Zwei gute Stiefmütter

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Autor: G.
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Titel: Zwei gute Stiefmütter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 432
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
siehe auch: Ein Pendant zu „Zwei gute Stiefmütter“ in der Gartenlaube Nr. 27
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[432] Zwei gute Stiefmütter. Vor etwa zwei Jahren lud mich ein Kohlenhändler ein, in seinem Kohlenhofe eine Naturmerkwürdigkeit zu sehen. Er führte mich in einen Schuppen, in welchem ein Pinscherhund ein Wochenbett hielt. Von seinen zwei Jungen war das eine von derselben Race wie die Mutter, das andere war zu meinem Staunen eine dunkel gestreifte junge Katze von gleicher Größe. Der Besitzer erklärte mir nun dieses eigenthümliche Familienverhältniß in folgender Weise.

Weil er die sämmtlichen jungen Hunde nicht aufziehen mochte, hatte er sie bis auf einen ersäufen lassen. Zufällig fanden seine Leute am folgenden Tage unter einem Holzstoß ein junges Kätzchen, welches kaum die Augen geöffnet und sich wahrscheinlich aus der Nachbarschaft dahin verlaufen hatte. Da das Thierchen schön war und noch viel zu jung, um allein fressen zu können, kam man auf den Gedanken, seine Ernährung dem Hunde zu übertragen, der sich auch sogleich willig der neuen Mutterpflicht unterzog. Es war ein eigenthümlicher Anblick, den Hund zu sehen, wie er beide so verschiedene Junge mit gleicher Liebe säugte und mit der einen Vorderpfote das saugende Kätzchen zärtlich an sich drückte, während es behaglich schnurrte. Auf weiteres Befragen erfuhr ich, daß der Hund von Jugend auf an die Gesellschaft von Katzen gewohnt war. Wahrscheinlich belästigte ihn schon das Uebermaß der Milch, als ihm das Kätzchen gebracht wurde, denn daran, daß er dasselbe wirklich für eines seiner verlorenen Jungen gehalten haben sollte, ist bei der bekannten Klugheit der Hunde doch wohl nicht zu denken. Die Erziehung des Kätzchens ging ohne Störung vor sich, und zwischen demselben und seiner Stiefmutter bildete sich ein dauerndes zärtliches Verhältniß.

Ein Freund, dem ich diese Beobachtung mittheilte, erinnerte sich eines ähnlichen Falles, wo aber eine Katze zwei Feldhasen erzogen hatte, und zog auf meinen Wunsch über diesen noch ungleich interessanteren Fall bei den betreffenden Personen genaue Erkundigungen ein, deren Ergebniß ich hier mittheile.

In dem etwa eine Wegstunde von Mainz entfernten Dorfe Gonsenheim, das in der neuern Zeit durch Gemüsebau wohlhabend geworden ist, hatte im Jahre 1796 ein Knabe, mit Namen Veit Becker, auf dem Felde zwei ganz junge Häschen gefangen und brachte vergnügt seine Beute nach Hause. Dem Knaben schien nichts leichter, als die Häschen mit Milch aufzuziehen, aber alle Versuche, sie zum Trinken zu bewegen, waren ohne Erfolg. Da verfiel der alte Becker auf den glücklichen Gedanken, der Katze, welcher man einige Tage früher ihre sämmtlichen Jungen genommen hatte, die Häschen zur Pflege anzuvertrauen. Der Versuch gelang über Erwartung: die Katze, obgleich die geborne Feindin aller Nagethiere, adoptirte die beiden Findlinge und nährte und pflegte sie bis zu ihrer Großjährigkeit mit der treuesten mütterlichen Sorgfalt. Auch hier dürfte die Stiefmutter wohl zunächst durch die schmerzhafte Ueberfüllung ihrer Milchdrüsen dazu veranlaßt worden sein, an den ihr völlig fremden Jungen Mutterpflichten zu üben, denn wir wissen, daß unter anderen Verhältnissen die Katzen im Felde den jungen Hasen eifrig nachstellen. Bei der großen Verschiedenheit in der Lebensweise der Mutter und ihrer Adoptivkinder konnte es nicht an eigenthümlichen Familienscenen fehlen, die der Katze fortwährend große Verlegenheit bereiteten. Die entarteten Kinder wollten sich durchaus nicht dazu entschließen, Fleisch zu fressen, eine von der Mutter heimgebrachte Maus wurde von den jungen Hasen mit der größten Gleichgültigkeit behandelt, sie zeigten nicht das geringste Talent zur Jagd, dagegen eine Lust, ihre Mägen fortwährend mit Klee, Gemüse und anderer roher Pflanzenkost anzufüllen, die der besorgten Mutter oft ein wahres Entsetzen erregte.

Da die Häschen frei im Hause umher liefen und bisher noch keinen Versuch gemacht hatten, zu entfliehen, glaubte der junge Veit ihnen auch einmal einen Vorgeschmack der Freiheit geben zu müssen, die damals ohnehin als neuester Modeartikel von Frankreich aus bei uns eingeführt worden war. Der Vorsicht wegen band er sie jedoch an einen Bindfaden und führte sie so in das Feld. Dort gefiel es den Hasen so gut, daß sie sich losrissen und alle Bemühungen des Knaben, sie wieder einzufangen, glücklich vereitelten. Doch der kleine Veit wußte sich zu helfen, er eilte nach Hause, packte schnell seine Katze auf und trug sie auf das Feld, wo ihre entflohenen Kinder noch im Genusse der neu errungenen Freiheit sich fröhlich auf einem Kleeacker herumtummelten. – Kaum hatte die Katze ihre Stiefkinder erblickt, so ließ sie ihre lockende Stimme erschallen, und siehe da, auf der Stelle sprangen die Häschen herbei und folgten munter spielend ihrer Stiefmutter nach Hause, zum Staunen Alter, die diesen sonderbaren Aufzug erblickten.

Von nun an wurden die Hasen jedoch sorgfältig verwahrt und erlangten bei gutem Futter bald eine solche Körperfülle, daß es der alte Becker gerathen fand, sie zu schlachten und in Mainz auf den Markt zu bringen, wo seit der Herrschaft der französischen Volksbeglücker die Hasen, und in deren Ermangelung auch die Katzen, bereits ein theuerer Tafelluxus geworden waren.

G.