Wilhelm Tell/Zweiter Aufzug

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Wilhelm Tell
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[56]
Zweiter Aufzug
Erste Scene


Edelhof des Freiherrn von Attinghausen.

Ein gothischer Saal mit Wappenschildern und Helmen verziert. Der Freiherr ein Greis von fünf und achtzig Jahren, von hoher edler Statur, an einem Stabe worauf ein Gemsenhorn, und in ein Pelzwams gekleidet. Kuoni und noch sechs Knechte stehen um ihn her mit Rechen und Sensen. – Ulrich von Rudenz tritt ein in Ritterkleidung.

Rudenz
Hier bin ich Oheim – Was ist euer Wille?

Attinghausen
Erlaubt, daß ich nach altem Hausgebrauch
Den Frühtrunk erst mit meinen Knechten theile.
(er trinkt aus einem Becher, der dann in der Reihe herumgeht)
Sonst war ich selber mit in Feld und Wald,
Mit meinem Auge ihren Fleiß regierend,
Wie sie mein Banner führte in der Schlacht,
Jezt kann ich nichts mehr als den Schaffner machen,

[57]

Und kommt die warme Sonne nicht zu mir,
Ich kann sie nicht mehr suchen auf den Bergen.
Und so in enger stets und enger’m Kreis,
Beweg’ ich mich dem engesten und lezten,
Wo alles Leben still steht, langsam zu,
Mein Schatte bin ich nur, bald nur mein Nahme.

Kuoni
(zu Rudenz mit dem Becher)
Ich bring’s euch, Junker.
(da Rudenz zaudert den Becher zu nehmen)
 Trinket frisch! Es geht
Aus Einem Becher und aus Einem Herzen.

Attinghausen
Geht Kinder, und wenn’s Feierabend ist,
Dann reden wir auch von des Land’s Geschäften.
(Knechte gehen ab)

Attinghausen und Rudenz

Attinghausen
Ich sehe dich gegürtet und gerüstet,
Du willst nach Altorf in die Herrenburg?

[58]

Rudenz
Ja Oheim, und ich darf nicht länger säumen –

Attinghausen (sezt sich)
Hast du’s so eilig? Wie? Ist deiner Jugend
Die Zeit so karg gemessen, daß du sie
An deinem alten Oheim mußt ersparen?

Rudenz
Ich sehe, daß ihr meiner nicht bedürft,
Ich bin ein Fremdling nur in diesem Hause.

Attinghausen
(hat ihn lange mit den Augen gemustert)
Ja leider bist du’s. Leider ist die Heimat
Zur Fremde dir geworden! – Uly! Uly!
Ich kenne dich nicht mehr. In Seide prangst du,
Die Pfauenfeder trägst du stolz zur Schau,
Und schlägst den Purpurmantel um die Schultern,
Den Landmann blickst du mit Verachtung an,
Und schämst dich seiner traulichen Begrüßung.

Rudenz
Die Ehr’, die ihm gebührt, geb’ ich ihm gern,
Das Recht, das er sich nimmt, verweigr’ ich ihm.

[59]

Attinghausen
Das ganze Land liegt unter’m schweren Zorn
Des Königs – Jedes Biedermannes Herz
Ist kummervoll ob der tyrannischen Gewalt
Die wir erdulden – Dich allein rührt nicht
Der allgemeine Schmerz – Dich siehet man
Abtrünnig von den Deinen auf der Seite
Des Landesfeindes stehen, unsrer Noth
Hohnsprechend nach der leichten Freude jagen,
Und buhlen um die Fürstengunst, indeß
Dein Vaterland von schwerer Geissel blutet.

Rudenz
Das Land ist schwer bedrängt – Warum mein Oheim?
Wer ist’s, der es gestürzt in diese Noth?
Es kostete ein einzig leichtes Wort,
Um augenblicks des Dranges los zu seyn,
Und einen gnäd’gen Kaiser zu gewinnen.
Weh ihnen, die dem Volk die Augen halten,
Daß es dem wahren Besten widerstrebt.
Um eignen Vortheils willen hindern sie,
Daß die Waldstätte nicht zu Oestreich schwören,

[60]

Wie ringsum alle Lande doch gethan.
Wohl thut es ihnen, auf der Herrenbank
Zu sitzen mit dem Edelmann – den Kaiser
Will man zum Herrn, um keinen Herrn zu haben.

Attinghausen
Muß ich das hören und aus deinem Munde!

Rudenz
Ihr habt mich aufgefodert, laßt mich enden.
– Welche Person ist’s, Oheim, die ihr selbst
Hier spielt? Habt ihr nicht höhern Stolz, als hier
Landammann oder Bannerherr zu seyn
Und neben diesen Hirten zu regieren?
Wie? Ist’s nicht eine rühmlichere Wahl,
Zu huldigen dem königlichen Herrn,
Sich an sein glänzend Lager anzuschließen,
Als eurer eig’nen Knechte Pair zu seyn,
Und zu Gericht zu sitzen mit dem Bauer?

Attinghausen
Ach Uly! Uly! Ich erkenne sie
Die Stimme der Verführung! Sie ergriff
Dein ofnes Ohr, sie hat dein Herz vergiftet.

[61]

Rudenz
Ja ich verberg’ es nicht – in tiefer Seele
Schmerzt mich der Spott der Fremdlinge, die uns
Den Baurenadel schelten – Nicht ertrag’ ich’s,
Indeß die edle Jugend rings umher
Sich Ehre sammelt unter Habsburgs Fahnen,
Auf meinem Erb’ hier müssig still zu liegen,
Und bei gemeinem Tagewerk den Lenz
Des Lebens zu verlieren – Anderswo
Geschehen Thaten, eine Welt des Ruhms
Bewegt sich glänzend jenseits dieser Berge –
Mir rosten in der Halle Helm und Schild,
Der Kriegstrommete muthiges Getön,
Der Heroldsruf, der zum Turniere ladet,
Er dringt in diese Thäler nicht herein,
Nichts als den Kuhreih’n und der Heerdeglocken
Einförmiges Geläut vernehm’ ich hier.

Attinghausen
Verblendeter, vom eiteln Glanz verführt!
Verachte dein Geburtsland! Schäme dich
Der uralt frommen Sitte deiner Väter!

[62]

Mit heißen Thränen wirst du dich dereinst
Heim sehnen nach den väterlichen Bergen,
Und dieses Heerdenreihens Melodie,
Die du in stolzem Ueberdruß verschmähst,
Mit Schmerzenssehnsucht wird sie dich ergreifen,
Wenn sie dir anklingt auf der fremden Erde.
O mächtig ist der Trieb des Vaterlands!
Die fremde falsche Welt ist nicht für dich,
Dort an dem stolzen Kaiserhof bleibst du
Dir ewig fremd mit deinem treuen Herzen!
Die Welt, sie fodert andre Tugenden,
Als du in diesen Thälern dir erworben.
– Geh’ hin, verkaufe deine freie Seele,
Nimm Land zu Lehen, werd’ ein Fürstenknecht,
Da du ein Selbstherr seyn kannst und ein Fürst
Auf deinem eignen Erb’ und freien Boden.
Ach Uly! Uly! Bleibe bei den Deinen!
Geh’ nicht nach Altdorf – O verlaß sie nicht
Die heilge Sache deines Vaterland’s!
– Ich bin der lezte meines Stamms. Mein Nahme
Endet mit mir. Da hängen Helm und Schild,

[63]

Die werden sie mir in das Grab mitgeben.
Und muß ich denken bei dem letzten Hauch,
Daß du mein brechend Auge nur erwartest,
Um hinzugeh’n vor diesen neuen Lehenhof,
Und meine edeln Güter, die ich frei
Von Gott empfieng, von Oestreich zu empfangen!

Rudenz
Vergebens widerstreben wir dem König,
Die Welt gehört ihm, wollen wir allein
Uns eigensinnig steifen und verstocken,
Die Länderkette ihm zu unterbrechen,
Die er gewaltig rings um uns gezogen?
Sein sind die Märkte, die Gerichte, sein
Die Kaufmannsstraßen, und das Saumroß selbst,
Das auf dem Gotthardt ziehet, muß ihm zollen.
Von seinen Ländern wie mit einem Netz
Sind wir umgarnet rings und eingeschlossen.
– Wird uns das Reich beschützen? Kann es selbst
Sich schützen gegen Oestreich’s wachsende Gewalt?
Hilft Gott uns nicht, kein Kaiser kann uns helfen.
Was ist zu geben auf der Kaiser Wort,

[64]

Wenn sie in Geld- und Krieges-Noth die Städte,
Die unter’n Schirm des Adlers sich geflüchtet,
Verpfänden dürfen und dem Reich veräusern?
– Nein Oheim! Wohlthat ist’s und weise Vorsicht,
In diesen schweren Zeiten der Partheiung,
Sich anzuschließen an ein mächtig Haupt.
Die Kaiserkrone geht von Stamm zu Stamm,
Die hat für treue Dienste kein Gedächtniß,
Doch um den mächt’gen Erbherrn wohl verdienen,
Heißt Saaten in die Zukunft streu’n.

Attinghausen
 Bist du so weise?
Willst heller seh’n als deine edeln Väter,
Die um der Freiheit kostbar’n Edelstein
Mit Gut und Blut und Heldenkraft gestritten?
– Schiff nach Lucern hinunter, frage dort,
Wie Oestreich’s Herrschaft lastet auf den Ländern!
Sie werden kommen, unsre Schaaf’ und Rinder
Zu zählen, unsre Alpen abzumessen,
Den Hochflug und das Hochgewilde bannen

[65]

In unsern freien Wäldern, ihren Schlagbaum
An unsre Brücken, unsre Thore setzen,
Mit unsrer Armuth ihre Länderkäufe,
Mit unserm Blute ihre Kriege zahlen –
– Nein, wenn wir unser Blut dran setzen sollen,
So sey’s für uns – wohlfeiler kaufen wir
Die Freiheit als die Knechtschaft ein!

Rudenz
 Was können wir,
Ein Volk der Hirten gegen Albrechts Heere!

Attinghausen
Lern’ dieses Volk der Hirten kennen, Knabe!
Ich kenn’s, ich hab’ es angeführt in Schlachten,
Ich hab’ es fechten sehen bei Favenz.
Sie sollen kommen, uns ein Joch aufzwingen,
Das wir entschlossen sind, nicht zu ertragen!
– O lerne fühlen, welches Stamm’s du bist!
Wirf nicht für eiteln Glanz und Flitterschein
Die ächte Perle deines Werthes hin –
Das Haupt zu heißen eines freien Volks,
Das dir aus Liebe nur sich herzlich weiht,

[66]

Das treulich zu dir steht in Kampf und Tod –
Das sei dein Stolz, des Adels rühme dich –
Die angebohr’nen Bande knüpfe fest,
An’s Vaterland, an’s theure, schließ dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen.
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft,
Dort in der fremden Welt stehst du allein,
Ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt.
O komm, du hast uns lang’ nicht mehr gesehn,
Versuch’s mit uns nur Einen Tag – nur heute
Geh’ nicht nach Altorf – Hörst du? Heute nicht,
Den Einen Tag nur schenke dich den Deinen!
(er faßt seine Hand)

Rudenz
Ich gab mein Wort – Laßt mich – Ich bin gebunden.

Attinghausen
(läßt seine Hand los, mit Ernst)
Du bist gebunden – Ja Unglücklicher!
Du bist’s, doch nicht durch Wort und Schwur,
Gebunden bist du durch der Liebe Seile!
(Rudenz wendet sich weg)

[67]

– Verbirg’ dich wie du willst. Das Fräulein ist’s,
Bertha von Brunek, die zur Herrenburg
Dich zieht, dich fesselt an des Kaisers Dienst.
Das Ritterfräulein willst du dir erwerben
Mit deinem Abfall von dem Land – Betrüg’ dich nicht!
Dich anzulocken zeigt man dir die Braut,
Doch deiner Unschuld ist sie nicht beschieden.

Rudenz
Genug hab’ ich gehört. Gehabt euch wohl.
(er geht ab)

Attinghausen
Wahnsinn’ger Jüngling bleib’! – Er geht dahin!
Ich kann ihn nicht erhalten, nicht erretten –
So ist der Wolfenschießen abgefallen
Von seinem Land – so werden andre folgen,
Der fremde Zauber reißt die Jugend fort,
Gewaltsam strebend über unsre Berge.
– O unglücksel’ge Stunde, da das Fremde
In diese still beglückten Thäler kam,
Der Sitten fromme Unschuld zu zerstören!
Das Neue dringt herein mit Macht, das Alte

[68]

Das Würd’ge scheidet, andre Zeiten kommen,
Es lebt ein andersdenkendes Geschlecht!
Was thu’ ich hier? Sie sind begraben alle,
Mit denen ich gewaltet und gelebt.
Unter der Erde schon liegt Meine Zeit,
Wohl dem, der mit der Neuen nicht mehr braucht zu leben!
(geht ab)


Zweyte Scene

Eine Wiese von hohen Felsen und Wald umgeben. Auf den Felsen sind Steige, mit Geländern, auch Leitern, von denen man nachher die Landleute herabsteigen sieht. Im Hintergrunde zeigt sich der See, über welchem anfangs ein Mondregenbogen zu sehen ist. Den Prospekt schließen hohe Berge, hinter welchen noch höhere Eisgebirge ragen. Es ist völlig Nacht auf der Scene, nur der See und die weißen Gletscher leuchten im Mondenlicht.

Melchthal, Baumgarten, Winkelried, Meier von Sarnen, Burkhardt am Bühel, Arnold von Sewa, Klaus von der Flüe und noch vier andere Landleute, alle bewaffnet

Melchthal (noch hinter der Scene)
Der Bergweg öffnet sich, nur frisch mir nach,

[69]

Den Fels erkenn’ ich und das Kreutzlein drauf,
Wir sind am Ziel, hier ist das Rütli.
(treten auf mit Windlichtern)

Winkelried
 Horch!

Sewa
Ganz leer.

Meier
 ’s ist noch kein Landmann da. Wir sind
Die ersten auf dem Platz, wir Unterwaldner.

Melchthal
Wie weit ist’s in der Nacht?

Baumgarten
 Der Feuerwächter
Vom Selisberg hat eben zwey gerufen.
(man hört in der Ferne läuten)

Meier
Still! Horch!

Am Bühel
Das Mettenglöcklein in der Waldkapelle
Klingt hell herüber aus dem Schwytzerland.

[70]

Von der Flüe
Die Luft ist rein und trägt den Schall so weit.

Melchthal
Geh’n einige und zünden Reisholz an,
Daß es loh brenne, wenn die Männer kommen.
(zwey Landleute gehen)

Sewa
’s ist eine schöne Mondennacht. Der See
Liegt ruhig da als wie ein ebner Spiegel.

Am Bühel
Sie haben eine leichte Fahrt.

Winkelried (zeigt nach dem See)
 Ha, seht!
Seht dorthin! Seht ihr nichts?

Meier
 Was denn? – Ja, warlich!
Ein Regenbogen mitten in der Nacht!

Melchthal
Es ist das Licht des Mondes das ihn bildet.

[71]

Von der Flüe
Das ist ein seltsam wunderbares Zeichen!
Es leben viele, die das nicht gesehn.

Sewa
Er ist doppelt, seht, ein blässerer steht drüber.

Baumgarten
Ein Nachen fährt soeben drunter weg.

Melchthal
Das ist der Stauffacher mit seinem Kahn,
Der Biedermann läßt sich nicht lang erwarten.
(geht mit Baumgarten nach dem Ufer)

Meier
Die Urner sind es, die am längsten säumen.

Am Bühel
Sie müssen weit umgehen durch’s Gebirg,
Daß sie des Landvogts Kundschaft hintergehen.
(Unterdessen haben die zwey Landleute in der Mitte des Platzes ein Feuer angezündet)

Melchthal (am Ufer)
Wer ist da? Gebt das Wort!

[72]

Stauffacher (von unten)
 Freunde des Landes.
(Alle gehen nach der Tiefe, den Kommenden entgegen. Aus dem Kahn steigen Stauffacher, Itel Reding, Hans auf der Mauer, Jörg im Hofe, Konrad Hunn, Ulrich der Schmidt, Jost von Weiler, und noch drey andre Landleute, gleichfalls bewaffnet.)

Alle (rufen)
Willkommen!
(indem die übrigen in der Tiefe verweilen und sich begrüßen, kommt Melchthal mit Stauffacher vorwärts)

Melchthal
 O Herr Stauffacher! Ich hab’ ihn
Gesehn, der mich nicht wiedersehen konnte!
Die Hand hab’ ich gelegt auf seine Augen,
Und glühend Rachgefühl hab’ ich gesogen
Aus der erloschnen Sonne seines Blicks.

Stauffacher
Sprecht nicht von Rache. Nicht geschehnes rächen,
Gedrohtem Uebel wollen wir begegnen.

[73]

– Jezt sagt, was ihr im Unterwaldner Land
Geschaff’t und für gemeine Sach’ geworben,
Wie die Landleute denken, wie ihr selbst
Den Stricken des Verraths entgangen seid.

Melchthal
Durch der Surennen furchtbares Gebirg,
Auf weit verbreitet öden Eisesfeldern,
Wo nur der heisr’e Lämmergeier krächzt,
Gelangt’ ich zu der Alpentrift, wo sich
Aus Uri und vom Engelberg die Hirten
Anrufend grüßen und gemeinsam weiden,
Den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch,
Die in den Runsen schäumend niederquillt.
In den einsamen Sennhütten kehrt’ ich ein,
Mein eigner Wirth und Gast, bis daß ich kam
Zu Wohnungen gesellig lebender Menschen.
– Erschollen war in diesen Thälern schon
Der Ruf des neuen Greuels der geschehn,
Und fromme Ehrfurcht schaffte mir mein Unglück
Vor jeder Pforte, wo ich wandernd klopfte.
Entrüstet fand ich diese graden Seelen

[74]

Ob dem gewaltsam neuen Regiment,
Denn so wie ihre Alpen fort und fort
Dieselben Kräuter nähren, ihre Brunnen
Gleichförmig fließen, Wolken selbst und Winde
Den gleichen Strich unwandelbar befolgen,
So hat die alte Sitte hier vom Ahn
Zum Enkel unverändert fort bestanden,
Nicht tragen sie verwegne Neuerung
Im altgewohnten gleichen Gang des Lebens.
– Die harten Hände reichten sie mir dar,
Von den Wänden langten sie die rostgen Schwerter,
Und aus den Augen blizte freudiges
Gefühl des Muths, als ich die Nahmen nannte,
Die im Gebirg dem Landmann heilig sind,
Den eurigen und Walters Fürsts – Was euch
Recht würde dünken, schwuren sie zu thun,
Euch schwuren sie bis in den Tod zu folgen.
– So eilt ich sicher unterm heilgen Schirm
Des Gastrechts von Gehöfte zu Gehöfte –
Und als ich kam in’s heimatliche Thal,
Wo mir die Vettern viel verbreitet wohnen –

[75]

Als ich den Vater fand, beraubt und blind,
Auf fremdem Stroh, von der Barmherzigkeit
Mildthätger Menschen lebend –

Stauffacher
 Herr im Himmel!

Melchthal
Da weint’ ich nicht! Nicht in ohnmächtgen Thränen
Goß ich die Kraft des heißen Schmerzens aus,
In tiefer Brust wie einen theuren Schatz
Verschloß ich ihn und dachte nur auf Thaten.
Ich kroch durch alle Krümmen des Gebirgs,
Kein Thal war so versteckt, ich späht’ es aus,
Bis an der Gletscher eisbedeckten Fuß
Erwartet’ ich und fand bewohnte Hütten,
Und überall, wohin mein Fuß mich trug,
Fand ich den gleichen Haß der Tyrannei,
Denn bis an diese lezte Grenze selbst
Belebter Schöpfung, wo der starre Boden
Aufhört zu geben, raubt der Vögte Geiz –
Die Herzen alle dieses biedern Volks

[76]

Erregt’ ich mit dem Stachel meiner Worte,
Und unser sind sie all mit Herz und Mund.

Stauffacher
Großes habt ihr in kurzer Frist geleistet.

Melchthal
Ich that noch mehr. Die beiden Vesten sind’s,
Roßberg und Sarnen, die der Landmann fürchtet,
Denn hinter ihren Felsenwällen schirmt
Der Feind sich leicht und schädiget das Land.
Mit eignen Augen wollt’ ich es erkunden,
Ich war zu Sarnen und besah die Burg.

Stauffacher
Ihr wagtet euch bis in des Tigers Höhle?

Melchthal
Ich war verkleidet dort in Pilgerstracht,
Ich sah den Landvogt an der Tafel schwelgen –
Urtheilt, ob ich mein Herz bezwingen kann,
Ich sah den Feind, und ich erschlug ihn nicht.

Stauffacher
Fürwahr, das Glück war eurer Kühnheit hold.
(Unterdessen sind die andern Landleute vorwärts gekommen, und nähern sich den beiden)

[77]

Doch jetzo sagt mir, wer die Freunde sind,
Und die gerechten Männer, die euch folgten?
Macht mich bekannt mit ihnen, daß wir uns
Zutraulich nahen und die Herzen öffnen.

Meier
Wer kennte Euch nicht, Herr, in den drey Landen?
Ich bin der Mei’r von Sarnen, dieß hier ist
Mein Schwestersohn, der Struth von Winkelried.

Stauffacher
Ihr nennt mir keinen unbekannten Nahmen.
Ein Winkelried war’s, der den Drachen schlug
Im Sumpf bei Weiler und sein Leben ließ
In diesem Strauß.

Winkelried
 Das war mein Ahn, Herr Werner.

Melchthal (zeigt auf zwey Landleute)
Die wohnen hinter’m Wald, sind Klosterleute
Vom Engelberg – Ihr werdet sie drum nicht
Verachten, weil sie eigne Leute sind,
Und nicht wie wir frei sitzen auf dem Erbe –
Sie lieben 's Land, sind sonst auch wohl berufen.

[78]

Stauffacher (zu den beiden)
Gebt mir die Hand. Es preise sich, wer keinem
Mit seinem Leibe pflichtig ist auf Erden,
Doch Redlichkeit gedeiht in jedem Stande.

Konrad Hunn
Das ist Herr Reding, unser Altlandammann.

Meier
Ich kenn’ ihn wohl. Er ist mein Widerpart,
Der um ein altes Erbstück mit mir rechtet.
– Herr Reding, wir sind Feinde vor Gericht,
Hier sind wir einig. (schüttelt ihm die Hand)

Stauffacher
 Das ist brav gesprochen.

Winkelried
Hört ihr? Sie kommen. Hört das Horn von Uri!
(Rechts und links sieht man bewaffnete Männer mit Windlichtern[1] die Felsen herabsteigen)

Auf der Mauer
Seht! Steigt nicht selbst der fromme Diener Gottes,

[79]

Der würdge Pfarrer mit herab? Nicht scheut er
Des Weges Mühen und das Grau’n der Nacht,
Ein treuer Hirte für das Volk zu sorgen.

Baumgarten
Der Sigrist folgt ihm und Herr Walther Fürst,
Doch nicht den Tell erblick’ ich in der Menge.

Walther Fürst, Rösselmann der Pfarrer, Petermann der Sigrist, Kuoni der Hirt, Werni der Jäger, Ruodi der Fischer und noch fünf andere Landleute, alle zusammen, drey und dreißig an der Zahl, treten vorwärts und stellen sich um das Feuer.

Walther Fürst
So müssen wir auf unserm eignen Erb’
Und väterlichen Boden uns verstohlen
Zusammen schleichen wie die Mörder thun,
Und bei der Nacht, die ihren schwarzen Mantel
Nur dem Verbrechen und der sonnenscheuen
Verschwörung leihet, unser gutes Recht
Uns hohlen, das doch lauter ist und klar,
Gleichwie der glanzvoll offne Schooß des Tages.

[80]

Melchthal
Laßt’s gut seyn. Was die dunkle Nacht gesponnen,
Soll frey und fröhlich an das Licht der Sonnen.

Rösselmann
Hört was mir Gott in’s Herz giebt, Eidgenossen!
Wir stehen hier statt einer Landsgemeinde
Und können gelten für ein ganzes Volk,
So laßt uns tagen nach den alten Bräuchen
Des Lands, wie wir’s in ruhigen Zeiten pflegen.
Was ungesetzlich ist in der Versammlung,
Entschuldige die Noth der Zeit. Doch Gott
Ist überall, wo man das Recht verwaltet,
Und unter seinem Himmel stehen wir.

Stauffacher
Wohl, laßt uns tagen nach der alten Sitte,
Ist es gleich Nacht, so leuchtet unser Recht.

Melchthal
Ist gleich die Zahl nicht voll, das Herz ist hier
Des ganzen Volks, die Besten sind zugegen.

[81]

Konrad Hunn
Sind auch die alten Bücher nicht zur Hand,
Sie sind in unsre Herzen eingeschrieben.

Rösselmann
Wohlan, so sei der Ring sogleich gebildet.
Man pflanze auf die Schwerter der Gewalt.

Auf der Mauer
Der Landesammann nehme seinen Platz,
Und seine Weibel stehen ihm zur Seite!

Sigrist
Es sind der Völker dreye. Welchem nun
Gebührt’s, das Haupt zu geben der Gemeinde?

Meier
Um diese Ehr’ mag Schwytz mit Uri streiten,
Wir Unterwaldner stehen frei zurück.

Melchthal
Wir steh’n zurück, wir sind die Flehenden,
Die Hülfe heischen von den mächtgen Freunden.

Stauffacher
So nehme Uri denn das Schwert, sein Banner
Zieht bei den Römerzügen uns voran.

[82]

Walther Fürst
Des Schwertes Ehre werde Schwytz zu Theil,
Denn seines Stammes rühmen wir uns alle.

Rösselmann
Den edeln Wettstreit laßt mich freundlich schlichten,
Schwytz soll im Rath, Uri im Felde führen.

Walther Fürst
(reicht dem Stauffacher die Schwerter)
So nehmt!

Stauffacher
 Nicht mir, dem Alter sei die Ehre.

Im Hofe
Die meisten Jahre zählt Ulrich der Schmidt.

Auf der Mauer
Der Mann ist wacker, doch nicht freien Stands,
Kein eigner Mann kann Richter seyn in Schwytz.

Stauffacher
Steht nicht Herr Reding hier der Altlandammann?
Was suchen wir noch einen würdigern?

[83]

Walther Fürst
Er sei der Ammann und des Tages Haupt!
Wer dazu stimmt erhebe seine Hände.
(Alle heben die rechte Hand auf)

Reding (tritt in die Mitte)
Ich kann die Hand nicht auf die Bücher legen,
So schwör’ ich droben bei den ew’gen Sternen,
Daß ich mich nimmer will vom Recht entfernen.

(Man richtet die zwey Schwerter vor ihm auf, der Ring bildet sich um ihn her, Schwytz hält die Mitte, rechts stellt sich Uri und links Unterwalden. Er steht auf sein Schlachtschwert gestüzt)

Was ist’s, das die drei Völker des Gebirgs
Hier an des See’s unwirthlichem Gestade
Zusammenführte in der Geisterstunde?
Was soll der Innhalt seyn des neuen Bunds,
Den wir hier unterm Sternenhimmel stiften?

Stauffacher (tritt in den Ring)
Wir stiften keinen neuen Bund, es ist
Ein uralt Bündniß nur von Väter Zeit,
Das wir erneuern! Wisset Eidgenossen!

[84]

Ob uns der See, ob uns die Berge scheiden,
Und jedes Volk sich für sich selbst regiert,
So sind wir Eines Stammes doch und Bluts,
Und Eine Heimat ist’s, aus der wir zogen.

Winkelried
So ist es wahr, wie’s in den Liedern lautet,
Daß wir von fern her in das Land gewallt?
O theilt’s uns mit, was euch davon bekannt,
Daß sich der neue Bund am alten stärke.

Stauffacher
Hört, was die alten Hirten sich erzählen.
– Es war ein großes Volk, hinten im Lande
Nach Mitternacht, das litt von schwerer Theurung.
In dieser Noth beschloß die Landsgemeinde,
Daß je der zehnte Bürger nach dem Loos
Der Väter Land verlasse – das geschah!
Und zogen aus, wehklagend, Männer und Weiber,
Ein großer Heerzug, nach der Mittagsonne,
Mit dem Schwert sich schlagend durch das deutsche Land,
Bis an das Hochland dieser Waldgebirge.
Und eher nicht ermüdete der Zug,

[85]

Bis daß sie kamen in das wilde Thal,
Wo jezt die Muotta zwischen Wiesen rinnt –
Nicht Menschenspuren waren hier zu sehen,
Nur eine Hütte stand am Ufer einsam,
Da saß ein Mann, und wartete der Fähre –
Doch heftig wogete der See und war
Nicht fahrbar; da besahen sie das Land
Sich näher und gewahrten schöne Fülle,
Des Holzes und entdeckten gute Brunnen,
Und meinten, sich im lieben Vaterland
Zu finden – Da beschlossen sie zu bleiben,
Erbaueten den alten Flecken Schwytz,
Und hatten manchen sauren Tag, den Wald
Mit weitverschlungnen Wurzeln auszuroden –
Drauf als der Boden nicht mehr Gnügen that
Der Zahl des Volks, da zogen sie hinüber
Zum schwarzen Berg, ja bis an’s Weißland hin,
Wo hinter ewgem Eiseswall verborgen,
Ein andres Volk in andern Zungen spricht.
Den Flecken Stanz erbauten sie am Kernwald,
Den Flecken Altorf in dem Thal der Reuß –

[86]

Doch blieben sie des Ursprungs stets gedenk,
Aus all den fremden Stämmen, die seitdem
In Mitte ihres Lands sich angesiedelt,
Finden die Schwytzer Männer sich heraus,
Es giebt das Herz, das Blut sich zu erkennen.
(reicht rechts und links die Hand hin)

Auf der Mauer
Ja, wir sind eines Herzens, eines Bluts!

Alle (sich die Hände reichend)
Wir sind Ein Volk, und einig wollen wir handeln.

Stauffacher
Die andern Völker tragen fremdes Joch,
Sie haben sich dem Sieger unterworfen.
Es leben selbst in unsern Landesmarken
Der Sassen viel, die fremde Pflichten tragen,
Und ihre Knechtschaft erbt auf ihre Kinder.
Doch wir, der alten Schweitzer ächter Stamm,
Wir haben stets die Freiheit uns bewahrt.
Nicht unter Fürsten bogen wir das Knie,
Freiwillig wählten wir den Schirm der Kaiser.

[87]

Rösselmann
Frei wählten wir des Reiches Schutz und Schirm,
So steht’s bemerkt in Kaiser Friedrichs Brief.

Stauffacher
Denn herrenlos ist auch der Freiste nicht.
Ein Oberhaupt muß seyn, ein höchster Richter,
Wo man das Recht mag schöpfen in dem Streit.
Drum haben unsre Väter für den Boden,
Den sie der alten Wildniß abgewonnen,
Die Ehr’ gegönnt dem Kaiser, der den Herrn
Sich nennt der deutschen und der welschen Erde,
Und wie die andern Freien seines Reichs
Sich ihm zu edelm Waffendienst gelobt,
Denn dieses ist der Freien einzge Pflicht,
Das Reich zu schirmen, das sie selbst beschirmt.

Melchthal
Was drüber ist, ist Merkmal eines Knechts.

Stauffacher
Sie folgten, wenn der Heribann ergieng,
Dem Reichspanier und schlugen seine Schlachten.
Nach Welschland zogen sie gewappnet mit,

[88]

Die Römerkron’ ihm auf das Haupt zu setzen.
Daheim regierten sie sich fröhlich selbst
Nach altem Brauch und eigenem Gesetz,
Der höchste Blutbann war allein des Kaisers.
Und dazu ward bestellt ein großer Graf,
Der hatte seinen Sitz nicht in dem Lande,
Wenn Blutschuld kam, so rief man ihn herein,
Und unter offnem Himmel, schlicht und klar,
Sprach er das Recht und ohne Furcht der Menschen.
Wo sind hier Spuren, daß wir Knechte sind?
Ist einer, der es anders weiß, der rede!

Im Hofe
Nein, so verhält sich alles wie ihr sprecht,
Gewaltherrschaft ward nie bei uns geduldet.

Stauffacher
Dem Kaiser selbst versagten wir Gehorsam,
Da er das Recht zu Gunst der Pfaffen bog.
Denn als die Leute von dem Gotteshaus
Einsiedeln uns die Alp in Anspruch nahmen,
Die wir beweidet seit der Väter Zeit,
Der Abt herfürzog einen alten Brief,

[89]

Der ihm die herrenlose Wüste schenkte –
Denn unser Daseyn hatte man verhehlt –
Da sprachen wir: „Erschlichen ist der Brief,
Kein Kaiser kann was unser ist verschenken.
Und wird uns Recht versagt vom Reich, wir können
In unsern Bergen auch des Reichs entbehren.“
– So sprachen unsre Väter! Sollen wir
Des neuen Joches Schändlichkeit erdulden,
Erleiden von dem fremden Knecht, was uns
In seiner Macht kein Kaiser durfte bieten?
– Wir haben diesen Boden uns erschaffen
Durch unsrer Hände Fleiß, den alten Wald,
Der sonst der Bären wilde Wohnung war,
Zu einem Sitz für Menschen umgewandelt,
Die Brut des Drachen haben wir getödet,
Der aus den Sümpfen giftgeschwollen stieg,
Die Nebeldecke haben wir zerrissen,
Die ewig grau um diese Wildniß hieng,
Den harten Fels gesprengt, über den Abgrund
Dem Wandersmann den sichern Steg geleitet,
Unser ist durch tausendjährigen Besitz

[90]

Der Boden – und der fremde Herrenknecht
Soll kommen dürfen und uns Ketten schmieden,
Und Schmach anthun auf unsrer eignen Erde?
Ist keine Hülfe gegen solchen Drang?
(eine große Bewegung unter den Landleuten)
Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht,
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last – greift er
Hinauf getrosten Muthes in den Himmel,
Und hohlt herunter seine ewgen Rechte,
Die droben hangen unveräuserlich
Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst –
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch dem Menschen gegenüber steht –
Zum lezten Mittel, wenn kein andres mehr
Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben –
Der Güter höchstes dürfen wir vertheid’gen
Gegen Gewalt – Wir stehn vor unser Land,
Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!

Alle (an ihre Schwerter schlagend)
Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!

[91]

Rösselmann (tritt in den Ring)
Eh’ ihr zum Schwerte greift, bedenkt es wohl.
Ihr könnt es friedlich mit dem Kaiser schlichten.
Es kostet euch ein Wort und die Tyrannen,
Die euch jezt schwer bedrängen, schmeicheln euch.
– Ergreift, was man euch oft geboten hat,
Trennt euch vom Reich, erkennet Oestreichs Hoheit –

Auf der Mauer
Was sagt der Pfarrer? Wir zu Oestreich schwören!

Am Bühel
Hört ihn nicht an!

Winkelried
 Das räth uns ein Verräther,
Ein Feind des Landes!

Reding
 Ruhig, Eidgenossen!

Sewa
Wir Oestreich huldigen, nach solcher Schmach!

Von der Flüe
Wir uns abtrotzen lassen durch Gewalt,
Was wir der Güte weigerten!

[92]

Meier
 Dann wären
Wir Sklaven und verdienten es zu seyn!

Auf der Mauer
Der sei gestossen aus dem Recht der Schweitzer,
Wer von Ergebung spricht an Oesterreich!
– Landammann, ich bestehe drauf, dieß sey
Das erste Landsgesetz, das wir hier geben.

Melchthal
So sei’s. Wer von Ergebung spricht an Oestreich,
Soll rechtlos seyn und aller Ehren baar,
Kein Landmann nehm’ ihn auf an seinem Feuer.

Alle (heben die rechte Hand auf)
Wir wollen es, das sey Gesetz!

Reding (nach einer Pause)
 Es ist’s.

Rösselmann
Jetzt seid ihr frei, ihr seid’s durch dieß Gesetz,
Nicht durch Gewalt soll Oesterreich ertrotzen,
Was es durch freundlich Werben nicht erhielt –

[93]

Jost von Weiler
Zur Tagesordnung, weiter.

Reding
 Eidgenossen!
Sind alle sanften Mittel auch versucht?
Vielleicht weiß es der König nicht, es ist
Wohl gar sein Wille nicht, was wir erdulden.
Auch dieses lezte sollten wir versuchen,
Erst unsre Klage bringen vor sein Ohr,
Eh’ wir zum Schwerte greifen. Schrecklich immer
Auch in gerechter Sache ist Gewalt,
Gott hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen.

Stauffacher (zu Konrad Hunn)
Nun ist’s an euch, Bericht zu geben. Redet.

Konrad Hunn
Ich war zu Rheinfeld an des Kaisers Pfalz,
Wider der Vögte harten Druck zu klagen,
Den Brief zu hohlen unsrer alten Freiheit,
Den jeder neue König sonst bestätigt.
Die Boten vieler Städte fand ich dort,

[94]

Vom schwäbschen Lande und vom Lauf des Rheins,
Die all’ erhielten ihre Pergamente,
Und kehrten freudig wieder in ihr Land.
Mich, Euren Boten, wies man an die Räthe,
Und die entliessen mich mit leerem Trost:
„Der Kaiser habe dießmal keine Zeit,
Er würde sonst einmal wohl an uns denken.“
– Und als ich traurig durch die Säle gieng
Der Königsburg, da sah ich Herzog Hansen
In einem Erker weinend stehn, um ihn
Die edeln Herrn von Wart und Tägerfeld.
Die riefen mir und sagten: „Helft euch selbst,
Gerechtigkeit erwartet nicht vom König.
Beraubt er nicht des eignen Bruders Kind,
Und hinterhält ihm sein gerechtes Erbe?
Der Herzog fleht’ ihn um sein Mütterliches,
Er habe seine Jahre voll, es wäre
Nun Zeit, auch Land und Leute zu regieren.
Was ward ihm zum Bescheid? Ein Kränzlein sezt ihm
Der Kaiser auf: das sei die Zier der Jugend.“

[95]

Auf der Mauer
Ihr habt’s gehört. Recht und Gerechtigkeit
Erwartet nicht vom Kaiser! Helft euch selbst!

Reding
Nichts andres bleibt uns übrig. Nun gebt Rath,
Wie wir es klug zum frohen Ende leiten.

Walther Fürst (tritt in den Ring)
Abtreiben wollen wir verhaßten Zwang,
Die alten Rechte, wie wir sie ererbt
Von unsern Vätern, wollen wir bewahren,
Nicht ungezügelt nach dem Neuen greifen.
Dem Kaiser bleibe, was des Kaisers ist,
Wer einen Herrn hat, dien’ ihm pflichtgemäß.

Meier
Ich trage Gut von Oesterreich zu Lehen.

Walther Fürst
Ihr fahret fort, Oestreich die Pflicht zu leisten.

Jost von Weiler
Ich steure an die Herrn von Rappersweil.

Walther Fürst
Ihr fahret fort, zu zinsen und zu steuern.

[96]

Rösselmann .
Der großen Frau zu Zürch bin ich vereidet.

Walther Fürst
Ihr gebt dem Kloster was des Klosters ist.

Stauffacher
Ich trage keine Lehen als des Reichs.

Walther Fürst
Was seyn muß, das geschehe, doch nicht drüber.
Die Vögte wollen wir mit ihren Knechten
Verjagen und die festen Schlösser brechen,
Doch wenn es seyn mag, ohne Blut. Es sehe
Der Kaiser, daß wir nothgedrungen nur
Der Ehrfurcht fromme Pflichten abgeworfen.
Und sieht er uns in unsern Schranken bleiben,
Vielleicht besiegt er staatsklug seinen Zorn,
Denn billge Furcht erwecket sich ein Volk,
Das mit dem Schwerte in der Faust sich mäßigt.

Reding
Doch lasset hören! Wie vollenden wir’s?
Es hat der Feind die Waffen in der Hand,
Und nicht fürwahr in Frieden wird er weichen.

[97]

Stauffacher
Er wirds, wenn er in Waffen uns erblickt,
Wir überraschen ihn, eh er sich rüstet.

Meier
Ist bald gesprochen, aber schwer gethan.
Uns ragen in dem Land zwei feste Schlösser,
Die geben Schirm dem Feind und werden furchtbar,
Wenn uns der König in das Land sollt’ fallen.
Roßberg und Sarnen muß bezwungen seyn,
Eh man ein Schwert erhebt in den drey Landen.

Stauffacher
Säumt man so lang, so wird der Feind gewarnt,
Zu viele sinds, die das Geheimniß theilen.

Meier
In den Waldstätten findt sich kein Verräther.

Rösselmann
Der Eifer auch, der gute, kann verrathen.

Walther Fürst
Schiebt man es auf, so wird der Twing vollendet
In Altorf, und der Vogt befestigt sich.

[98]

Meier
Ihr denkt an euch.

Sigrist
 Und ihr seid ungerecht.

Meier (auffahrend)
Wir ungerecht! Das darf uns Uri bieten!

Reding
Bei eurem Eide, Ruh!

Meier
 Ja, wenn sich Schwytz
Versteht mit Uri, müssen wir wohl schweigen.

Reding
Ich muß euch weisen vor der Landsgemeinde,
Daß ihr mit heftgem Sinn den Frieden stört!
Stehn wir nicht alle für dieselbe Sache?

Winkelried
Wenn wirs verschieben bis zum Fest des Herrn
Dann bringts die Sitte mit, daß alle Sassen
Dem Vogt Geschenke bringen auf das Schloß,
So können zehen Männer oder zwölf
Sich unverdächtig in der Burg versammeln,

[99]

Die führen heimlich spitzge Eisen mit,
Die man geschwind kann an die Stäbe stecken,
Denn niemand kommt mit Waffen in die Burg.
Zunächst im Wald hält dann der große Haufe,
Und wenn die andern glücklich sich des Thors
Ermächtiget, so wird ein Horn geblasen,
Und jene brechen aus dem Hinterhalt,
So wird das Schloß mit leichter Arbeit unser.

Melchthal
Den Roßberg übernehm ich zu ersteigen,
Denn eine Dirn’ des Schlosses ist mir hold,
Und leicht bethör ich sie, zum nächtlichen
Besuch die schwanke Leiter mir zu reichen,
Bin ich droben erst, zieh ich die Freunde nach.

Reding
Ist’s aller Wille, daß verschoben werde?
(die Mehrheit erhebt die Hand)

Stauffacher (zählt die Stimmen)
Es ist ein Mehr von zwanzig gegen zwölf!

Walther Fürst
Wenn am bestimmten Tag die Burgen fallen,

[100]

So geben wir von einem Berg zum andern
Das Zeichen mit dem Rauch, der Landsturm wird
Aufgeboten, schnell, im Hauptort jedes Landes,
Wenn dann die Vögte sehn der Waffen Ernst,
Glaubt mir, sie werden sich des Streits begeben,
Und gern ergreifen friedliches Geleit,
Aus unsern Landesmarken zu entweichen.

Stauffacher
Nur mit dem Geßler fürcht ich schweren Stand,
Furchtbar ist er mit Reisigen umgeben,
Nicht ohne Blut räumt er das Feld, ja selbst
Vertrieben bleibt er furchtbar noch dem Land,
Schwer ists und fast gefährlich, ihn zu schonen.

Baumgarten
Wo’s halsgefährlich ist, da stellt mich hin,
Dem Tell verdank ich mein gerettet Leben,
Gern schlag ichs in die Schanze für das Land,
Mein’ Ehr hab ich beschüzt, mein Herz befriedigt.

Reding
Die Zeit bringt Rath. Erwartets in Geduld.

[101]

Man muß dem Augenblick auch was vertrauen.
– Doch seht, indeß wir nächtlich hier noch tagen,
Stellt auf den höchsten Bergen schon der Morgen
Die glüh’nde Hochwacht aus – Kommt, laßt uns scheiden,
Eh uns des Tages Leuchten überrascht.

Walther Fürst
Sorgt nicht, die Nacht weicht langsam aus den Thälern.

(Alle haben unwillkührlich die Hüte abgenommen und betrachten mit stiller Sammlung die Morgenröthe)

Rösselmann
Bei diesem Licht, das uns zuerst begrüßt
Von allen Völkern, die tief unter uns
Schwerathmend wohnen in dem Qualm der Städte,
Laßt uns den Eid des neuen Bundes schwören.
– Wir wollen seyn ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Noth uns trennen und Gefahr.
(alle sprechen es nach mit erhobenen drei Fingern)
– Wir wollen frey seyn wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
(wie oben)

[102]

– Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.
(wie oben. Die Landleute umarmen einander)

Stauffacher
Jezt gehe jeder seines Weges still
Zu seiner Freundschaft und Genoßsame,
Wer Hirt ist, wintre ruhig seine Heerde,
Und werb’ im Stillen Freunde für den Bund,
Was noch bis dahin muß erduldet werden,
Erduldets! Laßt die Rechnung der Tyrannen
Anwachsen, bis Ein Tag die allgemeine
Und die besondre Schuld auf einmal zahlt.
Bezähme jeder die gerechte Wut,
Und spare für das Ganze seine Rache,
Denn Raub begeht am allgemeinen Gut,
Wer selbst sich hilft in seiner eignen Sache.
(Indem sie zu drei verschiednen Seiten in größter Ruhe abgehen, fällt das Orchester mit einem prachtvollen Schwung ein, die leere Scene bleibt noch eine Zeitlang offen und zeigt das Schauspiel der aufgehenden Sonne über den Eisgebirgen.)

Anmerkungen (Wikisource)


  1. Vorlage: , statt -
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