Wohlverdientes Todesurtheil

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Wohlverdientes Todesurtheil nebst einer Moralrede des Joseph Mayr, vulgò Windfligl Sepp, [...]
Untertitel:
aus: Vorlage:none
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1771
Verlag:
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: München
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Bayerische Staatsbibliothek
Scans auf commons
Kurzbeschreibung:
Siehe auch Kriminalitätsgeschichte
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
De Wohlverdientes Todesurtheil 01.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[1]

Wohlverdientes Todesurtheil
nebst einer
Moralrede
des
Joseph Mayr,
vulgò[1]
Windfligl Sepp,
welcher
auf gnädigste Anbefehlung eines Churfürstlich
Hochlöbl. Hofraths allhier in München wegen den zu
Riedberg begangenen Raub heunt den 17. Octob. 1771. mit
dem Strang vom Leben zum Tod hingericht worden.
_______________________________________________________________


De Ausschnitt Wohlverdientes Todesurtheil 01.jpg


[2]


Urgicht.[2]

Gegenwärtig vor dem strengen Malefitzgericht[3] offentlich vorgestellte Mannsperson hat in denen mit ihme vorgenommenen Examinibus einbekennet, und quoad generalia ausgesaget:

     Estens, daß er Joseph Mayr, vulgò Windfligl-Sepp heiße, 21. jährigen Alters, von Hirschberg in Baiern gebürtig, sein allbereits verstorbener Vater ware ein Wurzengraber, die Mutter aber annoch im Leben, unwissend, wo selbe sich aufhalte, seye katholischer Religion, verheuratheten Standes, und keiner Profeßion kündig.

     Zweytens, gestunde Maleficant, daß er Anno 1760. beym Churfürstl. Pfleggericht Rosenheim, Anno 1762. beym K. K. Landgericht Kuefstein in Tyroll Anno 1764. beym Churfürstl. Pfleggericht Aybling, Anno 1767. und 1768. in der Fronfest des allhiesigen Falkenthurns, und Anno 1769. bey mehrbemeldt K. K. Landgericht Kuefstein wegen ausgeübt mehrfältigen Beutelschneidereyen[4] so andern Diebstählen zu Verhaft gelegen, allwo er theils mit Karbatschstreichen[5], theils Arbeitshaus-Straff abgebüsset; zu Kuefstein aber öffentlich auf dem Pranger vorgestellet, und durch den Scharfrichter mit Ruthen ausgehauet worden. In der Hauptsach aber, und

     Drittens, bekennte Maleficant, daß er sich mit dem Johann Michael Schwaiger, und dem Hanns Georg Rhain Abdeckers Sohn hintern Stein unterredet, den Mayr Bauern zu Riedberg Churfürstl. Pfleggerichts Aybling auszurauben, dahero sie 3. abgewichenen Jahrs den vierten Sonntag nach Ostern in der Fruh zwischen 8. und 9. Uhr sich alldahin, und durch den Stadel in das Haus begeben, Maleficant, weilen er bey dem Bauern allzu gut bekannt, trauete sich nicht in die Stuben, sondern haltete auf den Dennen die Spech, dahingegen aber überfiele der Hanns Michael, und der in Weibskleider verkleidete Hanns Georg Rhain den in der Stuben gewesten Bauern, rissen beyde denselben bey den Haaren zu Boden, schlugen ihn theils mit den bey sich gehabten Stecken, theils mit den an den Fingern getragenen großen Schlagringen, warfen denselben endlich gebundener in dem Keller, und versperrten ihn daselbst, sodann begaben sie sich zu ihme Maleficanten, wo dann sie 3. die in denen obern Kammern gestandene Kästen, und Truchen gewaltthätiger weis aufgesprenget, und hieraus [3] sehr vieles rupfenes, und härbenes Tuch, dann verschiedentliches Weibergewand, und die unter dem Strohsack gelegene 9. fl[6]. Geld , diebischer weis entfremdet. Diese gestohlne Sachen haben sie in 3. gleiche Theil vertheilet, die bey diesen beschehenen Raub eingeholt eydliche Erfahrung, und das mit dem damnificirten Bauern beschehene grausame Verfahren ist dem Publico ohnehin von der gestrig im Druck gelegten Urgicht, des mit dem Rad hingerichteten Johann Michael Schwaigers sehr wohl, und anbey bekannt, daß der beschwohrne Schaden sich auf 111. fl. beloffen.

     In diesem dann bestehet des gegenwärtigen incorrigiblen Maleficantens einbekennte schwere Verbrechen, worüber von einem Churfürstl. Hochlöbl. Hofrath, eingangs bemeldtes Todes-Urtheil an ihn exequiren zu lassen gnädigst anbefohlen worden.

_______________________________________________________________


Fortsetzung der vorigen Moral-Rede.

Das schwarze Laster hat die Jahre überwogen,
Sie sind Harpyen gleich dem Raube zugeflogen,
Und schlug die Rache nicht mit ihrem Strahl darein,
Wie groß soll ihre Wuth im späten Alter seyn?
Kein wildes Tygerthier in öden Wüsteneyen
Zertheilt Hircanien in streitende Partheyen.
Kein Wolf hat irgendwo mit Wölfen Krieg geführt:
Wird unter Habichten wohl je ein Streit gespürt?
Wo zeigt uns Africa in unbewohnten Gründen
Daß, um ein rechtes Haupt zum Könige zu finden,
Ein Löw mit Löwen kämpft, ein Freund mit Freunden kriegt,
Bis der geschwächte Staat aus Neid zu Boden liegt?
Das allergrausamste, so die Natur gebiehret,
Verehret alles das, was seine Bildung führet,
Es mäßigt seinen Zorn, es hemmet seine Wuth,
Lebt still in seiner Art, schaut nicht nach fremden Guth:
Sie wissen unter sich in Sicherheit zu leben,
Und bloß der Billigkeit vergnügt Gehör zu geben.
Der Mensch, der Mensch allein, das rasend tolle Thier
Bricht selber sein Genick aus blinder Raubbegier.
Ein Mensch verfolgt, und haßt, würgt, und beraubt den andern,
Und läßt das fremde Gut in seine Küsten wandern,
[4] Wer anders als der Mensch hat durch Gewöhr, und Schlacht
Den halben Erdenkreiß zur Wüsteney gemacht?
Der Rauber in dem Wald erduldet Frost, und Regen
Und sucht mit Hinterlist den Wandrer zu erlegen,
Er schleicht sich in die Stadt, sprengt Thür, und Schlösser auf,
Fällt alles rasend an. läßt seiner Wuth den Lauf
Kein Alter, und Geschlecht bleibt frey, und unverschonet,
Selbst die Barmherzigkeit wird oft mit Blut belohnet:
Ein hartes Rauberherz macht keine Thräne weich,
In seinem Schilde führt es immer Stoß, und Streich:
Dieß hat der Bauer Mayr zu Riedberg wohl erfahren
Die Rauber-Bande kam, und zog ihn bey den Haaren,
In einen Keller fort, wo sie ihn schlug, und band,
Und alles mit sich nahm, was sie nur immer fand.
Der Mann war im Begrif das Suppenbrod zu schneiden,
Und folglich nicht gefaßt den Angrif zu vermeiden
Dergleichen Schelmenstreich stund nicht auf ihrer Stirn:
Denn einer war verkleidt als eine Bauer-Diern.
Der Erste hat den Lohn der Uebelthat empfangen.
Nun muß auch Joseph Mayr der Windeflügel hangen:
Er trägt auch wirklich itzt den Namen in der That,
Indem der Wind genug mit ihm zu spielen hat.
Für Vögel solcher Art, gehört ein solches Zimmer,
Die Flügel sind gestutzt, nun flügt, und stihlt er nimmer.
Er war ein Meisterstück der Beutelschneiderey,
Ward zehnmal eingesteckt, und log sich wieder frey.
So oft und vielmal auch er im Verhaft gelegen,
So wenig ließ er sich zur Besserung bewegen.
Gewohnheit nämlich ist die andere Natur,
Nimmt mit den Jahren zu, kommt selten in die Cur:
Ein Nagel, welcher tief in einer Mauer rostet,
Und noch so viele Müh heraus zu ziehen kostet:
Ein Stein, ein schwerer Stein, den kaum der Stärkste hebt,
Ein angeseßner Wurm, der immer weiter gräbt,
Sie ist ein eisnes Hemd, das hart am Leibe lieget,
Ein angelaufner Strom, der immer Zuwachs krieget.

               Die Fortsetzung folgt Morgen.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. lat., allgemein genannt
  2. Urgicht, gerichtliches Geständnis
  3. Malefizgericht, das über schwere Straftaten richtet
  4. Der Beutelschneider war ein Dieb, der den am Gürtel befestigten Geldbeutel samt Inhalt abschnitt.
  5. Hieb mit der Karbatsche, einer Lederpeitsche; Strafe bei geringeren Delikten
  6. Gulden, Währungseinheit