Zu viel Blau

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Titel: Zu viel Blau
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aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 418
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Zu viel Blau

oder
Es heißt alles gemalt.

Früh an einem schönen Sommermorgen schritt ein alter Mann auf der Straße hin, die von Brüssel nach Namur führt. Er erwartete einen Freund, der mit der Diligence ankommen sollte, und hatte sich früher aufgemacht, als sie erwartet wurde, um ihr ein Stück Weges entgegenzugehen. Da er vollauf Zeit hatte, so betrachtete er Alles, was einiges Interesse darbot, und blieb endlich stehen, um der Arbeit eines Malers zuzusehen, der, auf einer an die Vorderseite eines Wirthshauses gelehnten Leiter stehend, emsig beschäftigt war, über der Thür ein Gemälde anzubringen, welches eine Illustration zu dem Namen des Wirthshauses lieferte. Dieses hieß nämlich: „der Sonnenaufgang.“

„Aha,“ sagte der alte Mann bei sich selbst, „da steht so ein ehrlicher Gurkenmaler, der von der Perspektive so viel versteht wie ein Karrengaul, und sich dabei einbildet, ein Rubens zu sein.

„Hui! wie er diesen Ultramarinhimmel hineinpinselt!“

Der Kritiker begann vor dem Wirthshause hin und her zu gehen und dachte, er könnte eben so gut hier auf die Diligence warten, als ihr noch weiter entgegengehen. Der Maler fuhr mittlerweile fort, immer neue Schichten von dem hellsten Blau aufzutragen, was den alten Herrn sehr zu ärgern schien.

Endlich, als der Schildmaler seinen Pinsel abermals in dem blauen Topfe füllte, konnte es der Zuschauer nicht länger aushalten und rief in heftigem Tone:

„Zu viel Blau!“

Der ehrliche Maler blickte von seinem hohen Standpunkte herab und sagte in jenem Tone erzwungener Ruhe, den ein Zorniger zuweilen annimmt:

„Der Herr sieht wohl nicht, daß ich einen Himmel male?“

„O ja, ich sehe recht wohl, daß Ihr einen Himmel zu malen versucht, aber ich sage Euch nochmals, es ist zu viel Blau darin!“

„Habt Ihr jemals einen Himmel ohne Blau gemalt gesehen, Herr Kunstliebhaber?“

„Ich bin kein Kunstliebhaber. Ich sage Euch blos im Vorbeigehen – ich mache die gelegentliche Bemerkung – daß zu viel Blau darin ist; aber macht was Ihr wollt. Immer streicht noch mehr Blau auf, wenn Ihr noch nicht genug davon aufgekleckst zu haben glaubt.“

„Aber ich sage Euch, ich will einen klaren blauen Himmel bei Sonnenaufgang darstellen.“

„Und ich sage Euch, daß kein Mensch, der seinen richtigen Verstand hat, einen Himmel bei Sonnenaufgang blau malen würde.“

„Bei der heiligen Gudula, das ist zu stark!“ rief der Maler, indem er von seiner Leiter heruntersprang und seinen Zorn nicht länger verhehlte; „ich möchte sehen, wie Ihr einen Himmel ohne Blau malen wolltet!“

„Ich mache keinen Anspruch auf große Geschicklichkeit, aber wenn ich eine Probe machen sollte, so würde ich nicht zu viel Blau anbringen.“

„Und wie würde es denn dann aussehen?“

„Naturgetreu, hoffe ich, und nicht wie Euer Himmel, der wohl für ein Kornblumenfeld oder ein Stück blaues Tuch oder sonst etwas angesehen werden kann, nur nicht für einen Himmel. Ich versichere Euch zum zehnten Male, es ist zu viel Blau darin.“

„Ich will Euch etwas sagen, alter Herr,“ rief der beleidigte Künstler, indem er seinen Lehnstock quer über die Schultern legte und ein sehr grimmiges Gesicht machte, „ich glaube, Ihr seid ein ganz guter Mann, aber man sollte Euch nicht allein herumlaufen lassen.“

„Warum nicht?“

„Warum nicht? Weil Ihr verrückt sein müßt, auf diese Weise den Kritiker spielen zu wollen. Zu viel Blau – ei seht doch! Was, ich der Schüler Ruysdael’s, der dritte Vetter von Gerard Douw’s Urenkel, ich soll nicht wissen, wie man einen Himmel colorirt? Wisset, daß mein Ruf schon längst begründet ist. Ich habe ein Rothes Roß in Mecheln gemalt, einen Grünen Bären in Namur und einen Karl den Großen in Aachen, vor welchen jeder Vorübergehende bewundernd stehen bleibt!“

„Dummes Zeug!“ rief der Kritiker, indem er dem Maler die Palette aus der Hand riß. „Ihr wäret werth, daß man Euer eigenes Bildniß mit Eselsohren als Schild eines Wirthshauses aufhinge!“

Mit diesen Worten stieg er flink und gewandt wie ein Knabe die Leiter hinauf und begann mit der flachen Hand das Meisterwerk des dritten Vetters von Gerard Douw’s Urenkel auszuwischen.

„Halt, halt, Ihr alter Prahler!“ schrie der Künstler, „Ihr ruinirt mein Schild! Es kostet fünfunddreißig Francs. Und mein Ruf – verloren! dahin auf immer!“

Er schüttelte heftig die Leiter, damit sein Tadler herabsteige. Dieser aber, ohne sich dadurch oder durch die Anwesenheit einer Menge durch den Streit herbeigelockter Dorfbewohner stören zu lassen, fuhr unbarmherzig fort, die schöne Landschaft zu vertilgen. Dann malte er, indem er sich blos der Fingerspitze und des Stiels eines Pinsels bediente, in meisterhaften Umrissen drei flämische Bauern mit Biergläsern in den Händen, der aufgehenden Sonne zutrinkend, welche über dem Horizont erschien und die Dunkelheit des grauen Morgenhimmels zerstreute. Eins der Gesichter war eine auffällige und lächerliche Karrikatur des übertroffenen Schildmalers.

Die Zuschauer waren anfangs sehr geneigt, die [419] Partei ihres Landsmannes gegen den Fremden zu ergreifen. Welches Recht hatte er, sich hier einzumischen? Diese fremden Reisenden wurden nachgerade zu unverschämt.

Als sie jedoch so zusahen, verstummte ihr unzufriedenes Murmeln allmälig und verwandelte sich in immer lautere Anzeichen des Beifalls, sowie die Zeichnung immer deutlicher hervortrat. Der Besitzer des Wirthshauses war der erste, welcher „Bravo!“ schrie und selbst Gerard Douw’s Vetter im neunten Gliede fühlte, wie seine Wuth in Bewunderung überging.

„O!“ rief er, „Ihr gehört zum Handwerk, ehrlicher Mann, und Ihr braucht es weiter nicht zu läugnen. Ja, ja,“ fuhr er lachend fort, indem er sich zu seinen Nachbarn wendete, „das ist ein französischer Schildmaler, der sich einen Scherz mit mir machen will. Aber ich muß offen bekennen, er versteht seine Sache.“

Der alte Mann stand im Begriff, von der Leiter herabzusteigen, als ein Herr, auf einem schönen englischen Pferde reitend, sich durch die Menge Bahn machte.

„Dieses Gemälde ist mein!“ rief er in französischer Sprache, aber mit fremdartigem Accent. „Ich gebe hundert Guineen dafür!“

„Wieder ein Verrückter!“ rief das einheimische Genie. „Der Teufel soll mich holen, wenn diese Fremden nicht alle einen Sparren zu viel haben!“

„Was meint Ihr, geehrter Herr?“ sagte der Gastwirth, den die Sache nicht wenig interessirte.

„Was ich sage – ich gebe hundert Guineen für dieses Gemälde,“ antwortete der junge Engländer, indem er vom Pferde stieg.

„Dieses Gemälde ist nicht zu verkaufen,“ sagte der Schildmaler mit so stolzer Miene, als ob es sein eigenes Werk wäre.

„Nein,“ sagte der Gastwirth, „denn es ist schon verkauft und sogar zum Theil im Voraus bezahlt. Indessen wenn der Herr einen Handel deswegen abschließen will, so hat er es mit mir zu thun.“

„Keineswegs, keineswegs,“ versetzte der flämische Schildmaler, „es gehört mir. Mein College hier hat mir aus Freundschaft ein wenig geholfen, aber das Gemälde ist mein rechtmäßiges Eigenthum und es steht mir frei, es zu verkaufen an wen ich will.“

„Welche Schändlichkeit!“ rief der Gastwirth. „Mein Sonnenaufgang ist mein Eigenthum und haftet fest an der Wand meines Hauses. Wie kann es Jemandem anders gehören? Niemand als ich hat das mindeste Recht daran.“

„Ich werde Euch vor Gericht fordern,“ rief der, welcher das Bild nicht gemalt hatte.

„Und ich werde Euch wegen Contractbruch verklagen,“ entgegnete der Gastwirth, der die Hälfte des bedungenen Preises schon bezahlt hatte.

„Geduld!“ rief eine andere energische Stimme, nämlich die des Eindringlings; „es scheint mir, als hätte ich in dieser Sache wohl auch ein Wörtchen mitzusprechen.“

„Sehr richtig, Herr College,“ antwortete der Maler. „Anstatt hier auf der Straße uns zu streiten, wollen wir lieber hineingehen und die Sache bei ein paar Flaschen Bier freundschaftlich schlichten.“

Damit waren alle Parteien einverstanden, leider aber nicht in allen übrigen Punkten, denn in der Stube ward der Streit immer hitziger und unter betäubendem Geschrei und Spektakel weitergeführt. Die Flamländer stritten für den Besitz des Gemäldes und der Engländer wiederholte sein Anerbieten, es mit Gold zu bedecken.

„Aber gesetzt, wenn ich nun nicht wollte, daß es verkauft werde?“ sagte der eigentliche Verfertiger.

„O mein bester Herr,“ sagte der Gastwirth, „Ihr werdet doch gewiß einem armen rechtschaffenen Mann, der sich nur mit Mühe und Noth durchschlägt, nicht um das bringen, was ihm hier das Glück zugeführt hat. Ich würde dadurch gerade in den Stand gesetzt, mir einen guten Vorrath von Wein und Bier in den Keller zu legen.“

„Glaubt ihm nicht, Herr College,“ rief der Maler, „er ist ein alter Geizhals. Ich bin Familienvater und da Ihr auch Maler seid, so müßt Ihr einen Kunstgenossen unterstützen und ihm den Vorzug geben. Ueberdies bin ich bereit, das Geld mit Euch zu theilen.“

„Was!“ sagte der Gastwirth, „Ihr seid ein alter Saufaus und habt nun kein Geld, um Eure Tochter auszustatten, weil Ihr Alles, was Ihr verdient, für Eure Gurgel braucht.“

„Das geht Euch nichts an; übrigens ist meine Susette mit einem rechtschaffenen jungen Tischlermeister verlobt, der, so arm sie auch ist, sie nächsten September heirathen wird.“

„Ihr habt eine Tochter auszustatten!“ rief der fremde Künstler; „das ändert die ganze Sache. Ich bin es zufrieden, daß das Gemälde verkauft und das Geld dafür dem Mädchen zur Aussteuer gegeben werde. Ich überlasse es der Großmuth unseres englischen Freundes, den Betrag festzusetzen.“

„Ich habe,“ antwortete der beste Bieter, „schon hundert Guineen für die Skizze, so wie sie ist, geboten, ich will aber gern zweihundert geben, wenn der Maler sich dazu versteht, das Gemälde am Fuße mit zwei Worten zu signiren.“

„Mit welchen Worten?“ riefen sämmtliche Streitende wie mit einer Stimme.

Der Engländer antwortete:

Louis David!

Die ganze Gesellschaft verstummte vor Erstaunen, denn Louis David galt damals mit Recht für den ersten Maler der Welt und sein Ruhm war auch bis in diese bescheidenen Kreise gedrungen. Der Schildmaler hielt den Athem an, riß die Augen auf, schlug ganz außer sich die Hände zusammen und fiel vor dem großen französischen Maler auf die Knie nieder.

„Verzeiht mir!“ rief er; „verzeiht mir meine freche Unwissenheit!“

David lachte herzlich, ergriff ihn bei der Hand und schüttelte ihm dieselbe mit dem freundlichsten Wohlwollen.

Mittlermeile hatte sich die Nachricht von dem Vorfalle verbreitet; das Wirthshaus füllte sich mit Leuten, [420] welche auf die Gesundheit ihres berühmten Gastes trinken wollten, und der gute alte Mann, der in der Mitte des Zimmers stand, stieß mit Allen freundlich an. Mitten in dieser heitern Scene schlang die Tochter des Schildmalers, die hübsche Susette, ihre Arme um den Hals ihres Wohlthäters und ihr Verlobter jagte durch die Heftigkeit, womit er die Hand des großen Künstlers schüttelte, eine ganze Wolke Sägespäne aus seiner Jacke.

In diesem Augenblick kam die Diligence an und mit ihr der erwartete Freund.