Zum Tischrücken

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Textdaten
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Autor: Dr. L–n
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Titel: Zum Tischrücken
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 102
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[102] Zum Tischrücken. Zeigt der moderne Fanatismus für Tisch- und Geisterklopfen und andere Phantasieausgeburten des angeblichen Hereinragens einer Geisterwelt in das Erdenleben (das wir eher ein Hinausragen und Hinaustragen absurdester Hirngespinnste in der Natur nennen möchten) in trauriger Weise, wie wenig sich noch naturwissenschaftliche Kenntnisse und klare Begriffe selbst in der sogenannten gebildeten Welt heimisch zu machen gewußt haben; und hat der im Gefolge dieser und anderer Arten des neumodischen Mysticismus auftretende Unsinn oft eine mehr lächerliche als ernste Seite, so kommen doch dazwischen immer noch Fälle vor, welche vor dem aberwitzigen Treiben warnen müssen. So wird aus Freiburg (in der Schweiz) Folgendes berichtet. Eine junge hochschwangere Frau ließ sich dazu verleiten, während einer gesellschaftlichen Operation des Tischrückens die Frage an den Tisch oder an den Klopfgeist zu richten, wie lange sie noch leben werde. Der Tisch läßt achtzehn Schläge vernehmen. Die Frau fragt weiter, ob damit Jahre gemeint seien. Keine Antwort. „Sind es Minuten?“ Die Fragestellerin hört einen Schlag und deutet ihn als Bejahung. Schon steigt ihre Beängstigung und sie fragt weiter: Wird der Tod plötzlich sein? Abermals ein Schlag, den die unglückliche Neugierige wieder als Bejahung deutet, und wodurch ihre Beängstigung zu förmlichem Wirrsinn gesteigert wird, von dem die Arme bis jetzt nicht wieder befreit werden konnte. Wir halten dafür, daß Diejenigen sehr wenig Gescheidtes mehr an sich und auf der Welt zu thun haben müssen, welche derartigem wahnwitzigen Treiben in Rede und That Vorschub zu leisten vermögen!

Mich selbst erinnerte der erste Taumel des Tischrückens, der epidemieartig um sich griff, sogleich an eine traurige Erfahrung meiner Jugend.

Es sind jetzt ungefähr fünfzehn Jahre, da zeigte einer meiner Freunde, mit dem mich besondere Verhältnisse längere Zeit in sehr naher Berührung hatten stehen lassen, Spuren einer geistigen Verstörung, die sich allmälig heranbildete und endlich einen höchst betrübenden Charakter annahm. Der junge Mann, früher heiteren Gemüthes und ein treffliches mathematisches Talent, faßte ein unvertilgliches Mißtrauen gegen seine Umgebung, endlich selbst gegen seine Freunde, schloß sich in seiner misanthropischen Stimmung gänzlich ab, ward förmlich leutscheu und glaubte nun, die unwiderleglichsten Beweise von allerlei kleinen Intriguen, die gegen ihn gesponnen würden, zu erblicken. Freilich war auch seine ganze Lage damals eine solche, daß dem sich täglich fester setzenden Wahne des Unglücklichen kaum mit Erfolg hätte entgegengearbeitet werden können. Unter die von dieser Lage unterstützten Einbildungen gehörte es auch, daß er glaubte, während seiner zeitweisen Entfernung aus dem Zimmer machten sich Unberufene das Geschäft, unter seinen Effecten und Papieren herumzuwühlen; und um sich dessen noch mehr zu vergewissern, machte er vor seinen Ausgängen hier und da Zeichen, um nach der Hand die Spuren fremder Thätigkeit wieder zu finden, die er denn natürlich auch stets fand, so fest wir auch überzeugt sein konnten, daß seine Beobachtung eine durchaus irrige war. Allein der Wahn selbst mußte die Schärfe des Auges für eine unbefangene Beobachtung ja bereits getrübt haben. Dabei mochte es wohl vorgekommen sein, daß der Zug eines offenstehenden Fensters beim Gehen aus der Thüre auf Tischen liegende Papiere einmal verrückt hatte; allein die natürliche Erklärung war dem verstörten Geiste schon verloren gegangen. Der ganze Zustand war für uns Freunde ein um so peinlicherer, als sich mit jener fixen Idee des sonst ruhig und still sich verhaltenden Armen eine immer steigende Vernachlässigung seiner selbst in der äußern Erscheinung, in Kleidern, Wäsche und Zimmercultur verband, die schließlich geradezu in Schmutz überging und so rückwirkend wieder dem Uebel selbst Nahrung zutrug – so gewiß ist es, daß mit den Verluste der Herrschaft über sich selbst und sein Körperliches der Mensch auch in demselben Grade die geistige Freiheit verliert, und jener Culturmaßstab der Seife eine sehr tiefe psychologische Begründung hat. Genug, die ungenaue oder geradezu irrige Beobachtung, mit der sich unser Freund wahrhaft quälte, hatte ihn bei einmal erwachtem und sich täglich aus sich steigerndem Mißtrauen zuletzt in jenen Zustand geistiger Unfreiheit gebracht, den man gewöhnlich mit dem Namen „fixer Idee“ bezeichnet. Das weitere Schicksal des Unglücklichen gehört nicht hierher. Es zeigte nur, wie Recht jener klare, geistvolle Forscher in Silberhaaren, Alexander von Humboldt, hatte, als er sagte: „Eine ungenau beobachtete Thatsache ist schwerer zu erschüttern als eine Theorie!“

Aber was hat diese traurige Geschichte mit dem Tischrücken zu thun? wird man fragen. Mehr als man beim ersten Anblick denkt. Sie zeigt, wir leicht, wenn einmal die Tramontane kalter, ruhiger Beobachtung verloren ist, man unaufhaltsam jenem Stadium zusegelt, wo sich willenlos Wind und Wetter überlassen werden muß und die Zurechnungsfähigkeit aufhört. Die Manie, mit welcher man über das Tischrücken hergefallen, dünkt uns etwas weit Ungewöhnlicheres und Auffallenderes, als uns die wirkliche Entdeckung einer wunderbaren Naturkraft je hätte scheinen können. Ein Tisch bringt uns aus aller Fassung, macht uns schwindeln, uns, die wir als jedes Fanatismus baar gelten konnten, auf einmal wieder zu Fanatikern. Meinen armen Freund hatte sein strenglogisches, mathematisches, illusionsloses Studium nicht davor bewahren können, sein geistiges Gleichgewicht zu verlieren; und uns „Volk der Denker,“ wie wir uns doch gerne nennen hören, brachte eine einzige, im Ganzen vorerst doch gewiß bedeutungslose Erscheinung so rasch und allgemein in Bewegung, daß wir fast erschrocken vor der Thatsache stehen, wie wenig im Grunde dazu nöthig ist, uns in irgend eine Verrückung jener olympischen Ruhe und ewigen Gleichmüthigkeit zu versetzen, die bereits als unentbehrlich zur Erhaltung des Weltfriedens und des europäischen Gleichgewichts erklärt wurde. Bei dieser Gelegenheit sind so viel faule Seiten unserer vielgerühmten Cultur an den Tag gekommen, daß wir in der That alle Ursache haben, recht bescheiden zu sein, und noch viel, gar viel zu lernen. Auf dem Wege sind wir, seit namentlich die Wissenschaft es nicht mehr verschmäht, Allen verständlich zu reden. Daß aber der Spuk noch nicht beschworen, zeigt in traurigster Weise auch der Eingangs erwähnte Vorfall.
Dr. L–n.