und Nachdenken ein, und dies ist die beste Stimmung, die ein Kind unter solchen Umständen haben kann. Seine nachherigen Erinnerungen an die Scene werden durch eine natürliche Ideenverknüpfung auch eine ernsthafte Wendung nehmen. Das Bild, das in seiner Seele zurückbleibt, hat nicht die verführerischen Reize der Bilder, die die Einbildungskraft freiwillig erzeugt, oder die durch andre minder ernsthafte Gegenstände erregt werden. Könnte alle Jugend den Unterricht über die Erzeugung des Menschen aus einer anatomischen Vorlesung schöpfen, so würde es weit weniger Vorbereitungen bedürfen. Da aber die Gelegenheit [274] dazu so selten ist, so kann doch ein jeder auch auf die vorgenannte Art ihr den nöthigen Unterricht ertheilen. Eine Leiche zu sehen, dazu ist ja oft Gelegenheit.

Haben Kinder sich hier mit der Verschiedenheit des Geschlechts bekannt gemacht, so ist wenig zu sagen übrig. Bei dem, was sie schon aus der Analogie der Thiere wissen, kann das, was man noch zu sagen hat, leicht kurz seyn. Und dies sage man ihnen gerade in demselben Augenblick. Man zeige ihnen die von der Natur angewiesene Art der genauesten körperlichen Vereinigung. Wegen Ausdrücke und Benennungen braucht man nicht verlegen zu seyn, da sie schon an diese gewöhnt sind und sie verstehen. Verständiges kluges Benehmen ist indeß immer dabei nothwendig. Dies kann ich so wenig jemand durch Vorschriften lehren, als ich mich ins Detail aller dabei möglichen Umstände einlassen kann. Theils sind die Fähigkeiten der Kinder so verschieden; theils kommen unerwartete Fragen, auf die man hier nicht Bedacht nehmen kann; theils ist ihnen in dem Vorhergegangenen manches undeutlich geblieben, worauf nun wieder besonders Rücksicht genommen werden muß. Dies alles setzt eine Geschicklichkeit des Lehrers [275] voraus, die ihm keine Vorschrift geben kann. Hat er nicht selbst über die Sache gedacht; kennt er nicht die Fähigkeit und Gemüthsart seines Kindes; will er blos das, was er von andern gehört hat und in den Ausdrücken, die er vorgeschrieben findet, seinem Kinde vortragen: so wird er sich oft verlassen fühlen und mehr schaden, als nützen. Auch kann ich manches, was in einer solchen engeren Unterhaltung nicht unschicklich zu sagen, zu nennen und zu zeigen ist, weil es nothwendig ist, in dieser Schrift nicht nahmhaft machen, wo ich der geringeren Nothwendigkeit wegen an die Gesetze des Wohlstandes gebunden bin. Durch die umständlichste Darstellung würde ich von dem, was bei der Erzeugung des Menschen äußerlich geschieht, nichts mehr sagen können, als was jeder Verständige und Unverständige weiß; und Vorschriften, wie man das, was man davon weiß, Kindern am besten sagt, wären für jene überflüßig und für diese vergebens. Genug, man sage den Kindern, was bei der Erzeugung vorgeht; was dies für Folgen haben solle und würklich habe; man streue oft lehrreiche Bemerkungen mit ein, die das Nachdenken der Kinder beschäftigen und ernste Empfindungen in ihrer Seele unterhalten; [276] man nütze jede Bewegung, jede Miene, die an ihnen sichtbar wird. Jeder Ausdruck in ihrem Gesicht wird ein Wink, wie man sich zu verhalten habe.

Nun kann man sich nachher öfter und weitläuftiger mit ihnen unterhalten über die Zeit, da ein Mensch von der Natur bestimmt ist, sein Geschlecht fortzupflanzen; über die Einschränkungen, die Religion, Vernunft und bürgerliche Gesetze dabei machen; über den Ehestand, Schwangerschaft, Geburt; über den Misbrauch des Erzeugungstriebes; über Unkeuschheit, Ehebruch, Selbstschwächung. Hier erfordert es aber nun die Klugheit, sich immer mehr in die Schranken der Schaamhaftigkeit zurückzuziehen und in allen Ausdrücken die größte Bescheidenheit zu gebrauchen. Man rede jetzt immer lieber durch Umschreibungen, weil man voraussetzen kann, daß man verstanden wird. Man gewöhne auf die Art durch sein eigenes Beispiel die Jugend an diejenigen üblichen und anständigen Ausdrücke, die man im gesellschaftlichen Umgange gebrauchen muß, wenn man nicht andern unangenehm und ärgerlich werden will. Man bezeuge auch immer sein Misfallen an allen Zoten und Zweideutigkeiten unserer feinen Gesellschaften, wäre es auch [277] nur durch eine Miene, die dem aufmerksamen Kinde alles sagt. Man wird finden, je mehr und öfter man sich mit ihnen über Dinge ernsthaft unterhält, die in vielen Gesellschaften nur ein Gegenstand des Gelächters sind, je mehr wird man das Gefühl von Anständigkeit in ihnen schärfen. Jeder fade Witz wird ihrem aufgeklärten Verstande widerlich; jeder schaamlose Ausdruck ihrem besser gewöhnten Ohr ein unausstehlicher Mislaut werden.

Was man Kindern, nach gefaßtem Unterricht von der Erzeugung, über Unkeuschheit und ihre Folgen sagen müsse, bedarf hier keiner weitläuftigen Auseinandersetzung, da schon vorher genug darüber gesagt worden ist. Eine anschauliche Erkenntniß von der großen Strafbarkeit dieses Laster giebt ihnen eben der gedachte Unterricht; die Schädlichkeit desselben erhellet gleichfalls schon daraus. Man braucht sie nur darauf aufmerksam zu machen, Beispiele und Erfahrungen in der Welt zu nutzen und ihnen zur Vermeidung der Versuchungen dazu nach den vorhergegebenen Bermerkungen, werkthätig an die Hand zu gehen.

Bei dem Unterricht über die Selbstschwächung kommt es indessen, damit alles, was darüber [278] gesagt wird, möglichst zweckmäßig geschehe, vorher darauf an, daß man wisse, ob sie mit diesem Laster angesteckt sind, oder nicht? Hiezu ist nun schon der Weg einer directen Frage nach wahrscheinlichen Gründen als der sicherste ausgemacht worden. Und diese Frage scheint am füglichsten (falls sie nicht aus starken Vermuthungsgründen für dieses Laster vorher geschehen ist) gleich nach dem Unterricht über die Erzeugung statt zu finden, ehe man ihnen noch über Selbstschwächung etwas gesagt oder erklärt hat, worin sie bestehe.*) Es ist alsdann nicht zu vermuthen, [279] daß Schaam oder Frucht, oder Besorgniß, Eltern und Lehrern etwas Unangenehmes zu sagen, sie von einem offenherzigen Geständniß abhalten werden. Die Frage muß verständlich seyn. Ob sie sichs bewust wären, die Theile ihres Körpers, die zur Zeugung bestimmt wären, auf eine oder die andere Art vorsetzlich gereizt und sich ein Vergnügen dadurch verschaft zu haben? Sie kann in der planen Sprache des Umgangs, die einem jeden eigenes Gefühl eingiebt, noch verständlicher ausgedrückt werden, nachdem [280] es Alter, Erziehung und Fähigkeiten des Kindes nothwendig machen. Wird sie bejahet, so kann man noch umständlicher nach Zeit, Ort und Veranlassung fragen, bis man über alles zur völligen Gewißheit kommt, und dann hat man ja von einer Sache, die das Kind selber aus Erfahrung kennt, weiter keine Erklärung zu geben. Wird sie verneint, in welchem Falle man ja auch durch mehrere wiederholte und veränderte Fragen zur Gewißheit kommen kann: so hat man sich durch die Fragen schon den Weg zu einer Erklärung gebahnt und das Kind hat schon einen Begriff, zu dem man ihm nur den traurigen Ausdruck zu nennen braucht. Im ersten Fall wird es Pflicht, sie vorzüglich zu belehren, was für Mittel sie anwenden müssen, sich von diesem Laster zu befreien; im letzten Fall, wie sie sich gegen Versuchungen dazu schützen können. In beiden Fällen aber sind dringende Vorstellungen von der Abscheulichkeit und Gefahr dieser Sünde sehr nothwendig. Mit den Gründen, die ihnen aus der Erzeugungslehre einleuchten, verbinde man warnende Beispiele, die mit Rührung und sichtbarer Theilnehmung vorgetragen werden müssen. Dabei suche man durch den Eindruck der Religion auf ihr Gewissen zu würken [281] und ihnen vorzustellen, daß durch dieses Laster, vor allen, wenn es wider besseres Wissen geübt werde, ein Verbrechen begangen werde, das von dem Richter aller unserer Handlungen, auch der verborgensten, strenge geahndet werde.

Man begnüge sich aber nicht damit, ihnen dies einmal gesagt zu haben, sondern man erneure oft diese Vorstellungen bei ihnen und verbinde damit eine genaue Befolgung dessen, was vorher über diesen Punkt gesagt worden ist. Der Unterricht über die Selbstschwächung kann nun freilich auch ertheilt werden, ohne daß die Lehre von der Erzeugung vorhergegangen ist. Man sieht aber leicht, daß alsdann der Vortheil, den die Jugend aus eigener richtiger Erkenntniß haben kann, verloren geht. Man kann ihr sagen, daß die Selbstschwächung Sünde sey, sie kann aber nicht einsehen, wie dadurch den Endzwecken Gottes entgegen gehandelt werde. Man kann ihr sagen, daß dies Misbrauch ihres Körpers sey, sie weiß aber nicht, was denn der rechte Gebrauch sey. Indessen ist es doch rathsam, sie mit diesem Laster und allen Veranlassungen und schrecklichen Folgen bekannt zu machen, [282] auch wenn keine Gelegenheit da wäre, ihr jenen ausführlichen Unterricht zu ertheilen.*)

[283] Und dies würde wol der Fall in den niedrigsten Ständen auf dem Lande seyn, wo wenig aus Erziehung gemacht wird und der Unterricht in den Dorfschulen sich auf einige unentbehrliche Kenntnisse einschränkt und einschränken muß, weil durchgängig die Besoldungen zu klein sind, als daß geschickte Lehrer sich dem Unterricht in dieser Klasse widmen sollten. Ich nenne diesen Stand meiner Nebenmenschen hier mit Fleiß, weil ich aus Erfahrung weiß, daß auch unter der Landjugend in den mir bekannten Gegenden, unnatürliche Laster im Schwange gehn, und weil ich bei dem vorhergesagten nur auf Privaterziehung und Privatunterricht eigentlich Rücksicht genommen habe. Es läßt sich nicht erwarten, daß Eltern aus geringeren Ständen, Gelegenheit, Lust und Fähigkeit genug haben sollten, die Kenntnisse, von denen hier die Rede ist, ihren Kindern beizubringen. Es läßt sich auch nicht erwarten, daß Lehrer der Land- und anderer niederen Schulen in einer zahlreichen Versammlung von Kindern verschiedenen Geschlechts und Alters Gelegenheit, Zeit und überhaupt Geschicklichkeit genug haben sollten, mit einem jeden Kinde sich in der engen Vertraulichkeit zu unterhalten, die die Sache und selbst die Fähigkeit [284] eines jeden Kindes nothwendig macht. Mich dünkt, es bleibt hier kein anderer Weg übrig, als eine öffentliche Belehrung, und zwar über das unumgänglich Nothwendige, über die Schändlichkeit und Gefahr der Selbstschwächung. Diese geschähe am besten aus einem dazu bestimmten Lesebuche von der Einrichtung des Salzmannschen Elementarbuchs, das in ganz eigentlicher Beziehung auf die geringeren Stände abgefaßt wäre, folglich Beispiele aus diesen Ständen enthielte, auch solche Abhaltungs- und Vorbeugungsmittel empföhle, die in diesen Ständen anwendbar wären. Der Artikel von der Selbstschwächung müßte einen wesentlichen Theil dieses Buches ausmachen und die Beispiele gut gewählt seyn. Ueber vieles dürfte man sich wol nicht mit derjenigen Freimüthigkeit ausdrücken, die bei gut vorbereiteten Kindern in einer geheimen Unterhaltung statt findet; denn je weniger vollständige und ernsthafte Begriffe sie von der Erzeugung haben, desto schonender muß man gegen das schaamhafte Gefühl seyn. Es ist aber doch auch ohnedies möglich sich verständlich zu machen, sobald von nichts, als der Selbstschwächung, die Rede ist. Wer sich schuldig fühlt, wird leicht alles verstehen, denn das Gewissen [285] ist ein feiner Ausleger, und ein noch unangestecktes Kind wird doch auch nach und nach, wenn von geheimen Theilen des Körpers die Rede ist, lernen, was darunter zu verstehen sey. Aus einem solchen Buche nun müste wenigstens ein Paarmal wöchentlich in einer für Knaben und für Mädchen besonders bestimmten Stunde ein Stück vorgelesen und die Beispiele des stärkeren Eindrucks wegen, von dem Lehrer mündlich vorgetragen werden. Ich fühle es indeßen wol, daß diese Sache eine weitläuftigere Untersuchung verdient. Ich sehe es auch ein, daß noch den meisten niederen Schulen eine bessere Einrichtung gegeben werden muß, ehe diese Erziehungsbelehrung mit Nutzen eingeführt werden kann. Ich will also das Gesagte auch nur für einen Wink gelten lassen, daß man auf diesen großen Haufen der Menschheit doch auch mitleidige Rücksicht nehmen möge. Daß er Hülfe nöthig hat, wird jeder zugeben, der mit niederen Ständen bekannt und nicht ganz von dem Vorurtheil eingenommen ist, daß in diesen lauter Unschuld wohne. Daß er sie auch verdiene, wird jeder zugeben, der Menschen als Menschen zu schätzen weiß.


[286] Ueber die abgehandelte Materie können folgende Schriften nachgelesen werden:

Philantropinisches Journal für Erzieher und das
Publicum 2 Jahrg. 2 Quart. 2tes Stück.
desselben " " " " 3tes Stück.
desselben 3 " " " 2tes Stück.

Warnung an Eltern wegen der Selbstbefleckung, zumal bei ganz jungen Mädchen, von Zimmermann; und Baldingers neues Magazin für Aerzte 1ster Band Seit. 43.

Der Volkslehrer, die drei ersten Jahrgänge.

Stuve von der körperlichen Erziehung.

Tissot von der Onanie.

Börner von der Onanie.

Bährens Versuch über die Vertilgung der Unkeuschheit.

Salzmann von den heimlichen Sünden der Jug.

Vogels Unterricht für Erzieher, Eltern und Kinderaufseher über diesen Gegenstand.

Die im sechsten und siebenten Theile des Revisionswerks enthaltenen Abhandlungen über diese Materie.


Anmerkungen der Vorlage

[28] *) Ich sehe mich leider genöthiget, diese traurige Beobachtung auf das stärkste zu bekräftigen. Nach allen meinen Erfahrungen über diesen schauderhaften Gegenstand ist unter den jungen Leuten der verfeinerten[3] Stände von sechs bis zwanzig Jahren und zwar beiderlei Geschlechts vielleicht kaum der zehnte Theil mehr für unschuldig zu halten. Man würde erstaunen, wenn man die Menge von Briefen sehen sollte, die mir, seit der Bekanntmachung der Preisfrage über diese schmutzige Materie, von unglücklichen, schon elend gewordenen jungen Leuten geschrieben worden sind, welche Rath und Hülfe bei mir [29] suchten; und man würde erschrecken, wenn man die mir bei eben dieser Gelegenheit mitgetheilten Erfahrungen einzelner Erzieher und Schulmänner hörte, welche gewissenhaft genug waren, eine so höchst gefährliche Sache zum Gegenstande ihrer aufmerksamen Beobachtungen zu machen. Wahrlich, dieser wichtige Krebsschaden der Menschheit hat weiter um sich gegriffen und schon jetzt weit schrecklichere Verwüstungen angerichtet, als diejenigen, welche nie Menschenbeobachter und practische Erzieher waren, sich vorzustellen vermögen!
Campe.
[43] *) So sprechen tausend unglückliche, aus Unwissenheit elend gewordene Jünglinge, und es sollte kein verdienstliches Werk seyn, diese verborgene Grube, welche einen so großen Theil menschlicher Glückseligkeit und menschlichen Lebens verschlingt, öffentlich aufzudecken und davor zu warnen?
Campe.
[46] *) Gott im Himmel erbarme sich seiner armen Menschen, wenn es sogar unter den geistlichen Führern derselben solche Buben giebt!
Campe.
[47] *) Und doch sollte es nicht gut seyn, öffentlich zu warnen?
Campe.

[53] *) Plutarch in dem Leben dieser Männer.


[54] *) Plutarch in dem Leben Lykurgs.


[60] *) Mögte man nicht wünschen und flehen, daß dieser schändliche Misbrauch durch obrigkeitliche Verfügung abgeschafft würde? Er ist der erste Grund zur Schwäche aufkeimender Geschlechter. Und doch – ich kenne eine Gegend, wo die Hebammen, freilich aus Vorurtheilen, wofür sie nichts konnten, und zu Theil aus recht guter Absicht, obrigkeitliche Befehle ausgewürckt haben, daß jede Mutter gehalten seyn [61] solte, ihr Kind, solange es noch ungetauft sey, ganz, das heist, auch mit eingewickelten Armen, in den Windeln zu halten. Bekanntlich werden sonst die Arme frei gelassen. Auf den Uebertretungsfall war 1 Thlr. Brüche gesetzt.


[62] *) Man erinnere sich unter andern der schauderhaften Beobachtung, die ich im zweiten Bande der Allgemeinen Revision Seite 133 u. folg. bekannt gemacht habe.
Campe.
[67] *) Mehr ist gesagt in Herrn Stuvens Schrift über die körperliche Erziehung, und noch mehr wird im neunten Theile der Revision davon gesagt werden, wo von der körperlichen Erziehung umständlicher gehandelt werden wird.
Campe.

[80] *) Ich habe es selbst gehört, daß dieser ungereimte Scherz so weit getrieben wurde, bis man endlich aufs Brautbett und Zusammenschlafen kam. Hier fieng der Knabe an, wie man es nannte, vorwitzig [81] zu werden und Fragen zu thun, die man nicht beantworten konnte. Man fand daher für rathsam, mit einem großen Gelächter abzubrechen!!!

*) Es ist erstaunlich, und für jedermann, der diese Sache nicht recht eigentlich zum Gegenstande seiner Beobachtung gemacht hat, unglaublich, wie wenig Bücher es giebt, die man Kindern und jungen Leuten ohne Gefahr in die Hände geben kann! Von der Bibel an bis zu den classischen Autoren, und von diesen bis zu dem, was der neueste Meßcatalogus [82] geliefert hat, giebt es in den Geschichtsbüchern, den Poesien, den Reisebeschreibungen, den sonstigen Unterhaltungsbüchern – die Romane, liederlichen Gedichte und die Theaterstücke ungerechnet – höchstselten ein Buch, in welchem nicht wenigstens eine und die andere Stelle vorkäme, die für junge Seelen, besonders in Rücksicht des Wollusttriebes, Gift enthielte. Man lese z. B. einige der vortrefflichsten neuern Reisebeschreibungen, wie etwas die Hawkesworthsche[4], die eines reisenden Franzosen durch Deutschland u. a. m. und bemerke, wie oft da, ohne alle misbilligende Einkleidung, von Dingen die Rede ist, die eine junge Einbildungskraft nothwendig auf die gefährlichste Weise entzünden müssen: Eltern, die ihr dies selbst zu untersuchen weder Zeit noch Fähigkeit habt, glaubt doch erfahrnen Männern, die es gut mit euch und euren Kindern meinen, wenn sie euch die Gefahr einer solchen Lectüre schildern, und gebt nicht zu, daß eure Kinder Bücher lesen, von denen ihr nicht vollkommen versichert seyd, daß sie nichts enthalten, was für ihre Unschuld gefährlich werden kann!
Campe.

[88] *) Man wird es mir hoffentlich gern verzeihen, daß ich hier nicht alle die Arten von unnatürlichen Sünden herrechne, die zum großen Schandfleck der Menschheit manchmal verübt worden sind, und, wie ich auch zugeben will, in großen Städten vielleicht noch verübt werden. Sie gehören immer doch wol zu den seltenern Verirrungen der menschlichen Natur; und ich kann nicht einsehen, daß es dringende Nothwendigkeit sey, durch eine Herrechnung derselben, wobei ja auch eine ekelhafte Beschreibung nöthig seyn würde, so manchem bescheidenen Leser wehe zu thun, zumahl, da durch die Sorge für die Keuschheit der Jugend überhaupt, auch diesen Sünden insbesondere entgegen gearbeitet wird. Laßt ihre Namen in ewiger Vergessenheit begraben seyn.


[89] *) Ich will jedes Beispiel, weil ich mich auf einige nachher beziehen muß, zur Erleichterung der Uebersicht mit Buchstaben bezeichnen. Daß ich aber übrigens Niemand nenne, wird jeder billig finden. Es thut zur Wahrheit der Sache auch ja nichts.


[90] *) Diese Erfahrung ist nicht meine eigene; sie ist mir aber von einem beobachtenden Manne, dem Wundarzte Hrn. Schmid in Kopenhagen mitgetheilt.


[91] *) Zimmermann erzählt von einem Manne, der das Unglück hatte, von seinem vierten Jahre an durch die Dienstmädchen seiner Eltern so behandelt zu werden, daß der Trieb zur Unzucht frühe in ihm erwachte. Eine frühe zur Reife gekommene Vernunft sagte ihm bald, dies müsse nicht seyn. Er flohe die Dienstmädchen seiner Eltern; aber verfiel nachher in eine fürchterliche Imaginations-Krankheit.


[104] *) Auch mir ist ein Beispiel eines jungen Wollüstlings bekannt geworden, der den Gräuel der Selbstschändung häufig in der Kirche trieb.
Campe.


[106] *) Ein bekannter Jugendfreund widerräth in einer Schrift, die über mein Lob und meinen Tadel erhaben ist, auch das Reiten auf ordentlichen Pferden bis zu einem gewissen Alter, aus Besorgnis einer gefährlichen Reibung der Zeugungstheile. Wenn Erfahrungen da sind, daß Reiten in dieser Hinsicht geschadet habe; so habe ich nichts dagegen anzuführen. Wahrscheinlich ist es aber nicht; denn einmal ist die ordentliche Lage, wenn man zu Pferde [107] sitzt, wenig von dem Sitz auf einem Stuhl unterschieden und, besonders auf englischen Sattelküßen, eine Reibung der Geschlechtstheile schwerlich möglich. Zweitens sind auch die Knaben, wenn das Reiten ihnen nicht schon zum Eckel geworden, welches aber nicht leicht geschieht, zu sehr mit andern angenehmen Vorstellungen dabei beschäftigt. Ich wünschte also nicht, daß man der Jugend ein unschuldiges Vergnügen nähme, das überdem, wenn man Maaße beobachtet, sehr dazu beitragen kann, ihrem Körper Stärke und Behendigkeit zu geben. Würde man aber Knaben sehr frühe viel reiten laßen, so würde es wahrscheinlich den graden Wuchs der Schenkel verhindern.

Zusatz des Herausgebers.

„Was das Reiten betrifft, so habe ich darüber folgende Erfahrungen gesammelt: 1) Für Knaben und Jünglinge, welche schon angesteckt sind, ist die schütternde Bewegung des Reitens, besonders wenn es nicht in sehr unterhaltender Gesellschaft geschieht, allemal ein gefährlicher Reitz, der ihren besten Vorsätzen zuwider, einen eben so unwillkührlichen als unglücklichen Rückfall veranlassen kann. Solche sollte man also gar nicht, wenigstens nie anders, als entweder auf der Reitbahn, oder in einer Gesellschaft reiten lassen, die ihre Seelen nicht müßig werden läßt. 2) Dem weiblichen Geschlechte ist das Reiten allemal höchstgefährlich. Vernünftige Väter sollten [108] daher nie ihren Töchtern und vernünftige Ehemänner nie ihren Weibern eine für sie so unnatürliche Leibesbewegung gestatten. 3) Unverdorbenen und durch Verweichligung nicht zu reitzbar gewordenen Knaben und Jünglingen kann das Reiten, besonders bei gehöriger Anweisung in Ansehung der rechten Stellung des Reiters und in unterhaltender Gesellschaft, als eine für sie theils unschädliche, theils sehr heilsame Leibesbewegung allerdings verstattet werden.“
Campe.
[114] *) Wenn man nach allen diesen Beispielen, die man, wenn’s nöthig wäre, häufen könnte, noch immer zweifeln kann: ob die Gefahr der Verführung wirklich so groß sey, als wir sie schildern: so erinnere man sich der obigen von mir angeführten schauderhaften Exempel, um sich zu überzeugen, daß man das Mistrauen in diesem Puncte nicht leicht zu weit treiben könne.
Campe.
[122] *) Man muß aber auch gestehn, daß Tissots Buch manche unvorsichtige Stelle enthält, die auf die Phantasie wirken kann.
Campe.
[136] *) Es versteht sich von selbst, daß diese Regel cum grano salis[5] angewendet werden müsse.
Campe.
[137] *) Auch in den Privatlehrzimmern und in den Erziehungsinstituten.
Campe.
[138] *) Vornemlich lasse man sie früh an allen häuslichen Geschäften, welche mit Körperbewegung und Körperanstrengung verbunden sind, fleißig Antheil nehmen. Dies sey ihr Hauptwerk, das Lernen und die feinern Arbeiten ihre Erholung.
Campe.
[148] *) Ich halte es für nützlich, hier eine Stelle aus einem Aufsatze über diese Materie einzurücken, den mir ein Mann vom ersten Range mit der Erlaubniß zusandte, einen jeden mir gut scheinenden Gebrauch davon zu machen.
„Die Schaamhaftigkeit einzuprägen ist lange nicht so wirksam, als jede Entblößung und was dahin gehört, als eine Unsitte und als eine Beleidigung für andere ansehen zu machen, so wie es beleidigend wäre, jemandem, der nicht dafür bezahlt wird, zuzumuthen, das Nachtbecken auszutragen. Dadurch wird man gewiß mehr dem Uebel vorbeugen, als wenn man auf Schaamhaftigkeit und Vorstellung von Sünde rechnet. Ich mögte sogar wünschen, daß man der Schaamhaftigkeit Grenzen setzte, damit man so viel sicherer wäre, daß sie nicht ganz bei Seite gesetzt würde, sobald eine unvermuthete Gelegenheit sie in Verlegenheit brächte. Aus dieser Ursache würde ich vorschlagen, die Kinder alle 14 Tage oder vier Wochen von einem alten schmutzigen und häßlichen Weibe, ohne Beiseyn anderer Zuschauer, von Kopf bis Fuß reinigen zu laßen, wobei doch Eltern und Vorgesetzte nöthige Aufsicht haben müßten, daß auch ein solches altes Weib sich bei keinem Theile unnöthig aufhielte. Dieses Geschäft würde der Jugend als ekelhaft vorgestellt, und ihnen gesagt, daß eine solche alte Frau desfalls bezahlt werden müßte, ein Geschäft zu übernehmen, welches der Gesundheit und Reinlichkeit wegen nöthig, aber so ekelhaft wäre, daß kein anderer Mensch es übernehmen könne. Dies würde dazu dienen, dem Eindrucke vorzubeugen, [149] den eine überrumpelte Schaamhaftigkeit verursachen könnte.“
Es scheint mir in dieser Bemerkung etwas Wahres zu liegen, welches die Prüfung mehrerer denkender Köpfe verdient. Deswegen habe ich sie hierhergesetzt.
Campe.
*) Daß man auch der Jugend nach einiger Vorbereitung solche Anblicke unschädlich machen könne, weiß ich aus Erfahrung. Ich hatte einen Knaben; der einstmals zugegen war, als man sich bemühte, ein ertrunkenes Dienstmädchen zum Leben zu bringen. Er sah das Mädchen nackt auf der Bank liegen und weil dies einmal geschehen war, so nahmen wir diesen Gegenstand zu einer kurzen Unterhaltung vor. Nach einiger Zeit gerieth ich mit ihm auf ein Zimmer, das nebst anderen Gemälden auch mit badenden Dianen und schlafenden Venussen behängt war. Ich konnte bei der sorgfältigsten Beobachtung nicht merken, daß sie seine Aufmerksamkeit besonders erregten. Der Knabe war 12 Jahre alt.


[154] *) Versteht sich unter Aufsicht und in Badebeinkleidern.

[171] *) Vornemlich durch diese, die aber mit Vorsicht gewählt seyn müssen. Man brauche hierzu wie mit dieser [172] Abhandlung zugleich erscheinenden Bücher für die Jugend, welche solche wohlgewählte Beispiele enthalten.
Campe.
[178] *) Eben diese rührende Aeusserung tugendhafter Vorsätze habe ich auch an einigen Kindern erlebt.
Campe.
[179] *) Diese Voraussetzung ist oft falsch, weil kein Mensch sich bisher bemüht hat, jungen Leuten richtige Begriffe davon beizubringen.
Campe.
[182] *) Besonders die Einsamkeit und die lange Weile. Man sey fest überzeugt, daß ein Kind, daß die Süßigkeit des Lasters schon einmal gekostet hat, diesem Feinde nicht zu widerstehen vermöge.
Campe.

[184] *) Deutsches Museum, 5tes St. 1778.


[186] *) Tissot führt Beispiele an, daß einige sich bis aufs Blut geschändet haben, und ich habe einen Knaben gekannt, der sich fünf bis sechs Mal an einem Tage schwächte und des Abends wie ein Betrunkener taumelte. Alle Vorstellungen, die ihm gemacht wurden, waren vergebens. Er war dumm und todt gegen jede andere Empfindung. Er wurde endlich nach einem Hospital gebracht, wo der Arzt ihn bewachen ließ. Nach einem halben Jahre war er zwar von seiner Gewohnheit los, aber ein elender kümmerlicher Mensch, von dem die Welt nichts hoffen, und auf der er nichts, als wenige reuvolle Tage erwarten konnte.


[187] *) Ich werde nachher ein noch sichereres Mittel für diesen Fall beschreiben.
Campe.

[188] *) Zimmermann erzählt von einem jungen Genueser, (S. über die Einsamkeit 2ter Th. S. 221.) der drei und ein halbes Jahr dies Laster getrieben; nachdem er aber zufälliger Weise von einem andern Knaben hörte, Onanie sey Sünde, stand er gleich davon ab. Er betrübte sich so sehr, daß er in Melancholie verfiel. Ein erwachsener Mann hat mir erzählt, daß er in Starks Bibelwerk etwas über Onan gefunden, daß ihm die Augen über seinen Zustand geöfnet hätte. Einem andern war eben so zufällig das englische Werk Onania in die Hände gefallen. Beide standen gleich von dem Laster ab.

**) Eltern können nicht genug gewarnt werden, sich in solchen Fällen an keine Marktschreier, Quacksalber, und Zeitungsärzte zu wenden. Hat man keinen geschickten Arzt bei der Hand, so überlasse man alles lieber der Natur und eigener Sorgfalt. Bei jenen nächtlichen Zufällen kommt es vorzüglich darauf an, daß das Bett kühl und hart sey; daß Abends wenige und leichte Speisen genossen werden; alles Liegen auf dem Rücken vermieden und der Patient angewöhnt [189] werde, bei der ersten wollüstigen Vorstellung aufzuwachen. Durch ernstliches Wollen und öfteres Einprägen dieses Vorsatzes vor dem Einschlafen, erhält man endlich eine Fertigkeit, sich von einem jeden wollüstigen Traum gleich loszumachen. Auch Baden in kaltem Wasser ist ein sehr wirksames Mittel. Kurz vor Schlafengehen müßen solche Patienten keine anstrengende Kopfarbeiten verrichten, wodurch der ruhige Schlaf verhindert wird.


[190] *) Vorzüglich auch sehr ermüdende und abhärtende Arbeiten z. E. lange Tagereisen zu Fuß, Feld- und Gartenarbeit, die Erlernung und Uebung eines mit starker Körperbewegung verbundenen Handwerks u. s. w.
Campe.

[194] *) H. rang so lange mit Versuchungen zu diesem Laster, und konnte, ungeachtet er sich Wochenlang enthielt, doch nicht ganz frei davon werden, bis er zufälliger Weise in eine Familienbekanntschaft kam, die ihm den Umgang eines sehr liebenswürdigen Frauenzimmers verschafte. Daß er nicht ganz versunken war, davon war seine Neigung gegen dieses Frauenzimmer ein Beweis. Er setzte sie fort und trug ihr endlich [195] seine Liebe an. In den Briefen an seine Freunde schrieb er, daß er sich von der Stunde an, da er Liebe gefühlt hätte, keinen Gedanken an seine Sünde erlauben könne. Er wünsche alles Geschehene ungeschehen machen zu können. Er kränkte sich über seine vorige Lebensart bis zum nagenden Kummer, der sich aber durch zerstreuende Geschäfte verlor. Er sollte indeß die Früchte seiner Besserung nicht genießen, denn das Frauenzimmer war einem andern schuldlosen Jüngling bestimmt und er starb auf einer Reise nach Guinea.


[196] *) Als neunzehnjähriger Jüngling sah ich die Zergliederung eines weiblichen Körpers, wobei die Erzeugungslehre zum Theil vorgetragen ward. Alles frappirte mich und der Mann, der sie vortrug, redete so würdig und ehrerbietig, daß ich ihn oft dafür gesegnet habe. Meine Begriffe wurden hierüber so wohlgeordnet, daß, wie ich gewiß weiß, mancher leichtsinnige Gedanke dadurch zurückgehalten ist. Mögten alle Jünglinge solche Gelegenheiten haben, und mögte es auf allen Akademien solche Lehrer geben! Sie würden wahre Lehrer der Tugend seyn.

„Aber wehe den gewissenlosen Lehrern, die bei solchen Materien, welche mit Ernst und Würde behandelt seyn wollen, sich leichtsinnige Scherze oder wol gar schändliche Zoten erlauben, wie das leider auf einigen Universitäten nicht selten der Fall ist!“
Campe.

[197] *) Ein Ungenannter warf im deutschen Museo, Julius 1777[6], die Frage auf, ob es nicht möglich sey, die Sittlichkeit auf Akademien zu verbessern, und erzählt dabei einen sehr traurigen Fall. Er richtet seine Frage an die Großen und Angesehenen – an die Aufseher der Akademien. Vieles könnten die nun wol [198] thun, aber die Selbstschwächung können sie nicht verhindern. Die eigentlichen Verbesserer in diesem Stück, ja ich möchte fast sagen, die Verbesserer des ganzen Staats, sind Eltern und Erzieher.


[206] *) Ein Beispiel muß ich hier anführen, weil es zugleich einen Beweis abgiebt, wie unschuldig oft junge Mädchen in solche Lagen gerathen können. In einer mir sehr bekannten Stadt ward vor einigen Jahren ein Mädchen ins Zuchthaus gebracht, die erst vierzehn Tage vorher nach der Stadt gekommen war. Sie war aus einer fremden Gegend zu Schiffe hingebracht, um eine Stelle bei einer Putzmacherin anzutreten. Weil sie aber später eingetroffen war, als sie vorher bestimmt hatte, so war die Stelle schon besetzt. Sie hielt sich einige Zeit in der Stadt in einem geringen Wirthshause auf, in der Hoffnung, es mögte sich eine Stelle für sie angeben. Ihr weniges Geld ging [207] darauf, und Gelegenheit nach Hause zu kommen war nicht da; auch konnte sie, weil niemand für eine Fremde Bürgschaft leisten wollte, keinen Paß bekommen. Kurz, theils eigene Verlegenheiten, theils Verführungen anderer, brachten sie in ein Haus, wo sie die schändlichsten Dienste leisten mußte, und wo sie bei ihrer gänzlichen Unkunde in den Schlichen, der Polizei zu entgehen, aufgebracht und ins Zuchthaus geführt wurde. Der Aufseher, ein Mann, den ich kenne und schätze, und der sich eine angenehme Pflicht daraus macht, jeden Züchtling zu unterhalten und zu seiner Besserung beizutragen, erfuhr ihre Geschichte, nahm sich ihrer an, und das bessere Schicksal, das ihr zu Theil wurde und das sie auch wirklich verdiente, verdankte sie ihm. Aber so gut geht es denn auch freilich wenigen.

[215] *) Ich füge hinzu: Vermeide alles, was dein Blut in Wallung bringen und Begierden in dir entzünden kann, also besonders den Genuß geistreicher Getränke, den Anblick nackter Figuren und deines eigenen nackten Körpers, die Lesung nicht blos unzüchtiger, sondern auch solcher Bücher, welche von Liebeleien handeln und die Einbildungskraft mit wollüstigen Bildern erfüllen u. s. w.
Campe.
[234] *) Auch alle meine Erfahrungen ohne Ausnahme.
Campe.

[242] *) „Unserer Erfahrung nach ist wol vom 8ten bis 14ten Jahre die Zeit, wo die Jugend nach diesem Unterricht verlangt. Wenige unter meinen Mitschülern (auf zwei Schulen) und Zöglingen (in Privatinformationen, einem Institut und einer besuchten Schule, deren jüngere Schüler ich zu beobachten Gelegenheit hatte) habe ich gefunden, die nicht nach dem 15ten Jahre bereits alles gewußt hätten, was nach der Meinung derer, die diese Erziehungsbelehrung bestreiten, ihnen nach 15 Jahr ein Geheimniß hätte bleiben sollen.“

[251] *) Der schriftliche Unterricht ist für solche junge Leute, welche nicht so glücklich sind, einen weisen Führer zu haben, der von der Nothwendigkeit einer Belehrung über diesen Gegenstand überzeugt ist und die dazu auf Seiten des Belehrenden erforderlichen Eigenschaften besitzt.
Campe.

[268] *) Die Blumen der XXII Klasse mit ganz getrennten Geschlechtern wären hiezu geschickter, als Zwitterblumen. Weil sie aber nicht überall zu haben sind, auch die Structur der Blumen zu sein ist, so kann [269] man Tulpen, Lilien, Fritillarien und andere große bekannte Blumen dazu gebrauchen.

[278] *) Ich kann bei abermaliger Durchsicht dieser Stelle es nicht gehörig entscheiden, ob bei ganz und gar keinen Vermuthungsgründen für die Ansteckung des Kindes es doch nöthig sey, diese Frage zu thun: oder ob es besser sey, sie zu unterlassen; oder endlich, ob es für den Erfolg vielleicht einerlei sey, man thue oder thue sie nicht? Ich bitte die würdigen Herren Beurtheiler dieser Schrift um ihr Urtheil.
„Was meine Meinung darüber betrift, so bin ich allerdings überzeugt, daß diese Frage, nach vorhergegangenem Unterrichte, nothwendig geschehen müsse; wobei ich voraussetze, daß man sich vorher deutlich erklärt habe; man verlange das Geständniß nicht, um dem Kinde nachher Vorwürfe zu machen oder wol gar um es zu bestrafen, sondern lediglich deswegen, damit man den schrecklichen Folgenden dieser aus Unwissenheit begangene Fehltritt [279] haben würde, durch eine zweckmäßige Dicke und Arzneimittel, so viel möglich, vorbeugen möge. Dies wird nemlich die gute Wirkung haben, daß das Kind, es sey schon angesteckt oder nicht, das Laster künftig um so viel sorgfältiger vermeiden wird, weil es weiß, daß die fürchterlichen Folgen desselben nur durch solche Arzneimittel vermindert werden können, welche ihm unbekannt sind, und nur dann, wann diese Arzneimittel ohne Zeitverlust angewandt werden. Legte man ihm die obige Frage nicht vor, so könnte es leicht die gefährliche Meinung fassen, daß das, was es bisher gethan habe, wol noch keinen sonderlichen Schaden angerichtet haben könne, und dann dürfte der zweite noch gefährlichere Gedanke, daß eine oder die andere Wiederholung des Lasters gleichfalls nicht viel schaden könne, wol nicht weit liegen.“
Campe.
[282] *) In diesem Fall, wenn man nemlich keinen ausführlichen Unterricht ertheilen kann oder will, würde ich rathen, die Belehrung über die verderblichen Folgen der Selbstschändung folgende Wendung zu geben.
Man zeige dem Kinde einen vom Krebs ergriffenen Menschen, oder erinnere es an einen ehemals von ihm gesehenen Unglücklichen dieser Art, oder beschreibe ihm wenigstens diese schreckliche Krankheit. Dann benachrichtige man es, daß gewisse Theile unsers Körpers z. B. die Lippen und die Nase eine so leicht zu verletzende Structur haben, daß durch Drücken, Zerren, Kneipen oder Kitzeln leicht ein Krebsschade, oder ein anderes Uebel darin erzeugt werden könne. Von eben der zarten, leicht zu verletzenden Beschaffenheit sind, füge man hinzu, auch diejenigen geheimen Theile unsers Körpers, welche die Schaam zu nennen verbietet und welche man deswegen Schaamtheile nennt. Die Gefahr, unsern Körper an dieser Stelle auf eine grausame Weise zu verletzen, ist um so viel größer, weil daselbst leicht ein Kitzel zu entstehen pflegt, den unwissende Kinder mit der Hand oder auf irgend eine andere Weise zu befördern suchen, weil ihnen das Vergnügen macht und sie nicht wissen, was für großen Schaden sie dadurch anrichten. Wehe dem Kinde, welches mit diesem Gliede auf irgend eine Weise zu spielen wagt! Es zieht sich dadurch – vielleicht erst über Jahr und Tag – aber doch unausbleiblich, wo nicht grade den Krebs, doch andere eben so schreckliche und unheilbare Krankheiten zu. u. s. w.
Campe.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: theis
  2. Vorlage: erthelt
  3. Vorlage: verfeinernerten
  4. John Hawkesworth: Geschichte der See-Reisen und Entdeckungen im Süd-Meer, siehe Website des Deutschen Museums
  5. Siehe Cum grano salis
  6. Siehe „Etwas von Universitäten“ von „N. R.“, in: Deutsches Museum, 2. Bd. 1777, S. 77–79 (UB Bielefeld)