Zum Capitel der literarischen Unverschämtheiten

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Titel: Zum Capitel der literarischen Unverschämtheiten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 294
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[294] Zum Capitel der literarischen Unverschämtheiten haben wir leider im Nachfolgenden einige neue Daten zu liefern. E. Marlitt hat wiederum unter den Heimsuchungen der bekannten Bühnenpiraten zu leiden. Nachdem von ihrer augenblicklich durch unser Blatt laufenden Erzählung „Im Hause des Commerzienrathes“ kaum die ersten vier Nummern erschienen waren, wurden bereits dramatische Bearbeitungen derselben für das „Vorstädtische“ und das „Reunion-Theater“ in Berlin angekündigt, erstere von Hugo Busse, letztere von Fr. Wagner. Die dreisten Herren Bearbeiter fügten also auf eigene Faust der noch völlig unfertigen Erzählung Fortsetzung und Schluß für die Bühne höchst ungenirt an, ganz wie die „Temesvarer Zeitung“ (nicht zu verwechseln mit der von Albert Strasser redigirten „Neuen Temesvarer Zeitung“), welche die Marlitt’sche Erzählung seit dem Verbote unseres Blattes in Ungarn bekanntlich auf höchsteigener Phantasie zu Ende führt. Die genannten Bühnenbearbeitungen sind denn auch auf den Berliner Theatern wiederholt zur Aufführung gekommen. – Ferner geht uns aus Lübeck die Mittheilung zu, daß in einem dortigen Localblatte ebenfalls die Busse’sche Bearbeitung von „Im Hause des Commerzienrathes“ als Zugstück für die daselbst bevorstehende Sommer-Saison angekündigt worden, von zahlreichen anderen Bühnen gar nicht zu reden. Und gegen solche plumpe Vergewaltigungen sind wir völlig schutzlos!

Neben Marlitt wird E. Werner von literarischen Commis voyageurs heimgesucht. Schon jetzt, da sie ihre neueste Arbeit noch nicht einmal vollendet hat, ist sie von zwei sogenannten Bühnenbearbeitern aufgesucht worden, welche sie um die Erlaubniß der Dramatisirung des noch unfertigen Romans angingen. Diese Herren Scribenten hatten sogar die Dreistigkeit, ganz naiv einzugestehen, daß sie mit Rücksicht auf den pecuniären Ertrag und das fortwährende Vorgreifen der Berliner Theater auch ihrerseits den Abschluß des Romans in unserem Blatte nicht abwarten könnten. Sie scheinen also im Auftrage von zwei nicht Berliner Bühnen zu arbeiten. Selbstverständlich hat E. Werner diese unverschämte Zumuthung mit der gehörigen Entrüstung zurückgewiesen.

Daß das literarische Renommée unserer geschätzten Mitarbeiterin noch außerdem in schwindelhafter Weise ausgebeutet wird, entnehmen wir einem Briefe derselben, den die „Vossische Zeitung“ vor einiger Zeit abdruckte. Es werden in demselben gewisse Berliner Kreise vor einer unverschämten Hochstaplerin gewarnt, die den zufälligen Umstand, daß ihr Name mit dem Pseudonym unserer Autorin gleichlautet, zur Erschwindelung von Unterstützungen in wohlhabenden Häusern der deutschen Reichshauptstadt benutzt, indem sie sich mit frecher Stirn für die Verfasserin der bekannten Werner’schen Romane unseres Blattes ausgiebt. Die Betrügerin ist eine gewisse Werner, genannt Iglisch oder Incliff, eine sehr übel beleumundete und bereits bestrafte Person, die sich noch vor Kurzem in einem Berliner Hôtel garni aufhielt und von dort aus ihre Brandschatzungen in Scene setzte. Wir bringen dies zur öffentlichen Kenntniß, um der Schwindlerin, falls sie irgendwo anders auftauchen sollte, hiermit einigermaßen das Handwerk zu legen.