Zurückgekehrt in’s Vaterland

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Textdaten
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Autor: Anna Forstenheim
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Titel: Zurückgekehrt in’s Vaterland
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 383–384
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Geschichte der Bibliotheca Corviniana
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Zurückgekehrt in’s Vaterland.


Wer hat nicht schon am Himmel dem wechselnden Spiele der Wolken zugesehen? In phantastischen, bald friedlichen, bald dräuenden Formen heben sie sich vom ewig gleichbleibenden blauen Aether ab, doch kaum haben wir eine Gestalt festgehalten, so zieht sie sich schon wieder zusammen, oder weitet sich aus, reißt in der Mitte auseinander, oder ballt sich mit andern zu neuen, ruhelos wandelnden Gebilden.

So ziehen, immer wechselnd, unerwartet, nie vorher zu bestimmen, die Bilder der Weltgeschichte vor unserm inneren Auge vorüber. Dreihundertfünfzig Jahre sind verflossen, seit die Osmanen, als die furchtbarsten Feinde Ungarns, dessen Hauptstadt Buda (Ofen) eroberten, seit der letzte eingeborene ungarische König, Ludwig der Zweite, in einem Heerzuge gegen den Erbfeind im Sumpfe bei Moháes versank und die Schätze der Königsburg, darunter die unschätzbare Bibliothek des großen Matthias des Ersten Corvinus, als Kriegsbeute nach Constantinopel geschleppt wurden – und schon erlebt die erstaunte Welt das merkwürdige Ereigniß, daß ein Nachkomme Soliman’s des Zweiten, der Schrecken der Christenheit von seinen Zeitgenossen genannt, Sultan Abdul Hamid, eine Deputation nach demselben Pest-Ofen schickt, um einen Theil jener seltenen, damals geraubten Handschriften als Freundschaftszeichen überreichen zu lassen.

Wo das Wort „Türcke“ ein Fluch und Schreckenswort war, schallte neben dem heimathlichen „Eljen“ tausendstimmiges, begeistertes „Tschok“- und „Jassaschin“-Rufen, und das ganze Land überströmte von Kundgebungen der Freude und des Entzückens über die türkischen Gäste. Um den außerordentlichen Enthusiasmus der Magyaren über dieses denkwürdige Geschenk ganz zu begreifen, muß man, außer den politischen Sympathien, auch den Zauber kennen, den der Name Matthias Corvinus auf jedes Ungarherz ausübt. Was Friedrich der Zweite den Preußen, Joseph der Zweite den Wienern, Harun-al-Raschid den Orientaten – Kriegsheld, Gesetzgeber, Mäcen und Volksmann zugleich –, ist dem magyarischen Volke sein Mátyás Király. Aber noch mehr als Jene, weil er kein geborener Fürst war.

Er wurde geliebt, wie kein Regent vor ihm und Keiner nach ihm je geliebt wurde. „König Matthias ist todt, mit ihm starb die Gerechtigkeit,“ klang es wie der schrille Ton eines zerspringenden Glases durch das Reich, als er am Palmsonntage 1490 nach dem Genusse von neapolitanischen Feigen plötzlich zu Wien verschied.

Im Laufe der Zeit hat die Legende immer leuchtender ihren Glorienschein um sein Haupt gewoben. Es giebt kaum eine historisch interessante Stätte in Ungarn, die nicht mit Matthias Corvinus in irgend welchen Zusammenhang gebracht wird. Unzählige Sagen und Volkslieder halten sein Andenken lebendig. Mátyás Király ist eben keine Person mehr, sondern die Personification der Größe, des Glückes und Glanzes des Magyarenthums. Seine Feinde selbst können nicht leugnen, daß er ein großer Mann war. Aus der Hexenküche der Revolution hervorgegangen, erkannte er doch sofort mit richtigem Blicke, daß Ordnung und Gesittung die ersten unentbehrlichsten Fundamente eines Staatswesens seien. Er schützte das Volk vor den Bedrückungen des Adels und suchte die Leuchte des Wissens für seine Magyaren dort, wo sie eben damals einzig zu finden war, in den Resten des classischen Alterthums.

Sein Erzieher und Rathgeber, Johann von Vitèz, Bischof von Großwardein, war in Rom gebildet worden; mit dessen Hülfe, wahrscheinlich auch auf dessen Anregung, gründete Matthias in Ofen eine Akademie nach den Vorbildern der Universitäten von Florenz und Bologna. Johannes von Pannonien, eigentlich Joannes Cesinge genannt, ein Neffe obgedachten Bischofs und selbst Bischof von Fünfkirchen, ein genialer Geist, dessen Poesien der gelehrte Beatus Rhenanus mit den besten Werken der Alten verglich, wurde der oberste Leiter jener Hochschule, die, obwohl ihr Mitbegründer die erste ungarische Grammatik schrieb, doch eigentlich keine magyarische genannt werden konnte, da ausschließlich in lateinischer Sprache vorgetragen wurde und diese von da an, überhaupt im ganzen Lande, zur Hof- und Gerichtssprache erhoben wurde (und es bis zum Jahre 1848 geblieben ist).

Um diesem neugegründeten Culturherde die nöthige Lebenskraft und Leistungsfähigkeit zu geben, thaten zwei Dinge Noth, tüchtige Lehrkräfte und eine gediegene Bibliothek.

Um der ersten Anforderung Genüge zu thun, beriefen Vitèz und Johannes von Pannonien die besten Gelehrten des Auslandes, die für Geld und gute Worte zu bekommen waren.

Und bald strömten aus allen Theilen Ungarns und selbst vom Auslande her zahlreiche Wissensbegierige nach der jungen Pflanzstätte der Wissenschaften. Nun wurden im Königsschlosse zwei große hochgewölbte Säle zur Bibliothek hergerichtet, die Decken von italienischen Meistern kunstvoll bemalt, die Büchergestelle vergoldet und mit reichgestickten, seidenen Vorhängen versehen, auch allerlei kostbare Zierrathen, darunter über dreihundert Statuen und Büsten, herrliche Kunstwerke des Alterthums, in den Zwischenräumen angebracht, aber um die Büchersammlung selbst anzuschaffen, dazu bedurfte es Anstrengungen, von denen wir heutzutage keinen Begriff haben.

Die asiatischen Barbarenhorden hatten den letzten Hort der alten Cultur, das oströmische Reich, vernichtet; aus den stürzenden Trümmern von Byzanz flüchteten die entsetzten Griechen nach dem Abendlande und retteten sich und einen Theil ihrer Literatur- und Kunstschätze nach Italien, dessen kunstsinnige Fürsten sie gastfreundlich aufnahmen und den hohen Werth der mitgebrachten Gaben freigebig lohnten. Um sie sammelte sich so das Geistesleben des 15. Jahrhunderts. Gutenberg's weltbewegende Erfindung ging damals noch in den Kinderschuhen; die ersten mühseligen Anfänge ließen ihre mögliche Entwickelung nicht ahnen. Wer ein zweites Exemplar eines Werkes haben wollte, mußte es sich abschreiben lassen. Auch Matthias Corvinus griff zu dem damals allgemein üblichen Mittel.

Die Zahl der erworbenen Druckwerke und Originalen war nur gering; er besoldete daher dreißig, nach Andern dreihundert Schreiber, die jahrein, jahraus in den verschiedenen Städten Italiens und Deutschlands, besonders aber in Rom und Florenz, den Sammelplätzen der byzantinischen Flüchtlinge, kunstvolle Abschriften der alten Dichter und Philosophen, sowie der christlichen Kirchenväter und Lehrer verfertigten. In Ofen selbst saßen vier hochgelehrte, in den Sprachen des Alterthums wohlerfahrene Männer, deren Amt es war, die eingesandten Arbeiten durchzusehen und etwaige Fehler zu verbessern. Diese schon revidirten Bücher wurden noch dem Felix von Ragusa, einem großen Gelehrten, der des Lateinischen, Griechischen, Hebräischen und Arabischen völlig mächtig war, übergeben. Er legte die letzte kritische Sonde und Feile daran, und erst das so vollendete Werk wurde der Bibliothek einverleibt. So soll die köstliche Büchersammlung nach und nach auf fünfundfünfzigtausend Bände angewachsen sein, deren Geldwerth ebenso wie ihr geistiger Werth unschätzbar war, da König Matthias während seiner Regierungszeit jährlich über dreiunddreißigtausend Goldgulden dafür verausgabte.

Mit des großen Corvinus' Tode verfielen seine großartigen und wohlthätigen Schöpfungen. Schon sein Nachfolger, der polnische Wladislaus, ein roher und gewaltthätiger Mann, der ebensowenig Liebe für die Wissenschaften, wie für Ungarn hatte, verschleuderte viele der kostspielig und mühsam errungenen Handschriften. Unter der Regierung seines unmündigen Sohnes gerieth wieder ein großer Theil derselben in Verlust; dann kam die Türkenbelagerung, infolge deren die Königsburg niederbrannte, und was noch aus den Flammen gerettet wurde, mehrere hundert Bände, befahl der Großvezier Ibrahim (1526), ein gebildeter griechischer Renegat, in Schiffe zu packen und als Siegestrophäe sammt dem Thronsessel Matthias' und andern Kunstschätzen, dem Sultan nach Constantinopel zu bringen.

Dort wurden die „Corvina“, wahrscheinlich mehr ihrer Malereien und kostbaren Einbände, als des unverstandenen Inhalts wegen, in jenes Gebäude niedergelegt, in welchem die kostbarsten Reliquien des Islams, Bart, Zähne, Schwert und Mantel des Propheten, aufbewahrt wurden.

Dieser geheiligte Ort war für alle Giaurs unzugänglich, und so erhielt sich die Kunde von dem Bücherschatze in Stambul nur sagenhaft durch türkische Chronikenschreiber und christliche Tradition aufrecht. In den letzten hundert Jahren, als die fanatische [384] Christenverachtung sich gemildert und der Orient dem Abendlande manche Concession gemacht hatte, wurde es auch den Nichttürken erlaubt, gewisse Säle der großherrlichen Bibliothek zu betreten und von den dort angesammelten Schätzen altorientalischen Wissens Kenntniß zu nehmen. So wurden einzelne Bände aus jener berühmten Handschriftensammlung wirklich gesehen und die Sage durch den Augenschein beglaubigte Thatsache.

Freilich war damit der lebenden magyarischen Generation wenig geholfen. Man hat Etwas noch nicht, wenn man weiß, wo es ist; auch war die zweite bange Frage: was wurde in jener Wirrniß gerettet? Vielleicht ging das Werthvollste zu Grunde, und das am wenigsten Würdige entging der Vernichtung. Da die meisten jener Codices nur Abschriften waren, deren Originale in Rom etc. sich erhalten haben, so war nur ein heimisches Werk von besonders unersetzlichem Werthe für die ungarische Nation, die magyarische Grammatik des Janus Pannonius, und das aus folgenden Gründen.

Als König Matthias in wohlmeinender Absicht das energische Mittel ergriff, durch Octroyirung der lateinischen Sprache seine rauhen Pannonier mit einem Schlage unter die Culturvölker zu versetzen, hatte er dadurch seiner Muttersprache den Stempel der Niedrigkeit und Verachtung aufgedrückt. Die ausländischen Regenten, die nach ihm folgten, verstärkten diese Acht, da sie neben, oder später statt der lateinischen, ihre eigene Sprache zur herrschenden in Ungarn machen wollten. Ja, es war bis zur Mitte dieses Jahrhunderts gar nicht selten, daß ein Magnat lateinisch, deutsch und französisch geläufig handhabte, aber seine Landessprache nicht kannte. Natürlich kümmerten sich auch die Gelehrten nicht um dieselbe, und es war kein Grund vorhanden, sie weiter auszubilden; die Bauern von Debreczin, die, wie in Deutschland die Hannoveraner, den Ruhm genießen, die reinste Aussprache zu bewahren, fanden in dem überlieferten Sprachschatze Worte genug, ihre Begriffe auszudrücken. Während sich also die westeuropäischen Sprachen, die deutsche voran, in den letzten dreihundert Jahren zu hoher Vollendung ausbildeten, lag die magyarische in einen wahren Dornröschenschlaf versunken, um den der in der finnisch-tatarischen Abstammung begründete Sprachbau noch einen natürlichen Dornenzaun jedem Eindringling arischer Abstammung entgegensetzte.

Erst die Aufruhrsposaune des Jahres 1848 hat die langverkümmerte ungarische Sprache wieder aus dem Todesschlafe geweckt, und die verhältnißmäßig wenigen Jahre genügten, um den Magyaren eine Sprache zu geben, die an Reichhaltigkeit den modernen Weltsprachen gleichkommt, ja, die auf ihre Macht schon so eifersüchtig ist, daß sie gar keine fremden Atome neben sich duldet und die allgemein angenommenen technischen Ausdrücke im öffentlichen Verkehre, die Details des Eisenbahnwesens, der Telegraphie, der Schifffahrt, der Industrie, der Ingenieur- und Kriegskunst u. dgl. m. in ureigene Benennungen übersetzt hat.

Wie viel tüchtige Beamte haben um dieser Marotte willen ihren Dienst verloren – wie viel Mißverständnisse mag dieses überhastete, leidenschaftliche Treiben hervorgerufen haben! Ja, es geschieht häufig, daß ein alter, ehrlicher Ungar einen Erlaß oder eine Zustellung vom hohen Gerichtshofe gar nicht versteht, oder ein neumodisches Wörterbuch zu Hülfe nehmen muß, um einen hochtönenden Leitartikel zu entziffern.

Mitten in dieses fieberhafte Drängen nach eigener Sprache und Literatur, die schon ganz Respectables hervorgebracht hat und weitberühmte Namen wie Petöfi, Vörösmarty, Jokai aufweist, fiel zündend die Nachricht von der liebenswürdigen Absicht des Sultans, einen Theil der in Stambul befindlichen corvinischen Bibliothek nach Ofen zurückzusenden.

Jetzt endlich wird man, auf historische Documente gestützt, bestimmen können, auf welcher Höhe die magyarische Bildung zur Zeit ihrer Blüthe stand. Die ganze Nation gerieth in einen Rausch des Entzückens über die zu erwartende nationale Reliquie.

Oberstlieutenant Tahsin Bey, ein Adjutant Sultan Abdul Hamid’s, sollte das Geschenk officiell nach Pest-Ofen bringen wie ein Handschreiben desselben an den Rector der Universität besagte; aus politischen Rücksichten fand man es aber unzulässig – die „Corvina“ wurden schon in Wien dem Ministerial-Secretär Lukacs übergeben. Tahsin Bey reiste nach Constantinopel zurück, und nur die Softas, geführt vom Scheik von Jerusalem, folgten der freundschaftlichen Einladung der Pest-Ofener Studenten, einige Tage in der Hauptstadt Ungarns zuzubringen. Am 28. April traf das Geschenk des Sultans in Pest ein. Die Kiste, in welcher es sich befand, wurde vom Eisenbahnwaggon auf einen bereit stehenden offenen Wagen gestellt, durch die Stadt zur Universität geführt und dort in Gegenwart des Rectors und vieler hohen Würdenträger geöffnet. Der Kasten ist aus Eschenholz gefertigt und von innen mit rothem Sammt belegt. Darin befanden sich fünfunddreißig handschriftliche Bände, in rothen und grünen Saffian gebunden, mit dem türkischen und Corvinus' Wappen geziert, doch nur elf davon sind unzweifelhafte Corvina, und die erwarteten und erwünschten Werke des Janus Pannonius sind nicht darunter. So hat die Gabe wohl großen bibliographischen Werth, aber nicht die für die Wissenschaft und speciell für die ungarische Sprach- und Geschichtsforschung gehoffte Bedeutung.

Trotzdem wurden großartige Vorbereitungen zum Empfange der Softas getroffen die am 29. April eintreffen sollten. Schon um 10 Uhr Vormittags waren die Deputationen der verschiedenen Körperschaften aus der Hauptstadt und den Provinzen, die Sendboten der Akademien, die Bürger und Bauern-Banderien (Berittene im Nationalcostüme) mit türkischen Cocarden an den Kopfbedeckungen auf dem Sammelpunkte erschienen, und der feierliche Zug setzte sich gegen den Bahnhof in Bewegung. Die Straßen, durch welche der Zug sich bewegte, hatten festlichen Schmuck angelegt. Als das Signal der Ankunft ertönte, durchbrausten stürmische Eljen- und Jassaschinrufe die Halle. Die angekommenen Gäste wurden von den Nächststehenden umarmt und von dem Studenten Tanko[WS 1] in türkischer Sprache als „Brüder“ bewillkommnet. Als der Scheik in derselben Weise erwiderte, erreichte der Jubel des Volkes den Höhepunkt.

Dies die in wenige Worte zusammengefaßte Beschreibung der Empfangsfeierlichkeiten. Nachdem das Füllhorn der Gastfreundschaft bis zur Neige geleert worden, schieden die Muselmänner gerührt am 2. Mai von ihren neuen Freunden.

So haben noch die letzten Funken jenes interessanten Culturherdes des Mittelalters Segen gestiftet, jenen Segen, den die fortschreitende Civilisation überhaupt im Gefolge hat, geläuterte Erkenntniß und dadurch gegenseitige Werthschätzung und Verbrüderung feindlicher Nationen.
A. Forstenheim.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Tankoo