Zedler:Teutsche Staats-Kranckheiten

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste
korrigiert
<<<Vorheriger

Teutsche Sprach-Kunst

Nächster>>>

Teutsche Staats-Mängel

Band: 43 (1745), Spalte: 184–196. (Scan)

[[{{{10}}}|{{{10}}} in Wikisource]]
[[w:{{{11}}}|{{{11}}} in der Wikipedia]]
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für WP  
Literatur
* {{Zedler Online|43|Teutsche Staats-Kranckheiten|184|196}}
Weblinks
{{Wikisource|Zedler:Teutsche Staats-Kranckheiten|Teutsche Staats-Kranckheiten|Artikel in [[Johann Heinrich Zedler|Zedlers’]] [[Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste|Universal-Lexicon]] (1745)}}
mit dem Scan von MDZ vergleichen  


Teutsche Staats-Kranckheiten, oder Staats-Kranckheiten des Heil. Römischen Reichs Teutscher Nation, Lat. Imperii Teutonici, oder Imperii Romano-Germanici, oder auch Sacri Imperii Romani Teutonica Nationis, Morbi, Naevi, Defectus; Unter dieser Benennung verstehen wir nichts anders, als entweder die dem Römisch-Teutschen Reiche, in Ansehung seiner so innerlichen als äusserlichen Staats-Verfassung, absonderlich von unterschiedenen Ausländern beygemessenen Mängel und Gebrechen, oder auch die daran sich würcklich äussernde Unbequemlichkeiten. Und ob zwar nicht zu läugnen, daß solches allerdings eine derer wichtigsten und delicatesten Materien ist; so werden wir uns doch alle möglichste Mühe geben, der Sache weder zu wenig, noch zu viel zu thun, am allerwenigsten aber etwas einfliessen zu lassen, was unserer so wohl dem Allerhöchsten Ober-Haupte, als auch denen Würdigsten und Durchlauchtigsten Mitgliedern, oder andern desselben darzu gehörigen Ständen, schuldigsten Ehrfurcht und Dienst-Befliessenheit nur im geringsten entgegen zu seyn scheinen konnte, noch auch irgend etwas davon zu sagen, ausser was bereits von andern in ihren öffentlich gedruckten Schriften vor uns davon berühret worden, im übrigen aber uns vielmehr nur einer Historischen Erzehlung, als selbst angemaßten Beurtheilung, zu befleißigen. Vorhero aber erachten wir nicht undienlich zu seyn, erst noch von der Macht und dem Ansehen des Teutschen Reiches, als eines ohne Widerspruch derer größten und wichtigsten Staats-Cörper, eines und das andere zu gedencken. Die [185] Kräffte einer Republick können entweder an sich, oder in so ferne sie in einer wohl übereinstimmenden Staats-Verfassung füglich anzuwenden, betrachtet werden. An sich betrachtet, beruhen sie entweder auf Personen, oder auf Sachen. Was die Personen anlanget; so hat sich Teutschland weder über deren Mangel, noch Geschicklichkeit zu beschweren. Der hohe Adel ist darinne so zahlreich, und so ansehnlich, als nirgends in der ganzen Welt. Der niedere Adel aber wird weder durch die Enge der Landschaft, noch durch die allzu grosse Menge genöthigt, sich zu unanständigen Hanthierungen herunter zu lassen. Derjenigen, welche sich auf die Wissenschafften legen, ist vielleicht eine grössere Anzahl, als eben nöthig wäre, ob wohl unter so vielen gar wenige gefunden werden, welche des Phöbus Lorbern tragen. Derer Kauff- und Handwercks-Leute ist ebenfalls eine ziemliche Menge. Doch sind der Bauersleute heut zu Tage an manchen Orten weniger, als es die gar geraumen Felder erfordern. Welches entweder an theils Orten von denen von Zeit zu Zeit entstandenen Kriege, durch welche Teutschland mit unter gar sehr verwüstet worden, oder auch wohl daher rühren mag, daß, wenn die Bauersleute etwas zu Vermögen gekommen, sie also geartet sind, daß sie sich ein Vergnügen machen ihre Söhne zu einer Profeßion oder nach Gelegenheit auch wohl gar zum Studiren anzuhalten, indem sie die, so in deren Städten wohnen, gegen sich vor viel glücklicher schätzen. Ob man wohl kaum glauben sollte daß sich jemand gefunden, welcher die Zahl der Städte und Dörffer untersucht; so wird doch derjenige von denen so die Landschafft kennen, nicht vor thöricht gehalten werden, welcher behaupten wollte, daß gar leicht eine Armee von 200 000 Mann zusammen gebracht werden könnte, wenn gleich nur aus jeder Stadt fünff, und aus jedem Dorffe ein, oder zwei Soldaten genommen würden. Man kann damit eine Probe machen. Gewissen Schrifftsteller zählen in den zehn Creyßen 1957 Städte und Schlosser, ohne das Königreich Böhmen, in welchem nach Hagecius Bericht, zu Zeiten Ferdinands I. 102 grosse 308 kleine Städte, 258 Schlößer, 171 Klöster und 30 363 Dörffer, gewesen. In Schlesien zählet man 411 grosse Städte, 863 kleinere, 51 112 Dörffer. In Mähren 100 grosse, 410 kleine Städte, 30 360 Dörffer. Ehemals sind auch der Abteyen und Klöster, ehe sich ihrer die Protestanten so viele davon zugeeignet, 11 024 gezählet worden. Also schreibet man, daß durch den Eyfer Ferdinands II. 1 000 000 Menschen zur Catholische Kirche zurück beruffen worden, wo nicht die Schmeicheley der Priester diese Zahl ziemlich vermehret. Die Nation selbst ist von ihrem ersten Ursprunge an trefflich kriegerisch, und hat aus Begierde zu streiten, fast durch gantz Europam ihr Blut gleichsam feil herumgetragen. Und gleichwie sie nicht so gar hitzig ist; also macht sie dieses sehr beständig, und zu trefflichen Wissenschaften geschickt. Nicht weniger ist sie in allen Arten der Handwercker und Künste unermüdet fleißig; und welches gar viel zum Aufnehmen derer Städte beyträgt, im geringsten nicht zu Neuerungen geneigt, und kann auch eine Herrschaft, so nur nicht allzu[186]strenge ist, gar wohl vertragen. Unter denen Sachen erhält den ersten Platz die Landschafft selbst. Wie weitläufig und groß dieselbe sey, wird derselbe leicht begreiffen, der von den Cassuben bis nach Mümpelgard , oder von dem äussersten Hollstein bis an die Grentzen von Crayn, oder aus dem Lütticher Lande bis an die äussersten Grentzen Schlesiens, eine Reise gethan hat. In einem so ungeheuren Umreyße, wenn man die Gipffel der Alpen ausnimmt, sind wenig Orte, welche nichts hervorbringen sollten, was dem Menschen zu Nutze kommen kann. Je es ist daselbst ein solcher Zuwachs von allen zum menschlichen Leben nöthigen Dingen, daß man etwas, ohne was zur Schwelgerey und überflüßiger Wollust dienet, von anderswo herzuhohlen, nicht nöthig hat. Die Bergwercke und Flüße geben zwar weniges Gold, und die Edelgesteine, so Teutschland hervorbringet, werden von geringerm Werthe gehalten. Dennoch werden an unterschiedenen Orten in grosser Menge Silber, Kupffer, Zinn, Bley, Eisen, Quecksilber, und andere schlechtere Mineralien, gegraben. Die Quellen geben Saltz genug, ob sich wohl die Oerter, so an dem Meere oder schiffbaren Flüßen liegen, dessen, so aus Franckreich, Portugall, oder Holland eingeführet wird, schon mehr bedienen. Es findet sich darinne ein Ueberfluß an Korn, und allerhand Arten von Früchten, an Holtz, und an dem, was zur Kleidung gehöret, ingleichen eine grosse Menge Pferde, groß und klein Vieh, und Wilpret. Auch leidet Teutschland an starcken Geträncken keinen Mangel; also, daß Teutschland überhaupt ein reiches Land genennet werden kan. Denn ausser dem, daß die Materie des Geldes selbst darinne gezeuget wird; so bringet solches auch alles so reichlich hervor, was so wohl zur Nothdurfft, als zur Ergötzlichkeit des menschlichen Lebens dienen kan, daß nicht nur dessen Einwohner damit hinlänglich versehen, sondern auch Fremde damit bedienet werden können. Und das, so anders woher eingeführet wird, ist entweder so beschaffen, daß es nicht mehr beträgt, als dasjenige so ausgeführet wird, oder daß die Teutschen dessen gar leicht entbehren könnten, wenn sie ihre Schwelgerey mäßigen, und ihre zum Theil noch an sich habende Faulheit und Thorheit ablegen wolten. Denn wie leicht könnte man nicht die Spanischen Weine entrathen, wenn man denen innländischen Weinen oder Bieren, oder, so diese zur Trunckenheit noch nicht hinlänglich wären, mid den abgezogenen Brannteweinen vergnügt seyn wollte? Wie leicht würde man denen Spaniern, Engel- und Holländern ihre Tücher lassen, wenn man sich mit denen, aus innländischer Wolle gefertigten, bekleiden wolte? Oder wenn ihnen derselben Güte so sehr gefällt, so sollten die inländischen Handwercksmeister solche Kunst besser auslernen. Es wäre auch unsern Teutschen nicht schwer, der seidenen Zeuge zu entbehren; oder, wenn es ja seyn müste, sich etwas gläntzender zu kleiden, so trägt ja die Gegend um den Rhein Maulbeer-Bäume genug, wenn nur die Einwohne derselben so viel von ihrer Nachläßigkeit erhalten könnten, daß sie ausser denen Weinbergen etwas bauen wollten. Da aber diese Gegend denen Würmern Futter verschaffet; [187] so könnten sie ja von den Einwohnern jener Länder die Handgriffe, mit der Seide umzugehen, füglich erlernen. Es ist aber dieses der Einfalt des Volckes zu verzeihen, welche, weil sie glauben, viel artiger zu seyn, wenn sie Frantzösischen Moden nachahmen, auch die Thorheit darzu begehen, daß sie die leichten und geringen Zeuge welche auch offt gar lächerlich herauskommen, von ihnen hohlen. Denn die Verwunderung des Frantzösischen Nahmens leget offt den nichtswürdigsten Dingen einen grossen Werth bey. Daß aber die Frantzösischen Künstler die Nahmen der Zeuge und Tücher so öffters verändern, ist nicht so wohl einen Leichtsinnigkeit, als vielmehr eine gefliessentliche List. Denn dadurch verhüten sie, daß die Teutschen, dergleichen Stücke bey sich nicht nachmachen: Ob wohl die meisten von diesen so einfältig sind, daß sie glauben, es sey ihnen unanständig, wenn sie von der einmahl angenommenen Art abgiengen, und dürfften sie daher nichts feineres machen, weil ihre Vorfahren solchen auch nicht gewust hätten. Endlich können sich die Teutschen der Gewürtze, des Zuckers, und was sonst aus beyderley Indien gebracht wird, weit spahrsamer bedienen, wenn sie ihrer Schwelgerey Einhalt zu thun wüsten. Aber es fehlet Teutschland auch nicht an Mitteln, dadurch es mit Hülffe der Handlung die Güter anderer Landschafften an sich ziehen kan. Darzu wird, ausser dem Fleiße der Einwohner erfordert, daß ein Land also gelegen sey, daß man so wohl zu den Ausländern füglich kommen, und jene hinwiederum aufnehmen, als auch von den Bedürffnissen der Einwohner etwas erübrigen und zu jenen ausführen könne. Die Lage ist denenjenigen Städten zu Treibung der Handlung sehr bequehm, welche an den Oceanischen und Baltischen Meere liegen; denenjenigen aber, welche die schiffreichen Flüsse berühren, wegen der vielen und grossen Zölle schon etwas unbequemer. Von Waaren hingegen, so zu Lande fortgebracht werden, hat man weniger Vortheil. Was man aus Teutschland ausführet, ist meist folgendes: Eisen und allerley aus solchem Metall gefertigte Instrument, Bley, Quecksilber, Wein, Bier, Branntewein, Getreyde, Wolle, grobe Tücher, allerhand wollene und leinene Zeuge, Pferde, Schaafe, und dergleichen mehr. Doch ist nicht zu läugnen, daß in einigen Ländern Europens mehr Geld gefunden werde, als in Teutschland. Dieses scheinet nicht von einer Ursache herzurühren. Denn was ist es Wunder, daß ein Land eines theils erschöpfft sey, in welchem Mars wohl ehemals gantzer 30 Jahr ghauset hat, der andern vor und nach der Zeit entstandenen Kriege nicht zugedencken, wodurch solches nicht nur dem innerlichen sondern auch auswärtigen Feinde, zum Raube offen gestanden? So denn giebt es auch Länder, in Europa, welche weit gelegener sind, Handlung zu treiben, als Teutschland. Denn wenig Städte von Teutschland haben die Bequemlichkeit, am Meere zu liegen; da hingegen Engelland, Italien, Spanien, Portugall, Franckreich, und Holland, darinnen einen grossen Vorzug haben. Ueber dieses finden sich Länder, denen wieder andere Landschaften unterworffen sind, und welche so gar alle derselben Reichthümer gleichsam ins [188] Enge gebracht, auf einmahl vorstellen: Als da ist Spanien, Portugall, Egelland und Holland. Teutschland besitzet ausser ihm nichts. Es pleget auch die Pracht und Größe derer Hautp-Städte in einigen Reichen denen Fremden in die Augen zu fallen, in welchen die grösten Schätze und Reichthümer zusammen kommen. Also urtheilen viele Unerfahrene aus dem Ansehen der Stadt Paris von gantz Franckreich, aus der Stadt London und Lissabon von gantz Engelland und Portugall. Die Reichthümer von Teutschland aber, als welche in einem so weiten Lande sehr zertreuet sind, erscheinen weit weniger. Es wird auch nicht eine schlechte Summe Geldes aus Unbedachtsamkeit der Teutschen zu denen Ausländern gebraht, indem sie von ihnen Waaren hohlen, welche sie entweder bey sich zeugen, oder deren sie wohl hätten entbehren können. Und haben vielleicht auch diejenigen nicht unrecht, welche glauben, daß man auch dieses hierher zu rechnen habe, daß durch das Reisen Junger Teutschen nicht wenig Geld aus ihrem Vaterlande zu denen Ausländern geschleppet werde. Denn ob es wohl vielleicht nicht undienlich seyn möchte, daß die natürliche Gemüths-Art der Teutschen durch den Umgang mit Fremden Nationen noch mehr ausgputzet würde; so sind doch diejenigen billig Auslachens oder Bedaurens werth, welche nach Gelegenheit z. E. aus Italien nichts, als einige denen disseits der Alpen wohnenden Völckern ungewöhnliche, lasterhaffte Vergnügungen, oder nicht so bekannte Flüche und Scheltworte, mit nach Hause bringen. Nichtsweniger lässet auch Franckreich die Reisenden mit andern Wissenschafften von sich, als mit diesen, daß sie hernachmahls desto ungezäumter zu leben und die unterschiedenen Grade der Venerischen Kranckheiten meist aus eigener Erfahrung zu erzehlen wissen. Einigen aber wird es doch helffen, daß sie Italien und Franckreich gesehen, nehmlich denenjenigen, welchen es verdrüßlich fällt, durch so viele Umschweiffe zu denen auf höhern Schulen üblichen Titeln zugelangen. Denn bey denen Italienern ist es, wie bekannt, mit weniger Schaam und Aufwand erlaubt, den Doctor-Titel und die Unwissenheit nach Hause zubingen; Ob wohl auch bey denen Teutschen selbst zum öfftern aus einem gar rohen Holtze ein dergleichen Mercurius gebildet wird. Aber gleichwie man niemand vor starck oder schwach halten kan, wenn er nicht mit andern verglichen wird; also hat man ferner Achtung zu geben, wie sich die Macht Teutschlandes gegen die benachbarten Länder, verhalte. Es berühret demnach Teutschland eines Theils das Türckische Reich, wenn man Ungarn und Croatien, welche vor dessen Vormauern gehalten werden können, hierher rechnen. Wie ihm denn auch sehr viel daran gelegen, daß solche sicher bleiben. Hieraus ist nun deutlich zuersehen, daß, ob wohl die Türcken aus ihrem weitläufftigen Gebiete eine grössere Last Goldes ziehen, und auch einen weit grösseren Hauffen Völcker ins Feld führen können, sich doch Teutschland wenig davor zu fürchten zu haben scheine. Dennes berühret der Türcke nur Teutschland mit der äussersten und geringsten Grenze seines Reiches, wo es gleichsam als ein Keil zugespitzt ist, und zwar sehr weit von [189] dem Haupt-Sitze des Reichs. Also, daß die Türcken nicht anders, als mit der größten Beschwerlichkeit die Kriege in Ungarn zu führen haben. Denn zu geschweigen, daß ein Türckischer Soldat, wenn man das Janitscharen-Corps ausnimmt, denen wohlgeübten Teutschen Soldaten, im geringsten nicht zu vergleichen; so müssen die Völcker so des Winters und der rauhen Lufft wenig gewohnt sind, mit großer Beschwerlichkeit aus Asien übergeführet werden. Und wenn alle Mannschafft bis an die äussersten Grentzen des Reiches zusammen gezogen worden; so pflegen gemeiniglich die nach Persien zu gelegenen Theile mit Rebellionen und Auffstand zu drohen. Und weil die benachtbarten Landschafften, als Servien, die Bulgarey und Ungarn selbst, der so großen Türckischen Menge nicht lange Unterhalt verschaffen können; so muß die Zufuhre des Proviants, von sehr weiten und durch die beschwerlichsten Wege zu Lande besorget werden, indem zu einem grossen Vortheile vor Teutschland die Donau gegen Morgen zufließet. Teutschland hingegen setzet schwerlich jemahls mehr, als den vierten Theil seiner Macht dem Türcken entgegen, und dennoch werden unter den Teutschen mehr Sieges-Zeichen über die Türcken, als von diesen über jene, aufgesteckt. Es ist aber dennoch der Nahme der Türcken zum allgemeinen Schrecken geworden, so wohl wegen ihrer grausamen Sitten, als auch wegen vieler andern hier nicht zu berührenden Ursachen. Italien ist an Volck und Geld weit geringer als Teutschland, und fast ungeschickt, einem andern Gewalt zu thun, wenn es zertheilet ist. Es haben vielmehr die Italiener hohe Ursache zufrieden zu seyn, daß die Teutschen Kayser ihr altes Recht über Italien, nicht wieder hervor zu suchen verlangen; besonders, da nunmehr durch die Beschaffenheit der gegenwärtigen Zeiten, die Ehrfurcht vor dem Päbstlichen Banne, welcher ihnen ehemahls ein Schrecken eingejaget, gäntzlich in Abfall gekommen zu seyn scheinet. Nichts ist ihm bequemer, als die Schweitz, deren Gesetze nur das ihre zu beschützen, nichts fremdes zu verlangen, und mehr zu nutzen, als zu schaden erfordern. Auch darf Pohlen es nicht wagen, sich im geringsten Teutschland gleich zu achten. Und da die Verfassung der Republick Pohlen erfordert, daß sie mehr auf die Erhaltung des ihrigen, als auf etwas fremdes sehen, welche Bescheidenheit nach denen Teutschen der Zustand ihrer Republick anräth; so ist kaum zu ersehen, wie diese beyden Völcker mit einander in Krieg gerathen solten. Dännemarck hat bis anher nicht einmal genug Vermögen gehabt, sich nur des eintzige Hamburg unterwürffig zu machen; gescheige denn, daß es sich gegen gantz Teutschland etwas zutrauen solte, da es zumahl bey allen Bewegungen der benachbarten Schweden erzittert. Wie weit Engelland in seinen Ocean gehe, macht denen Teutschen wenig Sorge. Und wie sich jenes vergebens vornehmen würde, daß feste Land zu überfallen; also haben diese zu Wasser so wenig Kräffte, daß sie mit denen Engelländern nicht in die geringste Vergleichung kommen können. Die Vereinnigte Niederlande haben weder den Willen noch das Vermögen, gegen Teutschland et-[190]was zu unternehmen. Denn diese Wasser-Männer sind zur Kriegs-Kunst zu Lande fast ungeschickt; und wenn sie schon das Geld übrig hätten, würde es doch ihrer Freyheit keinen Nutzen schaffen, wenn sie eine Zahlreiche Armee zu Lande unterhielten. Das weit entlegene und unvermögende Spanien selbst, ist zeither nicht vermögend gewesen, das kleine Reich Portugall, sich unterwürffig zu machen. Ja Carl der V. als ein Regente des damahls gar sehr blühenden Spaniens, hat niemahls im geringsten Mine gemacht, Teutschland zu unterdrücken, ob er wohl durch die Kayserliche Macht und die Oesterreichischen Lande unterstützet war. Schweden, ob man schon die erst im vorigen Jarhunderte erhaltenen teutschen Provinzen darzu rechnet, ist an Volck und Gelde in vielen Stücken geringer als Teutschland. Denn ob gleich einige Einfältige, theils durch das abgekommene Sprüchwort, welches man ehemahls von Schweden gehabt, als ob es gleichsam eine rechte Hecke von Menschen wäre, theils durch die in einigen Kriegen erhaltenen Vorzüge, bewogen worden, daran zu zweiffeln; wissen Verständigere schon besser, was dieses bedeute. Massen innerhalb den 18. Jahren, so lange nehmlich die Crone Schweden in den dreyßigjährigen Krieg verwickelt gewesen, aus Schweden selbst nicht über 70 000. Mann geschickt worden, davon gleichwohl viele wieder in ihr Vaterland zurück gekehret; da doch hingegen, so lange der Krieg gewähret, niemahls unter 100 000. und öffters wohl mehr Teutsche in denen Waffen gewesen. Wegen des noch heut zu Tage ziemlich blühenden Franckreichs aber, könnte etwas wahrscheinlicher gezweiffelt werden. Wenn man jedoch die Macht beyder Reiche an sich betrachtet, ohne Absicht auf die Vortheile und Gebrechen, deren jene Franckreich aus dessen unumschränckten Monarchie zuwachsen, diese aber Teutschland aus dessen, wie man sie nach denen Regeln der fast durchgängig angenommenen Staats Klugheit zu nennen pflegt, etwas un- oder vielmehr ausserordentlichen Form einer Republick entstehen; so wird man allerdings vor Teutschland das Urtheil fällen müssen. Denn Teutschland ist unstreitig viel größer und weitläuffiger als Franckreich; und ob sie wohl an Fruchtbarkeit einander ziemlich gleich seyn mögen, so übertreffen doch die unterirrdischen Schätze von Teutschland das letztere gar sehr. Franckreich hat auch an Mannschaft keinen Vorzug; und es haben viele Proben zu Tage gelegt, daß die Teutschen Soldaten denen Frantzösischen nichts nachgeben. In Ansehung der Schätze dieses Reichs aber, kan man keinen gewissen Schluß machen. Denn man hat nicht ohne Verwunderung gehört, wie viele und große Summen Geldes, so wohl der vorige, als jetzige König in wenig Jahren zusammen gebracht, da sie besonders die alten Schatz-Kammern eröffnet, und was vor unermeßliche jährliche Einkünffte der König von Franckreich noch habe. Doch muß man auch zugleich erwägen, daß das Volck in Franckreich durch weit höhere Abgaben und Zölle ausgezehret werde, als in Teutschland, und daß daselbst alles Vermögen des [191] Reichs gleich als in einen Canal zusammen fließe; welches jedoch einen mercklichen Abgang spüren würde, wenn die Ausländer die Frantzösischen Waaren, deren sie leicht entbehren könnten, abzuholen aufhöreten: Aber was Teutschland vor Einkünffte habe, kan man so gewiß nicht ersehen, indem solche unter seine Fürsten getheilet sind. Ob nun wohl Teutschland alle diese eintzelne Reiche übertrifft; so ist gegentheils dennoch die Frage, wie es aussehen werde, wenn diese mit vereinigten Kräfften solches anfallen solten? Hier muß man gleich anfangs mercken, daß es die Verfassung einiger nicht zulasse, daß sie zugleich wieder Teutschland sich verbinden; ferner, daß die Macht einiger nicht so groß sey, daß sie gegen dieser etwas zu bedeuten habe; daß auch hernachmahls die übrigen nicht zulassen werden, daß einer, oder andere, mit Unterdrückung Teutschlands so viel Kräffte zusammen bringe, vermöge deren es ihm leichte seyn würde, dem gantzen Europa Gesetze fürzuschreiben. Solchergestalt wird es auch niemahls an solchen ermangeln, welche sich vor die Erhaltung Teutschlandes bestreben werden. Es scheinen aber vornehmlich dergleichen Häupter zu seyn, welche sich verbinden könnten, Teutschland anzugreiffen. Als der Türcke, das Hauß Oesterreich, und der Frantzose. Daß einer von den Christlichen Fürsten, auch nicht einmahl der König von Franckreich, mit dem Türcken sich wider Teutschland offenbahr einlassen werde, ist nicht wahrscheinlich. Denn das Bündniß, welches die Crone Franckreich zu den Zeiten Kayser Carls des V mit dem Türcken hatte, war nur hauptsächlich darauf abgesehen, daß die Macht Carls, welche damahls denen Frantzosen gantz unerträglich war, durch diesen, wo nicht zertheilet, doch in etwas aufgehalten werden möchte, daß heist vielmehr zu Franckreichs eigener Beschützung, als daß der Türcke einen Einfall in Teutschland thun solte. Aber ein solches Bündniß, darinnen sich beyde, Teutschland mit vereinigten Kräfften anzugreiffen, und unters Joch zu bringen, zusammen verbinden solten, wird so leicht nicht zu befürchten seyn; indem es schon an und vor sich selbst etwas gottloses und thörichtes seyn würde, dem Wachsthum eines solchen Barbaren, welcher die gantze Christenheit mit gleichem Haße verfolget, so viel zu Liebe thun wollen. Ja es ist Franckreich selbst daran gelegen, daß Teutschland im gegenwärtigen Zustande erhalten werde, und nicht etwa ein ansehnlicher Theil sesselben, in die Hände der Türcken gerathe; wie hingegen auch diese letztern selbst wünschen, daß Teutschland vielmehr bey seiner dermahligen Staats-Verfassung verharren, als mit Franckreich vereiniget, und nach den Regeln einer unumschränckten Monarchie eingerichtet werde. Denn wenn diese beyden Reiche unter einem guten Vernehmen solten vereinbaret werden; so hätte sich der Türcke gewiß wegen seines Constantinopels nicht wenig zu fürchten. Kein eintziger Nachbar wird zu wünschen verlangen, daß das Hauß Oesterreich, das übrige Teutschland mit recht Königlicher, oder unumschränckter Gewalt beherrsche. Es ist auch [192] nicht zu glauben, daß jemand so leicht einem dergleichen Unternehmen Hülffe leisten werde. Wenn es aber endlich dem Frantzosen in den Sinn kommen solte, Teutschland zu überfallen, und völlig zu unterdrücken, so würde er nothwendig Spanien, Engelland, Italien und Holland zu offenbahren Feinden bekommen, davon die letztern immer noch an das alte Sprüchwort gedencken: Mache dir den Francken oder Frantzmann zum Freunde, aber nicht zum Nachbar. Die Dänen würden sich vielleicht der Frantzösischen Bothmäßigkeit zu unterwerfen nicht so sehr scheuen, wenn sie nur vermittelst derselben sich der beständigen Furcht vor denen ihnen so sehr verhaßten Schweden entledigen könnten. Auf die Verbindung mit denen Schweden scheinet gar viel anzukommen, besonders, wenn sie einen kriegerischen König haben. Vernünfftigere haben zwar längst gemercket, daß die Frantzosen sich zwar der Hülffe der Schweden gerne bedienen wolten, aber nicht umsonst, sondern also, daß alles, was durch sie gewonnen würde, gantz allein Franckreich zuwüchse. Aber dieses will denen Frantzosen nicht gefallen, daß die Schweden gegentheils durch das Frantzösische Gold ihre eigene Macht gerne so weit vermehren wolten, daß sie hernachmahls die Freundschafft der Frantzosen leicht entrathen könnten. Wenigstens halten es die Schweden vor ungereimt, mehr vor der Frantzosen, als ihren eigen Nutzen zu streiten. Sie sind aber auch nicht von so blödem Gesichte, daß sie nicht sehen solten, daß, wenn sich der Frantzose Teutschlands bemächtiget, er denen Schweden nicht weniger, als andern Nachbarn würde Gesetze geben wollen: Daher ist auch eine Zeitlang unter diesen Völckern die Freundschafft etwas laulichter unterhalten worden; und es hat dem Frantzosen ein kürtzerer Weg zu seyn geschienen, einige, besonders an dem Rhein gelegene Fürsten, sich durch Bündnisse, und wie man sagt, durch jährliche Subsidien-Gelder sich zu verbinden; sich überhaupt um Teutschland sehr bekümmert zu bezeigen; sich zu Beylegung der zwischen denen Teutschen Fürsten obwaltenden Mißhelligkeiten gebrauchen zu lassen. in Darleihung Geldes und Volckes sich sehr dienstfertig zu beweisen; und endlich darauf bedacht zu seyn, daß diejenigen, welche einiger Hülffe benöthiget, mercken möchten, daß sie sich sicherer auf die Freundschafft Franckreichs, als auf den Kayser und die Reichs-Gesetze zu verlassen hätten. Bey sehr gestalten Sachen müste nun jemand so einfältig seyn, welcher nicht wahrnehmen wolte, daß denen Frantzosen auf diese Art ein sicherer Weg, die teutsche Freyheit zu unterdrücken, gebahnet werde; besonders, wenn es sich zutragen solte, daß der Männliche Stamm des Hauses Oesterreich ausgienge, wie auch nunmehr, würcklich erfolget, und das daher entstandene Kriegs-Feuer immer noch auf einem Höchst ungewissen Ausgange beruhet. Aber dieses ausnehmende Teutsche Reich, welches, wenn es in die Form einer unumschränkten Monarchie gebracht wäre, gantz Europa schrecklich seyn würde, wird so [193] hefftig durch innerliche Kranckheiten und Erschütterungen geschwächt, daß es kaum Kräffte genug hat, sich selbst zu vertheidigen. Die Haupt-Ursache dieses Übels, wird von vielen der von ihnen so genannten unförmlichen und übelgeordneten Zusammenfügung der Republick beygemessen. Obschon eine grosse Menge Menschen nicht stärcker ist, als ein einiger Mann, so lange ein jeder ihm allein zuwider ist; so entstehet doch alles Vermögen aus der Verbindung. Und in so ferne mehrere in einen Leib nicht vereinigt werden können; so treten doch ihre Kräffte darinne zusammen, daß sie durch eine Meynung als durch eine Seele, regieret werden. Je genauer und einstimmiger nun dieselbe Vereinigung ist, desto stärcker wird die Gesellschafft; da hingegen die Weite und unrechte Zusammenfügung der Glieder allezeit von Schwachheiten und Kranckheiten begleitet ist. Die vollkommenste und allergenaueste Einigkeit, siehet man in einem dergestalt eingerichteten Reiche, als die Monarchie ist. Denn die Aristocratien sind, ausser dem, daß sie kaum bestehen können, wo nicht die vornehmsten Kräffte einer Republick in eine Stadt zusammengebracht werden, viel hinfälliger, als die Monarchien. Und die Durchlauchtige Republick Venedig ist nur wie ein Wunder anzusehen. Die Zusammenfügung mehrer durch Bündnisse vereinigter Staaten ist viel geraumer, und kan daher auch um so viel leichter beunruhiget und gar zertrennet werden. Daß aber die Festigkeit solcher Zusammenverbindungen, sie sey nun, wie sie wolle, bestehe, ist vornehmlich nöthig, daß die verbundenen Staaten einerley Form der Republick haben, und einander an Kräfften nicht sogar ungleich seyn, und daß aus solcher Verbindung jedem Theile gleicher Nutzen zuwachse. Hernachmahls, daß sie nach reiffer Ueberlegung, und wenn vorher die Gesetze wohl abgefaßt worden, in die Gesellschaft treten. Denn welche etwas unbedachtsam, und gleichsam in einer Hitze, ohne ihren zukünfftigen Zustand wohl erwogen und überleget zu haben, eine Gesellschaft eingehen, die werden hernachmahls sehr schwer einen ordentlichen Cörper ausmachen und gar vieles zugeben müssen, welches ihnen vielleicht sonst nicht angestanden haben möchte. Man hat auch schon längst angemercket, daß kaum jemahls Monarchien sich mit freyen Völckern oder Städten in Bündnisse, ob wohl nur auf eine Zeit lang, sicher einlassen, geschweige denn, daß sie sich auch immer mit ihnen solten verbinden können: Indem denen Fürsten nothwendig die Freyheit des Volcks zuwider ist, das Volck hingegen die Hoheit der Fürsten verabscheuet. Ferner ist die verkehrte Zuneigung der Menschen von solcher Art, daß sie denjenigen kaum mit gelassenem Gemüthe als ihres gleichen ansehen können, der ihnen am Vermögen nicht gleich kommt; und wer sich entweder gar keines, oder nur eines geringern allgemeinen Vortheils zu erfreuen hat, wird sich auch denen allgemeinen Beschwerungen sehr ungerne unterwerffen. Uebrigens scheinet Teutschland vielen um soviel kräncker zu seyn, da sich die demselben von ihnen beygemessenen Kranckheiten bey ihm vereiniget finden, welche so wohl aus einer so ungewöhnlichen Regierungs-[194]Forme als aus dem ungleichen Zusammenhange der vereinigten Stände erwachsen. Ja es wird von ihnen diese mit unter die vornehmsten Staats-Kranckheiten des Teutschen Reiches gerechnet, daß sich desselben Staats-Verfassung zu keiner von ihnen eingebildeten Regierungs-Art recht genau schicken will. Denn sagen sie, die äusserliche Gestalt und das Ansehen derselben stelle zwar ein Königreich vor; und es sey auch vor sehr alten Zeiten ein König dasjenige in der That gewesen, was er geheissen. Nach der Zeit aber, als dessen Ansehen gefallen, das Vermögen und die Freyheit der Stände hingegen gewachsen, sey kaum noch ein Schatten einer Königlichen Gewalt übrig geblieben, dergleichen man doch sonst an denenjenigen wahrnimmt, welche einem gesellschafftlichem Cörper als Häupter und Anführer vorstehen. Daher verziehe die schändlichste Erschütterung den Reichs-Cörper, da der Kayser hier, die Stände aber dort hinaus wolten. Welches denn macht, daß ein im übrigen so starcken Cörper sich, auswärtige zu überfallen und etwas an sich zu bringen, fast gantz entkräfftet befindet; da die Stände dem Kayser einen neuen Zuwachs nicht zugestehen wollen, solcher aber auch unter sie alle nicht gleich ausgetheilet werden kan. Weiter entstehen unter den Ständen selbst mancherley Mißhelligkeiten und Zerrüttungen, aus verschiedenen Ursachen: welche soviel zu Wege bringen, daß man Teutschland fast nicht einmal vor einen ordentlichen Zusammenhang von Bundes-Genossen ansehen will. Die Stände, so sich zuweilen nicht wohl mit einander verstehen, bedienen sich einer ungleichen Form der Republick, indem sich hin und wieder freye Städte befinden, so unter die Fürsten gemenget sind. Die Städte, welche meistentheils durch ihre Handlung blühen, machen sich durch ihre Reichthümer auch wohl einen oder den andern Fürsten ziemlich abgünstig, besonders darum, weil sie dieselben aus ihrem Gebiete zusammen ziehen. Es kan auch nicht geläugnet werden, daß einige Städte, nachdem sie die Ländereyen benachbarter Fürsten gantz ausgezehret, hochmüthiger worden. Auch ist dieses zum Theil eine höchstschändliche Eigenschafft des Adels, daß er die Bürgerlichen verachtet, welche sich doch öffters bey ihrem Pfennigen so wohlbefinden, als jene bey ihren Wappen und erschöfften Herrschafften. Endlich sehen einige diese Städte also an, als ob solche ihnen ihre Herrschafft verweisen wolten, und befinden, daß die Uterthanen ihren Zustand, in Vergleichung der Freyheit ihrer Nachbarn, unwilliger ertragen. Daher fehlt es nicht an Neid, Verachtung, Verfolgung, Argwohn, und Bedrohungen. Aber alles diese findet sich noch mehr unter denen Bischöffen, und denjenigen Städten, in welchen Dieselben ihre Haupt-Kirchen haben. Und obgleich die Fürsten, selbst auf dem Reichs-Tägen bisweilen gegen das Städtische Collegium nicht eine geringe Verachtung sehen lassen; so werden dieselben im Gegentheil von dem Kayser um so viel mehr geschützet, je mehr derselbe mercket, daß bey diesen sein Ansehen fast höher geachter werde, als es bey denen andern Ständen zugeschehen pfleget. Aber auch die Geist- und weltlichen Fürsten selbst se-[195]hen sich unter einander nicht durchgehends mit günstigen Augen an. Jenen räumen ihr heiliges Amt vor diesen, in eben der Classe den Vorzug ein: Daher auch ehemahls zu denen barbarischen Zeiten ihr Ansehen in der Republick das höchste war. Denen weltlichen aber ist es gemeiniglich nicht wenig zuwider, diejenigen, welche gar öffters nur aus dem niedern Adel entprossen, so jählinge auf eine gleiche oder wohl noch höhere Stuffe gesetzt und ihren Titel auch den: Von GOttes Gnaden, vorschreiben sehen. Besonders, da ihnen nicht erlaubt ist, ihre Würde auf ihre Nachkommen fortzupflantzen, und ihr Geschlechte im vorigem Zustande verbleibet; ausgenommen, daß viele Bischöffe, nach dem Exempel des Allerheiligsten Vaters, ihre Verwandten mit geistlichen Pfründen und Geschencken mehr als zu reichlich zu versehen pflegen. Im Gegentheil meynen auch die Geistlichen viele Ursache zu haben, sich über jene zuerzürnen, als durch welche vielen die Einkünffte nicht wenig geschmälert werden. Nicht weniger träget dieses zur Trennung der Stände bey, daß unter ihnen eine grosse Ungleichheit der Güter ist. Denn daher entstehet bey einem stärckern gar leicht die Verachtung gegen die Schwächern, und eine Begierde, dieselben zu unterdrücken; da diese hingegen zu Argwohn und Klagen geneigt sind, und die gleichwohl beyden gleiche Freyheit bisweilen gar sehr zur Unzeit rühmen. Est ist aber auch der Vorzug der Chrufürsen vor denen übrigen Fürsten nicht eine geringe Ursache der Uneinigkeit, da diesen solche Würde sehr mißfällt, und behaupten, daß man sich vieles wiederrechtlich anmasse, jene hingegen vor das Recht und ihr wohl hergebrachtes Ansehen tapffer fechten. Diese aber sind noch nicht so genannte Staats-Kranckheiten genug; es muss über dieses noch Religion, als sonst das kräfftigste Band der Gemüther, das so schon ziemlich zertheilte Teutschland vollends recht zerstossen helffen. Jedoch entstehet auch der Haß nicht allein aus der Mannigfaltigkeit der Meynungen, und weil die Priester insgemein denen, so ein anders glauben und lehre, den Himmel zuverschliessen pflegen; sondern weil durch die Protestanten die Catholische Geistlichkeit von einem grossen Theile ihrer Güter vertrieben worden, welche von dem Verlangen, solche wieder zuerhalten, Tag und Nacht gereitzet werden, jene hingegen es vor eine grosse Nachläßigkeit achten würden, dasjenige wieder fahren zu lassen, was sie einmahl eingenommen gehabt. Je es sind einige, welche dafür halten, daß das allzugrosse Vermögen der Geistlichkeit einer Republick überhaupt schädlich sey, besonders da die Priester und Mönche von einem andern ausser Teutschland sich befindenden Oberhaupte abhangen, welches niemahls gegen Teutschland eine aufrichtige Liebe heget, und wohl lieber wünschen solte, daß alle Weltliche untergehen möchten, wenn nur dessen Zugehörige in einem geseegneten Zustande lebten. Denn daß auf diese Art gleichsam ein besonderer Staat mitten in der Republick gegründet, und solche dadurch zweyköpffig werden würde, ist offenbar, und daß alsdenn solches zum grösten allgemeinen Uebel aus-[196]schlagen würde, urtheilen die meisten, welche größere Liebe zu ihrem Vaterlande, als zur Römischen Kirche tragen. Nicht weniger hält man auch dieses vor etwas schädliches, daß einige der Teutschen Stände, nicht nur unter sich, sondern auch mit Auswärtigen, besondere Bündnisse zu machen pflegen; und dieses um so viel sicherer, da ihnen solches nach dem Osnabrückischen Frieden ausdrücklich erlaubet ist. Welches jedoch nicht nur die Teutschen Fürsten zertheilet, sondern auch denen auswärtigen Bundesgenossen die Macht giebt, Teutschland nach Gefallen zu regieren, und, so zu sagen, die Hände binden, auch bey vorfallender Gelegenheit, mit Hülffe der Bundesgenossen, über alle den Meister zu spielen; besonders, da dergleichen Bündnisse sowohl gegen andere Auswärtige (welches noch einigermaßen zu dulden wäre) als auch wieder die Glieder eben desselben Reichs selbst gesucht werden. Es sind aber auch wie man ferner vorgeben will, die Fußtapffen Astreens in Teutschland bey nahe verschwunden. Denn wo sich unter den Ständen etwa eine Streit-Sache entspinnet, (welches bey ihrer so grossen Anzahl, und da sich ihre Gebiethe fast zum öfftern durchschneiden, nicht selten zugeschehen pfleget) und man vor die Cammer gehet, so hat man sich gar offt fast nach Verlauff eines Jahrhunderts, den Ausgang zuversprechen. Endlich siehet man auch dieses als ein Merckmahl einer sehr krafftlosen Gesellschafft an, daß Teutschland weder allgemenien Schatz-Cammern, noch allgemeine Soldaten duldet, dadurch man derer Auswärtigen Anfälle zurücktreiben, oder etwa eigne oder die andere Provintz anschaffen, und aus ihren Einkünfften die allgemeinen Kosten der Republick bestreiten könnte. Und wie weit nützlicher würde es nicht seyn, die des Friedens ungewohnte Völcker, welche fast durch gantz Europa ihr Blut feil herumtragen, zum eigenen Besten anzuwenden. Uebrigens fallen auch sonst noch bey denen Ständen insbesondere so viel Mißhelligkeiten vor, daß solche die Kräffte des gantzen Cörpers nicht wenig darnieder schlagen. Wovon uns aber so wenig, als von andern dem Teutschen Reiche sonst noch zur Last gelegten Umständen, ein mehrers beyzubringen geziemen will. Indessen kan hierbey noch der Artickel Teutsche Staats-Verfassung nachgelesen werden, als aus dessen Zusammenhange einem jeden vernünfttigen und unpartheyischen Leser gar leicht seyn wird, so wohl den Ungrund derer von einigen allzu hochgetriebenen Vorwürffe, als auch die eigentliche Beschaffenheit derer irgend noch daran zu bemerckenden Unbequemlichkeiten, zu beurtheilen, und woselbst wir auch eine und andere derer hierher gehörigen Schrifften nahmhafft machen werden.